Eine Erinnerung an Schillers Familie

Textdaten
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Autor: Ludwig Storch
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Titel: Eine Erinnerung an Schillers Familie
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 553–556
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[553]
Eine Erinnerung an Schillers Familie.[1]

Einer der besten Schüler des berühmten Forstmanns Cotta, Georg König, zu der Zeit, wo Cotta Eisenach verließ, eisenachischer Förster in Ruhla, begann noch in demselben Jahre dort eine kleine Lehranstalt, die nach wenigen Jahren wegen des Zuströmens zahlreicher junger Forstpraktikanten erweitert werden mußte. Sie ist ungefähr vierzehn Jahre später nach Eisenach verlegt worden, [554] wo König als großherzogl. Forstrath angestellt wurde, und blüht noch heutigen Tages unter der Leitung eines nicht minder wissenschaftlich gebildeten Forstmannes. Die Zöglinge dieses Instituts von seinem Beginn bis zum Herbst 1817, wo ich meinen Geburtsort verließ, machen einen großen Theil meiner schönsten Jugenderinnerungen aus. Nicht, daß ich mich ihres Umgangs oder auch nur ihrer Aufmerksamkeit zu erfreuen gehabt hätte (eine später näher zu bezeichnende Aufmerksamkeit ausgenommen), dazu war ich doch zu jung, zu unbedeutend, zu knabenhaft blöde, aber ich durfte doch Herz und Sinn an der frischen Jugendkraft, an der schönen Gestalt und dem noblen Wesen dieser zumeist aus sehr vornehmen Familien stammenden Jünglinge ergötzen. Größtentheils kamen sie weit her, besonders aus dem Norden, aus Preußen, Meklenburg, Dänemark, Schweden, Rußland; Grafen, Barone, Edelleute, reich, schön, stolz und voll keckem Jugendmuth und glühender Lebenslust. Es war ein ungemein erfreulicher Anblick, die herrliche Berggegend, die üppigen Wälder von diesen jugendlichen Jagdgesellen belebt zu setzen, von denen wohl mancher, nie weiland sein berühmter Standesgenosse Endymion, das Herz einer keuschen Diana in Flammen zu setzen vermocht hätte. Wenn nun auch keine Diana da war, so waren doch genug holde und reizende Rühler Waldmädchen vorhanden, die ihre Herzen an die stattlichen und noblen Forsteleven verloren. Die Berge und Wälder dort bieten sich gleichsam von selbst zu Liebesversteck und Rendezvous, und ich glaube, die lauschigen süßen Plätzchen in der romanhaften Waldeinsamkeit sind damals zu zwei und zwei stärker besucht worden, als früher und später. Ebenso wurden die Tanzsäle im Orte und in der nächsten Umgegend zu Tempeln erhöhter Freude und Lust; denn wer tanzte schöner, wer war galanter, als der schlanke knapp gekleidete Forsteleve und eingedenk ihrer Geburt und ihres Standes zeigten sie sich ritterlich, kühn und tapfer, stets bereit, für die Ehre ihrer Damen einen Strauß zu bestehen. Daran fehlte es denn freilich auch nicht, und die Rühler Bursche hatten nicht selten Ursache, das Forstinstitut mit allen Eleven zum Teufel zu wünschen. Eifersüchteleien, Neckereien und Katzbalgereien gab’s genug, aber die jungen adligen Herren blieben auch hier wie fast überall und zu aller Zeit Sieger. Das demokratische Element konnte sich nur ärgern und abgetrumpft mit stillem oder lautem Grolle zurückziehen. Wollte es sich patzig machen, so bekam es Schläge. Ein Mal jedoch drehte sich der Spieß ganz unerwartet um und die Herren Eleven wurden ganz gewaltig durchgewalkt. Das war eine famose Geschichte, die sich folgendermaßen zutrug.

