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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 302-304
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[302]
Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient.
Von Claire von Glümer.
V.

In ihren musikalischm Studien war Wilhelmine Schröder-Devrient sehr gewissenhaft. Jeden Morgen sang sie die Tonleiter und einige der Bordogni’schen Solseggien. Sie war längst eine Künstlerin von europäischem Ruf, als sie noch immer Musikstunden nahm, und so lange der alte, berühmte Gesanglehrer Mieksch – ein Schüler Bernacchis – in Dresden lebte, kehrte sie nach jeder Kunstreise unter sein despotisches Scepter zurück.

Diese Kunstreisen hatten Wilhelminen schon in den zwanziger Jahren von Königsberg bis an den Rhein geführt; in Berlin hatte sie verschiedene Mal gastirt; in München, in Frankfurt a. M., in vielen kleinern Städten, die auf ihrem Wege lagen, hatte sie gesungen und überall den höchsten Enthusiasmus erregt.

An den Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, hatte sie eine herzliche Freude und sie gab dieselbe in so liebenswürdiger Weise zu erkennen, daß sich fast überall zwischen ihr und dem Publicum eine Art von Freundschaftsverhältniß bildete. Dabei kam es oft zu den drolligsten Scenen, und noch in der letzten Zeit erzählte die Künstlerin mit vielem Humor von derartigen Auftritten.

So z. B. von einem Abend in Königsberg, wo sie gleich nach ihrer Verheirathung gastirte. Sie gab die Frau von Schlingen in den Wienern in Berlin und sang ein eingelegtes Liedchen in Wiener Mundart, eine Klage des Heimwehs, die alle Zuhörer tief ergriff. Als der letzte Ton verklang, saß die Menge in athemlosem Schweigen, aber plötzlich erhebt sich im Sperrsitz ein alter Herr und bittet mit flehend erhobenen Händen, Madame Devrient möge ihm den einzigen Wunsch gewähren, ihm eine Abschrift dieses Liedchens zu geben, – worauf sich von allen Seilen dasselbe Verlangen in lauten Ausrufungen aussprach. Die Sängerin stutzte – aber nur einen Augenblick, dann trat sie lächelnd an die Lampen und erwiderte, es thäte ihr leid, daß sie diesen Wunsch nicht erfüllen dürfe; sie hätte dem Dichter versprochen, keine Abschrift des Gedichts zu geben. „Aber Sie werden das Liebchen wohl öfter von mir hören,“ fuhr sie schalkhaft fort; „und wenn Sie es dann nachschreiben wollen ….“ Da capo! Da capo! fiel die Menge jubelnd ein; die Herren griffen zu Bleistift und Brieftasche – Wilhelmine sang, und am folgenden Morgen coursirte das Lied in der ganzen Stadt.

Zu diesen heitern Erinnerungen gehörte auch eine poetische Epistel, die der Künstlerin während eines Gastspiels in Leipzig von zwei Studenten zugeschickt wurde. Die jungen Musensöhne schildern darin auf’s Beweglichste ihre Sehnsucht, Frau Schröder-Devrient als Fidelio zu sehen, und schließen mit den Worten:

„Da Du, der Töne Zauberkönigin,
Erst heut’ in unsre Stadt gezogen,
Und das Semester nun zum Ende hin,
Wo Vaters Wechsel längst verflogen,
So bitten wir – zwei Musensöhne –
Vasallen auch im Reich der Töne,
Uns heute einmal zu beglücken
Und zwei Parterre-Billets zu schickcn.
Es bleibt Dir unser heißer Dank
Nicht heute nur, nein lebenslang!“

Daß die Bitte erfüllt wurde, braucht kaum gesagt zu werden. Die wunderlichste aller Huldigungen aber wurde der berühmten Frau von einem Ungar zu Theil, der ihr in höchster Begeisterung zuruft:

„Wo nimmst Du denn her diese Zauberbewegung,
      Mit der Du das Auge berückst?
Wo nimmst Du denn her die Gewalten der Töne,
      Mit denen das Ohr Du bestrickst?
Stehn Dir zu Gebote verdoppelte Glieder.
      Und singst Du mit vielfachen Zungen die Lieder?“

