Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839/Zweiter Theil/IV

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IV. Kapitel
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aus: Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839. Zweiter Theil. S. 179–230
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von: Felix Lichnowsky
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IV.


Skizzen über den Grafen de España und den letzten Krieg in Catalonien.

[180] [181] Indem ich es übernehme, einige Skizzen über den Grafen de España zu geben, die in den Augen Vieler für apologisch gelten mögen, weiß ich wohl, daß ich bei den Freunden des sogenannten spanischen Liberalismus wenig Glauben finden werde, da der Held dieser Erzählung ihnen nur durch die Invectiven aller republikanischen Federhelden Europas bekannt ist, die ihn seit einer Reihe von Jahren zur Zielscheibe auserkoren. Ich tröste mich damit, daß alle Männer monarchischer Grundsätze, auch nicht decidirte Anhänger der Legitimität in unserem Sinne, nach vorurtheilsfreier Beurtheilung, die beständige Treue und unerschütterliche Festigkeit de España’s würdigen werden, obschon vielleicht über keine, militärisch oder politisch markante Persönlichkeit der neuesten Zeit, so schroffe Urtheile gefällt und so nichtswürdige Verläumdungen [182] ausgestreut wurden. Diese unablässige Bemühung feindlicher Publizisten immer dieselben Lügen über ihn zu verbreiten, hat selbst in unsern Feldlagern wohlgesinnte Leute irre geleitet. Noch ist mir erinnerlich, daß wir oft lasen und hörten, de España, bereits ein halber Cadaver, sei altersschwach und halbverrückt, alles Feuer in ihm ausgestorben, sein Blutdurst allein geblieben; er verlasse das Bett nur, um einem Schatten gleich einher zu wanken, oder in einer Sänfte sich tragen zu lassen. Endlich fingen auch wir an zu zweifeln und bedauerten, daß Gefangenschaft und Kummer, wohl mehr als Jahre, die königliche Sache um einen ihrer tüchtigsten Vertheidiger gebracht. Wenige Stunden im Hauptquartier des Grafen de España haben mich eines bessern belehrt. So erging es mir auch mit den übrigen Vorurtheilen; jeder Tag benahm Eines, und als ich de España verließ, hatte ich ihn so lieb gewonnen, als ich später seinen gräßlichen Tod innig betrauert, bitter beweint.

Charles d’Espagne ward um das Jahr 1773 in der Grafschaft Foix geboren, die seine Vorfahren, vor mehreren Jahrhunderten, als souveraines Fürstenthum nebst Comminges und dem Lande Couseraus [183] besessen. Sein Vater, der Marquis d’Espagne, französischer General-Lieutenant, bestimmte seinen zweiten Sohn Charles schon früh den Waffen, nach den Ansichten einer Zeit, in der nachgeborne Söhne großer Herren nur zwischen Krummstab und Degen zu wählen hatten. Der Chevalier d’Espagne trat in eine der Compagnien der maison rouge Ludwig XVI., die sein Vater befehligte. Obwohl sehr jung, war er doch Zeuge aller Gräuel der ersten Revolution. Sein Vater und viele seiner Verwandten wurden guillotinirt. Er und sein älterer Bruder, nunmehr Marquis d’Espagne, schlossen sich an die Armee des Fürsten von Condé an, und machten jene traurige, erfolglose Campagne mit. Nach Auflösung des Condé’schen Corps begab sich d’Espagne nach Spanien, zur Zeit als der Friedensfürst alle streitbaren Kräfte des Reichs, längs den Pyreneen gegen Napoleon zusammenzog. Er trat als Hauptmann in ein Infanterie-Regiment und focht lange mit abwechselndem Glücke, in meist subalternen Stellen. Endlich schien sein Stern aufzugehen. Auf dem Schlachtfelde von Baylen ward er zum Brigade-General befördert; für die Einnahme von Pamplona erhielt er das Großkreuz [184] des militärischen Sanct Ferdinand-Ordens; an Wellingtons Seite rückte er in Madrid ein, von diesem zum Gouverneur der Hauptstadt ernannt. Er ward mit Auszeichnung genannt bei Albuhera, Salamanca, Vitoria, an all’ jenen ewig denkwürdigen Tagen, die Spanier und Britten noch jetzt mit Stolz nennen, so groß und so blutig, daß selbst für die Besiegten die Erinnerung nicht ohne Ruhm und Glanz ist.

Nach dem Pariser Frieden bot ihm Ludwig XVIII. an, in französische Dienste zu treten, was Graf d’Espagne jedoch ablehnte; er wollte nicht jenem Heere angehören, gegen das er beständig die Waffen geführt; was von französischem Blut in seinen Adern geflossen, sei auf spanischem Boden durch Franzosen Hand vergossen worden. Sein Haß gegen sein erstes Vaterland, der mit den Jahren stets zunahm, ging so weit, daß er nur mit Widerwillen französisch sprach, auch seinen französischen Namen in’s Spanische übersetzte, statt d’Espagne – de España. Im Jahr 1815 ward er zum General-Lieutenant, später zum commandirenden General der königlichen Fußgarde ernannt; wer in jener Zeit Spanien besucht, [185] wird noch der musterhaften Disciplin gedenken, die Graf de España diesem prachtvollen Corps beigebracht. Später ward er General-Capitain von Aragon, und residirte vier Jahre in Zaragoza. Die Rolle des Grafen de España während des Constitutions-Krieges konnte nicht zweifelhaft sein; auch zog er sich den Haß aller Liberalen zu, die in ihm einen Tyrannen und Wütherich, blinden Häscher der blutigen Decretalien Ferdinand VII. sahen. Und doch lassen sich alle Handlungen des Grafen de España so einfach auf das einzige Prinzip zurückführen, ohne dem jeder militärische Geist, jede Mannszucht unmöglich ist. Der Befehl des Souverains ist das höchste Gesetz des Soldaten, gleichviel ob Sergeant oder Feldmarschall.[1] Man versteht, daß hier von der Hinrichtung [186] des Generals Bessières die Rede ist, einem traurigen Ereignisse, über das ich mich nicht näher erklären kann, da es nicht an mir ist, als Ankläger königlicher Personen aufzutreten, selbst nach ihrem Tode. Als 1827 Catalonien unruhig ward, begab sich Ferdinand VII. selbst nach Barcelona, und stellte den Grafen de España an die Spitze der unzufriedenen Provinz. Der Catalonier gehorcht nur dem, den er fürchtet; das wußte de España. Er packte sie mit grimmiger Faust, ließ die Köpfe der Rädelsführer abschlagen und schickte die übrigen auf Galeeren; da beugten sie und schmiegten sich, gehorchten ihm und es ward Ruhe.

In Spanien bietet jede Provinz, einzeln aus demselben Gesichtspunkte betrachtet, einen ganz verschiedenen Anblick dar. Die Sitten der Einwohner, das Eigentümliche ihrer Charaktere, die politische Geschichte ihrer Provinz, die tiefbleibenden Eindrücke [187] der ersten Maßregeln und Institutionen jeder Regierung, bilden Elemente oft ganz entgegengesetzter Natur. Man muß sie mit Einem Blicke umfassen und die Provinz, von der man spricht, genau kennen; dann täuscht man sich durch keine Parallele, und nur dann kann man sie in scharfen Conturen hinstellen und treffend beurtheilen.

Unter allen Reichen der spanischen Krone steht Catalonien exceptionell da, mit Keinem zu vergleichen. Auch ist es um so schwerer zu beherrschen, als es aus zwei streng geschiedenen, sich feindlich gegenüber stehenden Theilen besteht: dem Küstenlande und dem hohen Gebirge. – Das catalonische Küstenland mit seinen großen, reichen Handelsstädten, zahlreichen Fabriken und seinem lebhaften Verkehr, ist durch den vielfachen Contact mit dem Auslande durch und durch gangrenirt; eine revolutionäre, durchaus republikanische Tendenz ist hier vorherrschend. Reús, Tortosa, Lérida, Tarragona sind mit Jacobinerclubs und Freimaurerlogen angefüllt, und Barcelona ist einem großen Giftschwamm zu vergleichen, der gute Dünste an sich zieht und sie verpestet wieder von sich gibt. Barcelona kann die Zeit noch nicht vergessen, wo es, unabhängig vom [188] übrigen Spanien, nur von seinen großen Grafen regiert ward: jenen kriegerischen Raimund, die befehlend zu den benachbarten Königen sprachen, auf Gleichheitsfuß mit den Carlovingischen Kaisern und fränkischen Königen unterhandelten und um die Herrschaft des Mittelmeers mit den Normännern stritten. Die historischen Erinnerungen mögen überall schwinden, in Spanien bleiben sie in jugendlicher Frische, deßhalb hält es so schwer, Neuerungen in diesem Lande einzuführen.

