Aus den politischen Salons des neuen Italiens/1. Die Frau des Märtyrers

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Autor: Emil Pirazzi
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Titel: Aus den politischen Salons des neuen Italiens/1. Die Frau des Märtyrers
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 5, 6, S. 74–76, 88–89
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus den politischen Salons des neuen Italiens.
Von Emil Pirazzi.
1. Die Frau des Märtyrers.

Zu meinen interessantesten Begegnungen in Italien gehören zwei Frauengestalten, die, so grundverschieden sie an sich auch waren, doch das mit einander gemein hatten, daß beide Ausländerinnen waren, beide zu den leitenden Persönlichkeiten der Halbinsel in intimen Beziehungen standen – die eine in öffentlichen, die andere in geheimen – und daß jede derselben mir in einem der beiden Hauptbrennpunkte und zugleich Gegenpole der italienischen Bewegung entgegentrat: die Eine in Turin – die Andere in Rom. Beides im Jahre 1862, wo Turin noch die Hauptstadt und der Heerd war, auf dem die nationale Flamme Italiens genährt wurde. Jahre sind seitdem vergangen und ich darf über jene Begegnisse hoffentlich heute ganz offen reden, ohne fürchten zu müssen, der Indiscretion geziehen zu werden. Zugleich will ich hier noch bemerken, daß meine nachstehenden Mittheilungen durchweg auf strengster Wahrheit und gewissenhaftester Beobachtung beruhen und ich kein Wort hinzugedichtet habe.

Durch ein Empfehlungsschreiben eines der größten politischen Journale Deutschlands war ich bei dessen Mailänder Correspondenten eingeführt und von diesem wieder mit einem Grafen Belgiojoso bekannt gemacht worden, der, ein venetianischer Emigrant, mit ganzer Hingabe sich dem öffentlichen Dienste seines neu aufgebauten Vaterlandes Italien gewidmet hatte und damals auf der Municipalität von Mailand beschäftigt war. Von ihm erhielt ich eine Empfehlung an seine Tante, die Marchesa Anna Pallavicino-Trivulzio in Turin, die ihren stolzen und klangvollen Namen mit Auszeichnung trug, denn unter den politischen Frauengestalten, an denen das neue Italien wahrlich nicht arm, war sie eine der hervorragendsten.

Das weit verzweigte italienische Adelsgeschlecht der Pallavicini ist eines der ältesten der Christenheit und hat mit den Geschlechtern der Este, Massa und Malaspina den gleichen Stammvater Adalberto, der hinwiederum von den alten Markgrafen und Herzögen von Toscana abstammt. In Italien selbst erscheint das Geschlecht heute in dem fürstlichen Hause der Rospigliosi-Pallavicini zu Rom, blüht vor Allem aber in Oberitalien, in der Lombardei und Genua. Wie der Name Pallavicini den Politikern, so ist er auch den Touristen in Italien wohlbekannt von jener Villa Pallavicini in Pegli bei Genua her, die zu den berühmtesten Parkanlagen Italiens zählt und Eigenthum des Marchese Pallavicino ist, der seinen Palast in der Via Carlo Felice in Genua hat. Der Gatte der Dame jedoch, von der wir hier reden, der Marchese Giorgio Pallavicino, wohnt abwechselnd in Turin und auf seiner Besitzung in der Lombardei, führt zum Unterschied von der genuesischen Linie des Hauses den Beinamen Trivulzio und besitzt weder einen eigenen Palast noch einen fürstlichen Park, dafür aber eine Frau, die zu den geachtetsten Patriotinnen Italiens zählt, auf dessen neueste Gestaltung sie den bedeutendsten und wohlthätigsten Einfluß geübt, obschon es nicht einmal ihr eigentliches Vaterland ist.

