Hinter der Klosterpforte

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Titel: Hinter der Klosterpforte
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aus: Die Gartenlaube, Heft 5, 6, S. 72–74, 92, 94–95
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Hinter der Klosterpforte.

Zu den grauenvollen Enthüllungen aus dem Klosterleben, die in den letzten Wochen und Monaten die Gemüther mit Recht so sehr in Aufregung versetzt und, wäre dies überhaupt noch nöthig gewesen, von Neuem unwiderleglich dargethan haben, wie zwingend es geboten ist, die endliche Beseitigung eines Instituts zu fordern, welches nicht nur mit dem Geiste der Zeit, sondern auch mit dem bürgerlichen Gesetze, mit Staat und Gesellschaft in directem Widerspruche steht und, jeder öffentlichen Controle entzogen, physisch und geistig den unheilvollsten Einfluß ausübt – zu diesen sehr wider den Willen der betheiligten Anstalten und Persönlichkeiten dem Publicum gewordenen Enthüllungen kommen jetzt die eigenen Bekenntnisse einer Nonne selbst. Sie lassen uns einen Blick hinter die Coulissen der Clausur thun, wie dies dem Laien nur selten vergönnt ist, indem sie uns in ein französisches Frauenkloster führen und ohne jedweden Anspruch auf literarische Kunst und schriftstellerische „Mache“, aber mit einer aus jeder Zeile sprechenden Wahrheit das innere Getriebe eines solchen Convents bloß legen und wiederum bezeugen, wie der Clerus, oder sagen wir lieber die Jesuiten, vor keinem Mittel zurückbeben, ihre Macht über die Geister der Menschen zu erweitern und die irdischen Besitzthümer derselben ihrem „unersättlichen Magen“ einzuverleiben. Im Augenblicke, wo die Jünger Loyola’s durch ihr gefügiges Werkzeug, den altersschwachen Papst, die Stirn haben, der gesammten modernen Bildung den Vernichtungskrieg zu erklären, gewinnen die Aufzeichnungen unserer Nonne, obschon harmloserer Art als jene obengedachten unfreiwilligen Enthüllungen, als warnendes Beispiel und Weckruf noch erhöhtes Interesse.

Schwester X. – ihren wahren Klosternamen verschweigt die Verfasserin in ihrem Buche – war die Tochter eines pensionirten französischen Officiers in St. Marceau, einer ansehnlichen Marktstadt der Provinz Orleans. Schon zeitig, noch nicht neunzehn Jahre alt, verlobte sie sich mit einem jungen elsässischen Lieutenant, welcher durch seine ungewöhnliche Tüchtigkeit auf eine glänzende Carrière Aussicht hatte. Der Bräutigam war Protestant, aber sowohl die Eltern des Mädchens, als der Beichtvater und Freund der Familie, ein würdiger Priester aus der toleranten alten Schule, sahen darin kein Hinderniß für die Verbindung der beiden jungen Leute. In einigen Monaten, sobald die Mutter für die nothwendigste Ausstattung gesorgt hatte, sollte die Hochzeit des Paares stattfinden. Da wurde der Lieutenant plötzlich nach Algier versetzt und zu gleicher Zeit starb der gute alte Pfarrer.

Diese beiden Umstände sollten verhängnißvoll werden. Der neue Pfarrer war sehr anders geartet als der heimgegangene; ein junger Mann, gehörte er nicht zu der freisinnigen, aufgeklärten Richtung seines Vorgängers, sondern zeigte sich als Jesuitenzögling – „zur größeren Ehre Gottes“ dem finstersten Zelotismus ergeben. Natürlich wurde Abbé Desherbiers – so hieß der glaubenseifrige Priester – der Beichtvater des jungen Mädchens, und es währte nicht lange, da hatte er dessen Seele völlig in seiner Gewalt. Er wußte in der Armen jedes Gefühl von kindlicher Liebe zu ersticken, machte ihr Herz ihrem Verlobten abwendig und redete ihr ein, ihre Eltern hätten das wahre Interesse der Tochter ihren eigenen Capricen aufgeopfert. Bald genug hatte er es dahin gebracht, daß sein Beichtkind, mit sich und der Welt zerfallen, an nichts mehr Theil nahm oder Freude empfand und in tiefen Trübsinn verfiel.

Einmal in solche Verfassung gebracht, hat ein schwärmerisches junges Gemüth nicht mehr weit bis zu dem Wunsche, in ein Kloster zu gehen. Der kurze Schritt war bald gethan. Das Mädchen hatte noch keinen Begriff, wie eigentlich ein Kloster beschaffen war, und der würdige Diener Gottes sorgte dafür, daß die nachmalige Schwester X. ein solches Frauenstift besuchen konnte, ohne daß die Eltern darum wußten.

Im Kloster wurde sie schon erwartet; die Nonnen spielten ihre Rollen mit vollendeter Meisterschaft. Nichts als Glückseligkeit begegnete ihrem Auge; ihr Ohr vernahm nichts als englische Segensworte; jedwedes Antlitz strahlte von Holdseligkeit und Befriedigung. In Folge dieses Besuchs und der immer kühner strömenden Beredsamkeit des Abbés wurde die Phantasie der Unglücklichen vollends verwirrt, und sie entschloß sich, alle Glieder zu zerbrechen, welche sie noch an die Welt ketteten. Trotzdem fürchtete sie die Heftigkeit ihres Vaters und ihrer Mutter kühlen, doch festen Widerstand. Zunächst hielten Beide ihren Vorsatz nicht für ernstlich gemeint, als sie aber darauf bestand und davon sprach, ihrem Bräutigam den Verlobungsring zurücksenden zu wollen, verbot ihr Vater dem Pfarrer ohne weiteres das Haus.

