Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839/Zweiter Theil/II

<<<
II. Kapitel
Zweiter Theil
>>>
{{{UNTERTITEL}}}
aus: Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839. Zweiter Theil. S. 55–122
Seite: {{{SEITE}}}
von: Felix Lichnowsky
Zusammenfassung:
Anmerkung: {{{ANMERKUNG}}}
Bild
[[Bild:{{{BILD}}}|250px]]
Wikipedia-logo.png [[w:{{{WIKIPEDIA}}}|Artikel in der Wikipedia]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
[[Index:{{{INDEX}}}|Wikisource-Indexseite]]
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[59]
II.


Abgang vom Hoflager. — Espartéro’s projectirter Angriff von Estella. — Der Bischof von Leon. Tristany. Don Pedro Raton, Beichtvater des Königs. — Merino über Fürst Metternich. — Mit dem Souspräfecten von Bayonne contrahirter Uebergang auf französischen Boden. Sein Urtheil über Maroto. — Ueber die spanischen Flüchtlinge und Granden. — Graf Peyronnet in Monferrand. — Unthätigkeit im Hauptquartier. — Toulouse. — Perpignan. — Zug über die östlichen Pyreneen bis nach Catalonien.

(Ende Juli bis Mitte September 1838.)

[60] [61] In meine Wohnung zurückgekehrt, bereitete ich Alles zu meiner unverweilten Abreise vor. Als ich eben zu Pferde steigen wollte, zog der König vorbei, sich nach Estella zu jener unglücklichen Revue zu begeben, die wohl für viele ein Stein des Anstoßes gewesen, manchen Feindseligkeiten Stoff und Nahrung gegeben. Doch hierüber mögen Andere schreiben. Der König war wieder von Garden und Gefolge umgeben, wie ich so oft, an so vielen merkwürdigen Tagen, durch hunderte von Meilen ihn gesehen. Wehmüthige Gedanken beschlichen mich, und als ich den unglücklichen Herrn, dem ich mein Leben geweiht, ernsten Sinnes vorüberziehen sah, schien es mir schon damals, als gehe er seinem Verderben entgegen. Das nächste Mal sah ich ihn als Flüchtling auf französischem Boden. Sein Blick war vielleicht düsterer, doch sein Sinn gewiß nicht schwankender geworden.

[62] Es war damals viel die Rede von Espartéro’s projectirter Attaque gegen Estella. Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich nie sehr ernst daran geglaubt; nicht etwa, daß ich ein Einverständniß zwischen ihm und Maroto für möglich gehalten hätte, sondern weil mir die stets zaudernde Vorsicht des feindlichen Heerführers bekannt war, dieses beständige Hin- und Herziehen, um nur da Zuzuschlagen, wo mit ungleich größeren Kräften, einer imponirenden Stellung, er des unstreitigen Vortheils gewiß sein konnte; ich sage Vortheils, da seine Affairen nie Siege genannt werden konnten. Estella war aber ein für uns zu bedeutender Punkt, dessen moralische Wichtigkeit jedem Navarresen, der ganzen carlistischen Armee zu sehr einleuchtete, als daß die Einnahme dieses, an sich zwar nur mittelmäßig befestigten, Platzes leicht, unbestritten gewesen wäre. Wo der Ausgang zweifelhaft war, konnten auch wir vor Espartéro gewiß sein. Dieß war damals die unter vielen Carlisten verbreitete Meinung, für deren Richtigkeit Espartéro’s Räumung von Durango im März 1837 sprach, so wie sein laues Auftreten im Niedern Aragon und vor Madrid, während der königlichen Expedition, endlich sein schwaches Verfolgen bis zum Ebro, den [63] er damals nicht zu überschreiten wagte. Diese Gedanken trösteten mich vollkommen, nicht an der Eröffnung einer Campagne Theil zu nehmen, von der ich wenig Blut, noch weniger Lorbeeren erwartete, auch wenn ich von der allgemeinen Stimmung für Maroto hingerissen, auf Moreno’s Urtheil über ihn und auf so manche hier einschlagende, halblaute, isolirte Andeutungen gar kein Gewicht gelegt hätte.

Vor meinem Abgange wollte ich doch noch den Bischof von Leon sehen, der, nach Entfernung des königlichen Hoflagers, in Elorrio zurückgeblieben war. Der gutmüthige Prälat schien mir sehr eingeschüchtert, moralisch herabgekommen, gealtert, und wußte sich keinen Rath zwischen seinem nun mächtig und selbstständig gewordenen Protégé Arias-Teijeiro und Maroto, seinem alten Feinde aus Portugal. Er versicherte mich, es ginge Alles schlecht und es würde seines Bleibens in Spanien nicht lange mehr sein, wenn sich nicht Vieles änderte. Dabei sprach er sehr leise, damit sein Secretair Pecondon, vor dem er sich immer mehr fürchtete, ihn nicht höre. Nebenbei frug er mich, ob man im Auslande die große Wichtigkeit seiner Stellung wohl zu erkennen und richtig zu [64] würdigen wisse, da er als Minister der Gnaden und Justiz zugleich alle Attribute des Ministeriums des Innern und der Polizei vereine, was ihn natürlich zur ersten Person im Staate mache. Eine Geschichte von einem Nonnenkloster in Portugal, in dem er, während der Verfolgungen Rodil’s, verborgen gewesen, beendete meine Unterredung, und ich verließ ihn, der traurigen Ueberzeugung, daß dieser würdige Mann sehr baissirt habe, und man von ihm vergeblich die geringste heilsame Aenderung erwarten würde.

Im Vorsaale des Bischofs fand ich Tristany wieder, den berüchtigten Abt und Guerilléro, den ich an der Spitze seiner Division in Catalonien verlassen hatte. Er war auf königlichen Befehl ins Hoflager gekommen, und mag wohl geglaubt haben, er würde es durch seine Freunde und sein Geld durchsetzen, zum General-Commandanten Cataloniens ernannt zu werden. Auch er war verändert, doch wohl nur äußerlich. Die kriegerische Tracht, der große Bart, dieß Alles war verschwunden und hatte einem sehr correcten, weltgeistlichen Anzuge Platz gemacht. Runder Hut, Tonsur, Rabbat, nichts fehlte, und Niemand hätte an dem demüthig kriechenden Pater den stolzen Parteigänger erkannt, [65] gewohnter den Säbel als das Brevier zu führen. Die Nachricht von der Ankunft des Grafen de España in Berga, ihm erst seit einigen Stunden bekannt, schien einen tiefen und sehr unangenehmen Eindruck auf ihn zu machen; doch wußte er damals noch nicht, daß er auf Wunsch des alten Feldherrn abberufen worden, der den Catalonischen Boden nicht betreten wollte, so lange Tristany ihn durch seine Gegenwart infectirte. Ein Jahr später habe ich mit ihm in einer Contrebandierkneipe am Ufer des Adour in Petit-Bayonne gegessen, da war er eben im Begriffe nach Catalonien zu gehen, doch rieth ich ihm es nicht zu thun, so lange der Graf dort befehlige, der ihn sicher sofort todtschießen lassen würde. Er hat auch meinen Rath befolgt, und erst nach Ermordung de España’s sich auf dem Schauplatze seiner alten Streif- und Raubzüge gezeigt. Doch ist er nur, soviel mir bekannt, kurze Zeit dort geblieben, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß sein einziger Zweck war, seine in Catalonien verborgenen Schätze nach Frankreich in Sicherheit zu bringen. Ich weiß nicht ob es ihm gelungen. Später war er eine Zeit lang in französischen Depôts, und soll jetzt (September 1841) an der Spitze einer [66] Bande von 200 Mann im Felde von Tarragona (so heißt die große Ebene um diese Stadt) herumziehen. Doch sind dieß Räuber und Plünderer, die den carlistischen Namen nur schänden.

Auch Don Pedro Raton, der Beichtvater des Königs, war aus den Pinaren zurückgekommen, wo er bei Durchzug der königlichen Expedition krank zurückgeblieben. Die Verlegenheit und Angst Arias-Teijeiro’s und seiner Anhänger war komisch zu sehen, als dieser würdige Mann, den sie bereits aufgegeben hatten, plötzlich und unerwartet in Elorrio eintraf, von fünfzig Reitern Balmaseda’s begleitet, der ihn in einem armen, kleinen Dorfe, mitten in den Wäldern, angetroffen und mit dieser Escorte nach den Provinzen geschickt hatte, wo seine Ankunft Alle in Bewegung setzte. Viele befürchteten, Andere hofften er würde seine ehemalige Stellung wieder einnehmen und den Capuziner-Mönch Larraga, dessen ich im ersten Theile dieser Erinnerungen erwähnt, ersetzen. Zu meinem Kummer erfuhr ich, der König habe ihm gerathen nach Oñate zu gehen und seine schwankende Gesundheit wieder herzustellen, worauf das Hoflager abritt und Don Pedro in Elorrio zurückblieb. Ich weiß, [67] daß es Leute gab, die öffentlich hierüber mehr jubelten, als wenn die Nachricht eines entscheidenden Sieges Cabrera’s oder de España’s angelangt wäre. Später hat doch der ehrliche, schlichte Pater den fanatischen, intriganten Mönch ersetzt, und befindet sich noch jetzt an der Seite des Königs, dem er treu ins Exil gefolgt. Don Pedro Raton war eine, selbst unter dem spanischen Clerus, merkwürdige Erscheinung, durch seine anspruchlose Bescheidenheit, sein stilles Wirken, ein beständiges Ausweichen aller Influenz oder Einmischung in öffentliche Angelegenheiten. Nie sah man ihn im Vorsaale oder der Suite des Königs, wohin sich doch Alle drängten, die mit oder ohne Grund nur halbwegs ein Recht dazu hatten; nie hörte man seinen Namen nennen, und doch bin ich überzeugt, hat er viele Leiden gemildert, Thränen getrocknet. Auf Märschen ritt er stets weit vor oder nach, allein hinter irgend einer Truppe und sprach freundlich mit den Soldaten, auf seinem kleinen Maulthier einher trappelnd, in einen weiten braunen Mantel gewickelt, aus dem das faltenreiche Antlitz und die klugen Augen des Greises halbverdeckt vorguckten, dessen Ohr die geheime Confession des Königs von Spanien [68] hörte. So sah ich ihn das erste Mal; ich war bereits mehrere Monate im Hauptquartier und wußte noch gar nicht, daß er existire. Es war auf dem Marsche. Der Infant, der zurückgeblieben, ritt scharf nach, sich an die tête der Colonne zu stellen. Ich war im Dienste und galoppirte vor ihm, die Reihen öffnen und Platz machen zu lassen. So kamen wir zu einer kleinen, schmalen Brücke, deren Mitte ein unansehnlicher Reiter auf einem kleinen Maulthier einnahm. Ich rief ihm zu, sich zu rangiren, was er auch gutwillig that, mich jedoch verwundert ansah. Der Infant und alle Herren seiner Suite lachten sehr über das, was sie „meinen Mißgriff“ hießen, da ich den „Confesor de Su Magestad“ auf die Seite geschafft. Don Pedro hat es mir nie nachgetragen.

