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Textdaten
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Autor: Claire von Glümer
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Titel: Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient/Nr. 1
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 168-170
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[168]
Erinnerungen an Wilhelmine Schröder-Devrient.
Von Claire von Glümer.

„Die Geschichte großer Menschen ist immer eine Martyrlegende“ – in vollem Maße hat sich dies Dichterwort an Wilhelmine Schröder-Devrient erfüllt. Sie war müde vom Leben, schon ehe die Krankheit ihre Körperkraft verzehrte, und der Tod ist ihr ein lieber, willkommener Freund gewesen.

Am 26. Januar ist sie schmerzlos entschlafen und liegt nun, von Blumen bedeckt, in ihrem Grabe auf dem Trinitatiskirchhofe zu Dresden, wohin ihr Tausende einen wehmüthigen, dankbaren oder begeisterungsvollen Scheidegruß nachrufen. – Auch diese „Erinnerungen“ sollen ein solcher Nachruf sein, keine vollständige Lebensgeschichte der Entschlafenen. Nur einzelne Züge, flüchtige Bilder aus dem Leben der großen, schönen, guten Frau will ich hier zusammentragen. Möchten ihre Freunde die theure Gestalt darin wiederfinden, und möchte es mir gelingen, sie auch denen lebendig vorzuführen, die nicht das Glück gehabt haben, sie zu kennen.


I.

Im Jahre 1849 war ich mit Frau Schröder-Devrient in der Paulskirche zu Frankfurt zusammengekommen, war ihr von einer gemeinsamen Bekannten vorgestellt und hatte ein paar interessante Stunden an ihrer Seite verlebt. Dann waren wir ganz verschiedene Wege gegangen – ich wußte nun, daß die Künstlerin von der Bühne geschieden war, daß sie einen livländischen Edelmann, Herrn von Bock, geheirathet hatte und bald auf den Gütern ihres Mannes, bald in Paris oder Berlin lebte. Aber im Herbst 1858 kam sie nach Dresden, und da sah ich sie wieder. Zuerst in dem Concert eines jungen Künstlers, worin sie nach jahrelanger Pause zum ersten Male wieder auftrat. Ich werde den Augenblick nie vergessen, wie die hohe, imponirende Gestalt auf dem Podium erschien, von der Versammlung mit stürmischem Applaus begrüßt wurde, sich lächelnd und doch tiefbewegt verbeugte, aufathmete, als fühlte sie sich nach langer Entbehrung von Lebenslust umweht, und nun zu singen begann.

Ihr erstes Lied war „der Wanderer“ von Schubert, und meine erste Empfindung ein tiefes Erschrecken. Sie kann nicht mehr singen! dachte ich – der Ton war matt, ohne Fülle, ohne Metall – aber schon als sie zu den Worten kam: „Und immer fragt der Seufzer wo?“ hatte sie gesiegt. Wie der Meermann im Märchen, zwang sie Alle, die sie hörten, ihr zu folgen, wohin sie wollte: in Sehnsucht und Schmerz, in Grauen und Verzweiflung, in Liebeslust und Frühlingsfreude. Wie Lessing von Rafael sagt: „er würde auch ohne Hände der größte Maler gewesen sein“, so darf von Wilhelmine Schröder-Devrient behauptet werden, daß sie auch ohne Stimme die größte Sängerin geblieben wäre. Ihre Seele sang so gewaltig, so schön, so wahr, wie es wohl nie zuvor gehört wurde und vielleicht nie wieder gehört wird.

Ganz berauscht kam ich nach Hause, und nun ließ es mir keine Ruhe. Ich schrieb ihr, – „Es war der klügste Streich, den Sie je gemacht haben“, pflegte sie später zu sagen – erinnerte sie an unser Zusammensein in Frankfurt, fragte sie, ob sie mir eine Viertelstunde schenken wolle, bat um Erlaubniß, ihr meine Freundin, eine ihrer eifrigsten Verehrerinnen, zuzuführen, und erhielt umgehend die Antwort: „Wollen Sie mich heute Nachmittag um fünf Uhr mit Ihrem Besuch erfreuen, ich bin dann nur für Sie zu Hause.  Wilhelmine von Bock.“

Zur bestimmten Stunde waren wir bei ihr, Scheffelgasse Nr. 1, 3 Treppen; und kaum waren die ersten Worte gewechselt, kaum saßen wir neben ihr in dem kleinen grauen Zimmer mit den einfachen, rothbrauen Wollenvorhängen an Fenstern und Thüren, [169] als uns so wohl und warm ums Herz war, wie beim Wiedersehen eines vertrauten, langentbehrten Freundes. Sie mußte wohl etwas Aehnliches empfinden, denn sie hat uns seitdem festgehalten und hat uns an Allem theilnehmen lassen, was sie in Schmerz und Freude, in Hoffnung oder Erinnerung bewegte.