Dieser hatte indeß andere Mittel und Wege, die Verbindung mit dem junger Mädchen zu unterhalten. Durch eine Dame seiner Bekanntschaft, eine Art von Abenteurerin, die erst mit ihm zugleich in St. Marceau aufgetaucht war und deren Vergangenheit hier Niemand kannte, ward eine lebhafte Correspondenz zwischen dem Abbé und seinem Beichtkinde in’s Werk gerichtet. Der Pfarrer überzeugte die junge Dame, daß sie „unter einem entsetzlichen Drucke lebe“, „das Opfer der Tyrannei“ sei, rieth ihr jedoch, vor der Hand allen Streit mit ihren Eltern zu vermeiden und ruhig zu warten, bis der Tag ihrer Mündigkeit herankäme.

Am 11. September 185* erschien dieser Tag. Halb wahnsinnig vor Aufregung und durch die ihr vom Pfarrer gesandten perfiden Rathschläge, konnte Fräulein Soubeyran – das war der weltliche Name des jungen Mädchens – kaum erwarten, bis sich eine Gelegenheit darbot, das Joch abzuwerfen. Weil es unmöglich schien, die Erlaubniß ihrer Eltern zu dem beabsichtigten Schritte zu erlangen, drängte sie der Abbé, das väterliche Haus heimlich zu verlassen, und suchte ihr die schwere That durch die Vorstellung zu erleichtern, daß sie ja nachträglich die Verzeihung der Ihrigen erbitten könne. Er habe erfahren, schrieb er weiter, daß am zweiten November ihr Vater eine Geschäftsreise antreten werde und die Anordnung getroffen, daß eine seiner Vertrauten, eine Madame R., bei Einbruch der Nacht, eine halbe Stunde von der Stadt mit einem Wagen auf sie warten solle.

„Wie mir dieser fürchterliche Tag verstrich, bin ich zu erzählen außer Stande,“ berichtet Schwester X. in ihrem Buche. „Von den widersprechendsten Gedanken und Gefühlen bewegt, schrak ich vor einem Schritte zurück, welchen ich vielleicht nachher bitter zu bereuen haben würde, und wünschte beinahe, daß ein von meinem eigenen Willen unabhängiges Ereigniß eintreten möchte, um mich an der Ausführung meines Vorhabens zu hindern. Auf alles Andere kann ich mich nur noch dunkel und verworren besinnen. Ich weiß blos noch, daß ich ein paar Zeilen an meine Mutter zusammenkritzelte, daß ich durch die Gartenthür mich entfernte und den kleinen Fußpfad hinablief, welcher nach der Loire führt. Hier fand ich die Person schon meiner harrend, welche es unternahm, die Mitschuldige meines unkindlichen Schrittes zu werden. Ohne daß Eines von uns Beiden ein Wort sprach, folgte ich ihr nach dem Wagen. Sobald wir indeß darin saßen, umarmte mich Madame R. unter vielen Betheuerungen ihrer Liebe und Bewunderung; ich war eine neue heilige Elisabeth und was weiß ich jetzt noch für eine sonstige Heilige. Gott würde mich segnen, daß ich ihn jeder irdischen Neigung vorgezogen und vor Allem mich geweigert habe, einen Protestanten zu heirathen etc. etc. Sie floß über von hochklingenden Phrasen; ich hatte weder Lust noch Kraft, etwas zu erwidern. Die Natur forderte ihr Recht: ich brach in Thränen aus.“

Madame R. führte die Entlaufene nach dem Kloster, in welchem diese schon einen Besuch gemacht hatte. Die Mutter Oberin, Madame Blandine, und zwei andere Nonnen empfingen sie. Sie umarmten sie warm und geleiteten sie zuerst nach der Capelle und hierauf nach der für sie in Bereitschaft gesetzten Wohnung. Abbé Desherbiers, der das heftige Temperament ihres Vaters kannte, hatte ihr ausdrücklich verboten, irgend etwas mitzunehmen, um der Eventualität zu entgehen, der Entwendung fremden Eigenthums beschuldigt zu werden. So hatte sie denn nichts bei sich, als was sie auf dem Leibe trug. Alles dies war vorgesehen worden. Auf dem Bette lagen alle die verschiedenen kleineren und größerer Dinge, deren sie bedurfte.

Sobald am anderen Morgen die Frühmesse vorüber war, bis zu deren Beendigung, außer in Fällen absoluter Nothwendigkeit, von den Klosterinsassen kein Wort gesprochen werden darf, umringten sie sämmtliche Nonnen und überhäuften sie mit Liebkosungen und übertriebenen Lobsprüchen. Eine derselben, eine stattliche und höchst liebenswürdige junge Arlesianerin, mit dem Klosternamen Claudia, nahm sie völlig unter ihre Obhut. Sie hatte den Befehl erhalten, ihr die Pensionsanstalt, die Gärten und die Schule für arme [73] Kinder – was Alles die Klostermauern umschlossen zu zeigen, um ihr von vornherein den günstigsten Eindruck von dem Etablissement beizubringen.

Nach dem Mittagsmahle kam die Zeit der Erholung. Dabei ging es ganz lustig, ja laut und lärmend zu. Die Nonnen ergötzten sich wie Schulmädchen. Ein paar ältliche Schwestern sonnten sich, in Gesellschaft der Oberin, in einem gegen den Wind geschützten warmen Winkel; die Anderen sprangen und schrieen ohne jeglichen Zwang und Rückhalt umher.

