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Titel: Eine auf- und niedertauchende Insel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 92–93
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Entstehung und Vergehen einer Vulkaninsel im Jahre 1831
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Eine auf- und niedertauchende Insel.

Im mittelländischen Meere bereitet sich zur Zeit ein Phänomen vor, welches die allgemeine Aufmerksamkeit in hohem Grade auf sich zieht, und zu dessen näherer Beobachtung zahlreiche naturwissenschaftliche Wallfahrten in’s Werk gesetzt werden. Eine neue Insel ist im Begriff sich zu bilden. Mitten aus dem Wasser heraus wächst der Grund des Meeres, so daß er in kurzer Zeit über den Spiegel hervorragen wird. Die Stelle, wo dies geschieht, liegt in der Straße zwischen Sicilien und der afrikanischen Küste, und wird auf der Karte ziemlich genau durch den Mittelpunkt der Verbindungslinie bezeichnet, welchen man zwischen der sicilianischen Stadt Sciacca und der kleinen Insel Pantellaria ziehen kann.

Wenn man die Verhältnisse jener Gegend kennt, so weiß man, daß diese ein großes vulcanisches Gebiet darstellt, welches im Norden Siciliens durch die liparischen Inseln, mit dem ewig brennenden Stromboli und der Insel Ustica, im Osten durch den altehrwürdigen Aetna, im Süden durch die schon genannte Insel Pantellaria begrenzt wird, deren Fundament aus lauter Laven und vulcanischen Schlacken gegründet ist. Die Südwestküste Siciliens mit den reichen Schwefellagern Girgenti’s und den um Sciacca zahllos entsprudelnden heißen Quellen giebt den sprechendsten Beweis, daß auch hier, wie im Norden und Osten, die Aeußerungen der gewaltigen unterirdischen Kräfte ihre Endschaft noch nicht erreicht haben. Nur treten sie für gewöhnlich nicht so großartig zu Tage wie dort. Die Decke, welche im Laufe der Zeit sich über ihren Heerd gespannt hat, hat die Verbindungscanäle mit dem Innern, wo die Gluth die Lava in ewigem Fluß erhält, geschlossen, während wir in dem weithinab reichenden Kraterschlund des Stromboli die feurig geschmolzene Masse in fortwährend auf- und absteigender Bewegung erblicken, und durch die wenn auch seltenen Ergüsse des Aetna erinnert werden, daß das große Sicherheitsventil der Insel Sicilien ihr Bestehen in statu quo garantirt. Allein so fest sich auch scheinbar im Südwesten Siciliens der Boden über das feurige Innere gebildet hat, er vermag doch nicht immer den entstehenden Spannungen das Gleichgewicht zu halten. Wenn dieselben ihn auch nicht jedesmal zu zersprengen vermögen, so können sie doch Auftreibungen und blasenförmige Anschwellungen an der Oberfläche bewirken. Zwischen Sciacca und Pantellaria nun steigt jetzt eine Erdblase so rasch empor, daß in kurzer Zeit die Geographen ihre Karten des mittelländischen Meeres wieder werden ändern müssen, wieder, weil es genau an dieser Stelle schon früher und, wie es scheint, zu wiederholten Malen eine Insel gab, die abwechselnd in das Meer versank und wieder emportauchte.

Unter den Schiffern Malta’s lebt eine Tradition von dem früheren Bestehen eines solchen Eilandes, dasselbe findet sich auch auf alten Karten verzeichnet; noch andere Nachrichten erzählen, daß auch zu Anfang des letzten Jahrhunderts hier eine Insel gestanden habe. Alle diese Berichte haben aber für uns ein weit geringeres Interesse als diejenigen, welche sich auf ein Ereigniß zu Anfang der dreißiger Jahre beziehen, weil die Vorgänge von damals gewissermaßen das Programm aufstellen, nach dem das jetzt erwartete Phänomen verlaufen wird.