Einen seltsamen Contrast zum Küstenstrich bildet das Bergland. Die Communication zwischen beiden ist sehr gering. Wenige Straßen, nicht ein schiffbarer Strom, Verschiedenheit der Bedürfnisse, machen sie unerheblich. Der Küstenbewohner Cataloniens handelt mit den benachbarten Küsten von Valencia, Murcia und Andalusien, schifft nach den weißen Felsen der Provence, nach Italien, wohl auch nach Afrika. Er verdingt sich als Matrose und Lastträger; doch selten kommt er im Innern seines Landes weiter als bis zu den spitzen Zacken des Monserrat, einmal in vielen Jahren nach diesem wunderbaren Berge zu wallfahrten. Wie wenig Spanier haben die Gebirgsthäler des obern Cataloniens besucht, längs des Segre, der [189] beiden Nogueras (Ribagorzana und Pallaresa), des obern Cinca, die Quellen des Llobregat, die Schluchten der Grafschaft Paillasse, wo man nur das Rauschen der Gießbäche und das Hämmern der Eisenwerke vernimmt; tiefe Kessel antediluvianischer Form, wo es spät Morgen und früh Nacht wird, zum Guérillakrieg geschaffen, in denen er erfunden ward und bis jetzt in seiner reinsten, ursprünglichen Form sich erhalten hat. Dieß Land und seine Bewohner haben nicht geändert, seit sie durch Jahrhunderte der römischen Weltherrschaft widerstanden, seit Hannibal ihnen die ersten fremden Heere zeigte und die ersten Brücken über ihre Ströme schlug; seit Pompejus die Legionen des Sertorius in ihren Thälern vernichtete, Karl der Große und Roland dort ihre Siege fochten und die Mauren nie in ihre Engpässe dringen konnten; sie sind abgeschlossen in ihrer Wildniß, auf sich selbst beschränkt, und ihre einzige Verbindung mit dem Auslande trägt eben wieder zu ihrem wilden, kriegerischen Leben bei. Es ist der Schleichhandel im größten Maßstabe, den sie in bewaffneten Banden, in beständiger Fehde mit französischen und spanischen Zollwächtern treiben. Die kleine Republik Andorra, unter [190] französischem und spanischem Schutz und Souveränetät des Bischofs der Seú d’Urgel, und endlich das privilegirte Thal von Aran am nördlichen Abhange der Pyreneen, dienen ihnen als Entrepôts und Sammelplätze.

Daß mit diesen Leuten, halb Wilden auf der einen Seite, fanatischen Republikanern auf der andern, mit Mäßigung nicht durchzudringen ist, wird jeder unbefangene Forscher wenigstens sich selbst gestehen müssen, sollte er es auch nicht öffentlich bekennen wollen.

Wie schwer es bei diesen Charakteren auch ist, auf das Volk einzuwirken, so bildet doch, in markantem Unterschiede zum übrigen Spanien, bei den Cataloniern der persönliche Charakter des Chefs der Provinz einen Haupthebel der populären Tendenz, und übt überwiegenden Einfluß aus. Die eminentesten Männer, denen die durchgreifende Strenge, die hier Noth thut, mangelte, scheiterten in der Aufgabe, welche minder Begabte glänzend lösten. So war, während des Independenzkrieges, unbezweifelt Blake der erste General Cataloniens und konnte doch nie die geringste Disciplin unter die zahlreichen Somatènen einführen, die schnell erschienen und plötzlich wieder verschwanden, je nachdem es ihnen gut dünkte. Der Klang der größten Glocke der Stadt oder des [191] Weilers, rief die Einwohner zu den Waffen, sie kamen Alle, jedes Alters und Standes; selbst die Frauen folgten, von dieser schnell auflodernden Begeisterung hingerissen. Die Sturmglocke die rief, heißt Somatèn, daher der Landsturm, der ihr folgt, Somatènes; das gibt sich nur im Deutschen wieder. Vier und zwanzig Stunden später war der heimische Heerd dem Horizonte der Somatènen entrückt, und mit dem letzten Nachklang der Sturmglocke, der ihrem Ohre entflohen, war auch die Begeisterung geschwunden. Sie kehrten nach Hause zurück. Zu schnellen Ausfällen, Lauer in bekannten Schluchten, kleinem Kriege von wenigen Stunden, ist der Catalonier der beste Soldat der Welt; um mehr zu erlangen, um diese Banden zu organisiren und zu discipliniren, gehört ein eisener Wille, der sie zügelt und meistert. Alle Anstrengungen der Generale Vives, Blake und Marquis de Campoverde, während der Campagnen 1808 und 1809 waren vergebens. Da kam Heinrich O’Donnell, Graf von la Bisbal[2] und übernahm das [192] Commando. Die Sturmglocke erscholl in allen Orten, die keine französische Besatzung hatten. Die Somatènen griffen zu den Waffen und verließen ihre Dörfer. Als sie zurückkehrten, sahen sie in Mitte ihrer Plätze Galgen aufgerichtet und an allen Ecken Placate angeschlagen, eine Conscription von vierzigtausend Mann verkündend. Das Conscriptions-System hatte früher in Catalonien nie durchdringen können, und man pflegte sonst für den Dienst des Königs mittelst Handgeld, in allen Orten frei zu werben. Doch O’Donnell drang durch; die vierzigtausend Mann wurden conscribirt, organisirt, disciplinirt, und vertheidigten siegreich den heimatlichen Boden gegen die französischen Armeen unter Duchesne, Augereau, Macdonald, Saint-Cyr, Decaen und Suchet. Die feindlichen Heere nahmen zwar alle festen Plätze, mit Ausnahme von Cardona, doch wurden sie stets darin bloquirt und sahen sich endlich genöthigt, sie aufzugeben. Unzweifelhaft war von allen Generalen, welche die Catalonier während dieses Krieges befehligten, der Graf von la Bisbal der einzige, den sie liebten, fürchteten, und dem sie gehorchten.

Der einzige constitutionelle General, der zur Zeit Ferdinand VII. einigen Einfluß auf diese Leute ausübte, [193] war Mina; dessen Charakter ist überall bekannt. Wie oben erwähnt, kam, während der Unruhen des Jahrs 1827 der Graf de España an die Spitze Cataloniens. In kurzer Zeit brachte er die Provinz zur Ordnung, und als im Jahre 1830 einige Banden Bergbewohner den Namen des jetzigen Königs, damals Infanten Don Carlos, als Banner einer ungesetzlichen Insurrection und eines verbrecherischen Aufstandes, gegen den zu jener Zeit regierenden Herrn mißbrauchen wollten, unterdrückte er schnell ihre meuterischen Versuche und setzte ihnen den Fuß auf den Nacken. Daher der Haß mancher übelberichteten oder irregeleiteten Royalisten. Merkwürdig ist, daß einer der Hauptchefs dieser sogenannten Carlisten vom Jahre 1830, Don Manuel Ybañez, der damals vom Grafen de España eingefangen und auf die Galeeren von Ceúta und Melilla geschickt ward, derselbe kühne Häuptling ist, der im letzten Kriege durch Jahre, unter dem Namen el Llarj de Copons die Ebenen von Tarragona mit Schrecken erfüllte. Er war bis zum letzten Augenblicke des Grafen de España treuester Freund, einer der Wenigen, die an seinem Morde unschuldig sind.

