Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839/Zweiter Theil/III

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III. Kapitel
Zweiter Theil
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aus: Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839. Zweiter Theil. S. 123–178
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von: Felix Lichnowsky
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III.


Die Carabiniers der spanischen Douane. – Zug in den Gebirgen bis Rivas. – Reminiscenzen der Catalonier an das Haus Oesterreich. – Scharmützel in der Rectoria de Fustiña. – Diner des Ayuntamiento von Gumbren. – Drei weibliche Generationen in Puch Vó. – Anblick des Monserrat. – Militärische Etablissemens in Borradà. – Berga. – Ankunft in Caserras, dem Hauptquartier des Grafen de España. – Seine Umgebung. – Der Graf de España. – Meine Wohnung vor den Vorposten. – Ein Tag im Hauptquartier.

(Zweite Hälfte September 1838.)

[124] [125] Trotz dem, daß wir spanischen Boden erreicht, war unsere Stellung doch noch keineswegs gesichert. Wir hatten einen starken Tagmarsch über die unwegsamsten Berge und Schluchten vor uns, ehe wir das nächste carlistische Dorf, Cerat, erreichen konnten, da alles offene Terrain, alle bewohnten Thäler und betretenen Wege vermieden werden mußten, die wohl für einzelne Contrebandiers, nicht aber für uns zugänglich waren. Die beiden Thäler von Rivas und Llanas, die von dem Coll de Finestrelles und dem Coll de Arría in den Pyreneen, in paralleler Richtung, sich bis zum Flußgebiet des obern Ter ausdehnen, wurden, als gewöhnliche Uebergangspunkte der Carlisten beständig, von dem Feinde sorgsam beobachtet. Durch die drei Festungen Puigcerda, Campredon und Ripoll, die im Triangel das Thal von Rivas einschließen, förmlich [126] in Schach gehalten, war es den in diesem Thale stationirten Carabiniers unmöglich auch nur zwei Nächte ununterbrochen in demselben Dorfe zuzubringen. Don Juan Trilla, ihr Commandant, wendete deßhalb eine eigene Tactik an. Sobald er mit seiner, aus etwa 25 Mann bestehenden Mannschaft, in einen Ort einzog, mußte das Ayuntamiento für seine Sicherheit haften. Alcalde und Regidoren postirten sonach Wachen auf die dominirenden Punkte oder den Kirchthurm[WS 1], oder versahen in kleineren Orten wohl selbst diesen Dienst, die Carabiniers von jeder Annäherung des Feindes in Kenntniß zu setzen, die dann in entgegengesetzter Richtung, nach echtspanischer Weise, mit eben so großem Stolz und Selbstgefühl abzogen, als ob sie dem Feinde entgegenmarschirt wären. Die Nacht brachte Trilla gewöhnlich in einem einsamen Landhause (Cazerio) oder einem einzeln stehenden fortifizirten Pfarrhause, (Rectoria) zu, dessen Einwohner erst bei Ankunft ihrer Gäste erfuhren, sie würden sie zu beherbergen haben. Dann schloß man sofort Thore und Thüren, Fensterladen und bis auf die Stalllöcher, und ließ Niemand mehr aus dem Hause, bis die Truppe abgezogen.

Diese Carabiniers waren die Nachfolger der altspanischen [127] Douane, die unter dem Namen Resguardo längs der Pyreneen und der portugiesischen Grenze und als Guarda Costas an allen Küsten aufgestellt, den Schleichhandel abwehren sollten, der seit undenklichen Zeiten zu Lande und zu Wasser an den spanischen Grenzen größer und kühner betrieben wird, als je in einem andern Lande. Seit dem Kriege schaffte man sie carlistischer Seits meist ab und verschmolz sie mit den Linientruppen. Nur an der navarresisch-französischen Grenze wurden einige Compagnien Invalide zu diesem Zwecke verwendet und uneigentlich als Resguardo bezeichnet. In Catalonien hatten sie sich jedoch, wenn gleich mehr nominell, stets erhalten. Vor Ankunft des Grafen de España war die Haupt- oder vielmehr einzige Beschäftigung der wenigen carlistischen Carabiniers die zahlreichen Maulthier-Caravanen aufzuspüren, die aus Gerona, Figueras und den catalonischen Binnenstädten durch den Lampourdan, mit Waaren schwer beladen, nach Frankreich zogen oder von dort zurückkehrten. Sobald sie Kenntniß von einem solchen Zuge erlangt, und sicher waren, daß kein starker Truppen-Convoi ihn bedecke, wurden durch mehrere Nächte oft gegen fünfzig spanische Leguas zurückgelegt, Tags in einzeln stehenden Hütten oder in [128] Schluchten ausgeruht, endlich der Convoi überfallen und in aller Form rançonnirt. Die Ballen wurden gezählt, abgeschätzt, das altspanische Douane-Règlement hervorgeholt, was Gegenstände des Kriegsbedarfs ausmachte confiscirt, und das Uebrige nach geschehener Entrichtung des legalen Zolls frei gelassen; auch den Maulthiertreibern (arrieros) eine regelmäßige Quittung und Bescheinigung, auf gedrucktem Formular, mit Siegel und Unterschrift übergeben. Die Chefs des königlichen Resguardo, die doch de facto nicht viel von Räuberhauptleuten differirten, würden sich über einen solchen Vergleich höchlich beleidigt gefühlt haben, da sie doch Alles nach bester Form Rechtens unternahmen.

Graf de España, der die Wichtigkeit dieses Corps erkannte, vermehrte es bis auf sechshundert Mann, die in acht Compagnien eingetheilt, ihren Aufenthalt in den vom Feinde besetzten Landstrichen nehmen, und für Eintreibung regelmäßiger Steuern aus den feindlichen Plätzen, Sorge tragen mußten. Dieß war in Catalonien von um so größerer Wichtigkeit, als außer den acht großen Festungen, jede Corregimental-Hauptstadt, alle Städte, Flecken und Dörfer, [129] die einiges Interesse wegen ihres industriellen oder Grundreichthums boten, vom Feinde befestigt waren. Von den im Hoflager eintreffenden fremden Subsidien, wurden für Catalonien und Aragon nichts oder nur sehr unbedeutende Summen verwendet, so daß, wenn Graf de España nicht Mittel gefunden hätte, die vom Feinde befestigten und besetzten Orte, über zweihundert an der Zahl, zur regelmäßigen Einzahlung ihrer Abgaben zu zwingen, die Kriegskassen auf Erpressung der armen, den Carlisten ergebenen oder von ihnen besetzten Gebirgsstriche oder auf den Ertrag isolirter Streifzüge (den algierischen Razia’s gleich) beschränkt gewesen wären. Dieß hätte natürlich alle Ordnung und Disciplin unmöglich gemacht, die doch in dieser Provinz mehr als in jeder andern nothwendig war. So aber brauchte nur eine Abtheilung Carabiniers sich in der Nähe eines, mit seinen Steuern rückständigen, Ortes zu zeigen, um daß sofort, an bezeichneter Stelle und Zeit, durch einen Einwohner, oft mit dessen Lebensgefahr, die genau bestimmten Summen pünktlich abgeliefert wurden. Die Einwohner wußten zu gut, daß alle ihre bewegliche und unbewegliche, außerhalb der Mauern ihres Wohnortes gelegene Habe für die [130] pünktliche Zahlung haften mußte, auch wenn dieses ihr Eigenthum sich innerhalb des Bereiches christinischer Kanonen befand. Hingegen war unter España so große Mannszucht eingeführt, daß jede Verwüstung oder Plünderung, selbst feindlichen Besitzthums, streng bestraft wurde, wenn der Eigenthümer die fixirten Abgaben tadellos entrichtet hatte.

Die Züge des Resguardo streckten sich durch ganz Catalonien aus, von den Pyreneen bis zum Ebro, von den Gebirgsthälern an der Grenze des Obern Aragon bis zu den reichen Küstenstädten, und nicht selten brachten kleine Abtheilungen mehrere Tage auf eine Viertelstunde von Barcelona zu, in irgend einer reichen und eleganten Villa. Alle Stege und Schluchten waren ihnen genau bekannt, so daß sie bedeutende Vorsprünge vor den, sie oft auf allen Seiten verfolgenden Linientruppen gewinnen konnten, da nur selten Bauern, besonders im obern und gebirgigen Catalonien, es wagten dem Feinde als Führer zu dienen. Ihr beschwerlicher und mit Gefahr verknüpfter Dienst erforderte beständige Wachsamkeit und einen gewissen Grad von Schlauheit; dem ungeachtet wurden sie stets von der Linie mit scheelem Auge und Geringschätzung betrachtet. Sie [131] standen direct unter dem Intendanten (Finanz-Chef) der Provinz und hatten mit den militärischen Behörden nichts zu schaffen.

