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Autor: Hermann Becker
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Titel: Ein Vermächtniß früherer Jahrhunderte
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 549, 555–557
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[555]
Ein Vermächtniß früherer Jahrhunderte.
Mit zwei Abbildungen.
[549]
Die Gartenlaube (1865) b 549.jpg

Der Dom zu Köln vor dem Beginn seines Herstellungsbaues im Jahre 1824.

[555] Es sind nicht viel über dreißig Jahre verflossen, als Heinrich Heine schrieb, das; er die Hand des letzten Malers gesehen und geküßt habe. Jener Maler, Peter Cornelius, repräsentirte aber nicht den Abschluß einer Kunstperiode, sondern im Gegentheil den Beginn einer neuen Aera, die sich kein geringeres Ziel gesetzt hat, als wieder zu den Höhen aufzuklimmen, auf denen Raphael, Michel Angelo, Dürer und Rubens gestanden haben. In dieser kurzen Spanne Zeit von dreißig Jahren sind nicht blos einzelne große Künstler, sondern ganze Schulen entstanden. Den Malern haben die Bildhauer emsig nachgestrebt. Schon können wir mit Stolz von einer deutschen Bildhauerei sprechen, deren monumentale Werke die Straßen und Plätze unserer Städte schmücken. Und nicht etwa einzelne Mäcene haben diese neue Kunstblüthe geschaffen, aus dem Volksgeist heraus hat sie sich entfaltet, aus demselnen Volksgeist, dem wir auch eine neue Literatur, ein neues und frisches wissenschaftliches, bürgerliches und poetisches Leben verdanken.

Die dritte der bildenden Künste, die Baukunst, ist insofern zurückgeblieben, als sie uns noch keinen neuen Baustyl geschenkt hat. Leben und Thätigkeit herrschen aber auch auf ihrem Gebiet. Mit der wichtigsten ihrer Vorarbeiten, mit der Ausbildung künstlerisch tüchtiger Gehülfen, ist sie fertig. Wir haben wieder Steinmetzen und Maurer, Holzschnitzer und Zimmerleute, die einen Vergleich mit ihren mittelalterlichen Genossen nicht zu scheuen brauchen. Wie das liebevolle Studium der alten Gothik für die Baukunst überhaupt vom höchsten Einflusse gewesen ist, so hat es auch sehr bedeutend zum Aufschwunge der Baugewerke beigetragen, In diesem Sinne ist es ein Glück zu nennen, daß unsere Altvordern uns unvollendete Dome hinterlassen haben und die Zopfzeit das Vorhandene vernachlässigt hat. Um der Ausbaue und Restaurationen willen hat man Bauhütten gegründet, aus denen Schaaren von kunstgebildeten Arbeitern hervorgegangen sind.

Wundern wir uns über die Nichtvollendung von alten Bauen in solcher Zahl, daß man den vollen Ausbau einer großen gothischen Kirche als eine seltene Ausnahme betrachten kann, so können wir uns diesen Umstand damit erklären, daß unsere Vorfahren, theils freiwillig und theils im Drang der Noth, sich Zeit nahmen und daß, ehe sie mit dem Begonnenen fertig wurden, ein neuer Styl, der der Wiedergeburt, die Herrschaft antrat.

So war es mit dem Dom von Köln, einer der größten und wohl der schönsten unter den vielen derartigen Bauten, welche das dreizehnte Jahrhundert begann. Ein Theil, das Chor, etwas mehr als ein Dritttheil der ganzen Länge messend, war seit 1322 vollendet, abgeschlossen und zum Gottesdienste geweiht: 1347 begann man am anderen Ende an den Thürmen und der westlichen Façade, der südliche Thurm ward im Laufe etwa eines Jahrhunderts bis zu einer ansehnlichen Höhe hinaufgeführt, dann zugedeckt, und 1437 hing man die Glocken darin auf. Die Langschiffe waren etwa bis zur Höhe von vierzig Fuß in Mauern und Pfeilern aufgeführt, im äußersten nördlichen Seitenschiff eingewölbt und bereits 1508 mit prächtigen gemalten Fenstern versehen, das Uebrige war mit Holz nothgedeckt; vom Querschiff war der nördliche Theil zu einer besonderen Pfarrkirche verbaut, vom südlichen stand nur ein Theil der östlichen Seitenwand.