[194] Diese Anhänglichkeit Ybañez’s an seinen alten General gereichte ihm um so mehr zur Ehre, als er sich, in früheren Zeiten, über denselben eben nicht zu beloben hatte. Ybañez war während der Constitutions-Epoche royalistischer Offizier gewesen, und konnte, als Ruhe und Ordnung wieder hergestellt worden, so vielen Andern gleich, sich nicht darein schicken, stets bereit zu den Waffen zu greifen. Er ließ sich im Jahre 1830 verleiten am carlistischen Aufstande Theil zu nehmen, und gewiß hat er es in der redlichsten Absicht der Welt gethan. Doch der neue General-Capitain, der hierin keinen Unterschied machte, ließ ihn aufgreifen, in Ketten legen und schickte ihn nach Ceúta. Als der Tod Ferdinand VII. die Kerker aller Anarchisten und Republikaner öffnete, ward während der allgemeinen Unordnung auch Ybañez in Freiheit gesetzt. Er begab sich unverweilt in seine Heimat und rief seine Landsleute zu den Waffen. In kurzem war er einer der mächtigsten Häuptlinge Cataloniens. Seiner hohen Gestalt wegen, er mißt 7 Fuß, el Llarj (el Llarj catalonisch: der Lange) genannt, ward nach catalonischer Weise der Name seines Geburtorts, Copons, beigefügt, was den in der ganzen Halbinsel bekannten nom de [195] guerre „el Llarj de Copona“ bildete. Er war stets gutmüthig, uneigennützig und hielt noch am Meisten auf Subordination, unter allen seinen Gefährten. Als de España 1838 nach Berga kam, glaubten Alle es werde ernste Conflicte zwischen ihm und Ybañez geben, der im ersten Moment die Ernennung seines strengen Richters, nicht mit Freude vernommen haben soll. Dieß hätte von um so bedeutenderen Folgen sein können, als Ybañez bereits sechs starke Bataillons commandirte, wovon eines, die Guiden vom Campo de Tarragona (13tes von Catalonien), beinahe 1300 Mann zählte, er überdieß den reichsten und wichtigsten Strich der Provinz besetzt hielt. Auch schien die erste Zeit auf wenig freundliche Verhältnisse hinzudeuten. De España hatte sogleich bei seinem Eintritte befohlen, daß sämmtliche royalistische Streitkräfte aus allen Theilen Cataloniens zu ihm stoßen sollten; alle kamen, bis auf Ybañez, von dem, so wenig als von seiner Truppe, das Geringste zu hören war. Als diese Hiobspost dem General gebracht ward, verzog er keine Miene, und Niemand hätte ihm angesehen, welcher Kampf in seinem Innern vorging. Kaum war es jedoch dunkel geworden, als er plötzlich für sich, einige [196] Offiziere seines Generalstabs und ein paar Ordonnanzen satteln ließ. Nur von wenigen, der Gegend vollkommen kundigen Miñones geführt, ritten wir, ununterbrochen durch neun Stunden, über die höchsten Kämme und durch die engsten Schluchten. Niemand wußte wohin, als der General und der an der Spitze laufende Miñone; doch schwieg Ersterer, und Keiner hätte zu fragen gewagt. Bei Tages Anbruch ward ein einsames Landhaus bezogen, das Thor verriegelt und den Tag über da zugebracht. Der General legte sich sogleich schlafen und wachte Mittags bloß auf, um schweigsam ein wenig zu essen, worauf er wieder zu schlafen begann. Seinem Befehle gemäß, ward er mit Sonnenuntergang geweckt, und sofort zu Pferde gestiegen. Gegen Mitternacht ritten wir durch ein muschelförmiges Thal, das sehr fruchtbar zu sein schien; mein Nachbar wollte es für die Conca de Barbera halten und flüsterte mir leise zu, wir ritten wohl an den Ebro, zu einer Zusammenkunft mit Cabrera.

Endlich hielten wir gegen Morgen, noch lange ehe es graute, auf einem Berg-Plateau, stiegen ab und banden die Pferde an. Von einem Felsenvorsprung konnte man, im Halbdunkel des Zwielichts [197] eine weite Ebene halb übersehen oder vielmehr ahnen. Zu unsern Füßen lag ein Dorf, am dicht aufsteigenden Nebel kenntlich; viele Kohlenstöße und halbverlöschte Feuer ließen auf dabei bivouaquirende Truppen schließen. Da fing einer der begleitenden Offiziere zu plaudern an; de España kehrte sich um, und sagte in aller Ruhe, mit gedämpfter Stimme, kaum hörbar: „den Ersten der Lärm macht, lasse ich fusilliren.“ Darauf setzte er seine Untersuchung fort, an der wir noch nichts verstanden. Dieß Alles währte sehr lange. Endlich überzog eine blasse Röthe den Horizont und beleuchtete allmählich die Landschaft. Wir konnten eine bedeutende Truppenmasse, auf kaum eine Viertelstunde von uns erblicken, allem Anscheine nach, in tiefen Schlaf versunken. Nach wenigen Minuten vernahmen wir jedoch die Töne der Diana, hellklingend in der lautlosen Stille dieses frühen Morgens, während noch die ganze Natur ruhte. Dann regte sich Alles; einzelne Commandoworte kamen bis zu uns, und als die Sonne sich eben erhob, sahen wir die Truppen im Carré formirt. Bald wäre mir ein Schrei entschlüpft, da ich aus den catalonischen Mützen (gorra) erkennen konnte, daß es Carlisten waren. [198] Doch gab es zu Reflexionen nicht viel Zeit; der General schwang sich hastig zu Pferde, wir ihm nach, und in gestrecktem Galopp ging es den Berg hinab, bis wir mitten im Carré stehen blieben. Dort sprang de España ab und lief einem hagern, baumlangen Mann zu, der auf seinen Säbel gestützt, von fünfzig bis sechzig Offizieren umringt, in der Mitte stand. Den packte er bei den Schultern, umarmte und küßte ihn, und drückte, trotz alles Sträubens, ihn so lange an sich, als wolle er ihn gar nicht von sich lassen. Dann wandte er sich an die Truppen und rief mit bewegter Stimme: „Das ist der Stolz von Catalonien, des Königs bester Diener und mein bester Freund. Ehre dem Don Manuel Ybañez und der Division vom Felde von Tarragona. Dich mein Sohn (zu Oberst Ybañez gewandt) ernenne ich zum Brigadier, kraft der mir verliehenen Vollmachten, und Euch (zu den Soldaten) gebe ich eine Wochen-Löhnung Gratification, denn Ihr dient Carl dem Fünften und nicht Carl mit Euern fünf Fingern (Carlos quint’ y no Carlos cinq).“ Dieses etwas hinkende Wortspiel mit Bezug auf Marodiren und Rauben, vollendete glänzend was der General so glücklich begonnen. Ein allgemeines Freudengeschrei [199] unterbrach ihn, und der lange Ybañez mit seinem braunen, bärtigen Gesichte – noch vor wenig Augenblicken sicher ganz anderer Meinung – heulte und weinte aus Rührung am lautesten. Wir waren Alle ergriffen; Graf de España, dessen Rührung wohl nie sehr ernst gewesen, ermannte sich am Ersten. Er befahl die Pferde vorzuführen und musterte die Division. Ybañez ritt neben ihm, einen hohen andalusischen Hengst. Zu Pferde konnte man erst recht den merkwürdigen Körperbau dieses athletischen Menschen sehen; wir reichten ihm alle kaum über den Ellenbogen. Er trug die rothe catalonische Gorra, den Zipfel nach hinten lange herabhängend, die Zamarra und mit Leder besetzte Beinkleider. Ein Carabiner steckte im Sattel, und ein breiter Säbel hing an der Hüfte. Sein mächtiger Gaul ächzte unter dem Drucke seiner Schenkel und machte nach allen Seiten hin Lançaden. Seine Truppen hatten noch keine Uniform, sondern trugen die umgeschlagenen gestreiften Pferdedecken, die ich an Porredons Leuten während der letzten Campagne schon gesehen. Der General ritt langsam und feierlich an den Reihen vorbei, lobte und grüßte viel, bewunderte laut den wirklich prächtigen Menschenschlag, [200] versprach Bezahlung und vorzüglich Uniformen, die, meinte er, so schönen Burschen sehr gut stehen müßten. Endlich war die Musterung beendet; de España stellte sich in die Mitte und rief: „Schön, meine Söhne, aber Ihr habt wenig Bajonnete.[3] Die Patronen werden verschossen, durchnäßt, verloren; das Bajonnet, stets getreu (siempre fiel), ist die Waffe aller Braven, zu allen Zeiten die Waffe der Catalonier gewesen. Ich habe keine; der Feind hat viele, dort müssen wir sie holen!“ Abermaliger Jubel unterbrach den alten Feldherrn; Ybañez folgte ihm mit seinen sechs Bataillons, die ohne Aufenthalt mit uns abmarschirten. Von diesem Tage an hat de España auf die Division vom Felde von Tarragona und ihren Führer bis zuletzt zählen können, und hätte er Ybañez in der Nähe gehabt, so wäre seine Ermordung unmöglich gewesen.

