Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 7

Textdaten
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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 509-511
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient.
Von Claire von Glümer.
VII.

In London traf Wilhelmine Schröder-Devrient abermals mit ihrem Freunde und Kunstgenossen, Anton Haitzinger, zusammen, und wieder waren die Beiden berufen, die deutsche Musik in einigen ihrer besten Schöpfungen zur Geltung zu bringen. Besonders war es Fidelio, der Furore machte. Nur bei Paganini’s Concerten war der Zudrang des Publicums so groß, die Begeisterung so allgemein gewesen, wie bei Beethovens Oper und Wilhelminens Leonore. Außerdem gab sie Pamina, Rezia, Emmeline. Die Agathe wurde leider nicht von ihr, sondern von Madame de Meric gesungen.

In jeder ihrer Rollen wurde Wilhelmine mit Beifall überschüttet. Wer nur irgend auf Geschmack, Kunstsinn, Bildung Anspruch machen wollte, mußte die deutsche Künstlerin gehört haben. Eben so eifrig drängte sich die alte und junge Männerwelt um die schöne Frau. Die Aristokratie des Talentes, der Geburt und des Geldes war täglich in ihrem Salon vertreten; sie wurde mit Einladungen bestürmt – eine Soirée oder Matinée musicale ohne „Schröder-Devrient“, wie sie von den Engländern genannt wurde, war nicht mehr denkbar.

Aber diese Art von Erfolgen war es nicht, die Wilhelmine Schröder-Devrient befriedigen konnte. „Auf der Bühne fehlte mir das Bewußtsein, verstanden zu werden,“ schrieb sie; „ich wurde von dem größten Theile des Publicums doch nur angestaunt, wie eine fremdartige Erscheinung – und für die Gesellschaft war ich eben nur ein Spielzeug, für das sich zufällig die Mode entschieden hatte, das aber gewärtig sein mußte, im nächsten Moment bei Seite geschoben zu werden.“

Der Grund ihres Mißbehagens lag übrigens noch tiefer. Rahel Varnhagen beklagt sich einmal, „daß kein innerer, nur ein äußerer Charakter schützt vor angethaner Ehre.“ Auch Wilhelmine Schröder-Devrient gehörte zu den stolzen, selbstbewußten Naturen, die sich von solcher „angethanen Ehre“ in tiefster Seele verletzt fühlen. Wie selten sind aber die Vornehmen vornehm genug, um ihrem Verkehr mit denen, die sie sich untergeordnet glauben, den bitteren Beigeschmack der Herablassung zu nehmen!

Um die geselligen Zustände in England zu charakterisiren, erzählt Wilhelmine, die Pasta hätte sich eines Tages, als ihr die Ehre zu Theil wurde, bei der Herzogin von K..t zu singen, von den Damen der Gesellschaft durch eine dicke seidne Schnur getrennt gesehen, die in Tischhöhe quer durch den Musiksaal gezogen war. „Mir gegenüber hat man sich das nun zwar nie erlaubt,“ fügt Wilhelmine hinzu; „aber im Geist habe ich zwischen mir und den englischen Damen beständig eine solche Schranke gefühlt.“

„Man braucht übrigens nicht nach England zu gehen, um derartige Erfahrungen zu machen,“ fährt sie fort. „Ich habe in Deutschland in Hofconcerten gesungen, in denen die Kluft, die uns Künstler von dem hoch- und höchstgebornen Publicum trennt, eben so zart als sinnig dadurch angedeutet war, daß für uns einfache Rohrstühle dastanden, während unser erlauchtes Auditorium auf vergoldeten, weich gepolsterten Sesseln Platz nahm. Für uns Plebejer war das ja auch ganz in der Ordnung, aber unsere Atlas- und Sammet-Roben, die auf den harten Sitzen unbarmherzig zerdrückt wurden, hätten wohl einige Rücksichten verdient.“

Mit Ausnahme des häuslichen Comforts, nach dem sie sich häufig zurücksehnte, war Wilhelmine das englische Leben im Allgemeinen nicht zusagend. Das ganze Sein und Thun erschien ihr zu sehr in Formen eingezwängt, mit denen sie sich nicht befreunden konnte, mit denen sie sogar mehr als einmal in Conflict gerieth.