Der Marchese, welcher zur Zeit meines Aufenthaltes in Turin nicht daselbst anwesend war und den ich daher persönlich kennen zu lernen keine Gelegenheit hatte, der mir aber später, da ich fortwährend mit seiner Gattin in Briefwechsel stand, durch den sich die Politik wie ein rother Faden hindurchschlang, von seinen neueren, durchweg die wohlwollendsten Gesinnungen und den reinsten Patriotismus bekundenden politischen Schriften wiederholt übersandte, der Marchese Giorgio Pallavicino hat die Politik ebenfalls von Jugend auf mit Hingebung getrieben. Er gehörte mit Silvio Pellico und Anderen zu jenen edeln Verbündeten, in denen sich schon sehr früh der Gedanke der nationalen Wiedergeburt des schönen Vaterlandes regte und die dafür von Oesterreich dem Tode oder den Kerkern des Spielberges überliefert wurden, was fast dasselbe hieß, wenn nicht Schrecklicheres! Dieser nationale Gedanke, welcher sich als nächstes Ziel die Abwälzung der Fremdherrschaft gesetzt, unter der Italien schmachtete, verkörperte sich am frühesten in jenem über die ganze Halbinsel ausgebreiteten Geheimbund der Carbonari, aus dem sich erst zu Anfang der dreißiger Jahre unter Mazzini das „Junge Italien“ abzweigte. Ohne eigentliche Carbonari im strengen Sinne der Schule zu sein, wurden doch die Pellico, Maroncelli und Andere, als des Carbonarismus verdächtig vor Gericht gestellt, zum Tode verurtheilt und zu vieljährigem Kerker „begnadigt“! Zu diesem Kreis oberitalienischer Patrioten, deren Tendenz zunächst gegen die österreichische Herrschaft in Italien gerichtet war, gehörte auch Marchese Giorgio Pallavicino von Mailand. Nach Fehlgang und Niederwerfung der nationalen Erhebung in Piemont von 1820 und 1821 hochverrätherischer Bestrebungen angeklagt und mit zahlreichen Gesinnungsgenossen in Mailand von den österreichischen Behörden verhaftet, hatte Pallavicino, damals noch ein Jüngling von kaum zwanzig Jahren, dort zunächst eine schwere zweijährige Untersuchungshaft zu bestehen, und [75] wurde dann im Januar 1824 mit fünfzehn Gefährten (von diesen freilich neun in contumaciam) zum Tode verurtheilt, dieses Urtheil jedoch ebenfalls für mehrere der Angeklagten in theils lebenslänglichen, theils vieljährigen Kerker „im Wege der Gnade“ umgewandelt – für Pallavicino und Castiglia in zwanzigjährigen – diese sämmtlichen Strafen auf dem Spielberge zu bestehen, bei dessen Nennung schon die Verurtheilten Entsetzen durchrieselte. „Ehrbare Männer in vollster Lebenskraft so zum Grabe verdammt!“ ruft Pallavicino in seinen „Erinnerungen“ aus jener Zeit aus. Zwanzig Jahre alt – und nun zwanzig Jahre Kerker vor sich!

In Eisen geschlossen wurden die Verurtheilten nach der Veste Spielberg bei Brünn in Mähren abgeführt, die sich ihnen im Februar 1824 öffnete (Pellico saß dort bereits seit zwei Jahren); – der Spielberg: „keine Herberge für die Lebendigen, sondern ein Grab – aber ein Grab ohne die Ruhe des Todes!“ wie Pallavicino mit ergreifender Tragik diesen Aufenthalt kennzeichnet. Als ich im September 1856 den Spielberg besuchte – auf dem auch der bekannte Abenteurer und Pandurenoberst Trenck sein wildes Leben beschloß, und der heute nur noch Strafanstalt für gemeine Verbrecher ist – da dachte ich nicht, daß ich noch einmal im Hause eines jener Männer, die er zu politischen Märtyrern gemacht, eingeführt werden sollte!