In Wilhelmsthal, dem idyllisch reizenden Sonnneraufenthalte des großherzoglich weimarischen Hofes, nur eine Stunde von Ruhla entfernt und zwischen beiden nur prächtiger Bergwald, hatte der neuerbaute komfortable Gasthof in einem Seitengebäude zwei stattliche elegante Tanzsäle, und in beiden zugleich wurde während der schönen Jahreszeit jeden Sonntag getanzt. Der eine hieß der Eisenacher, der andere der Rühler Saal, weil in jenem ein Musikchor aus Eisenach, in diesem eins aus Ruhla spielte, und dort gewöhnlich mehr Städter, hier mehr Bewohner des nahen Marktfleckens tanzten. Die Bauern aus den benachbarten Dörfern waren durchaus von beiden Sälen auf höchst unbillige und ungerechte Weise ausgeschlossen. Sie hatten in einem zweiten Seitengebäude ein drittes bei weitem nicht so hübsches Tanzlocal. Das „Volk“ wurde von der Geburts- und Geldaristokratie, Bureaukratie und Bourgeoisie, wie immer, so auch hier in den „Stall“ verwiesen. Plötzlich wollten sich die Bauern das nicht mehr gefallen lassen, und ich vermuthe nicht ohne Grund, es waren dabei „Hetzer und Wühler“ im Spiele, nämlich Rühler Bursche, die von den Eleven beleidigt und zu schwach, um auf eigene Faust Rache zu nehmen, sich hinter die Bauern gesteckt hatten. Genug, eines schönen Tages (wenn ich nicht irre sogar am Pfingstfeste) war ein ungeheures Menschenspiel in dem herrlichen Thale beisammen und in den Tanzsälen ein großes Gedränge. Die Forsteleven dominirten, wie immer, in beiden, vorzüglich aber im Rühler, wo sie mit den köstlich geputzten Gebirgerinnen sich lustig machten, während die Bursche das Zusehen hatten, aber mit boshaftem Lächeln. Man hatte in der allgemeinen Menschenmenge wohl nicht bemerkt, daß der Nährstand auch ungewöhnlich stark vertreten war. Wer kümmerte sich um den dummen Bauer! Plötzlich erschienen acht bis zwölf Paare, junge Bauern und Bäuerinnen im Rühler Saale und tanzten flott in den Reigen hinein. Die Eleven ließen sofort die Musik schweigen und geboten den Bauern, sich unverzüglich zu entfernen. Die Bauern versetzten trotzig: die Herren hätten ihnen nichts zu befehlen; sie (die Bauern) hätten hier dasselbe Recht, wie jeder Andere, mit ihren Mädchen für ihr Geld zu tanzen, und würden sich nicht vertreiben lassen.

Die Eleven machten kurz Federlesen, schlugen zu und wollten die Bauern hinauswerfen. Aber im Nu enthüllte sich die Verschwörung. Ein wildes und furchtbares Geschrei wurde gehört; die rasch zertretenen Stühle lieferten ihre Beine als „gute Wehr und Waffen“; Hunderte von Bauernburschen drängten mit rohen Knitteln bewaffnet die Treppe herauf in den Saal. Was von den Damen flüchten konnte, salvirte sich so gut es gehen wollte, viele mußten aber auf Tischen und Bänken der grausigen Keilerei beiwohnen, die nun losging. Die Forsteleven führten alle Mineralogenstöcke, welche bekanntlich stählerne Griffe haben, die auf der einen Seite einen Hammer, auf der andern ein Beil bilden. Ein kräftiger Schlag mit solch’ einem Stocke „fluscht“ denn gehörig. Aber was half’s, daß die adligen jungen Herrn den jungen Bauern mit den Beilen die Köpfe spalteten, was half’s, daß die Rühler Kaufmannssöhne zu ihnen hielten? ihre Partei war doch die schwächere und wurde mit ungemein erbitterter Heftigkeit aus dem Felde geschlagen. Blut floß von beiden Seiten, Verwundete wurden mit Füßen getreten und mit Mühe hinaufgebracht, die Mädchen, welchen das Blut nicht selten die Kleider bespritzte, kreischten und jammerten, Schläger und Geschlagene brüllten, und die wenige Polizeimannschaft, die herbeieilte, konnte nicht einmal in den Saal herauf, weil die Treppe dicht gestopft mit Bauern besetzt war, die Niemand passiren ließen. Viele Eleven sprangen aus der hintern Seite des Hauses zwei Stockwerk hoch auf das Feld; denn sie fürchteten, von der Wuth der Bauern todtgeschlagen zu werden. Und wahrlich, halb todt wurde manches hochadlige Mutterkind vom Platze getragen. Endlich gelang es den andringenden Gensd’armen, der Schlacht Einhalt zu thun. Nicht wenige von den Eleven lagen lange krank darnieder, von den Bauern kamen die Schlimmsten in’s Zuchthaus.

Eine angenehmere Erinnerung an die Forsteleven bewahrt ein schöner Granitfelsen auf einem lieblichen Plätzchen auf dem Glöckner (vulgo das Glöckel), einem der höchsten und beliebtesten Berge mit köstlicher Aussicht in das Werrathal und nach dem kleinen Bergzuge, welcher vor der Rhön liegt, das Feldethal bildet und seltsamer Weise keinen Namen hat, so wie auf die Gegend des Lustschlosses Altenstein. In diesen Felsen sind die Namenschiffern der damaligen Zöglinge des Instituts eingehauen, nebst den Worten: „1813 wurde hier gepflanzt für 1871.“ Diese Pflanzung, das Werk der Forsteleven, ist jetzt ein dichter prächtiger Tannenwald. Diejenigen, welche von den im Granit verewigten Jünglingen noch leben, sind jetzt Greise. Vielleicht kommt dem Einen oder dem Andern dieses Blatt zu Gesichte; dann mag ein bunt gefärbter lieblicher Jugendtraum an das grüne köstliche Ruhlathal mit seinen lieblichen Mädchengestalten vor seiner Seele auftauchen, vielleicht auch eure trübe Erinnerung an den heißen Tag, wo er in Wilhelmsthal von den Bauern blaugefärbt wurde, ihren Schatten hineinwerfen.

