Heimstätten deutscher Rheinweine

Textdaten
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Autor: Ferdinand Hey’l
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Titel: Heimstätten deutscher Rheinweine
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 719–723
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[719]

Heimstätten deutscher Rheinweine.

Von Ferdinand Hey'l.

„Dort weht ein Odem lebensprühend,
Dort tönen Lieder jugendglühend,
Und Weinesdüfte wonnig quellen
Weit auf des schönsten Stromes Wellen.
Wie Stern an Stern, so reiht sich dort
In Hügelketten Ort an Ort,
An jedem Ort ein neuer Wein,
Hier goldig, dort im Purpurschein
Man wandert aus; man wandert ein –
Man glaubt im Himmel gar zu sein.“

O. Roquette.


Ist das ein „seliges Wandern“ in diesem weinseligen Herbste durch die Dörfer und Städtchen des Rheingaues! Fröhliche Menschen allerwegen! Denn endlich hält Gott Bacchus wieder Einzug an den Stromufern; endlich lohnt der Erntesegen die saure Mühe, den Schweiß des Winzers. Der grüne Strauß, der Tannenbaum – diese unfehlbaren Zeichen, daß der „Neue“ schon im Faß, daß der „Federweiße“ schon genießbar – grüßen von den Häusern und ein fröhlich Leben ist eingezogen in jenen Orten, wo in den letzten Jahren manchen Herbst hindurch und trotz des sprüchwörtlichen rheinischen Humors nur ernste Mienen den Wanderer willkommen hießen. Nun aber, wie Simrock singt.

„Hörst du die Glocken tönen!
Stets wechselt Ton mit Ton um.
Bonum vinum! Bonum vinum!

Aller Wohlstand des Winzers, wie seine Hoffnungen und Befürchtungen beruhen auf dem Ergebniß der Lese. Er bemißt Alles nach dem Quantum Wein, „das er macht“! Und wehe, wenn die Glocken Herbst für Herbst in’s Land hinaus läuten: „Bämpelwein! Bämpelwein!“ In diesem Herbste aber ist der Rheingauer zurückhaltend mit der „Traube der Freundschaft“ – mit den Sendungen an Vettern und Freunde, wie das zur Zeit der Lese sonst wohl üblich. Er kauft diesen Bedarf lieber drüben – über’m Rhein, aber von dem Edelgute aus seinem Wingert „wird Nichts gereicht“. Gern zahlt er besonders dafür, daß ihm die Leseweiber und Wingerknechte nur ja nicht das köstliche Gut verkosten. Jeder „Berkel“ in erster Lage wird sorgsam behütet.

Wie schwer die Arbeit, wie mühsam das Bestellen der Wingerte mit den segenspendenden Rebstöcken, haben wir den Lesern der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1867) schon vorgeführt

Heute mag uns eine weinfröhliche Stimmung durch eine Anzahl der Hauptstätten des deutschen Weinbaues am Mittelrhein führen! Unbestritten gedeiht der edelste Wein der Welt an jenem sanft emporstrebenden Hügelgelände des Rheingaues; welches sich an die waldumsäumten Höhenzüge des Rheinkamms anlehnt, hinabsteigend bis dicht an die Stromufer, bis dicht an das vielbesungene „Silberband“ des alten Rheins.

Da klingt jeder Name schon weinselig und weinfröhlich – und hier auch ist die Hochschule des deutschen Weinbaues. Nur in einzelnen Strichen und Lagen der Pfalz und bei Würzburg gedeihen dank der Sorgsamkeit der dortigen Weinindustriellen, ähnliche Tropfen – immerhin aber nicht erreichend, was Nauenthal, Johannisberg, Rüdesheim, Steinberg uns wein- und feinduftig bieten. Diese vier Weinorte sind es auch, die mit dem Marcobrunner, Hochheimer und Gräfenberger den ersten Rang beanspruchen, während der rothe Aßmannshäuser alle anderen Rotweine des Rheins um ein Bedeutendes im Werte überragt.