So z. B. hatte sie bald nach ihrer Ankunft eine Privatwohnung bezogen, in der sie sich sehr behaglich fühlte. Das Haus war still, die Einrichtung eben so geschmackvoll als bequem, und Alles bis ins kleinste Winkelchen von höchster Sauberkeit. Die Wirthin war eine sanfte, freundliche Frau, voll Aufmerksamkeit für ihre Hausbewohnerin; die Domestiken waren gut geschult – Wilhelmine wünschte sich Glück, dies hübsche, ruhige Daheim gefunden zu haben.

Alles ging gut bis zum Sonntage. Aber kaum hatte sich die Künstlerin, wie sie es gewöhnt war, nach dem Frühstück an den Flügel gesetzt, um ihre Uebungen zu singen, als das Stubenmädchen hereinkam und sie im Namen ihrer Wirthin ersuchte, „den Sabbath nicht durch Musik zu entheiligen.“

Zum Glück für das Mädchen war Wilhelmine so heiter gelaunt, daß sie die Sache von der humoristischen Seite nahm, Gehorsam versprach und auch sogleich den Flügel schloß. Aber was nun beginnen? Die Besuchstunde war noch nicht da; zu lesen hatte sie nichts; zum Ausgehn war das Wetter zu schlecht – sie nahm ihr Strickzeug zur Hand und setzte sich damit ans Fenster.

Ob an diesem heidnischen Beginnen eine fromme Nachbarin Aergerniß nahm und die Wirthin zum Einschreiten veranlaßte, oder ob die würdige Frau, von banger Ahnung getrieben, ihre Botin abermals sandte, hat nie ermittelt werden können. Gewiß ist, daß Wilhelmine kaum ein paar Nadeln abgestrickt hatte, als das Stubenmädchen wieder eintrat, die Stricknadeln einen Augenblick anstarrte, um stumm, wie sie gekommen war, wieder zu verschwinden. Wilhelmine wußte nicht, was sie aus der Scene machen sollte, aber die Erklärung kam nur zu bald. Die Wirthin erschien in feierlicher Haltung und eröffnete der erstaunten Künstlerin, sie [510] müsse, so leid es ihr thue, Madame Schröder-Devrient bitten, sich im Lauf der nächsten acht Tage eine andere Wohnung zu suchen; ihr Gewissen erlaube ihr nicht, in ihrem „christlichen Hause“ solche Sabbathschändung zu dulden. – Vergebens stellte ihr Wilhelmine vor, daß sie mit der englischen Sonntagsfeier ganz unbekannt gewesen wäre, daß sie nur gethan hätte, was in Deutschland allgemein geschähe. Die Engländerin blieb unerschütterlich – die singende, strickende Deutsche durfte keinen zweiten Sonntag in dem „christlichen Hause“ erleben.

Am allerpeinlichsten aber war für Wilhelmine das geringe Musikverständniß der Engländer. „Die große Menge,“ schreibt sie, „schwärmte für diesen oder jenen Componisten, für diesen oder jenen Sänger, nur weil es so Mode war. Jenes sich Hingeben an die Musik, das dem deutschen Volke in so hohem Maße eigen ist, war dort nur bei Einzelnen zu finden. War ein Künstler einmal Mode, so konnte er thun und lassen, was er wollte; so lange ihm die Mode zur Seite stand, war Alles recht und gut, und wenn die heilige Cäcilie selber vom Himmel herunter gestiegen wäre, sie hätte nicht wagen dürfen, sich mit ihm zu messen. Man that übrigens wohl, sich auf dies „Modesein“ nicht zu viel einzubilden, denn der Grund dazu war oft für den Künstler nichts weniger als schmeichelhaft. Ein Beweis dafür war Hummel. Er hatte schon in mehreren Concerten gespielt, ohne besonders beachtet zu werden; das eine Mal aber fiel es einer der tonangebenden Damen ein, während seines Spieles aufzustehn, um die Bewegungen seiner Hände zu beobachten – und nun schien ihr plötzlich die Musik verständlich zu werden. Ein steigendes Entzücken malte sich in ihren Zügen – endlich brach sie in die bewundernden Worte aus: „O der Triller, der Triller, und noch dazu mit der linken Hand!“ Wie eine Losung flogen die Worte von Mund zu Mund; alle Damen standen auf, Hummels Spiel zu – betrachten; als er zu Ende gekommen war, brach von allen Seiten donnernder Beifall aus, und von Stund’ an war er der erklärte Liebling der Londoner „musikalischen“ Welt.“

