Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Ernst Förster
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Eine Erinnerung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 6, S. 88–91
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[88]
Aus der „guten alten Zeit“.[1]
Eine Erinnerung von Ernst Förster.

Ich war im Jahre 1820 Student an der Berliner Hochschule, hörte die Vorlesungen von Schleiermacher, Hegel, Ermann, Tölken u. A. und war Mitglied des philologischen Seminars. In letzterer Eigenschaft ward ich für eine philologische Abhandlung „De expeditione Bacchi in Indiam“ mit dem großen Preis beehrt; er betrug außer der Belobung ein Geschenk von dreißig Thalern, eine für meine Verhältnisse und Lebensgewohnheiten nahebei kolossale Summe. Ueber ihre vernünftigste Verwendung war ich nicht lange im Zweifel. Das Sommersemester war zu Ende; eine ausgedehnte Ferienreise entsprach so sehr meinem Verlangen, Deutschland nach allen Richtungen kennen zu lernen, daß ich sogleich einen Plan entwarf, und – da ich bereits Rhein und Schweiz besucht – Salzburg und Tyrol als Ziele aufstellte. Den Ranzen mit Kleidern, Wäsche, Schreib- und Zeichen-Materialien auf dem Rücken, trat ich meine Wanderung an einem schönen Augustmorgen an und ging zunächst, um meine Mutter zu besuchen, nach Altenburg. Zu Leipzig war ich mit den jungen Fürsten Schwarzenberg zusammengetroffen, deren Einer (der bekannte „Landsknecht“) mich nach wenig Tagen durch eine Depesche – welch’ ein Aufsehen in damaliger Zeit! – einlud, in seiner Gesellschaft nach Prag zu reisen. Er ging als Courier, und selten habe ich einen Weg von solcher Länge in angenehmeren Verhältnissen zurückgelegt. Abgesehen von dem Vorausgefühl einer Eisenbahnfahrt, an die damals noch Niemand denken konnte, war mir die Beseitigung aller Paß- und Mauthplackereien eine hohe Annehmlichkeit, und die heiterste Laune und gutes Wetter machten die Reise zur Spazierfahrt.

In Prag fand ich den jungen Grafen Franz Colloredo-Mannsfeld, den ich von früherher kannte, und da auch er eben im Begriff war, eine Reise nach Salzburg und Tyrol anzutreten, war er rasch entschlossen, mit mir zu gehen, obschon sein Reisewagen gepackt stand und ich auf Fußwanderung drang. Er ließ seinen Gouverneur im Reisewagen nach Linz fahren und ging mit mir und noch einem Prager Studenten, C. Pichler, auf der Budweiser Straße durch’s Böhmerland, auf welchem Wege wir mehrfach Gelegenheit hatten, die verschmitzte Brutalität des czechischen Landvolks, sowie die Bornirtheit der Polizeibehörden kennen zu lernen. Mußten wir doch in einem Dorfwirthshause Strafe zahlen, weil wir die Wirthin gegen Gewaltthätigkeiten der Bauern in Schutz zu nehmen versucht: 25 fl., in die sich vor unsern Augen Schulze und Bauern theilten! Ja, in Budweis wurde mir gar die Aufnahme einiger architektonischer Ornamente im Kreuzgang eines Klosters von Polizeiwegen verwehrt! Aber bald sollten wir von österreichischer Polizei noch andere Annehmlichkeiten erfahren.

In Linz verlangte der Polizei-Commissär von Colloredo, er solle mit seinem Gouverneur weiterreisen, und erst auf die Drohung des Grafen, er werde dies sogleich seinem Vater (dem Generalfeldzeugmeister in Wien) melden, erhielt er die Erlaubniß, die Reise mit mir fortzusetzen. Der Gouverneur aber, ein alter, schwächlicher Herr, trat – nachdem er seinen Zögling mir auf die Seele gebunden – seinen Rückweg nach Prag an.

Es folgten nun Tage der seligsten Reisezeit. Begünstigt vom herrlichsten Wetter, voll jugendlicher Empfänglichkeit für alles Schöne, Große und Gute, schwelgten wir in den Gaben, welche die wunderreiche Natur des Salzkammergutes bietet. Wir durchschifften die Seen, erstiegen die Alpen, fuhren in die Schachte der Salzbergwerke, lernten das Leben in den Sennhütten kennen, kletterten mit den Jägern den Gemsen nach und kehrten immer wieder nach Gmunden am Traunsee zurück, wo wir von den Bewohnern des Städtchens uns wie liebe Freunde und Verwandte behandelt und selbst zu Familienfesten gezogen sahen.

Auf Sonnenschein folgt Regen! Er sollte auch uns nicht ausbleiben. In Salzburg angekommen, erfuhr ich vom Polizeicommissär, mein Paß laute auf Salzburg, hiermit sei meine Reise zu Ende. Ich reiste auf einen kgl. preuß. Ministerialpaß, in welchem Salzburg als Richtung der Reise, aber mit einem „und weiter“ angegeben war. Ohne neue Visa eines österreichischen Gesandten konnte ich nicht weiter, und so entschloß ich mich, um diese zu erlangen, nach München zu gehen, und versprach meinen Reisegefährten, nach fünf Tagen mit ihnen in Berchtesgaden zusammenzutreffen. Es war eine hübsche Aufgabe, vier Tage nacheinander je zehn Meilen, dazwischen am Münchner Rasttag eine große Anzahl Gänge zu machen zur Erlangung der Visa! Sie ward gelöst, die Reise von Berchtesgaden aus gemeinschaftlich über den Hirschbüchl in’s Pinzgau fortgesetzt.