Aeußerlich hatte sie sich seit unserem ersten Zusammentreffen wenig verändert. Trotz ihrer 53 Jahre war sie wunderschön; man hätte sie für viel jünger halten können, obwohl sie alle Toilettenkünste verschmähte. Zu einfachen Scheiteln lag das reiche blonde Haar über der Stirn und war am Hinterkopfe in Flechten aufgesteckt. Ihr Gesicht war von reiner, matter Blässe; die Lippen dagegen waren vom frischesten Roth, die Augen – sobald sie angeregt war – vom lebendigsten Ausdruck, und die edlen Züge so von Geist und Güte überstrahlt, daß es ebenso beglückend war sie anzusehen, wie ihr zuzuhören.

Dies Glück ist uns in reichem Maße zu Theil geworden. Halbe Tage und Nächte lang haben wir neben ihr gesessen, während sie uns die Geschichte ihres Lebens – dieses an Glanz und Elend so überreichen Lebens – erzählte. Gewöhnlich saß sie dabei ruhig, mit übereinander geschlagenen Armen in die Sophakissen zurück gelehnt, den Kopf etwas erhoben, den Blick in’s Weite gerichtet, als sähe sie die Gestalten und Scenen, von denen sie sprach, an sich vorüberziehen. Aber dabei strahlten und sprühten die Augen; der herrliche, feingeschnittene Mund drückte jede Empfindung mit größter Wahrheit aus, und die Stimme war so reich an Modulationen, von der bängsten Klage bis zum niederschmetternden Zorn, von thränenschwerer Wehmuth bis zum Aufjauchzen des Triumphs, daß sie unwiderstehlich mit sich fortriß. Und wenn sie sich mitten in der Erzählung zu uns wandte, uns mit festem, warmem Druck die Hände reichte und wehmüthig sagte: „Ja, meine Lieben, das Alles hab’ ich erdulden müssen!“ sind uns die Augen naß geworcen und das Herz hat uns gezittert, als hätten wir uns in die Erinnerung eigener Leiden versenkt.

Die Geschichte ihrer ersten Lebensjahre hat die Künstlerin selber aufgezeichnet. Ich lasse hier so viel als möglich ihre eigenen Worte folgen.

„Ich bin zu Hamburg den 6. December 1804 geboren. Hätten wir damals noch in einem Zeitalter gelebt, wo die Zeichen des Himmels als Glück oder Unglück bringend gedeutet wurden, so hätte die Stunde meiner Geburt den größten Anlaß dazu gegeben, denn es ereignete sich das seltene Phänomen, daß es bei undurchdringlichem Schneegestöber heftig donnerte und blitzte, „Während dieses Aufruhrs der Elemente erblickte ich das Licht der Welt und erfüllte das bescheidene, kleine Haus meiner Eltern mit einem dreistündigen Wehgeschrei, das meinen armen Vater endlich zu dem verzweiflungsvollen Ausruf getrieben haben soll: „Werft den Balg zum Fenster hinaus!“ worauf er von dem Hausarzt die prophetische Antwort erhielt: „Sein Sie ruhig, lieber Schröder, das gibt eine gute Sängerin.“

„Wer meine Mutter war, ist der civilisirten Welt bekannt. Sie hieß Sophie Schröder. Mein Vater, Friedrich Schröder, war zu seiner Zeit eine hervorragende und allgemein beliebte Persönlichkeit in der Theaterwelt. Seine Begabung als Künstler muß aber doch nicht eminent gewesen sein, denn sein Name ist nicht auf die Nachwelt übergegangen. Er war ein sehr schöner Mann, hoch und schlank gewachsen, mit einer herrlichen Bariton-Stimme begabt und für seine Epoche ein ausgezeichneter Sänger. Er war besonders als Don Juan berühmt und der Erste, der diese Rolle in deutscher Sprache sang.“

Wilhelminens Kindheit war keine glückliche: ihrem elterlichen Hause fehlte die Harmonie, deren das Kindergemüth so sehr bedarf. Die Mutter war fast immer durch ihren Beruf in Anspruch genommen, der Vater kränkelte viel, das Wanderleben gab nothwendig dem ganzen Hauswesen etwas Ungeordnetes, Unbehagliches; Wilhelmine litt unter den daraus entstehenden Mißverhältnissen, noch ehe sie im Stande war, sie zu erkennen. „Mit meinen ersten Erinnerungen“ – schreibt sie – „breiten sich auch schon dunkle Schatten über mein Leben, die noch jetzt, indem ich dieses niederschreibe, ihre düstern Reflexe in meine Seele werfen.“

