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Textdaten
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Autor: H.
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Titel: Hülfe in Todesnoth
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 550–551
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[550]
Hülfe in Todesnoth.

Gegen das Verbot unserer Eltern gingen wir, meine Spielgenossen und ich, recht fleißig in einem nicht weit vom Heimathsörtchen, aber recht versteckt in einem schattigen Wäldchen gelegenen Teich baden. Anfangs trieben wir uns im seichten Wasser des ganz allmählich abfallenden Ufers umher, später brachte es die Beharrlichkeit des Einen und des Andern dahin, daß er nach Pudelart eine kurze Strecke weit schwimmen konnte, zur Bewunderung und zum glänzenden Beispiel der Andern, und endlich gelang es auch Einzelnen, das Naturschwimmen gegen das kunstgerechte zu vertauschen. Ein solcher gestattete sich dann, beim Beginn des Badens sogleich vom steilen Ufer in die tieferen Stellen des Teiches zu stürzen. Das war Alles ganz gut, gereichte uns zu Nutzen und großer Freude und Niemand zum Schaden, außer einmal denen, welchen die von boshafter Hand vertauschten Hemden zum Verräther wurden. Aber es sollte schlimmer kommen, und beinahe hätte das Vergnügen noch ein böses Ende genommen.

Zu uns, die wir Stammgäste im Teiche und mit allen Untiefen und Tücken desselben vertraut waren, gesellte sich dann und wann ein Gast, dem eine so gründliche Kenntniß des Terrains abging. Meist hielten sich solche im knietiefen Wasser des Ufers. Eines Tages aber ließ sich ein solcher Neuling dadurch täuschen, daß Einige von uns sofort schwimmend in tiefe Stellen gingen und anscheinend noch Grund hatten; unbeachtet von den Andern folgte er ihnen an derselben Stelle und auf einmal war er verschwunden. Zwar wurde es von uns sofort bemerkt, aber durch seine heftigen Bewegungen war der unglückliche Schwimmer so weit in das tiefe Wasser gerathen, daß er nur nach vielfachen vergeblichen Anstrengungen gefaßt und an das Ufer geschafft werden konnte. Es war die höchste Zeit dazu gewesen. Die anfangs sehr lebbaften Bewegungen waren immer langsamer geworden, immer seltener war er emporgetaucht und endlich kamen nur noch dann und wann die Arme zum Vorschein. Fast als Leiche brachten wir unsern Freund aufs Trockene. Wie eine todte Masse lag er da, in sich zusammengesunken, mit blauen Lippen und blauen Wangen, in langen Pausen that er einen kurzen, heftigen Athemzug. Was war da zu thun? Sollte Einer von uns zu den nächsten, eine Viertelstunde entlegenen Häusern laufen und Hülfe holen, einen Arzt herbeischaffen, vielleicht während die Andern Belebungsversuche anstellten? Belebungsversuche, an diese dachten wir zunächst allerdings auch, aber was sollten wir thun? Einer schlug vor, den Verunglückten auf den Kopf zu stellen, damit das Wasser wieder herausliefe, ein Anderer war für das Frottiren der Haut, gethan haben wir aber nichts, denn er kam von selbst sehr bald wieder zu sich.

Mir ist der Vorfall nie wieder aus dem Gedächtniß gekommen und mit dem lebhaftesten Interesse habe ich auf Alles geachtet, was zur Belebung dergleichen Verunglückter in Vorschlag gebracht worden ist. Es wird auch zugegeben werden müssen, daß in vielen Fällen der Tod hätte abgewendet werden können, wenn zu rechter Zeit passende Hülfe geleistet worden wäre. Sachverständige herbeizuschaffen, nimmt die kostbarste Zeit in Anspruch, jede Minute Verzug macht die Aussicht auf Wiederbelebung immer unwahrscheinlicher, und doch giebt es ein Verfahren, das außerordentlich leicht und von Jedermann ausgeführt werden kann, also auch Jedermann bekannt sein sollte. In den folgenden Zeilen wollen wir dieses Verfahren auseinander setzen, um es aber recht deutlich zu machen, wollen wir zunächst erörtern, in welchem Zustande sich ein Ertrunkener befindet und worauf bei Hülfeleistung das Augenmerk eigentlich zu richten ist.