Unsere Absicht war, über die Naßfelder Tauern in’s Pusterthal zu gehen; allein in Gastein erfuhren wir zu unserem Leidwesen, es sei so tiefer Schnee gefallen, daß ein Uebergang unmöglich wäre. Wir mußten umkehren und wandten uns nun von Lend aus westlich durch’s Pinzgau nach Kriml. Wir kamen im Dorfe zeitig genug an, um noch den nahen großen und schönen Wasserfall aufzusuchen. Hier hatten wir ein kleines Abenteuer, das uns lächerlich genug dünkte. Während wir der scheinbar in weiten Gewandfalten über die Felswand ausgebreiteten Wassermasse und ihrer sanften Bewegung zusahen, trat aus dem Gebüsch ein Polizeisoldat vor und an uns heran und frug nach unsern Pässen. Ich reichte ihm den meinigen, bemerkte aber sogleich, daß er ihn nicht las, oder lesen konnte, denn er hielt ihn verkehrt. Dann sagte er, ohne die andern Pässe in die Hand zu nehmen, mit pfiffiger Miene: „Hab’ schon die Ehre zu kennen, von Linz her,“ und ging weiter. Wir waren zu harmlose Wanderer, um uns dabei etwas Besonderes zu denken; nur als ich im Wirthshaus auf meine Frage an den Wirth, ob der dasige Gensd’arm kürzlich in Linz gewesen, eine verneinende Antwort erhielt, kam mir ein flüchtiges Bedenken.

Doch unsere Gedanken nahmen sehr bald eine andere Richtung, als wir die Bekanntschaft einiger Viehtreiber machten, die den Vorsatz hatten, am nächsten Tag mit einer Heerde Hornvieh über die Tauern zu gehen. Natürlich schlossen wir uns an; denn gerade auf die Alpenhöhen und einige Beschwerden und Fährlichkeiten war unser Sinn vornehmlich gerichtet. Letztere waren nicht groß; aber an Beschwerden hatten wir keinen Mangel. Wer mit einer Anzahl Viehtreiber eine Nacht in einem Tauernhaus zugebracht, wird davon zu erzählen wissen, wenn ihm auch nicht im Schnee das Schuhwerk erweicht worden und von den Füßen gefallen sein sollte, wie mir damals. Aber alle Leiden waren vergessen, als uns das liebliche Pusterthal aufgenommen, in welchem wir nun mit immer wachsender Lust hinabwanderten, mit der frohen Hoffnung, in Botzen und Meran halbitalische Luft und Landschaft und süße Trauben in Fülle zu finden. Wir wurden unsanft aus unsern Träumen aufgeweckt!

Am 27. September, am Abend eines der schönsten Herbsttage, die den Himmel auf die Erde zu bringen scheinen, waren wir in Clausen angekommen und hatten im Gasthof zum weißen Rössel freundliche Aufnahme gefunden. Gegen Mitternacht wurde ich aus dem Schlaf aufgerüttelt. Ein Herr in Uniform trat in Begleitung einiger andern Männer an mein Bett, erklärte mich nebst meinen Reisegefährten „auf höhern Befehl“ für Gefangene, nahm alle Reiseeffecten von uns zu sich, und ließ, nachdem er den Thatbestand zu Protokoll gebracht und sich entfernt hatte, sechs Mann Wache bei uns zurück.

Wir waren in der That wie aus den Wolken gefallen, und Keiner von uns konnte nur im Entferntesten einen Grund der über uns verhängten Maßregel errathen. Harmlosere Wanderer konnte es nicht geben; wir waren glücklich in Wanderlust, im Genuß der herrlichen Natur, in gegenseitiger Freundschaft und Erheiterung, waren mit keiner Seele in Streit gekommen, hatten auch nirgend politische Gespräche geführt und waren den Paßvorschriften auf’s Pünktlichste nachgekommen. Nur eine Vermuthung blieb offen: ich hatte die malerische Ansicht des Klosters Seben bei Clausen und seiner Umgebung in mein Skizzenbuch gezeichnet, und in Erinnerung an das Verfahren der Budweiser Polizei tauchte in uns der Verdacht auf, daß hier der Frevel durch mich geschehen sei, der uns um unsere Freiheit brachte. Es war ein Irrthum.