Am meisten freute sich Wilhelmine über die Liebesbeweise, die sie vom Volke empfing. Es that ihr wohl, wenn ein Arbeiter mit den Worten: „das ist ja unsre Schröder-Devrient!“ die Mütze vor ihr zog; oder wenn sie bemerkte, daß sich die Marktweiber anstießen und ihren Namen nannten, wenn sie vorüber ging, und ganz glücklich war sie über eine alte Leinwandverkäuferin, die ihr – als sie das letzte Mal nach beinah zehnjähriger Abwesenheit nach Dresden zurück kam – auf offenem Markt mit den Worten: „Ach! meine beste Madame Devrient, sind Sie denn wieder da?“ um den Hals fiel. „Das ist mein Stolz, daß ich im Herzen des Volkes stecke,“ pflegte sie zu sagen.

Das war wirklich der Fall und wird es wohl noch lange sein, denn das Volk hat ein treues Gedächtniß für seine Freunde. Als die Künstlerin von der Bühne scheiden wollte, weiß ich, daß ein Zimmermann, der als Maschinist im Theater beschäftigt war, sein fünfjähriges Töchterchen mit in die Probe nahm, damit das Kind doch einmal die Schröder-Devrient sehen sollte. „Paß auf und sieh Dir diese Frau recht ordentlich an,“ sagte er zu der Kleinen; „die Andern kannst Du alle vergessen, aber diese nicht, das ist die Schröder-Devrient.“

Im Frühjahr 1830 erhielt die Künstlerin einen Ruf nach Paris, das heißt, sie wurde auf zwei Monate von der Direction der italienischen Oper engagirt, die eine deutsche Truppe aus Aachen kommen ließ und für die ersten Tenorpartien den berühmten Anton Haitzinger gewann. Mit stolzer Freude unterschrieb Wilhelmine den Contract, dessen Bedingungen ebenso glänzend als ehrenvoll waren, aber je näher die Abreise heranrückte, um so schwerer fühlte sie sich von der Größe der übernommenen Verpflichtung bedrückt. „Ich hatte nicht allein meinen eigenen Ruf, ich hatte die deutsche Musik zu vertreten,“ schrieb sie; „wenn die Künstlerin nicht gefiel, so mußten Mozart, Beethoven, Weber darunter leiden. Bei diesem Gedanken überfiel mich eine solche Angst, daß ich mehr als einmal im Begriff war, Alles daran zu setzen, um den Contract wieder rückgängig zu machen.“

Es kamen aber auch Stunden, wo sie sich der Größe ihrer Aufgabe freute und wo das Gefühl der eignen Kraft mächtig genug wurde, alle Besorgnisse zu überwinden. „Nicht wahr, ich bin eine Künstlerin – ich darf mich in den Kampf wagen?“ sagte sie dann zu den Freunden, die ihr in den Stunden der Muthlosigkeit vergebens zuzureden suchten. Nach und nach befestigte sich aber in ihr die Ueberzeugung, daß gerade sie zur Prophetin deutscher Kunst berufen wäre, und so trat sie in gehobner Stimmung die Reise an.

Unterwegs verweilte sie in Weimar, wo sie das Publicum, dem sie bekannt und lieb war, durch einige Gastrollen entzückte. Der achtzigjährige Goethe, der seit seiner Entlassung als Intendant – 1817 – das Theater nicht mehr betrat, wünschte die Künstlerin zu hören, deren Lob ihm von allen Seiten mit Begeisterung verkündigt wurde. Er lud sie ein, ihn zu besuchen, und sie sang ihm einige Lieder vor, denen der alte Herr mit steigendem Interesse lauschte. Ueber Stimme und Vortrag der Sängerin sprach er sich anerkennend aus – der höchste Triumph vielleicht, den Wilhelmine je errungen hat, denn Goethe hatte sich längst gewöhnt, das Gute und Schöne nur in der Vergangenheit zu finden. Zur Erinnerung an dies einzige Zusammensein mit dem großen Manne bewahrte Wilhelmine in ihrem Album ein Blatt von seiner Hand. . Ein aufsteigender Adler, der eine goldene Lyra in den Fängen trägt, ist darauf gemalt, und darunter steht in herrlichen, festen Schriftzügen:

„Guter Adler, nicht in’s Weite,
Mit der Leyer nicht nach oben!
Unsre Sängerin begleite,
Daß wir Euch zusammen loben.“

Weimar, 24. April 1830.   Goethe.