Don Juan Trilla, ihr Commandant, der Offizier, den ich an der Grenze getroffen hatte, gehörte eigentlich nicht zu diesem Corps, sondern war Oberstlieutenant in der Linie und Commandant (Comandante de armas) im Thale von Rivas. Graf de España hatte nehmlich, in allen vom Feinde nicht besetzten Plätzen und Thälern, Commandanten eingesetzt, die den Carabiniers hülfreiche Hand leisten, die Freiwilligen ins Hauptquartier befördern, die Correspondenz weiter besorgen und ihn von Allem was vorfiel, sogleich in Kenntniß setzen sollten. Ein solcher Commandanten-Posten, ohne aller Mannschaft, war eine der fatalsten Positionen die man sich denken kann; denn mit Ausnahme der ödesten Hochgebirge, wo der Feind nie hinkam, aber auch nichts zu thun war, mußte der unglückliche Commandant das ganze Jahr auf der Lauer sein, um vom Feinde nicht überfallen zu werden; alle Aussicht eines Widerstandes, Kampfes, militärischen Vortheils war ihm ein für allemal benommen und seine Dienstthätigkeit [132] mit beständiger Flucht, innerhalb eines gegebenen kleinen Terrains, innig verknüpft. Mich hätte ein solcher Posten zum Wahnsinn bringen können. Der ehrliche, alte Trilla, ein Offizier aus dem Independenzkriege, schien jedoch seine Stellung nicht aus diesem Gesichtspunkte zu betrachten, sondern von ihrer Wichtigkeit vollkommen durchdrungen, um so mehr als Graf de España eine Abtheilung Carabiniers mit einem Lieutenant ausnahmsweise unter seine Befehle gestellt hatte, um die Communication mit Frankreich offen halten, und die Correspondenz dahin besorgen zu können.

Nach kurzem Halte in einer Höhle, die den Carabiniers oft zum Aufenthalte gedient, setzten wir unsern Marsch fort. Noch hatten wir eine kleine Sedition der Schmuggler zu dämpfen, die mit ihren Maulthieren umkehren wollten, da sie behaupteten nur bis zur Grenze gedungen zu sein. Picutus, der einzige vernünftige, stellte ihnen vergebens mit großem Schwall von Worten vor, daß sie uns wenigstens bis Cerat folgen müßten, wo wir andere Thiere requiriren könnten. Sie wollten von nichts hören, warfen unsere Packtaschen und Mäntel zu Boden und schwangen sich auf ihre Maulthiere, zurückzureiten. Ich lag mit Herrn [133] von Meding und Trilla um ein Feuer am Eingange der Höhle, und achtete nur wenig dieses Streites. Als er nun lebhafter wurde, und wir um den Grund frugen, erwiederte einer der Meuterer, sie müßten noch 500 Franken, zu der erstbedungenen gleichen Summe erhalten, die einer von ihnen sofort nach Frankreich zurückbringen würde; dann wollten die Andern uns folgen. Statt aller Antwort ließ Trilla seine Leute formiren und auf die zum Abreiten bereiten Schmuggler anschlagen. Da wendete sich das Blatt augenblicklich und sie folgten ohne Widerrede, freilich mit den verdrießlichsten Gesichtern. Mir war diese Art Schlichtung sehr erwünscht, denn der Marsch war so ermüdend, daß die Aussicht ihn zu Fuße zu machen, wenig erfreulich gewesen wäre; mein Limousiner Schimmel aber, war noch zu müde um mich tragen zu können.

Spät Abends langten wir in Cerat an, nachdem wir beständig über die höchsten Kämme und durch die engsten Schluchten gezogen und nur selten, auf großen Entfernungen, ein Gebirgsdorf oder eine einzelne Kapelle gesehen. Ich ritt ein hochbeiniges, ungelenkiges Maulthier, dem ich eine englische, mit meinem Pferde gekommene Pritsche aufgelegt hatte. Trilla trabte [134] auf einem kleinen Pony neben mir, und konnte nur schwer meinem Baßgänger folgen. In Cerat endlich spät Abends angelangt, zahlte ich die Schmuggler aus und war froh sie los zu sein.

Am nächsten Tage waren wir mit Sonnenaufgang auf den Beinen. Die Carabiniers hatten bereits die nöthige Anzahl Saumthiere herbeigeschafft, und wir stiegen in das lange, grüne Thal von Rivas hinab, wo ich zuerst wieder einigermaßen Catalonien erkannte, wie es mir aus der letzten Campagne in Erinnerung geblieben. Alle Abhänge der Berge waren mühsam bebaut, im Thale künstliche Triften angelegt, und überall Spuren des Kampfes menschlichen Fleißes mit undankbarem Boden und der Wuth der Elemente zu erkennen. Bei der feierlichen Stille dieser einsamen Gebirgsthäler hörten wir hellklingend, in schwindelnder Höhe, den Spaten dieser betriebsamen Leute auf dem Gestein aufschlagen, den Boden zu lockern; wenn wir aufblickten sahen wir hoch über unsern Köpfen, oft an Stricken hängend, die catalonischen Gebirgsbauern lange, schmale Felder bearbeiten, die Bändern gleich, rothbraun, zwischen vorragenden, grauen Basaltblöcken abstachen. Die grellrothe Mütze (gorra) und das in der Sonne [135] blinkende Eisen, machten sie von weitem kenntlich. Auf den steilen Gebirgspfaden, so schmal, daß oft nur ein Fuß vorsichtig vor den Andern gesetzt werden konnte, begegnete man ihren Frauen, die meilenweit auf den Köpfen das Mittag-Essen den Arbeitern zutrugen. Mit glockenheller Stimme ließen sie die Lüfte von catalonischen Gesängen widerhallen, unterbrachen sich durch ein „Va con Deu“ und boten stets aus dem Porron, der früher beschriebenen Schnabelflasche, den vorbeimarschirenden Carlisten zu trinken an. Nach sechsjährigem Kriege hatte die Sorglosigkeit und Betriebsamkeit dieses Volkes etwas wehmüthiges. Sie säeten und wußten nicht ob sie ärndten würden, und wenn Saat und Aerndte im Schweiße ihres Angesichts und mit beständiger Lebensgefahr ihnen gelungen, so wußten sie meist nicht, ob es ihnen gegönnt sein würde, die Früchte ihrer Anstrengung ungeschmälert und in Ruhe zu genießen. Heute von Streifcorps der einen Partei, und Morgen von denen der Andern heimsucht, waren sie, außer dem gewöhnlichen Jammer jedes Krieges, noch den brutalen Mißhandlungen, den Grausamkeiten ausgesetzt, die dem spanischen Bürgerkriege, wo er durch Guérillas [136] geführt wird, einen eigenen, wüthend thierischen Charakter primitiver Rohheit geben. Kein Thal, kein noch so kleiner Ort ist in jenen Gegenden anzutreffen, der nicht gräßliche Spuren von Mord und Brand, von Ruine und Verwüstung an sich trüge. Am Eingang des Thales von Rivas sahen wir, uns gleichsam als Vorgeschmack zu dienen, das Kloster Santa Maria de la Nuña, jetzt nur mehr öde Mauern, an denen noch Zeichen von Brand und Kugeln sichtbar, stumme Zeugen jüngstvergangener Gräuel. Wir marschirten bei dem befestigten Pfarrhause von Queralps vorbei, das sein Dorf, einer militärischen Anlage gleich, förmlich dominirt, längs des kleinen Flusses Rivas hin, der sich in den Ter ergießt.

Nach einigen Stunden kamen wir nach Rivas, einem ziemlich bedeutenden Markte. Dieses gute Volk, durch lange Leiden frohen Hoffnungen nicht entwöhnt, sah in jedem höhern Offizier, der aus dem Hoflager kam, einen Helfer, der Frieden, Geld, oder doch wenigstens irgend eine tröstliche Nachricht mitbringen werde. So geschah es auch mit mir. Am Thore von Rivas empfingen mich die Geistlichkeit und das Ayuntamiento mit möglichster Feierlichkeit. Der Alcalde und die Regidoren trugen [137] die Zeichen ihrer Würde, breite rothe Bänder en écharpe, den Ordensbändern der Großkreuze gleich; auf der Brust in Gold das Wappen des Ortes gestickt. Diese Bänder (bandas) sind in ganz Catalonien üblich und werden vom abtretenden Magistratsbeamten seinem Nachfolger überliefert. Die Verleihung der bandas geschieht von Barcelona aus, durch den General-Capitain. Viele sind sehr alt und datiren von Philipp V. oder Carl VI. von Oesterreich. Letztere haben alle den kaiserlichen Adler, so wie die catalonischen Häuser, welchen dieser Gegenkönig Adelstitel verliehen, den doppelköpfigen Adler hinter ihrem Wappen führen.