Schon in den Tagen, die andere Kinder spielend verträumen, lernte Wilhelmine den Ernst des Lebens kennen. „Mit meinem vierten Jahre,“ erzählt sie, „begann für mich die Zeit der Arbeit, und ich mußte früh im Leben anfangen, mir mein Brod zu verdienen. Damals zog die berühmte Kobler’sche Tänzergesellschaft durch Deutschland; sie kam auch nach Hamburg und machte dort ganz besonderes Glück. Meine Mutter, leicht empfänglich und von einer Idee hingerissen, war schnell entschlossen und bestimmte mich zur Tänzerin.

„Mein Tanzlehrer war ein Afrikaner; aus seiner Heimath nach Frankreich verschlagen, in Paris unter das Corps de ballet gerathen, kam er später nach Hamburg, wo er Unterricht gab. Dieser Mann, Lindau mit Namen, war nicht gerade von bösem Charakter, aber heftig, streng, oft sogar grausam.

„Ich denke noch mit Schrecken an die Strafen zurück, die er mir zudictirte. Eine derselben war z. B., daß er in dem Haken am Plafond, der bestimmt war, den Kronleuchter zu tragen, ein Seil befestigte, unten eine Schlinge machte, den einen Fuß hineinlegte, sodaß ich das Bein horizontal von mir strecken mußte, während er den andern Fuß in das Bret einsetzte, in das man damals eingezwängt wurde, um auswärts gehen zu lernen. Dabei mußte ich beide Arme horizontal ausstrecken und in dieser Stellung so lange stehen bleiben, als er es für gut fand. Erlahmten meine kleinen Arme, oder brachen meine Beine zusammen, so bekam ich einen empfindlichen Schlag mit dem Violinbogen – er spielte die Violine zu meinem Tanz – auf die Hand oder an die Fußknöchel. Wurde ich endlich aus dieser Tortur befreit, so sank ich oft kraftlos zusammen und konnte mich stundenlang nicht erholen. Machte ich aber meine kleinen Sprünge zu seiner Zufriedenheit, so überhäufte er mich mit Liebkosungen und konnte wie ein Kind mit mir spielen.

„Ich mochte etwas über fünf Jahr alt sein, als ich weit genug war, um öffentlich tanzen zu können, und so debütirte ich denn mit einem Pas de châle und einem englischen Matrosentanz, ein Filzhütchen mit blauen Bändern auf dem Kopfe und Schuhe mit Holzsohlen an den Füßen. Von diesem ersten Auftreten ist mir nur noch erinnerlich, daß das Publicum dem kleinen gewandten Aeffchen zujauchzte, daß mein Lehrer sehr beglückt war, und daß mich mein Vater auf seinen Armen nach Hause trug. Meine Mutter hatte mir vor Beginn des Tanzes, je nachdem ich meine Sachen machen würde, eine hübsche Puppe oder Prügel in Aussicht gestellt – und gewiß war es die Angst, die meine kleinen Glieder leicht und gelenkig machte, denn die Schläge meiner Mutter thaten weh.“

Am folgenden Morgen wickelte Friedrich Schröder ein altes spanisches Goldstück in ein Stück Papier, gab der kleinen eine Feder in die Hand und führte sie ihr mit solcher Geschicklichkeit, daß ziemlich leserlich die Worte entstanden:
„Zum Andenken an Ihre dankbare Schülerin
Wilhelmine Schröder,“

worauf sie das Päckchen ihrem schwarzen Lehrer überreichen mußte.

Mehr als zwanzig Jahre später kam Wilhelmine als gefeierte Sängerin nach Hamburg, um eine Reihe von Gastrollen zu geben. Nach der ersten Vorstellung meldet der Diener „einen alten sonderbar aussehenden Herrn“, der seinen Namen nicht nennen wolle, aber dringend bäte, vorgelassen zu werden. Die Künstlerin befiehlt den Fremden herein zu führen, und gleich darauf steht ein alter, weißhaariger Mann mit schwarzem Gesicht vor ihr, der, vor Bewegung keines Wortes mächtig, mit zitternder Hand in die Tasche greift und eine Münze nebst einem vergilbten Stück Papier daraus hervorlangt. Der Greis war Wilhelminens Tanzlehrer, der die erste Schreibübung seiner berühmten Schülerin als Reliquie bewahrte.

