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Textdaten
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Autor: O. A.
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Titel: Heidelbergiana
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 846, 847
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[846] Heidelbergiana. Wer weiß heute noch in der Neckarstadt von dem Nadler Diehl, von Studenten- und Unsinnsgnaden Hof- und Staatsrath? Wie es ein paar lustige Vögel von Studenten in Heidelberg angefangen haben, den harmlosen Nadler Diehl, der sich mit Anfertigen von kleinen Draht- und Messingwaaren redlich und kümmerlich ernährte, um sein bischen Verstand zu bringen, wird wohl niemals ganz aufgeklärt werden und ich am wenigsten will das etwas rüde Gebahren der Studenten entschuldigen. Einige kurze Lichtblicke in das kurze Glanzleben dieses Märtyrers des akademischen Ulks sollen ihn vor dem gänzlichen Vergessen bewahren.

Zum allgemeinen Jubel der tollen Jugend stolzirte der bisher ärmlich gekleidete Diehl, seines Zeichens Nadler und Junggeselle, plötzlich im flottesten Studentenwichse, in Kanonenstiefeln und rother Mütze, umringt von einigen Haupthähnen des Corps der Schwaben, einher. Bald war er bei einer Spritztour nach Mannheim, bald bei einem Ausritte nach Neckargemünd zu sehen; bald saß er im Café Wachter vor einem Schreibtische und versudelte eine Masse Papier mit dem blühendsten Unsinn, den er Gedichte und Staatsschriften nannte – sogar in einem fingirten Duelle mußte er in der Rose in Neuenheim fechten, das ich, damals Gymnasiast, durch besondere Vergünstigung mit ansehen durfte. In einigen Wochen war der maskirte Student soweit, daß er mit der größten Ernsthaftigkeit ein burleskes Doctor- und Staatsexamen machen konnte, nach welchem ihm ein großes illustrirtes, mit sieben Siegeln versehenes Patent behändigt wurde, als „Hof- und Staatsrath in hessen-darmstädtischen Diensten.“ Sein lithographirtes Bild war in allen Wirthschaften zu sehen und wurde auf Pfeifenköpfen gemalt getragen. – Es war damals, Anfangs der zwanziger Jahre, die schönste Zeit der Reaction und Demagogenriecherei, wo die Mainzer Commission wie eine Spinne auf die kleinste Fliege lauerte, um ihr den Lebenssaft auszusaugen.

Der Minister X. in Darmstadt galt als einer der schärfsten Schnüffler auf der Fährte der Verfolgten. Vor der Wohnung dieses Würdenträgers hielt eines schönen Sommerabends eine dreispännige Equipage; neben dem Kutscher saß ein auffällig galonnirter Diener, etwa siebenzehn Jahre alt, mit impertinentem Blicke und gleicher Haarfarbe; es war der später allgemein bekannte rothe Fischer, der hier in seinem ersten Probespiele auftrat.

Der Diener öffnete den Wagenschlag und half einem etwas ungelenken Herrn heraus, dessen untere Gliedmaßen mit hohen Kniestiefeln und Sporen, dessen Leib mit einem viel zu weiten Schnürrock bekleidet, und auf dessen Haupt ein großer Federhut gestülpt war. Wir erkennen unseren Hof- und Staatsrath, der sein Patent in einer großen Kapsel wie einen Marschallsstab in Händen trug.

Mit größter Ruhe und Kaltblütigkeit fragte er das staunende Gesinde nach dem Minister und trat in das ihm bezeichnete Zimmer, natürlich ganz studentenmäßig, ohne anzuklopfen, den Hut auf dem Kopfe.