Vielfach ist die Ansicht verbreitet, wenn Einer ertrinkt, laufe ihm das Wasser in die Lungen. Das ist aber nicht richtig. Der in’s Wasser Gefallene hält in der Regel den Athem an und holt blos Athem, wenn er mit dem Kopf über Wasser kommt; dabei kann es allerdings geschehen, daß etwas Wasser mit in die Lungen gesogen wird; das Wasser aber, das ihm in den Mund kommt, verschluckt er; es kommt also in den Magen. Während nun der Ertrinkende den Athem an sich hält, kann weder die im Blut entstehende Kohlensäure dasselbe verlassen, noch neuer Sauerstoff in das Blut aufgenommen werden, und es tritt somit aus diesen beiden Ursachen einfach Erstickung ein. Das Bewußtsein trübt sich, die Bewegungen werden immer langsamer und kraftloser, immer seltener taucht der Verunglückte auf, endlich hört alle Bewegung auf, die Muskeln erschlaffen und nun kann es geschehen, daß Wasser in die oberen Luftwege läuft: es steigen über dem Versunkenen ein paar Luftblasen auf. Dies Alles hat die Aufhäufung der Kohlensäure im Blute bewirkt. Kohlensäurereiches Blut taugt nicht zur Ernährung und zur Erhaltung des Lebens. Solches Blut wirkt zunächst lähmend auf die Herzthätigkeit, das Herz schlägt nicht mehr so schnell und so kräftig, wie vorher; in Berührung mit dem Gehirn und Rückenmarke vermag solches Blut diese höchst wichtigen Körpertheile nicht mehr lebensfähig zu erhalten, das Bewußtsein erlischt und die ganze Nerventhätigkeit hört auf, der ganze Mechanismus steht still.

Offenbar ist nun das passendste Mittel für die Wiederbelebung dasjenige, welches die Kohlensäure aus dem Blute fortschafft, gerade so wie nach einer Vergiftung das Mittel das beste ist, welches das Gift wieder aus dem Magen entfernt. Ea muß also vor allen Dingen das Athmen wieder hergestellt werden. Diese Anschauung liegt jedenfalls dem Vorschlag zu Grunde, Ertrunkene auf den Kopf zu stellen; es soll das in die Lunge gedrungene Wasser wieder auslaufen. Doch ist dieses Verfahren nicht blos unnütz, sondern auch gefährlich. In die Tiefe der Lungen eingedrungenes Wasser läuft ebensowenig aus diesen heraus, wie Wasser- aus einem mäßig feuchten Schwamme; dazu kommt, daß der von verschlucktem Wasser oft stark angefüllte Magen herabsinkt und den Lungenraum nun verkleinert. Das Wasser aber, welches dem Ertrunkenen in den hinteren Partien des Schlundes und in den oberen Luftwegen sitzt, läuft schon heraus, wenn man ihn auf den Bauch legt. Man muß also ein zweckmäßigeres Verfahren aufsuchen.

Vielfach ist auch das Einblasen von Luft in die Lungen empfohlen worden. Es könnte dies nur so gemacht werden, daß Jemand seinen Mund auf den des Ertrunkenen fest aufsetzt, ihm die Nase zuhält und nun kräftig bläst, dann die dem Ertrunkenen eingeblasene Luft entweichen läßt und von Neuem bläst und sofort in regelmäßigen Absätzen. Dies wäre das einzig mögliche Verfahren, da Instrumente zum Lufteinblasen, deren Gebrauch außerdem erst durch Uebung erlernt werden muß, nicht zur Hand sind. Allein auch ohnedem dürfte es für den Unerfahrenen schwer sein, [551] das Lufteinblasen so geschickt auszuführen, daß wirklich etwas damit erreicht würde; es kommt ferner in Frage, ob Jemand im Stande sein möchte, eine Viertel-, eine halbe, ja eine ganze Stunde lang regelmäßig Luft einzublasen. Doch ist das Verfahren auch an und für sich unpraktisch, denn es kann möglicher Weise dem Verunglückten der Schleim und das Wasser, die sich in seinem Schlund befinden oder die sich aus dem Magen entleeren, noch in die Lunge geblasen werden, und in vielen, vielleicht in den meisten Fällen sinkt die gleichfalls erschlaffte Zunge soweit zurück, daß sie den Eingang der Luftröhre verschließt. Die eingeblasene Luft wird also in diesen Fällen gar nicht in die Lunge kommen, eher in den Magen, wie es denn auch wirklich schon geschehen ist. Endlich aber ist die Luft, welche man einbläst, schon einmal zum Athmen gebraucht worden und mit solcher Luft wäre dem Ertrunkenen, dessen Blut mit Kohlensäure übersättigt ist, höchstens in den ersten Augenblicken etwas gedient, später, wenn sein Blut bei der Wiederbelebung schon viel von der angesammelten Kohlensäure verloren hat, müßte ihm reine Luft eingeblasen werden.