Pallavicino war nach zehnjährigem einsamen Kerkerleben körperlich und geistig gebrochen. Sein ganzes Nervensystem war allgemach in einen Zustand gänzlicher Zerrüttung gekommen. Der Mangel an Büchern und geistiger Beschäftigung, die tiefe Sehusucht nach seinem unglücklichen Vaterlande und seiner fernen Mutter warfen ihn in einen solchen Grad von Tiefsinn, daß er nahezu daran war, wahnsinnig zu werden, und der Oberarzt der Provinz, nachdem er ihn einer genauen Untersuchung unterzogen, darüber nach Wien berichtete und die Gestattung irgendwelcher geistigen Beschäftigung, sowie Versetzung in ein milderes Klima für ihn nachsuchte, woraufhin ihm die Lectüre von Tasso und Klopstock gestattet, wegen einer Translocation vorerst aber Nichts verfügt wurde. In der deutschen Sprache suchte sich unser Gefangener während seiner Kerkerzeit mehr und mehr zu vervollkommnen, und daß er auch unsere großen Dichter gelesen, beweisen mannigfache Citate aus Goethe und namentlich Schiller, mit denen er, zuweilen im Originaltext, seine politischen Schriften durchflocht. Erst nach Verlauf eines weiteren Jahres wurde Pallavicino eine Versetzung nach der kleinen Festung Gradisca am Isonzo angekündigt. Das betreffende Gesuch war in Wien zu den Acten genommen und dort vergessen worden, bis sich Kaiser Franz der Erste eines Tages desselben erinnerte und die Frage aufwarf, ob denn Pallavicino, wie er befohlen habe, transferirt worden sei? Diese Frage ward zum Anlaß, daß ein höherer Polizeibeamter mit Extrapost nach Brünn reiste, um die ungesäumte Versetzung des Gefangenen nach Gradisca anzuordnen. Als derselbe eines Abends, da er schon schlief, mit der Aufforderung sich zu erheben geweckt wurde, wähnte der Unglückliche anfänglich, er sei – begnadigt! Inzwischen ließ man ihn jetzt wenigstens seine Sträflingskleider mit einem angemesseneren Anzuge vertauschen, und beim ersten Tagesgrauen hatte er den Spielberg, dessen Mauern ein so großes Stück seines Lebens verschlungen hatten, im Rücken, und fuhr in einer Postchaise gen Süden der Heimath entgegen. Aber im Uebrigen trat in der Lage unseres Gefangenen keine Verbesserung ein; eher das Gegentheil! Denn wie finden wir ihn (es war zu Anfang des Jahres 1831) bald darauf zu Gradisca wieder? Mit einem slavischen Räuber, Wolle spulend, in Ketten und groben Sträflingskleidern, in einer engen, doppelt vergitterten Zelle eingeschlossen, zu der Luft und Licht kaum Zugang hatten! Zu berichten, was Pallavicino hier zu leiden hatte (einmal mußte er sogar einen völligen Raubanfall seines Zellengenossen bestehen!), würde ein eigenes Capitel beanspruchen. Die empörendste Behandlung wurde ihm zu Theil; man ließ dem ohnehin schon so sehr geschwächten Mann die elendeste Kost reichen, um ihm ein Geständniß abzupressen, auf welchem Wege er in den Besitz des Geldes und weniger Bücher gekommen war, welche sich bei ihm fanden. Der Ekel vor jeder Speise und deren gänzliche Unverdaulichkeit machten ihn ernstlich krank. Ueber gewisse Unterschleife der Gefängnißverwaltung, welche ihm durch den Geistlichen der Anstalt, einen Capuziner, mitgetheilt worden, richtete er eine schriftliche Eingabe an den Kaiser, als Antwort auf welche – wenn sie überhaupt je an ihre Adresse gelangte – ein kaiserlicher Commissär in Gradisca mit dem Auftrag erschien, „Nummer 56“ in die Gefängnisse von Lubiana in Galizien zu übertragen, indeß der Gefängnißdirector selbst bald darauf eine Beförderung erhielt!

Vor der Abreise nach Lubiana mußte sich Pallavicino noch in Gegenwart des Verwalters und des Commissärs völlig entkleiden und der empörendsten körperlichen Untersuchung unterziehen lassen, wie man dies wohl mit Räubern und Mördern vor deren Ueberführung von einer Strafanstalt nach einer andern thut, um sich zu überzeugen, daß sie weder Geld noch Waffen bei sich verborgen haben, nicht aber mit Staatsgefangenen in einem civilisirten Lande! ...

Hier brechen die Kerkererinnerungen des edlen Gefangenen vom „Spielberg und Gradisca“ ab, denen ich bis dahin im Wesentlichen gefolgt bin, und ich gebe nun das Weitere nach persönlich gemachten Erhebungen und Wahrnehmungen im Hause des Marchese zu Turin und nach mündlichen und schriftlichen Berichten seiner Gemahlin.

Ueber seine Gefangenschaft in Lubiana steht mir kein weiteres thatsächliches Material zu Gebote. Später wurde seine Deportation nach Amerika in Frage gezogen; seine gänzlich zerrüttete Gesundheit machte sie indeß unausführbar. Zu deren Wiederherstellung wurde er einstweilen in Prag internirt (um’s Jahr 1834), zwar auf freiem Fuß, doch gegen Ehrenwort, die Stadt nicht zu verlassen. Mit Erlaubniß des Polizeidirectors gebrauchte er dann eine Cur in Karlsbad, und hier lernte er seine nachmalige Gattin kennen, die einer der geachtetsten Familien Prags angehörte, wo ihr Vater als wohlhabender Privatmann lebte. In Karlsbad wurde der jungen Dame, die sich mit ihren Eltern zur selben Zeit dort befand, der Marchese durch ihren gemeinschaftlichen Arzt vorgestellt, und bereits nach wenigen Monaten wurde sie seine Frau, und nach so namenlosen Leiden nahm den vielgeprüften Dulder jetzt endlich wieder die Liebe rettend in ihre Arme! Inzwischen war von seiner zwanzigjährigen Strafzeit zwar erst die größere Hälfte abgelaufen; er scheint indeß in jenen Tagen seine völlige Freiheit wiedererlangt zu haben, und mit seiner jungen Gemahlin auf seine lombardischen Besitzungen zurückgekehrt zu sein, hat vielleicht auch schon gleich damals in Turin seinen Wohnsitz genommen – in Turin, das ja bald zu dem Sammelplatze der hervorragendsten Patrioten Italiens werden sollte, unter denen auch der Märtyrer Pallavicino nicht fehlen durfte.