[89] Am andern Morgen wurden wir in’s Verhör geführt, aber abgesondert vernommen. Auch nun kam keinerlei Anklage zum Vorschein; die an mich gerichteten Fragen waren großentheils durch den Paß beantwortet. Nur zwei derselben gingen weiter und deuteten auf Veranlassung unserer Gefangennahme: ich sollte angeben, mit welchen Personen wir auf der Reise zusammengetroffen und was wir mit ihnen und unter einander gesprochen. Letztere Frage war so albern, daß der Landrichter – das war auch der uniformirte Herr der Nachtscene – selber lächeln mußte; die erstere ließ sich natürlich auch nur unvollständig beantworten, da der Personen so viele, aber meist (für unser Gedächtniß) namenlose gewesen, mit denen wir in gewöhnlichen Reiseverkehr gekommen. Alle diese Fragen erwiesen sich auch sehr bald als leere Formalität, und der Landrichter, ein humaner und verständiger Mann, dem die Verhandlung offenbar peinlich war, äußerte mir geradezu: „Ich sehe, man hat mir eine sehr unangenehme Arbeit und Ihnen eine ganz unnöthige Störung Ihrer Reise gemacht. Ich bin aber nur eine Vollzugsbehörde und muß höhern Befehlen gehorchen. Diese lauten dahin, daß Sie Ihre Reise nicht nach Botzen fortsetzen dürfen, daß Sie vielmehr auf dem kürzesten Wege nach Innsbruck gehen, nicht aber in Gemeinschaft wie bisher. Graf Colloredo und H. Pichler werden noch heute dahin abreisen; Sie werden Clausen erst morgen verlassen. Aber ich erlaube mir, Sie Nachmittag zu einem Spaziergang einzuladen, da Sie Freund von landschaftlichen Schönheiten zu sein scheinen.“ Auf meine wiederholte Anfrage nach dem Grund des gegen uns eingeschlagenen Verfahrens erfuhr ich nichts Anderes, als „es geschehe auf höheren Befehl“; dieser selbst aber ward mir nicht gezeigt, noch mitgetheilt, von wem er ausgegangen.

Ein kurzer Abschied ward den drei Freunden gestattet; er war – nach so froh verlebten Tagen herzlicher Gemeinschaft – bitter genug. Der Nachmittagspaziergang (ins benachbarte Kapuzinerkloster) war sehr schön; der Landrichter benahm sich durchaus gut, stellte auch keine Wache mehr vor meine Thür im Wirthshaus, und so hoffte ich das Schwerste hinter mir zu haben.

Am andern Morgen wurde ich noch einmal aufs Landgericht geladen. Der Landrichter eröffnete mir, ich würde – da ich es wünschte – meine Reise zu Fuß machen, ein Diener in Civil würde mich begleiten und meine Sachen tragen. Mein Einverständniß damit hatte ich durch meine Unterschrift kund zu geben. Man ließ mir meinen mineralogischen Stock und meine Zeichenmaterialien, dazu die Landkarte und ein Buch zum Lesen, nicht aber meinen Paß; „ihn hat der Führer,“ hieß es. Die Reise ging trefflich von statten; das Wetter war günstig und der Führer ein ganz ordentlicher Tyroler. In Brixen ward ich aber nicht, wie ich wünschte, in den „Elephanten“, sondern ins Polizeigebäude geführt und, nach stundenlangem Stehen in einem Vorraum, endlich von einem alten Männchen durch dunkle Klostergänge – in ein Wirthshaus? nein! – in ein Gefängniß gebracht. Es war ein kleiner Raum von etwa 6 Fuß im Quadrat, mit einer Pritsche an der einen Wand, einem halbzerbrochnen Wasserkrug daneben, einem ganz zerbrochenen, aber vergitterten Fenster darüber. Mein altes Männchen nahm mir „auf höheren Befehl“ Alles ab, was mir der Landrichter in Clausen noch gelassen hatte, wünschte mir freundlich „Lebewohl“ und verschloß und verriegelte meine Thüre.

Auf diese Anwendung des seinem Wortlaut nach ganz unverfänglichen Spruches des Clausener Landgerichts war ich nicht gefaßt. Nachdem man mich etwa eine Stunde oder länger meinen Gedanken überlassen, kam das alte Männchen mit einem (wohl seinem) alten Weibchen und einer Schüssel Wassersuppe, die sie mich einluden, mit „gutem Appetit“ zu verzehren, wozu ich mich bereit finden ließ, da eine Wahl mir nicht gelassen war. Es waren gutmüthige Leute, die mir durch ihre Gesellschaft wenigstens eine Stunde lang die Kerkerhaft erträglicher machen wollten. Wieder allein hinter Schloß und Riegel, streckte ich mich aufs Lager und suchte im Schlaf Vergessen der widrigen Gegenwart. Durch’s offene Fenster tönte Tanzmusik und gab mir mit der Vorstellung fröhlicher und freier Menschen angenehme Traumbilder, die mich bis zum Morgen umgaukelten. Da wecke mich Kettengerassel vor meiner Thür. „Wo kommt er bin?“ hörte ich fragen, und die Antwort: „nach Innsbruck aufs Zuchthaus!“ Mir ward nicht wohl dabei zu Muthe; denn wo hatte ich Aussicht auf irgend einen Beistand? Die Kerkerthür ward geöffnet, aber sogleich wieder geschlossen: ich war nicht die gesuchte Person. Eine Stunde später ward ich zur Weiterreise abgeholt, die unter den Verhältnissen, wie von Clausen aus, stattfand. Der Weg war eben so erfreulich durch landschaftliche Schönheiten, als interessant durch geschichtliche Erinnerungen an den Krieg von 1809, den mein Führer als Tyroler „Aufständischer“ mitgemacht.