Der Erholung folgte abermals tiefstes Schweigen. Die künftige Nonne wurde nun von Madame Blandine dem Beichtvater des Klosters, Pater Gabriel, vorgestellt, der ein strenges Verhör mit ihr vornahm. Sie erzählte ihm ihre Geschichte: wie sie einen Protestanten habe heirathen sollen; berichtete von den Verfolgungen, die sie, ihrer Einbildung nach, habe ausstehen müssen, von dem wunderbaren Wege, auf welchem sie von Gott erleuchtet worden sei, und wie sie keinen andern Wunsch mehr hege, als sich ihm gänzlich widmen zu dürfen.

Vater Gabriel scheint ein vernünftiger und keineswegs bigotter Mann gewesen zu sein. Unverhohlen erklärte er der Oberin, zu deren größtem Mißvergnügen, daß er von dem „Berufe“ des jungen Mädchens keineswegs so fest überzeugt sei wie sie, vielmehr rathe, Fräulein Soubeyran unverweilt zu ihren Eltern heimzusenden Kaum aber war der Pater gegangen, so beeilte sich Madame Blandine, dem jungen Mädchen zu sagen, der Pater wäre zwar ein guter frommer Mann, aber bereits etwas altersschwach, und man dürfe auf sein Geschwätz keinen Werth legen. Sie hätte an seiner Statt gern einen jüngeren und tüchtigeren Beichtvater, allein man könne den Alten nicht wohl beseitigen, da er ein ansehnliches Vermögen besitze und nicht nur die neue Kirche, sondern das halbe Kloster überhaupt aus seinen eigenen Mitteln gebaut habe. Wenn sie mit ihm in Conflict käme, so würde er am Ende sein Vermögen seinen Neffen hinterlassen und so die berechtigten Erwartungen des Klosters täuschen. Deshalb müsse man die Launen des kindischen Greises eben ertragen etc.

Hierauf umarmte Madame Blandine das junge Mädchen von Neuem und legte ihr an’s Herz, zu beten und sich vor Gott zu demüthigen, auch jeden Act des klösterlichen Lebens auf das Gewissenhafteste zu vollbringen. Dann nahm sie aus ihrem Bureau das Brouillon eines Briefes, eine Art von Circular, das jedenfalls alle neuen Postulantinnen an ihre Eltern zu schicken hatten. Das Schreiben war ein wahres Muster conventioneller Kälte. „Wie gefühllos ich auch war,“ sagte Schwester X., „der Brief empörte mich im höchsten Grade; ich bat daher um die Erlaubniß – und empfing sie auch – gewisse Ausdrücke etwas modificiren zu dürfen.“

Ob dieser Brief wirklich abgesandt wurde oder ruhig in den Händen der Superiorin verblieb, das hat Schwester X. nie in Erfahrung bringen können. Eine Woche, vierzehn Tage, ein Monat vergingen, und – keine Antwort kam. Sie begann ängstlich zu werden, und schon dämmerte eine Ahnung in ihr auf, daß der ersten Begeisterung bald genug Reue und Sorgen folgen würden. Nach den Ordensregeln durfte sie nicht fragen, ob eine Erwiderung auf ihr Schreiben eingetroffen sei. Die Oberin sagte ihr aber dann und wann: „Das hat nichts auf sich, meine liebe Tochter. Nimm diese erste Probe ruhig auf Dich. Bete, bete ohne Unterlaß. Wenn Deine Eltern Dich verlassen, so hast Du ja immer den gütigen Gott zu Deinem Vater, die heilige Jungfrau zu Deiner Mutter, und den lieben Herrn Jesus zu Deinem Bräutigam. Das Schweigen Deiner Angehörigen ist gewissermaßen eine Zustimmung zu dem Schritte, den Du gethan hast.“

Dann erkundigte sich die Oberin auf das Umständlichste nach den Vermögensverhältnissen der Eltern. Hinsichtlich dieses wichtigen Punktes wußte das junge Mädchen indeß nur sehr dürftigen Aufschluß zu ertheilen. Ob die Eltern außer Haus und Garten noch anderweitiges Vermögen besaßen, konnte es nicht angeben; wie es glaubte, hätten sie Verluste gehabt, und die kleine Rente, welche sie jetzt noch bezögen, rührte, ihres Wissens, hauptsächlich von der Mutter her.

Madame Blandine hörte mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

„So weit wäre es gut,“ erwiderte sie. „Jetzt aber rede offen mit mir. Du mußt den Charakter Deiner Eltern kennen: hältst Du sie für fähig, Dich zu enterben?“

„Das weiß ich nicht,“ lautete die Antwort. „Mein Vater ist sehr hitzig, doch schwach. Meine Mutter ist auf die Klöster nicht gut zu sprechen und hat immer Diejenigen streng getadelt, welche jenen ihr Vermögen vermachen. Uebrigens ist sie weit entschiedener als mein Vater und von einer einmal gefaßten Meinung so leicht nicht abzubringen.“

„Du mußt noch einmal schreiben, meine Tochter. Wie viel ist Euer Haus nebst Garten wohl werth?“

„Ich habe einmal gehört, daß das Grundstück auf zwanzigtausend Franken geschätzt wird.“