Und hiermit bin ich denn an dem eigentlichen Ausgangspunkte meiner Mittheilungen angelangt. Aber das seither Erzählte, dessen letzter Theil durch die persönlichen Mittheilungen der Marchesa selbst beglaubigt ist, während ich allerdings für die breitere Behandlung der Leidenszeit Pallavicino’s wohl auch ein selbstständiges Interesse annehmen durfte, mußte ich um so mehr vorausschicken, als der Mythus sich der würdigen Gestalt der Marchesa Anna Pallavicino schon bei deren Lebzeiten bemächtigt und ihre Verbindung mit dem Marchese auf die hochromantischsten Motive zurückgeführt hat. So erzählte man mir in Turin überall, die Marchesa sei die Tochter des Kerkermeisters ihres nachmaligen Gatten auf dem Spielberge gewesen, habe ihn dort in seinen Leiden gepflegt und sich somit ein Anrecht auf seine bleibende Dankbarkeit erworben, habe ihn wohl gar aus dem Kerker befreit und sei ihm dann in sein Vaterland gefolgt, wo er sie zu seiner Gemahlin erhoben, und was dergleichen Märchen mehr sind, die als solche eigentlich schon die durchaus vornehme und aristokratische Erscheinung der Dame kennzeichnen mußte.

Als ich mich mit dem Empfehlungsschreiben des Grafen Belgiojoso im Februar 1862 der Marchesa Pallavicino in ihrer Wohnung zu Turin vorstellte, fand ich bei ihr sofort die entgegenkommendste und wohlwollendste Aufnahme. Die Politik – italienische wie deutsche – gab gleich den willkommensten Gesprächsstoff ab und gab es fast durchweg auch bei meinen ferneren Besuchen in ihrem Hause und bei unserem späteren Briefwechsel. Als hervorragendes Glied der italienischen Nationalpartei hegte sie auch die wärmsten Sympathien für die gerade damals mächtig aufschießenden Regungen nationalen Geistes in Deutschland, deren gegenseitige innere Verwandtschaft, sowie die Nothwendigkeit einer Verständigung, eines Zusammengehens beider nur zu lange in unseligem Zwiste geschiedener Völker ich ihr lebendig vor die Seele zu rufen mich um so mehr angeregt fühlte, als in meinen eigenen Adern germanisches und italienisches Blut sich friedlich gemischt hatte, ich Italien wie mein zweites Vaterland von Kindheit auf glühend lieben gelernt hatte und überdies zum Zweck [76] des Versuchs einer Annäherung in dem gedachten Sinne specielle Vollmachten der Führer jener nationalen Partei in Deutschland bei mir führte, der auch ich als dienendes Glied mich angeschlossen hatte. Und wir verständigten uns um so rascher und leichter, als die Unterhaltung stets in unserer gemeinschaftlichen Muttersprache, der deutschen, geführt werden konnte und der gleiche Zug der ursprünglichen Abstammung sie zu Deutschland wie mich zu Italien hinzog. Doch war ich nicht der erste Deutsche, der ihr in solchem Geiste nahe trat; nicht lange vor mir war schon Dr. Hermann Reuhlin, Verfasser verdienstvoller historischer Werke, unter Anderm auch einer neueren Geschichte der italienischen Staaten, dieselben Wege gewandelt, hatte sich in das Haus Pallavicino einführen lassen und lebhaften politischen Gedankenaustausch mit der Herrin desselben gepflogen.

Die äußere Erscheinung der trefflichen Dame ist eine vornehme im besten Sinne des Wortes, fein, liebenswürdig, wohlwollend durch und durch, ihre Conversation weich und stets a mezza voce – wie von beständiger innerer nervöser Angegriffenheit zeugend, welche ihr gegenüber den ewigen großen Aufregungen und Emotionen ihres Lebens und ihrer Stellung gleichsam eine gewisse Zurückhaltung aufnöthigt, damit dieser zarte Körper den unaufhörlich auf ihn heranstürmenden Dingen und Ereignissen nicht vor der Zeit erliege: so steht die edle Frau nach acht Jahren noch hell in meiner Erinnerung. Sie mochte um jene Zeit etwa den Fünfzigen nahe sein, aber ihr Haar war noch dunkel und unberührt von den Jahren. Ihre Ehe mit dem Marchese scheint kinderlos geblieben; wenigstens habe ich von Kindern nie etwas bemerkt oder reden hören. Dieser Zweig des Geschlechtes der Pallavicini stürbe somit in dem Marchese Giorgio dahin.