„Auch ich habe Gelegenheit gehabt, gar eigenthümliche Erfahrungen zu machen,“ fährt Wilhelmine fort. „Als ich zum ersten Mal in einer großen Privatgesellschaft singen wollte, machte mir ein berühmter deutscher Künstler, der mich accompagnirte, den Vorschlag, einen Strauß’schen Walzer zu wählen. „Das kann nicht Ihr Ernst sein!“ rief ich halb bestürzt, halb unwillig. Der Künstler lachte. „Ich sehe,“ sagte er, „daß Sie das hiesige Publicum nicht kennen und in allerlei Illusionen befangen sind. Singen Sie, was Sie wollen: die Cavatine aus der Euryanthe oder „Du, Du liegst mir im Herzen,“ die große Arie aus Fidelio oder „Und als der Großvater die Großmutter nahm“ – immer wird Ihr Gesang nur die Begleitung zu der lebhaften Unterhaltung sein, die mit den ersten Tönen der Musik beginnt. Hören Sie aber auf zu singen, so stockt jedes Gespräch und der rauschendste Applaus wird Ihnen zu Theil.“ Ich hielt diese Worte für einen Scherz – noch dazu für einen schlechten. Aber ich habe mich vom ersten bis zum letzten Liede, das ich in englischen Gesellschaften gesungen habe, von ihrer Wahrheit überzeugen müssen.“

Trotz dieser Erfahrungen und Enttäuschungen konnte sich Wilhelmine Schröder-Devrient dem berauschenden Einfluß nicht entziehen, der in dem Bewußtsein liegt, inmitten der gewaltigen Strömung des Londoner Lebens, wenn auch nur auf Augenblicke, aufzutauchen und zum Mittelpunkte zu werden, dem sich Hunderttausende in Bewunderung zuwenden. – Dieser Zauber bewog sie denn auch, im Mai 1833 abermals nach London zu gehen, obwohl sie das Jahr zuvor die contractlich zugesicherte Gage nicht erhalten hatte.

Das zweite Londoner Engagement – wieder bei der deutschen Oper und für die Dauer der Saison – schloß Wilhelmine mit Mr. Bunn, Director des Theaters von Drury Lane. Ihr Repertoir sollte folgende Opern umfassen: Fidelio, – Freischütz, – Euryanthe, – Oberon, – Iphigenie, – Vestalin, – Zauberflöte, – Jessonda, – Templer und Jüdin, – Blaubart, – Libella, – Wasserträger – viele derselben kamen aber nicht zur Aufführung. Sie verpflichtete sich, 25 Mal aufzutreten, und sollte für jede Vorstellung 40 L. St. erhalten. Außerdem wurde ihr ein Benefiz bewilligt, wogegen sie eine Abschiedsvorstellung zum Besten der Direction geben sollte.

Das Jahr zuvor war die Zauberflöte zum ersten Mal in London gegeben, dies Mal lernten die Engländer Jessonda und Euryanthe kennen, und letztere besonders erregte das höchste Entzücken. In derselben Stadt, wo Carl Maria von Weber vor kaum sieben Jahren verkannt und verlassen sterben mußte, war er jetzt der erklärte Liebling aller Stände, und nur der Erfolg der „Teufelsbrücke“ – einer englischen Posse, worin die Malibran spielte – kam dem seiner Opern gleich. Mr. Bunn hatte nämlich neben der deutschen auch eine englische Oper, bei welcher die Malibran engagirt war, und da er den Geschmack seiner Landsleute kannte, ließ er die beiden Gesellschaften einen Abend um den andern spielen, oder auch – um Jedem, der sein Theater besuchte, gerecht zu werden – nach dem Fidelio, dem Freischütz, der Euryanthe die beliebte Teufelsbrücke folgen. Marie Malibran hatte wieder den Schmerz, sich die deutsche Künstlerin an die Seite gestellt zu sehen und allgemein – in der Gesellschaft, wie in der Presse – das Urtheil zu hören, daß ihr Wilhelmine Schröder-Devrient zum Mindesten ebenbürtig wäre. „Freilich,“ – setzten die Freunde der Malibran hinzu – „ist Schröder-Devrients Talent nicht so vielseitig, wie das der italienischen Sängerin. Die deutsche kann nur die Priesterin der ernsten deutschen Muse sein; kann nur Spohrs, Webers, Beethovens Melodien singen. Mit Bellini würde sie nichts anzufangen wissen.“