Ein anderes Auftreten des Kindes fiel nicht so glücklich aus, wie der Matrosentanz. Frau Händel-Schütz zog damals durch Deutschland, um mimisch-plastische Vorstellungen zu geben; sie kam auch nach Hamburg, und Wilhelmine wurde dazu erkoren, als Genius gekleidet neben der Künstlerin zu stehen, um die Gewänder zu halten, die sie während der Darstellung wechselte. Die Kleine erlag fast unter der Last der Stoffe; das Stillstehen wurde ihr immer peinlicher – endlich hielt sie es nicht mehr aus, warf laut weinend der berühmten Frau ihre Shawls vcr die Füße, sprang davon und war weder durch Bitten noch durch Drohungen zu bewegen, zu ihrem Amte zurückzukehren.

„So vergingen einige Jahre,“ fährt sie in ihren Aufzeichnungen fort, „in denen ich neben meinem Tanz auch zu Kinderrollen verwendet wurde. Von meinem Schulunterricht wüßte ich nichts zu sagen. Er war jedenfalls sehr mangelhaft, wie ich denn überhaupt bis zu meinem zwölften Jahre zu keinem anderen Studium [170] ernsthaft angehalten wurde, als zum Tanz. Aber meine Phantasie war schon damals sehr angeregt. Meine Thätigkeit sowohl, wie der häufige Besuch des Theaters, regte mich zu allerlei phantastischen Spielen an. Ich suchte mir allerhand bunte Lappen und sonstigen glänzenden Theaterschmuck zu verschaffen, schlich damit auf den Boden unseres Hauses, aus dessen Hinterfenster man die Aussicht auf den Dammthor-Wall hatte, behängte mich nach Möglichkeit mit meinen bunten Herrlichkeiten und führte dann selbsterfundene Monologe oder auch ganze Stücke auf, die ich mit lauter Stimme vortrug. Häufig wurde dadurch mein Aufenthalt verrathen, und ich wurde auf’s Unsanfteste aus meiner Begeisterung geweckt, indem man mich in die Kinderstube zurückjagte.

„Besonders war es die Jungfrau von Orleans, die mich begeisterte. Da wurde von Papier ein Panzer und ein Helm fabricirt, irgend ein Stock, woran ein Tuch befestigt war, diente als Fahne, ein zweiter Stock als Schwert, und so ausgerüstet ging es in die Schlacht. Vermochte ich meinen Gefühlen keinen Ausdruck zu geben, so versank ich in träumerisches Hinbrüten, saß oft stundenlang in einer Ecke des Bodens hingekauert, die Ellenbogen auf eie Kniee gestützt, den Kopf in die Hände gedrückt – und dichtete.

„Wie schon erwähnt, hatte mau aus dem Hinterfenster des Hauses den freien Blick auf den Wall. Einen Morgens gingen Vater, Mutter, Geschwister und Mägde auf den Boden, um die Freiwilligen zu sehen, die sich auf dem Dammthor-Walle zum Abmarsch versammelt hatten. Der deutsche Freiheitskrieg begann, und wer nur einen Tornister, einen Säbel tragen konnte, zog hin, Blut und Leben für Gott und Vaterland zu lassen.

„Unter dieser begeisterten Schaar waren Knaben von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Einer derselben, der Sohn eines Schauspielers, mit dem mein Vater häufig verkehrte, war lange Zeit unser Spielkamerad gewesen. Ich war die Erste, die unsern jungen Freund in seiner kriegerischen Rüstung entdeckte, rief ihn bei seinem Namen und er nickte freundlich zu uns herauf. Erst wußte ich nicht, was vorging; als aber das Commandowort zum Abmarsch gegeben wurde, der Zug sich in Bewegung setzte und Väter, Mütter, Schwestern und Brüder laut weinend nebenher gingen, fragte ich meinen Vater: „Wohin geht der Ludwig?“ – „In die Schlacht,“ gab er mir zur Antwort. Da starrte ich ihn an, wie vom Donner, gerührt, schrie endlich laut auf: „Ich will mit!“ und machte Miene, mein Vorhaben auszuführen. Natürlich wurde ich mit Gewalt zurückgehalten, und da ich keine Möglichkeit sah, fortzukommen, warf ich mich heulend zur Erde, tobte und schrie, und war durch nichts zu beruhigen. Tagelang war ich wie vernichtet, schlich immer auf den Boden und stand da, mit dem Kopfe an’s Fenster gelehnt und schaute nach der Himmelsgegend, wo mein junger Spielkamerad verschwunden war. Nun spielte ich erst recht Jungfrau von Orleans, und mein Papierhelm kam kaum von meinem Kopfe, mein hölzernes Schwert kaum von meiner Seite.