Das Hautrelief ihrer äußeren Stellung erhielt die Marchesa Anna durch ihre intimen politischen Beziehungen einerseits zu Victor Emanuel, andrerseits zu Giuseppe Garibaldi. Zwischen beide wie eine schöne Fügung des Schicksals hingestellt, dem König, in dessen rauher Heldennatur sie die Configuration Italiens erblickte, aufrichtig ergeben, an den großen Tribunen durch den tiefsten Zug ihres Herzens gefesselt, hat sie, wie oft! zwischen Beiden vermittelt, Botschaft hin- und hergetragen, erwachenden Groll geschlichtet, Verständigung angebahnt. So ward sie in bescheidenster, fast verborgener Weise nicht nur der politische Genius loci von Turin und eine Art weiser Egeria für den König, sondern war auch oft in schwerer und entscheidender Stunde der gute Genius Italiens! Wäre sie es mit mehr Ostentation gewesen und läge es offen vor aller Welt da, was sie hinter den Coulissen bewegt und gewirkt, – der Geschichtsschreiber des neuen Italiens hätte ihren Namen auf manchem Blatte zu zeichnen!

In Deutschland kennt man das eigentlich noch gar nicht, was man einen „politischen Salon“ nennt, und in Folge dessen auch den davon unzertrennlichen Begriff der politischen Frau nicht im großen Styl des Wortes, wie in England, Frankreich, Italien. Das „Warum“ dieser Erscheinung auseinanderzulegen wäre ein hübsches Thema für eine besondere culturhistorisch-politische Studie. In Italien trat diese Species schon sehr früh auf, und kam mit Katharina von Medicis nach Frankreich. Vielleicht ist es auch, im Großen und Ganzen betrachtet, nicht zu beklagen, daß wir bislang diese Gattung entbehren mußten; denn der – „Jupon in der Weltgeschichte“ („die Crinoline in der Weltgeschichte“ wäre pikanter, aber minder correct gesagt!) erscheint nicht immer als Fahne des Fortschritts und der Aufklärung. Wie segensreich aber eine edle Frau auch auf diesem Gebiete zu wirken vermag, – dafür ist Anna Marchesa Pallavicino-Trivulzio doch ein leuchtendes Beispiel!

Ihr Haus in Turin war in jener wichtigen Uebergangsepoche, wo Italien aus den kleinstaatlichen Kinderschuhen in die Toga des Einheits- und Großstaates hinüberschlüpfte, vielleicht der erste politische Salon der Halbinsel, und kaum ein Politiker von irgend welcher Bedeutung stieg in dem stattlichen Trombetta-Hôtel (der damaligen Hauptverkehrsstätte der politischen Faiseurs) am Schloßplatz zu Turin ab, ohne auch an die Pforten des Hauses der Via Carlo Alberto zu klopfen.

Damals war das heute entthronte Turin noch der Focus der nationalen Bewegung in Italien. Von hier gingen ja alle die leitenden Fäden aus, welche über den ganzen Stiefel des Hesperidenlandes die Maschen strickten und das Netz woben, in welchem schließlich alle großen und kleinen Tyrannen des Landes zappeln und in die Luft gehoben werden sollten. Von Turin waren sie ja auch alle ausgegangen, die großen Patrioten, welche das neue Italien erst vorbereitet und dann gemacht hatten, die Carlo Alberto, Cesare Balbo, Vincenzo Gioberti, die Massimo d’Azeglio, Victor Emanuel und Camillo Cavour; – Alle waren sie von Turin gekommen, nur den Einen ausgenommen, den Löwen Italiens, den Garibaldi, der das „Italia farà da se“ am consequentesten durchführen sollte, und gerade seine Heimath wurde an den Fremden dahingegeben!

Die Wohnung der Marchesa Pallavicino liegt weit ab von den geräuschvollen Schlagadern des öffentlichen Verkehrs, wie er zunächst um die Piazza di Castello mit ihren Arcaden pulsirt, nach jenen stilleren Straßenquadraten zu, die sich im Südwesten der Stadt um die öffentlichen Gärten gruppiren und auf die neue Prachtstraße del Re auslaufen, an welcher der Bahnhof und die Waldenserkirche liegen, die erste in Italien in Folge königlichen Decrets vom Februar 1848 erbaute Stätte akatholischer Gottesverehrung.

Als ich eines Abends dort zu Tisch gebeten war, traf ich noch vor der Marchesa selbst in diesem Hause ein; sie sei noch beim König, beschied mich ihre Nichte. Das war sie oft, und die Staatsangelegenheiten wurden dann eingehend und in vertraulichster Weise zwischen Beiden ohne Zeugen besprochen. Die heutige Audienz hatte sich in die Länge gezogen; es mußte wohl wieder Etwas in der Luft liegen, obwohl das gerade damals am Ruder des Staates befindliche Ministerium Ricasoli der Marchesa nicht durchaus sympathisch zu sein schien. Wir waren nur ganz Wenige: außer uns Dreien noch G***, Adjutant des Generals Türr, ein vollendet schöner und flotter Cavalier, der noch in selbiger Nacht in geheimer Mission abzureisen hatte, und eine Persönlichkeit der haute finance. Der Herr des Hauses war in der Lombardie (wie hier stets gesagt wurde) abwesend. Die Unterhaltung über Tisch war die zwangloseste und keineswegs ausschließlich der Politik angehörig. Nach der Tafel verfügte man sich in den Salon, und nun wurden Besuche empfangen: Mitglieder des Parlaments, Mitglieder der Regierung; sie machten ihre Aufwartung, kamen und gingen, bis wir Vier endlich wieder allein waren. Indeß die junge Nichte der Dame des Hauses sich mit dem Adjutanten Türr’s im Nebenzimmer an’s Piano setzte und die Töne ihres muntern vierhändigen Allerleis durch die geöffnete Thür herüberklangen, kam es zwischen der Marchesa und mir zum gemüthlichsten inhaltvollsten Plauderstündchen.