Diesen Irrthum sollte Wilhelmine Schröder-Devrient -– wenn auch erst vier Jahre später – auf’s Glänzendste widerlegen. Zur Saison 1837 ging sie zum dritten Mal nach London, diesmal zu der englischen Oper, die Bunn für die beiden Theater Covcnt-Garden und Drury-Lane engagirt hatte. Wilhelmine debütirte wieder als Fidelio, den sie jetzt aber in einer schlechten englischen Uebersetzung singen mußte. (Auch den Freischütz, die Euryanthe, die Zauberflöte und andere deutsche Opern hatte Bunn in ähnlicher Weise zurechtmachen lassen.) Das Publicum sah Wilhelminens Auftreten in großer Spannung entgegen; man fürchtete allgemein, daß sie die fremde Sprache nicht genug in der Gewalt haben würde. Bei den ersten Worten, die Fidelio spricht, ließ sich auch der fremde Accent und eine gewisse Aengstlichkeit nicht verkennen, aber als die Künstlerin zu singen begann, wurde die Aussprache sicherer, correcter, und am folgenden Tage erklärten die englischen Blätter einstimmig, Schröder-Devrient hätte noch nie so entzückend gesungen, wie in diesem Jahre. „Anfangs verursachte ihr die fremde Sprache einige Schwierigkeiten,“ heißt es in einem dieser Journale, – „aber sie hat dieselben vollständig besiegt und beweist uns, daß die englische Sprache der deutschen an Wohllaut in demselben Maße überlegen ist, wie das Englische wieder von dem Italienischen übertroffen wird.“ – Wilhelmine war nicht ganz dieser Meinung!

Nach dem Fidelio folgten nun: die Vestalin, Norma und Romeo, und für jede dieser Rollen wurde der Künstlerin enthusiastischer Dank zu Theil. Aber als die Zeitungen verkündigten, daß sie auch als Sonnambula auftreten würde, ließen sich von allen Seiten zweifelnde, beinah tadelnde Stimmen hören. Die Sonnambula war eine Hauptrolle der unvergeßlichen Malibran gewesen – wer durfte es wagen, sie nach ihr zu singen? Dennoch errang Wilhelmine auch in dieser Partie den entschiedensten Triumph. Ihre Amine, das war das allgemeine Urtheil, überträfe alle ihre Vorgängerinnen an Schönheit, Wahrheit und Wärme.

Aber während die Künstlerin vom Publicum mit Beweisen der Zuneigung und Bewunderung überhäuft wurde, bereitete ihr der Director Bunn tausendfältigen Verdruß. Der erste Grund zu Mißhelligkeiten war, daß er seine pecuniären Verpflichtungen nicht erfüllte, auf der andern Seite aber die übertriebensten Anforderungen machte. Wilhelmine brauchte wöchentlich zwar nur zwei Mal, höchstens drei Mal aufzutreten, dann hatte sie jedoch die Aufgabe, erst z. B. den Fidelio zu singen, dann kam ein Zwischenspiel oder Ballet, das ihr Zeit gab, sich etwas zu erholen, und zum Schluß sang sie dann noch den letzten Act aus den Capuletti; oder der Abend begann mit der Norma, um mit dem zweiten Act des Fidelio zu schließen; oder es standen gleich drei Bruchstücke verschiedener Opern auf dem Repertoir. Dazu kamen Virtuosenconcerte, Concerte für wohlthätige Zwecke, Matinées und Soiréen in Privatkreisen, denen die Künstlerin ihre Mitwirkung nicht versagen konnte, bis sie endlich der Anstrengung erlag. Sie wurde ernstlich krank, und nun offenbarte sich Bunn’s Charakter in seiner ganzen Rohheit. Er bestürmte die kranke, schutzlose Frau mit Anforderungen, die sich bis zu Drohungen steigerten. Einmal ging er soweit, daß er in das Zimmer der Kranken eindrang, um sie mit Gewalt auf die Bühne zu schleppen. „Daß sie nicht singen könne, [511] sähe er wohl,“ versicherte der Ehrenmann ein Mal über das andere – „das wolle er denn auch gar nicht verlangen. Sie solle sich nur einen Augenblick im Costüm vor dem Publicum zeigen, dann könne er „wegen plötzlich eingetretenen Unwohlseins der Sängerin“ ein anderes Stück einschieben und hätte die Einnahme gerettet.“