„Zwanzigtausend Franken! Wie viel Gutes könnte mit solch’ einer Summe gethan werden. – Wie schade, daß Deine Eltern kein Verständniß besitzen für Dein Glück und die Heiligkeit Deines Berufes! Warum opfern sie dies Geld nicht dem Ruhme Gottes, warum wollen sie Dich lieber für eine weltliche Ehe aussteuern? Aber wir dürfen uns nicht einbilden, daß sie Dir auch nur einen Heller geben werden, wenigstens jetzt nicht. Ist das Deine Ansicht nicht auch, mein armes gutes Kind?“

„Sie sehen ja, meine Mutter, sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt.“

„Du wirst mit der Zeit schon eine Antwort erhalten, meine Tochter. Bete zu Jesus und seiner heiligen und allmächtigen Mutter so inbrünstig, daß sie Dir Deine Bitte gewähren. Also Muth, mein Kind! Gott hat Dir einen schönen Beruf zuertheilt, welcher Dir nicht wieder genommen werden wird.“

Eines Tages sandte die Oberin während der Erholungszeit nach Schwester X. Sie hatte, so sagte sie, soeben einen Brief empfangen von einem Pfarrer aus der Nachbarschaft von St. Marceau, der jedoch seinen Namen nicht wissen lassen wollte. Das junge Mädchen wollte den Brief nehmen, welchen die Oberin in der Hand hatte. Anfangs lächelte diese, dann aber umkleidete sie sich mit aller ihrer Autorität.

„Wie weltlich Du noch bist, mein armes Kind! Was für eine Hast! Welche Neugierde! Geh’ wieder zu Deiner Erholung. Heut’ Abend sollst Du erfahren, was der Brief enthält.“

„Sagen Sie mir wenigstens, ma mère, wie es in St. Marceau geht. Ist mein Vater gesund oder krank? Und was macht meine Mutter?“

„Ruhig, meine Tochter, ruhig. Alles geht besser, als Du denkst. Frage mich jetzt nicht weiter. Gehe auf der Stelle wieder in den Garten. Ich wünsche, Deine weltlichen Gelüste, insonderheit Deine Neugierde etwas zu züchtigen.“

Gekränkt von dieser Rüge, der ersten, die ihr noch zu Theil geworden war, zog sich Schwester X. zurück. Bis dahin war Alles eitel Zucker und Honig gewesen. Nach dem Abendbrode erwartete sie von Minute zu Minute, daß die Oberin nach ihr schicken werde, doch vergeblich. Erst nach der nächtlichen Andacht ward sie zu ihr beschieden. Madame Blandine empfing sie freundlich und gab ihr den Brief zu lesen. Die Handschrift desselben war dem jungen Mädchen völlig unbekannt, schien ihm indeß eher von einer Frau als von einem Manne herzurühren. Am Kopfe des Blattes stand das bekannte Jesuitenzeichen: A. M. D. G., d. h. Ad Majorem Dei Gloriam (zur größern Ehre Gottes) und die Oberin war als „sehr theuere Schwester in Jesu Christo“ angeredet. Die Geschichte, begann das Schreiben, habe nicht das Aufsehen gemacht, welches man erwartet; denn Herr und Frau Soubeyran hätten sich früher oder später eines solchen Schrittes von ihrer Tochter versehen. Wohl seien sie für den Augenblick etwas bestürzt und außer sich gewesen, und der Vater habe erklärt, er werde auch keinen Sou zu einer etwaigen Klosterausstattung hergeben. Jetzt aber scheine sich ihre Aufregung bereits ziemlich wieder beschwichtigt zu haben, denn sie seien eben auf einer längeren Vergnügungsreise durch die Gascogne unterwegs, und in ein paar Wochen hätten sie sicherlich ihren Aerger gänzlich überwunden.

„Gott im Himmel!“ rief das arme Mädchen tonlos aus, nachdem es den Brief gelesen hatte, „meine Eltern denken nicht mehr an mich. Sie ergötzen sich auf einer Lustreise, ohne mir ein Wort des Abschiedes zu sagen, ohne auch nur ihr Bedauern darüber auszudrücken, daß ich sie verlassen habe!“

„Ach, mein armes Kind,“ versetzte die Oberin mild, „so geht es mit allen irdischen Neigungen, mit allen den Neigungen, die nicht Gott zur Grundlage und zum einzigen Gegenstande haben. Indeß bin auch ich einigermaßen überrascht darüber, daß Deine Eltern sich so schnell ergeben; ich messe dies Deinen inbrünstigen Gebeten und der Neuvaine (der neuntägigen Andacht) zu, welche wir soeben beendigt haben.“

[74] Außer Stande nur eine Sylbe zu erwidern, von den peinlichsten Gedanken und Erwägungen gequält, entfernte sich Schwester X. Zum ersten Male begann sie die Dinge einigermaßen in ihrem wahren Lichte zu sehen, und nicht nur an dem Abbé Desherbiers, sondern auch an der Oberin selbst zu zweifeln.

In der Angst ihres Herzens nahm sie ihre Zuflucht zu dem alten würdigen Geistlichen des Klosters.

„Mein Vater,“ sagte sie, nachdem sie ihm gebeichtet hatte, „erlauben Sie mir, daß ich noch ein paar Worte mit Ihnen sprechen darf. Ich brauche Ihren Rath, denn ich weiß in der That nicht, was ich thun soll. Voller Angst und Unentschlossenheit, fühle ich mich durch und durch unglücklich!“

„Ach!“ erwiderte der Greis. „Schon jetzt?“

Sie vermochte nur durch ein halb ersticktes Schluchzen zu antworten.

