Emin Pascha (Die Gartenlaube 1893/43)

Textdaten
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Autor: Paul Reichard
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Titel: Emin Pascha
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aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 730–732
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Biografie von Eduard Schnitzer anlässlich der Bestätigung seines Todes
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[730]

Emin Pascha.

Von Paul Reichar[d].

Schon seit lange drang[e]n aus Afrika düstere Gerüchte zu uns herüber, daß einer der bedeutendsten Männer, die sich dort das Feld ihrer Thätigkeit gewählt haben, nicht mehr unter den Lebenden weile. Immer deutlicher und bestimmter traten diese Gerüchte auf, und jetzt ist kaum noch ein Zweifel möglich, daß Emin Pascha tot ist. Der belgische Kommandant Dhanis sendet die Nachricht, daß er in den Besitz einer Kiste mit Gegenständen aus dem Nachlasse des berühmten Forschers gelangt ist, und das kann bei Reisenden als Beweis ihres Todes gelten.

Wir haben mit Emin Pascha einen weltberühmten Landsmann, eine wissenschaftliche Kraft, einen im Grunde seines Herzens guten Menschen verloren. Daß Emin in Afrika sterben mußte, ehe er uns über sein reich bewegtes Leben Bericht erstatten und selbst die Summe aus seinen Erfahrungen ziehen konnte, ist und bleibt ein unersetzlicher Verlust.

Emin Paschas wirklicher Name ist Eduard Schnitzer. In Oppeln in der preußischen Provinz Schlesien stand seine Wiege, am 28. März 1840 ist er dort von israelitischen Eltern geboren worden. Als Eduard Schnitzer in seinem sechsten Lebensjahre stand, trat seine Mutter zur protestantischen Kirche über, da sie in zweiter Ehe einen Christen heirathete; damals empfing auch der Knabe die Taufe. Im Jahre 1842 siedelte die Familie nach Neiße über und dort lebt heute noch eine leibliche Schwester Eduards, Fräulein Melanie Schnitzer, die, wie die Leser aus Nr. 40 der „Gartenlaube“ erfahren haben, nunmehr auch ihres Bruders verwaistes Töchterlein Ferida bei sich aufgenommen hat. Gegen Ende des Jahres 1889 starb Emins Mutter in Oppeln, nachdem sein zweiter Vater ihr längst im Tode vorangegangen war.

Seine Erziehung erhielt Emin, wie wir ihn immer nennen wollen, da er sich zuletzt nie mehr anders unterschrieb, in den Grundsätzen der protestantischen Religion auf dem Gymnasium zu Neiße. Schon früh machte sich bei ihm die Neigung zu wissenschaftlichen Forschungen geltend. Nach dem Besuch des Gymnasiums widmete er sich an der Universität zu Breslau dem Studium der Naturwissenschaften, im besonderen dem der Medizin, siedelte 1863 an die Berliner Hochschule über und erwarb sich dort den Doktorgrad.

Ein unwiderstehlicher Drang in die Ferne erfüllte von früh auf seine Seele. Als Mediziner ging er zunächst nach Triest, dann nach Antivari, wo er den Wali Ismael Hakki Pascha kennenlernte. Letzterer fand an dem jungen Deutschen ein so großes Gefallen, daß er ihn in sein Gefolge aufnahm. In des Paschas Begleitung kam Emin nach Konstantinopel und erhielt dort von der türkischen Regierung eine Anstellung als Militärarzt mit Hauptmannsrang. Emin hatte außerordentliche Sprachtalente. Englisch und Französisch beherrschte er schon, als er nach der Stadt am Goldenen Horn kam, und dort lernte er sehr rasch Türkisch, so daß ihn die Regierung des Sultans als Dolmetscher nach Tripolis senden konnte, wo er auch noch Italienisch lernte. Nach Konstantinopel zurückgekehrt, wurde er schon nach einigen Monaten als Begleiter eines militärischen Streifzugs nach dem Libanon entsandt, wie er auch in Hakki Paschas Gefolge den arabischen Feldzug mitmachte.