Der Held desselben war natürlich Garibaldi, jener volksthümliche Heros Italiens, dem im Hause Pallavicino der Altar eines besonderen Familiencultus errichtet war. Da gab es denn zu berichten – aber auch zu fragen! Und ich war nicht faul in Letzterem. Die Marchesa brachte ein Ebenholzkästchen herbei, sie kniete am Tisch zur Erde nieder und wühlte und kramte in den Briefen und Andenken ihres vergötterten Giuseppe – denn nur solche enthielt die Schatulle –; ein rührendes Bild! Sie ward nicht müde, von seiner Herzensgüte, seinem kindlichen Gemüth, seiner reinen Seele zu erzählen, und mit fast schwärmerischem Anfluge sprach sie jedes Mal den theuren Namen aus, indem sie ihm, vor dem so Viele erzitterten, oft den zärtlichen Diminutiv des Italieners anhängte: Garibaldino! So gesprochen, ist er gar nicht mehr furchtbar!

[88] Unter den Reliquien des Kästchens fanden sich auch noch zwei Exemplare einer vortrefflichen Photographie in Visitenkartenformat, welche den großen Condottiere in jener classischen Freischaarentracht darstellte, in der er beide Sicilien dem jungen Königreiche Italien hinzugewann. Als er am 7. September 1860 in Neapel als Sieger eingezogen war, schrieb er dem König: „Sende mir Pallavicino-Trivulzio als Statthalter!“ Und der König sandte Pallavicino, und dieser waltete, an Königs Statt und zugleich wiederum wohl als ein Mittler in schwieriger Situation zwischen diesem und dem factischen Sieger, Garibaldi, eine Zeit lang über dem schönsten Stück dieser Erde. Freilich, um die Neapolitaner zu regieren, dazu gehören nüchternere, härtere und kühlere Naturen als so ideelle Politiker wie die Garibaldi und Pallavicino. Als die Marchesa Anna nun Frau Präfectin von Neapel war, da mußte ihr Garibaldino, es half kein Widerstreben, dem Photographen in jenem Gewande sitzen, in welchem er zu Marsala gelandet war, und kurze Zeit darauf in Neapel einen Siegeseinzug gehalten, wie ihn kein Triumphator des alten Rom nur entfernt so umjauchzt über das Forum hinauf zum Capitol genommen hatte.

Auf diese Art entstand ein kleines Historienbild von größtem Inhalt, und die Marchesa hatte die Güte, mir von ihren letzten beiden Exemplaren desselben eines zugleich mit ihrem eigenen Bilde zum Andenken zu verehren, und da sitzen sich denn in meinem Album als dessen werthester Schmuck die beiden verehrten Gestalten gegenüber: der Held und seine Freundin! Jener sitzt fast etwas unbeholfen und linkisch da, aber um so mehr macht das Bild den Eindruck ungekünstelter Wahrheit, da ist Alles Natur und Nichts akademische Pose. Unter seinem ein ganz klein wenig zur Seite gerückten runden Filzhut mit nach oben umgebogenem Rand („Turnerhut“ hieß er früher bei uns), blinzelt Garibaldi den Beschauer aus dem Bildchen fast etwas scheu und mürrisch an, daß er da sich so ruhig hinsetzen und dem Photographen in Santa Lucia Nr. 28 stillhalten muß, wo es in Neapel jetzt so viel Wichtigeres für ihn zu thun giebt. Die beiden knorrigen Hände, gleich gewohnt, das Schwert wie den Pflug zu führen, auf den Oberschenkel gestemmt, sitzt er so unmalerisch als möglich da, die Beine in weite, helle Hosen gesteckt, den linken Fuß etwas einwärts gebogen; der Pallasch hängt ihm tief und nachlässig zur Seite herab, gerade als wüßte er gar Nichts damit anzufangen: und wie hat er ihn geführt! Freilich, ein Salonofficier wüßte ihn coquetter zu tragen! Der Oberkörper zeigt sich mit dunkler Blouse von dickem carrirtem Stoff bekleidet (vermuthlich die famose „rothe“), über die jedoch, so daß von ihr nur die Aermel sichtbar werden, noch ein weites, mantelartiges, um den Hals in einem Kragen anschließendes, aber ärmelloses Obergewand von hellem Zeug geworfen, das auf der Brust in Form eines dreieckigen, mit der Spitze nach unten auslaufenden Latzes zugeknöpft ist – vielleicht eine Reminiszenz aus Peru oder den Pampas der Laplatastaaten. Lose um die Schultern geschlungen und vorn geknüpft endlich noch das bekannte charakteristische Tuch, welches Garibaldi auf seinen Freischaarenzügen stets, und zwar so zu tragen pflegte, daß es im Dreieck auf den Rücken herabfiel, gerade wie bei uns ein Dienstmädchen oder eine Bauersfrau ihr Umknüpftuch.