Nachdem ich in Urestilla, dem freundlichen Landsitze der Familie Narros und in Tolosa vergeblich durch sechs Tage auf eine königliche Ordre gewartet, nach Catalonien zu gehen, von der Arias-Teijeiro mir gesprochen hatte, entschloß ich mich zur Abreise. Ich nahm noch Abschied von Moreno, den ich dießmal in der heitersten Stimmung der Welt traf. Er war eben beschäftigt, einen neuen Aufruf Maroto’s [69] zu lesen (den dritten in weniger als einem Monat), und ergötzte sich sehr über diese habladurias (Großsprechereien), mit denen der Feind nicht geschlagen würde, meinte er. Ich fand damals den alten Mann ungerecht, denn mich entzückte die kriegerisch ernste, decidirte Sprache dieser Proclamationen. Ich sollte Moreno nicht mehr sehen; ein Jahr darauf ward er ermordet; doch über diese schauderhafte Geschichte, die noch jetzt in ein geheimnißvolles Halbdunkel gehüllt ist, später, um dem Gange der Ereignisse nicht vorzugreifen. – Auch Merino sah ich wieder, meinen alten Freund aus den Pinaren, so vielen andern gleich auf unthätiges Herumziehen im Lande beschränkt. Er frug mich, ob ich den Fürsten Metternich gesprochen, ob er den Carlisten gewogen sei und ihnen helfen wolle. Auf meine Antwort rief er aus: „El Metternico es grande hombre, aborrece la canalla.“

Als ich nach Urdax, eine kleine halbe Stunde von der französischen Grenze, kam, dachte ich daran, ob es nicht möglich wäre, sich mit den französischen Autoritäten zu verständigen, die Langeweile und Ermüdung des Uebergangs zu ersparen. Zu diesem Ende begab ich mich an die Grenzbrücke Dancharria, zwischen [70] Urdax und dem französischen Dorfe Ainhoa, wo carlistische und französische Posten sich gegenüberstanden. Ich ließ den französischen Polizeicommissär ersuchen, sich am nächsten Morgen an diesem, gleichsam als neutral betrachteten, Punkte einzufinden, wo schon öfters kleine Streitigkeiten und Mißverständnisse, wegen verlaufener Heerden oder aufgefangener Correspondenzen, friedlich geschlichtet worden. Mr. Darhampé, so hieß der Mann, fand sich zur bestimmten Zeit ein und ich erklärte, freundschaftlich mit ihm auf- und abspazierend, wie ich, trotz meiner früheren Arrestation, aller Vorsichten und Signalemens doch wieder nach Spanien gekommen sei, somit wohl auch wieder heraustreffen würde, wenn gleich man mich daran verhindern wolle; daß aber, um Geld, Zeit und Mühe zu sparen, ich dem Souspräfecten von Bayonne anböte, mir einen Geleitschein bis zu dieser Stadt und einen Paß bis Bordeaux, für mich und meine Leute, binnen 24 Stunden nach der Grenze zu senden, wodann ich ruhig meines Weges ziehen würde. Sollte er dieß jedoch verweigern, so habe er zu gewärtigen, daß ich im Bayonner Oppositionsblatte (Sentinelle des Pyrénées) einen Avis an ihn inseriren würde, daß ich an bestimmtem Tage [71] und Stunde die Grenze passiren wolle, und dann in Bordeaux angelangt, in dem legitimistischen Blatte dieser Stadt (la Guienne) meinen öffentlichen Dank einrücken, daß, meiner Warnung ungeachtet, die französischen Autoritäten mich entwischen lassen. Dieses würde nicht ermangeln in der Presse und Opposition vielfach besprochen, einen neuen Grund zu Declamationen wegen schlechter Zuhaltung der Quadrupel-Allianz und ungeschickter oder unredlicher Verausgabung der geheimen Fonds abzugeben, könne sonach dem Souspräfecten unangenehme Momente bereiten. Der gute Polizeicommissär, gewiß einer der simpelsten seiner Gattung, schien sehr betreten, eine so peremptorische Alternative seinem Chef vortragen zu sollen, doch mußte er sich endlich dazu entschließen. Wir leerten einige Gläser auf guten Ausgang unserer Negociation, und noch am Abschiede bat er mich, falls in 24 Stunden die Antwort nicht zurück sei, doch ja noch eine kurze Frist zuzugeben, da die Entfernung nicht unbedeutend und die Wege schlecht wären. Doch wurde diese Concession meinerseits unnöthig, da bereits am nächsten Morgen ein reitender Gensdarme an die erwähnte Grenzbrücke in größter Eile die geforderten Geleitscheine und Pässe [72] brachte, worauf ich sofort den spanischen Boden verließ, und zur Verwunderung der Einwohner am hellen Mittage, in carlistischem Costüm, mit meinen Leuten, sämmtlich bewaffnet, durch einige Dörfer bis Bayonne ritt. Dort hatte ich eine kurze Conversation mit dem Souspräfecten, dem dieser Aufzug sehr zu mißfallen schien. Namentlich konnte er sich nicht beruhigen, daß der spanische Consul Gamboa (nachmals Finanzminister), der meinem Hôtel gegenüber wohnte, mich „avec ce train suspecte et séditieux“ habe einreiten und sogleich zum carlistischen Agenten Marquis de Lalande gehen sehen. Nachdem wir uns endlich über diesen Punkt verständigt, sprach er von Maroto und sagte, er begreife nicht wie mein Herr (votre Maître) ihn habe an die Spitze seines Heeres stellen können, denn er sei gewiß ein Verräther. Ein Mann, der sein Ehrenwort breche (er war in Tours auf Ehrenwort gesessen und entflohen), müsse auch ein Verräther sein. Ueberdieß beweise es das Protocoll, vor seinem Zuge nach Catalonien, durch General Harispe (französischen commandirenden General längs der westlichen Pyreneen) aufgenommen, zur Genüge, daß er es mit Don Carlos nicht redlich meine. „On ne [73] s’exprime pas d’une façon aussi inconvenante sur un prince qu’on sert et qu’on considère comme son souverain,“ schloß er seine Rede. Dieses Protocoll, von dem ich damals zuerst sprechen hörte, wurde einige Tage später (4. August 1838) im offiziellen Blatte von Bayonne (le phare de Bayonne) abgedruckt. Ich hielt es zu jener Zeit für apokryph, wie mir auch der Tadel im Munde des französischen Fonctionnairs als Lob klang; doch konnte ich nicht umhin, über den Ausdruck von Wahrheit verwundert zu sein, der aus seinen Worten vorleuchtete. Nach kurzem Aufenthalte verließ ich Bayonne, und nach zwei Tagen vergaß ich bei einem ausgesuchten Diner meines vortrefflichen Freundes, des Generalconsuls Meyer in Bordeaux, allen Aerger und alle Mühseligkeiten der letzten kurzen Episode.

Bordeaux, die schönste Stadt Frankreichs nach Paris, mit den herrlichen Ufern seiner breiten Garonne und seinem milden Clima, hat auch in seinem Leben und Treiben einen ganz südlichen Anstrich. Deßhalb gefiel es wohl den Spaniern vorzugsweise dort, denn in Bordeaux, wie übrigens in den meisten Städten des mittägigen Frankreich, waren in größerer oder kleinerer [74] Anzahl, viele spanische Familien ansäßig, die, jenen Theilen angehörig, wo der Krieg wüthete, ihren heimatlichen Heerd verlassen hatten und das Ende des langen Kampfes in Entbehrung und Jammer abwarteten. Sie waren meist politischer Ansichten halber ausgewandert, die Carlisten aus den von den Christinos besetzten Gegenden, und umgekehrt. Confiscation ihrer Habe war die gewöhnliche Maßregel, die über sie verhängt wurde, nicht selten auch Zerstörung ihrer Häuser. Diese Familien haben mir immer großes Mitleid eingeflößt, waren wahrhaft achtungswürdig, und hatten nichts mit jenen vornehmen und reichen Leuten gemein, die unter Bonaparte Josephiner, unter Ferdinand VII. abwechselnd Liberale und Absolutisten, es nun mit beiden Parteien hielten, oder vielmehr mit keiner; bei Ausbruch des Krieges ihr bewegliches Vermögen an sich zogen, und im Auslande, in scandalosem Luxus prassend, um die Leiden ihres Vaterlandes unbekümmert, das Ende des langen Todeskampfes abwarteten, um dem Sieger dann zu huldigen, wer er auch sein möge. Sie zahlten beiden Regierungen ihre Abgaben, waren mit beiden in brieflicher Verbindung, zumeist von Paris aus, und versicherten [75] Beide ihrer Verehrung und Anhänglichkeit, indem sie bedauerten, daß Umstände und zarte Stellungen (circunstancias y posiciones delicadas) sie verhinderten thätigen Antheil zu nehmen. Sie verfolgten Don Carlos und Christina mit ihren frommen Wünschen, und zollten, je nach dem Salon, in dem sie sich befanden, den Helden beider Feldlager ihre wortreiche Bewunderung. Ich habe mehrere dieser Herren gekannt, die ich des Morgens bei’m Marquis de Labradór sah, wo sie sich mit theilnehmenden Gesichtern um das Befinden „Seiner Majestät des Königs“ und um die Fortschritte unseres „heldenmüthigen Heeres“ erkundigten, und von denen uns wohl bekannt war, daß sie an den Empfangstagen des christinischen Botschafters, Marquis de Miraflores, in seinem Hôtel nie fehlten. Es waren die berühmtesten Namen Spaniens, Nachkommen jener Helden der Kreuzzüge und der spanischen Weltherrschaft, die so herabgekommen, daß sie nur Ekel einflößen konnten. Furcht und eine gänzliche Unkenntniß jedes Begriffes politischer Ehre bilden durchgehend den Hauptzug ihres Charakters. Sie wollen, nach der spanischen Redensart, „mit Allen leben“ (vivir con [76] todos). Jetzt sind sie meist in Madrid, machen Espartéro den Hof und correspondiren ins geheim mit der Königin Christine. In diesem doppelten Heucheln hatte es unter Andern der Herzog von Osuna, aus dem Hause Tellez de Giron, weit gebracht, einer der reichsten und vornehmsten spanischen Granden, der zu seinem großen väterlichen Erbe das bedeutende Vermögen seiner Großmutter, der Gräfin-Herzogin von Benavente, vereint, und noch beinahe den ganzen mächtigen Nachlaß des letzten Herzogs von Ynfantado zu erwarten hat, da dessen natürlicher Sohn, Alvarez de Toledo, in die Grandezzen und italienischen Fürstenthümer (Eboli und Melito) nicht nachfolgen kann. Dieser Herzog von Osuna, ein mit Juwelen, einem Bijouterie-Händler gleich, stets bedeckter Dandy und eifriger Sportsman, war großartig in offiziellen Bewunderungen, die seinem Talente um so mehr Ehre machten, wenn er sich auf neutralem Terrain befand, wo Repräsentanten beider Parteien ihn beobachten konnten. Sein Durchwinden durch derlei Klippen, wie die Säle der österreichischen und sardinischen Botschaft in Paris ihm öfters boten, kann wirklich nur mit dem französischen Worte louvoyer [77] wiedergegeben werden. Der würdige Standesgenosse Osuna’s in diesen Beziehungen, nur viel gesprächiger als er, war der erste Edelmann Spaniens, der Graf von Astorga, Marquis von Altamira, Herzog von Montemar, aus dem uralten, einst königlichen Hause Trastamara, der auf seinem Haupte vierzehn oder fünfzehn Grandezzen mit einer Revenue von ungefähr drei Millionen Franken vereinigt. Er ist das vollkommenste Bild jener „Race rachitique et abâtardie,“ wie Herr von Martignac sie nennt, und ich kann, mit Bezug auf diese kleine dicke, ungeschickt schwankende Figur, mit hängenden Lippen und schielendem Fischauge, eine Randglosse hier mit mehr Recht wiederholen, als ich sie über den Grafen von Cirat, der doch wenigstens nur einem, und zwar seinem rechtmäßigen Herrn diente, in das Journal eines Kriegsgefährten schrieb:

„Er bildet den reinen Typus des spanischen Granden, wie in stufenweiser physischer und moralischer Degradation, er in einen Zustand vollkommener Abstumpfung gefallen ist. Kleiner, kränklicher, krampfhaft zuckender Körperbau, unschöne Gesichtszüge, Vernachlässigung alles äußeren Anstandes und der ersten [78] Reinlichkeits Sorgfalt, ein blödes, vor sich hin glotzendes Auge; so weit die erste Erscheinung. Die grenzenloseste Ignoranz der gewöhnlichsten Rudimente erster Erziehung; vornehmes Verachten aller Kenntnisse und Wissenschaften; unleidlicher Hochmuth gegen den kleinen Adel, vorzüglich aber gegen Bürger, Künstler, Gelehrte und Kaufleute; intime Familiarität mit ihrer Valetaille, mit der sie auf dem vertrautesten Fuße leben, und kriechende Unterthänigkeit gegen Alles, was die königliche Person in näherer oder weiterer Beziehung, als zum Pallaste gehörig, umgibt. Dieser Drang nach der königlichen Sonne webt sich in ihr ganzes Leben ein, und findet sich überall wieder. Der Grand, der am Hofe lebt, Grande madrileño, und den ganzen Kammerschlüssel trägt (gentilhombre de camara con ejercicio) nennt sich mit stolzer Demuth un criado de Su Magestad (criado, Domestike, Lakaye, wohl von Diener, Servidor, zu unterscheiden). Wenn er noch so verschuldet, von neuem Adel oder geringem Besitzthum ist, so sieht er doch mit Verachtung auf den in seiner Provinz, in Mitte seiner Vasallen, seiner großen Domänen, in angestammter Würde, großen Anhang und Einfluß lebenden Granden, und sagt: es un [79] Grande catalan, estremeño oder gallego. Von diesem traurigen Bilde weichen nur Wenige ab; ist es glaublich, daß in beiden Heeren kein einziger geborner Grande mit dem Degen in der Faust gedient hat? – Als ehrenvolle Ausnahme dieser Granden nenne ich mit Freuden die Marquis von Villafranca und Monesterio und den Grafen von Orgaz, die mit Aufopferung ihres großen Vermögens und seltener Uneigennützigkeit eine Zeit lang dem Hauptquartiere ihres königlichen Herrn folgten, und später zu diplomatischen Missionen verwendet wurden. Keiner von ihnen hat mit seinen Eiden gefeilscht, und das ist immer ruhmwürdig und ehrenvoll, zur Zeit in der wir leben.“

Der Marquis von Altamira, wie er seiner ältesten Grandezza wegen gewöhnlich genannt wurde,[1][80] hatte auch noch den Kummer, von seiner jungen Gebieterin auf eine nicht unwitzige aber ungnädige Weise [81] empfangen zu werden, als er nach dem Verrathe von Vergara seine carlistische Hälfte abstreifte und ihr zu huldigen kam. Als er in den Thronsaal trat und das Knie vor der unschuldigen Isabella beugte, redete sie ihn, ohne weiterer Eingangsformel, mit den Worten [82] an: Wer bist Du (die Könige und Infanten von Spanien dutzen bekanntlich alle ihre Unterthanen, mit Ausnahme des Clerus), ich kenne Dich nicht? Altamira recitirte seine Titel und Würden, worauf sie erwiederte: „So, mein Vetter,[2] wo warst Du denn die ganze Zeit, daß ich Dich im Pallaste nie gesehen habe?“ und als nun der perplex gewordene Vetter nur unverständliche Worte hervorzustottern vermochte, kehrte seine kleine Herrin ihm den Rücken und verließ gravitätisch den Saal. Im Nebengemach soll sie, wieder Kind geworden, unter Hüpfen und Lachen ihrer Obersthofmeisterin, der Marquise de Santa Cruz, gesagt haben: „Der hat genug, dem habe ich Angst gemacht.“

Das sind also die Nachfolger der Herren vom „Nein“ in Aragon, jener hochfahrenden Ligueurs, deren Schlösser Festungen waren, die ihren Königen abschlugen Krieg zu führen, Truppen zu stellen oder Besatzung zu nehmen, wenn es ihnen gerade convenirte; die wenige Mal im Leben nach Madrid gingen, öfter auf die königlichen Lustschlösser, wo sie sich nicht so [83] eingeengt, erdrückt vorkamen, und ihren großen Troß von begleitenden Edelleuten und bewaffneten Dienern in geringer Entfernung von der königlichen Residenz lagern ließen, in beständigem Mißtrauen gegen die Könige und Haß gegen deren erste Minister, stets lauschend, ob man nicht an ihre persönliche Freiheit wolle, ihnen Concessionen abzunöthigen. In allen Ländern der Erde ist der Adel herabgekommen, kaum ein Schatten mehr seiner dahingeschwundenen Größe; doch in Spanien scheint nicht der Druck der Jahrhunderte, nicht die Folge großer politischer Umwälzungen auf ihm zu lasten, es ist, als wäre die strafende Hand Gottes über den großen spanischen Adel ausgestreckt gewesen.

Wenn nicht die ungeduldige Erwartung einer königlichen Ordre, nach Catalonien zu gehen, mich gepeinigt hätte, wäre mein Aufenthalt in Bordeaux sehr angenehm gewesen, wozu die zuvorkommende Güte meines öfter erwähnten Freundes, des Generalconsuls Meyer, viel beitrug. Dieser ausgezeichnete Mann, dem ich mich verpflichtet glaube, hier öffentlich meinen freundlichen Dank abzustatten, führte ein sehr angenehmes, gastfreies Haus. Bei ihm machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender französischer [84] Royalisten, die von ihren politischen Glaubensgenossen in Paris sehr verschieden, auf ihrem großen Grundbesitz, von ihren Pächtern und ehemaligen Unterthanen umgeben, im Volke alte Traditionen und alten Glauben auf patriarchalische Weise zu erhalten suchen. Eine vorzügliche Stelle nimmt unter ihnen der loyale und ritterliche Marquis de Dampierre ein, auf dessen Schlosse die Herzogin von Berry, während ihres verhängnißvollen Aufenthaltes in der Vendée, eine Zeit lang gewohnt. Während ihrer Gefangenschaft auf der Citadelle von Blaye, hatte Generalconsul Meyer sich zu ihr begeben, und erzählte mir interessante Détails über das unwürdige Benehmen ihres Kerkermeisters, des Generals Bugeaud. Leider muß ich mich enthalten, sie der Oeffentlichkeit wiederzugeben. Nur eines mag hier erwähnt werden: unter dem Zimmer der Herzogin, das ich später selbst gesehen, war eine doppelte Leiter aufgerichtet, worauf Tag und Nacht ein Spion saß, der durch in die Diele gebohrte Löcher, die der Teppich des Zimmers verdeckte, jedes bei ihr gesprochene Wort hören konnte, das sogleich niedergeschrieben und durch Bugeaud an Thiers (damals Premierminister) berichtet ward.

Vor meiner Abreise von Bordeaux wollte ich doch [85] die Bekanntschaft des merkwürdigen Mannes machen, dessen Festigkeit im Unglücke, alle Parteien in Frankreich gleiches Lob, gleiche Bewunderung zollen. Ich meine den Grafen von Peyronnet, den einzigen fähigen Staatsmann im traurigen Ministerium Polignac.