[201] Doch muß ich hier fünf Jahre zurück zur unterbrochenen chronologischen Reihenfolge der Begebenheiten in Catalonien.

Als Ferdinand VII. im Jahr 1833 die Fundamental-Gesetze des Reichs umstieß und seiner Tochter, als Prinzessin von Asturien schwören ließ, kamen carlistische Emissäre nach Barcelona und wandten sich durch den Gouverneur dieser Stadt, General-Lieutenant Grafen von Villemur, an den General-Capitain Grafen de España, um ihn zu bewegen, dieser der Agonie des Königs entrissenen Ordonnanz nicht Folge zu leisten, den durch liberalen Einfluß neu ernannten General-Capitain Llauder, sobald er den Fuß auf catalonischen Boden setzte, sogleich erschießen zu lassen, alle Catalonier zu den Waffen zu rufen, und mit den, ihm zur Disposition stehenden Garde- und Linien-Truppen auf Madrid zu marschiren, Ferdinand VII. von der ihn umgebenden Camarilla zu befreien. Nicht Ein Mann in ganz Catalonien hätte dem Aufrufe des General-Capitains Widerstand geleistet, die ganze Provinz sich erhoben, mit Jubel de España’s Ruf erwiedert, die in der Maëstranza von Barcelona und den Festungen aufgehäuften Waffen [202] ergriffen; mit Einem Worte, von Beginn an würde sich jene Begeisterung kund gethan haben, die Catalonien in früheren Kriegen so sehr auszeichnete. Nie konnte ein leichteres Spiel dem Grafen de España geboten werden: er kannte genau alle Militär- und Civil-Gouverneure, und konnte auf ihre Mitwirkung rechnen; die zwei in Barcelona garnisonirenden Garde-Regimenter hätten alle seine Befehle befolgt, denn ihr Offizier-Corps bestand größtentheils aus Royalisten, und die wenigen Liberalen wären durch den stark ausgesprochenen, allgemeinen Willen mit hingerissen worden; die Linien-Regimenter, in allen Theilen der Provinz vertheilt, sowohl Fußvolk als Reiter, hatten erprobte Chefs, und Niemand im ganzen Lande hätte daran gedacht, dem Befehle des General-Capitains zu widerstreben. In wenigen Tagen wäre ein zahlreiches und wohlgerüstetes Heer gebildet gewesen, und der Aufstand eines so großen Theiles des Reichs unter einem Oberhaupte wie de España, hätte allein Ferdinand VII. von den Intriguen befreit, mit denen die revolutionäre Partei seine letzten Jahre umgeben hat. Alle Königreiche Spaniens wären dem Impulse Cataloniens gefolgt, und die Liberalen beim Anblick [203] der Gefahr, die sie bedrohte, ausgewandert oder in jene Unthätigkeit zurückgekehrt, aus der sie sich, seit den letzten neun Jahren, nicht gerührt hatten, darauf beschränkt, im Auslande oder im geheimnißvollen Dunkel ihrer Logen am Untergange ihres Vaterlandes zu miniren. Die energische Thätigkeit des Grafen de España, seine praktische Kenntniß der Umtriebe und Projecte der Neuerungssüchtler hätten der Revolution einen Damm gesetzt; mit einem Schlage würden siebenjähriger Bürgerkrieg, Ströme Blutes, Verwüstung der ganzen Halbinsel, unabsehbare Uebel verhindert worden sein. Doch die strenge Gewissenhaftigkeit des Grafen de España, seine tiefe Ehrfurcht vor den höchsten Attributen königlicher Majestät, so lange ein Lebenshauch noch die Krone über dem Haupte seines hinschwindenden Herrn hielt, ließ ihn, wenn gleich mit Kummer, doch fest alle Anträge zurückweisen. Unersetzliche Momente gingen verloren.

Da kam General Llauder. Nochmals ward de España von allen Seiten bestürmt; doch schwieg er, übergab das Commando seinem Nachfolger und zog sich nach Majorca zurück. Llauder hatte im Jahre 1830 Mina und dessen Horden in den Gebirgen [204] Navarra’s verfolgt, daher es noch einige Royalisten gab, die Hoffnungen an seine Ankunft zu knüpfen wagten; doch sein erstes Auftreten vernichtete schnell diese Illusion.

Llauder begann damit, den Exaltirten zu schmeicheln. Auf alle Weise trachtete er ihr Zutrauen zu gewinnen, und richtete an die königliche Wittwe jene schamlose Vorstellung, die sie zwang, das Estatuto Real zu promulgiren, und die Cortes zu berufen. Er entwaffnete die Bataillone royalistischer Volontairs, ohne Auftrag seiner Regierung, und bildete aus der Hefe des Pöbels, zum Theil aus den losgelassenen Sträflingen der Zuchthäuser und Galeeren, Freicorps, die Volontairs Isabella’s II. Alle Royalisten wurden ihrer Aemter und Würden entsetzt; die Gefängnisse mit den angesehensten und einflußreichsten Personen angefüllt; die royalistischen Sommitäten des Landes aber, nach Palma, Mahon und Cartagena abgeführt. Catalonien war in kurzem erdrückt und zu Grunde gerichtet; die Männer, die das Vertrauen des Volkes besaßen und auf die aller Augen gerichtet waren, entfernt oder in Ketten. Keiner war zurückgeblieben, um dessen Banner die vereinzelten Royalisten [205] sich hätten vereinigen können, es Navarra und den baskischen Provinzen gleich zu thun.

So verzweifelt diese Lage auch war, trachteten doch die Catalonier, in erst unmächtigen Versuchen, ihre schwachen Kräfte mit denen der Revolution zu messen. Mönche und Bauern erhoben sich in ihren Districten; ohne Waffen, ohne Disciplin, ohne militärische Kenntnisse führten sie den ihnen eigenen Krieg; die Erinnerung an die heroischen Zeiten ihres Kampfes gegen Napoleon war in ihnen noch nicht verwischt. Die Somatènenhaufen bildeten sich zu Guérillas; in ihren Gebirgsschluchten und engen Pässen, auf den unzugangbaren Felsen ihrer Sierren überfielen sie den Feind nach Eilmärschen, im Verstecke lauernd; sie beunruhigten die Transporte, fingen die Nachzügler, schnitten die Communicationen ab. Nach und nach verschaffte ihnen dies Waffen, alle dem Feind entrissen; ihre Banden wuchsen und waren so schnell in alle Winde zerstreut, als auf Einem Punkte wieder versammelt, je nach den Bedürfnissen des Augenblicks. Bald fing der gute Geist der Catalonier, bisher durch Schrecken und Verfolgungen niedergedrückt, sich zu heben an; sie sahen die Nothwendigkeit ein, sich alle [206] Opfer aufzulegen, den Bedürfnissen ihrer Vertheidiger zu genügen, die Braven zu unterstützen, die allen Gefahren trotzten, den religiösen und politischen Glauben zu vertheidigen, dem sie zugethan sind, und die alten Rechte zu erhalten, welche durch Jahrhunderte den Glanz und das Wohl ihrer Väter begründet hatten. Es standen ihnen aber noch neue Schläge des Schicksals bevor. Die Ankunft des Generals Romagosa wirkte elektrisch auf alle Royalisten; doch bald hieß es, er kehre zurück, und in Kurzem war seine Gefangennehmung und Hinrichtung kein Geheimniß mehr. Dem ungeachtet hatte diese Katastrophe nicht jene unglücklichen Folgen, die man befürchten konnte.

