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Titel: Eine Jugendliebe Emanuel Geibel’s
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 67
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Blätter und Blüthen.

Eine Jugendliebe Emanuel Geibel’s. Nach dem Erscheinen seiner ersten Gedichtsammlung galt Emanuel Geibel für den zartesten Liebeslyriker der Neuzeit: es ist begreiflich, daß man nach den Anregungen forschte, welche die Muse des Dichters so begeistert hatte. Ueber diese schöne Zeit der ersten Liebe giebt uns Karl Theodor Gaedertz in seinen „Emanuel Geibel-Denkwürdigkeiten“ erwünschten Aufschluß. Ein Fräulein Cäcilie Wattenbach, die Tochter eines Hamburger Kaufmanns, dessen Wittwe nach Lübeck gezogen, war die Muse der lyrischen Erstlinge, welche der Dichter aufs Papier warf. Er machte als Primaner im Jahre 1833 mit seiner Mutter einen Besuch bei Frau Wattenbach, deren älteste Tochter sich mit einem von dem jungen Emanuel hochverehrten Lehrer verheirathet hatte. Wie erstaunte er, als er in dem ihm noch fremden Familienkreise plötzlich das Mädchen als Schwester der Braut begrüßen konnte, welches er etliche Tage vorher zuerst auf der Straße gesehen, in grauem blauseiden gefütterten Mantel und braunem Velbelhut, blondhaarig und blauäugig, mit den entzückendsten kleinen Händen und Füßen (er selbst erfreute sich solcher, weshalb er bei Damen sehr darauf achtete), eine liebreizende Erscheinung, von der er die letzten Nächte geträumt! Das leicht entzündbare Herz des achtzehnjährigen Primaners hatte Feuer gefaßt. Als er die holde Jungfrau erröthen sah und beide zum ersten Male mit einander sprachen, da war’s um sie geschehen, als er nun gar erfuhr, daß sie selbst auch heute ein Fest feiere, ihren Geburtstag, da kamen ihm seine Wünsche aus doppelt voller Seele. Nimmer vergaß er dieser Stunde und in tiefer Wehmuth gedachte er auch im spätesten Alter dieser Begegnung. Er war dann oft ein gerngesehener Gast im Wattenbach’schen Hause und dichtete auch ein Festspiel zum Polterabend. Cäcilie als Kolumbine hatte ein reizendes Lied zum Preise Italiens vorzutragen, welches die Strophe enthielt:

„Himmel und Erde
Lieben sich dort,
Grüßen und träumen
Ewiglich fort.
Lieder und Küsse
Klingen und wehn:
Könnt ihr die Sprache
Der Liebe verstehn?“

Im Frühling und Sommer wurden gemeinschaftliche Ausflüge gemacht in die anmuthige Umgebung Lübecks. Ein Pfingsten 1834 unternommenes Picknick im Riesebusch begeisterte den Dichter zu einer formschönen Elegie. Am nächsten Geburtstage überreichte er seiner Freundin ein Heftchen Gedichte, von denen nur wenige in die spätere Sammlung aufgenommen worden; nur ein einziges spricht seine Empfindungen in der Blumensprache aus.

Im November 1834 hatte der Primaner das Abiturientenexamen bestanden; in einer der französischen Kolonie angehörigen Familie führten Geibel und Cäcilie lebende Bilder mit auf und stellten Bruder und Schwester vor. Noch im hohen Alter gedachte Geibel dieser gemeinsam verlebten Stunden mit schmerzlicher Wonne und ihn überwältigte einmal förmlich die Erinnerung, als er seine Tochter zufällig über dem Lernen einer kleinen Rolle für ein Festspiel traf.

„Ich mußte ihr von jenem glücklichen Abend erzählen, den wir bei Boissonnet’s mit einander verschwärmten. Wie steht das Alles noch frisch und farbig vor meiner Seele! Cäcilie zuerst in amaranthfarbener Seide, dann in weißem Kleide mit schwarzem Sammetgürtel. Das ist neben dem 6. November, da ich zuerst mit ihr redete, vielleicht in meiner ganzen Jugend der Tag gewesen, an dem ich des reinsten, völlig wolkenlosen Glückes genoß, und ich habe ihn lange Zeit hindurch alljährlich ganz im Stillen festlich begangen.“

Als Geibel von Lübeck fortziehen mußte, um die Universität Bonn zu besuchen, schrieb er dem ihm befreundeten Bruder Cäciliens drei Abschiedslieder ins Stammbuch, die alle eine zarte, schüchterne Empfindung athmen. Die Schlußstrophe des dritten lautet:

„Und nun leb’ wohl, und sollt’ ein leises Singen
Sanftwiegend einst in Deinem Traum erklingen,
So denk’, es seien meine sehnsuchtsvollen
Gedanken, die von fern Dich grüßen wollen.“

Diese Gedichte haben zwar keinen höheren Werth; aber sie spiegeln die Stimmung wieder, aus welcher jene Liederblüthen einer „keuschen blonden Minne“ hervorgingen, welche einige Jahre später auf allen Toilettentischen zu finden waren. Ohne darin genannt oder gefeiert zu sein, war Cäcilie Wattenbach die Laura des jugendlichen Petrarca.
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