„Du weinst, meine liebe Tochter,“ sagte der Pfarrer liebevoll. „Was ist Dir geschehen? Erschließe mir Dein Herz; fürchte Dich nicht, Du kannst ganz offen mit mir reden und darfst meinerseits der nämlichen Aufrichtigkeit versichert sein.“

„Mein Vater,“ sprach sie mit bebender Stimme und immer von neuen Thränen unterbrochen, „meine Eltern haben mir auch nicht ein einziges Mal geschrieben, sie haben eine große Reise angetreten, ohne an mich zu denken, ohne ein Wort, ja selbst ohne ein Wort des Vorwurfs!“

„Darf Dich das überraschen, mein Kind? Hast Du Dein eigenes gedankenloses, unkindliches Benehmen ihnen gegenüber vergessen?“

Schwester X. schluchzte bitterlich.

„Aber, mein guter Vater,“ stammelte sie alsdann, „ich habe sie ja mehrere Male um ihre Verzeihung angefleht.“

„Ich weiß es. Unter dem Dictat Deiner Oberin hast Du einige jener nichtssagenden Briefe geschrieben, die mehr beleidigen, als absolutes Stillschweigen. Hältst Du das für genügend, um die Wunde heilen zu können, welche Du den Herzen liebender Eltern, Denen geschlagen hast, welchen Du, als einziges Kind, in ihrem Alter ein Trost und eine Stütze hättest sein sollen?“

„Sie haben Recht, aber da ich Ihnen mein ganzes Herz und Gewissen öffnen soll, so will ich bekennen, daß auch ich mich sehr gekränkt fühle. Meine Eltern hätten doch Schritte thun sollen, mich zur Rückkehr zu bewegen. Ihr kühles Verhalten zerreißt mir die Brust! Und dann ... dann kann ich auch nicht umhin, auf wunderliche Gedanken, auf einen eigenthümlichen ... Verdacht zu kommen. Ich fange an, mißtrauisch zu werden; ich fürchte, daß entweder meine Briefe von der hochwürdigen Mutter ... gar nicht abgeschickt oder die eingelaufenen Antworten mir vorenthalten worden sind.“

Vater Gabriel schwieg und blieb eine Weile in tiefen Gedanken verloren.

„Komm morgen nach der Messe zu mir. Es ist eine ernste Sache, die reiflich erwogen sein will. Inzwischen ängstige Dich nicht, vertraue auf Gott und vor allen Dingen lasse Dir kein Wort darüber entschlüpfen – gegen Niemanden; merke es wohl: gegen Niemanden. Vergiß nicht, daß es Dein Beichtvater ist, der Dir diesen Rath ertheilt.“

[92] Um jeder Schwierigkeit vorzubeugen, schickte am nächsten Tage der Pfarrer nach Schwester X., er habe mit ihr zu sprechen, ließ er sagen.

„Wenn ich Dich recht verstanden habe,“ nahm er die Unterredung an dem Punkte wieder auf, wo er sie gestern abgebrochen, „so möchtest Du, daß Deine Familie den ersten Schritt zur Versöhnung thäte. Allein das kann nicht sein; sie ist der beleidigte Theil, und Dir kommt es zu, ihre Verzeihung zu erbitten. Willst Du das, so bin ich bereit, Dir dabei zu helfen. Aber Deine Reue muß aufrichtig und vollständig sein; Du mußt rückhaltslos bekennen, daß Du durchaus unrecht gehandelt hast. Bist Du dazu entschlossen?“

„Ich glaube ja, mein Vater; ich beginne einzusehen, daß dies Klosterleben, welches meine Phantasie so sehr bestrickt hatte, seine strengen und fürchterlichen Seiten besitzt, denen ich mich nicht gewachsen fühle. Und, wie ich Ihnen schon gestern sagte, … ich habe selbst zu unserer Oberin das Vertrauen verloren.“

„Gut, meine Tochter; das ist aufrichtig gesprochen. Ich sehe jetzt, daß ich mich nicht geirrt habe, wenn Du mir von Anfang an nicht den Eindruck machtest, als habest Du inneren Beruf zum Klosterleben. Was sollen wir also beschließen? Reuig und demüthig, mit dem festen Vorsatze, Alles aufzubieten, um Deinen Fehltritt wieder gut zu machen, mußt Du in das Elternhaus heimkehren. In diesem Sinne hast Du zu schreiben; ich will ein paar fürbittende Worte unter Deinen Brief setzen und dafür sorgen, daß dieser in Deiner Eltern Hände gelangt, in St. Marceau oder in der Gascogne … wenn sie wirklich dahin gereist sind.“

Das junge Mädchen brach abermals in einen Thränenstrom aus.

„Aber,“ fuhr der Geistliche fort, „keine Silbe von dem, was zwischen uns verabredet worden ist, weder an die Oberin noch an sonst wen im Kloster! Halt! ich vergaß einen wichtigen Punkt. Wie willst Du es möglich machen, unbemerkt zu schreiben? Stehen Dir Feder, Tinte und Papier zur Verfügung?“

„Nichts von alledem, mein Vater. Sie wissen, wir bedürfen zum Schreiben einer speciellen Erlaubniß, und was wir schreiben, hat unvermeidlich die Controle der Oberin zu passiren.“

„Es ist wahr.“

Er überlegte und schien lange zu keiner Entscheidung kommen zu können.