Des Königs Ankunft in Navarra war bekannt geworden, und alle Hoffnungen knüpften sich an dies Ereigniß. Er würde für Alles sorgen, so dachten und hofften seine vereinzelten, und mit den Verhältnissen unbekannten Vertheidiger in diesem Theile der Halbinsel. Auch verbreitete sich wirklich das Gerücht, es befinde sich an der französischen Grenze ein General, der den Befehl ergreifen, ein Heer organisiren und die Operationen leiten würde. Dieß Gerücht ward bald zur Gewißheit, und die Freude der royalistischen Catalonier [207] allgemein, als sie erfuhren, ihr neuer Feldherr sei ihr alter General-Capitain, Don Carlos de España. „Der allein kann uns retten,“ riefen sie Alle, „der kennt Land und Leute, Rechte und Gebräuche, unsere Noth und unsere Bedürfnisse, die Guten und die Schlimmen. So lange er an unserer Spitze war, konnte die Revolution das Haupt nicht erheben, die Ruhe und den Flor unserer Provinz zu stören. Er beschützte Industrie und Handel; vor seinem Namen zitterten die Unruhestifter; heute wird seine Gegenwart genügen, Alle zu entwaffnen.“

Graf de España war in der That an der catalonischen Grenze, und sollte nur das Vordringen einer navarresischen Expedition abwarten, die unter General Guérgué über den Cinca gesetzt hatte, seinen Eingriff zu beschützen und seinen ersten Maßregeln Kraft zu geben. Obwohl vorgerückten Alters und leidend, hatte er dennoch den dringenden Wünschen des Königs nachgegeben und versprochen, sich an die Spitze der Catalonier zu stellen. Sein Aufenthalt in Majorca, wohin er sich von Barcelona, wie ich oben erwähnt, begeben hatte, war nicht von langer Dauer gewesen. Er hatte sich diese Insel zum Aufenthaltsort erwählt, wo er [208] bedeutende Güter durch seine Gemahlin besaß, Erbin eines der größten Häuser der Balearen. Doch beunruhigte man ihn dort, er mußte befürchten, gefänglich eingezogen zu werden, und flüchtete nach Frankreich. Die stete Besorgniß der spanischen Regierung, einen so gefährlichen Feind nahe und frei zu wissen, veranlaßte das Ministerium Thiers, ihm Tours als Gefängniß anzuweisen. In dieser Stadt kam ihm der erste Ruf des Königs zu. Lange weigerte sich de España, am Abende seiner Tage nochmals, unter so stürmischen Verhältnissen, sich auf der großen Weltbühne zu zeigen; er sehnte sich nach Ruhe. Endlich kam ein eigenhändiges Schreiben des Königs, worin dieser ihn beschwor, seinen Bitten zu willfahren, und durch seinen Eintritt in Catalonien, den königlichen Waffen das Uebergewicht zu geben. Ein junger Spanier, Namens Gil de Barnabé († 15. Juli 1837 bei Chiva), brachte es ihm und begleitete den alten Feldherrn bis auf catalonischen Boden. Guérgué, der, seinen Instructionen zufolge, sich der französischen Grenze nähern und de España dort aufnehmen sollte, zog indessen, zwecklos und Zeit verlierend, im mittlern und südlichen Catalonien umher und erschwerte [209] den Eintritt de España’s durch fortwährende unrichtige Angaben seiner Märsche und Entfernung von den Uebergangspunkten. Mehrere Personen haben mich später an Ort und Stelle versichert, Guérgué sei von einzelnen royalistischen Bandenführern durch schwere Summen Geldes dazu bewogen worden, dem Eintritte des General-Capitains alle Schwierigkeiten in den Weg zu legen, da sie wohl annehmen mochten, daß sobald de España das Commando übernähme, ihre räuberische Freizügigkeit enden würde. Ich kann nicht beurtheilen, in wiefern diese Anklage begründet ist; glaublich erscheint sie jedenfalls, wenn man das feige und venale Benehmen Guérgné’s, die namenlosen Intriguen im Hoflager und in den Hauptquartieren und besonders die Infamien kennt, welche die Junta und die Guerilléros in Catalonien sich zu Schulden kommen ließen. Soviel konnte wenigstens auch den Freunden und Anhängern Guérgué’s nicht entgehen, daß sein Aufenthalt in diesem Lande durch eine Reihe von Mißgriffen und Unglücksfällen bezeichnet war; zuletzt auf’s Haupt geschlagen, setzte er schleunig über den Cinca, und kehrte durch das Obere Aragon nach Navarra zurück. De España, der eben seit einigen [210] Tagen catalonischen Boden betreten hatte, sah sich natürlich dadurch gezwungen, ihn sogleich wieder zu verlassen.

Er fiel in die Hände eines französischen Grenzpostens, ward bis Perpignan escortirt und, nach unwürdiger Behandlung, in die Citadelle von Lille abgeführt. Dort saß er in schmachvoller Gefangenschaft, unter beständiger Aufsicht eines, in seinem Zimmer postirten Gendarmen, der gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse entbehrend. Doch sann sein reger Geist, Nacht und Tag nur darauf, zu entkommen, um sich vom Schimpfe rein zu waschen, der nach seinen Begriffen, wegen des unglücklichen Ausgangs seines letzten Zuges nach Catalonien, auf ihm lasten müsse. Zuerst kam es darauf an, die Aufmerksamkeit seiner Wächter zu täuschen, und ihnen jeden Gedanken an Flucht seinerseits, als unmöglich erscheinen zu lassen; er stellte sich krank, altersschwach und halbverrückt. Ein und ein halbes Jahr lang, kam er nicht aus seinem Bette, beschnitt weder Bart noch Nägel, sprach mit Niemanden, las und betete den ganzen Tag. Er schrieb nie, bekam nie Briefe, und doch war er stets in unausgesetzter Verbindung mit dem königlichen Hoflager und mit seinen Anhängern in Catalonien.

[211] Während dessen fuhren dort die Guerilléros fort, ohne Oberhaupt, das sie leitete, isolirt und für eigene Rechnung zu operiren, ohne je ein entscheidendes Resultat erreichen zu können; bald waren sie sämmtlich entzweit, da jeder der Erste sein wollte. Guérgué hatte vor seinem Rückzuge, kraft seiner Vollmachten, den Brigadier Brujó an die Spitze der Provinz gesetzt; diesem ward das Commando durch den Brigadier Torres bestritten; Torres’ Siege, im Vergleiche zur Unthätigkeit seines Nebenbuhlers, schienen ihm einiges Recht zu geben. Die Entzweiung nahm zu, und wurde durch die Einnahme des festen Schlosses N. S. del Ort in dem Sanctuario, bis dahin für uneinnehmbar gehalten, noch heftiger und feindlicher. Die Niederlage Torres’ und die Zerstörung seiner Division, der einzigen einigermaßen organisirten, waren die traurigen Folgen dieser Uneinigkeit.

Die Anhänger der Revolution lassen selten günstige Momente unbenützt vorübereilen; auch ergriffen sie mit Feuereifer den Zwiespalt der carlistischen Häuptlinge und die eintretende Erschlaffung des Volkes; sie hatten die Wichtigkeit Cataloniens richtiger aufgefaßt, als die Royalisten, und boten Alles auf, um zu verhindern, daß eine [212] Expedition in diese Provinz eindringe. Bis in das Hauptquartier Carl V. dehnten sich ihre Intriguen aus und faßten daselbst feste Wurzel. Es gelang ihnen durchzusetzen, daß die brillante Expedition, die im Januar 1836 auf dem Punkte war, in Catalonien einzudringen, in Navarra zurückblieb. Eine Deputation kam darauf zum Könige, die ihm vorstellen sollte, wie nothwendig es sei, ein Oberhaupt zu bestellen, dessen Autorität durch ein bedeutendes Truppencorps Gewicht erhielte. Sie präsentirte sich im Namen des interimistischen General-Commandanten, der regierenden Junta, des Adels und der Districte, und war größtentheils aus jungen Leuten zusammengesetzt, deren Sucht nach Würden, Aemtern und Auszeichnungen sie stets bereit finden ließ, sich dem Willen derer im Hoflager anzuschließen, die ihren Wünschen Gewährung versprachen. Die Männer, an die sie sich wandten, stellten ihnen, aus Unwissenheit oder sträflichen Absichten, eine Truppensendung nach Catalonien als unmöglich vor, oder übertrieben wenigstens die damit verbundenen Schwierigkeiten. Ein General und einige tüchtige Offiziere, denen einige Fonds mitgegeben würden, wären genügend; hiezu ein Intendant und eine Junta, aus den [213] marquantesten und aufgeklärtesten Personen des Landes zusammengesetzt, und daselbst sogleich zu formiren. Dann würde Catalonien in Masse aufstehen, in Ueberfluß seine reichen Quellen öffnen, die allen Bedürfnissen genügten; mit Einem Worte, dann wäre der Triumph der königlichen Sache unzweifelhaft.