Schon Tags zuvor hatte ich bemerkt, daß ein Wagen mit zwei Personen in einiger Entfernung mir und meinem Begleiter gefolgt war. Heut fuhr er vor uns her, und bald sah ich, daß der eine der Passagiere in Ketten war. Es war der für das Innsbrucker Zuchthaus bestimmte Arrestant, ein – wie mein Führer mir sagte – verurtheilter, seiner Haft entsprungener und wieder eingefangener Strauchdieb. Ich sollte bald seine nähere Bekanntschaft machen.

In Sterzing, im Polizeigebäude – von einem Wirthshaus war keine Rede mehr – um 11 Uhr Vormittags angelangt, drang ich sogleich auf Weiterreise, da das Wetter unvergleichlich schön war und ich sehnlichst wünschte, aus der höchst unangenehmen Lage, in die ich ganz unverschuldet gekommen, mich befreit zu sehen. Meine Bitten und Vorstellungen fanden kein Ohr. Neben dem Zuchthäusling stand ich vor dem tauben Polizeicommissär, und als ich endlich noch einmal ihn eindringlich frug: „Ist’s wahr, daß ich heute nicht weiterreisen soll?“ antwortete er: „das wird Er gleich sehen!“ zog die Klingel, und nun traten zwei baumstarke, riesige Urtyroler ein mit Schlüsseln und Stöcken und commandirten „Arrestanten! Marsch!“ und so wurde ich mit dem Verbrecher zugleich abgeführt. Nachdem dieser untergebracht worden, geleiteten mich die Polizeiknechte durch einen langen, dämmerigen, feuchten Gang bis vor eine kleine vergitterte Thüre, schlossen diese auf, stießen mich in das dahinter befindliche Loch, und verwahrten alsbald wieder die Thüre mit Riegeln und Schlössern. Dafür also hatte ich mich nach den Tyroler Bergen und seinem Kernvolk gesehnt; dafür hatte ich den Bacchuszug nach Indien mit Aufwand all meiner Gelehrsamkeit und mit gutem Erfolg beschrieben, um hier hinter feuchten Gefängnißmauern Betrachtungen anzustellen über die Ergötzlichkeiten einer Reise durch kaiserliche Lande! Zuerst war von meinen Sinnen nur die Nase in Anspruch genommen durch den in dem Loche herrschenden pestilenzialischen Geruch, der kaum zu athmen gestattete. Als sich das Auge etwas an das Dunkel um mich gewöhnt, nahm es eine Art Lager wahr. Ich versuchte mich darauf zu strecken; aber im Augenblick wurde ich von gierigem Ungeziefer derart überfallen, daß ich in aller Hast mich flüchten mußte. Wohin ich jedoch trat, empfing mich nur größeres Ungemach, der Kerker war – vielleicht seit undenklichen Zeiten nicht gereinigt – durch den in einer Ecke stehenden überlaufenden Kübel zu einem Kothloche geworden.

Nach einer Stunde kamen die beiden Polizeiknechte, mich „zum Essen“ abzuholen. Sie führten mich in ein tiefer liegendes Gefängniß. Da fand ich den Zuchthäusler in Ketten auf faulem Stroh; vor ihm stand ein hölzerner Napf mit einem – Hundefutter. Das sollte ich mit ihm gemeinschaftlich genießen. Abgesehen davon, daß der Mensch nicht nur den Stempel des ganz gemeinen Verbrechers, als welcher er verurtheilt worden, auf seinem Gesichte ausgeprägt trug, so war auch sein Anblick so ekelerregend durch die Zeichen der scheußlichsten Krankheit um Mund und Nase, daß ich entsetzt zurücktrat und zum Commissär geführt zu werden verlangte. Dies ward mir verweigert oder für unmöglich erklärt, aber als ich entschieden mich widersetzte, mit jenem Mitgefangenen aus demselben Napfe zu essen, gestattet, in meinem Kerker aus einem besonderen Napfe die Mittagskost zu nehmen. Es war ein Mahl, um das mich kein verhungernder Hund beneidet hätte, und ich habe zum Andenken daran den getrockneten Teig eingesteckt, den man mir als Brod zum Wasser gereicht.

Bald war ich wieder allein in meinem Kerkerloch. Der Gang vor demselben lag unterhalb der Straße und erhielt einiges Licht durch eine Art Kellerfenster. Ein Schimmer davon drang auch in mein Verließ und erzählte mir von der Lieblichkeit der Nachmittagsonne und der Pracht der von ihr überglänzten Alpenlandschaften. Zuweilen hörte ich die Tritte der auf der Straße Vorübergehenden; im Hause aber herrschte Todtenstille. War es die Phantasie, die mich auf den Schwingen verstohlen eindringender Lichtstrahlen in’s Freie trug, auf die sonnigen Felsenhöhen, zu rauschenden Waldbächen, grünen Matten und schneeigen Gipfeln und allen Naturschönheiten [90] des Landes meiner Sehnsucht; war es der ungeheure Contrast zwischen dieser Sehnsucht und der Lage, in die sie mich geführt, oder das Bewußtsein gänzlicher Schuldlosigkeit – da mir auch nicht das Geringste, nicht das lumpigste Polizeivergeheu, etwa die Unterlassung einer Polizeivisa oder dergleichen vorgeworfen werden konnte, noch vorgeworfen worden war – gegenüber einer brutalen, aber ganz unangreifbaren Gewalt: kurz, mich durchdrang plötzlich eine innere Freudigkeit, vor der das Dunkel meines Verließes schwand und seine Mauern wichen. Ich mußte mir Luft machen im Gesang, und nachdem ich Luthers „Feste Burg“ mit aller Inbrunst durchgesungen, holte ich meinen ganzen Liederschatz hervor, geistlich, weltlich, Kriegslieder, Volkslieder, Studentenlieder, von „Lützow’s Jagd“ bis zum „Bursch von echtem Schrot und Korn“ und dem „Käfer, der auf dem Zaune saß“, und fand gar kein Ende; denn zu meiner eigenen Ueberraschung fiel mir immer wieder ein neues ein.