Generalconsul Meyer, sein langjähriger Bekannter, sollte mich ihm vorstellen. Wir begaben uns auf den Quai und bestiegen einen leichten Kahn. In das gespannte Segel blies eine leichte Brise, und half den taktmäßigen Schlägen der beiden Ruderer. Pfeilschnell flogen wir die Garonne hinab; einem Aale gleich wand sich unser Nachen zwischen den hunderten von Kauffahrern durch, die den Hafen von Bordeaux füllen. Ueberall war das regste Leben. Die Wimpel aller Nationen flatterten lustig in den Lüften; bald hatten wir die Vorstädte hinter uns, mit ihren großen Lagern und Magazinen. Die kecken Umrisse der majestätischen Brücke, die zwei Fanale, mit den Statuen des Handels und der Gerechtigkeit, zeigten sich nur noch in der Ferne. Es war einer jener lauen, durchsichtigen Sommermorgen, die unter dem schönen Himmel des südlichen Frankreich so unendlich reizend sind. Freundliche Landhäuser blickten aus Weingärten hervor, [86] und spiegelten sich in der blauen Fluth. Die bedeutendsten Männer des großen Handelsplatzes bringen die Stunden ihrer Muße in diesen Villas zu. In friedlicher Nachbarschaft wohnen hier die divergirendsten Meinungen. Nach zwei Stunden sahen wir ein kleines Cottage, dem bekannten (nun verstorbenen) Publizisten Henri Fonfrède gehörig; doch vor dem Hause des beständigen Verfechters Ludwig Philipp’s konnte meine Barke nicht still stehen wollen. Noch ein paar Ruderschläge mehr, und zwischen Baumgruppen erhob sich eine elegante Villa. Das Hauptgebäude, in gefälligen Dimensionen, weiß getüncht, neun Fenster breit, besteht aus dem Erdgeschosse und einem Stockwerk. Ein Perron aus weißem Marmor, mit zierlicher Balustrade, führt zum Eingang. Am Frontispice ist ein Wappenschild mit Grafenkrone angebracht. „Non solum toga,“ lautet die Umschrift. Leichte Persiennes schlossen die Fenster. Zwei Seitengebäude und ein eisenes Gitter bilden die übrigen Seiten des Vorhofs. Das Gitterthor ist stets geschlossen, ein Zeichen, daß der Bewohner gewöhnlich Niemand sieht. Ein großer Hund vom St. Bernard hielt Wache. Unser Nachen stieß zwischen den Pappeln und Akazien an, welche [87] die Villa von Monferrand halb maskiren. Wir stiegen ans Land, drückten am Glockenzuge und übergaben einem herbeieilenden kleinen Jokey unsere Karten. Bald kam er, das Thor zu öffnen, und führte uns über den Perron, durch ein elegantes Billard-Zimmer, in den Salon. Ich hatte Muße mich darin umzusehen; die Fenster gaben nach englischen Anlagen und großen Weingärten, zu dieser Villa gehörig. In der Entfernung sah man die breiten Wogen der Dordogne, in imposanter Ruhe dahinrollen; ein seltsamer Contrast zur stets belebten Garonne. Der Salon war geschmackvoll meublirt. Einige gute Gemälde hingen an den Wänden; in vortrefflichem Lichte ein schönes Porträt, Ludwig XVIII., von Gros, Bruststück; ein Geschenk dieses Königs, wie ich später erfuhr. Ferner Carl X., im großen Hofe der Tuilerien zu Pferde steigend; in Uniform seiner Leibgarde; hinter ihm der Dauphin und mehrere, zur Zeit bedeutende, Personen, ein Gemälde nicht ohne Werth, von einem jungen Künstler, den der Herr dieses Hauses, damals Minister des Innern, protegirt hatte. Es nahm die Mitte der zweiten Wand ein, einem weißen Marmorkamine gegenüber. Zwischen den Fenstern stand ein Mahagonytisch mit Kunstwerken [88] und einem interessanten Portefeuille Originalbriefe berühmter Zeitgenossen. Darüber ein großes Bild, es stellt ein Schreibcabinet vor; durch das offene Fenster sieht man die Vendôme-Säule, auf der die weiße Fahne weht. Seitwärts ein Tabouret, worauf ein reichverziertes Kästchen ruht, mit dem königlichen Wappen von Frankreich geschmückt. In der Mitte ein großer Arbeitstisch, daran ein Fauteuil, der Stoff ist in goldenen Lilien gestickt. Auf dem Tische liegt, halbgeöffnet, eine Rolle, welche die Worte: Amnestie. 1825. enthält. Davor steht ein schöner, kräftiger Mann, im besten Mannesalter; schwarze Locken spielen nachlässig um Stirne und Schläfe; aus dem geistvollen, offenen Blicke spricht Scharfsinn und Loyalität. Seine Züge sind regelmäßig und tragen das unverkennbare Gepräge des Südens. Die schwarze Tracht ist gewählt; unter dem offenen Frack blickt das große blaue Ordensband des heiligen Geistes hervor. Ich war in Anschauung dieses Bildes versunken, als eine Nebenthür aufging, und im Schlafrock, einen Strohhut und Stock zur Hand, der Herr des Hauses auf mich zutrat. Ich hatte den Grafen von Peyronnet früher nie gesehen, und obgleich Kummer, Gefangenschaft und Jahre jene [89] frischen Farben etwas gebleicht haben mögen, so erkannte ich doch sogleich das Original des schönen Bildes. Es war dieselbe würdevolle Haltung, derselbe geistreiche Blick. Mit der liebenswürdigsten Freundlichkeit empfing er uns. Schnell vergingen mehrere Stunden in Gesellschaft dieses eminenten Mannes, dessen seltene Festigkeit sich nie verläugnet hat. Seit Graf von Peyronnet Ham mit Monferrand vertauscht, hat er diese Villa nicht mit einem Schritte verlassen. Obwohl an den Füßen leidend, ein Uebel, dessen Grund ein merkwürdiges Denkmal seiner Festigkeit ist, mir aber hier zu erzählen nicht geziemt, führte er uns doch selbst in seinem Hause herum, das eben so elegant als comfortabel eingerichtet ist. An den Salon stößt ein Arbeitscabinet, mit schönen Kupferstichen geziert, Scenen einer für den Bewohner erinnerungsreichen Zeit; ein großer Schreibtisch nimmt die Mitte ein; auf umstehenden Stühlen und dem Teppich sind Stöße alter Folianten und Manuscripte ausgebreitet, Materialien zu Graf von Peyronnet’s Geschichte Frankreichs, an der er seit seiner Gefangenschaft arbeitet. Aus diesem Cabinet kömmt man in eine gewählte Bibliothek. Die andere Seite [90] besteht aus einem geräumigen Speisesaal und Gastappartemens. Als ich mich nach Tische entfernen wollte, war es so finster und stürmisch geworden, daß ich den herzlichen Anerbietungen meines Wirths nachgab, und in Monferrand blieb. Noch spät in die Nacht saßen wir um einen runden, mit grünem Teppich bedeckten Tisch. Graf von Peyronnet nahm einen großen, sehr einfachen fauteuil à la Voltaire ein. Tisch, Teppich und Fauteuil sind das Mobiliar seiner Clause in Ham, in der jetzt Ludwig Bonaparte sitzt und über seine sinnlosen Versuche brütet. Als Graf von Peyronnet mir seinen Fauteuil wies, dachte ich der genialen Produkte seines Geistes, die er in einsamen Stunden ausgehaucht, in diesen treuen Gefährten gelehnt; ich zog mein Album hervor und bat ihn, einige Worte hineinzuschreiben. Er ergriff eine Feder, und nach wenig Augenblicken gab er es mir zurück. Ich las:

Laissez mugir les vents et gronder les orages,
Et les flots soulevés appellant les naufrages,
     Battre les cimes du rocher;
Le rocher lassera leur fureur indocile,
Et la nef flottera bientôt au port facile
     Qu’avait promis le vieux nocher.

[91] Ich hatte beim Eingange Graf von Peyronnet’s Wappendevise bemerkt; nun nahm ich Anlaß, ihn darum zu befragen. Die Geschichte dieses schönen Mottos scheint mir zu charakteristisch, um nicht hier Platz zu finden: Peyronnet war erst kurze Zeit Großsiegelbewahrer, und, obwohl er selten sprach, doch seine hinreißende Beredsamkeit von beiden Kammern längst gekannt und gewürdigt, als während Abwesenheit des Kriegsministers, Marschall Victor, der sich bei der Armee in Spanien befand, das Budget dieses Letztern zur Sprache kam, und von einigen Leitern der Opposition lebhaft angegriffen wurde. Wie talentvoll und bedeutend die Opposition zur Zeit des Ministeriums Villèle war, ist bekannt. Peyronnet’s Collegen, mit den Details dieser Branche wenig bewandert, befanden sich in nicht geringer Verlegenheit. Da ließ sich Peyronnet die nöthigen Papiere reichen, durchflog sie und ergriff das Wort für den Herzog von Belluno. In einer meisterhaften Rede trug er den glänzendsten Sieg davon, und verließ die Tribune unter rauschendem Beifall von allen Seiten. – Am nächsten Sonntage war Lever beim Könige. Ludwig XVIII. saß in seinem Rollstuhl, die bedeutendsten [92] Männer Frankreichs standen um ihn; Fürst Talleyrand, als Großkämmerer, hielt hinter seinem Stuhle. Da richtete sich der König an den Großsiegelbewahrer: „Sie werden in der Geschichte Rußlands gelesen haben, daß die Kaiserin Katharina II. einen tüchtigen General hatte, den Grafen Romanzow. Wissen Sie auch, daß, als die Kaiserin zu einer wichtigen Sendung an ihren Bruder von Deutschland einen geschickten Diplomaten brauchte, sie den Grafen Romanzow nach Wien sandte? Der tüchtige General unterzog sich vortrefflich den erhaltenen Aufträgen, und zeigte sich als gewandter Diplomat. Womit sollte Katharina II. einen Mann belohnen, der bereits auf einer der höchsten Stufen in ihrem Reiche stand? Sie gab ihm eine Devise, und die lautete: „non solum armis.“ Nach einer Pause fuhr der König fort: „Nun! ich befinde mich in demselben Falle, und bin sehr glücklich, einen Großsiegelbewahrer zu haben, dem ich zur Devise geben kann: „Non solum toga.“