Als Emin wieder am Bosporus weilte – inzwischen hatte er auch Arabisch gelernt – ließ er sich dazu bestimmen, die Leitung eines politischen Oppositionsblattes zu übernehmen. Wie indessen nicht anders zu erwarten war, wurde das Blatt schon nach wenigen Monaten unterdrückt und Emin mußte, gleich dem dabei betheiligten Hakki Pascha, im die Verbannung nach Trapezunt. Glücklicherweise blieb ihm soviel Freiheit, daß er ausgedehnte Reisen nach Armenien unternehmen konnte.

Im Jahre 1873 wurde Hakki Pascha, dank den Bemühungen Emins, der heimlich in Konstantinopel erschienen war, wieder begnadigt und mit ihm Emin selbst. Doch ihr Zusammensein sollte nicht mehr lange währen. Hakki Pascha starb, und Emin, der in der Folge die Witwe seines Gönners, eine Griechin, heirathete, kehrte in seine deutsche Heimath zurück.

Aber nur auf kurze Zeit! Der Süden hatte es ihm angethan, er hielt es zu Hause nicht aus, ging von neuem nach Konstantinopel und ließ dort wieder seine Zeitung erscheinen. Nach Vita Hassans Schrift „Die Wahrheit über Emin Pascha“ wurde er daraufhin aus der Türkei ausgewiesen und wandte sich, mit ausgezeichneten Empfehlungen versehen, 1875 nach Alexandria. Von dort aus machte er sich nach dem Sudan auf und dank seinen Verbindungen konnte es ihm nicht schwer werden, als Militärarzt von Gordon Pascha, dem damaligen Gouverneur des Sudan, angestellt zu werden.

Es ist nothwendig[WS 1], hier auf einen Punkt zu kommen, der in vieler Augen einen Makel auf Emins Charakter zu werfen geeignet ist; auf seinen angeblichen Uebertritt zum Islam.

Schon bei Emins Aufenthalt in Konstantinopel, ausgangs der sechziger Jahre, war der Vermuthung Ausdruck gegeben worden, er sei zum Islam übergetreten. Aber schon damals, 1871, schrieb er an seine Schwester: „Keine Furcht, es ist nur der Name (Emin), und ich bin nicht Türke geworden.“

Und ich selbst bin in der Lage, mitzutheilen, daß Herr Georg Schweitzer in Berlin, ein Neffe Emins, einen Brief von diesem besitzt, worin Emin nochmals versichert, daß er nicht zum Islam übergetreten sei. Auch der Begleiter Emins auf der letzten Reise, der bekannte Forscher Doktor Stuhlmann, dessen Reisewerk demnächst erscheinen wird, versicherte mich, Emin sei nicht Mohammedaner gewesen. Oft habe er diesen abends protestantische Gebete verrichten hören, und eines Tages habe Emin zu ihm gesagt: „Ich bin zwar der Ueberzeugung, daß Darwin recht hat, aber es ist mir ein großer Trost, mich in mißlichen Lagen an ein höheres Wesen im Gebete wenden zu können, wenn ich auch nicht gerade mit allen Satzungen der christlichen Kirche übereinstimme.“ Stuhlmann hält Emin für einen tief religiösen Menschen.

Allerdings hat Emin alle Gebräuche und Vorschriften des Koran genau gekannt und auch dessen Satzungen den Mohammedanern gegenüber gehalten. Dadurch hat er den Schein erweckt, als sei er ein Bekenner des Islam. So erklärt es sich auch, daß ihn Vita Hassan ebenso wie Doktor Junker thatsächlich für einen Mohammedaner hielten.

Man könnte darum Emin einer Unaufrichtigkeit zeihen. Aber man vergesse nicht seine Lage. Der Glaubensfanatismus seiner Umgebung, die Verantwortung, die auf ihm lastete, die tausendfachen Erfahrungen, die er im Orient gesammelt hatte, ließen es ihm zweifellos erscheinen, daß er das Gute, das er wollte, nur unter der Maske eines Mohammedaners erreichen könne. Und der Erfolg hat ihm recht gegeben. Einen Schaden hat er niemand damit zugefügt.