So sitzt er da, mit dem hellfarbenen Ueberwurf und dem umgeschlungenen Tuche, genau wie Einer, der – man vergebe, aber der Vergleich ist durchaus zutreffend – eben barbirt werden soll –; so sitzt er da, schlicht und einfach, der große Tribun mit dem Löwengesicht, der Vertheidiger Roms, der Guerillasführer von den Alpen, der Eroberer beider Sicilien, der Kämpfer von Volturno, der Cincinnatus von Caprera!

Mit gesteigerten Empfindungen ganz besonderer Art blickte ich in diesen Räumen um, hier, wo ich mich so recht eigentlich „hinter den Coulissen“ befand, die schon so manches historische Ereigniß vorbereiten sahen, das sich nachher draußen auf der Weltbühne abspielte und die kosmopolitische Zuschauerschaft, je nachdem, mit Zittern oder mit Bewunderung erfüllte! Denn hier, innerhalb dieser Wände, unter dem Schutze des hochgeachteten Namens und Hauses der Marchesa Pallavicino, war es unter Anderm ja auch gewesen, daß die glänzendste und folgenreichste Waffenthat Garibaldi’s, der Argonautenzug nach Sicilien, zu einem großen Theile vorbereitet und dazu die letzten Dispositionen getroffen wurden; – von diesem Hause aus ging Garibaldi zwei Jahre vorher, im Frühjahr 1860, direct nach Genua ab zur nächtlichen Ausfahrt der Eintausend nach Marsala! Man ermesse, mit welchen Gefühlen diese Frau ihren Liebling und Schützling zu jenem maßlos kühnen Abenteuer entlassen mußte, das bestimmt war, der Karte Europa’s in so kurzer Zeit eine so durchaus veränderte Gestalt zu geben!

Auf meine Frage an sie: „Ob denn die Regierung von der beabsichtigten Expedition gewußt habe?“ wurde mir mit gedämpfter Stimme die Antwort: „Ja, sie wußte darum!“ Was die Marchesa damals leise sagte, – heute, nach acht verhängnißvollen Jahren, die so viele Schleier gelüftet haben, darf man es ja wohl laut sagen, zumal auch dies ja längst kein eigentliches Geheimniß mehr ist! Die Genuesischen Hafenbehörden hatten den Auftrag von der Regierung, officiell auf die Freischärler zu fahnden, officiös aber ihre Flotille durchschlüpfen zu lassen. Warum auch nicht? Den Preis der siegreichen Expedition durfte man sich ja nicht entgehen lassen, – die gescheiterte aber mußte man desavouiren können. Es war ein Zufall, ein Mißverständniß, daß die Garibaldi’schen Boote entkamen, wie es nachher ja auch nur ein Zufall war, daß sich zwischen diese und die neapolitanischen Kriegsschiffe just im Momente der Landung in Sicilien eine englische Fregatte dergestalt ungeschickt quer mitten in den Weg legte, daß die ersteren ganz und gar am Feuern verhindert waren, und somit die Garibaldianer unter der Deckung der englischen Flagge ihre Ausschiffung bewerkstelligen konnten! Man kennt ja diese historischen „Zufälle“ und „Mißverständnisse“!..[1]

In denselben Räumen fand später auch, und ebenfalls durch die Marchesa eingeleitet und herbeigeführt, die berühmte Versöhnungsscene zwischen Giuseppe Garibaldi und Enrico Cialdini statt. Marschall Cialdini, wohl die bedeutendste militärische Kraft, und daher auch „das Schwert Italiens“ zubenannt, hatte bekanntlich einen scharfen Absagebrief an Garibaldi geschrieben, und ihm darin vorgeworfen, daß er sich überhebe, sich über den König stelle, einen Staat im Staate, eine Dictatur neben der gesetzlichen Regierung bilde, in seiner rothen Blouse in’s Parlament komme etc. Dem in strenger soldatischer Disciplin geschulten Geiste des tapfern [89] Kriegsmanns und ausgezeichneten Patrioten waren derlei Ueberschwenglichkeiten und Extravaganzen an dem italienischen Nationalheros abstoßend und zuwider; aber mit Schmerz sah Italien, sah die Marchesa Pallavicini diese beiden würdigen Söhne ihres Adoptivvaterlandes entzweit. Ihrer Alles ebnenden und ausgleichenden zarten Hand gelang es denn auch, was so leicht keinem Manne gelungen wäre: – die Getrennten wieder zusammenzuführen, und bald schon sanken sich die zwei tapfersten Männer Italiens nächst dem Könige brüderlich und versöhnt in die Arme. Die Marchesa aber hatte ihren neuen Bund geweiht!