„Das Kriegsgetümmel, unter welchem Hamburg damals litt, sollte auch auf das Schicksal meiner Eltern einen entscheidenden Einfluß haben. Während der Besetzung der Stadt durch General Tettenborn hatte meine Mutter in dem Gelegenheitsstück „die Russen in Deutschland“ eine russische Kokarde auf der Brust getragen. Als darauf Davoust einrückte, verlangte er, daß nun mit der französischen Kokarde gespielt würde. Meine Mutter zögerte lange, diesem Befehl zu gehorchen, und als sie nicht mehr ausweichen konnte, erschien sie – zum Gelächter des ganzen Publikums – mit einer tellergroßen blau-weiß-rothen Kokarde. Sie wurde in Anklagestand versetzt und sollte als Gefangene nach Frankreich geschleppt werden. Wir mußten flüchten, und ich erinnere mich, daß meine größte Sorge war, die Franzosen könnten mir meine Puppe wegnehmen, weshalb ich sie auf’s Aengstlichste unter meiner Schürze verbarg.

„Inmitten der Kriegsunruhen zogen meine Eltern nun mit vier kleinen Kindern einer ungewissen Zukunft entgegen. Sie zogen erst durch Norddeutschland, gingen später an den Rhein, kamen nach Frankfurt und machten die Schrecknisse der Schlacht von Hanau mit. Dann wendeten sie sich nach Prag, und hier wurde ihnen endlich wieder – unter Liebich – ein längeres Engagement zu Theil. Auf allen diesen Streifereien mußte ich und meine jüngere Schwester Betty, die in den letzten Jahren auch tanzen gelernt hatte, durch unsere kleinen Sprünge das tägliche Brod verdienen helfen. Damit mag es übrigens zu dieser Zeit knapp genug bestellt gewesen sein, denn meine Eltern hatten auch in Hamburg nur geringe Gage bezogen. Damals bekamen die ausgezeichnetsten Künstler nicht so viel. wie jetzt die größte Mittelmäßigkeit.

„So kamen wir unter mancherlei Beschwerden und immer von Kriegsgetümmel begleitet nach Prag, wo meine Eltern mehrere Jahre blieben und von wo aus sich hauptsächlich der Künstlerruhm meiner Mutter verbreitete. Wir Kinder wurden dem Kinderballet beigegeben, das damals unter einer Madam Horschelt in Prag florirte und später von ihrem Sohne nach Wien verpflanzt wurde. Die Rückerinnerunq an diese Zeit krampft mir noch heute das Herz zusammen. Wir waren der rohesten Behandlung ausgesetzt, von den schlechtesten Beispielen umgeben und lernten nichts als tanzen und dumme Streiche.

„Aus dieser Zeit taucht die Erinnerung an zwei bedeutende Persönlichkeiten in mir auf: an Karl Maria von Weber, der damals in Prag Kapellmeister und mit seiner späteren Gattin, Caroline Brand – einer ausgezeichneten Darstellerin im Soubrettenfache – verlobt war, und an Rahel Robert, später Varnhagens Frau, die viel mit meiner Mutter verkehrte. Zu meinen liebsten Erinnerungen aus der Kindheit gehört aber die ruhige Zeit, die wir Kinder mit meinem Vater allein verlebten, während meine Mutter nach zweijährigem Aufenthalt in Prag einem Rufe zum Gastspiel in Wien gefolgt war, welches später ein Engagement am Burgtheater nach sich zog. Ich kann nie ohne Rührung daran denken, mit welcher Umsicht, Sorgfalt und Güte sich der Vater unserer körperlichen und geistigen Pflege annahm. Wie oft bin ich mitten in der Nacht davon erwacht, daß er vor unsere Betten kam, um sich von unserem gesunden Schlaf zu überzeugen, und mit welcher milden Festigkeit suchte er unsere Wildheit zu zügeln, uns an Ordnung und Regelmäßigkeit zu gewöhnen! O, wäre mir dieser Vater nicht zu einer Zeit durch den Tod entrissen, wo ich seiner so sehr bedurfte, wie ganz anders wäre es wohl mit mir geworden! Aber eine liebende Hand sollte mir nicht den Lebenspfad ebenen, sondern wie im wilden Strom sollte ich über Klippen und Abgründe dahinjagen – ob Herz und Seele mir oft auch brechen wollten, wie die hochaufschäumenden Wellen.“