Da liegt hoch droben auf einem etwa fünfundsechszig Morgen umfassenden Berghügel der vielbesungene Johannisberg, das Besitztum der fürstlich Metternich’schen Familie seit 1818, ehedem Benedictiner-Abtei, dann Eigentum des Herzogs von Valmy, des Marschalls Kellermann bis 1814. Den Mönchen danken wir die Urbarmachung des Geländes, und mehr als das – auch die Pflege und Veredelung des Gewächses.

Nur etwa dreißig Stück Wein – der rheinische Weinbauer rechnet immer noch nach Stück – erzielt der Johannisberg durchschnittlich im Jahr, während in seiner Umgebung in Dorf und Klaus (Klus) Johannisberg fast ebenso bevorzugte Edelsorten reifen, wie auf dem eigentlichen Terrain „Schloß Johannisberg“.

„Johannisberg, wie jauchzt mein Herz dir zu!
Wohl zeugst von alter, gold’ner Zeit auch du,
Du, den der Sündfluth Grimm einst übrig ließ,
Der Hügel einen aus dem Paradies.“

[720]

Heimstätten deutscher Rheinweine. 0 Originalzeichnung von Ferdinand Lindner.
1. Johannisberg. – 2. Steinberg. – 3. Rüdesheim. – 4. Rauenthal. – 5. Liebfrauenkirche bei Worms. – 6. Hochheim. – 7. Ingelheim. – 8. Aßmannshausen. – 9. Hattenheim. – 10. Geisenheim. – 11. Marcobrunn. – 12. Scharlachberg.

[722] So singt Gustav Pfarrius. – Nicht die gesammte Fruchtbarkeit des Johannisbergs kommt in den Handel. Indeß wird immerhin noch ein gut Theil trefflichen Stoffes der öffentlichen Auction – wie dies rheinische Sitte ist – ausgesetzt. So gelangt der Johannisberger auch an minder hohe Sterbliche, wenn sie nur des edlen Metalles genug besitzen, um den Edeltrank damit aufwägen zu können – denn er bietet sich dem Trinker nicht um „schnödes Kupfer“. Mit Gold will er heute aufgewogen sein. –

Nicht allzu fern von diesem hochgerühmten Weingarten wächst der Steinberger auf einem Flächenraum von etwa achtzig Morgen in nächster Nähe der bekannten Weinorte Hallgarten und Hattenheim, kaum eine Stunde vom Rhein entfernt. Auch diesen Rebberg rodeten geistliche Herren – die Mönche vom Kloster Eberbach – an, und schon seit siebenhundert Jahren half der Steinberg den Ruhm des Rheingaues verbreiten. Leiteten doch von hier aus die frommen Herren des Klosters ihren ausgedehnten Weinhandel, der später seinen Hauptstapelplatz in Bacharach zur Verladung rheinab fand. Bis heute hat sich das Lob der frommen Mönche erhalten Vielbesungen und vielbeneidet waren die feinen Zungen ihrer weinkundigen Kellermeister, deren Stopfenzieher stets ebenso bereit waren wie ihre geistlichen Breviere. Auch der Steinberg verdankt seinen bedeutenden Ruf der trefflichen Behandlung und Bewirthschaftung, welche er von jeher bis auf unsere Tage erfahren, und unter nassauischer wie preußischer Domainenverwaltung ist sein Werth und sein Name nur gesteigert und gefordert worden. Die Ergebnisse der einzelnen Abtheilungen: des Rosengartens, des goldenen Bechers, des Plänzers und Zehnthäuschens – wie diese Abtheilungen des ummauerten Steinberges heißen – lagerten und lagern schon seit Jahrhunderten in den „heiligen Hallen des Rheinweines“, in den Kellern des Klosters Eberbach, welche wir unseren Lesern ebenfalls in der „Gartenlaube“ (Jahrgang 1868, S. 276 und 1871, Nr. 45) schon geschildert haben. Hier ist das berühmte „Cabinet“ – und daher der Name „Cabinetswein“ – vielleicht auch weil die ausgesuchtesten Weine an Cabinete versendet wurden.