[847] Der Minister, durch die ungewöhnliche Erscheinung erschreckt, der wohl auch die große, das Patent enthaltende, blecherne Büchse für eine Mordwaffe hielt und unwillkürlich an Kotzebue’s Ende dachte, concentrirte sich rückwärts mit einem gewaltigen Sprunge hinter seinen Schreibtisch, und rief um Hülfe, während die ihn schreckende Erscheinung in eintöniger, ganz leidenschaftsloser, auswendig gelernter Rede sprach:

„Minister X., Du bist abgesetzt, und hast sogleich den unten stehenden Wagen zu besteigen, nach Heidelberg zu fahren und Dich daselbst bei dem Seniorenconvent zu melden, der über Dein künftiges Schicksal entscheiden wird. Ich bin der Hof- und Staatsrath Diehl, übernehme von heute an Deine Stelle, Dein Haus und Deine Familie.“

Unterdessen war auf das wiederholte Rufen des Ministers dessen Familie und Dienerschaft erschienen, die das abenteuerliche menschliche Räthsel anstarrten, das fortwährend mit lauter sonorer Stimme sein eben hergesagtes Sprüchlein wiederholte und keine andere Antwort auf die von allen Seiten heftig gestellten Fragen gab. Nur als der Minister in höchster Aufregung nach Wache und Polizei rief, sagte der Eindringling ganz ruhig: „Ja wohl lasse ich Dich arretiren, wenn Du Dich nicht gleich in den Wagen setzen und nach Heidelberg zum Seniorenconvent fahren wirst.“ Nachdem diese Scene seit der Ankunft des Ministerprätendenten etwa eine halbe Stunde gewährt hatte, erschien wirklich auch die herbeigeholte Polizei und brachte den Hofrath mit Gewalt in den Wagen und in die Haft. Der junge rothe Bediente hatte schnell einen Mantel übergeworfen und war spurlos verschwunden. Führer, Pferde und Wagen wurden vom Traubenwirth als Eigenthum des Kutscher Hormuth in Heidelberg festgestellt und einstweilen entlassen. Bei dem am andern Tage angestellten Verhör war natürlich aus dem Arrestanten nichts herauszubringen, der als einzigen Ausweis sein in den drolligsten und unsinnigsten Ausdrücken abgefaßtes Diplom vorzeigte, fest und beharrlich behauptete, daß er Hof- und Staatsrath sei, und fortwährend seine gestrige Rede aufsagte. Es wurde nun die räthselhafte Persönlichkeit nebst Diplom und Acten, unter scharfer Bewachung, in dem Wagen nach Heidelberg an den dortigen Stadtdirector Wild zur Bestrafung und Ermittelung der Helfershelfer gesandt.

Hier war aber schon vorher der rothe Fischer eingetroffen, der in der Nacht von Darmstadt nach Heidelberg gelaufen war und die Nachricht von der Festnahme des Hof- und Staatsraths gebracht hatte.

Glücklicherweise waren die Veranstalter des Ulks keine Burschenschafter, denen in diesem Falle jahrelange Untersuchungshaft in sicherer Aussicht gewesen wäre. Die muthwilligen Sünder waren Söhne hochgestellter Beamten und Mitglieder des Corps der Schwaben das damals schon im Rufe unverbrüchlicher Regierungsergebenheit stand. Ehe daher der Gefangene in Heidelberg eingeliefert wurde, hatte sich der hervorragendste der Missethäter zum Stadtdirector begeben und Beichte des gespielten Streiches abgelegt, worauf ihm nach einigen Unterhandlungen in Anbetracht des Namens und der Stellung seiner Familie volle Absolution ertheilt wurde. – Der arme um seine Ministerstelle geprellte Hof- und Staatsrath wurde aber bei seiner Einlieferung auf einige Tage in Gewahrsam genommen, und erst nachdem die Aerzte ihn nach genauer Untersuchung für unzurechnungsfähig erklärt hatten, laufen gelassen. Das darüber ausgestellte Zeugniß wurde dem Minister X. in Darmstadt mitgetheilt, und somit die Geschichte begraben.

Mit Schluß des Semesters verließen die lustigen Protectoren des Hofraths, die schon längst bemooste Häupter waren, die Universität und ihren Schützling, der bald seinen Nimbus einbüßte, die Zielscheibe des Nachwuchses der Jugend und endlich vergessen wurde. – Der Hauptanstifter des Ulkes ist zur Vergeltung später badischer Staatsrath geworden und als Präsident eines Ministeriums gestorben.

O. A.