So übernahm unser Jahrhundert den Bau, aber noch überdies in einem sehr verfallenen trümmerhaften Zustande. Vierhundert Jahre lang hatte man aufgehört zu bauen und endlich gar die Reparaturen unterlassen. Ringsum war das Gebäude mit anderen Gebäuden verbaut: im Süden war eine geräumige Kirche, St. Johann gewidmet, daran gebaut; im Osten stand dicht daran eine andere Kirche, Sta. Maria ad gradus; im Rorden hing die Pfarrkirche Sta. Maria in pasculo, auf kölnisch „zum Pesch“, damit zusammen; zwischen die Strebepfeiler der Südseite des Langschiffes waren Häuser und Häuschen eingebaut, und das Ganze steckte halbverborgen in einer formlosen Masse von Baulichkeiten.

Von fern gesehen bildete der Dom zwei große hohe Massen, den Chor und den südlichen Thrmstumpf, auf welchem der Krahnen zum Aufbringen des Materials wie ein wunderliches Ausrufungzeichen emporstand und als Wahrzeichen der Stadt galt. Zwischen den beiden großen Massen streckte sich niedrig langhin das unvollendete Langschiff der Kirche. Es schien, daß dieser Bau das bleiben sollte, als was ihn die große kölnische Chronik bezeichnet, „ein ewiger Bau“, und es war endlich nahe daran, daß diese Ewigkeit des Werkes mit seiner Abtragung ein Ende nahm, als mit Ausbruch der französischen Revolution der Krieg und die Eroberung das Land überzogen, das Domcapitel flüchtete und seine reichen Schätze mitnahm, als 1801 das Erzbisthum Köln aufgelöst und Klöster und Stifter aufgehoben wurden.

Es wäre ein solcher Kunstfrevel vielleicht ziemlich unbemerkt vorübergegangen, denn noch zehn Jahre später klagt Sulpiz Boisserée in einem Briefe an den Baumeister Moller, daß sich in Köln außer ihm selber und einem alten Glasermeister kein Mensch um den Dom bekümmere.

Was diesen rettete, war, daß bei einer neuen Eintheilung der Pfarreien in der Stadt (die Franzosenherrschaft räumte auch in kirchlichen Dingen auf) die aufgehobene Laurentiuspfarre in den Dom verlegt wurde, der somit Pfarrkirche wurde. Mehr aber that der Antheil und die Thätigkeit eines einzelnen Privatmannes, dessen Namen wir eben nannten, Sulpiz Boisserée. Dieser, ein Kölner von Geburt, damals noch jung (1783 geb.), wohlbegütert, ursprünglich kaufmännischen Geschäften gewidmet, dann dilettirend in Philosophie und Geschichte, ist überhaupt, obschon persönlich eben nicht bedeutend, für die ganze neuere Kunst von großer Bedeutung gewesen.

Sulpiz Boisserée war in philosophischen und ästhetischen Dingen ein Schüler von Friedrich Schlegel, der mit Tieck die deutsche Romantik zur höchsten Blüthe brachte und den Sinn für altdeutsche Kunst neu erweckte. Er hatte natürliche Neigung zu romantischen Anschauungen und Gefühlen, die in der alten ruinenhaften Vaterstadt sehr natürliche Nahrung fanden, und er brauchte nicht wie Schlegel erst katholisch zu werden, er war es schon von Hause aus und frommen Sinnes. So widmete er dem Dom eine Art von Cultus, eine Verehrung wie einem Heiligthum und unternahm das große Bauwerk wenigstens idealer Weise herzustellen und zu vollenden. Etwa 1809 begann er mit Zeichnen und Vermessen desselben, und damit ward endlich wieder ein wärmerer Antheil auch in Köln für den Dom erweckt. 1811 kam es endlich so weit, daß die französische Regierung einige Tausend Franken zu Reparaturen auswarf, daß der Baumeister Moller aus [556] Darmstadt zu Rathe gezogen und ein wenig geflickt, ein bischen gestützt und das Einsturz Drohende abgerissen wurde.