Endlich – es war längst stockfinstere Nacht geworden – schien doch die Natur erschöpft und verlangte Ruhe. Das Strohsacklager mit seinem lebendigen Inhalt hatte keinen Reiz für mich; ich tastete mich in den dem Kübel entgegenstehenden Winkel, quetschte mich stehend in die Ecke und verlor bald die wirkliche Welt aus dem Bewußtsein. Aber nach einiger Zeit mochte ich auch das Gleichgewicht verloren haben: ich erwachte, am Boden in einer Schmutzlache sitzend. Zugleich vernahm ich, wie draußen an die Gangfenster heftige Regengüsse anschlugen und der Wind durch die Straße pfiff. Es war Morgen geworden, und bald hörte ich das Gerassel der Schlüssel, die meine Kerkerthüre öffneten. Nach dem Genuß einer Suppe, wie der gestrigen, ward ich hinabgeführt.

Vor dem Polizeigebäude hielt ein Karren, auf welchem bereits der mehrgenannte Sträfling angekettet saß. „Aufgesessen!“ herrschte der Polizeiknecht mich an. „Das thue ich nicht!“ war meine Antwort. „Ich setze meine Reise nach Innsbruck zu Fuß unter Begleitung eines Führers fort. Das allein habe ich unterschrieben. Mir ist nicht das Geringste zur Last gelegt, und Ihr wollt mich wie einen gemeinen Verbrecher behandeln. Ich verlange den Herrn Commissär zu sprechen.“ Statt aller Antwort that einer der Polizeiknechte einen Pfiff; Beide aber packten mich mit Gewalt, hoben mich auf den Karren und setzten mich neben den Sträfling. Im selben Augenblick wurde aus dem obersten Stockwerk des Gebäudes eine Kette geworfen, und ehe ich mich’s versah, war sie mir um’s Bein gelegt und mit dem andern Ende an den Karren befestigt.

So war ich denn ohne Anklage und ohne Spruch, ja selbst nicht einmal nach einer Voruntersuchung, in eine Lage gebracht, die mich einem schweren Verbrecher oder einem eines schweren Verbrechens Angeklagten gleichstellte. Das ist aber die nothwendige Folge einer illiberalen Staatsraison, die – wenn noch so anständig in den obern Regionen ausgeübt – in den Händen der Beamten in untern Schichten aus bloßem Diensteifer zur rohesten Gewalt ausartet. Es war diesen gemeinen Polizeiknechten nicht genug, mich mit meinem ohnmächtigen Widerstand verlachen zu können: sie mußten ihr Müthchen noch weiterhin kühlen. Der Himmel ergoß sich in strömendem Regen; die Dachrinnen von Sterzing spieen ihre Wasser aus Drachenköpfen von oben und von beiden Seiten auf die Mitte der Straße. Das gab den Polizeiknechten die erwünschte Gelegenheit, ihren auf den Karren angeschlossenen Gefangenen, indem sie uns immer unter die Traufe führten, ein kaltes Sturzbad zu bereiten, woran sie ein um so größeres Vergnügen empfanden, je unangenehmer, ja, je schrecklicher die Wirkung auf uns, namentlich auf mich, war. Ich hatte nur leichte Sommerkleider an und bereits keinen trockenen Faden mehr auf dem Körper, als wir Sterzing hinter uns hatten; dabei regnete es unaufhörlich und war empfindlich kalt, und auf dem engen Karrensitz dicht an den Sträfling geschlossen, fühlte ich so zu sagen seine nasse Haut auf der meinigen. Von der ekelhaften Krankheit, die ihm im Gesicht stand, sprach ich schon; man kann denken, wie mir um’s Herz war: das Singen von voriger Nacht war mir vergangen. Auf der Höhe des Brenners ließ der Regen nach, und nun kam uns ein eisiger Nordwind entgegen, der Wäsche und Kleider auf dem Leibe trocknete. Ich fühlte deutlich eine schwere Krankheit wie durch eine offene Thür eintreten.

Es war Mittag geworden, als wir in Steinach ankamen. Die Leute im Dorfe waren mit Abernten der Aepfel- und Nußbäume beschäftigt, und als ich eine Familiengruppe, an der wir vorscherfuhren, grüßte, weil sie theilnehmend auf mich zu blicken schien, erhielt ich einen so freundlichen Gegengruß, daß ich mich doch wieder unter Menschen fühlte. Vor der Steinacher Obrigkeit gab’s keinen Unterschied mehr zwischen mir und meinem aufgedrungenen Reisegefährten: wir wurden in ein Gefängniß gesperrt und bekamen die Mittagkost in einer Schüssel vorgesetzt. Bereits fehlte mir die Lust oder die Kraft, mich zu widersetzen; aber es ward auf andere Weise für mich gesorgt. Am Gitter der Gefängnißthür erschien ein allerliebster Mädchenkopf und winkte, und als der Sträfling sich nahte, sagte der Kopf: „Nein, der Andere!“ Und so ging ich an das Gitter, und das Mädchen – es gehörte zu der von mir gegrüßten Familiengruppe – reichte mir einige Aepfel, Nüsse und ein Stück Brod, sagte kein Wort und – verschwand. Andächtiger habe ich nie zu Mittag gegessen.