Dem energischen Einschreiten des Arztes gelang es, Wilhelminen für diesmal von dem Unverschämten zu befreien, aber durch sein wiederholtes Drängen ließ sie sich verleiten, wieder aufzutreten, als sie kaum zur Hälfte genesen war. Als der Vorhang zum letzten Male fiel – sie hatte erst Fidelio, dann den zweiten Act der Sonnambula gesungen – sank sie ohnmächtig zusammen und kehrte erst nach zwei Stunden zum Bewußtsein zurück.

Zum Glück war das Ende der schweren Zeit nicht mehr fern, und die Hoffnung auf baldige Erlösung gab Wilhelminen Kraft. Sie genas, trat noch ein paar Mal auf, gab ihre Abschiedsvorstellung und wartete, um abzureisen, nur noch auf die Auszahlung der ihr versprochenen Summe – als sich Mr. Bunn banquerott erklärte. Die öffentliche Meinung sprach sich ganz entschieden gegen ihn aus; die Zeitungen rechneten ihm die enormen Einnahmen nach, die ihm Wilhelmine Schröder-Devrient sowohl, wie die Taglioni, die zu derselben Zeit bei ihm engagirt war, verschafft hatte – es war umsonst; die betrogenen Künstlerinnen konnten nichts gegen ihn ausrichten und mußten abreisen, ohne auch nur einen Theil der Gage zu erhalten.

Körperlich und geistig müde kam Wilhelmine nach Deutschland zurück. Sie hätte der größten Ruhe bedurft, konnte sie sich aber nicht gönnen, da ihr die Früchte ihrer letzten, übergroßen Anstrengungen verloren gegangen waren. Gleich nachdem sie in Hamburg angekommen war, trat sie ein Gastspiel an; mit welchen Empfindungen und Befürchtungen, spricht sie in einem Briefe an einen deutschen Freund in London aus. Sie schreibt:

„Mein lieber Freund! Zürnen Sie mir nicht über mein langes Schweigen, was Sie allerdings befremden und beängstigen muß. Sie wissen ja aber, wie es geht, wenn man beschäftigt ist. Gern würde ich Ihnen ausführlich schreiben, erlaubte es meine Zeit und meine hypochondrische Stimmung, denn Sie mögen wissen, daß ich ganz elend bin! Morgen reise ich ab, Gott sei Dank, und denke in längstens acht Tagen in Dresden zu sein. Hier haben Sie fast dieselben Worte wie in Weber’s letztem Brief, und aus Grund meines Herzens wünsche ich mir ein gleiches Loos.[1] Ich wollte, ich stände morgen nicht mehr auf. Ich glaube auch, daß ich mich nie wieder ganz erholen werde; ich schwinde mit jedem Tage mehr dahin und werde so hinsiechen, bis meine Kräfte gänzlich gebrochen sind. Die hiesigen Aerzte haben mir ein verändertes Klima angerathen. Ich soll den Winter in Italien zubringen; vielleicht erlange ich den nöthigen Urlaub, denn für die Bühne bin ich doch für längere Zeit verloren. Ich habe hier mit dem Aufwand meiner letzten Kräfte vier Mal gesungen. Heute war Norma, und mit dem letzten Lebewohl, was ich zu singen hatte, schien es mir, als wenn ich meinen Schwanengesang vollendet hätte. Ich habe mir doch wohl durch übermäßige Anstrengung die Schwindsucht zugezogen und sehe nun einer Zeit voll Kummer und Noth entgegen. Gott gebe mir Kraft, denn ich muß mich ja für meine Kinder erhalten. Sein Wille geschehe! Leben Sie wohl.“

Wilhelminens Befürchtungen gingen nicht in Erfüllung. Ihre kräftige Natur überwand die Krankheit nach kurzer Ruhe; als sie im October ihre künstlerische Thätigkeit in Dresden wieder aufnahm, war ihre Stimme schöner, ihre Darstellung gewaltiger als je zuvor. Mit neuer Lust vertiefte sie sich in dramatische und musikalische Studien und gab die Reise nach Italien auf – wie sie hoffte, bis auf spätere Zeiten. Aber wie Schiller und Jean Paul ist sie gestorben, ohne das Land ihrer Sehnsucht zu sehen.