Wenn ich hier von der chronologischen Ordnung in meiner Erzählung abweiche, so mag es in Anbetracht des besondern Reizes verziehen werden, den die österreichischen Anklänge und Reminiscenzen für mich, als Deutschen, haben mußten. Sie sind in Catalonien, diesem dem Hause Oesterreich so lange treu ergebenen Lande, bis auf den heutigen Tag in so frischem, lebhaften Andenken geblieben, als wäre es kaum zwanzig und nicht hundert und zwanzig Jahre her, daß der letzte Habsburger unter ihnen gewaltet. Keine einzige Erinnerung ist seither bei den Cataloniern verwischt; [138] sie gehorchten den bourbonischen General-Capitainen, die nach dem Successionskriege von Madrid aus ihnen bestellt, stets hart mit ihnen verfuhren, doch im Grunde ihres Herzens wünschen sie die Dynastie zurück, unter der Spanien die höchste Stufe seiner Glorie erreichte. Bis heute hoffen die Catalonier eine Rückkehr der Casa de Austria, und als vor ungefähr zwei Jahren das Gerücht sich verbreitete, die Infantin Isabella würde sich mit einem Erzherzog von Oestreich vermählen, hat dieß in ganz Spanien, besonders aber in Catalonien, eine tiefe Sensation hervorgebracht. Ich weiß nicht, ob Don Carlos und Christina daran denken, durch eine Vermählung der Königin de fait mit dem Thronerben de droit, Spanien einen stabilen Frieden zu schenken, alle Parteien zu verschmelzen; aber einen gefährlicheren Rivalen könnte der Prinz von Asturien nicht finden, als wenn ein Erzherzog in die Schranken träte.

Von dieser Anhänglichkeit an das Haus Oesterreich und diesem starren Glauben an seine Rückkehr, hatte ich Gelegenheit mehrere, mitunter seltsame Beweise zu erleben. In einem Städtchen, wenige Meilen [139] von Barcelona, Cardedeu genannt, wohnte eine wohlhabende Bürgerfamilie; der Großvater lebte noch 1818, und oft ist mir erzählt worden, daß er am Beginne eines jeden Jahres wettete, daß bis zum Verlaufe desselben das Haus Oesterreich über Catalonien herrschen würde. Ein Truthahn (catalonisch gall d’indi) war der Preis der Wette; am Weihnachtsabende mußte er entrichtet werden, da an demselben jeder gute Hausvater in Catalonien einen Truthahn auf seinen Tisch setzt, wie in Deutschland eine Gans zu Martini. Dem alten Großvater war diese Wette von seinem Vater, Groß- und Urgroß-Vater überkommen, und manches Jahr soll sich Niemand im Orte gefunden haben, der sie eingehen wollte. – Eben so fest hängt ein großer Theil des catalonischen Adels an den österreichischen Traditionen. Mehrere alte Familien, die durch die habsburgischen Könige Titeln erhalten, haben nie vom Hause Bourbon die Grandezza annehmen wollen, wie z. B. die Grafen von Fonollár und die Marquis von Centmanat.[1]

[140] Nun bin ich aber weit abgekommen von Rivas und dem mich empfangenden Ayuntamiento, dem der Alcalde voranschritt, der außer dem großen Bande noch ein dünnes, biegsames Stöckchen (la vara) trug, das ausschließliche Zeichen seiner Gewalt. Wenn der König oder der General-Capitain in einen Ort einziehen und vom Ayuntamiento empfangen werden, so beginnt der Alcalde, vor aller Anrede damit, Sr. Majestät oder Excellenz als Zeichen des Gehorsams seinen Stab zu überreichen, der ihm dann [141] gewöhnlich sogleich mit der Formel zurückgestellt wird, „er sei in würdigen Händen.“

Nachdem ich im Stadthause abgestiegen, und Mandeln, Rosinen nebst süßen Wein genossen, eine in jenen Gegenden übliche Höflichkeit kleinerer Orte und der Mittelklasse, begab ich mich in das mir bestimmte Quartier und ließ ein möglichst somptuoses Diner herrichten, wozu ich das Ayuntamiento, Geistlichkeit und Trilla einlud, die sämmtlich über diese „fineza“ entzückt schienen. Doch konnten wir uns den Freuden der Tafel nicht lange hingeben, da bei eintretender Dämmerung meine sämmtlichen Gäste sehr ängstlich wurden und mir unverholen zu erkennen gaben, daß sie meine unverweilte Entfernung gern sähen, indem meine Anwesenheit einen Besuch der Christinos, aus einer der drei Festungen zur Folge haben könne. Auch Trilla stimmte diesem bei und versicherte mich mit unerschütterlicher Ruhe, er habe seit Jahren nie in Rivas geschlafen, sondern stets nur die hellen Tagesstunden dort zugebracht; jede Nacht ruhe er in andern Landhäusern oder Sennhütten (bordas). Doch könnten wir ganz beruhigt sein, es würde uns an nichts fehlen, Abends Souper, Nachts ein Bett, [142] Morgens Chokolade, kurz wir würden alle Bequemlichkeit haben, wie in Madrid.

In kurzer Zeit war Alles aufgepackt und wir ritten eine Viertelstunde im Thale zurück, dann eine Berglehne hinauf, ziemlich neugierig diese geheimen Herrlichkeiten kennen zu lernen. Endlich kamen wir vor eine ansehnliche Steinmasse, deren Formen wir wegen der vollkommenen Dunkelheit nicht unterscheiden konnten. Einer der Leute Trilla’s pfiff lange in seltsamer Weise, ohne daß eine Antwort erfolgte. Endlich erzürnte Trilla, und alle, mir während des Weges empfohlene Vorsicht, ja nicht laut zu sprechen, nun selbst vergessend, schrie er aus Leibeskräften: „Señor Rector (der Titel der Pfarrer, die in Rectorias wohnen) wollen Sie mich denn die ganze Nacht, wie einen Hund draußen lassen; kennen Sie mich denn nicht, ich bin Don Juan Trilla.“ Sogleich ward ein kleines Fenster, das ein, dem Klange nach eisener Laden geschlossen hatte, geöffnet, und eine heisere, schläfrige Stimme erwiederte: „Calla hombre (Schweigen Sie, Mensch[2]) man könnte uns hören.“ Doch fingen [143] demungeachtet Rector und Trilla sogleich an, halblaut und vorsichtig flüsternd sich endlos zu becomplimentiren und nach aller altspanischen Höflichkeitsformel gegenseitig ihre Dienste anzubieten, so daß mir die Zeit doch zu lange wurde und ich vorschlug, den zweiten Theil des Ceremoniels lieber am Küchenfeuer im Hause vorzunehmen. Dies fand Anwerth und gleich darauf hörten wir ein Hausthor öffnen; ich wollte absteigen und eintreten, doch machte mich Trilla auf einen sechs Fuß breiten, um das Haus gezogenen Graben aufmerksam. Nach einigen Augenblicken wurden von innen zwei Balken mit Brettern, einer kleinen, sehr adamitischen Zugbrücke ähnlich, über den Graben geschoben, und wir zogen sämmtlich, mit Maulthieren und Gepäcke, ins Innere der Rectoria. Unverweilt wurde die Brücke wieder eingezogen, das große Hausthor geschlossen, dicke Balken quer vorgeschoben und [144] endlich auch noch eine eisene Thür verriegelt, worauf Alles so sicher und ruhig, nur mehr auf Nachtessen und Schlafstellen dachte, als wären die Wälle von Gibraltar zwischen uns und den Christinos.

Den nächsten Tag goß es so stark, daß wir beschlossen in der Rectoria de Fustiña zu verbleiben. Ich benützte diese Zeit mein Journal nachzutragen, und war eben, gegen Abend damit beschäftigt, Herrn von Meding die letzte Episode, unsern Uebergang über die östlichen Pyreneen, zu dictiren, als lebhaftes Geschrei uns störte; zugleich stürzte der Rector ins Zimmer und schloß eilig die ohnedies durch dicke Eisenstäbe vergitterten Fenster mittelst eisener Läden. „Los Negros“ war das Einzige was er hervorzubringen im Stande war. Wirklich gewahrten wir durch die einzige, hoch an der Wand des Vorsaals offen gelassene Lukarne einen Haufen Peseteros,[3][145] die aus Ripoll angelangt, uns aufforderten das Thor zu öffnen. Trilla, auf einem Stuhl stehend, parlamentirte und rief ihnen zu, sich zurückzuziehen, worauf sie ihn für den Pfarrer haltend, mit grobem Gespötte über Tonsur und Callote erwiederten. Während dem postirten sich unsere Carabiniers an alle Fenster und Dachlöcher, die nach dieser Richtung gaben, öffneten sie leise und feuerten auf ein gegebenes Commandowort zugleich auf die lärmenden Peseteros. Zwei Mann fielen, einige Verwundete schleppten sich mühsam fort und die Uebrigen entflohen eilig; ihr Offizier rannte am schnellsten.