Diese Reden wurden von der größern Masse der Deputirten beifällig aufgenommen, von einigen Aelteren unter ihnen jedoch hartnäckig bestritten; sie entzweiten sich über das, was sie dem Könige vorstellen sollten, und diese Uneinigkeit beschwor neue Stürme über Catalonien. Das Ministerium war größeren Maßregeln abgeneigt, und sah mit Freude die veränderte Stimmung der Deputirten. Der damals die Basco-Navarresen commandirende General Moreno drang mehr als je darauf, daß keine Expedition nach Catalonien geschickt würde; aus diesem Gesichtspunkte ward die Sache dem Könige vorgetragen, von ihm angenommen und hatte, wie es sich bald zeigte, die unglücklichsten Folgen. Von nun an war von keiner Truppensendung mehr die Rede; man beschäftigte sich allein mit der Wahl der Generale und Offiziere, die dahin abzuschicken wären. Maroto sollte das Commando der [214] Provinz übernehmen; ihm ward der Maréchal de camp Ortafa zur Seite gegeben; als Chef des Generalstabs, Brigadier Royo, und als Finanz-Chef der Intendant Labandéro (nachmaliger Finanzminister), endlich mehrere Generalstabs-Offiziere. Allerlei Hülfe wurde ihnen versprochen; sie verließen das königliche Hoflager und vereinten sich bald in Catalonien, wo sie ohne Geld, ohne Munition, vereinzelt und verborgen, in einem, vom Feinde militärisch besetzten Lande, ankamen. Verschanzte Dörfer, Kirchen und Schlösser zeigten sich ihnen auf allen Punkten; mobile Colonnen durchstreiften das Land, und nur mit großer Mühe erreichte das kleine Häuflein Offiziere die erste royalistische Guérilla, der sie sich anschließen konnten. Keines von allen den Individuen, die der König zur Bildung der Junta ernannt hatte, zeigte sich. Den Landleuten, die unter andern Verhältnissen zu Tausenden sich an sie geschlossen hätten, konnte Maroto jenen ersten Schutz nicht gewähren, unter dem sie sich hätten formiren können; er hatte ja nicht Ein Bajonnet, nicht Eine Patrone ihnen zu geben. Auch schien sein ganzes Augenmerk dahin gerichtet, von den wenigen Bandenführern, die hie und da Kunde von sich gaben, möglichst große Requisitionen zu erheben.

[215] Endlich gelang es den rastlosen Bemühungen Ortafa’s, einige einzelne Guérillas zu vereinen und mit denselben in den Hochgebirgen zu streifen. Dieser undisciplinirten Bande ward, von dem Feinde und den öffentlichen Blättern, der vielversprechende Name einer catalonischen Operations-Division gegeben. Bald concentrirte der Feind bedeutende Kräfte in den Gebirgsstrichen, wo Maroto mit seinen Leuten sich umhertrieb. Statt mit denselben einen Durchgang zu forciren, den Krieg in wohlhabende Gegenden zu verlegen, zu generalisiren, verlor Maroto den Muth, und war nur mehr auf seine persönliche Rettung bedacht. Zu diesem Zwecke, die ernstliche Verfolgung, die ihn bedrohte, abzuleiten, vertheilte er seine Truppe. In Alpens, in einer Schlucht der Pyrenäen, vom Feinde ereilt, schickte er Ortafa, mit 450 Mann, zehnfach stärkeren Kräften entgegen. Ortafa blieb, seine Mannschaft wurde zersprengt, und Maroto, stets härter bedrängt, opferte endlich, bei Gumbren, das letzte Häuflein, das ihm treu geblieben, seine eigene Flucht zu decken. Er überschritt die Grenze, nur von wenigen Offizieren gefolgt, und kehrte nach Frankreich zurück. Royo, sein Chef des Generalstabs, übernahm das Commando.

[216] Maroto’s Abgang und die damit verknüpften Ereignisse erregten eine so lebhafte Sensation im königlichen Hoflager, daß man zuerst nicht wußte, welche Maßregel man ergreifen sollte, und deßhalb, wie es in solchen Fällen sich gewöhnlich zu ereignen pflegt, zu der schlechtesten seine Zuflucht nahm. Royo’s Ernennung wurde nicht sanctionirt, und an seiner Stelle der mächtigste Bandenführer des obern Cataloniens, Don Clemente Sobrevias, genannt el Muchacho, zum General-Commandanten ernannt. Doch nach einigen Tagen, überlegten die damals den König umgebenden Personen, daß sie den insubordinirtesten und räuberischsten Häuptling an die Spitze der Provinz gestellt hatten, und eine gänzliche Auflösung aller Bande, die Catalonien an die Sache der Legitimität knüpften, die unvermeidliche Folge davon sein würde. Eilboten wurden nachgeschickt, el Muchacho’s Ernennung zu widerrufen und Royo zu bestätigen. El Muchacho war 48 Stunden General-Commandant gewesen.

Wichtige Ereignisse in Navarra, der mächtig zunehmende Aufschwung Valencia’s unter Cabrera,Gomez, Don Basilio und Batanero, die Einer nach dem Andern an der Spitze ihrer Expeditionen [217] Madrid bedrohten, hatten die Aufmerksamkeit der constitutionellen Regierung größtentheils von Catalonien abgezogen. Maroto’s Flucht ward von den Christinos als großer Sieg gerechnet, und Roys’s Unthätigkeit schien unschädlich. Durch die ihnen gelassene Freiheit aufgereizt, vom Feinde wenig verfolgt, erhoben sich in ganz Catalonien einzelne Guerilléros, einer vom andern, so wie alle von ihrem Chef unabhängig, den Krieg für eigene Rechnung fortzuführen. Sie theilten unter sich die Gebirgsstriche, und keiner übertrat den District seines Nachbarn; im Eigenen ward requirirt und erpreßt, um für die Bedürfnisse der Guérilla und die Habsucht des Häuptlings reichlich zu sorgen. Diese Banden wuchsen täglich; manchmal wagten sie ihre Streifzüge bis in die reizenden Thäler des Lampurdan, die fruchtbaren Ebenen des Campo de Tarragona, ja bis in die Gärten und Villas um Barcelona. Die abenteuerlichen Cabecillas, die sie führten, sind bekannt genug. Ich habe Gelegenheit gehabt im ersten Theile dieser Erinnerungen ihrer zu erwähnen und von dem traurigen Zwiespalt zwischen General-Commandant und Junta zu sprechen, der alle militärischen Fortschritte paralisirte. Trotz seiner [218] mehr nominellen, machtlosen Stellung gelang es dennoch Royo ein paarmal einige Banden zu vereinen, die in besserem Einvernehmen zu ihm standen, da er sie nicht störte. Mit ihnen schlug er im Februar 1837 Oliver bei Cervera, im Mai Osório bei Olban, und nahm im selben Monat, nach einem glücklichen Gefechte gegen van Meer, Solsona ein.

Doch konnte dieser Zustand der Dinge nicht von Dauer sein. Einzelne Häuptlinge, wie Tristany, die zu mächtig geworden, fingen an, nur mit Widerwillen selbst diesen Schatten von Suprematie zu ertragen, und jeder wäre selbst gern General-Commandant geworden. Die Intriguen der Junta, die Nichtigkeit des General-Commandanten, und zwischen beiden die räuberischen Häuptlinge, die bald eigenmächtig das Land ausbeuteten, bald für den General-Commandanten oder wieder für die Junta sich erklärten, je nachdem sie durch den Einen oder die Andere Gnaden aus dem königlichen Hoflager erwarteten, dies Alles versetzte Catalonien in das grenzenlose Elend, und die schaudervolle Anarchie, wie wir es im Juni 1837 beim Einmarsch der königlichen Expedition fanden. Klagen über Alle kamen von Allen. Ohne bedeutende Mittel, [219] die dem Könige nicht zu Gebote standen, war es schwer abzuhelfen; doch vereinten sich die meisten Bitten dahin, es möchte ein kräftiges Oberhaupt an die Spitze der Provinz gestellt werden. Urbiztondo ward ernannt, doch auch er konnte nicht durchgreifen; und verließ Catalonien Anfangs 1838, wie ich mit mehr Details im ersten Theile dieser Erinnerungen erzählt. Tristany übernahm sofort das Commando, doch mußte er es nach wenigen Wochen an den Brigadier Segarra abgeben und sich nach dem Hoflager verfügen.