Der leider so früh verstorbene Wilhelm Junker, welcher lange Jahre Emins Gefährte gewesen ist, und zwar in Zeiten ärgster Bedrängniß, sagt über sein Aeußeres:

„Emin ist ein schlanker, fast magerer Mann, von etwas mehr wie Mittelgröße, mit schmalem, von einem dunklen Vollbart umrahmtem Gesicht und tiefliegenden Augen, welche durch die starken Krystallgläser der Brille beobachtend hervorschauen. Seine starke Kurzsichtigkeit zwingt ihn zur Anstrengung und Konzentrierung seines Sehvermögens auf die vor ihm befindliche Person, was seinem Blick einen harten, scheinbar lauernden Ausdruck verleiht. Der auch malerisch interessante Kopf, in welchem sich unverkennbar eine bedeutende Intelligenz ausspricht, läßt in nichts den Deutschen vermuthen. Das unleugbar orientalische Gepräge [731] desselben erleichtert ihm wesentlich die Rolle eines Türken. Sein Aeußeres verräth eine peinliche Sauberkeit bei großer Sorgfalt des Anzuges.“

Von Gordon Pascha wurde Emin zunächst zweimal mit sehr wichtigen politischen Sendungen zu Mtesa von Uganda und Kabarega von Unjoro betraut. Im übrigen wirkte er bis zum Jahre 1878 als einfacher Arzt auf der Station der Hat el Estiva; in jenem Jahre aber wurde er von Gordon auf den Vorschlag von Junker zum „Mudir“, das heißt zum Gouverneur der Aequatorialprovinz unter dem Titel eines Bey erhoben.

Die von ihm unternommene und durchgeführte Aufgabe war außerordentlich schwierig. Es war das erste Mal, daß er selbstständig als Verwaltungsbeamter aufzutreten hatte, in einem Lande mit sehr gemischter Bevölkerung, unter Negern, Aegyptern, Nubiern und Türken, mit einem ganzen Heer faulenzender Beamten, die auf Kosten des Landes lebten, es aussaugten, bedrückten, Sklavenjagden betrieben. Fast ausnahmslos waren es aus Aegypten verbannte Verbrecher. Die ägyptische Regierung unterstützte Emin so gut wie gar nicht, zahlte die Gehälter ihrer Beamten erst nach Jahren, verlangte aber regelmäßige Abgaben, so daß der Provinz eine ungeheure Schuldenlast aufgebürdet worden war.

Vor alledem schreckte Emin nicht zurück. Begabt mit einer ungewöhnlichen Zähigkeit und Thatkraft, ausgerüstet mit eisernem Willen, ging er mit solchem Erfolge an die Arbeit daß er nicht nur die Schulden der Aequatorialprovinz abtrug, sondern sogar Ueberschüsse erzielte, die sich Ende 1883 auf 240 000 Mark beliefen. Welche Summe von Arbeit, welches Aufgebot von geistiger Anstrengung, welche Begeisterung für die Sache gehörte dazu, um zu einem derartigen beispiellosen Ergebniß zu gelangen! Ruhe und Ordnung herrschte, das Ideal geordneter Zustände in Afrika war erreicht: allenthalben konnte man mit einem Spazierstocke umherwandern. Die schlechten Elemente waren unschädlich gemacht, die Sklavenrazzia unterdrückt; die Neger bauten ihre Aecker, züchteten Vieh und entrichteten willig ihre Abgaben. Kurzum, Emin war auf dem besten Wege, einen Musterstaat im Herzen Afrikas zu gründen und der Civilisation und Kultur die Wege zu öffnen.

Da erhob sich im Jahre 1880 der Mahdi, ein mohammedanischer Fakir, der es verstanden hatte, die sozialen Mißstände jener Gebiete zu seinen Zwecken auszubeuten und geschickt auf das religiöse Gebiet hinüberzuspielen. Er entflammte den religiösen Fanatismus, und bald heftete sich der unerhörteste Erfolg an seine Fahne. Die ägyptische Regierung faßte die Sache im Anfang zu leicht auf und später konnte sie der Bewegung nicht mehr Herr werden, zumal um dieselbe Zeit in Kairo der Aufstand unter Arabi Pascha ausgebrochen war. Der ganze Sudan stand bald in hellen Flammen, und als am 26. Januar 1885 Gordon Pascha unter den Lanzenstichen der rasenden Mahdisten bei der Einnahme von Chartum fiel, war es mit der ägyptischen Herrlichkeit im Sudan vorbei.