Beim Eintritt in ein Gefängniß war mir in der Regel abgenommen worden, was man bei mir in den Taschen und Händen fand; beim Austritt erhielt ich’s zurück. In Sterzing aber hatten meine beiden sehr schönen Taschenmesser soviel Verdacht erregt, daß ich sie nie wieder zu Gesicht bekam. Als der Commissär von Steinach im Begriff war, mir das eben Abgenommene wiederzugeben, und vorher noch meine Reisekarte von Deutschland aufschlug, brach er in die Worte aus: „Da haben wir’s! Das ganze Deutschland auf einem Blatt! Das ist die offenbare Revolution!“ und damit behielt er die Reisekarle zurück, und nie habe ich sie wieder gesehen.

Es war gegenüber dem Schicksal des vorigen Tags eine große Vergünstigung, daß ich desselben Tags noch ein Tyroler Gefängniß kennen lernen sollte. Wir wurden auf’s ’Neue auf einen Karren gesetzt und fuhren bis Matrey. Die Schönheit des Abendhimmels und der wundervollen Landschaft unter ihm hatten mir die Hoffnung erregt, auch zu mildern Menschen zu kommen und meine Lage sich besser gestalten zu sehen. Die Enttäuschung ließ nicht auf sich warten. Ich bat den Commissär in Matrey, der uns in Empfang nahm, unter kurzem Reisebericht, er möge mir die Kette wieder abnehmen, mit welcher Hand und Fuß zusammengeschlossen waren. „Meine Instruction verlangt,“ antwortete er, „die Arrestanten so zu behandeln, wie ich sie bekomme,“ und zum Hohne seiner eigenen Worte ließ er mich mit dem Sträfling in ein Gefängniß sperren und uns durch eine Kette zusammenschließen. Natürlich auch wieder nur ein Napf mit Brodsuppe, aber wirklich zwei Löffel! Ich erlangte von meinem Mitgefangenen die Gunst, daß er mir gestattete, erst allein einige Löffel der schwarzen Kost zu mir zu nehmen, worauf ihm das Uebrige zu behaglichem Genuß verblieb. Aber schwierigere Aufgaben blieben zu lösen, daran ich noch jetzt nach mehr als vierzig Jahren nicht ohne Schaudern denken kann. Für die eine fehlt mir das Wort, mit dem ich nicht das Gefühl der Leser verletzen möchte. Wie aber sollte es mit dem Schlafen werden, für das es für uns ohnehin zusammengeketteten Menschen nur eine Stelle gab? Zum Glück hörte ich eine Thurmuhr schlagen. Ich machte deshalb meinem Gefährten den Vorschlag, die Bettstelle – eine Pritsche mit Strohsack – derart zu benutzen, daß wir abwechselnd darauf liegen sollten, Einer immer zwei Stunden, während dessen der Andere daneben sitzen und nach Verlauf der Zeit ihn wecken sollte. Der Vertrag ward geschlossen; ich machte den Anfang, schlief wider Erwarten ruhig zwei Stunden und überließ nun für den übrigen Theil der Nacht das Lager meinem Mitgefangenen. Das Gefängniß war reinlich, auch frei von Ungeziefer; dennoch war die Nacht peinlicher fast, als die Sterzinger, die ich zum großen Theil mir weggesungen. Ich habe aber dabei erfahren, daß ein junger und gesunder Mensch viel aushalten kann, und darauf scheint die österreichische Polizei gerechnet zu haben.

Waren wir von Sterzing her auf Armesünderkarren von Pferden geführt worden, die besser zum Abdecker gehörten, so bekamen wir in Matrey wenigstens ein gutes Fuhrwerk und ein gutes Pferd davor, so daß wir zeitig des Vormittags in Schöneberg eintrafen. Auch hier berief sich der Commissär, den ich bat, meine Fesseln zu lösen, auf seine „Instruction“, und bedauerte zugleich, meinem zweiten Verlangen nach sofortiger Weiterreise nicht entsprechen zu können, da er vor morgen kein Gefähr zur Verfügung habe.

„Wenn Sie zu Fuß nach Innsbruck gehen wollen –“

„Ja, mit Vergnügen,“ erwiderte, ich; „dann fallen die Ketten ja wohl von selber.“

[91] „Bedaure sehr,“ war die Antwort.