Sobald Wilhelmine in Paris angekommen war, begannen die Proben, und schon am 6. Mai debütirte sie als Agathe. Das Haus war zum Erdrücken voll; die Menge sah in lautloser Erwartung der Oper – und der Künstlerin entgegen, von deren Schönheit das Gerücht Wunderdinge erzählte. Mit großer Befangenheit trat Wilhelmine auf. Aber gleich nach dem Duett mit Aennchen wurde sie durch lauten Beifall ermuthigt; als die große Scene am Fenster begann, hatte sie sich vollständig in der Gewalt – sie war wieder einmal, wie Weber gesagt hatte, „die erste Agathe der Welt“, und das Entzücken des Publicums sprach sich so stürmisch aus, daß die Künstlerin vier Mal aufhören mußte zu singen, weil sie das Orchester nicht mehr hörte. Am Schluß des Actes wurde sie im vollen Sinn des Wortes mit Blumen überschüttet, [303] und denselben Abend brachten ihr ihre Bewunderer eine Serenade. – Paris hatte die deutsche Sängerin anerkannt!

Es schien kaum möglich, daß sich nach diesem glänzenden Debüt der Enthusiasmus des Pariser Publicums steigern könnte – und doch war es so. Fidelio besonders erregte einen Sturm des Entzückens. Die verschiedenen Ouvertüren, die Beethoven zu seiner Leonore geschrieben hat, wurden längst in den Concerten des Conservatoire mit unnachahmlicher Meisterschaft vorgetragen, aber die Oper lernte Paris erst durch Wilhelmine Schröder-Devrient in voller Schönheit kennen. „Seht diese Frau, die der Himmel eigens dazu gemacht zu haben scheint, Beethovens Fidelio zu sein!“ ruft einer der französischen Berichterstatter aus. „Sie singt nicht, wie andere Künstler singen; sie spricht nicht, wie wir es gewöhnt sind; ihr Spiel ist den Regeln der Kunst durchaus nicht angemessen – es ist, als wüßte sie gar nicht, daß sie auf einer Bühne steht! Sie singt mit der Seele noch mehr als mit der Stimme, ihre Töne kommen aus dem Herzen mehr als aus der Kehle … sie vergißt das Publicum, sie vergißt sich selbst, um ganz in dem Wesen aufzugehn, das sie darstellt.“ – Der Eindruck war ein so gewaltiger, daß, obwohl nur Haitzinger und der Chor Wilhelminen würdig zur Seite standen, nach dem Schluß des Stücks der Vorhang wieder aufgezogen und das Finale wiederholt werden mußte – was bis dahin noch niemals vorgekommen war.

Neben ihrer künstlerischen Thätigkeit – die deutsche Gesellschaft gab außer den beiden schon genannten Opern: Euryanthe, Oberon, die Schweizerfamilie, die Vestalin, und die Entführung aus dem Serail – wurde Wilhelmine durch das Pariser Leben vielfach in Anspruch genommen. Sie kam mit vielen ausgezeichneten Persönlichkeiten zusammen; die anmuthigen Formen der französischen Geselligkeit thaten ihr wohl; die Kunstschätze der Pariser Sammlungen erschlossen ihr eine neue Welt – ihr Gesichtskreis erweiterte sich in jeder Richtung. Aber während sie das Fremde unbefangen auf sich wirken ließ, und alles Gute und Schöne freudig anerkannte, wuchs und erstarkte in ihr die Liebe für deutsches Leben, deutsche Kunst. „Was wir an unserer Musik haben, ist mir erst damals recht klar geworben.“ sagte sie, „und wenn mich die Franzosen auch noch so enthusiastisch aufnahmen – wohlthuender war mir immer der Beifall eines deutschen Publicums, von dem ich mich verstanden wußte, während bei den Franzosen vor allem die Mode entscheidet.“