„Seht, im Herzogsglanz
Rückt der vom Steinberg an, bewußt, bedächtig.
Den Helm umblüht ein stolzer Siegeskranz:
Sein Wesen ist wie eines Fürsten prächtig.“

Den beiden Vorgenannten gesellt sich im Rufe als würdiger Genosse der Rauenthaler, ein kräftiger, kerniger Bursche, der sich eines hervorragenden Bouquets, einer absonderlich feinen Blume rühmen darf. Auf den Höhen des vielbesuchten Winzerdörfchens Rauenthal, und hauptsächlich nur in Berglage, geschützt vor rauhen Winden und ebenfalls kaum ein Stündchen vom Rhein entfernt, „kommt er zur Welt, auf sonnigem Stein“. In mancher Ausstellung, in manchem Wettkampf hat er im Verein mit dem Steinberger schon über den Johannisberger gesiegt, und ein unbestrittenes Verdienst des Procurators A. Wilhelmi (Vater des weithin bekannten Violinvirtuosen August Wilhelmi) ist es, diesen Edelwein zu erneutem Rufe und Glanze geführt zu haben.

Alle diese Edelsorten, wie auch die nächst denen zu nennenden entstammen der Rieslingtraube, die an feinem Arom von keiner andern Rebgattung übertroffen wird. Aber gerade ihre edle Natur bedarf der größten Sonnenwärme, um zur vollständigen Reife zu gelangen. Dies ist auch die Ursache, weshalb mancher Mittelwein in einzelnen Jahren an anderen Orten leidlich reifen kann, während die Edelgewächse des Rheingaues bei ungünstigen Bedingungen die Erwartungen oft genug täuschen, indem sie den Zustand der eigentlichen Edelfäule nicht immer erreichen. „Edelfäule“! Ein wunderliches Wort für den Laien. Und doch so wesentlich für den Weinbauer.

Als im Jahre 1811 die Lesezeit bereits unbenutzt vorüber – ob in Folge der Invasion oder, wie Andere wollen, durch einen Rechtsstreit um den Zehnten veranlaßt – als Frost und Schnee die Beeren bereits in hohem Grade angegriffen, wollte man auf die Lese in der Gemarkung Johannisberg ganz verzichten. Man las dennoch – und der Lohn war eine Crescenz, die bis dahin nicht erreicht war.

Der Frost hatte die wässerigen Theile der Beeren ausgeschieden; Zuckerstoff und Alkohol blieben zurück. Seit jener Zeit erwartet man in den besten Lagen den Eintritt dieser „Fäule“ und läßt dann den Berg mit Stäbchen, Traube für Traube „aus- und ablesen“, sodaß nur die reifsten Beeren zuerst in kleinen Schalen gesammelt und für sich gekeltert werden, ehe die ganze Traube dem Schnitte der Winzer fällt. Daher die Bezeichnung „Auslese-Wein“, d. h. nicht Wein aus ausgelesenen Trauben, sondern aus ausgelesenen Beeren. Mancher Winzer macht sogar eine erste, zweite und dritte Auslese, ehe er den Rest der Trauben der Kelter überantwortet. Solche Weine können nicht billig sein.

Begünstigt aber ein glückliches Sommerwetter die Reife, dann ist jahrelanger Schaden durch Mißwachs mit einem Schlage gebessert und hoch steigen die Preise der Ausleseweine. Nur trage sich der Wanderer am Rhein nicht mehr mit dem kühnen Gedanken daß ihm mit jedem Glase Rheinweines einer Heckenwirthschaft ein solches Tröpfchen credenzt werde! Diese Weine haben auch am Rhein jeder Zeit einen hohen Preis.

Vielleicht der älteste, nach seinem Umfange jedenfalls der bedeutendste Weinort des Rheingaues ist Rüdesheim, jenes Städtchen, welches auf quarzhaltigem Thonschieferboden einen kräftigen Feuerwein hervorbringt. Hochan streben die Terrassen des Rüdesheimer Berges, gestützt durch Mauerwerk, ausgenutzt bis in das kleinste Winkelchen; nunmehr ist der Berg auch gekrönt durch das Nationaldenkmal, errichtet zur Erinnerung an die Wiedervereinigung aller deutschen Stämme, umduftet in der Frühsommerzeit von der edelsten Rebblüthe des Rheins.

