Gutenberg auf dem Reichstag zu Mainz

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Titel: Gutenberg auf dem Reichstag zu Mainz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 869, 874
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Gutenberg auf dem Reichstag zu Mainz.
Scene aus Rudolf von Gottschalls neuem Schauspiel „Gutenberg“.
Nach der Aufführung im Leipziger Stadttheater gezeichnet von O. Gerlach.

[874] Gutenberg auf dem Reichstag zu Mainz. (Zu dem Bilde S. 869.) Als Rudolf von Gottschall am 30. September dieses Jahres seinen siebzigsten Geburtstag feierte, da hat er selbst der Welt eine Geburtstagsgabe beschert, wie sie würdiger aus eines Dichters Hand nicht fließen konnte. Es war dies ein großes fünfaktiges Drama, dessen Held der Erfinder der Buchdruckerkunst ist und das nach diesem den Titel „Gutenberg“ führt; am Abend des Geburtstages ward es zum ersten Mal mit großem Erfolg im Leipziger Stadttheater aufgeführt. Mit großer Kunst hat Gottschall aus Geschichte und Sage die Werksteine sich geholt, aus denen ein eindrucksvoller dramatischer Bau sich errichten ließ. Da fehlt nicht des Erfinders Geldnoth, die ihn zwingt, mit dem reichen Faust einen verhängnißvollen Pakt zu schließen; dieser Faust aber ist nicht ein gewöhnlicher spekulativer Geldmann, er trägt vielmehr die Züge des Fausts der Volkssage, des Goldsuchers und Mädchenberückers. Adolf von Nassau, der vom Kaiser begünstigte Bewerber um den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz, läßt zum Schlusse heimlich die verrathene Stadt überfallen, die flüchtenden Buchdruckergesellen tragen die neue Kunst hinaus in alle Winde: Gutenberg selbst aber findet nicht eine Zuflucht und einen friedlichen Lebensabend am Hofe des Nassauers zu Eltville, wie die Geschichte berichtet, sondern geht unter in der Katastrophe der Stadt, deren Freiheiten er muthvoll vertheidigt hat.

In diesem Kampf um die Freiheiten der Stadt spielt auch die Scene eine wichtige Rolle, welche unser Zeichner herausgegriffen hat. Kaiser Friedrich III. ist nach Mainz gekommen, dort einen Reichstag zu halten; denn ihm liegt daran, daß eine reiche Türkensteuer zum Kampf gegen den Erbfeind aller Christenheit beschlossen werde. Im Saale steht der Thronhimmel des Kaisers, zu seiner Linken die Bank der Ritter, zur Rechten die der städtischen Abgeordneten. Da wollen denn auch die Mainzer ihre Klagen wider Adolf von Nassau vor das Reichsoberhaupt bringen und zum Beweis der ihnen drohenden Vergewaltigungen einen Brief ihres Gegners verlesen. Indessen die Partei des Nassauers, allen voran der „schwarze Herzog“, Graf Ludwig von Veldenz, übertobt und überschreit den Bürgermeister, der zu lesen beginnen will. In kluger Voraussicht dieser Wendung hat nun Gutenberg mit seiner Kunst den Brief vertausendfacht, und als der Lärm kein Ende nehmen will, da streut er mit seinen Gehilfen die Flugblätter, auf denen der Brief gedruckt steht, von einer Galerie hinunter in den Saal. Dieser Eingriff in die geheiligte Ordnung des Reichstags bringt Gutenberg vor den Kaiser. Wir sehen ihn dastehen in edler Haltung, mit schlichten und doch kräftigen Worten sich vertheidigend vor Friedrich III, der mit dem Kurfürsten von der Pfalz und einem Bischof die Mitte einnimmt zwischen den erregten Gruppen der Ritter und städtischen Abgeordneten.

 „Dem Unrecht Krieg!
Das ist die stumme, doch beredte Sprache,
Die ich die toten Zeichen sprechen lehre;
Ich hoff’ zu Gott und allen guten Sternen,
Daß diese Sprache nimmer sie verlernen“ –

so schließt er seine Rede, und der Kaiser ist auch derart eingenommen von ihr und von der „neuen unerhörten“ Kunst, daß er Gutenberg mit einer kurzen Haft entschlüpfen läßt.