Die deutsche Oper war zur ungünstigsten Zeit nach Paris gekommen; die Julirevolution war im Anzuge. Schon verkündigten einzelne Sturmvögel den Ausbruch des Ungewitters, und die politischen Interessen drängten mehr und mehr alles Andere in den Hintergrund. Der Abschied Wilhelminens wurde darum nicht so allgemein beachtet und beklagt, wie der ihrer Vorgängerin, Henriette Sontag, die Paris im Januar verlassen hatte. Nur die Musikverständigen und die ihr persönlich Befreundeten fühlten die Lücke, die sie zurückließ, und ihr selbst war Paris so lieb geworden, daß sie von Herzen in den Abschiedsgruß: „Auf Wiedersehen!“ einstimmte.

Wilhelmine kehrte nach Deutschland zurück; den Rest ihres Urlaubes, der bis zum October währte, benutzte sie zu kleinen Erholungsreisen und Besuchen bei Freunden. Auch ihren Bruder, Wilhelm Smets, suchte sie auf. Er war damals Pfarrer zu Hersel am Rhein, ein stiller Gelehrter, der jeden Augenblick, den ihm die Amtsgeschäfte übrig ließen, den Büchern widmete. Um so größer war darum auch das Erstaunen seiner Pfarrkinder, als in den ersten Septembertagen eine Extrapostchaise durch die Dorfgasse rasselte und vor dem Pfarrhause hielt, wo die unzähligen Koffer und Hutschachteln, womit der Wagen bepackt war, abgeladen wurden. Das Erstaunen wuchs, als bald darauf eine schöne, junge Frau mit blonden Locken am Arme des hcchwürdigen Herrn erschien, um Dorf und Umgegend in Augenschein zu nehmen.

Im Pfarrhause war nun für einige Tage ein gar fremdartiges Leben. Vom Morgen bis zum Abend hörte man darin singen, lachen, hin- und herlaufen, und das schöne Gesicht der fremden Frau war bald an diesem, bald an jenem Fenster zu sehen. Von Alt und Jung wurde der Zaun des Pfarrgartens belagert, denn Jeder war begierig, einen Gruß der freundlichen blauen Augen zu bekommen oder die Lieder der Fremden zu hören, die bald lustiger waren, als der lustigste Tanz, bald so traurig, daß dem Lauschenden das Herz still stand und daß ihm Thränen in die Augen stiegen.

So kam die Kirchweih heran, – ein Tag, von dem man noch heute in Hersel erzählen hört, denn Wilhelmine Schröder-Devrient war mitten unter den Fröhlichen, tanzte mit den Bauermädchen um die Wette, sang Volkslieder und österreichische Schnaderhüpfeln, und als das ländliche Orchester einen besonders feierlichen Walzer anstimmte, umfaßte sie ihren hochwürdigen Herrn Bruder, zog ihn trotz seines Sträubens in die Reihen der Tanzenden und ließ ihn nicht los, bis der Walzer zu Ende war. – Aber auch die fröhlichen Tage gingen zu Ende. Der Reisewagen wurde wieder bepackt, der Pfarrer nahm Abschied von der Schwester, und in Hersel kehrte Alles in’s alte Gleis zurück. Im Pfarrhause war es todesstill; die neugierige Jugend drängte sich nicht mehr um den Gartenzaun; der Pfarrer saß wieder wie sonst einsam bei seinen Büchern – aber der Name der Entfernten wurde lange noch, besonders von den Armen, mit Liebe genannt, denn auch hier hatte sie – wie das immer ihre Art war – die Hungrigen gespeist und die Nackenden gekleidet. Und auch sie erinnerte sich gern der Idylle des Pfarrhauses.