Dort konnte man, nur mit Jammer den sich stets verschlimmernden Zustand der Dinge sehen, der diesen größten und reichsten Juwel der spanischen Krone, seinem Herrn ganz zu entreißen drohte. Da dachte man wieder an den alten Feldherrn, der durch eine Reihe von Jahren, unter gleich unglücklichen Constellationen, mit gigantischen Kräften zu ringen verstanden. Wo seine fünf Vorgänger seit Ferdinand VII. Tode, unter leichteren Verhältnissen, in der Aufgabe gescheitert, sollte de España durchdringen, und das zu einer Zeit, wo an der Spitze der feindlichen Reihen sein ehemaliger Zögling stand, der in seiner Schule zum Feldherrn gebildet, jene große Kenntniß aller [220] Kriegslisten, jenes meisterhafte dominiren der Massen ihm abgelernt hatte, die den Namen de España’s bei allen spanischen Militärs durch ewige Zeiten tragen werden. De España und van Meer sollten sich gegenüber stehen, der Fremdling gegen den Fremdling, da war nicht viel Schonung spanischen Blutes zu erwarten, doch war man jedenfalls darüber einig, daß die Ankunft de España’s eine wichtige Reaction, Zerstörung des feindlichen Operations-Planes hervorbringen würde.

Die christinische Armee, in zwei große Heereshaufen unter ihre zwei besten Generale gestellt, sollte durch Vernichtung der zwei Hauptfoyers die gänzliche Ausrottung der carlistischen Sache bewerkstelligen. Alle übrigen Factionen wurden verachtet; das frühere System, jede Guérilla bei ihrem ersten Entstehen, lebhaft zu verfolgen und ihr weiteres Umsichgreifen zu verhindern, als Zeit und Kräfte zersplitternd aufgegeben, wie es die Abberufung Narvaez’s mit der Reserve-Armee aus der Mancha bewiesen hatte, und die Madrider Regierung glaubte, daß mit dem Falle der zwei großen Häupter, die kleineren sich von selbst verlieren würden. Die Garden und die Hauptkräfte des constitutionellen Spaniens [221] standen unter Espartéro am Ebro; die Operationsarmee vom Centrum durch alle disponiblen Corps verstärkt, operirte im Niedern Aragon unter Oráa gegen Cabrera, und Niemand, am wenigsten in unsern Hauptquartieren, konnte damals ahnen, daß Espartéro’s stets thätige Eifersucht, sein reger Neid gegen seine Waffengefährten, selbst dazu beitragen würden, ihre Anstrengungen zu paralisiren, und daß eine Mitwirkung an ihren Operationen seinerseits, nicht zu befürchten. Wie dem auch sei, Alles schien darauf hinzudeuten, der wahre Moment zur Ankunft des Grafen de España sei gekommen.

Nach fünf vergeblichen Reisen vom königlichen Hoflager nach Lille und zurück, kam der Graf von Fonollár im Juni 1838 mit allen königlichen Vollmachten versehen, in Lille an; die Flucht ward besprochen und sogleich ausgeführt. Einige unserer Freunde, die nicht genannt sein wollen, wirkten mit eben so viel Muth als Selbstaufopferung bei diesem schwierigen Unternehmen. Es gelang wider alle Erwartung. Am 26. Juni langte Graf de España, von dem Kriegscommissär Peralta begleitet, in Toulouse an, wo Fonollár ihn erwartete und sogleich [222] weiter führte; Tags darauf war er in Foix. Seit fünfzig Jahren sah er das erste Mal seinen Geburtort wieder; auf dem Rücken eines berühmten Contrebandiers ward er durch die Schluchten der Maladetta getragen; am ersten Juli traf er auf dem neutralen Gebiet von Andorra ein; am zweiten empfing ihn el Ros de Eroles in den Thälern des Urgel, unter den Kanonen der Seú, und am vierten hielt der alte Feldherr seinen Einzug in Berga. Alles jubelte und schien freudig; eine glänzende Zukunft sollte den royalistischen Cataloniern werden; alle Kräfte würden in gemeinsamer Tendenz zusammenwirken.

De España fing gleich damit an, Ordnung, Disciplin herzustellen und an diesem großen Augiasstalle zu rütteln, ihn mit einem Mal zu reinigen. Die Junta, welche die Ein- und Absetzung der früheren General-Commandanten bewirkt hatte, war nun dem neuen Chef untergeordnet, der mit den ausgedehntesten königlichen Gewalten auftrat. Er schickte sie nach Avia, einem kleinen Dorfe, zwischen den Kanonen von Berga und seinem Hauptquartier Caserras. Keiner durfte sich ohne spezieller Erlaubniß entfernen. In finanzieller und administrativer Hinsicht [223] wurden bedeutende Verbesserungen eingeführt; Unordnungen aller Art rasch und scharf gesteuert; räuberische, selbstsüchtige Häuptlinge exemplarisch bestraft; den Zügellosesten ihre Banden abgenommen und unschädliche Stellen angewiesen; die Führung der Bataillone tüchtigen Offizieren anvertraut. Die Truppen wurden gekleidet, genährt und bezahlt; den großen materiellen Hülfsmitteln ward ein geregelter Gang angewiesen, das Steuersystem geordnet, bloß regelmäßige Beträge gefordert, die direct an die Finanzintendantur flossen, und die Dörfer von dem Drucke der Soldateska befreit. Die Bataillone mußten abwechselnd den Dienst im Hauptquartier verrichten, und unter den Augen des Generals wurde eine gehörige militärische Bildung den Offizieren und Soldaten beigebracht.

Trotz der vielen Schwierigkeiten, die mit diesen schnellen und gründlichen Veränderungen nothwendig verknüpft waren, hatte doch de España auch noch Mittel gefunden, mehrere bedeutende Einrichtungen bis in die kleinsten Details vorzunehmen. Als ich nach Caserras kam, waren es noch nicht drei Monate, daß dieser rastlose Greis das Commando führte, und doch überall Spuren seines thätigen Waltens zu erkennen. [224] Die Militäranstalten in Borradà habe ich seiner Zeit berührt; eine geregelte Communication mit Nieder-Aragon und Valencia, war bereits in bester Harmonie mit Cabrera eröffnet, so daß eine Courierlinie zwischen Morella und Berga bestand, die bei Bobéras und Flix den Ebro passirte, und von der im selben Jahre durch Cabrera eingenommenen Festung Mora de Ebro protegirt ward. Ueber die acht Compagnien Carabiniers der Douane, die Corregimental-Gouverneurs und Comandantes de Armas hatte ich bereits Gelegenheit mit mehr Details zu sprechen. – Es war unläugbar, das ganze Land schien aufzuleben, von einem großen Drucke befreit. Unsere Operationen nahmen einen kriegerischen Gang; Barcelona zitterte wieder vor dem Namen des Grafen de España.