„Trotz alledem,“ sagte er endlich, „kann ich’s nicht über’s Herz bringen, Dich im Stiche zu lassen, mein armes, irregeleitetes Kind; ich kann Dich nicht blind in Dein Verderben hinein rennen lassen. Nimm den Bleistift und dies Blatt Papier; es müßte doch sonderbar sein, wenn Du nicht einen unbelauschten Augenblick finden könntest, um ein paar aus dem Herzen kommende Zeilen zu schreiben. Für das Uebrige will ich schon sorgen. Aber jetzt gehe; eine längere Unterredung möchte Argwohn erwecken. Komm’ übermorgen an meinen Beichtstuhl. Sei verschwiegen und traue Niemandem, sonst kann ich für nichts stehen. Gleich Dir fürchte ich, es sind Intriguen im Spiele.“

Sein Verdacht war nur allzuwohl begründet.

Um zwei Uhr Nachts stand die Oberin, welche den ganzen Tag über in ungewöhnlich guter Stimmung gewesen war, wie ein verhängnißvolles Omen vor dem Bette der Schwester X. und gebot dieser, sich unverweilt zu erheben und anzukleiden. Ein Befehl der „Generalin“ (générale) des Ordens, welcher mit der letzten Post eingelaufen sei, rufe die Schwester sonder Verzug nach Paris.

Die Nonnen in den nebenstehenden Betten schenkten dieser Eröffnung wenig Aufmerksamkeit. Zwar richteten sich einige derselben in die Höhe und starrten umher, doch auf ein Zeichen von der Oberin legten sie sich ruhig wieder hin. Keine wagte ein Wort weder der Theilnahme noch der Neugier. Madame Blandine schien in ausgezeichneter Laune zu sein; auf ihrem bleichen, aber lächelnden Gesicht ließ sich deutlich der Ausdruck einer grausamen Befriedigung erkennen. Wohl hatte Schwester X. die größte Lust, sich wider den Befehl aufzulehnen, – allein früh um vier Uhr war sie bereits auf dem Wege nach Paris.

Im Mutterhause zu Paris trat Schwester X. ihr Noviziat an. Das Klosterregiment versteht sich vortrefflich auf die Bändigung rebellischer Geister und ruht nicht eher, als bis es sie geschmeidig und hämmerbar gemacht hat. Neun Tage völlige Absperrung, neun Tage Demüthigungen und Erniedrigungen, Betrachtungen, Predigten, schwülstige Gespräche und endlose Gebete in einer dunklen Capelle, die so still ist wie das Grab und mit ihrem ewigen Weihrauchsdufte betäubt – das vermag viel. Und nun denke man sich den Eindruck, welchen dies Alles auf das Hirn [94] eines unerfahrenen und von Natur zu Träumereien und religiösen Hallucinationen neigenden Mädchens machen muß! Nimmt man dazu noch die klösterliche Ausmalung künftiger Strafen gegenüber den unsäglichen Wonnen, welche die Gottheit ihren Auserwählten vorbehält, die reinen Freuden des Klosters im Vergleich mit den Abscheulichkeiten einer bösen Welt – und man wird zugeben, das ist mehr als genug, um einen unentschlossenen und schwankenden Willen schließlich zu bestimmen.

Eines Tags erhält Schwester X. die Nachricht vom Tode ihres Vaters; es traf sie wie ein Donnerschlag, um so mehr als aus dem Briefe deutlich hervorging, daß ihr Verhalten dem alten Manne das Herz gebrochen: der Gram um sie hatte ihn getödtet. Sie schrieb sofort an ihre Mutter; betheuerte ihre tiefe Reue und erbot sich, zu ihr zurückzukehren. Madame Soubeyran antwortete kurz und bitter; sie weigerte sich entschieden, die Tochter wieder bei sich aufzunehmen. Eine weitere Entfremdung zwischen Mutter und Kind führten die Advocaten herbei, die im Auftrage des Klosters darauf bestanden, daß Alles, was der Hauptmann an beweglicher Habe hinterlassen, verkauft würde, damit das Mädchen alsbald sein volles Erbtheil bekäme. Erst mehrere Jahre später erfuhr Schwester X. selbst von diesen gehässigen Proceduren. Ihre Mutter hat sie niemals wiedergesehen.

Schwester X. war eine von fünf Novizen, die sämmtlich am nämlichen Tage Profeß ablegten. Während der strengen Absonderung, welche dieser Handlung voranzugehen pflegt, werden sie dringend und unablässig ermahnt, ihre Angehörigen fortan ganz aus ihren Gedanken zu verbannen und jedes Gefühl menschlicher Neigung sich aus dem Herzen zu reißen. Dies Verbot der irdischen Liebe erleidet indeß gelegentlich Modificationen, sobald nämlich das Kloster von den betreffenden Familien Schenkungen und Stiftungen zu erwarten hat; je nach dem Maßstabe derselben wird von der Observanz der Regel entbunden.

Die Nonnengelübde begreifen zwei Perioden. Während der erstern binden sie nur auf fünf Jahre, nachher werden sie lebenslänglich. So lange die erste dieser Perioden dauert, schenkt man den Nonnen, welche Vermögen besitzen, alle mögliche Nachsicht und Berücksichtigung und beugt sich tief vor ihnen, vom Augenblicke an aber, wo das lebenslängliche Gelübde ausgesprochen wird, streicht das Haus Geld und sonstige Habe ein, welche den Nonnen gehört, und alle persönlichen Rücksichten haben ein Ende. Jetzt gilt nur noch der unbedingte Gehorsam ohne Ansehung der Person.