Wäre es nun nicht möglich, dem Verunglückten auf andere Weise gleich reine atmosphärische Luft einzuführen? Wie wäre es, wenn man nicht bliese, sondern den Ertrunkenen die Luft so einsaugen ließe, wie es der lebende Mensch thut? Das wäre ganz einfach so zu erreichen, daß man dem Brustkasten und dem Bauche künstlich die Bewegungen mittheilt, wie sie beim athmenden Menschen von selbst ausgeführt werden. Das geht z. B. durch elektrische Reizung der Muskeln, welche diese Bewegung bewirken, so des Zwerchfells, und in Wirklichkeit sind auch dadurch derartige Verunglückte wieder zum Leben gebracht worden. Bei Ertrunkenen läßt sich aber die Elektricität nicht sofort anwenden, man muß daher die künstliche Athmung in anderer Weise bewerkstelligen. Zu diesem Zweck hat man vorgeschlagen, man soll Brust und Bauch des Ertrunkenen mit beiden Händen umfassen und zusammenpressen; dabei entweicht Luft aus der Lunge; läßt man mit dem Drucke nach, so sollen sich Brust und Bauch wieder ausdehnen und so Luft einsaugen. Gründliche Untersuchungen haben aber gezeigt, daß dies nicht immer so geschieht. Man kann zwar Luft aus der Brust ausdrücken, aber es kommt in sehr vielen Fällen keine wieder hinein, zum Theil deshalb, weil die zurückgesunkene Zunge, Schleim und Wasser die Luftröhre verstopfen. Außerdem ist die nach dem Druck eintretende Erweiterung des Brustraumes nur eine geringe und gar nicht zu vergleichen mit der ausgiebigen, welche beim wirklichen Einathmen vor sich geht.

Es giebt aber ein Verfahren, welches allen möglichen Anforderungen entspricht, ein Verfahren, das schon vor mehreren Jahren von dem englischen Arzt Marshall Hall angegeben und schon oft mit dem günstigsten Erfolg angewandt worden, in Deutschland aber auffälliger Weise noch lange nicht so bekannt ist wie es verdient. Es ist einfach folgendes. Man legt den Ertrunkenen ohne Verzug auf den Bauch, einen seiner Arme unter die Stirn. Dadurch wird erreicht, daß Schleim und Wasser aus dem Munde abfließen können und bei den nun folgenden Athemzügen, welche man den Verunglückten machen läßt, nicht in die Lungen gelangen. Ferner sinkt die erschlaffte Zunge nach vorn und giebt den Eingang der Luftröhre frei. Ist der Betreffende in diese Lage gebracht, so drückt man mit den flachen Händen leicht gegen den Rücken, damit in die Luftröhre eingedrungenes Wasser abfließt und die Lunge einen Theil der in ihr enthaltenen Luft, wie beim Ausathmen, abgiebt. Dann läßt man mit dem Druck nach und rollt den Körper allmählich auf die Schulter, deren Arm unter der Stirn liegt, und noch ein wenig darüber hinaus, dann wieder schnell auf das Gesicht; darauf drückt man wieder gegen den Rücken, rollt den Körper wieder auf die Seite und fährt so fort. Dadurch, daß der Körper auf die Seite und etwas darüber hinaus gerollt wird, nimmt der Brustkasten nämlich die Stellung ein, wie beim Einathmen. Man läßt also bei diesem Verfahren regelmäßig Aus- und Einathmen aufeinander folgen, die Lunge entleert ihre von Kohlensäure reiche Luft und nimmt reine dafür auf, in Berührung mit dieser giebt auch das Blut seine übergroße Menge Kohlensäure ab und sättigt sich mit Sauerstoff.