Ungleich erquicklicher als die Reisen in’s Ausland, wenn auch weniger ruhmbringend im gewöhnlichen Sinne des Wortes, war Wilhelminens künstlerische Wirksamkeit in Dresden, wohin sie immer wieder zurückkehrte, sowie ihr Gastspiel in den bedeutendsten Städten Deutschlands. Bald sehen wir sie in Berlin, bald in Hamburg, dann wieder in Leipzig, in Wien, in München, in Hannover. Von Braunschweig geht sie nach Breslau, von Breslau nach Nürnberg.

Im Frühjahr 1835 faßte sie zum ersten Mal den Plan nach Italien zu gehen, nahm auf 5/4 Jahr Urlaub, änderte aber plötzlich ihren Entschluß und blieb längere Zeit in Baiern und Oesterreich, besonders in Wien, wo sie mit Enthusiasmus aufgenommen wurde. Auch nach Pesth und Prag wurde sie berufen, und als sie im September 1836 nach Dresden zurückkam, durfte sie sich sagen, daß ihr Hunderttausende die höchsten Kunstgenüsse verdankten, daß ihr Name von der Nordsee bis zu den Alpen, vom Rhein bis zur Oder mit Begeisterung genannt wurde. Ihr Kommen wurde überall wie ein Freudenfest gefeiert; wenn sie ging, herrschte allgemeine Betrübniß, und wie viel sehnsüchtige Grüße mögen die sichtbaren Liebesbeweise – die zahlreichen Kränze und Gedichte – begleitet haben, die sie mit heim nahm! Unter den Kränzen war ihr der Lorbeerkranz besonders werth, den ihr die Studenten in Breslau nach einer Serenade überreicht hatten. „Ich war so ergriffen, als ich ihn erhielt,“ erzählte sie, „daß ich nicht im Stande war, auch nur ein Wort des Dankes zu sagen. Die Thränen stürzten mir aus den Augen. Es lag etwas Entzückendes in dem Bewußtsein, alle diese jungen Herzen begeistert zu haben – ich empfand wieder einmal ganz das Glück des Künstlers.“ Unter den poetischen Gaben war ihr Liebling ein längeres Gedicht von Heinrich Laube. Sie hatte dasselbe nach einem Gastspiel in Leipzig erhalten, wo sie als Fidelio, Romeo und Desdemona aufgetreten war. Es schließt mit den Versen:

„William Shakespeare war ihr Vater,
William Shakespeare sandte sie –
Auf den Lippen, auf den Wimpern
Trug sie seine Poesie.

Als sie ging, war Alles stille,
Jedes Herz sprach leis: ade!
Poesie ist stetes Scheiden,
Wie ihr Glück ist groß ihr Weh.

Und sie ging – die Menschen aber
Schlossen’s in ihr Herz hinein:
Ist der Himmel noch so ferne,
Schickt er doch die Boten heim.

Dieses Weib, des Dichters Tochter,
Sang uns ihre Seel’ in’s Herz.
Geht sie auch – es bleibt uns ewig
Ihres Tones Himmelsschmerz.“

Wie jede echte Künstlernatur wurde auch Wilhelmine Schröder-Devrient durch jeden Triumph, den sie feierte, zum Weiterstreben getrieben. Einige ihrer bedeutendsten Gestalten hat sie in dieser unruhvollen Zeit geschaffen: Desdemona 1831, Romeo 1833, Norma 1835, Valentine 1838. Ueberhaupt hat die Künstlerin von 1828 bis 1838 siebenunddreißig neue Opern einstudirt.



  1. Der Brief Karl Maria’s von Weber, auf den sich Wilhelmine hicr bezieht, beginnt mit den Worten: „Ich bin ganz elend, Mittwoch reise ich ab. Gott sei Dank –“ Die Abreise verzögerte sich, und der Künstler starb in London.