Nach diesem kleinen Scharmützel war es nicht möglich länger in der Rectoria zu bleiben, da wir vermuthen konnten, durch eine stärkere Truppenabtheilung, vielleicht schon am nächsten Morgen, cernirt und ausgehungert zu werden, wenn gleich die dicken Mauern des Gebäudes längern, aber gewiß unnöthigen Widerstand möglich gemacht hätten. Sobald es daher ganz dunkel geworden, zogen wir ab, und marschirten mehrere Stunden bis zu einem einsamen Landhause, Bayell, wo wir den Rest der Nacht zuzubringen dachten. Doch kaum hatten wir uns zur Ruhe begeben, als wir durch Feinde anderer Art [146] gepeinigt wurde. Ein Heer von Ungeziefer fiel dergestalt über uns her, daß an längeres Verweilen nicht zu denken war. Sogar meine Carabiniers, die an derlei Uebel gewöhnt, sie sonst mit stoischem Gleichmuthe ertrugen, fanden hier die Anzahl zu unbescheiden groß, und so setzten wir uns, nach kurzer Folter, zerbissen und mit aufgeschwollenen Händen wieder in Bewegung. Als der Morgen graute kamen wir nach Gumbren oder Gombreni, durch Maroto’s Niederlage (1836), worauf seine Flucht nach Frankreich erfolgte, bei allen Carlisten in traurigem Andenken. Dieser Ort liegt in einer rothbraunen und erdfahlen Sandvertiefung, von nackten, starren Felsen umgeben. Keine Spur menschlichen Fleißes, kein Feld, kein Baum ist hier zu sehen, und die aus Feldsteinen und Erde elend zusammengefügten Hütten, nieder und mit flachen Schieferdächern, harmoniren zu den traurigen Tönen der Gegend. Dieser jammervolle Anblick erinnerte mich an die altcastilischen Pinaren; doch waren wenigstens verkrüppelte Bäume dort, aber hier nichts als Sand und Fels. Vielleicht könnte man die Kiefern des schlesischen rechten Oderufers hin verpflanzen, und dann gliche das Thal von Gumbren gewiß der [147] anmuthigen Gegend zwischen Groß-Strehlitz und Lublinitz.

Als ich auf meiner Karte mich zu orientiren trachtete, gewahrte ich mit Schrecken, daß unser zweimaliger, unbequemer Marsch letzter Nacht uns nur auf kaum zwei spanische Leguas von Rivas geführt habe. Doch Trilla entschuldigte sich mit den nothwendigen Umwegen, den Feind irre zu leiten und von unserer Fährte abzubringen; mir schien es absurd, deßhalb in seinem Gebiete zu bleiben. Ich quartirte mich im leidlichsten Hause ein, der Ruhe etwas zu pflegen, wozu mir die Honoratioren von Gumbren wenig Zeit ließen, die sogleich nach meiner Ankunft mich neugierig zu begaffen kamen und mit endlosen, meist lächerlich unvernünftigen Fragen langweilten. Noch ist mir Eine erinnerlich, die damals in allen Orten wiederholt wurde: ob es denn wahr sei, daß ein russisches Heer, bereits in Frankreich angelangt, nächstens in Catalonien eintreffen würde, um die Christinos zu vernichten. Ich hatte auf diese stereotype Frage eine eben so feststehende Antwort: „Dieß sei wohl möglich, da der Kaiser sehr mächtig und den Carlisten gewogen sei; übrigens werde der Graf de España [148] es am Besten wissen.“ – „Ja,“ meinten sie, „der weiß Alles, aber sagt nichts. Dem darf man nur antworten, auf was er frägt.“ Der tiefe Eindruck, den der bloße Name des alten Feldherrn bis in die gebirgigsten, entferntesten Theile Cataloniens ausübte, war wirklich merkwürdig zu beobachten. Wenn in der eifrigsten Unterredung, auch einer größern Anzahl Catalonier, Jemand den Namen „Don Carlos de España“ hinwarf, war es als ob er einem Zauber gleich, Allen in die Glieder führe und ihre Zungen lähmte. Jeder sah bedenklich vor sich hin, Alle schwiegen, und nur manchmal sagte ein alter Gebirgsbauer, im Hasse gegen die reichen Küstenstädte ergraut: „Este acábara con Barcelona.“[4]

Endlich ward ich mit guter Manier meiner Visiten los und konnte mich auf ein mit Maisstroh gefülltes, hoch aufschwellendes Bett legen, das ich schon längst mit lüsternem Blicke betrachtet. Als ich nach einigen Stunden, vollständig ausgeruht, den weiten Hausflur betrat, der auch im kleinsten catalonischen Hause einen unverhältnißmäßig großen Raum einnimmt, fand ich [149] einen langen Tisch mit vielen Couverts gedeckt, und meine Besucher um denselben stehend. Sie wollten mir ein Diner geben und hatten mit hungrigem Magen meines Aufwachens geharrt. Die dampfenden Schüsseln, die sogleich aufgetragen wurden, machten jedes Ablehnen dieser Ueberraschung unmöglich, auf die sie sich viel einzubilden schienen. Ich mußte also annehmen, wollte ich Geistlichkeit und Ayuntamiento nicht gröblich beleidigen und ihnen einen schlechten Begriff unzeitigen Stolzes geben. Ich kann nicht läugnen, daß es mir peinlich war, dieses arme Dorf in ungewöhnlichen Aufwand zu versetzen, doch in das Unvermeidliche mich fügend, nahm ich zwischen Pfarrer und Alcalden Platz. Herr von Meding und Trilla, auch der Lieutenant der Carabiniers, die Regidoren und die Capläne der Kirche nahmen die übrigen Sitze ein; sogar mein Diener mußte sich neben einem „del Consejo“ (vom Dorfrathe) niedersetzen, der ihm unaufhörlich einschenkte und ihn mit „Señor Ayuda de Camara“ titulirte. Vor mir wurde ein ganzer gebratener Schöps aufgestellt, der schon aus der Küche her, stark nach Zwiebeln und Knoblauch roch. Vortreffliche Forellen eines nahen Gebirgsbaches wären das Beste [150] an diesem Festmahl gewesen, wenn man sie nicht in Oel gesotten hätte. Vor uns als Fremde (wozu alle übrigen Spanier, als nicht-Catalonier gezählt werden) wurden Gläser gestellt. Als ich nun den landesüblichen Porron ergriff und in weitem Strahl den dunklen Wein zu meinem Munde führte, ohne den Glasschnabel mit den Lippen zu berühren, stieg ich bedeutend in ihrer Achtung, während sie nachsichtig über Herrn von Meding lächelten, der nach vergeblichen Versuchen, die ihn von oben bis unten begossen hatten, zum Glase zurückkehren mußte. „Este Cavallero no save beber“ sagte der Alcalde pfiffig lächelnd zu mir gewendet. Doch muß ich hier zur Rehabilitation meines Reise- und Leidens-Gefährten erwähnen, daß er in Kurzem diesem Mangel durch fortwährende Uebung abhalf. Als im Hauptquartier des Grafen de España angelangt, Herr von Meding gewahrte, daß Alle aus dem Porron dort tranken, nahm er in unserer Wohnung förmlich Lectionen, indem er einen mit Wasser gefüllten Porron, das Wasser stets wieder aussprützend, so lange schwang, bis er die nöthige Geschicklichkeit des An- und Absetzens vollkommen erlangt. Diese Porrons, auf welche die echten [151] Catalonier viel halten, haben ernste Conflicte mit den Basken und Navarresen, während den verschiedenen Expeditionen, herbeigeführt. Jeder Catalonier bietet nämlich, nicht nur beim ersten Eintritte in sein Haus, sondern auch vorbeiziehenden Truppen den Porron an, doch wehe dem, der den Schnabel mit den Lippen berührt, das gilt als schwere Beleidigung. So sah ich einst eine catalonische Bauerfrau dem General Villarreal, dem diese Particularität nicht gegenwärtig war, den Porron aus der Hand reißen und zu Boden werfen, daß er in tausend Stücke zerbrach und der Wein umherfloß.

Abends schlugen wir einen ziemlich betretenen Weg ein, der fortwährend am Saume der Gebirge gradatim, aber nur wenig steigend, durch mehrere Dörfer ärmlichen Aussehens bis auf ein grünes, mit Kastanienbäumen bepflanztes Plateau führte, wo ein regelmäßig gebautes Landhaus uns diese Nacht beherbergte, das mit allen Anzeichen größerer Wohlhabenheit den französischen Fermen in der Sologne glich. In der Villa de Puch-Vó – so hieß unser Nachtquartier – waren keine männlichen Bewohner, sondern nur drei weibliche Generationen, „Strohwittwen.“ [152] Der alte Besitzer von Puch-Vó, ein achtzigjähriger Greis, war als Royalist von den Christinos nach Barcelona, von da nach Majorca geschleppt worden, und seit mehreren Jahren seine Familie ohne Nachricht von ihm. Sein Sohn, der zeitweilige Eigenthümer, gehörte zur carlistischen Corregimental-Junta (in jedem der dreizehn Corregimente Cataloniens waren Junten gebildet) und zog mit ihr in den Gebirgen herum; der Enkel endlich, diente als Offizier in einem königlichen Bataillon, das die Thäler des Urgel durchstreifte. Ihre drei Frauen, so verschiedenen Alters (die älteste war über siebenzig, die jüngste, ein anmuthiges Geschöpf, kaum zwanzig Jahre alt), harrten alle drei, mit der zärtlichen Sehnsucht kurz vor den Honigwochen gestörter Bräute, der Rückkehr ihrer Eheherren; ließen sich aber dadurch nicht hindern, uns freundlichst aufzunehmen und für unsere Unterkunft Sorge zu tragen. Am nächsten Morgen, vor unserem Abritt, führte mich die jüngste meiner drei Wirthinnen, als die Rüstigste, die Ruinen eines in der Nähe befindlichen maurischen Castells zu besehen, und erzählte mir eine hierauf bezügliche Legende, die ich leider, halb zerstreut zuhörend, vergessen habe.