„Nun denn in Gottes Namen, auch in Ketten! Es muß in Innsbruck doch anders werden!“

Und so marschirte ich, zusammengeschlossen mit dem Sträfling, ich die Kette an der Hand, er am Fuß, von Schöneberg nach Innsbruck, einen Gensd’arm vor uns, einen hinter uns, und einen an jeder Seite; allerdings zu nicht geringem Erstaunen der Menschen, die uns begegneten. Unmittelbar vor der Stadt ging ein Mann an uns vorüber, den einer der Gensd’armen grüßte und dann gegen seinen Cameraden mit Namen nannte. Beim Klang dieses Namens erinnerte ich mich, daß ich ihn auf der Reise schon gehört, ja – daß ich einen Auftrag an ihn hatte. Im Salzkammergut nämlich hatte sich eines Tags ein Reisender zu uns gesellt, der sich als einen Mönch (ich glaube aus Kloster Admont) zu erkennen gab. Er botanisirte, und da ich mich auch um die Alpenflora bekümmerte und zugleich etwas mineralogisirte, so waren wir bald näher bekannt worden, so daß es ihm sehr bitter ankam, uns nicht auf der weitern Wanderung begleiten zu können. Beim Abschied aber bat er mich, wenn ich nach Innsbruck käme, seinen Bruder, der dort Regierungsrath wäre, zu besuchen und herzlich zu grüßen. Dazu schrieb er mir ein paar Worte an ihn mit seinem Namen auf ein Zettelchen, und wir sagten uns herzlich und schmerzlich Lebewohl. Dies Zettelchen fiel mir jetzt ein, und daß ich es in meine Westentasche gesteckt hatte. Wunder über Wunder! es war allen Polizeidurchsuchungen entgangen und stak noch darin. Ich bat sogleich einen der Gensd’armen, den Hrn. Regierungsrath – ich finde leider seinen Namen in meinem Gedächtniß nicht mehr, und die Tagebücher der Reise bis Clausen, worin er stand, habe ich nie zurückerhalten – zu fragen, ob ich ihn sprechen könne. Ich sah deutlich die verneinende Miene des Regierungsrathes, worauf ich ihm den Zettel seines Bruders durch den Gensd’arm einhändigen ließ. Darauf stutzte der Mann, sah mich einen Augenblick an und kehrte rasch um, nach der Stadt zurück, ohne ein Wort an mich zu richten.

Er war aber offenbar nach der Polizei gegangen und hatte dort Anordnungen bewirkt, die ich sogleich wahrnehmen sollte. Es kam mir nämlich schon im Vorsaal des Polizeiamtes ein Cominissär entgegen, ließ mir sogleich die Kette abnehmen, begleitete mich unter vielen Entschuldigungen mißbrauchter Gewalt der Unterbehörden in ein ziemlich elegant eingerichtetes Zimmer und frug nach meinen besondern Wünschen. Für ein gutes Abendessen wurde Sorge getragen, ein ordentliches Bett stand bereit, und die Bestimmung meiner Abreise wurde mir freigestellt. Ich hatte zunächst zwei Wünsche: erstlich, zu wissen, aus welcher Ursache meine Reise die erlebte Störung erfahren, sodann am Morgen das Grabmal Kaiser Maximilian’s sehen zu dürfen.

„In Betreff Ihrer ersten Bitte thut es mir sehr leid,“ sagte der Commissär, „aus eigner Unkunde die Antwort schuldig bleiben zu müssen. Ihre Verhaftung ist „auf höheren Befehl“ erfolgt – so steht’s im Act – weiter weiß ich nichts. Die zweite Bitte bin ich leider eben so wenig im Stande zu erfüllen. Sie dürfen das Haus nur verlassen, um weiter zu reisen, und zwar an die bayrische Grenze. Es wird morgen früh ein Wagen bereit sein, Sie in Gesellschaft eines Polizeibeamten in Civil bis an die Scharnitz zu führen; dort wird man Ihnen Ihre Reiseeffecten einhändigen und Sie vollkommen in Freiheit setzen.“

Nach Allem, was ich in den letzten Tagen erduldet, und gegenüber einer völlig unnahbaren Macht, mußte ich meine neue Lage beneidenswerth finden, wenn mir auch dabei kein Verlangen aufstieg, eine zweite Reise nach Tyrol zu machen. Der Commissär hielt Wort, ein anständiger Reisewagen mit einem anständigen Begleiter brachte mich nach der Scharnitz. Hier erhielt ich nebst meiner Freiheit meinen Reisebündel, aber ohne meine Tagebücher und statt meines preußischen Ministerialpasses einen von der Innsbrucker Polizei ausgefertigten. Den mir damit gespielten perfiden Streich zu pariren, war mir unmöglich gemacht, da mein polizeilicher Begleiter natürlich nichts anders geben konnte, als was ihm für mich übergeben war, und so mußte ich, mit dem Verdacht behaftet, legitimationslos in Tyrol gewesen zu sein, die bayrische Grenze überschreiten.

Ich hatte indessen nicht viel Zeit und Kraft zum Nachdenken mehr. Ich fühlte mich ziemlich schwach, und in Mittenwald zeigten sich deutlich die ersten Zeichen der Krankheit, die ich mir auf der Fahrt über den Brenner geholt. Zu Fuß, das sah ich, konnte ich die Reise nicht fortsetzen, ebensowenig die Erschütterung im Wagen aushalten. Da boten sich Flößer an, mich mit nach München zu nehmen, und so schwamm ich denn auf der lieblichen Isar der bayrischen Hauptstadt zu. Bereits war ich so kraftlos, daß mir bei der Ankunft die Füße versagten, und meine mitleidigen Flößer hoben mich von ihrem Fahrzeug und trugen mich in das Wirthshaus von Bögner im Thal, wo ich gastliche Ausnahme fand, unter der Aufregung des eintretenden Fiebers aber nicht dazu kommen konnte, mich meiner wiedererlangten Freiheit zu freuen und von den dargebotenen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten Gebrauch zu machen.

