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Bild aus Alexander von Humboldt’s Leben

Textdaten
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Autor: L. St.
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Titel: Bild aus Alexander von Humboldt’s Leben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 304
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[304] Bild aus Alexander von Humboldt’s Leben. Während A. v. Humboldt’s großer Reise im südlichen Amerika mit Aimé Bonpland, in den Jahren 1799 bis 1804, durchstreiften sie einst, wie so oft, mit wissenschaftlichen Forschungen beschäftigt, das wilde Cordillerengebirge. Sie waren manchen Tag in den einsamen Wäldern umhergeirrt, ohne ein menschliches Antlitz gesehen zu haben, nur das Geschrei der zahlreichen buntgefiederten Vögel erfüllte ihr Ohr. – Plötzlich horcht Humboldt auf; ein eigenthümlicher Ton, der unmöglich von den Vögeln des Waldes herrühren kann, hat sein Ohr berührt und seine Seele wunderbar ergriffen. Der Ton ist verstummt; dem Naturforscher ist, als habe er geträumt. Da läßt sich der Ton wieder und näher vernehmen; Humboldt winkt Bonpland zu, während sich seine Augen mit Thränen der Ueberraschung und Rührung füllen. Ton reiht sich an Ton, es ist die allen Deutschen wohlbekannte und theuere Melodie des Volkslieds von Usteri: „Freut euch den Lebens“, die von einem menschlichen Munde lustig gepfiffen wird. Die horchenden Naturforscher vernehmen endlich ferne Schritte, der Pfeifer der Liedsweise kommt näher und nun wechselt er und statt des Pfeifens singt er mit heller Stimme:

„Man schafft so gern sich Sorg und Müh,
Sucht Dornen auf und findet sie,
Und läßt das Veilchen unbemerkt,
Das uns am Wege blüht.“

Humboldt hält sich nicht länger; er stürmt aus den fröhlichen Sänger los. Noch wenige Schritte, und er steht einem einfach gekleideten Manne gegenüber, dessen gesunde Gesichtsfarbe und Züge eine heitere deutsche Menschenseele verkünden und der vielleicht zehn Jahre älter ist als er selbst. Der Mann ist mit den Utensilien des Vogelfangs ausgerüstet und augenscheinlich beschäftigt, Papageien und Loris zu fangen.

„Hoho, Mann, Ihr müßt ein Deutscher sein?“

„Das versteht sich, ein ganzer und echter Deutscher vom Kopfwirbel bis zur Fußzehe. Das beste Stück daran ist das Ding, das unterm linken Knopfloch hämmert. Das ist erst einmal recht deutsch. Und Sie, Herr, sind doch wohl auch ein deutscher Landsmann?“

„Errathen! Ich bin aus Berlin. Und Sie, Landsmann?“

„Ich bin aus Waltershausen am Thüringerwalde.“

„Wo Bechstein, der Naturforscher wohnt, der die treffliche Naturgeschichte der Singvögel geschrieben hat.“

„Der ist mein Schulcamerad und Kumpan. Wir sind genug zusammen auf den Vogelfang in unsere Berge gegangen. Der hat viel von mir gelernt, und ich von ihm.“

„Aber, Landsmann, wie kommen Sie denn in diese amerikanischen Wälder? Es scheint, um auch hier Vögel zu fangen?“

„So ist’s. Ich bin der Vogelfänger und Vogelhändler Thiem. Die deutschen Singvögel führ’ ich tausendweise nach Amerika, und nehme amerikanische Vögel als Rückfracht nach Deutschland mit.“

„Sie sind ein interessanter Mann, Landsmann. Auch ein Stück Naturforscher, wie ich selbst. Wie sind Sie denn auf diesen in seiner Art einzigen Betriebszweig gekommen?“

„Meines Zeichens bin ich eigentlich ein Schuster. Ich hatte aber kein rechtes Sitzfleisch; der Vogelfang war nun einmal meine Leidenschaft. Es erging dem Matthäus Bechstein ebenso. Der studirte auf den Pfarrer, gerade wie ich aus den Schuster; wir liefen mit der Leimscheide, dem Gärnchen und der Würmerschachtel in die Berge und fingen Vogel. Hernach, als er zum ersten Mal predigte, bracht’ er nichts als Vogelfang vor. Er gründete die Forstlehranstalt in unserer Vaterstadt, mich aber bracht’ er auf die Idee, mit meinen eingefangenen und angelernten Singvögeln auf den Handel zu gehen. Zuerst reiste ich damit nach Rußland und hab’ in Petersburg manche Jahre gute Geschäfte gemacht, die mir die Lust erweckten, auch nach Amerika zu gehen. Erst verkaufte ich in New-York und andern großen Städten meine thüringischen Waldmusikanten und nahm Papageien dafür mit. Endlich kam mir der Gedanke, die amerikanischen Vögel selbst hier zu fangen, wie die deutschen drüben. Und so sehen Sie mich, Herr Landsmann, als Vogelfänger und Vogelhändler zweier Welttheile.“

Humboldt’s Freude über den deutschen Landsmann und Geschäftsgenossen war ungemein groß, und der treffliche Bonpland theilte sie. Sie blieben einige Zeit mit dem lustigen Thüringer zusammen, der sie durch seine Schnurren und Erzählung seiner Abenteuer oft ergötzte, und Humboldt pflegte später oft die Scene in den Urwäldern Südamerika’s zu erzählen, die seiner Versicherung nach ihm die höchste und angenehmste Ueberraschung seines Lebens bereitet. Er pflegte dann lächelnd hinzuzusetzen: „Was doch alles aus einem deutschen Schuster werden kann: Hans Sachs ein großer Dichter, Jakob Böhme ein großer Philosoph und Thiem ein großer Vogelfänger in Europa und Amerika!“


Ich habe Thiem noch gekannt; er war ein sehr origineller Mensch und setzte seine ungeheuern Reisen mit Vögeln bis zu seinem Tode fort. Abwechselnd ging er nach Amerika und Rußland, und nach Petersburg und Moskau führte er die gefiederten Bewohner des Thüringerwaldes und der Cordilleren. Eine Menge Menschen in unserem südwestlichen thüringischen Gebirge fingen für ihn Meisen, Finken, Rothbrüstchen, Drosseln, Gimpel (Dompfaffen), Nachtigallen etc. und lehrten sie künstliche Gesänge. Sehr interessant war sein großer Wagen, der außer dem Gestell aus lauter kleinen hölzernen Gebauern zusammengesetzt war. Diese waren so geschickt placirt, daß die Vögel bequem gefüttert und getränkt werden konnten. Fuhr Thiem nach Rußland, so mischte sich auf seinem Wagen das Geschrei der Aras und Loris in das Gezwitscher der gefiederten Kinder unserer heimischen Wälder. – Ich konnte als Knabe nie an dem von Pferden in die weite kalte Welt hinausgezogenen ungeheueren Vogelhaus mit seinen Tausenden von Bewohnern vorübergehen, ohne daß mir das Wasser in die Augen trat. Die armen freundlichen Kinder unserer schönen Berge! Da wurden sie aus ihrer grünen, sonnigen Heimath mit den kühlen Quellen, mit den lauschigen Waldplätzchen, hinausgeschleppt in das entsetzliche steinerne Petersburg und über das Weltmeer in das trostlose New-York, um sich nach wenigen Monaten schon aus Sehnsucht nach ihren lieben Wäldern todt zu grämen und zu singen. – Damals wußte ich freilich noch nicht, daß das nicht allein das Loos der Singvögel ist, die dumm genug sind, grausamen, habsüchtigen Menschen in’s Garn zu gehen.

L. St.