[153] Als ich in die Villa zurückkehrte, fand ich meine Carabiniers mit Abhäuten einiger Eichhörnchen beschäftigt, die sie während meiner Abwesenheit erlegt hatten. Sie wollten selbe für mein Mittagessen aufheben und, in Oel geschmort, mir vorsetzen, was sie als einen königlichen Bissen erklärten. Auch konnten sie sich von ihrer Verwunderung nicht erholen, als ich es ablehnte und erklärte, ich pflege diese Art Wildpret nicht zu genießen. Vergeblich wiederholten sie mir, es wäre ein sehr reinliches Thier, das nur die unschädlichsten und schmackhaftesten Dinge äße und viel Bewegung mache. Am Ende waren ihre Argumente ganz logisch, und es ist viel natürlicher, wenn man auf die Lebensweise der Thiere zurückgehen will, Eichhörnchen, als Schweine und Enten zu verzehren.

Allen ferneren Discussionen über dieses Thema ein Ende zu machen, – da Spanier gewöhnlich in derlei Fällen unerschöpflich zu sein pflegen – ließ ich aufpacken und nahm von meinen drei Wirthinnen Abschied. Wenn mythologische Vergleiche noch erlaubt wären, oder ich siebenzig Jahr früher schriebe, könnte ich sie zwar en gros weder mit den Parzen, noch mit den Grazien vergleichen, die übrigens meines Wissens sich nie verehelicht, [154] doch en détail würde es nicht so unpassend sein, da die zärtlich harrende Gattin No. I so viel Aehnlichkeit mit den Parzen hatte, als No. III, meine Begleiterin zum maurischen Castell, mit den Grazien.

Nach einigen Stunden zogen wir durch ein enges Felsenthor, das den Fluß Rivas und eine schmale, in den Stein gehauene Straße einengt. Zu beiden Seiten, hoch im Fels, waren in vorspringende Blöcke kleine Höhlen und Fenster durch Menschenhand, mit unsäglicher Mühe gehauen; es sollen die christlichen Wachthäuser zur Vertheidigung dieses Passes gegen die Mauren gewesen sein. Sie haben ein eigenthümliches, romanhaftes Ansehen und erinnerten mich an den Versteck, den Cooper in dem „Spion“ so weitläufig beschreibt. Unter dem Flußbett sprudeln in der Nähe dieses Felsenthors salzige Quellen hervor, deren Wasser, mit den Wellen des Rivas vermischt, ihm Substanzen mittheilt, deren Kraft und Wirkung sich erst eine Strecke weiter verliert. Diese Flußstelle unter dem Passe wurde seit undenklichen Zeiten zum Baden gebraucht, daher auch sein Name: Puerto de los baños.

Auf der andern Seite des Passes angelangt, [155] konnten wir das Castell San Antonio und die Festung Ripoll, am Ende des Thales, vor uns sehen. Wir drängten uns an die Felsenwand, und marschirten Einer hinter dem Andern, nach Art der Maulthiertreiber, ungesehen zu bleiben oder wenigstens unverdächtig zu scheinen. Bald verließen wir das Flußgebiet des Rivas und erstiegen den steilen Bergrücken, der das Thal westlich begrenzt. Nach mehreren Windungen und stundenlangem Klettern, erreichten wir endlich ein, nur mehr durch einen isolirten Kegel dominirtes, sehr hoch gelegenes Plateau. Vor uns lag, einer Karte gleich, der größte Theil Cataloniens ausgebreitet; deutlich konnten wir zu unsern Füßen das Flußgebiet des Ter mit seinen Krümmungen sehen, Vich, Gerona unterscheiden und den Lauf des reißenden Gebirgsstroms beinahe bis zum Meere verfolgen. Ueber die Berge, die seinen Thalweg scheiden, sahen wir hinweg auf den, einem Silberbande gleich, glänzenden Llobregat, der so reich und prachtvoll weite, grüne Matten, üppige Felder, Hunderte von Dörfern durchzieht. Doch in weitester Entfernung begrüßte ich freudig meinen alten Bekannten aus vorjähriger Campagne, den ehrwürdigen Monserrat, einem Könige des [156] Landes gleich thronend in ewiger Majestät; ernst und feierlich, hoch über alle Sierren ragend, schauten seine Zacken zu uns herüber. N. S. del Monserrat, dieser weltberühmte Wallfahrtsort, von allen spanischen Königen heimsucht und beschenkt, ist die Schutzpatronin des Landes. Auch wandten sich alle Häupter gläubig nach diesem einzigen Berge; die mich begleitenden Catalonier fielen auf die Knie, beteten laut und begehrten von U. L. F. vom Monserrat Schutz und Heil für „ihr Land Catalonien“ (Vuestra tierra de Cataluña).

Nach kurzer Rast, diesem prachtvollen Rundgemälde, mehr noch als unserer Ermüdung gegönnt, warfen wir noch einen Blick nach der Kette der Pyreneen, die hinter uns den Horizent begrenzte, gleichsam Abschied von ihr zu nehmen. Dann stiegen wir hinab in das kleine Thal des Merdansol, der sich nach kurzem Laufe in den Llobregat ergießt. San Lorenzo de Corubi, ein freundliches Gebirgsdorf, dessen wohlhabendes Aussehen an die baskischen Küsten mahnte, ward links gelassen, und nach mehrstündigem Marsche schlugen wir unser Nachtquartier in einem eleganten Landhause auf, Villa Tubau genannt, oberhalb [157] des Dorfes San Jayme de Frontiña. Am nächsten Morgen kamen wir bei Zeiten nach dem Städtchen Borradá, wo de España eine Commission zur schnellen Untersuchung militärischer Vergehen eingesetzt. Ihr Präsident, Oberst Lacy, ein alter Bekannter aus dem Hoflager, kam mich aufzusuchen und war voll des Lobes, über die Thätigkeit und kräftigen Organisationen des Grafen. Ihre Folgen waren überall kenntlich; so hatte er sogleich nach seinem Eintritte in Catalonien eine Militär-Erziehungs-Anstalt in Borradá etablirt. Sie war dazu bestimmt, einem großen Unwesen der spanischen Armeen zu steuern, das besonders in carlistischen Bataillons sehr um sich gegriffen hatte. Es liefen ihnen nämlich in großer Anzahl Knaben von zehn bis zwölf Jahren nach, theils Soldatenkinder, theils ihrer Heimath Entwichene. Sie gehörten Niemanden an, schliefen mit den Soldaten im Bivouac, aßen aus der Ménage der Truppe, ohne daß je Rationen für sie verabfolgt wurden, und stahlen bei jeder Gelegenheit den Bauern Lebensmittel und Kleidungsstücke. Diese Knaben sanken durch die schlimmen Einwirkungen dieser regellosen Existenz und durch beständiges Nichtsthun zu den allerniedrigsten Kreaturen [158] herab, für deren Laster die deutsche Sprache keine Bezeichnung hat. Sie wurden Granujas genannt.[5] Diese Kinder ließ de España in allen Bataillons sorgsam aufsuchen und in Borradá, 3 bis 4 Hundert an der Zahl, versammeln, wo ihnen eine regelmäßige, militärische Erziehung gegeben ward. Die kleinen Compagnien waren gut gekleidet, genährt; Unteroffiziere und Offiziere subalterner Grade der Infanterie wurden hieher beordert, die im Winter die Knaben unterrichteten und einexerzirten, im Frühjahr aber mit den ausgezeichnetsten Zöglingen in das praktische Leben des Krieges zurückkehrten. Ein höherer Stabs-Offizier stand als Director der Anstalt vor. Es war wirklich erstaunenswürdig, welche gute Früchte diese Einrichtung in so kurzer Zeit getragen hatte. Weder auf dem alten Kriegsschauplatze (baskische Provinzen und Navarra) noch in Aragon ward jemals etwas Aehnliches [159] eingeführt, so nahe es auch lag; doch soll Cabrera im Herbste 1839 bereits den Befehl zur Errichtung eines solchen Instituts erlassen haben, und nur durch die plötzliche Crisis der letzten Monate an dessen Ausführung verhindert worden sein.