Emin arbeitete inzwischen noch ungestört an seinem Werke und trug sich mit weitgehenden Plänen. Allmählich aber sickerten auch nach den Gebieten seines Wirkungskreises die Nachrichten von den Ereignissen im Norden durch. Es begannen Empörungen unter einzelnen Stämmen auszubrechen, die man anfangs niederschlug, die aber immer bedenklicheren Charakter annahmen. Das Ausbleib[e]n jeglicher Nachrichten und Unterstützungen von Chartum her machte die ägyptischen Sotdaten, Beamten und Offiziere mißmuthig. Eine große Unruhe bemächtigte sich aller in der Aequatorialprovinz und Emin mußte seine ganze Thatkraft aufbieten, um Herr der Lage zu bleiben.

Da traf am 27. Mai 1884 ein Brief des Mahdistenführers Kerem Allah ein, der Emin aufforderte, zum Mahdi überzugehen. Lupton Bey, ein Engländer, der die nordwestlichen Provinzen verwaltete, war in Gefangenschaft des Mahdi gerathen. Von da an begann das Unglück auch für Emin. Der also Bedrängte schickte Abgesandte an den Mahdi, um seine Unterwerfung zu melden. Er wollte damit Zeit gewinnen, was ihm auch gelang, und er benutzte sie, seinen Sitz aus den nördlichen Hauptstationen Ladô und Dufile nach dem südlichen Wadelai zu verlegen.

Als die Gefahr sich immer drohender anließ, wurde Berathung abgehalten, ob man nicht nach Süden abziehen solle. Doch Emins Leute widersetzten sich diesem Plane; Gerüchten zufolge sollte der Pascha die Absicht haben, seine Soldaten und schwarzen Begleiter an Kabarega und an den Nachfolger Mtesas in Uganda, Muanga, als Sklaven zu verkaufen, um den Durchzug zu ermöglichen. Zudem schreckten die Leute vor dem Unbekannten zurück und wollten nur auf dem Wege nach Norden Kairo und Aegypten gewinnen.

Doch allen Fährlichkeiten, Mißständen und Gefahren bot Emin die Stirn. Er besiegte die anrückenden Mahdisten bei Rimo und blieb im großen und ganzen unbehelligt, allerdings unter den denkbar ungünstigsten Umständen und abgeschnitten von aller Welt.

Wilhelm Junker war es gelungen, aus der afrikanischen Löwengrube herauszukommen. Er brachte die ersten zuverlässigen Nachrichten von Emin, für den man sich nach und nach in der gebildeten Welt zu interessieren begann. Der außergewöhnliche, ideal und heroisch angelegte Mann zwang geradezu zur Theilnahme, ja allmählich begann sich die Einsicht Bahn zu brechen, daß dort im fernen Süden, hart bedrängt von allen Seiten, ein Mann eingeschlossen sei, der Bewunderung verdiene.

Als daher die Lage dieses kühnen Pioniers der Kultur immer verzweifelter wurde, als er die Hilfe Europas anrief, sollten seine Bitten nicht ungehört verhallen. Man war übrigens irriger Meinung über Emins Absichten, wenn man damals annahm, daß er die Länder, in denen er zehn Jahre lang ununterbrochen gewirkt ha[t]te, verlassen wolle. Er schrieb 1884 an den englischen Missionar Makay in Uganda, „daß er auszuhalten beabsichtige, bis er Hilfe erreiche oder untergehe“. Selbst 1886 versicherte er noch, keine Eile zu haben, aus jenen Gebieten wegzukommen. Was es hieß, unter solchen Umständen so muthig auszuharren, das zeigt ein Brief Emins an den Sekretär der englischen Antisklavereigesellschaft, Allen; hier schildert er seine Leiden und Entbehrungen, führt Klage über die ägyptische Regierung, die ihn völlig im Stiche lasse. Am meisten Antheil nahm England an Emin, denn man war sich dort der Schuld wohl bewußt, die man sich im Sudan auf die Schultern geladen hatte, und so bildete sich kurz nach der Veröffentlichung des eben erwähnten Briefes ein Ausschuß, der den Entsatz von Emin Bey herbeiführen sollte, und Stanley wurde an die Spitze einer mit sehr großen Mitteln ausgerüsteten Expedition gestellt. Auch Deutschland stand nicht zurück; es schickte Karl Peters aus, um Emin aufzusuchen, aber Peters hat den bedrängten Landsmann nicht mehr erreicht.

