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Titel: Eine Leistung der Telegraphie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 47, S. 765
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[765] Eine Leistung der Telegraphie. Die Nr. 302 vom 29. October dieses Jahres der „Kölnischen Zeitung“ enthält folgende Anzeige:

„Heute Morgen hat der Proceß wider Kullmann begonnen. Bei dem Interesse, welches sich demselben zuwendet, haben wir ein stenographisches Bureau unter Leitung eines Mitgliedes unserer Redaction in Würzburg eingerichtet, welches die Verhandlungen wörtlich aufnimmt und uns telegraphisch mittheilt.“

Diese zunächst wohl kaum beachtete Mittheilung gewann erst eine Bedeutung, als die Zeitung ihr Versprechen zu lösen begann und man Berichte las, deren Lesen bei allem Interesse ermüdend war.

Nach Beendigung der Verhandlungen erkennt dieselbe Zeitung in einer Notiz an, daß die Leistungen der Telegraphie bei dieser Gelegenheit, zumal bei Ueberladung der Drähte mit Preßdepeschen über denselben Fall nach England, Frankreich, Amerika etc. ihre Erwartungen bedeutend überstiegen hätten. Man liest wohl häufiger in Zeitungen von der Beförderung englischer Thronreden nach wer weiß wie vielen Orten in unglaublich wenigen Minuten, und das große Publicum nimmt das ruhig hin, während der Techniker an allerhand Dinge denkt, die mit Reclame, Humbug etc. Aehnlichkeit haben. Die angeblichen Leistungen steigen natürlich mit der Entfernung des Ortes, wie man neulich ganz ernsthaft (aus Amerika!) von einem Apparate schrieb, der stündlich 6000 Worte befördert. In Deutschland ist man nicht gewöhnt, dergleichen zu lesen, und die Mittheilungen der „Kölnischen Zeitung“ sind deshalb wohl einer technischen Beurtheilung werth.

Die Artikel der „Kölnischen Zeitung“ über die Gerichtsverhandlung umfassen 33 Spalten mit 160 bis 180 Zeilen, im Mittel 170 Zeilen. Das macht, jede Zeile zu 11 Worten gerechnet, 33 × 170 × 11 = 61710 Worte oder mit Rücksicht auf nicht volle Zeilen circa 60000 Worte. Ein Telegraphist, welcher an dem gewöhnlichen Morse’schen Apparate arbeitet, telegraphirt in der Minute 10 Worte, in der Stunde also 600 Worte. Rechnet man ein Sechstel für Hindernisse, Störungen etc. ab, so bleiben 500 Worte stündlich, und man braucht deshalb für 60000 Worte 120 Arbeitsstunden. Da die Mittheilungen 3 Tage füllen, so würden täglich 40 Arbeitsstunden erforderlich gewesen sein. Man gelangt also mit einem Drahte nicht zum Ziele, muß vielmehr zwei Drähte nehmen, das heißt auf jedem die Hälfte der Depesche befördern. Zwei Drähte würden mit derselben demnach je 20 Stunden auf 3 Tage belastet sein.

Bei Anwendung des Typendruck-Apparates von Hughes gestaltet sich die Sache bei Weitem günstiger. Ein sehr gewandter Telegraphist kann im Maximum etwa 35 Worte in der Minute abtelegraphiren, stündlich rund 2000 Worte. Da der Apparat jedoch wegen seines complicirten Mechanismus vielen Störungen unterworfen ist, kann man in der Praxis etwa nur auf 1200 Worte stündlich rechnen. Dies ergiebt für 60000 Worte 50 Stunden Arbeitszeit, also ungefähr die halbe Zeit. In diesem Falle reicht man also mit einem Drahte aus.

Hiernach kann man sich dem günstigen Urtheile der „Kölnischen Zeitung“ rückhaltslos anschließen. Die Telegraphen-Verwaltung macht beiläufig bei solcher Depesche kein schlechtes Geschäft, denn 60000 Worte zwischen Köln und Würzburg berechnen sich zu 1000 Thaler Gebühren.

Bemerkt mag schließlich werden, daß sich mit dem Siemens’schen automatischen Schnellschreiber und mit dem ähnlichen Wheatstone’schen Apparate (bis jetzt die am schnellsten arbeitenden Apparate) unter günstigen Verhältnissen vielleicht 2400 Worte stündlich abtelegraphiren lassen, wonach überseeische Reclamen zu beurtheilen sind.