Ich weiß nicht, wie meine Ankunft bekannt oder besprochen worden sein mag. Kurz, ich erfuhr während der zwei Monate, die ich schwer krank in München lag, die größte Theilnahme von Jung und Alt, selbst von den bedeutendsten Männern der Münchener Gelehrtenwelt. Ja, ein junger Maler aus Hamburg nahm mich gastfreundlich in seine Wohnung auf. Endlich um Jahresschluß, im harten Winter und tiefen Schnee, trat ich meine Rückreise nach Berlin zu Fuß an. Heute noch ist mir unbegreiflich, wie ich’s ohne Nachtheil für meine Gesundheit zu Stande gebracht habe!

In Berlin machte mein Erlebniß einiges Aufsehn. Minister v. Altenstein lud mich zu sich und ließ sich ausführlichen Bericht erstatten. Das auswärtige Ministerium nahm sich meiner an. Es verlangte Auskunft in Wien, zu wiederholten Malen, und erhielt immer dieselbe Antwort, man werde Erkundigungen einziehen. Nie aber ist eine erklärende Antwort erfolgt, und nachdem ich im Jahre 1823 Berlin verlassen, ist wohl nie wieder davon die Rede gewesen, um so weniger, als man damals in Preußen die studirende Jugend kaum anders behandelte, als in Oesterreich.

Inzwischen sollte ich doch noch, wenn auch spät, einen Aufschluß erhalten, der freilich den Vorgang nicht erbaulicher erscheinen läßt. Im Jahre 1826, auf meiner ersten Reise in Italien, traf ich unvermuthet, in den Uffizien zu Florenz, mit meinem alten Freunde, Franz Colloredo, wieder zusammen. Ich hatte ihm nicht geschrieben, er mir nicht, um jeder Verdächtigung durch Spione und Angeber den Weg zu verlegen, und so war dies Wiedersehen die erste Berührung nach der Trennung in Clausen. Unsere gegenseitige Freude war groß, und wir saßen bald bei einer Flasche Aleatico traulich beisammen. Natürlich kam sogleich unser Abenteuer zur Sprache. Er hatte von meiner Mißhandlung nur oberflächliche Kunde, von meinen oder vielmehr den preußischen Bemühungen um Aufklärung der Sache gar keine. „Weißt Du denn,“ frug ich, „den Zusammenhang?“

„Wohl weiß ich ihn,“ antwortete er, „und die Geschichte ist infam genug. Erinnerst Du Dich des Linzer Gensd’arm am Krimler Wasserfall? Der gehört schon hinein. Entsinnst Du Dich der Hindernisse, die der Linzer Polizei-Commissär meiner Weiterreise in den Weg gelegt? Der – hat uns auf dem ganzen Wege verfolgt und Schlingen gelegt. Dieser Polizei-Commissär war Jäger bei meinem Vater und wurde wegen Diebereien von diesem mit der Peitsche aus dem Hause gejagt. Da hat er meinem Vater Rache geschworen, ist zur Polizei gegangen, hat sich als Spitzel anwerben lassen und ist bald wegen seiner Verdienste mit dem Polizeicommissariat Linz belohnt worden. Ich bin ihm wie gefunden in die Hände gefallen; Du als deutscher Student gabst die bequemste Handhabe zu Verdächtigungen. Um zu verhindern, daß Du mich verleitetest, mit Dir zu den Revolutionären nach Neapel zu gehen, erließ er den Befehl, uns aufzuheben, und hat sich damit in Wien besonders schön und breit gemacht. So hängt die Geschichte zusammen.“

„Ich gestehe,“ sagte ich, „die Auflösung übertrifft das Räthsel an Unfaßlichkeit, und wärst Du’s nicht, ich könnte es kaum glauben. Nun aber liegt’s hinter uns, ich bin gesund; die Begebenheit hat mich – was ich Dir ein ander Mal erzählen will – aus der Bücherwelt in die Künstlerlaufbahn getragen; ich bin hundertfältig beglückt und im nächsten Monat tausendfältig selig – vor dem Altar! Und nun laß uns heitern Muthes vergangener Leiden gedenken!“

Seitdem ist wieder manches Jahr vergangen, doch meine denkwürdige Lustreise durch’s Tyrol lebt noch ungebleicht in meinem Gedächtniß. Hoffen wir, daß für keinen unserer Leser je ähnliche Spaziergänge im Buch des Schicksals und der – Polizei verzeichnet stehen!



  1. Mit dem Verfasser, dem in München lebenden bekannten trefflichen Künstler und Kunstschriftsteller, glauben wir bei der im Augenblick von Neuem so rüstig vorschreitenden Reaction die Mittheilung dieser interessanten Erinnerung an die Metternich’sche Polizeiperiode zwar ganz an ihrem Platze, hegen aber doch noch nicht die Befürchtung des Autors, daß eine Wiederkehr von Zuständen, wie die hier geschilderten, noch möglich ist.
    D. Red.