Man hatte zu jener Zeit keine andere Meinung, als daß das Meer zwischen Pantellaria und Sciacca eine durchschnittliche Tiefe von 5 – 600 Fuß habe. Messungen in den zwanziger Jahren hatten dies bestätigt, und nur östlich von der Linie eine weniger tiefe Stelle, die Bank Nerita, wahrnehmen lassen, auf welcher seit langer Zeit trapanische Schiffer Korallen zu fischen pflegten. Da erblickte am 8. Juli 1831 der Führer der sicilianischcn Brigantine H. Gustavo, Namens Francesco Trefiletti, welcher am 6. Juli Malta verlassen hatte und sich auf der Fahrt nach Palermo befand, über jener Tiefe ein eigenthümliches Schauspiel. Bald nach Mittag nämlich bemerkte er in dritthalb (engl.) Meilen Entfernung und nordwestlich von dem Schiffe eine große sich erhebende Wassermasse, auf welche er lossteuerre, um sich zu überzeugen, ob er auch richtig sehe. Als er der Erscheinung bis auf drei Viertelmeilen sich genähert hatte, vernahm er ein donnerähnliches Getöse. Gleich darauf stieg ein schwärzlich gefärbter Wassersprudel empor bis auf eine Höhe von mehr als 80 Fuß und von einer Breite ansehnlicher, als die eines Linienschiffes. Nach etwa zehn Minuten sank das Wasser, dafür aber entwickelte sich aus ihm eine dicke Rauchmasse, welche den ganzen Horizont einhüllte. Alle Viertel- bis halbe Stunden wiederholte sich der Ausbruch; die Erschütterung des Wassers war auf dem Schiffe bemerkbar, und auf der Oberfläche schwammen zahlreiche todte und sterbende Fische.

In Sciacca, der oben erwähnten nächstgelegenen sicilianischen Stadt, wußte man von dem Ereignisse noch nichts, ein trüber Horizont verhüllte die Aussicht auf das Meer. Erst am 12. Juli sah man eine große Menge kleiner Lava- und Bimssteinstückchen auf dem Wasser schwimmen; die Fischer, welche in See gingen, mußten sich weiter hinaus selbst mit dem Ruder durch sie Platz machen. Mit nicht geringerer Verwunderung begegneten sie einer Menge frisch getödteter großer Fische, von denen sie viele aufsammelten und nach Sciacca zum Verkauf brachten. Niemand konnte sich die Ursache erklären, bis man am 13. Juli früh von der Küste aus am Meereshorizonte eine hoch aufsteigende Rauchsäule gewahrte, in welcher sich, als es dunkel wurde, Feuererscheinungen zeigten. Jetzt wurde es Gewißheit, daß sich ein neuer Vulcan im Meere gebildet habe.

Zu derselben Zeit befand sich der berühmte, leider bald darauf inmitten seiner jugendlichen Kraft verstorbene deutsche Geognost Friedrich Hoffmaun, dessen classischen Berichten wir diese Thatsachen entnehmen, auf einer wissenschaftlichen Reise durch Italien. Er empfing die Nachrichten von den wunderbaren Ereignissen in Palermo und reiste augenblicklich mit seinen Gefährten ab, um die Erscheinung genauer zu erforschen. Am 20. Juli kam er in Sciacca an. Zwar hatte er schon viele Meilen vorher auf der höher gelegenen Landstraße die Rauchsäule im Meere bemerkt, an der Küste fand er die Schlackenstückchen, welche den feinen Sand des Strandes mit einer dicken Schicht bedeckten, aber keiner von den Schiffern getraute sich, die Gesellschaft zu der merkwürdigen Stelle selbst zu führen.

Die Bevölkerung der Stadt versammelte sich in den kühlen Abendstunden auf der frei gegen das Meer gelegenen Terrasse, welche das Piano di San Domenico bildet, und die Blicke nach der von Feuer durchzuckten Rauchsäule gerichtet, horchten sie in ahnungsvoller Stille nach dem herüberschallenden Donner, dessen Rollen oft eine Viertelstunde und darüber anzuhalten pflegte. Die Unbequemlichkeiten einer kleinen Seereise zu unternehmen, um sich über die Beschaffenheit der Vorgänge am Ausbruchsorte zu unterrichten, oder auch nur die Neugierde über einen Gegenstand zu befriedigen, über den so unendlich viel geschwatzt wurde, dazu fühlte sich Niemand angeregt. Endlich gelang es den deutschen Forschern, einen jener kleinen Küstenfahrer, Schifazzi genannt, zu miethen, welche von den muthigen Trapanesen geführt werden, und am 24. Nachmittags erreichten sie den Ort, wo die Rauchsäule dem Meere entstieg. Mit Erstaunen erblickten sie hier eine neue Insel, plötzlich aus dem Meere emporgewachsen, deren Umfang sie bei genauerer Untersuchung auf 3000 Fuß, und deren höchste Höhe auf 60 Fuß schätzten. Ununterbrochen erhoben sich aus ihr ungeheure Dampfmassen, die in große Kugeln geballt mit Heftigkeit emporwirbelten und durch ihr im Sonnenschein fast blendend weißes Ansehen den in tausendfältigen Abstufungen durcheinanderwogenden Dunstmassen etwas ungemein Malerisches gaben.