Nach dem unruhvollen Leben der letzten Monate hatte ihr das stille Dorf unsäglich wohl gethan, und vor Allem hatte sie das Zusammensein mit dem treuen brüderlichen Freunde erquickt, dessen Namen sie nie ohne Rührung nannte. Als sie, nach Dresden zurückgekehrt, ihre Sachen ordnete und zufällig das Album aufschlug, fand sie neben Goethe’s Versen ein Blatt, worauf der Bruder geschrieben hatte:

„Wenn den Adler schützend auf der Reise
Goethe heißet mit Dir zieh’n,
Steht er mir an, daß den Herrn ich preise,
Der Dir himmlischen Gesang verlieh’n,
Der Dich, Schwester Sängerin, begleite,
Huldvoll lenkend Deines Lebens Stern.
Zögst Du dann auch in die weitste Weite,
Stets vereint sind wir im Geist des Herrn.“

Bis nach Weihnachten blieb die Künstlerin in Dresden und am 1. Januar 1831 begann sie ein Gastspiel in Berlin. Sie wurde vom Publicum mit Enthusiasmus aufgenommen. Der Wunsch, sie ganz für Berlin zu gewinnen, sprach sich so dringend von allen Seiten aus, daß die Direction der Oper – Spontini war damals General-Musik-Director – Unterhandlungen mit ihr anknüpfen mußte.

Sie stellte Forderungen, die heutzutage jeder mittelmäßigen Sängerin gewährt würden, für Wilhelmine Schröder-Devrient wurden sie zu hoch gefunden – (der Taglioni wurde freilich zu derselben Zeit ein Engagement mit 6000 Thaler Gage und drei Monate Urlaub angeboten) – und da Wilhelmine viel zu sehr Künstlerin war, um mit ihrer Kunst Wucher zu treiben, ging sie ohne Weiteres auf die Gegenvorschläge der Direction ein. Der Contract wurde aufgesetzt, Alles war in Ordnung, bis auf die letzte, allerhöchste Bestätigung – plötzlich erfolgt von oben herab abschläglicher Bescheid! Wenige Wochen zuvor hatte Wilhelmine vom Könige, für ihre herrliche Darstellung der Vestalin, ein Geschenk erhalten, auch der Intendant, Graf Redern, war für das Engagement – man fragte und forschte vergebens, was der Künstlerin jetzt auf einmal entgegenstehen könnte.

Und doch lag die Antwort nahe: Wilhelmine verstand sich nicht darauf – und bis an’s Ende hat sie das nicht gelernt – jene einflußreichen Persönlichkeiten für sich zu gewinnen, die sich um jede größere Kunstanstalt drängen, im Dunkeln ihr Wesen treiben, eine Menge Fäden in den Händen haben, durch welche sie auf Directionen und Journale einwirken, und die nichts begehren, als dann und wann einen Tribut aus der Börse des Künstlern, für den sie sich interessiren, oder einen Platz an seinem Tische, oder auch nur das Recht, mit seiner Freundschaft zu prahlen. Wilhelminens ganzer Künstlerstolz empörte sich bei dem Gedanken, auch nur den Schatten eines Erfolges solchen Einflüssen verdanken zu sollen. Noch in der letzten Zeit erzählte sie mit Entrüstung von einem „Geschäft“ in Frankfurt a. M., dessen Besitzer jedem gastirenden Künstler ein Buch überreicht, worin die verschiedenen Huldigungen rubricirt sind: so und so viel für das „Empfangen“ – so und so viel für einmaligen, zweimaligen, dreimaligen Herausruf. Das Rufen während der Scene ist höher taxirt, als nach Schluß des Actes. Auch Blumen- und Lorbeerkränze besorgt der gefällige Mann; Gedichte sogar auf Papierstreifen oder Atlasbändern – der Künstler braucht nur zu wählen – und zu bezahlen! „Auch mir hat man das Buch geschickt,“ sagte Wilhelmine [304] mit jenem ihr eigenthümlichen Zucken der Lippen, das ihren Mund so ausdrucksvoll machte, „ich habe sehr berühmte Namen darin gelesen, den meinigen würdet Ihr vergebens suchen!“