Macht nun das Herz auch noch so selten Bewegungen und sind die Herzschläge noch so schwach, so gelangt doch jetzt wieder solches Blut in dasselbe, wie es zur Unterhaltung des Lebens völlig tauglich ist. Mit den nächsten Pulsschlägen wird die Herzsubstanz mit solchem Blute versorgt, und nun schlägt das Herz kräftiger und öfter, dann gelangt das sauerstoffreiche und kohlensäurearme Blut in das Gehirn und Rückenmark, und diese werden neu belebt und endlich wird der ganze Körper wieder in den früheren lebensfähigen Zustand versetzt. Bei dieser Belebungsmethode hat man noch darauf zu achten, daß man dies Rollen des Körpers und das Drücken recht ruhig und ohne Hast ausführt; man darf nicht öfter als sechszehn Mal in der Minute athmen lassen, also so oft wie ein gesunder Meusch athmet, darf aber die Bewegungen nicht aussetzen. Wenn möglich, reibt man die Glieder des Verunglückten tüchtig, weil auch dieser Hautreiz das Nervensystem und die Herzthätigkeit erregt. Die nassen Kleidungsstücke vertausche man mit trockenen. Wie lange man die künstliche Respiration fortsetzen soll, läßt sich nicht im Allgemeinen angeben. In Fällen, in welchen Ertrunkene bis fünf Minuten unterm Wasser waren, traten schon nach den ersten künstlichen Athemzügen wieder die wirklichen ein, in andern Fällen war erst nach dreißig bis vierzig Minuten langer Dauer der künstlichen Respiration das Leben wieder gesichert. Selbst wenn Ertrunkene bis zu zwanzig Minuten unter Wasser waren, ist es gelungen, sie wieder in’s Leben zurückzubringen, aber dann hat man sie meist noch länger, selbst mehrere Stunden künstlich athmen lassen, eine Mühe, die sicher nur sehr gering anzuschlagen ist gegen den Gewinn, den sie bringt.

Dieses Verfahren paßt nicht allein für die Wiederbelebung Ertrunkener, sondern auch für die plötzlichen, auf ähnlichen Ursachen beruhenden Todesfälle, so beim Tod durch Erhängen, nach dem Einathmen von Kohlendunst, von Leuchtgas, von Chloroform etc. Die Belebung eines Erhängten geht aus ganz denselben Gründen vor sich, wie die des Ertrunkenen, sie sind beide durch Abschluß der atmosphärischen Luft vom Blute und durch Anhäufung der Kohlensäure im Blute erstickt; nur kommt beim Erdrosseln noch hinzu, daß die Blutcirculation im Gehirn gestört ist. Beim Tod durch schädliche Gasarten ist die Gegenwart dieser im Blute Ursache der Unterdrückung der Lebensthätigkeit; wird solchen Verunglückten aber regelmäßig, in angegebener Weise, Luft zugeführt, so erhält der in das Blut eingeführte Sauerstoff das Leben, wenn auch auf einer niederen Stufe, der Körper gewinnt aber Zeit, sich der schädlichen Gasarten wieder zu entledigen. Für alle diese Fälle liegen Beispiele von Wiederbelebung vor. Auch bei Vergiftungen mit Opium hat man die Methode von Marshall Hall mit Erfolg angewendet, und sicher wird sie auch bei andern Vergiftungen, so bei der mit Alkohol, bei geringer Blausäurevergiftung u. a. m. den erwünschten Dienst leisten.

Das künstliche Athemholen nach Dr. Silvester’s Methode scheint noch wirksamer, als das nach der angegebenen Methode von Hall. Es geschieht auf folgende Weise: man legt den Kranken mit dem Rücken auf eine etwas schräge Fläche, so daß der Kopf ein wenig höher liegt, und erhebt und stützt den Kopf und die Schultern durch ein kleines, festes

Kissen oder ein zusammengelegtes Kleidungsstück, das unter die Schulterblätter gelegt wird. Sodann wird die Zunge des Kranken nach vorn gezogen und vor den Lippen festgehalten; ein elastisches Band über die Zunge und unter das Kinn gebunden, ist hierzu am besten, oder es kann auch ein Stück Schnur oder Band darumgebunden werden. Hinter dem Kopfe des Kranken stehend, ergreift man nun die Arme dicht über den Ellenbogen, zieht sie sanft und fest aufwärts über den Kopf und hält sie aufwärts gestreckt etwa zwei Secunden lang, wodurch Luft in die Lunge gezogen wird. Dann führt man die Arme des Kranken abwärts und drückt sie sanft, aber fest zwei Secunden lang gegen die Seiten der Brust (wodurch Luft aus den Lungen getrieben wird). Dies wiederholt man abwechselnd ungefähr zehn Mal in der Minute, bis eine beständige Athembewegung wahrgenommen wird. Sowie dies der Fall ist, hört man mit den künstlichen Athmungen auf und sucht die Körperwärme und den Blutumlauf anzuregen.
H.