Hatte ich so Unrecht, sie den guten Genius Italiens zu nennen?!

Aber noch auf anderen Gebieten des öffentlichen Lebens hat sie verstanden segensreich zu wirken und sich auch Dem zu weihen, „was frommt und nicht glänzt“. So hat sie 1870, einem Aufrufe Garibaldi’s an die Frauen Italiens folgend, die Gründung und Präsidentschaft eines aus den ersten Namen der Turiner Damenwelt gebildeten Centralcomités übernommen, dessen Zwecke am besten aus nachstehender Hauptstelle seines alsbald veröffentlichten Programms ersichtlich werden:

„General Garibaldi’s Aufruf an die italienischen Frauen bezeichnet den Zweck unseres Vereins. Unser Hauptaugenmerk wird auf die Wohlfahrt der untern Classen gerichtet sein, wir wollen für die Bedürfnisse der Allerärmsten sorgen, ihre Leiden erleichtern, in ihnen religiöse und patriotische Gefühle, Achtung für das Gesetz, Liebe zur Arbeit, zur Reinlichkeit und Mäßigkeit zu erwecken suchen. Um das Ziel zu erreichen, wollen wir alle Mittel anwenden, die uns unsre Herzen dictiren, und auch alle Vorschläge anhören, die uns aus Italien oder aus der Fremde von Menschen, die unserm Unternehmen zu nützen wünschen, gemacht werden.

Wir haben die Absicht, ohne Aufschub, wenn möglich, 1) eine Armenschule, 2) eine Fürsorgungsgesellschaft und 3) eine Pension für die mittellosen Töchter der italienischen Befreier zu gründen. Wir wünschen, unsere Bestrebungen über ganz Italien ausbreiten zu können, aber zuerst müssen wir unsre Thätigkeit da concentriren, wo das Volk am meisten durch zügellosen Despotismus gelitten hat, und das ist Neapel und Palermo. Da ist die Freiheit noch etwas Neues, da sind die Völker am hülflosesten, da bedarf man am meisten der Unterstützung, die General Garibaldi gefordert hat. Wir appelliren demnach an alle Frauen Italiens, in jeder Stadt und jedem Flecken Comités zu gründen und Sammlungen zu veranstalten, sowohl unter unsern Mitbürgern als unter Fremden, diese Sammlungen aber dem Turiner Comité zukommen zu lassen und sich mit demselben in directe Verbindung zu setzen.“

Ein schöneres und edleres Programm kann gewiß nicht gedacht werden! Es gelang, die wärmste Theilnahme dafür im In- und Auslande, namentlich aber unter den reichen Frauen der englischen Geld- und Geburtsaristokratie anzuregen, und man wird wohl nicht fehlgehen, wenn man annimmt, daß auch der bedeutende Aufschwung, den neuerer Zeit das Unterrichtswesen in der Provinz Neapel genommen, zum Theil wenigstens im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Marchesa Pallavicino erreicht wurde.

Inzwischen hat Turin seine Stellung als Hauptstadt des Königreichs Italien an Florenz abtreten müssen und schmollt und grollt in seiner Ecke am Fuße der Alpen. Es hat der Sache des Vaterlandes unter allen Städten desselben das größte Opfer gebracht; in der Zeit des Kampfes war es der Mittelpunkt der nationalen und kriegerischen Bewegung; aber die goldene Frucht des Sieges hat die Arnostadt gepflückt, vielmehr sie fiel ihr in den Schooß. Doch nur um so herrlicher und unvergänglicher strahlt der Name Turins in der Geschichte der Wiedergeburt Italiens!

Ob auch die Marchesa Pallavicino ihrem Könige nach Florenz gefolgt ist? Ich weiß es nicht; ich glaube es aber auch nicht. Sie ist zu sehr mit Turin verwachsen, scheint sich überdies jetzt auch ganz von der öffentlichen Bühne zurückgezogen zu haben, wie ihr geliebter – Garibaldino!




  1. Eine eigenthümliche Ironie des Zufalls war es auch, daß es bei Garibaldi’s im August 1862 unternommenem Zuge auf Rom gerade, wie man sich erinnern wird, ein Oberst Pallavicino sein mußte, welcher als Führer des ihm nachfolgenden piemontesischen Corps ihn in den Schluchten von Aspromonte zum Gefangenen machte: – wohl ein entfernter Verwandter der Marchesa.