Wilhelmine Schröder-Devrient wies jede erniedrigende Protection, jede Annäherung der „Herrn von der Claque“, alle unwürdigen Anerbietungen, die bald in der feinsten, bald in der unverschämtesten Form gestellt wurden, mit Abscheu zurück. Es ist ihr freilich auch passirt, daß die Herren, die für Journale über sie geschrieben hatten, ihr nachträglich eine Rechnung für „Correspondenzen“ überreichten. Einmal wurden ihr sogar für Empfehlungsbriefe, die sie aus Gutmüthigkeit angenommen, aber niemals abgegeben hatte, hundert Thaler abgefordert. Sie hat in solchen Fällen dem Unverschämten entweder ohne Umstände die Thür gewiesen, oder sie hat die geforderte Summe bezahlt, „um das Gesindel los zu werden“ – aber sie hat das nie gethan, ohne ihre tiefe Verachtung auszusprechen oder ohne dem „gefälligen Freund“ zu bedeuten, daß er ihre Schwelle nicht mehr betreten dürfe. Diese Herren haben sich dann gerächt mit allen Mitteln, die ihnen zu Gebote standen, d. h. sie haben verleumdet und intriguirt.

Schon in Paris hatte die Künstlerin in dieser Beziehung bittere Erfahrungen gemacht, auch in Berlin sollte sie die Macht der beleidigten Coterie kennen lernen. Vergebens sprach sich das Publicum, vergebens der bessere Theil der Tagespresse ganz entschieden für sie aus – die Unterhandlungen waren und blieben abgebrochen, obwohl die Berliner Oper damals keine Primadonna hatte. Der Einfluß ihrer Widersacher ging sogar so weit, daß ihr das Benefiz verweigert wurde, welches vorher jedem bedeutenden Gast: der Schechner, der Sontag, der Heinefetter, gewährt war.

Am 26. März trat Wilhelmine zum letzten Male – als Fidelio – auf. Sie hatte sich inzwischen entschlossen, eine zweite Einladung nach Paris anzunehmen, der ein bleibendes Engagement folgen sollte, und wollte ihre Reise schon am nächsten Tage antreten. Das Publicum überschüttete sie mit Beifallszeichen. Es war, als wollte man sie durch verdoppelte Liebe für die Kränkungen entschädigen, die sie in den letzten Wochen erfahren hatte. Die Künstlerin war tief ergriffen. Als mit dem letzten stürmischen Hervorruf von allen Seiten die Worte: „Hierbleiben! Wiederkommen!“ erschallten, trat sie dicht an die Lampen und erwiderte mit jener einfachen Herzlichkeit, durch welche ihr Wesen so unwiderstehlich war:

„Ich danke Ihnen für Ihre nachsichtsvolle Güte. Sehnlich hätte ich gewünscht, daß es mir vergönnt gewesen wäre, hier zu verweilen. Mit Schmerz scheide ich von meinem Vaterlande, das ich nie vergessen werde!“

Sie konnte nicht weiter sprechen. Noch einmal überflogen die schönen, in Thränen schimmernden Augen das überfüllte Haus; dann nahm sie einen der vielen Kränze und ein Gedicht, das vor ihren Füßen niedergefallen war, vom Boden auf und entfernte sich mit gesenktem Haupt und zögernden Schritten.

Als Abschiedsgruß erhielt sie noch am nächsten Morgen ein Blatt von Ludwig Rellstab, das sie bis an’s Ende unter ihren liebsten Andenken aufbewahrt hat. Es enthielt die Verse:

„Erstaunt seh ich Dein zauberisch Verschwenden;
Ein Herz hat jede Brust doch nur zu spenden,
Und Du schenkst eines jedem Ton und Blick.
Dennoch erschöpfst Du nie des Reichthums Quellen,
Denn jeder Blick, jedweden Tones Schwellen
Bringt Dein Geschenk Dir tausendfach zurück.

Berlin, 27. März 1831.   L. Rellstab.

Empfunden bei jedem Ton, den ich von Ihnen gehört.“