Nachdem Oberst Lacy und mehrere andere, aus früherer Zeit mir bekannte Offiziere mich lange in Borradá aufgehalten hatten, kamen wir endlich gegen Mittag nach Berga, dem damaligen Hauptsitz der Carlisten in Catalonien und dem Centralpunkte ihrer Operationen. Diese Stadt liegt unmittelbar am Fuße einer hohen, aus Felskämmen geformten Sierra und beherrscht die ganze Ebene, die sich von hier in südlicher Senkung bis an den Llobregat ausdehnt. Durch Urbiztondo im Juli 1837 eingenommen, ging Berga erst am Ende unserer Agonie (1840) verloren, als Cabrera mit seinen Truppen sich zurückziehend, dieses letzte Bollwerk des spanischen Royalismus ohne Vertheidigung aufgab. Die Stadt war zwar an sich nicht bedeutend fest, aber durch eine doppelte Ringmauer, Wälle, Gräben und einige vorspringende Werke leidlich vertheidigt. Desto wichtiger war die Position des Castells und der drei Thürme, welche letzteren [160] von einander unabhängig operirten, und nach Art der durch Erzherzog Maximilian von Oesterreich Este bei Linz Angewendeten, auf die dominirenden Höhen gebaut, alle Zugänge bestrichen und so construirt waren, daß wenn auch zwei genommen würden, der dritte sich allein vertheidigen konnte. Torre de la Petita und Torre de Fermaña waren schon im vorigen Jahre (1837) angebracht worden; an dem Dritten, ungleich stärkern und größern, el General, wurde noch gearbeitet, als ich nach Berga kam. Er war durch de España angelegt worden und beherrschte die Stadt, die er in einen Scheiterhaufen verwandeln konnte, falls sie sich ergeben hätte. Oberhalb Berga erhebt sich einer jener steilen, zackigen Felsen, einem gothischen Thurme mit seinen Zinken gleichend, die das Eigenthümliche der catalonischen Berge bilden, und die man in ihrer merkwürdigsten, vollkommensten Ausbildung an den Pics des Monserrat wiederfindet. Auf der höchsten Spitze des Felsens, senkrecht über Berga, thront ein ehemaliges Kloster. Daß die spanischen Klöster, Einsiedeleien und Pfarrhäuser, vorzüglich in Catalonien, dieser wildesten Provinz der Halbinsel, Castellen gleichen, habe ich bereits zu erwähnen [161] Gelegenheit gehabt. Dieselbe feste Bauart zeichnete das Convent von Carall aus, so daß es nur wenig bedurfte, es in ein fast uneinnehmbares Schloß zu verwandeln, wo damals die Kriegsgefangenen aufbewahrt wurden. Die sechshundert Bewohner des Schlosses Carall kletterten alle Morgen auf dem einzigen, halbwegs gangbaren Fußsteige, der den Fels hinaufführt, von ihrer luftigen Höhe herab, um Steinblöcke und Baumaterialien, zum Thurme el General, herbeizuschaffen und an dessen Vollendung zu arbeiten.

Diese Bauten und die durch de España angelegten Fabriken aller Art Kriegsbedarf, gaben zu jener Zeit, nebst den drei Bataillons Garnison, Berga ein sehr lebhaftes, thätiges Ansehen. Gouverneur der Festung war damals Oberst Don José Pons, früher als Cabezilla unter dem Namen Bep del Oli bekannt. Er wurde ein paar Wochen später durch den General-Capitain plötzlich abgesetzt und ihm, nach einiger müßig zugebrachten Zeit, eine Brigade anvertraut. Pons, dem der wichtige und bequeme Posten eines Gouverneurs von Berga besser gefallen, hat sich schändlich gerächt und thätig an der Ermordung seines alten Feldherrn mitgewirkt. Gegenwärtig [162] soll er sich in einem französischen Dépôt aufhalten, da Cabrera’s Strafgericht ihn leider! nicht mehr erreicht hat.

In Berga angelangt, stieg ich in einem schlechten, schmutzigen Wirthshause ab, dem Besten dieser unserer catalonischen Residenz. Es führte damals die pompöse Aufschrift: „Fonda de Carlos V.“ und hat seither wohl Namen gewechselt. Die Strenge, mit der Graf de España darauf sah, daß Niemand, der nicht zur Garnison der Festung gehörte, nicht einmal Offiziere oder Beamte höheren Ranges, ohne einer von ihm selbst unterzeichneten Aufenthaltskarte, länger als einige Stunden in Berga verweile, war mir bekannt, daher ich sogleich einen Carabinier an ihn absandte, in meinem Schreiben die Stunde meiner Ankunft angab, und die unmittelbar nächste als die meines Abrittes bezeichnete, zugleich einige Briefe beilegte, die ich an den Grafen abzugeben hatte. Hierauf gab ich meinen Leuten und Pferden kaum die nöthige Zeit ihr Diner, resp. Futter zu verzehren, und noch vor Verlauf der von mir selbst anberaumten Stunde, war ich schon außerhalb der Thore von Berga.

Das Hauptquartier des Grafen de España war [163] in Caserras, einem Dorfe, zwei Leguas von Berga. Gegen Abend traf ich ein, und hielt vor einem etwas größern Bauerhause, das zwei Schildwachen als die Wohnung des General-Capitains von Catalonien bezeichneten. Sie gehörten zum Corps der Miñones (mozos de escuadra), in Catalonien und Aragon von uralter Einrichtung, eine Art Gendarmerie zu Fuß, aus den erprobtesten Männern bestehend und vortrefflich bewaffnet. Sie allein, sechzig an der Zahl, versahen den Wachtdienst beim General und wurden, mit allen Schlupfwinkeln und Stegen wohl vertraut, in den Gebirgen als Ordonnanzen und Boten gebraucht. Ihre drei Unteroffiziere (cabos de mozos) waren Lieutenants, und ihr Commandant oder Sergeant hatte Hauptmanns Rang. Sie sind die schnellste und ausdauerndste Fußtruppe, die mir je vorgekommen. Oft habe ich den Grafen de España zehn bis zwölf spanische Leguas, in einem Zuge, ziemlich scharfen Schrittes reiten, ja wohl streckenweise traben sehen, und stets hielten die ihn escortirenden Miñones gleichen Schritt, ob bergauf oder ab. Sie wurden vortrefflich bezahlt (vier Realen täglich) und vor aller übrigen Truppe rationirt und verpflegt. Ihre Kleidung und [164] Armirung, den alten Traditionen getreu, war für diese schnellen Märsche sehr zweckmäßig. Sie trugen blautuchne Spencer mit weißen, schmalen Tressen und Troddeln (brandebourgs) besetzt, darunter scharlachrothe Westen, der Hals blieb entblößt. Ein weites Beinkleid von dunklem, leinenen Stoff war unter dem Knie festgehalten; lederne Gamaschen und Sandalen complettirten diese, für Gebirgsmärsche, klassische Tracht. Ein niederer Korshut, nach Art der österreichischen Feldjäger, nur durch eine schmale, silberne Tresse eingefaßt, bildete ihre Kopfbedeckung. Ein kurzer Carabiner war ihre Waffe; die Cartousche, wie bei allen carlistischen Truppen, nach vorn geschnallt, das Bajonnet rechts daran. Jeder Miñone trug an der linken Seite eine lederne Tasche en bandoulière, ein distinctives Abzeichen seiner Bestimmung als Ordonnanz. Ganz malerisch nahm sich der Mantel dieser Leute aus, der dem modernen Paletot nicht unähnlich, ein Oberrock mit weiten Aermeln, auf der Schulter hängend, getragen wurde. Diese Mäntel waren von dunkelblauem Tuche, durchaus scharlachroth gefüttert und ebenfalls mit breiten, weißen Brandebourgs besetzt. Die Miñones legten großen Werth auf dieses Stück ihrer Equipirung, das [165] einen marquanten Unterschied zu allen übrigen spanischen Militärtrachten bildet; sicher würden sie sich herabgewürdigt, wo nicht entehrt geglaubt haben, wenn man die geringste Aenderung an ihren Mantel gebracht, oder gar ihn mit dem gewöhnlichen Militärmantel vertauscht hätte. Miñones zu halten, war ein ausschließliches Recht der General-Capitaine und der regierenden Junta in Corpore. Oft habe ich in Gedanken – wohl uneigentlich – sie römischen Lictoren verglichen, wenn am Eingange eines Ortes, malerisch in ihre Mäntel drapirt und den Carabiner auf der Schulter, ich die Miñones paarweise vor dem Grafen de España einher schreiten sah.

Der untere Hausflur und Hofraum seines Hauses in Caserras war mit Miñones, Ordonnanzen von verschiedenen Truppencorps, Bauern die mit Gesuchen kamen, und Pferden angefüllt. Eine große Anzahl Offiziere, zum Theil die abenteuerlichsten Gestalten, füllten den obern Hausflur, der, sehr geräumig, den ungleich größern Theil des Hauses einnahm. Die Meisten drängten sich um einen langen Tisch, an dem einige junge Offiziere schrieben; andere spazierten auf und ab, leise flüsternd. An den Wänden und in den [166] Ecken waren Montirungsstücke, Gewehre, Cavalleriesäbel, und unter andern thurmhoch, blechene Kochbüchsen aufgehäuft, die vertheilt werden sollten, da alle Erzeugnisse der, durch de España angelegten Fabriken, erst einige Tage in seiner Wohnung liegen bleiben mußten, in Momenten der Muße von ihm genau geprüft zu werden.