Dem Rüdesheimer Berge gleichwertig und an ihn örtlich grenzend sind die Auslesen des Bischofsberges, der sogenannte Hinterhäuser und Rottläder.

Der nächste Verwandte des Rüdesheimer Goldtrankes ist der Geisenheimer, der mit seinen bevorzugten Lagen: Kosakenberg, Rothenberg, Moosberg und – Katzenloch, bis an die Gemarkungen Rüdesheims heranreicht und, wie dieser, auf keiner besseren Weinkarte fehlen darf. Etwas milder und doch ein feuriger Rheinwein, zählt er zu den gelobtesten der Rheingauer Edelsorten und hat sich – dank der Fürsorge der seit Jahrzehnten dort heimischen Weinfirmen – den Ruf großer Reinheit und vorzüglicher Behandlung erworben. Lieblich muthet der saubere Ort mit seinen rothen Sandsteinthürmen, weithin leuchtend in dem Panorama des eigentlichen Rheingaues, den Wanderer an.

Da liegt dicht an der Landstraße unfern des Rheines, zwischen Hattenheim und Erbach, der Marcobrunn, eine Weinlage, die indessen nur geringen Flächenraum beherrscht. Marcobrunn! Nach früherer Auslegung war dieser Brunnen dem heiligen Marcus geweiht, sicherer ist die Herleitung von Marktbrunnen oder Brunnen an der Gemarkungsgrenze; denn er liegt auf der Scheide zwischen Erbach und Hattenheim. Und als eines Tages die Erbacher einen Grenzpfahl an dem klaren Brünnlein aufrichteten mit der Inschrift: „Marcobrunn Gemeinde Erbach,“ antworteten die Hattenheimer auf ihrer Seite mit dem öffentlichen Anschlag:

„So ist es recht, und so muß es sein:
Für Erbach das Wasser, für Hattenheim den Wein!“

Ernst entbrannte die Fehde nicht; denn beide Ortschaften reichen sich über der Höhe des Strahlenberges (so heißt der eigentliche Weinberg von Marcobrunn) die nachbarlichen Hände, zufrieden, daß Jeder sich eines hervorragenden Edelweines rühmen kann. Das Eisenbahngleis hat den Berg mitten durchschnitten – leider! denn es ist schade um jeden Zoll Erde, der hier dem Schienenweg gewichen. Der Rheinreisende eilt im Fluge mitten durch die hochgelobte Pflanzung, nur zur Zeit der Rebenblüthe daran erinnert, daß hier wohl „Außergewöhnliches“ sich zur Reife vorbereitet.

„Es heißt, zu Marcobrunn ist er geboren,
Ein Minnesänger, recht ein Hochhinaus,
Er scheint verliebt dazu bis an die Ohren.“

Das Winzerdörflein Hattenheim nannten wir schon. Es herbergt jetzt das „große Faß von Hattenheim“, ein Gebinde, das volle 84,000 Flaschen hält. War das eine fröhliche Taufe, als die Theilnehmer des in Wiesbaden tagenden Journalistentages, zufällig unter der officiellen Führung des Verfassers, dem Kindlein die erste Weihe angedeihen ließen! War das ein weinseliger Tag – eine Tafelrunde kundiger Ritter und Knappen, die sich dort im Hause des schon oben genannten Großproducenten, des Procurators Aug. Wilhelmi trafen, um durchzukosten, was der Rheingau in seiner besten Laune zu spenden vermag! Und als H. Dickmann (Franz Othen) im geheimnißreichen, magisch beleuchteten Riesenkeller, vor dem Weinkoloß den Weihespruch gethan und [[Emil Rittershaus]] das Wort ergriff, wie klangen da die Gläser, die rheinischen Lieder, die Hochrufe hinauf und hinaus zum Lobe des Hattenheimers und seines Spenders! Gar Manchem stieg da erst [723] ein richtig Bild herauf von jenen Schätzen des Rheines; die nicht gleich dem Nibelungenhort auf dem Grunde des Stromes, sondern auf dem Grunde der rheinischen Keller lagern.