Schon im Januar 1887 befand sich Stanley in Kairo, um mit dem Khedive zu verhandeln, der ihm einen Ferman aushändigte, worin Emin in Anerkennung seiner Verdienste zum Pascha ernannt wurde. Zugleich wurde in diesem Schreiben dem Gouverneur von Wadelai die Mittheilung gemacht, daß die Aequatorialprovinz aufzugeben sei und daß Stanley die ägyptischen Offiziere, Beamten und Mannschaften auf irgend einem Wege nach Kairo zu bringen habe. Etwa in Wadelai Zurückbleibende hätten auf keinerlei Unterstützung mehr zu rechnen, sondern handelten auf ihre eigene Verantwortung.

Stanleys Zug ist noch zu frisch in aller Gedächtniß, als daß noch einmal darüber verhandelt zu werden brauchte[1]. Nur das sei erwähnt, daß der verwegene Engländer, um seine ehrgeizigen Pläne zu verfolgen, den denkbar verkehrtesten Weg wählte, denjenigen über den Kongo. Der Pascha war aufs äußerste enttäuscht über die Nachrichten, die ihm Stanley überbrachte. Und er hatte volles Recht dazu. Statt Hilfe brachte ihm sein „Retter“ nur neue Schwierigkeiten. Das heruntergekommene Aussehen der Stanleyschen Leute, die ganze Art, wie sich Stanley selbst einführte, war schuld an dem kurz nach seinem Erscheinen ausbrechenden Aufruhr unter den Sudanesen der Aequatorialprovinz.

Stanley hat dann bekanntlich Emin „gerettet“, das heißt mit Gewalt aus Wadelai weggeschleppt. Am 10. April 1889 brach die denkwürdige Expedition Stanleys und Emins vom Albertsee auf. Das Verhältniß zwischen den beiden Männern war derart, daß sie bis zur Küste keinerlei Verkehr miteinander pflegten.

Stanleys Zug war von Anfang bis zu Ende eine Kette unerhörter Roheiten, gegen seine eigenen weißen und schwarzen Begleiter wie gegen Emin. Greuelthaten, würdig eines afrikanischen Sklavenhändlers, ließ er sich selbst zu schulden kommen oder unter seinen Augen ausführen. Dieser Mann hat die Sympathien aller Gebildeten verloren, und seine bewundernswerthen Leistungen wiegen leicht gegen seine Sünden.

Am 4. Dezember 1889 erreichte Emin die Ostküste bei Bagamoio und kurz nach seiner Ankunft widerfuhr ihm eines Abends [732] infolge seiner Kurzsichtigkeit das Unglück, aus einem Fenster zu stürzen und sich einen Schädelbruch zuzuziehen. Er wurde geheilt, aber nur noch für Afrika lebend, konnte er es nicht über sich bringen, Europa zu besuchen. Auch mag seine Bescheidenheit ihn abgehalten haben – er wollte allen lärmenden Huldigungen aus dem Wege gehen. So sehen wir ihn denn im April 1890 schon wieder, und zwar diesmal in deutschen Diensten, an der Spitze einer Karawane nach dem Westen ziehen. In seiner Begleitung befanden sich Doktor Stuhlmann als Zoologe und Lieutenant Langheld. Emin selbst besaß jetzt neben dem Titel eines türkischen Paschas den Rang eines deutschen Majors. Aus der Zeit kurz vor diesem letzten Abmarsch nach dem Innern stammt der Brief Emins an die „Gartenlaube“, den wir hier in Faksimile wiedergeben. Leider hat er das darin gegebene Versprechen nicht mehr zu erfüllen vermocht.