Täglich kamen nach Bordeaux zahlreiche Berichte aus dem Hoflager und Hauptquartier, und mit banger [93] Ungeduld sahen Alle, welcher Partei sie auch angehören mochten, dem Zusammentreffen der beiden Heere vor Estella entgegen; da allgemein dieser Moment als ein entscheidender Hauptschlag bezeichnet wurde. Denn, wenn gleich Viele am Angriffe Espartéro’s zweifelten, so glaubte man doch allgemein, Maroto werde diese günstige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, durch eine größere Affaire seine persönliche Stellung im Hoflager zu befestigen, um sich dann leichter seiner Widersacher entledigen zu können. Da kam die Nachricht von Espartéro’s Rückzug. Die fanatischen Anhänger Maroto’s unterließen nicht, diese unerwartete Wendung dem Zauber des Namens ihres Lieblingshelden zuzuschreiben, und Alles schien überzeugt, er werde nun kräftig die Offensive ergreifen und den Kriegsschauplatz auf das rechte Ebro-Ufer, in die reichen Ebenen der Rioja, versetzen. Doch nach wenigen Tagen hieß es, Maroto, an der Spitze einer starken, mobilen Colonne, sei von Estella in der Richtung nach Durango aufgebrochen. Dieß öffnete neuen Muthmaßungen ein weites Feld, und man prophezeihte nun eine unverzügliche Belagerung von Bilbao. Woran Zumalacarregui durch den Tod, [94] Eguia und Villarreal durch Niederlagen verhindert worden, sollte nun ohne Zweifel Maroto gelingen. Doch neue Dépêchen aus dem Hauptquartier sprachen von beständigen Märschen und Contremärschen des commandirenden Generals, dem es doch nicht sehr Ernst zu sein schien, mit dem Feinde so bald sich zu messen. Auch dieß ward bald erklärt; das Heer müßte erst reorganisirt, die vielen, durch Guérgué eingesetzten, untauglichen Chefs entfernt und durch die erprobten, im Volke und Heere beliebten, Häuptlinge ersetzt werden, die, schmählich abgesetzt, nun noch größtentheils in Kerkern oder Depôts schmachteten. Arias-Teijeiro, Maroto’s größtem Feinde, und der Camarilla wurde ebenfalls die Hauptschuld der Unthätigkeit beigemessen, auf welche der neue Feldherr sich angewiesen sähe. Da leider viele dieser Klagen nur zu begründet waren, so ward alles als vollkommen wahr und richtig angenommen.

Während dieser Zeit härmte ich mich in Bordeaux über diese unerklärlichen Verzögerungen ab, und sah mit jedem Courier der Nachricht eines Minister-Wechsels entgegen. Noch ist mir erinnerlich, daß an einem Tage, es war am 28. Juli, als eben [95] wieder nichtssagende Dépêchen angekommen waren, ich auch noch den Aerger hatte, sehen zu müssen, daß der preußische Consul Delbrück, dessen Sohn (der preußische Vice-Consul, Julius Delbrück) den Courier de Bordeaux, zu meinem täglichen Verdruß, als Gérant unterzeichnete, sich so weit vergaß, während der Julius Tage die preußische Flagge, unsern legitimen königlichen Adler, vor seinem Hause aufzupflanzen und festlich wehen zu lassen. Dieser Unschicklichkeit die Krone aufzusetzen, vergaß Consul Delbrück, zum Scandal aller in Bordeaux anwesenden Preußen, diese feierliche Manifestation am dritten August vorzunehmen, wie ich, an diesem Tage öfter vorübergehend, zu beobachten Gelegenheit hatte. Vor dem General-Consulate von Neapel und Hamburg, dem Hôtel meines Freundes Meyer, hatte ich jedoch die Freude, am dritten August seine beiden Flaggen flattern zu sehen, so auch, daß er das Aufstecken derselben während der Juli Tage unterließ.

Endlich wurde ich des Wartens überdrüssig und beschloß nach Catalonien zu gehen. Ich schrieb deßhalb einige Worte an Arias-Teijeiro, der noch immer drei Ministerien cumulirte, und verließ Bordeaux [96] die letzten Tage August in Gesellschaft eines jungen preußischen Cavallerie-Offiziers, Herrn Gustav von Meding, der vor kurzem aus Berlin eingetroffen war, und den ich als Adjutanten zu mir nahm.

Nach 24 Stunden waren wir in Toulouse, jener in Frankreich einzigen Stadt, die seit zwei Jahrhunderten still gestanden zu haben scheint. Schon der erste Anblick versetzt in längst vergangene Zeiten, die in keinem Lande der Welt zu unsern Tagen passen würden, in Frankreich aber einer Epoche angehören, die nur mehr dem Historiker und Romancier bekannt ist. Oft ist mir die Aehnlichkeit Toulouse’s mit dem entferntesten, reculirtesten Theile des Faubourg St. Germain aufgefallen, der Rue de Babilone zum Beispiel; jenen finstern Häusermassen, die, allem Leben gleichsam abgestorben, auf das heutige Treiben streng und schweigend tadelnd herabschauen. Diese großen Hôtels zwischen Hof und Garten, seit Jahrhunderten in denselben Parlamentsfamilien (noblesse de robe) erblich, scheinen lebende Gräber gesunkener Macht. Die dicken eichenen Thore wanken nur selten in ihren schweren Angeln, und wenn eine unförmliche, altvätrische Karosse herausfährt, die mit Gras bewachsene Cour d’honneur verläßt und über dem spitzen Kieselpflaster rasselnd hinwegrollt, [97] so ist dieß eine Begebenheit für die ganze Straße. Die Krämer und Lieferanten, die, dem Beispiele ihrer Vordern gleich, seit den großen Zeiten des Languedocs und der Macht der Capitouls dieselben adeligen Familien mit dem Nöthigen versorgen, gucken so neugierig und besorgt aus ihren dunklen Laden, als sollten sie noch jenen vornehmen Hochverräther und enthaupteten Gouverneur, den großen Montmorency mit seinem zahlreichen Gefolge durchsprengen sehen, dessen Geschichte in des Volkes Mund fortlebt, so wie das Beil, womit er enthauptet worden, mit andächtiger Verehrung noch heute gezeigt wird. Auch heißt seit seiner Zeit eine Taverne „aux armes de Montmorency“, und zeigt an eisener Stange die sechzehn Lerchen (alérions) und das rothe Kreuz auf goldnem Felde mit der Umschrift „Dieu aide au premier baron chrétien.“[3]

[98] Daß in Toulouse, dieser so fundamental-royalistischen Stadt, Carlisten und Carlismus, gleichviel ob spanische oder französische, ja sogar portugiesische Miguelisten vielen Anklang finden mußten, ist leicht begreiflich. Auch gab es in Toulouse royalistische Comités, Präsidenten, Sectionen, Vertraute in allen Klassen der Gesellschaft, und obgleich der mißglückte Versuch in der Vendée und der Untergang der königlichen Sache in Spanien ihren Hoffnungen empfindliche Schläge beigebracht, so vegetiren sie doch noch fort und machen der jetzigen Regierung genug zu schaffen. Ich wandte mich an einen der Vorzüglichsten, der mehrere derlei occulte Aemter und Dignitäten versah und ein naher Verwandter des Grafen de España war. Auf seinen Rath kaufte ich drei Pferde und die nöthigen Sättel, was mich über eine Woche in Toulouse aufhielt und bestimmt eine große Unvorsichtigkeit war, da es unnöthig die Aufmerksamkeit der Behörden auf mich richtete. Endlich waren meine Vorbereitungen beendet, die Sättel und Waffen, in vier Kisten wohl verpackt, mit der Diligence nach Perpignan geschickt und die Pferde einem Vertrauten übergeben, der sie querfeldein in ein Landhaus, nahe an dieser Stadt, führen [99] sollte. Wir sagten den schönen Languedociennes, der blauen Garonne, den dunklen Orangen auf dem Nachts stets festlich erleuchteten Capitol-Platze ein fröhliches Lebewohl, und waren nach kurzer Fahrt in Perpignan eingetroffen.

Der Anblick dieser Stadt und seiner Umgegend, die Sprache und Tracht der Einwohner, die Namen der Orte, Berge, Gewässer, Alles mahnt daran, daß dieser Landstrich nur politisch zu Frankreich gehört. Auch hat das große Nivellirungs- und Centralisations-System, das einem ungeheuern Netze gleich, ganz Frankreich überzieht, hier in das Innere des Volkes und Lebens noch nicht eindringen können. Perpignan, trotz seiner Präfectur, Behörden und Festungs-Garnison, gleicht viel mehr einer catalonischen Bourgade, als einer französischen Departements-Stadt. Die alte romanische Sprache, la langue d’Oc, hat sich unter dem Landvolke mit mehr oder weniger arabischen Zusätzen, je nach französischer oder spanischer Seite, in ihrer Eigenthümlichkeit so vollkommen erhalten, wie an dem andern Ende der Pyreneen die baskische, und vergeblich würde man einen Bauer dieser Gegenden französisch anreden. Auch die Namen klingen fremd. [100] Ein paar Stunden von Perpignan, bei Salcès, fuhren wir an einem großen Moorsumpfe vorbei, der mit dem Meere in Verbindung ist. Unser Postillon nannte ihn: l’estañ de Leucate. Dann ging es über die Gly, einen in den Romanzen dieser Gegenden oft erwähnten kleinen Fluß, an dessen Ufer ich weiß nicht welcher regierende Vicegraf von Narbonne die Mauren schlug; die grünen Hügel von Rivesaltes zeigten uns ihre Reben, die einen jetzt nur mehr in diesen Gegenden, in frühern Zeiten aber in ganz Frankreich berühmten dunklen feurigen Wein geben.

Das Anhalten am Thore von Perpignan, mahnte uns, wir wären nicht mehr im Lande der Troubadours, zur Zeit der Toulouser jeux floraux die, beiläufig gesagt, kaum ein Schatten alten Glanzes, noch fortvegetiren, in Versen discutiren und Preise decretiren. – Nach einem langen, inquisitorischen Examen der Thorbeamten über Reise, Zweck und allerlei Details, wurden wir freigelassen. Wir stiegen im Hôtel de l’Europe ab, dessen Wirth, der jetzigen Regierung zugethan, uns weniger verdächtig erscheinen ließ. Tags darauf begab ich mich zum carlistischen Comissär Ferer, dessen Habsucht, Eigennutz und doppelzüngiges [101] Wesen schlecht genug gegen den regen Eifer und die oft mit bedeutenden Opfern verknüpfte Hingebung der meisten seiner übrigen Collegen abstach. Als ich ihm von Pferden und Kisten sprach, die ankommen und seiner Obsorge übergeben würden, verzog sich sein Gesicht in die freundlichsten Falten, die mir schon damals nicht ganz geheuer dünkten. Ich habe später die Erklärung dieses freundlichen Gesichtes nur zu theuer bezahlt, und oft bedauert seinen Collegen A…, einen braven, redlichen Mann, nicht gekannt zu haben.[4] Endlich ließ Ferer mir bedeuten, meine Kisten und Pferde wären angelangt. Erstere konnte ich nicht sehen, letztere waren in einem Landhause, eine kleine halbe Stunde von Perpignan untergebracht worden. Wir gingen sie zu besuchen. Ein schöner Grauschimmel von Limousiner Race, den ich um hohes Geld erkauft, war unwohl geworden und mußte dort [102] gelassen werden; die beiden andern gab Ferer einem von ihm als zuverlässig bezeichneten Guiden, und dirigirte sie sofort nach der Grenze. Obgleich mit den von den baskischen Pyreneen so verschiedenen Verhältnissen dieses durchaus uns feindlich gesinnten Landstriches unbekannt, konnte ich doch nicht billigen, daß er beide Pferde einem einzigen Menschen anvertraue, da dieß auf engen Pfaden, im Falle einer Verfolgung, die Flucht nothwendig erschweren, wo nicht unmöglich machen, und wenigstens den Verlust eines Pferdes nach sich ziehen mußte. Doch Ferer war nicht abzubringen, nahm alle Verantwortlichkeit auf sich, und versicherte mich, es obwalte gar keine Gefahr. So mußte ich es denn geschehen lassen, und war nur mehr auf meinen eigenen Uebergang bedacht.