Nach ihrem Profeß ward Schwester X. nach einem Kloster der Auvergne geschickt, dem Mutter Ludivine als Oberin vorstand, welcher es vor Allem darum zu thun war, die äußeren Güter des Klosters zu vermehren. Auf die Art der Mittel und Wege dazu kam es ihr nicht an. So hatte sie unter Anderem neben dem Kloster ein Zufluchtshaus für ältliche Damen etablirt, das heißt für Damen, welche Geld und Gut besaßen, das sie dereinst dem Kloster vermachen konnten. Diese Damen wurden in jeder Weise gehegt und gepflegt, natürlich um so besser und sorgsamer, je größer ihr Vermögen war. Man nahm ihnen jegliche Noth und Beschwerde des Lebens ab, selbst die Mühe ihre Renten in Empfang zu nehmen und ihre Güter zu verwalten. Ueberdies wurde ihnen das Privilegium eines gottseligen Todes verbürgt. Wer möchte gegen ein solches Arrangement etwas einwenden? Kann man denn von seinem Gelde einen weiseren Gebrauch machen, als wenn man sich dadurch ein ruhiges Leben hienieden und jenseits die Freuden des Paradieses sichert?

Durch allerhand kluge Manöver hatte Mutter Ludivine es dahin zu bringen gewußt, daß sich eine der reichsten alten Damen der Gegend, ein Fräulein St. Chéron, unter diese Pensionärinnen aufnehmen ließ. Sie hatte nicht den Schatten von Religion, rauchte wie ein Dragoner und behandelte die Nonnen, als wären sie ihre Sclavinnen. Aber was that dies? Sie gebot über viele, viele Tausende von Franken, über herrliche Felder und Wiesen und war bereits in die Achtzig. Ließ sich eine bessere Acquisition für das Kloster denken, zumal ja auch noch das verdienstliche Werk der Bekehrung einer verstockten Sünderin in Aussicht stand?

In der Regel hatte eine der Laienschwestern die Bedienung der sehr cholerischen Dame zu besorgen, die bei der geringsten Kleinigkeit in Zorn gerieth und sich oft genug zu thätlichen Mißhandlungen der Dienerin hinreißen ließ. Eines Mittags aber wurde Schwester X. zu diesem Posten commandirt. Zwar fühlte sie sich gekränkt, daß ihr eine derartige niedrige Arbeit zugemuthet wurde, welche eigentlich den Nonnen nicht angesonnen zu werden pflegte, allein sie mußte gehorchen. Fräulein St. Chéron empfing sie äußerst ungnädig, da sie ihrer Meinung nach schon zu lange auf ihr Diner hatte warten müssen, und schickte sich an, die Suppenschüssel nach der Schwester zu werfen. Bald aber schien sie an dem sanften Wesen und dem ruhigen Gesicht ihrer neuen Aufwärterin Gefallen zu finden und begann diese nach ihrer Familie und nach den Gründen zu fragen, welche sie veranlaßt, sich hinter Klostermauern zu begraben. Wahrnehmend, daß Schwester X.’s Stimme bebte und ihre Augen feucht waren, rief sie aus:

„Ach, Sie haben noch etwas wie ein Herz; die Erinnerung an Vater und Mutter macht Sie weinen. Morbleu, das ist das erste Mal, daß ich so etwas sehe, seitdem ich in dieser alten Baracke eingesperrt bin!“

In diesem Stile ging es eine Zeit lang fort, und da Schwester X. sie weder unterbrach noch ihr widersprach, so faßte die Alte eine immer größere Zuneigung zu ihr. Dann erzählte sie dieser alle ihre Abenteuer ausführlich und schloß mit der Klage, daß man ihr hier im Kloster ihr Geld gestohlen habe und sie wider ihren eigenen Willen festhalte.

„Hören Sie mich an,“ setzte sie jählings hinzu. „Ich lese schon in Ihrem Herzen, in dem mir nichts mehr verborgen ist; Sie sind Ihres Lebens hier müde und möchten gern wieder jenseits der Klostermauern in der Welt draußen sein. Helfen Sie mir; wir wollen zusammen die Flucht ergreifen. Ich habe noch Vermögen, von welchem die Nonnen nichts wissen; ich habe auch einen Neffen, einen hübschen jungen Mann von dreißig Jahren. Er soll Sie heirathen. Sie werden mir eine Familie lieber Kinder schenken, denn wahrhaftig, Sie sind noch hübsch und jung trotz aller Ihrer Leiden. Was meinen Sie dazu? Ist’s unmöglich, herauszukommen? Sie sollen nicht länger von Kohl und Wassernuß[WS 1] leben …“

Ein Klopfen an der Thür unterbrach ihre Eröffnungen. Es war eine Laienschwester, welche meldete, daß die Oberin Schwester X. zu sprechen wünsche. Ohne Verzug verabschiedete sich die Nonne von Fräulein St. Chéron.

„Madame Ludivine,“ schließt Schwester X. ihre Aufzeichnungen, „begrüßte mich sehr liebenswürdig. Sie drückte ihr Bedauern aus, daß durch ein Mißverständniß mir eine Aufgabe zugetheilt worden sei, welche so große Selbstverleugnung erheische; allein sie hoffe, ich werde die Gelegenheit benützen, mich in der Meinung der Schwestern zu rehabilitiren, welchen meine Gleichgültigkeit für das Interesse des Hauses zum schweren Aergerniß gereicht habe. Sie bat und, falls nöthig, befahl mir, gewisse Illusionen nicht zu zerstören, die man unter allen Umständen in Fräulein St. Chéron erhalten möchte; sie von dem wirklichen Sachverhalte nichts wissen zu lassen; ihr in nichts zu widersprechen; viel von der Bedrängniß zu reden, in der sich das Kloster bei ihrer Ankunft befunden habe, und ihrer Eitelkeit zu schmeicheln, indem man sie als unsere Stütze, unsere Gönnerin, unsere Vorsehung bezeichnete. Gelegentlich sollte ich auch religiöse Gegenstände auf das Tapet bringen und der alten Dame Angst einflößen vor ihrer letzten Stunde.