Trefflich improvisiere Freund Rittershaus unter Anderem:

„Ich sag: Gott segne dich, du alter,
Du edler, dunkler, goldner Saft!
Du bist der Schöpfer und Erhalter
Der echten rechten Lebenskraft.
Auch dich, du junger Wein, ich grüße,
Ich schlürfe dich – mir ist’s fürwahr,
Als hättest du geborgt die Süße
Von einem ros’gen Lippenpaar.“

und wohl darf man behaupten, daß kaum anderwärts, nicht nur die Weine so mannigfaltig sich zur Probe bieten wie hier beim Faß zu Hattenheim, im Etablissement Wilhelmi’s, sondern daß auch selten die zur Weinkelterung und Behandlung erforderlichen Räume, wie Brühraum, Kelterhaus, Gährkeller, Lagerkeller etc., sich so belehrend für den Laien in ihrer Einrichtung erweisen wie hier. Möge der Wanderer sich den Besuch des ehemaliger Schlacht- und Siegesfeldes der deutschen Journalisten nicht versagen, wenn ihn der Weg am Dörflein Hattenheim vorbeiführt; die Pforte wird mit rheinischer Gastlichkeit gern aufgethan.

Mit den bisher genannten Edelsorten ist die Karte des Rheingaus noch nicht erschöpft; denn der Gräfenberger, der Neroberger, der Winkler Hasensprung, wie der Schiersteiner Hellenberg, der Vollradsberg, die Hallgarter, Kindricher, Erbacher, Mittelheimer, Oestricher und Wallufer, Eibinger und sogar weit drunten die Lorcher Bodenthaler sind guten und besten Klanges, ist doch der ganze Strich des rechten Rheinufers, von Biebrich bis hinab zur ehemaligen und eigentlichen Grenze des mittelalterlichen Rheingaus bei Lorch, ein großer Weinberg.

Eigentlich gehören zu den Rheingauer weißen Weinen noch der Hochheimer und der Scharlachberger, der erstere ein Mainwein, der zweite ein Nahewein. Sie sind aber beide so verwandt mit den früher genannten Weinen, daß unser Künstler ihre Heimstätten mit Recht dem Rahmen seines Bildes einreihte.

Wie zwei stattliche Vorposten schiebt das Rheingau oberhalb und unterhalb die genannten Rebberge vor. Der Hochheimer ist ein voller dunkelgelber Herr, dessen Edelgewächs (der Dom-Dechant, unterhalb und seitwärts der Ortskirche wachsend) an Kraft mit allen anderen Rheingauer Weinen wetteifert.

Der Hochheimer ist der Bahnbrecher für die Weine des Rheingaus in England geworden. Durch seinen kräftigen Gehalt erwarb er sich dort, wo Klima und Lebensweise derartige Getränke erheischen, zumeist seinen verdienten Ruf. Nach ihm nennt der Engländer jeden Rheinwein Hock. „Good hock keeps off the Doctor. Guter Rheinwein spart den Arzt.“

Hoch über Bingen seitwärts des vielbekannten, durch Goethe verewigten Rochusberges, am rechten Ufer der Nahe, am linken des Rheines erhebt sich der Scharlachberg, eine alte Römerbrücke überragend, durch welche die Nahe ihrer Mündung in den Rhein zueilt. Kobell singt in seinem „Lob von Binge“:

„Die herrlischt Gegend am ganze Rhei’,
Des is die Gegend vun Binge’;
Es wächst der allerbeschte Wei’,
Der Scharlach wächst bei Binge’!“

Und nicht übertrieben ist dieses Lob des Scharlachbergers, obgleich derselbe jeder Kehle und Zunge nicht so „süffig“ erscheinen mag wie die eigentlichen Rheingauer Gewächse. Edelwein ist auch er, und wie in allen Dingen ist über Geschmacksachen schwer zu streiten. Aber nirgends tritt der Unterschied für eine feine Weinzunge so hervor, wie hier; denn bei allem Feuer hat der Scharlachberger in Folge des wesentlich verschiedenen Bodens, auf dem er wächst, eine wenn auch schwache Erinnerung an Erdgeschmack, wie dieser den Naheweinen eigen ist.