Dieser imposanten Stellung ungeachtet, die de España anzunehmen gewußt hatte, waren seine Kräfte doch mit denen des Feindes nicht zu vergleichen. Außer Berga besaß er nur zwei feste Punkte, San Lorenzo de Moruñs (oder de Murúllo) auf dem Höhenzuge, welcher die Wasserscheide des Cardenet und des Rio Salado (Salzwasser) bildet; ferner das Fort N. S. del Ort in dem Sanctuario, einem durch eine [225] Einsiedelei gekrönten Berge. Der Feind hingegen occupirte acht Plätze erster Ordnung: Barcelona mit Monjuich dem zweiten Gibraltar, Figuéras, Geróna, Tarragona, Lérida, Tortosa, Cardóna, Seú d’Urgel, mit Hunderten von Kanonen und bedeutenden Vorräthen aller Art. Außerdem hatte van Meer viele Städte, Flecken und Dörfer, beinahe alle Küstenstädte und alle Orte fortificirt, die an der Heerstraße von der Grenze Aragons nach Barcelona, in einer Linie von mehr als dreißig Leguas, liegen. Vier mobile Colonnen, jede von 2500 bis 3000 Mann Infanterie und 200 Pferden, wurden von dem christinischen General-Capitain mit Schnelligkeit, vor dem zu bedrohenden Punkte versammelt. Alle diese Hülfsmittel hatten van Meer in die Möglichkeit gesetzt, im letzten August (1838) vor Solsóna 12000 Mann Fußvolk, 1000 Reiter und 12 Feldgeschütze zu vereinigen, eine bedeutende Anzahl Belagerungspiècen nicht gerechnet. Solsóna ging verloren, da weder Urbiztondo noch Segarra auf den Einfall gekommen waren, das Schloß, welches die Stadt dominirt, in Vertheidigungszustand zu setzen, und de España die Zeit hiezu mangelte. Ein paar Ravelinen waren bald erstürmt [226] und durch die vorschnelle Uebergabe des, in ein Castell verwandelten, bischöflichen Pallastes, welchen Oberst Tell de Mondedeú nicht zu vertheidigen wußte, Solsóna in Händen der Feinde. Dieß geschah vier Wochen nach Ankunft de España’s.

Ueber diesen ersten Revers, so bald nach Antritt des Commandos, ergrimmt, beschloß er doch, zuerst seine disponiblen Kräfte zu organisiren, und später in einer Herbstcampagne Revanche zu nehmen. Durch die schon erwähnte fehlerhafte Einrichtung Royo’s fand de España die catalonischen Truppen in 23 Bataillone, sehr ungleicher Stärke, eingetheilt. Doch glaubte er vor der Hand dieß beibehalten zu müssen, um durch irrige Auslegung seiner Veränderung, nicht etwa den Feind an eine Reduction glauben zu machen. Ungefähr ein halbes Jahr später, als ich Catalonien schon verlassen hatte, schmolz er die 23 in 14 gleichförmige Bataillone, denen er auch die Nummern abnahm, und Namen, meist nach den Gegenden, wo sie geworben wurden, beilegte, als: Volontairs vom Monserrat, Jäger vom Urgel, Guiden vom Felde von Tarragona. Als ich in Caserras eintraf, hatte de España aus seinen Truppen drei Operations- und eine Reserve-Division gebildet. [227] Die erste, unter Brigadier Porredon, bestand aus vier Bataillons, wovon eins in das Hauptquartier des General-Capitains commandirt war, die drei übrigen, unter ihrem Chef, an der Grenze des Obern Aragon streiften. Die zweite, unter Oberst Castells, zählte fünf Bataillons, wovon eins im Hauptquartier, zwei in Berga garnisonirten und zwei in den Hochgebirgen herumzogen. Die dritte, unter Brigadier Ybañez (El Llarj de Copons), war aus sechs Bataillons gebildet, die sämmtlich das Feld von Tarragona, im reichsten Theile Cataloniens, besetzt hielten, und dort für die Bedürfnisse des ganzen Corps sorgten, namentlich jener Abtheilungen, denen ärmere Landstriche zugewiesen waren. Die Reserve bestand aus sechs Bataillons, unter Brigadier Brujó, von denen eins im Hauptquartier, eins in Berga, die andern vier in den Corregimenten Vich, Geróna und Figuéras stationirten und die Rekruten abrichteten. Dies gab 21 Bataillons; zwei, unter Tell de Mondedeú, waren in Solsóna theils zusammengehauen, theils gefangen worden; de España hat sie nicht wieder errichten lassen.

Die Artillerie war sehr gering; außer den Positionsstücken in Berga, San Lorenzo und in dem [228] Sanctuario gab es nur acht mobile Geschütze, zwei siebenzöllige Mörser, vier Vierpfünder und zwei zwölfpfündige kurze Haubitzen, sämmtlich von Bronze. Sie wurden auf Maulthieren, über alle Berge und Schluchten weggetragen, und waren, trotz ihrer Geringfügigkeit, doch manchmal nicht ohne Nutzen. Das Rohr lag auf einem Maulthier, die Laffette auf dem zweiten, die Munitionskasten auf ein Paar andern, und die Offiziere ritten auf Ponies nach. Zwei Compagnien bedienten diese kleine Batterie; de España hatte ihnen Korshüte mit kleinen Büschen, nach Art der österreichischen Artillerie, gegeben. Ein alter Oberstlieutenant war ihr Chef. In einer in den Gebirgen versteckten Gießerei ward immerwährend gearbeitet, und in Berga eine Bohrerei etablirt. In der letzten Zeit war auch eine Sappeur-Compagnie errichtet worden.

Die Cavallerie bestand aus 200 Pferden, geführt vom Obersten Camps; die sahen freilich fabelhaft genug aus, mit ihrem Chef anzufangen, der die spanischen Rodomontaden und das englische Wort hombug in sich personificirt zu haben schien. So war zum Beispiel, sein Säbel aus zwei Klingen zusammengeschmiedet, weil er behauptete, Eine sei für ihn zu leicht und [229] reiche für seine Hiebe nicht hin. Ein andermal erzählte er mit größtem Ernste, er habe eines Tages im Handgemenge sich, durch mehrere Stunden, so furchtbar herumgeschlagen, daß seine Faust nicht vom Griffe wollte, und man sie erst in warmes Wasser tauchen mußte, den Krampf zu lösen. Außer seinen 200 abenteuerlichen Reitern, hatten wir noch in Catalonien, durch eine Weile, zwei schöne Escadrons des Reiterregiments von Tortosa, unter dem Commandanten Beltran, von Cabrera dem Grafen de España zugeschickt.

Um mit diesen geringen Kräften dem Kriege ernste Seiten abzugewinnen, einen militärischen Vortheil nur möglich zu machen, war mehr als gewöhnliche Thatkraft und ein unerschütterlicher Wille nothwendig, der durch tägliche Deceptionen und oftmaliges Mißlingen der bestcombinirten Plane sich nicht einschüchtern ließ. Nur der rastlosen Energie des Grafen de España war es gegeben, eine Zeitlang da durchzudringen, wo alle Andern bei den ersten Ordnungsversuchen gescheitert hatten; nur er hat diesem doppelten Kampfe, gegen den Feind von Außen und die beispielloseste Insubordination im eigenen Lager, mit so [230] unzureichenden Mitteln die Stirne geboten. Es hat zweier so unerhörter Schandthaten bedurft, wie der Verrath Maroto’s und seine eigene Ermordung waren, um den alten Feldherrn mitten in seinem späten Siegeslauf aufzuhalten; denn wie sehr auch die letzten Monate des Jahres 1837 und Guérgué’s Commando, Navarra und die baskischen Provinzen demoralisirt hatten, mit Feldherren wie de España in Catalonien und Cabrera in Aragon hätte es nur eines mittelmäßigen Generals, aber keines Verräthers, im alten Kriegsschauplatze bedurft, dessen einzige Aufgabe gewesen wäre, den unthätigen Espartéro in Schach zu halten, um ungeachtet aller Intriguen des Hoflagers, den carlistischen Waffen ihren alten Zauber, ihr verlornes Uebergewicht wieder zu geben.


  1. Ich will durch letztern Satz einer spitzfindigen Recension begegnen, die mir im vergangenen Jahre (Beilage zur Allgemeinen Zeitung, 17. Juni 1840) unter dem Titel: „das Gegenbild von dem Grafen von España“ zu Theil ward. Ich hatte wenige Tage vorher in demselben Blatte die Ermordung meines alten Chefs besprochen und bemerkt, daß der Soldat blindlings gehorchen müsse, worauf mein unwilliger Recensent, der allerdings kein [186] Soldat sein mag, zu beweisen trachtete, der Graf de España wäre „kein Soldat, sondern ein Mann gewesen, der seinem Souverain etwas anderes schuldig ist, als den Henker zu machen.“
  2. Gewöhnlich fälschlich geschrieben Labispal oder L’Abisval. Bisbal ist ein Ort in Catalonien, Corregiment Lampurdan.
  3. Die Banden von Ybañez, wie alle primitiven Guérillas waren mit, dem Feinde und den National-Garden abgenommenen Gewehren, Jagdflinten und Carabinern bewaffnet, daher viel Bajonnete, bei manchem Bataillon beinahe ein Viertel fehlten.