Unser Wirth hatte bei uns einige Bücher seines Schwiegersohnes, des Verlegers Dumont in Paris, gesehen, unter andern die vielen Bände der damals eben erschienenen mémoires du Diable von Soulié. Dieß stimmte ihn sehr zu unsern Gunsten und er übernahm es, unsere Pässe für das ganze Departement visiren zu lassen, da ich vorgab die Bäder in den Pyreneenschluchten besuchen und auf Isards (die [103] Pyreneen-Gemsen) jagen zu wollen. Nachdem dieser wichtige Punkt geordnet war, verließen wir Perpignan um vier Uhr Morgens im Coupé der Diligence. Die große Kette der Pyreneen dehnte sich am äußersten Horizonte vor uns aus; der Kegel des Canigou, von Wolken umhüllt, ragte königlich über die ihn umgebenden Berge. Ein kühler Seewind wehte von Osten; die wenigen Landleute, denen wir begegneten, waren in ihre braunen, weiten Mäntel gehüllt; die dazu gehörige Kaputze, über den Kopf geschlagen, ließ nur wenig von der rothen, catalonischen Mütze sehen, die der phrygischen Haube nicht unähnlich, in einem langen Zipfel nach hinten hinabhängt, oder wohl auch bei den Coqs de Village nach mehreren Ueberschlägen die Stirne beschattet. Um sieben Uhr wechselten wir Pferde in Ceret, Cheflieu des Arondissements, einem winkligen, schmutzigen Neste, wie man sie in den zum deutschen Bunde gehörigen Staaten nur noch am rechten Oder-Ufer Schlesiens findet. Bis Arles, wo wir um zehn Uhr anlangten, wurden unsere Pässe fünfmal gefordert, deren Signalement jedesmal genau verglichen und erst nach allerlei Fragen und Bemerkungen zurückgestellt. Von Arles [104] aus ist der einzige Weg so steil und das Terrain so coupirt, daß nach der kleinen Grenzfestung Prats de Molló kein Wagen gebraucht werden kann. Wir accordirten sonach Maulthiere für uns und unser Gepäck, und setzten, nach einem ziemlich schlechten Frühstück, unsern Marsch auf kaum gangbaren Steigen fort. Es sind nur vier kleine Lieues, doch brauchten wir sieben Stunden dazu. Prats de Molló ist ganz malerisch am Ausgange einer kleinen Gebirgsschlucht gebaut. Die Ausläufer der fruchtbaren Ebenen des Roussillon und der Cerdagne lagen vor uns wie Teppiche ausgebreitet; im Hintergrunde schimmerten, schon schneebedeckt, die höchsten Gipfel der catalonischen Berge, und vom Thurme der Festung konnten wir das grüne Geburtthal Godefroys de Bouillon sehen, das historische Marquisat de Conflans, die Wiege eines der größten Geschlechter Frankreichs. Trotz aller Neuerungen, die den Ländern bis auf die alten Namen zu rauben drohen, hat doch die sogenannte legale Sprache unter dem Landvolk wenig Anklang gefunden, und in diesen Gegenden, wie im ganzen südlichen Frankreich, ist jedem Fleck mit dem alten Namen die Erinnerung an die alte, gute Zeit geblieben.

[105] Die zwei einzigen Gasthöfe, wenn schlechte Kneipen die an allem Mangel leiden diesen Namen verdienen, in Prats de Molló waren angefüllt, da eben Inspection der Garnison abgehalten wurde, und nur mit Mühe konnten wir Unterkommen in einem Privathause finden. Nachts traf ein durch Ferer zugeschickter Guide ein, uns am nächsten Morgen über Feldwege in die Schluchten des Canigou zu führen, von wo aus ein Hauptschmuggler dieser Gegend, der dort wohnte, das Weitere übernehmen sollte. Mir kamen alle diese Maßregeln sehr mangelhaft vor, im Vergleiche zu denen der baskischen Contrebandiers, die, Häuptlingen gleich, förmlich kleinen Krieg mit den Zollwächtern führen und ihre Untergebenen ganz militärisch befehligen. Mit geringen Hoffnungen machten wir uns daher, wie der Morgen graute und die Thore der Festung geöffnet wurden, auf den Weg. Doch waren wir noch keine halbe Stunde marschirt, als eine nachlaufende Douaniers-Patrouille uns anrief still zu stehen, worauf unser mit einem Gewehr bewaffnete einzige Guide sofort ausriß und uns im Stiche ließ. Wir wiesen dem Brigadier unsere Pässe und wurden so en rêgle befunden, daß er uns ohne Bedenken [106] frei gelassen hätte, wenn nicht wegen des verdächtigen Feldweges und Ausreißens unsers Guiden ihm mehr Vorsicht nothwendig geschienen. Dies erklärte er unumwunden und führte uns nach Prats de Molló zurück, wo wir unter Aufsicht gestellt, unsere Effecten jedoch an der Douane mit großer Vorsicht durchsucht wurden. Uniformen, Boînas, zwei paar Gürtel-Pistolen und andere derlei, bei einem gewöhnlichen Touristen nicht anzutreffende Gegenstände wurden bei Seite gelegt und uns dann erlaubt frühstücken zu gehen.

Die sonderbare Art wie wir frei wurden darf ich mir leider! nicht gestatten zu veröffentlichen, da diese Indiscretion einigen gutmüthigen Personen vielleicht schaden könnte. Noch ist mir Herrn von Meding’s Verwunderung lebhaft erinnerlich, als nach mancherlei Manipuliren meinerseits wir uns gegen Abend frank und frei auf der Bergstraße befanden, die von Parts de Molló nach dem Badehause la Preste führt. Was den Erfolg noch vollkommener machte war, daß denselben Abend unsere sämmtlichen Effecten uns nachgeschickt wurden, die verdächtigen Boînas und Pistolen nicht ausgenommen. Papiere hatte man uns nicht nehmen können, da sie sämmtlich in dem Unterfutter unserer Beinkleider an [107] einem wenig auffälligen Theile eingenäht waren, den man gewöhnlich zu verbergen pflegt. Zwar hatten wir keinen Guiden, doch war die Richtung nicht zu verfehlen, da eine einzige Straße, mühsam in den Fels gehauen nach mancherlei Windungen einzig nach unserer Bestimmung, dem erwähnten Badehause, führte. Nach zweistündigem, immerwährendem Steigen erreichten wir das einzelne, in einer Felsenkluft gelegene, oder vielmehr einem Adlerhorst gleich hängende Gebäude. Ein schwefelhaltiger Quell sprudelt 30° R. heiß, in ziemlich starkem Strahle unter dem Hause hervor und wird von der kränkelnden Umgegend zum Trinken und Baden gebraucht. La Preste liegt mitten im Hochgebirge der Pyreneen, und von den Fenstern des Badehauses ist außer dem engen, in den Fels gehauenen Steig, auf dem wir gekommen, keine Spur menschlicher Hand zu gewahren. Die vorgerückte Jahreszeit hatte nur wenig Badegäste in diesem einsamen Hause gelassen. Der Wirth, der zugleich Badearzt und deleguirter Maire seines Etablissements ist, zeigte sich uns als enthusiastischer Verehrer der jetzigen Regierung und aller ihrer Maßregeln. Wir wußten also was wir von ihm zu hoffen hatten, und zogen uns bald in unsere [108] Zellen zurück, aller weiteren Neugierde auszuweichen. Ich öffnete mein Fenster; das Rauschen des Gebirgsbaches, der über Felsen in einen tiefen Abgrund stürzt, das würzige, starke Aroma der Gebirgskräuter, der hier schon südliche Himmel gaben dieser Nacht mitten in diesem verlornen Winkel der Welt einen eigenen düstern Reiz.

Am andern Morgen weckte mich eifrige Conversation auf dem einzigen ebenen Platze vor dem Hause. Ein Bote des Maire von Prats de Molló erzählte unserem Wirthe, daß zwischen Ceret und Arles ein Mann aus Perpignan mit zwei Pferden von den Bauern aufgefangen, vor die Souspräfectur gebracht worden, jedoch kaum dort angelangt entflohen sei; die Pferde, als innerhalb des Grenzverbotes angetroffen, würden in öffentlicher Licitation auf dem Marktplatze von Ceret verkauft werden, da sie unbezweifelt für die spanischen Carlisten bestimmt gewesen. Hiebei folgte das Signalement der Pferde. Es blieb kein Zweifel, daß es die Unseren waren. Von unserer Wuth über den ungeschickten oder schurkischen Ferer kann man sich leicht einen Begriff machen, und doch mußte zu bösem Spiele gute Miene gemacht werden, da der Maire von Prats de Molló die aufgefangenen Pferde [109] ganz richtig mit unserer Gegenwart in Verbindung brachte und dem Wirthe anbefahl, ein wachsames Auge auf uns zu haben, bis er Befehl aus Perpignan eingeholt, da unsere ihm bekannten Pässe ihn hinderten sogleich mehr gegen uns zu unternehmen.