„Prachtvoll entfalteten sich,“ schreibt Hoffmann, „geräuschlos hervorgleiteud diese Nebel wie große Schneemassen oder wie Ballen frischer Baumwolle übereinander gehäuft und bildeten locker aneinander gekettet die riesengroße Säule, welche ununterbrochen den Ort ihrer Entstehung bezeichnete. In Zeitabständen von zwei und drei Minuten fuhren durch die glänzend weiße Hauptmasse, mehr oder minder hoch, schwarze Schlackenwürfe. Die durcheinander getriebenen Dampfwolken ballten sich heftiger und schienen in sehr ansehnlicher Breite bis zur Oberfläche des Meeres wieder herabzurollen. Verschwunden war die Insel, und die aufwallende Wasserfläche schien mit den stürmisch durcheinander rollenden Dämpfen und den Schlackenwürfen in ununterbrochenem Zusammenhange, bis die Bewegung des Windes sie wieder auseinander brachte.

Majestätisch erhob sich dann wieder die lichte Rauchsäule wohl bis zu 2000 Fuß in den blauen Himmelsraum, und schon war die Rede davou, das kleine Boot auszusetzen, um die frischaufgetauchte Küste dieser neuen Schöpfung zu betreten, an welcher die Wogen sanft und gleichmäßig brandeten. Da änderte sich plötzlich [93] das Bild. Dicken Dampfwolken folgten sehr schnell schwarze Aschenwürfe, und ununterbrochen hervorschießend arbeiteten sich Schlacken-, Sand- und Steinwürfe bald empor bis zur Bildung einer drohend dastehenden schwarzen Säule, deren Höhe reichlich 600 Fuß über dem Meere betragen mochte. Stets neue Schüsse drangen durch das Dunkel dieser furchterregenden Hauptmasse. Wie Raketenbüschel verbreiteten sie sich garbenförmig am oberen Ende. Vorn schossen, durch größere Schwungkraft getrieben, die schweren Schlacken- und Steinstücke, und ein dunkler breiter Sandstreifen bezeichnete die Bahn ihrer Wurflinien. Stets wie die großen Sand- und Aschenmassen von dem Scheitelpunkte, bis zu welchem sie geschleudert worden, sich zurückbogen, um als dichter schwarzer Regen dann in’s Meer oder auf die Abhänge zu fallen, entwickelten sich aus den umgebogenen Rändern ihrer Würfe überaus herrlich jene schneeweißen wogenden Dampfmassen, und der Anblick der schwarzen Säule mit weißen Kronen war auf dem dicht verdunkelten, von grauem Nebel gefärbten Hintergrunde unglaublich prächtig. Durch die schwarze Aschenwolke fuhren hellleuchtende Blitze, denen jedesmal ein lang anhaltender Donner folgte.“

Die Gartenlaube (1864) b 093.jpg

Die Insel Ferdinandea am 23. September 1831.

So wuchs die Insel durch die regelmäßig sich wiederholenden Auswürfe von Tag zu Tag und änderte mit ihren Dimensionen ihr Aussehen.

Der heftig wehende Westwind trieb das leichte Material nach Nord-Osten; dadurch hatte sich auf dieser Seite eine Erhöhung gebildet, während auf der Südwestseite die Einfassung der nach unten reichenden trichterförmigen Oeffnung kaum über die Wasserfläche emporstieg. Hoffmann schätzte den höchsten Punkt (Mitte Juli) zu 60 Fuß.

Am 2. August war er bereits 100 Fuß hoch, und die höchste Höhe, bis zu welcher er im Laufe der ersten Hälfte dieses Monats noch anstieg, betrug gegen 180 Fuß. Die Südwestseite, welche anfänglich noch dem Meereswasser Zutritt zu dem Rauchfange des Vulcans gestattet hatte, erhob sich bis gegen 50 Fuß hoch, und das Ganze erhielt das Ansehen eines oben eingesunkenen Berges, dessen in so kurzer Zeit vom Grunde des Meeres emporgewachsene Höhe bald gegen 800 Fuß betrug.

Solche Veränderungen der scheinbar festgegründeten Erde bewirkt heute noch die vulcanische Gewalt.