Weitab von diesen Weingärten allen liegt ein Kirchlein oben am Rhein, das seinen Namen einer Weinsorte verliehen, der gleich dem Weine poetisch anmuthet: die Liebfrauenkirche bei Worms, deren Umgebung die „Liebfrauenmilch“ erzeugt. Freilich ist’s nur ein Stück Landes von wenigen Morgen, wo alle die Liebfrauenmilch wachsen soll, die uns der Handel als solche bietet.

Nahebei liegt der gelobte Kapuzinergarten, begrenzt von einem weiteren Terrain von etwa zehn Morgen Weingelände, dessen Crescenzen mit noch einer großen Menge anderer hessischer Weine ersten Ranges als Liebfrauenmilch verkauft werden. Indessen Schlechtes stiehlt sich nicht unter diese Firma, und so mag diese oft umgetaufte Milch auch weiter ihre Bewunderer erfreuen, wenn sie nur nicht „sauer“ auf den Markt und auf die Zunge kommt.

Aßmannshausen! Dies durch seine Weine und durch Freiligrath für alle Zeiten denkwürdige Dörflein grüßt uns dicht am Rheinufer, unten am Fuße des Niederwaldes, und ladet zur traulichen, lauschigen Ruhe ein.

„Zu Aßmannshausen in der Kron,
Wo mancher Durst’ge schon gezecht“ –

sang Freiligrath, und ach! nach ihm, was haben da so viele Tausende dem Rauschen der Wellen im Bingerloch gelauscht und im Genusse des milden und doch feurigen Rebensaftes sich echt rheinisch – berauscht! Unstreitig der beste rheinische Rothwein von mildem Mandelgeschmack, gedeihend auf den südlichen Abhängen der Aßmannshäuser Schlucht, wird er aus blauen sogenannten Burgundertrauben gekeltert und darf die Auszeichnung in Anspruch nehmen, daß er in seiner Eigenartigkeit nirgends auch nur einen ähnlichen Mitbewerber findet. Kein Dorf am Rhein ist poetischer gelegen; kein Wein am Rhein entspricht der Stimmung des Poeten mehr – und deshalb darf das Dörflein sich auch rühmen, schon oft das Ziel deutscher Sänger geworden zu sein.

„Das war zu Aßmannshausen
Wohl an dem grünen Rhein.
Da zog ich frisch und wohlgemuth
Zum alten Thor hinein.
Zu Aßmannshausen wächst ein Wein,
Ich mein’, das müßt’ der beste sein,
Der Aßmannshäuser Wein.“

Drüben – gegenüber dem Rheingau – auf linkem und hessischem Ufer des Rheines, wächst noch ein rother „Freudenbringer“ guten Rufes, der Ingelheimer, zwischen und bei den Ortschaften Ober- und Nieder-Ingelheim. Er ist leichter als der Aßmannshäuser, mild und feurig und durch seine Würze sehr beliebt. Als Zweiter im Range, repränsentirt er würdig die rothen Hochgewächse des Rheines, wird aber jetzt viel zur rheinischen und selbst französischen Schaumweinfabrikation verwendet.

Ingelheim ist der Ort, wo nach der Sage Kaiser Karl der Große von seinem Palaste aus, dessen sparsame Reste sich noch alldorten finden, den Schnee auf den gegenüberliegenden rheinischen Bergen so frühzeitig – namentlich drüben bei Rüdesheim – schmelzen sah, daß er sich hierdurch veranlaßt fand, den Weinbau daselbst einzuführen, indem er Orleans-Trauben aus Frankreich zur Anrodung des Rüdesheimer Berges kommen ließ. Ist auch diese Sage längst widerlegst so mag Geibel’s treffliches Poem uns doch den „hohen Schatten“ herbeizaubern, „der an den Hügeln wandelt, mit Schwert und Purpurmantel, die Krone von Golde schwer“.

Und mit Geibel schließen wir diese weinselige Rundschau in unseren Heimstätten des Rheinweins, erfreut, daß endlich wieder ein günstiges Jahr uns gestattet:

„Zu füllen die Rheinwein-Römer,
Zu trinken im goldenen Saft
Uns deutsches Heldenfeuer
und deutsche Heldenkraft.“