Nach einigen Stunden gingen wir ins Freie, wo der Wirth sogleich auf uns zukam und mich scharf ins Auge fassend, uns die Arrestations-Geschichte unserer armen Pferde nochmals erzählte; doch nahm ich Alles lachend auf und brachte ihn bald auf andere Gegenstände. Er war ein eifriger Jäger; ich eröffnete ihm den Zweck unserer Tour, Bereisung dieses Theils der Pyreneen und vor Allem eine Jagd auf die berühmten Isards, die hier sehr häufig sind. Dann schlug ich ihm vor, eine große Jagd zu ordnen, selbst mitzugehen und versprach alle Victualien für mehrere Tage sammt Saumthieren bei ihm zu nehmen. Dieser Versuchung war er nicht gewachsen und machte sich sogleich ans Werk, allen Isard-Jägern ein Rundschreiben zu senden. Die Antwort konnte erst am nächsten Tage erfolgen. Doch noch am Nämlichen kam ein Offizier der Garnison Prats de Molló und installirte sich im Badehause. Es thut mir leid es zur Ehre der Wahrheit sagen zu [110] müssen, daß er als Späher zugeschickt uns nicht von der Seite wich. Ihm das Geschäft leichter zu machen, lud ich ihn zu Tische und spazierte mit ihm in der nächsten Umgegend herum, die Zeit bestmöglichst zu verbringen. Eine große Höhle, etwa tausend Schritte von unserer Wohnung gelegen, ist die Hauptmerkwürdigkeit des Ortes und wurde, nach einer Unzahl Fremden, die hier, wie überall, am Eingange ihre unberühmten Namen eingegraben, auch von uns in allen Richtungen in Augenschein genommen. Ein paar hundert Stufen in den Fels gehauen, dann eine stets nasse, etwas morsche Leiter und endlich ein so enger, niederer Gang, daß man auf Händen und Füßen darin kriechen muß, führen in eine hohe, weite Stalactiten-Höhle, deren Bogen und Säulen in Schnörkeln und Zacken, einem gothischen Dome gleich sich wölben und durch ein schwaches Grubenlicht erhellt, in tausendfachem Lichte widerstrahlen.

Endlich kamen unsere Isard-Jäger am zweiten Abende. Es waren ihrer siebzehn, meist Bauern und Pächter der Nachbarschaft. Sie setzten sich sogleich zu Tische und nahmen auf meine Kosten ein copioses Souper ein, wobei es sehr lustig zuging. Die Tochter [111] des Wirths, eine schlanke, braune Tochter des Gebirges, ward von ihnen aufgefordert zu singen. Sie nahm eine Guitarre und trug catalonische Lieder vor, in cadencirten Klagetönen, nach einem maurischen Rhytmus, der unwillkürlich ergriff und in melancholische Stimmung versetzte. Die Lieder waren in jener seltsamen Sprache, die aus der romanischen langue d’Oc und arabischen Worten zusammengesetzt, auf beiden Seiten der östlichen Pyreneen, und mit einigen Abweichungen in den Balearen im Schwunge ist:

Sas atlotes,[5] tots es diumenges,
Quan no tenen res mes que fer,
Van a regar es claveller,
Dihent-li: Veu! jà que no menjes.
[6]

Nach einer Pause antwortete sie sich selbst:

Atlotes, filau! filau!
Que sa camya se riu;

[112]

Y sino l’apadasau,
No v’s arribar’a s’estiu!
[7]

Ein junger Isard-Jäger, seiner gewandten, kühnen Gestalt nach augenscheinlich ein Contrebandier, nahm ihr dann die Guitarre ab und sang mit lebhafter Accentuirung ein wildes Lied, dessen beständiger Refrain: „Las armas dos Catalans,“ unserem Wirthe nicht zu gefallen schien. Er sah ängstlich nach mir, ob ich wohl diesen kriegerischen Tönen einige Aufmerksamkeit schenke, weßhalb ich mich sogleich mit ihm in Conversation einließ und ihn mit anscheinender Gleichgültigkeit, doch mit klopfendem Herzen, um die Namen und Wohnorte meiner neuen Gäste fragte. Nachdem er eines Jeden uninteressante Familienverhältnisse weitläufig auseinander gesetzt, kam er zu den Letzten, und schon dachte ich Alles sei vergebens. „Der hier,“ [113] schloß er, „ist der beste Schütze der östlichen Pyreneen; er heißt Picutus,“ ich athmete auf, „nur Schade daß er taubstumm ist.“ Also doch nichts, dachte ich; „neben ihm,“ fuhr er fort, „sitzt sein Bruder, der alte Picutus, der wohnt in einem einsamen Hofe am Canigou; er ist ein verdächtiger Mensch, doch habe ich ihn einladen müssen, da er es sonst als Geringschätzung ausgelegt und sich gelegentlich an mir gerächt hätte.“ Nun war ich beruhigt, und ließ den Mann fortschwätzen, so viel er wollte. Nach einer Weile setzten auch wir uns zu Tische, und als bald darauf alle Isard-Jäger herantraten, mir für das Souper die Hand zu schütteln und mit mir anzustoßen, faßte ich meinen Mann scharf ins Auge. Niemand hätte den berüchtigten Schleichhändler in dieser einfach derben, eher einfältigen Figur gesucht. Picutus, dem Namen nach mir schon im Hoflager bekannt, war mir noch besonders von den französischen Legitimisten in Toulouse empfohlen worden. Er war der Einzige, der es unternahm größere Transporte von Waffen und Munitionen nach Catalonien zu schaffen. Warum Ferer ihn nicht nach Perpignan zu unserem Uebergange berufen, habe ich nie ergründen können. Gewiß [114] wären wir ohne Verlust beider Pferde und Kisten davon gekommen, denn auch diese haben wir nie mehr zu sehen bekommen. Ehe wir uns zurückzogen, gab ich Picutus unbemerkt ein Zeichen. Als Alles schlief, klopfte es leise an mein Fenster. Ich öffnete rasch und gewahrte zu meiner nicht geringen Verwunderung den alten Schmuggler, der auf dem Gesimse ruhig saß. Er hatte sich mit seinen Gefährten auf den Rasen vor dem Hause ausgestreckt, der mißtrauische Wirth das Haus verschlossen und Picutus war genöthigt gewesen an einer nahestehenden Pappel auf mein Fenster zu klettern. Unsere Lage hatte wirklich etwas Eigenthümliches und wer von der Schlucht aus hätte zusehen können, würde sie für das Stelldichein eines verliebten Abenteuers gehalten haben. Bald waren wir eins. Für 500 Franken nahm Picutus es auf sich, Herrn von Meding und mich sammt meinem Diener und unseren Effecten auf catalonischen Boden zu bringen, und auch mein drittes noch bei Perpignan stehendes Pferd über die Grenze zu schaffen. Ich wollte sogleich, und auf demselben Wege wie er, zum Fenster hinaus klettern. Doch war dies mit viel Schwierigkeiten verbunden, da [115] Herr von Meding ziemlich weit von mir, neben dem Offizier, und mein Diener im Erdgeschosse neben den Hausleuten schliefen, der geringste Lärm einer knarrenden Thüre aber das Gelingen des ganzen Unternehmens gefährden konnte. Ueberdies versicherte Picutus beobachtet zu haben, daß die drei einzigen halbwegs „kletterbaren“ (man vergebe mir den Ausdruck) Felsensteige durch Douaniers besetzt seien, deren Drei sich sogar auf das Dach eines Nebengebäudes des Badehauses gelagert hatten, um jeden Versuch einer nächtlichen Flucht sogleich erlauschen zu können. Picutus begehrte nur einen Brief an Ferer, damit mein Pferd ihm ausgeliefert werde. Ich schrieb beim Mondlichte einige Worte mit Bleistift, und Picutus verschwand in der Dunkelheit so geräuschlos als er gekommen war.

Am nächsten Morgen weckte mich der Wirth um fünf Uhr. Er war bereits reisefertig und sehr geschäftig alles zu ordnen. Wir tranken den Coup d’étrier und setzten uns auf Maulthiere. Vier von ihnen, mit Lebensmitteln zu ungeheuren Preisen beladen, zogen nach. Es versteht sich, daß der Wirth und Offizier mitritten. Die Jäger waren sämmtlich [116] mit langen, meist einfachen Flinten versehen, wie sie in Deutschland nur noch bei Teichjagden verwendet werden; mit geringer Ausnahme von alter, wohl auch mit Silber und Perlmutter verzierter Arbeit. Gegen neun Uhr hatten wir die Gebirgsscheide erreicht, wo an den entgegengesetzten Enden eines großen Plateaus die beiden Senkungen nach Spanien und Frankreich beginnen. Es war bedeutend kalt; auf diesen Höhen sprießt nur spärliches Gestripp, Lichen und Rhododendron zwischen ungeheuern, isolirten Basaltblöcken kümmerlich hervor. Am Fuße eines Felsenkegels machten wir Halt; unser Feuer störte an der Spitze nistende Raubvögel und bald erhoben sich majestätisch ein paar kolossale Königs-Adler, die uns krächzend umkreisten. Nach kurzer Rast ward aufgebrochen; ausgeschickte Jäger hatten auf einer Platte neun Isards gesehen. Nach einer Stunde konnten wir sie mit Hülfe eines Fernrohrs erblicken. Wir theilten uns und umgingen das Wild in weitem Kreise; noch waren wir lange nicht auf Schußweite gekommen, als die Isards uns bemerkten und schnell sich hebend, öfters Richtung wechselnd, uns zu entkommen trachteten. Plötzlich durchbrachen sie die Schützenlinie; [117] zwei Schüsse fielen und zwei starke Isardböcke stürzten in den Abgrund. Der eine ward durch Herrn von Meding erlegt, der andere durch einen alten Contrebandier aus der Cerdagne. Mit großer Mühe holten wir unsere Beute hervor; an Verfolgen der Uebrigen war natürlich nicht zu denken, da durch die Schüsse aufgeschreckt, alle Isards der Gegend weit geflohen waren. Es wurden noch ein Dutzend weißer Rebhühner und einige graue Hasen geschossen. Mitlerweile lagerten sich dicke, schwarze Wolken auf die Gipfel der Felsen und in die, mit Steingerölle bedeckten, kleinen Gebirgsthäler. Unsere Jäger kündigten einen starken Regenguß an, der Nachmittags auf diesen Höhen gewöhnlich einzutreffen pflegt. Das erlegte Wildprett ward eiligst auf die Maulthiere geladen und längs der Gebirgsscheide schnell, in allmählicher Senkung marschirt, bis wir ein weites, etwas tiefer gelegenes Plateau (El plan de campomagre) mit kurzem Gras dicht bewachsen, erreichten. Hier lehnten an Felsspalten fünfzehn bis zwanzig kleine, vier bis fünf Fuß hohe Baraken (hurdas), durch die Hirten der transhumirenden, spanischen Schafe aus Lehm und Stein aufgebaut; in deren Mitte eine Größere, [118] die Küchenbarake. Der einzige Bewohner dieses kleinen Dorfes war ein alter Hirt, der diese Baraken, mit den darin befindlichen Utensilien, während der Abwesenheit seiner Gefährten bewachte. Diese bringen mehrere Monate in Spanien zu und wechseln dann auf französisches Gebiet, wo ihre Heerden gegen eine kleine Abgabe weiden. Obschon denselben Abend eine große Heerde erwartet wurde, trat uns doch der alte Hirt einige Baraken ab, in denen wir, so gut es ging, uns zurecht machten, während in der Küchenbarake an mächtigem Feuer, am Holzspieße, eine Isardkeule briet und in dem einzigen, darüber hängenden Kessel Rebhühner und Hasen kochten. Wir wärmten uns, aßen aus großen, vom alten Hirt selbst geschnitzten Holzschüsseln und tranken in der Runde aus einem catalonischen Schlauche (bota), indem wir nach der Weise dieses Landes den engen Zapfen auf eine gewisse Entfernung vom Munde hielten und den Wein einsprützten. Das Mahl war bald vollendet; wir zogen uns in die Schlafbaraken zurück und traten die mittlere ihren rechtmäßigen Eigenthümern ab, die eben bei eintretender Dämmerung in großer Anzahl, ihren grauen Chef, Mayoral, an der Spitze, mit fünfzehntausend [119] Schafen, einigen hundert Kühen und Ziegen angezogen kamen. Die Hirte, bis über den Kopf in ihre weißen Mäntel gehüllt, aus denen die braunen, bärtigen Gesichter wild hervorblickten, in Felle gekleidet und mit langen Stangen bewaffnet, würden, ohne ihre schweren Holzschuhe, vollkommen Beduinen gleichen. Bald war um uns her das regste Leben. Das Vieh lagerte um die Baraken, und trotz unserer Müdigkeit ließ das Geschrei der Hirte, das Bellen der Wolfshunde und das Blöcken der Heerde uns noch lange keinen Schlaf finden.