Noch waren nicht drei Wochen seit der ersten Nachricht vergangen, die Insel war noch gar nicht fertig, als die Engländer (2. August) nach allen Formen des Seerechtes von dem Eilande Besitz nahmen, obgleich dasselbe innerhalb sicilianischen Inselgebietes dem Meere entstiegen war. Gegen Ende September besuchte Hoffmann zum zweiten Male die merkwürdige Stelle, zu gleicher Zeit traf eine französische Brigg dort ein mit dem Akademiker Prevost und dem Maler Joinville an Bord. Mittlerweile (seit dem 12. August) hatten die Auswürfe aufgehört. Die Zufuhr neuen Materiales aus der Tiefe war beendet, aber damit war keine Ruhe über das kleine Land gekommen. Mitten im Meere gelegen und ganz dem Andrange des Windes und der Wellen ausgesetzt, konnten die losen Bestandtheile den vereinten Bestrebungen der Elemente nicht widerstehen. Das Werk der Zerstörung war im vollen Gange. Ausschüttungen und Unterwaschungen verursachten Abstürze, und im Vorüberfahren sahen die Reisenden fortwährend große, neuabgelöste Sandmassen von den angegriffenen Anhängen herabrollen und theilweise ins Meer stürzen, theilweise als Staub von dem wirbelnden Scirocco in die Luft getragen werden. Der nahezu kreisförmige Umfang der Insel betrug im September höchstens noch 2000 Fuß, und der Flächeninhalt hatte sich demnach zu dieser Zeit schon um die Hälfte vermindert. Ende October war der Umfang nur noch 1600 Fuß, von Tag zu Tag wurde die Insel kleiner, endlich war sie ganz wieder verschwunden, und mit dem Schluß des Jahres 1831 rollten wieder die Wogen ihr wechselndes Spiel, und das klare Mondlicht fiel fragend auf die Stelle, wo kurz vorher unterirdische Kräfte ein Merkzeichen ihres unberechenbaren Wirkens aufgebaut hatten.

Die vier Culturnationen, Italiener, Deutsche, Engländer und Franzosen, hatten die Wellenschaumgeborene in charakteristischer Weise begrüßt. Die Einen durch eine neugierig scheue Menge mit offenen Mäulern und langen Hälsen, die Andern durch einen ihrer größten Forscher, edlen Ernst und schöne Begeisterung, die Franzosen, um sie zu malen, die Engländer, um sich einen möglicherweise festen Punkt zu sichern. Alle, nur der Deutsche nicht, hatten für sie geschwind irgend einen oder mehrere Namen bei der Hand.

Der Capitain, welcher die englische Flagge aufpflanzte, nannte die Insel Graham-Island, ein Anderer Hotham-Island, nach dem auf Malta stationirten englischen Admiral, wieder Andere wollten die erste Entdeckung dem Capitain Corrao zuschreiben und gaben der Insel den Namen Corrao; weil sie im Juli emporgetaucht war, tauften sie die Franzosen Julie oder Isola Giulia; bei den Sicilianern aber hieß sie Nerita, fälschlicherweise, denn sie ist nicht auf der gleichnamigen Korallenbank entstanden, oder Isola Ferdinandea, zu Ehren ihres Königs Ferdinand’s II. Von allen diesen Namen wurde der letztere endlich fast allgemein angenommen, bis mit dem Wiederversinken der Insel auch er vergessen wurde. Wem fällt dabei nicht des Sängers Fluch ein? Das einzige Denkmal, an dessen Entstehung keine fluchwürdige That jenes Königs sich knüpfen läßt, dessen Nennung keine Verwünschung auf die Lippen treibt – das wusch das Meer hinweg.

Aehnliche Vorgänge wie im Jahre 1831 haben wir jetzt wieder zu erwarten. Ob sich der Krater wieder öffnen wird, ob dauernde Ausbrüche daraus erfolgen werden, ist eine Frage, welche die Naturforscher lebhaft beschäftigt. Die Untersuchung dieses merkwürdigen Phänomens muß werthvolle Resultate für die Geschichte der Erde liefern. Deswegen und weil höchst wahrscheinlich die Zeit der Beobachtung wiederum nur eine kurze sein wird, erregt das langsame Erscheinen der vielnamigen Insel unser hohes Interesse. Nicht durch einen gewaltigen Ausbruch hat sie sich diesmal angekündigt, sondern durch ein langsames, aber stetiges Heben des Grundes, welches seit einiger Zeit von den Schiffern beobachtet worden ist. Eines Tages wird derselbe über die Oberfläche emporragen und die Engländer zu einer wiederholten Besitzergreifung einladen. Aber wie die Insel kommt, so wird sie auch wieder gehen – eine Undine, welcher höhere Mächte erlauben, dann und wann auf kurze Zeit im wärmenden Strahle der Sonne sich zu freuen.