Boisserée’s Werk ist bekannt; er hat mit einer Art von naiven Zuversichtlichkeit und Ausdauer Jahre lang bei Hoch und Niedrig für altdeutsche Kunst und besonders für den Dombau Propaganda gemacht und mit Erfolg. Als die Franzosenherrschaft vorüber war und Preußen Köln und die Rheinlande übernahm, da war der Sinn für die gothische Kunst schon wieder so geweckt, daß sogleich an die Restauration des Domes gedacht wurde, und der damalige Kronprinz, nachmaliger König Friedrich Wilhelm der Vierte, erhob sich bereits zu dem Gedanken der Vollendung des großen Wunderbaues. Schinkel wurde beauftragt den Bau zu untersuchen, und auf seinen Bericht verordnete der König Friedrich Wilhelm der Dritte, das Vorhandene solle erhalten werden, aber es dauerte noch bis zum Jahre 1824, ehe man wirklich Hand anlegte. Doch beschränkte sich Alles auf nothdürftige Reparaturen, die unter Leitung des Bauinspectors Ahlert bis 1833 fortgesetzt wurden, wo dieser starb. Nun übernahm Zwirner das Werk und machte sofort Pläne zum Weiterbau und zur Vollendung der eigentlichen Kirche, des Quer- und Langschiffes bis zu den Thürmen heran. Auch Schinkel hatte solchen Plan gefaßt, jedoch in der Weise, daß nur das Nothdürftigste im Rohbau geschaffen, selbst das Strebesystem womöglich gespart und alles Ornamentale und baulich nicht durchaus Erforderliche späteren Zeiten überlassen werden sollte. Bei dem System äußerster Sparsamkeit, welches unter Friedrich Wilhelm dem Dritten in Preußen herrschte, kam aber von alledem Nichts zur Ausführung.

Inzwischen war aber ein allgemeiner Enthusiasmus für den Kölner Dom erwacht: je weniger man im Grunde von der gothischen Kunst verstand, um so mehr schwärmte man dafür, und mit dem Regierungsantritte König Friedrich Wilhelms des Vierten kam ein kunstfreundlicher, ja kunstschwärmerischer Herrscher an die Spitze der Dinge in Preußen. Nun bildete sich in Köln ein Verein von angesehenen Bürgern zu dem Zwecke, den Dombau auf jede Weise zu fördern und zwar den Dom ganz nach dem ursprünglichen Plane fertig zu bauen, ohne Aenderungen, ohne Sparsamkeitsrücksichten das zu vollenden, was das Mittelalter nicht hatte vollenden können. Der König ward Protector dieses Vereins (1841) und gab dem Projecte des Ausbaues seine völlige Zustimmung, Zwirner’s Plan und Kostenanschlag wurden genehmigt, am 4. September 1842 wurde im Beisein verschiedener deutscher Fürsten durch den König der Grundstein zum Weiterbau gelegt, dort, wo sich das Südportal des Querschiffs öffnet, und der König sprach: „Hier, wo der Grundstein liegt, dort, mit jenen Thürmen zugleich, sollen sich die schönsten Thore der ganzen Welt erheben. Deutsch!and bauet sie, so mögen sie für Deutschland durch Gottes Gnade Thore einer neuen, großen, guten Zeit werden!“

Und in der That baute Deutschland an dem Werke; überall bildeten sich Zweigvereine zu solchem Zweck, der Kölner Verein ward Centralverein, wie er noch jetzt besteht. Der Staat gab jährlich fünfzigtausend Thaler für den Aufbau der Südseite, die Vereine brachten die gleiche Summe auf für die Nordseite. Aber auch von anderen Seiten flossen dem Werke bedeutende Hülfen zu. Der Prinz von Preußen, der jetzige König, gab zehntausend Thaler für die Bildwerke des Südportals, König Ludwig von Baiern gab sechszigtausend Thaler, der österreichische Kaiser fünftausend fünfhundert und zweiundfünfzig Thaler, die Königin von England dreitausend fünfhundert Thaler, der Großherzog von Baden eintausend einhundert zweiundvierzig Thaler, der Großherzog von Mecklenburg eintausend sechshundert und fünfzig Thaler, und der Herzog von Aremberg (die Familie der Aremberg stammt unseres Wissens von denen von Aare ab, denen auch der Erzbischof Conrad von Hochstaden, welcher den Grundstein des Domes legte, angehörte) giebt jährlich eintauseud Thaler. Eine Menge sonstiger Schenkungen, Vermächtnisse und dergleichen Gaben flossen zu; die industriellen Gesellschaften zum Beispiel, welche bei dem ungemeinen Aufschwung des rheinischen Handels und der rheinischen Industrie sich bildeten und glänzende Geschäfte machten, gaben dem Dombau von ihrem Gewinne einen Antheil; dies beläuft sich auf etwa zweimalhunderttausend Thaler.