Nachdem ich alle Gestalten um mich oberflächlich gemustert, fand ich auch kein einziges bekanntes Gesicht, was mir im ersten Momente fatal genug war. Da diese Herren keine Notiz von mir zu nehmen schienen, warf ich meinen Mantel ab, den man bekanntlich in Spanien, wie in andern Ländern den Hut oder Stock, überall mitschleppt, und trat an den Tisch. Die nun an meinem Rocke sichtbar gewordenen Abzeichen meines Grades, verschafften mir etwas höflichern Empfang. Ein junger Offizier trat auf mich zu und sagte, ich möchte doch warten, der General-Capitain sei mit dem Chef des Generalstabes beschäftigt; darauf kehrte er zu seiner Arbeit zurück, und die Uebrigen setzten ihre, aus momentaner Neugierde unterbrochenen Conversationen fort, ohne sich weiter um mich zu bekümmern. Nachdem ich mich vergeblich um einen [167] ledigen Stuhl umgesehen, mir auch keiner geboten wurde, ergriff ich ein Pack Schriften und Karten, die einen alten mit Leder besetzten Fauteuil füllten, legte sie ruhig auf den Boden und dehnte mich gemächlich darauf aus. Einige, die mir zunächst standen, im Ganzen mochten ihrer an fünfzig sein, sahen sich hämisch lächelnd an und wisperten catalonisch einige Worte, aus denen ich entnehmen konnte, daß sie mich sehr sans façon fänden. Da trat ein langer, hagerer Fünfziger, bartlos und stumpfnasig, mit ausdruckslosem, blassem Gesicht, in den Saal und stellte sich steif und gerade in eine Fenstervertiefung. Er trug einen langen, olivenfärbigen Civil-Oberrock von dem haarigen Stoffe, der früher unter dem Namen Azor bekannt war. Rehfarbene Beinkleider, färbige Cravatte mit spitzen, aufrechtstehenden Hemdekragen und ein runder schwarzer Hut, den er beständig mit der flachen Hand glatt zu streichen bemüht war, vollendeten seine Toilette. Ich hielt ihn für einen Chirurg oder Apotheker, bis einige Offiziere unter vielen Bücklingen ihm nahten, während sämmtliche Sitzenden sich erhoben und Alles ihn mit „mi General“ anredete. Da jedoch in der nächsten Secunde kein „Excellenz“ [168] hinzukam, sondern bloß „Usia,“[6] erholte ich mich von meinem irrthümlichen Schrecken, in dieser nichtsbedeutenden Gestalt meinen zukünftigen Chef zu sehen. Auch blieb ich ruhig in meinen Fauteuil gelehnt, trotz der belehrenden Bemerkung des Offiziers, der mich zuerst angeredet hatte, es wäre der „Brigadier Segundo Cabo“ (zweite General-Commandant). So sah ich denn das erste Mal den General José Segarra vor mir, einen kränkelnden Mysanthropen, mit sich unklaren, ewigen Zauderer und Zweifler, der zu spät Carlist wurde, um sehr bald zum Feinde überzugehen und ein ruhmloses Leben durch verbrecherische Desertion und schamlose – aus Furcht geheim gehaltene – Mitwissenschaft am Morde de España’s zu beflecken.

Während ich diese traurige, unmilitärische Figur betrachtete, die mit näselndem Organ ihr Auditorium mit Details ihrer Brustkrankheit unterhielt, öffnete sich eine kleine Seitenthür, und eine starke, männliche [169] Stimme rief mich bei meinem Namen, indem einige artige Worte in französischer Sprache hinzugefügt wurden. Obwohl ich Niemand sah, brauchte mir doch Keiner zu sagen, daß ich endlich vor dem alten Feldherrn stehen würde, der mit eisener Faust diese zügellosen Banden meisterte, vor denen ich so eben einige Echantillons gesehen. Graf de España, damals ein hoher Sechziger, doch noch sehr kräftig und beweglich, wenn nicht momentane Gichtanfälle ihn lähmten, war ein Mann von untersetzter Statur; seine vornehm geformten Gesichtszüge hatten einen auffallend bourbonischen Schnitt; sein Auge war freundlich und geistreich, doch in Momenten der Aufregung und Strenge in dunkler, unheimlicher Gluth leuchtend. Kurzes, weißes Haar umspielte Stirn und Schläfe. Man sah, daß er viel auf äußern Anstand und militärische Haltung hielt; sein Auftreten war imposant und Ehrfurcht gebietend. Als ich ihn zuerst sah, trug er einen blauen, militärischen Oberrock ohne alle Abzeichen seiner Würde und ohne Decorationen; auf einem Tische lag der Generalshut mit weißer Feder, sein krummer Säbel und ein spanisches Rohr mit goldnem Knopfe, worauf das Wappen seines Hauses gravirt. Er konnte sehr liebenswürdig [170] und einnehmend sein, wenn er wollte. Im fließendsten Französisch der besten Gesellschaft redete er mich an, und entschuldigte sich damit er habe es verlernt, da er es hier nur selten und ungern spräche, worauf ich sofort ihm spanisch erwiederte, wir könnten uns ja letzterer Sprache bedienen. Hierauf begann in beiden Sprachen ein langes Examinatorium, aus dem mir klar hervorging, der alte General sei vortrefflich von meiner Dienstzeit und meinen Leistungen seit meinem ersten Eintritte in Spanien in Kenntniß. Endlich brach er plötzlich ab, erzählte mir, er habe alle französischen, viele navarresische und castilianische Offiziere weggeschickt, und fragte mich mit welchen Prätensionen ich zu ihm gekommen. Ich erwiederte kurz, daß wenn er mir die Wahl zwischen Lanze und Gewehr lasse, ich zur ersteren als zu meiner Waffe greifen würde, aber jedenfalls nur eines von beiden begehre. – Von diesem Moment an ward er sehr freundlich und mittheilend, und es schien mir fast, als ob meine Vorgänger mir das Terrain, durch lächerliche Ansprüche und übertriebene Forderungen, leicht gemacht hätten. Wir sprachen noch lange von hundert Dingen; Graf de España erzählte gern und [171] launig, und so dauerte unsere Unterredung mehrere Stunden. Endlich sah er nach seiner Uhr, lud mich zum Souper ein und ging, sich auf meinen Arm stützend, in den Saal zurück. – So unleidlich das in demselben versammelte Volk, seiner Anmaßung wegen vor einigen Stunden gewesen, so wurden sie jetzt durch ihre kriechende Unterthänigkeit ganz unausstehlich. Nun wollte mich Jeder früher gekannt, während der Campagne 1837 in Catalonien gesehen, viel von mir gehört haben, und Herr von Meding erzählte mir später, daß nach Maßgabe der längern Dauer meiner Unterredung mit dem General-Capitain die trotzige Kälte des versammelten Haufens sich, in die zudringlichste Complimentirwuth gegen ihn verwandelt habe.

Nach einem wirklich vortrefflichen Souper, das in jedem Lande der Welt dafür gegolten hätte, ließ der General, Cigarren und starken süßen Wein von der catalonischen Küste (vino del priorato) holen, schwang den Porron und sagte mir auf Deutsch: „Auf die Gesundheit Ihres Königs!“ (des Königs von Preußen). De España hatte nämlich die Eitelkeit für Polyglott passiren zu wollen; auch [172] sprach er wirklich ganz verständlich englisch, deutsch und italienisch, nebst dem französischen und spanischen auch portugiesisch, und mit merkwürdiger Geläufigkeit, aber vielen monacalen Barbarismen latein, was ihn, besonders dem Clerus gegenüber, sehr ergötzte. Nach einer Weile fixirte er mich eine geraume Zeit mit dem ihm eigenen, schelmischen Blicke, der (seine Manen mögen es mir verzeihen) seinem Auge etwas satanisches gab. Dann sagte er mir im natürlichsten Tone der Welt: „Ich habe kein Quartier für Sie im Dorfe, alles ist voll und schlecht; aber außerhalb meiner Vorposten ist ein Landhaus, das Ihnen conveniren wird.“ Die Zumuthung war allerdings wenig beruhigend, wenn man wußte, daß auf 1½ Leguas von Caserras der Feind den Thurm von Valsaren besetzt hielt; doch blieb natürlich eine dankende Verbeugung meine einzige Antwort. Eine Partie Tresillo (eine Art Whist), den Point um wenige Pfennige, beendete den Abend; zwei Geistliche, der General-Feldvicar der catalonischen Armee Don José Sort und der Domherr Torrebadella, Vocal der Junta, waren die übrigen Mitspieler. Spät Nachts ritt ich nach meiner neuen Wohnung, einem geräumigen Landhause, [173] in dem es sehr wohnlich und anständig aussah und das einer reichen „adeligen Bauernfamilie“ angehört. Wer wahrhaft historischen Sinn hat, wird diesen Ausdruck verstehen und ehren.

Am nächsten Morgen schickte ich meine Carabiniers beschenkt zurück und kaufte ihnen einen feisten, schwarzen Pony ab, Herrn von Meding für den ersten Augenblick beritten zu machen, da auch sein Pferd aufgefangen worden und wir sonach Beide sammt meinem Diener, auf einen einzigen Gaul reducirt waren.