In Tabora hißte er die deutsche Flagge, zog dann zum Viktoria Njansa und gründete dort die Station Bukoba, wo er den Lieutenant Langheld als Verwalter zurückließ. Im März 1891 brach er von Bukoba auf und erreichte, durch Karagwe und Mpororo marschierend, den Albert-Eduardsee.

Emin hatte seiner Zeit die Aequatorialprovinz nur schweren Herzens verlassen. Dort war der Schauplatz seiner langjährigen erfolgreichen Thätigkeit, dort mußte ohne seine Hilfe alles, was er geschaffen hatte, der Willkür fremder Eindringlinge anheimfallen. Ganz besonders aber lag ihm das Schicksal seiner Sudanesen am Herzen, die er dort hatte zurücklassen müssen, da Stanley alles aufgeboten hatte, um diese Leute von seiner Karawane fernzuhalten, weil er in ihnen ein gefährliches Gegengewicht gegen seine unumschränkte Macht sah.

Diese Zurückgebliebenen aus der bedrängten Lage zu retten, in der sie sich befinden mußten, das hatte Emin neben der Aufgabe, die ihm das Reich gestellt hatte, vornehmlich ins Auge gefaßt. Bei Kavalli stießen Anfang August thatsächlich 33 Sudanesen mit ihren zahlreichen Angehörigen zu ihm, entflohen aber wieder unter Mitnahme von Waren und Munition. Trotzdem hielt Emin an seiner Absicht fest und zog nach Süd-Momfu; aber hier verweigerten die Truppen den Weitermarsch nach Norden, da sich zu ungeheuren Entbehrungen fortwährend Angriffe durch die Eingeborenen und schlimme Krankheiten gesellten. Emin selbst jedoch, obgleich nahezu erblindet, wollte nichts von Umkehr wissen. Er schlug, nachdem Doktor Stuhlmann den Rückweg zur Küste angetreten hatte, die Richtung nach Westen ein. Er trug sich nach einigen Aeußerungen, die er Stuhlmann gegenüber fallen ließ, mit geradezu großartigen Plänen. Vor allem scheint ihn, nachdem inzwischen der deutsch-englische Vertrag es ihm unmöglich gemacht hatte, in seiner alten Provinz irged etwas zu unternehmen, die Absicht geleitet zu haben, gegen Kamerun vorzudringen, um dort im Hinterlande Verträge abzuschließen. Er hätte Deutschland damit politisch äußerst werthvolle Dienste geleistet. Leider können wir nun nicht mehr daran zweifeln, daß ihn der Tod ereilt hat, ehe er diese Pläne zu verwirklichen vermochte.

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Ein Brief Emins an die „Gartenlaube.“[WS 2]

Emin hatte sich dem Kongo zugewendet. Er traf dort den Araber Said bin Salim, der mit den Kongo-Arabern in Uneinigkeit lebte, und zog mit ihm zusammen weiter. Diesem Araber gehörten auch wohl die Elfenbeinvorräthe, die angeblich Emin mit sich führte. Unglücklicherweise langte Emin gerade zu der Zeit am Kongo an, als dort die Wogen des Araberaufstandes am höchsten gingen, veranlaßt durch die Streitigkeiten zwischen den Arabern und dem Kongostaate. Der Pascha hatte sich durch sein Auftreten gegen die ostafrikanischen arabischen Sklavenhändler des Gebietes um den Viktoriasee den Groll dieser Sippe zugezogen, die nun Rache nahm, als der Verhaßte in ihre Hände fiel. Sie ermordeten den Unglücklichen am Kongo.

Durch die Zeitungen ging das Gerücht, daß man in Emins Nachlaß, der durch englische oder belgische Offiziere zum Theil gerettet wurde, eine Urkunde gefunden habe, in der die ganze Aequatorialprovinz den Engländern überlassen werde. Stuhlman[n] meint, daß dieses Gerücht folgenden Grund habe: der in Uganda verstorbene englische[WS 3] Missionar Makai habe vor Stanleys Erscheinen dem Pascha einen acht Seiten langen Vertrag zum Unterschreiben übergeben, durch den die Aequatorialprovinz an England abgetreten werden sollte. Emin habe dieses Schriftstück mit sich geführt und es gelegentlich als Kuriosität vorgezeigt. Daß er es nachträglich unterschrieben haben sollte, glaubt Stuhlmann nicht.