Da ich nichts erwiderte, so frug mich die Oberin, die, trotz ihrer Anstrengungen, sich liebenswürdig zu zeigen, ihren Aerger nicht verhehlen konnte: ‚Meine Schwester, soll ich mir Ihr Schweigen als Zustimmung zu meinen Ansichten oder als den Entschluß deuten, mir nicht gehorchen zu wollen?‘

‚Meine Mutter, ich will Alles thun, was ich kann,‘ antwortete ich, ‚und versuchen, mein Gewissen mit Ihren Befehlen in Einklang zu bringen.‘

‚Sie wollen’s versuchen! Bitte, keinen Vorbehalt und keine Einschränkung, meine Schwester. Ich habe die Linie vorgezeichnet, der Sie zu folgen haben, und nehme alle Verantwortlichkeit auf mich. Sie werden von Fräulein St. Chéron ein weiteres Darlehen erzwingen. Offenbar findet sie Wohlgefallen an Ihnen, und Sie werden Alles von ihr erlangen, wenn Sie sagen, daß Sie sonst sie wieder verlassen müßten. Desselben Mittels wollen Sie sich bedienen, um sie zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten zu veranlassen.‘

‚Meine Mutter!‘

‚Ich habe Ihnen gesagt, ich dulde keinen Widerspruch: ich fordere einfachen und stricten Gehorsam.‘

‚Nun denn wohl, Madame; ich will nicht gehorchen,‘ rief ich [95] aus, empört über den Despotismus. ‚Ich will mich nicht verleiten lassen, Handlungen zu begehen, welche nicht nur einer Nonne, sondern selbst jedes ehrenhaften weltlichen Menschen unwürdig sind. Im Gegentheil will ich die arme alte Dame über ihre wahren Interessen aufklären. Glauben Sie denn, daß ich mich an den Manipulationen zur Mitschuldigen machen werde, durch welche Sie das Vertrauen einer eingesperrten alten Dame mißbrauchen und sie täuschen wollen?‘

‚Sie schwatzen Unsinn,‘ erwiderte die Oberin. ‚Sie hoffen, durch Ihre Unverschämtheit nach Paris zurückgesandt zu werden, doch das paßt nicht in meine Pläne. Wir werden Sie hier behalten und mit Gottes Hülfe Herr werden über Ihren erschrecklichen Charakter. Wenn Sie bei Ihrer Weigerung beharren, so schicken wir Sie morgen auf’s Land. Ein paar Wochen ländlicher Arbeit werden Ihnen den Stolz schon austreiben. Ueberlegen Sie sich das wohl und wählen Sie!‘

Sie ward durch einen Besuch abgerufen, sagte mir aber, ich sollte auf ihre Rückkunft warten, da sie mit mir noch nicht fertig sei.

Ich fand mich in der größten Aufregung. Die Drohung, mich auf’s Land schicken zu wollen, war seltsam. Natürlich war darunter das Landhaus des Klosters verstanden, welches nur von fünf bis sechs Nonnen und ebensoviel Laienschwestern und Laienbrüdern bewohnt wurde. Als ich im letzten Jahre mit einer jener Laienschwestern im Garten des Hauses lustwandelte, zeigte sie mir einen unterirdischen Kerker und sagte lachend: ‚dahinein werden die Schwestern gesteckt, die sich nicht geziemend aufführen. Sie sehen, wie unsere Mutter für unser Seelenheil sorgt; sie ist auf alle Fälle gehörig vorbereitet.‘ Es überlief mich kalt bei dieser Erinnerung. ‚Sie ist im Stande, das zu thun,‘ sagte ich mir; ‚denn sie hat weder Herz noch Gewissen noch Gottesfurcht und weiß, daß sie am Mutterhause einen Rückhalt findet.‘“

Leider brechen die Aufzeichnungen hier allzu rasch ab; es kam ihrer Verfasserin nur darauf an, das zu schildern und zu sagen, was sie hinter der Klosterpforte Alles geduldet und getragen. Den Höhepunkt ihrer moralischen Leiden bildete das eben geschilderte letzte Gespräch mit der Oberin, welches ihr eine so verhängnißvolle Zukunft in Aussicht stellte. Nun war keine Zeit zu verlieren, und in diesem Augenblick galt es, alle Kräfte zusammenzuraffen und einen Entschluß zu fassen.

Es war sieben Uhr Abends und ganz dunkel; nur im Cabinet der Oberin brannte ein kleines Nachtlicht. Schwester X. öffnete das Fenster, stieg hinaus und drückte es hinter sich leise wieder zu; dann ließ sie sich am Spalier der Mauer hinab. Als sie den Erdboden erreichte, ward sie schwindlig, doch rasch gewann sie wieder Muth und Kraft. Sie entdeckte eine Lücke in der Mauer, welche eben in der Ausbesserung begriffen war, und zwängte sich durch einen dicken Weißdornzaun. Zwar kam sie geschunden, zerrissen und blutend auf der andern Seite an, – aber sie war frei!



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Wassermuß