Hierüber einigermaßen beruhigt, trafen wir noch die nöthigen Einrichtungen, unser neues Quartier möglichst comfortabel zu machen, worauf wir auf der Terrasse unserer freundlichen Villa frühstückten. Die Casa Lladó, zum Dorfe Puig-Reig gehörig, liegt mitten in einem Olivenwäldchen; vor uns war eine jener weiten, catalonischen Ebenen ausgebreitet, voll reicher Felder, weißer Landhäuser, mit Fruchtbäumen umpflanzt. Der Llobregat, der in raschem Laufe dem Meere zufließt, durchschneidet diese Ebene. Im ersten Plan hatten wir den, mit Rücksicht auf die Wehrlosigkeit und Unhaltbarkeit unserer individuellen Stellung, eben nicht erfreulichen Anblick des alten, maurischen [174] Castells Valsaren, dessen Garnison sich oft mit Streifzügen in der Nachbarschaft abzugeben pflegte. Das Castell, auf einen hohen Berg gebaut, zeichnete keck und deutlich seine Conturen in die blaue Luft. Um den Berg herum sahen wir in langer Ausdehnung die Stadt Valsaren mit ihren Thürmen und Klöstern. Auf einer Legua von unserer Villa ragten aus Gebüschen die weitläufigen Gebäude des Malteser Priorats Puig-Reig hervor; weiter links Santa Maria de Olban, auf einem Hügel, der die Umgegend dominirt; in größerer Entfernung erblickten wir die Zinnen des Wallfahrtsortes N. S. de la Guardia. Caldès, Sellén, Segáz und viele andere Orte waren mit freiem Auge in der Ebene sichtbar; in weitester Ferne aber, mit dem Fernrohre, die Mauern von Gironella. Hinter dem Olivenwäldchen, das unsere Villa umgab, lag, auf eine Viertelstunde, das Hauptquartier des Generalcapitains, Caserras. Hinter Caserras hebt sich das Terrain allmählig bis Berga, dessen Gebirgskette das Rundgemälde vollendete und den Horizont begrenzte.

Es war eben Sonntag; wir ritten daher nach Caserras zum Gottesdienste, den de España unter freiem Himmel abhalten ließ. Auf dem Balcon eines [175] einzeln stehenden Hauses, vor dem Dorfe, war der portative Altar aufgeschlagen, der auf Märschen von einem eigens dazu bestimmten Maulthiere (macho de la Capilla) getragen wurde. Auf dem ebenen Platze vor dem Hause, standen die Truppen, die in und um Caserras cantonirten, formirt. Die Musik des achten Bataillons spielte dazu. Der Generalstab und die Umgebung des Grafen hielten vor der Fronte; einige Schritte vor ihnen kniete, an einen Feldstuhl gelehnt, während des größten Theils der Messe, der alte Generalcapitain. Die Winde bewegten das weiße Haar seines entblößten Hauptes, und die Züge seines Gesichtes nahmen während des Gebetes einen so wehmüthigen, leidenden Ausdruck an, daß sie die herbe Bewegung, das vergebliche Trostsuchen seiner Seele treu abspiegelten. Die zahlreichen, unerbittlichen Feinde des Grafen de España haben sogar seine Gedanken mit ihrem giftigen Geifer beflecken wollen, und oft habe ich hören und lesen müssen, seine Frömmigkeit sei nur Heuchelei gewesen; wer, selbst gläubig, den alten hartgeprüften Mann nur einmal beten sah, wird diese Behauptung, so vielen andern gleich, als Verläumdung verwerfen.

Bald war der Gottesdienst zu Ende und das [176] Wirbeln der Tambours kündete den Moment an, wo die Truppen vor ihrem General defiliren würden. Wenn ich an Porredons Division am Ufer des Cinca dachte, schien es mir kaum möglich, theilweise dieselbe Truppe in geordnetem Parademarsch hier vorbeiziehen zu sehen, die vor kaum mehr als einem Jahre, Zigeunerhorden gleich, in buntester Unordnung durch einander lief. Nun waren sie den baskischen Bataillons ganz gleich gekleidet, meist durch junge Offiziere angeführt, und stellten in Gang und Haltung die disciplinirten Reihen einer regelmäßigen Armee vor.

Mit prüfendem Blicke stand de España zehn Schritte vor uns, hart an den defilirenden Bataillons und schlug mit seinem Stocke den Takt zum Eilmarsch, den er sehr liebte. Vor jedem Offizier, vor jedem Ferdinandsbande am Rocke eines Soldaten lüftete er leicht seinen Federhut, lobte und tadelte laut, und richtete an jede Compagnie Fragen ihre Zahlung oder Rationirung betreffend. Gleich darauf ließ er auf dem Felde abkochen, kostete aus mehreren Töpfen und warf gewöhnlich eine Goldmünze in den siedenden Kessel. Endlich wünschte er sämmtlichen Truppen guten Appetit, rief die Stabsoffiziere zu sich, gab Befehle für [177] die nächsten Tage und lud sie zu Tische ein. Um ein Uhr saßen wir an der langen Tafel, die Tags vorher das schreibende Personal eingenommen, und von diesem Moment an hatte alles Dienstgespräch ein Ende. Wenn manchmal Einer oder der Andere der jüngeren Adjutanten vorschnell über Offiziere oder Truppen aburtheilen oder gar von militärischen Operationen reden wollte, so wies ein strenges Kopfheben des Generals ihn sogleich zur Ordnung.

Um mit Küchendétails mich nicht zu lange aufzuhalten, sei es mir für meine gastronomen Freunde nur erlaubt zu erwähnen, daß de España, seit der Zeit als er im Hauptquartier des Herzogs von Wellington viel gelebt, die großen Stücke (grosses pièces nach französischem Ausdruck) der englischen Küche sehr liebte, die auch mit seltenem à point am Spieße gebraten, noch mit demselben aufgetragen wurden. Die halbwilden Gebirgsschöpse, Isards, Rehböcke und feisten Kälber aus den Ebenen um Barcelona, schmeckten so zubereitet vortrefflich, und wurden auf der Tafel von einem der Adjutanten zerlegt, dem irgend ein Tranchirfehler gewöhnlich einen ganz ernsten Verweis des Generals zuzog, der ein sehr wissenschaftlicher Gourmand war. Ein halb Dutzend [178] große Porrons standen auf dem Tische; vor de España ein kleiner, mattgeschliffener, den er mir halb geheimnißvoll zuschob, und worin weit besserer Wein war. Nach Tische setzte er sich an den Küchenheerd, an den ihm Niemand folgen durfte, den er nicht rief, daher ich auch zurückblieb. Doch klang mein Name, nach einer kleinen Weile, in den großen Saal; ich mußte ans Feuer zu ihm, und hier begann das erste Mal eines jener traulichen, für mich so hoch interessanten Gespräche, die mich in den Stand gesetzt, während meines Aufenthalts in de España’s Hauptquartier, diesen merkwürdigen, so allgemein verkannten Mann näher kennen zu lernen, seine gemüthlichen, herzlichen Seiten besser zu würdigen, als so Viele, die durch Jahre in ihm nur den strengen, schroffen Vorgesetzten sehen durften. Er hat mich wie seinen Sohn behandelt, und wenn meine offene, freimüthige Darstellung nur etwas dazu beitragen kann, nicht nur den großen Feldherrn und Administrator, sondern auch den Edelmann und Menschen in seinem wahren Lichte darzustellen, so ist mein Zweck und Ziel erreicht.


  1. Die Einbildungskraft des spanischen Adels, wenn von ihren Titeln und Rangverhältnissen, den Traditionen [140] ihrer Häuser die Rede ist, ist bekannt und sprüchwörtlich geworden. Doch kann ich bei Erwähnung des Namens Centmanat nicht übergehen, daß der Marquis, Chef dieser Familie, der auf mehreren Reisen eine gewisse Bildung erlangt hatte, mir einst erzählte, sein Name komme daher, daß einer seiner Vorfahren hundert gerüstete Männer Carl dem Großen nach den Pyreneen gestellt habe, worauf der große Kaiser gesagt haben soll: „Cent Mann hat“. Der gelehrte und verschmizte Rector der Universität Cervera, Domherr Torrebadella berichtigte dieß aber dahin, daß der Marquis allerdings von den durch Carl den Großen in den Pyreneen eingesetzten Cent-Männern abstamme, die deren Pässe mit hundert Mann zu hüten hatten.
  2. Der spanische Ausruf „hombre“ Mensch, kann eigentlich gar nicht gegeben werden; er wird in jedem Gemüths-Affect [143] als Aufruf gebraucht; der beleidigte, geschmeichelte, verwunderte oder erschrockene Spanier antwortet vor Allem mit „hombre.“ Doch ist dieß nur ein mehr familiairer Ausruf und mir z. B. wohl erinnerlich wie Alles in Barbastro (im Juni 1837) sich über den Brigadier Porredon (el Ros de Eroles) moquirte, dem vor dem Könige ein „hombre“ entwischt war.
  3. Peseteros, die, aus Spaniern bestehenden, freigeworbenen Corps (Corps francs), wegen der Löhnung einer Peseta (vier Realen) die sie täglich erhielten oder erhalten sollten, so genannt. Die Peseteros bestanden aus den zügellosesten, undisciplinirtesten Banden, und waren bei Carlisten und Christinos gleich verrufen. Kein einziger anständiger Offizier diente in diesem Corps.
  4. Der wird mit Barcelona fertig werden.
  5. Granujas heißen dem Wortlaute nach die Weinbeeren, die im Grunde der Körbe, bei der Weinlese liegen bleiben; uneigentlich wird jede verdorbene Pflanze oder abgefallene Frucht so genannt. Im Munde des Volkes bedeutet Granuja „Nachleser“ (glaneurs).
  6. Usia, Abkürzung im Sprechen von Vuestro Señoria (V. S.), Diensttitel der Obersten, Brigadiers und Maréchaux-de-Camp, so lange sie nicht durch ein Großkreuz die Excellenz erhalten.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Kirchthum