Auch die Stadt als solche that das Ihrige und thut es noch. Mau hat in letzterer Zeit die Umgebung des Domes freigelegt, eine Menge von Häusern sind verschwunden, wozu die Stadt ein Opfer von etwa fünfmalhunderttausend Thalern gebracht hat; so hat auch die Versicherungsgesellschaft Colonia ihre Gebäude, welche einen Theil der Nordostseite des Doms verdeckten, zum Opfer gebracht und sie sind abgetragen worden.

Im Jahre 1848 am 14. August waren sechshundert Jahre verflossen, seit der Grundstein zum Baue des Domes gelegt ward. Die Zeiten waren für solches Werk schlimm, Revolution brauste durch Europa und Alles war schwankend und schwebend. Gerade wie vor sechshundert Jahren der Graf Wilhelm von Holland als Gegenkönig bei der Grundsteinlegung zugegen, war König Friedrich Wilhelm der Vierte als erwünschter, nicht gewordener Kaiser von Deutschland bei der Feier anwesend, womit die neue provisorische Eindachung des Langschiffes, die Ummauerung des Querschiffes begangen wurde. Die Stürme der Bewegung legten sich bald und das Werk ging seinen ruhigen Gang fort. Im Jahre 1855 am 3. October konnten die Dachgiebel des Querschiffes durch Aufsetzung der Kreuzblume auf dem südlichen in Gegenwart des königlichen Protectors vollendet werden. Zur Eindeckung des Ganzen, welche gemäß den Fortschritten neuerer Technik nicht mehr mit Holzgebälk, sondern mit Eisen geschaffen wurde, gab wiederum die Stadt eine bedeutende Summe, und 1860 wurde der Mittelthurm, freilich nicht nach dem ursprünglichen Plane, wohl aber nach historischen Ueberlieferungen aufgebaut und vollendet, der jetzt über der Vierung des Lang- und Querschiffes sich erhebt, ein manchmal bestrittenes Werk von höchst geistreicher Construction aus Eisen und Zink. Es war das Letzte, was der Dombaumeister Zwirner an seinem Lebenswerke fertig werden sah; am 22. September 1861 starb er.

Zwirner’s Rachsolger, der Baumeister Voigtel, war früher schon seit vielen Jahren unter Jenes Leitung am Dombaue thätig. Ihm war es beschieden, einen Theil des großen Werkes zu dem Abschluß zu bringen, welchen man schon so lange ungeduldig erwartete. Viele Jahre hatte es gedauert, ehe Reparaturen und Vorarbeiten ein wirklich sichtbares Vorschreiten des Werkes möglich gemacht hatten, und dann traten scheinbar immer wieder verhältnißmäßige Pausen und Stillstände ein, weil sich der Fortschritt im Stillen vorbereitete. Jetzt plötzlich schritt der Bau fast zusehends vor: die Strebesysteme waren vollendet, die Gratbogen der Gewölbe standen, die Kappen wurden eingewölbt, und nun konnte die Scheidemauer, womit man vor mehr als fünfhundert Jahren den Chor abgeschlossen hatte, fallen, das ganze Kirchenhaus war vollendet.

Dieser Moment ward am 15. October 1863, dem Geburtstage des Protectors dieses Baues, der ihn indeß nicht mehr sehen sollte, feierlich begangen. Nicht, wie es seiner Zeit Schinkel der ungeheuren Aufgabe gegenüber schon als ein hohes Ziel ansah, nur im Rohbau und im Nothdürftigsten, sondern in der ganzen Fülle der Formen und des Schmuckes, war das Gebäude vollendet, und was Goethe vor fünfzig Jahren „mit Staunen und stiller Betrachtung“ als ein unmögliches Unternehmen mit dem Thurmbau von Babel verglichen hatte, war nach diesen fünfzig Jahren doch gethan und im Wesentlichen vollendet.