Emin scheint – und neuere Nachrichten bestätigen das – bereits im Oktober oder November vorigen Jahres ermordet worden zu sein, denn schon im April erhielt der in Sansibar weilende Tipo Tip eine Nachricht über den Tod des kühnen Mannes.

Emin hinterläßt eine kleine neunjährige Tochter Ferida, deren Bild die „Gartenlaube“ in Nummer 40 veröffentlicht hat. Für ihre Zukunft hat ihr Vater vor seiner letzten Abreise ins Innere durch Hinterlegung einer größeren Summe auskömmlich gesorgt[.] –

So ist denn das Leben Emins, das für Afrika so viel bedeutet, geschlossen, und das Urtheil über ihn wird sich hoffentlich nun klären. Es ist begreiflich, daß ein Mann wie er seine Neider und Feinde hat, und diese sind denn auch bemüht, die weniger guten Seiten in seinem Leben und Charakter hervorzuheben. Doch sind es deren wahrlich wenige! Jeder Mensch hat Fehler, und diejenigen Emins bestanden darin, daß er es manchmal vorzog, auf Umwegen das Ziel zu suchen, statt auf dem geraden Wege darauf loszugehen. Seine Leichtgläubigkeit ließ ihn manchmal Handlungen begehen, die zum Unheil ausschlugen. Nie aber hat er Böses gewollt; seiner Menschenliebe hat er besonders während seines Wirkens in der Aequatorialprovinz das glänzendste Zeugniß ausgestellt – hat er es doch vermocht, in dem ganzen von ihm verwalteten Gebiete die Sklaverei so gut wie vollständig zu unterdrücken!

Man nennt Emin oft einen Abenteurer. Mit Unrecht! Der Anfang seiner Laufbahn mag wohl manches von einem solchen gehabt haben und etwas Abenteuerlust muß jedem innewohnen, der Aehnliches unternimmt wie er. Wer aber mit solch zielbewußtem Streben an seine Aufgabe herantritt wie Emin im Innern Afrikas, wer ein unter türkischer Paschawirthschaft so heruntergekommenes Land, wie jene Provinzen es waren, binnen kurzem in eine reiche Erträge abwerfende Provinz mit ausgezeichneter Verwaltung und gerechter Justiz verwandelt, den kann der Vorwurf, ein Abenteurer zu sein, nicht mehr treffen, um so weniger, wenn sich derselbe Mann auch in der Wissenschaft ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat.

Emin vereinigte in seiner Person den Staatsmann, Organisator, Feldherrn und Gelehrten, und dies im Verein mit seiner Milde und Menschenliebe hob ihn hoch über das Durchschnittsmaß seiner Mitmenschen. Ueber seine persönliche Leutseligkeit und Liebenswürdigkeit sind alle des Lobes voll, die je mit ihm in Berührung gekommen sind. Sein Andenken wird im deutschen Volke fortleben und seine Thaten sichern ihm einen hervorragenden Platz unter den bedeutendsten Männern aller Kulturvölker.


  1. Vergl. „Gartenlaube“ 1890, Nr. 26 und 27.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: nothwenig
  2. Brieftext:
    Bagamoio 1. April 1890.

         Sehr geehrter Herr!
    Im Begriffe eine neue Expedition ins Innere Afrikas zu leiten wird es mir kaum möglich sein mich schriftstellerischen Arbeiten zu unterziehen oder auch nur die durch ziemlich langen Aufenthalt in Afrika gewonnenen Resultate zu verarbeiten[.] Ich muss deshalb zu meinem Leidwesen das mich als alten Leser der Gartenlaube sehr erfreuende Anerbieten einer Veröffentlichung meiner Erfahrungen ablehnen. Wollen Sie mir jedoch gestatten, Ihnen hin u. wieder einen Reisebrief aus dem Innern zu senden, so will ich das gern thun[,] ohne mich jedoch an bestimmte Termine zu binden[.]
    Genehmigen Sie den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung.
    Ergebenst
    Dr. Emin Pascha
  3. Vorlage: engliche