Um ein Uhr Nachts hatte der Regen aufgehört; es war mondhell; alles um uns her ruhte. Da erhob sich der alte Picutus, lauschte ob alles ruhig sei, und kam uns still zu wecken. In kurzem schritten wir zwischen den schlafenden Hirten und Heerden schweigsam hinweg, nach der Gebirgsscheide hin, das Gewehr zur Hand, einer nach dem Andern. Uns folgten nur vier Schmuggler, die unser Gepäcke trugen. In der Ferne sahen wir einige Wachtfeuer lodern, um die sich einzelne Schatten bewegten. Wir bogen ihnen aus. Nach zwei Stunden kamen wir zu einer einzelnen Sennhütte, in einem auf dem französischen Gesenke [120] gelegenen kleinen, halbverborgenen Thale. Hier mußten wir den Tag über verweilen. Ich schickte einen Contrebandier zum nächsten catalonischen Posten, auf vier Lieues Entfernung, ins Thal von Rivas, den Commandanten von meiner Ankunft zu benachrichtigen, und ihm die nöthigen Andeutungen wegen meines Uebergangs zu geben. Dann legten wir uns zur Ruhe. Picutus schob einen Stein vom Fußboden und nahm aus einer unterirdischen Vorrathskammer ein zwölf Pfund schweres Brod, einen Laib Käse, ein paar geräucherte Schinken und einige Flaschen trinkbaren Weines. Nachmittags kam ein Schmuggler, den Picutus bei den Hirten zurückgelassen hatte, und brachte Nachricht von der Wuth unserer Wächter, als sie, Morgens aufgewacht, unsere Flucht gewahrten. Sie hatten sich nach langem Toben bequemen müssen nach la Preste zurückzukehren, von den andern Jägern, die übrigens an unserem Entwischen ganz unschuldig waren, noch derb verspottet. Nachts kam der nach Perpignan abgesandte Vertraute mit meinem Pferde. Er brachte einen langen Brief Ferer’s, worin unter andern unverschämten Forderungen er auch 200 Franken Bezahlung für Transport der von den Bauern aufgefangenen [121] zwei Pferde forderte, die er, als ohne Schuld seines Guiden durch Nationalgarden arretirt, angab.

Nachdem wir meinem müden Thiere etwas Ruhe gegönnt, brachen wir auf. Nach zwei Stunden überschritten wir von Neuem das Plateau und kamen zu einer Kuppe, die aus losem Gestein und Gerölle zu bestehen schien. Ueber die wurde geklettert, dann einen steilen Abhang hinab und einen Gemssteig hinauf, bis zu schwindelnder Höhe. Noch ein Abhang und wir waren in einem engen, doch langen Gebirgsthal. Als wir das andere Ende desselben erreichten, graute eben der Morgen; ein kleines Gebüsch lag vor uns; wir schritten daran vorbei. Da blitzten aus dem Gebüsche Gewehre und Bajonnete. Ein „Quien viva!“ ertönte; wir waren auf spanischem Boden. Es erhoben sich ein Dutzend Carabiniers von unserer Grenzwache (Resguardo). Ihr Chef Don Juan Trilla, Commandante de armas in dem Thale von Rivas, hatte mein Schreiben erhalten und harrte unserer Ankunft. Er versicherte mich bereits an unserem glücklichen Uebergange gezweifelt zu haben, da französischer Seits die Wachsamkeit verdoppelt worden, und der christinische Commandant der Festung Campredon einige hundert [122] Mann an der Grenze streifen ließ, uns zwischen französischen Douaniers und seinen Soldaten, wie in einem Netze, im Augenblicke des Uebergangs zu fangen oder gleichsam auf der That zu ertappen; eine angenehme Alternative, der wir glücklich entgangen waren.



  1. In Spanien gibt der Titel Herzog, Marquis oder Graf, die einzigen der Grandezza, (mit Ausnahme der Familie Rubielos und eine Branche von Pacheco, die gar keinen Titel, als Señor, führen und doch Granden sind) keinen Rang unter derselben. Daher Grafen, wie z. B. Parsent, aus dem Hause Ynfante de la Cerda, und Orgaz, aus dem Hause Crespy (siehe Gesänge des Cid) den Rang vor mehreren Herzogen [80] haben, da lediglich die Antiquität der Grandezza, das Datum des Kopfbedeckens (cobrar), da die Granden vor dem Könige ihr Haupt bedecken, den Rang verleiht. Daher geschieht es, daß viele, die Herzoge sind, diesen Titel einem mindern nachstellen und gewöhnlich nicht führen, besonders wenn er durch Heirathen (por las hembras) ererbt oder ein ausländischer (meist italienischer, der ehemals spanischen Provinzen) ist. So nennt sich z. B. der Chef des Hauses Toledo nur Marquis von Villafranca, obgleich er Herzog von Medina Sidonia (erheirathet) ist, sein nachgeborner Bruder und sein ältester Sohn die Titel als Herzoge von Bivona (in Neapel) und Fernandina (Sicilien) führen. Der einzige Unterschied der spanischen Herzoge vor den übrigen Adelsklassen besteht darin, daß sie alle Granden sind, viele Marquis und Grafen jedoch nur Titulos von Castilien. Die „Grandes estranjeros,“ fremde Familien, denen der König die Ehren-Grandezza verleiht, haben gar keinen Rang, und gehen auch neueren spanischen Granden nach. Hievon sind ausgenommen die Häuser Aremberg (wegen Arschott und Mark), Ligne, Croy und Merode, die als spanische Vasallen in den Niederlanden Granden wurden; doch gehören in diese Cathegorie viele französische Häuser, die seit Philipp V. die Grandezza erhielten, wie z. B. Montmorency, [81] Noailles, la Motte Houdancourt, Serrant, Esclignac, wie auch mehrere Oesterreicher, die von Kaiser Carl V. bis König Carl II. datiren, als Lamberg, Althann Khevenhüller, und in der neusten Zeit Metternich, so wie viele italienische Häuser. – Sowohl Carl V. als Königin Christine waren mit Verleihungen von Grandezzen sehr sparsam. Ersterer hat in Spanien nur drei ausgetheilt. Zumalacarregui ward nach seinem Tode zum Herzog de la Victoria erhoben, welchen Titel Espartéro, ohne Sieg, durch Königin Christine für sich nachäffen ließ. In dem posthumen Diplom Zumalacarregui’s heißt es, daß sein Eidam, Gemahl seiner ältesten Tochter, da er keinen Sohn hinterlassen, den Titel Herzog de la Victoria führen und den Namen Zumalacarregui dem seinen vorsetzen solle. Der Marquis von Val de Espina, Präsident der Junta von Biscaya und der Baron von Hervez, Sohn des, in Morella nach dem Tode Ferdinand VII. enthaupteten, ersten Carlisten-Chefs, letzterer als Graf von Samitier, sind die beiden andern durch Carl V. ernannten Granden.
  2. Pariente, als Grande, casas parientes: maisons cousines, nach der altfranzösischen Hofformel.
  3. In Paris gibt es höchstens ein hôtel aux armes de la ville de Paris, das sich in der rue de la Michodière unterfängt, das bürgerliche Schiff der Metropole gemalt zu zeigen; das hôtel de Montmorency auf dem Boulevard würde mit derlei heraldischen Velleitäten vor den Steinwürfen des Pöbels gewiß nicht sicher sein.
  4. Wenn ich mich bei Nennung der von uns in Frankreich verwendeten Personen oft auf Initialen beschränken muß, so geschieht dieß nicht aus Geheimnißsucht, sondern lediglich, weil die betreffenden Individuen sich meist in Lagen befinden, wo Nennung ihrer thätigen Theilnahme ihnen noch jetzt unangenehm sein könnte.
  5. Atlotes, im Singular Atlote, Mädchen, vom maurischen Worte aila, lella.
  6. Die Mädchen, alle Sonntage
    Wenn sie nichts mehr zu thun haben,
    Gehen die Nelken zu begießen,
    Sagen ihnen: Trinke, da du nicht ißt.
  7. Mädchen, spinnt! spinnt!
    Denn das Hemde lacht (zeigt Löcher),
    Und wenn ihr nicht einen Fleck einsetzt,
    Wird es nicht bis zum Sommer halten.

    Dieß mag die unpoetische, wörtliche Uebersetzung sein. Letztere Strophe enthält die Ermahnung der sorgsamen Mutter.