Aber nur das Kirchenhaus; es fehlen noch zwei Thürme, jene riesenhaften Steinpyramiden, welche fünfhundert Fuß in die Luft hinaufragen sollen, geschmückt mit aller Pracht der entwickeltsten gothischen Kunst, wie sie der Meister projectirt hat, dessen Zeichnung dazu verloren und auf die wundersamste Weise wiedergefunden war. Und auch dieser Aufgabe gegenüber mochte leicht der Muth erlahmen und die Kräfte ermatten. Wenigstens zwanzig Jahre noch bedarf es, mit den bisher angewandten Mitteln diese Aufgabe zu lösen. Zwanzig Jahre! Werden diese zwanzig Jahre gleichmäßig verlaufen und ohne Störungen? Wird die Begeisterung für das Werk, welche nach Jahrhunderte langem Schlafe endlich erwachte und die großen Mittel freudig schaffte, noch fernere zwanzig Jahre lang in gleicher Wärme dauern?

Bis dahin hatte der Bau jährlich etwa einmalhunderttausend Thaler gekostet. „Gebt mir jährlich das Dreifache zu verbauen,“ sagte der Dombaumeister, „und ich stelle Euch die Thürme in acht Jahren fertig!“ Wie schaffen wir diese Summe? fragte sich der Dombauverein und kam auf den glücklichen Gedanken, die Opferwilligkeit dadurch anzufeuern, daß den Gebern auch außer der Freude am wachsenden Werke ein anderer Vortheil in Aussicht gestellt wurde. Eine Prämiencollecte ward eingerichtet, das heißt eine Lotterie zum Besten des Dombaues: wer einen Thaler beiträgt, erhält ein Loos, worauf größere oder kleinere Gewinne fallen können. Fünfmalhunderttausend

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Die Gartenlaube (1865) b 557.jpg

Der Kölner Dom nach seiner Vollendung.

solcher Loose werden nach Abzug der Gewinne und der Kosten dem Dombau etwa dreimalhunderttausend Thaler einbringen. Auf ein Jahr hat die Regierung diese Prämiencollecte versuchsweise genehmigt; gelingt das Unternehmen, so wird es in den folgenden sieben Jahren fortgesetzt, und am Ende dieser Periode ist denn auch das große Werk des „ewigen Baues“ vollendet.[1]

Aber noch eine andere gute und schöne Seite hat das Unternehmen: ein Theil der Gewinne wird in Kunstwerken bestehen, und somit kommt ein Theil des gesammelten Geldes ganz rein der vaterländischen Kunst zu Gute; dreißigtausend Thaler sind zu solchem Zwecke ausgesetzt, die deutsche Künstlergesellschaft ist berufen worden, ihre Werke anzubieten, und in den letzten Tagen war im Museum zu Köln eine Ausstellung von vierhundert Kunstwerken deutscher Meister aller Schulen, aus welchen das Beste und Zweckentsprechendste ausgewählt und unter die Gewinne der Dombaulotterie aufgenommen werden wird. Derart wird der größte Gewinn einmalhunderttausend Thaler, der kleinste ein Gemäldchen von fünfzig Thalern Werth sein.

So greift in unserer commerciellen und industriellen Zeit der Handelsgeist in Alles ein und auch der Kunst unter die Arme, und was das Mittelalter mit aller Frömmigkeit des Sinnes, mit aller Ueberzeugung des Glaubens und allem Muthe unbeirrter Ueberzeugung nicht vollenden konnte, das fertigt die moderne Welt des neunzehnten Jahrhunderts, die so oft verschrieene, unfähig, frivol, leichtsinnig genannte.

Jede Zeit hat ihre Art, und wenn im dreizehnten und im vierzehnten Jahrhundert St. Peter’s Boten durch das Land gingen, Gaben heischend für das große Gebäude zu Gottes und der heiligen Jungfrau Ehren, und Ablaß der Sünden geboten wurde als Lohn für die Beiträge, so macht man das jetzt anders und sagt: „Gebet, Ihr Weltkinder, Etwas zu dem gewaltigen Werke, das wir zu Gottes Ehre errichten, indem wir darin der geschaffenen Menschen Schöpfungskraft aufs herrlichste offenbaren, und da Ihr liebe Weltkinder seid, so versprechen wir Euch als Gegengabe die Aussicht auf einen ganz hübschen Gewinn. Ob Ihr den Gewinn bekommt, ist Glückssache, aber Euer Thaler wird gut, wird vortrefflich verwandt.“

Hermann Becker.

  1. Dürfte es nicht gerathen sein, den Ziehungstermin noch um einige Wochen hinauszuschieben?
    Die Red.