Im gewaltigen Granitblock mit der gemüthlichen Felsenbank an seinem Fuße stehen auch die Buchstaben C. F. v. Sch. Ob ich mich in den die Vornamen bezeichnenden Chiffern nicht täusche, kann ich nicht mit Sicherheit angaben. Mir ist, als hätte der bezeichnete Zögling Carl Friedrich geheißen. Genug, er war der älteste Sohn unseres großen Dichters Schiller, welcher später als königl. würtemb. Oberförster baronisirt wurde, und jetzt, so viel ich weiß, pensionirt in Stuttgart lebt. Herr von Schiller war damals zwanzig, höchstens zweiundzwanzig Jahre alt. Man sagte, er sähe seinem Vater ähnlich, doch waren seine Züge nicht geistreich. Ich erinnere mich auch, daß damals ältere Leute sich in meinem Beisein über ihn äußerten: er habe wenig vom Geiste seines Vaters geerbt. Er war hoch und schlank, trug lichtbraunes gelocktes Haar und blaue Augen. Von allen Eleven erinnere ich mich seiner am lebhaftesten, nicht gerade um seiner selbst willen, denn ich wüßte nicht, daß er mir je etwas Angenehmes gesagt oder erwiesen, oder daß er sich durch irgend etwas Außerordentliches ausgezeichnet hätte. Mein Interesse an ihm galt dem Sohne des Dichters. Auch ist er mir um deshalb merkwürdig, weil ich durch ihn zuerst mit den Gedichten seines Vaters bekannt wurde. In meinem elterlichen Hause wohnte nämlich ein Candidat der Theologie aus Eisenach, der in Ruhla ein Knabeninstitut hielt, [555] dessen Schüler ich war. Der Candidat ließ mich seine Wege besorgen und so mußte ich auch einst ein paar broschirte Bücher von Schiller holen. Es war die erste große Prachtausgabe der Schiller’schen Gedichte, noch nicht aufgeschnitten. Ich schnitt die Blätter aus und las.

Wie wäre es möglich, den entzückenden, berauschenden, träumerisch wunderbaren Eindruck zu schildern, welchen die brennend gefärbten Erzeugnisse der Schiller’schen Muse auf mich machten? Bleibt doch Schiller stets der gewaltige Hohepriester, welcher der deutschen Jugend die Pforten des erhabenen und prachtvollen Tempels der Poesie erschließt. Ich erinnere mich nur so viel, daß ich wochenlang gar nicht recht bei mir selbst war und daß meine Mutter, der ich nichts von den Genüssen, in welchen ich schwelgte, gestand, ernstliche Besorgnisse für meinen Verstand hegte. Außer den Gesangbuchsliedern, von denen mich Gellert’s fromme Schöpfungen am meisten ansprachen, und seinen beliebten Fabeln, kannte ich nur die von den Leierkastenmännern verkauften Volkslieder, „gedruckt in diesem Jahr.“ Einige Gedichte ihres Vetters F. W. Gotter hatte mir meine Mutter vorgesagt. Im Besitz von Gotter’s Gedichten war unser Hans aber so wenig, wie in dem irgend eines andern Dichters. Ich aber hatte bereits in meinem fünften Jahre meine ersten Verse gemacht. Ich kann wohl sagen, daß meine ersten Denk- und Schreibübungen gereimte Zeilen waren. Das Erstaunen der Leute, die sie lasen, prophezeite mir, daß ich auch ein bedeutender Dichter werden würde. Wie sehr haben sie sich getäuscht! Es ist nur ein unbedeutender Romanschreiber aus mir geworden. Aber die Empfänglichkeit für die Größe unserer bedeutenden Dichter lag in meiner Kinderseele. Wie ein Flammenstrahl in ein Zunderfaß zuckte Schiller’s erhabener Genius in sie. In meiner, aus den fürstlichen Möbeln des eisenacher Herzogshauses auf dem Boden meines Vaterhauses aufgebauten poetischen Stadt, oder in einer ganz geheimen kleinen Kammer, die ich mir in das auf unserem Heustadel aufgebauste Heu gegraben hatte, las ich immer wieder die Gedichte, bis ich viele davon auswendig wußte. Von jenen Tagen an ging eine große Veränderung in mir vor. Ich fühlte, daß ich, wenn auch noch ein Kind an Jahren, aber gewiß der Gesinnung und dem Gefühl nach kein Knabe mehr war. Mein Auge war plötzlich für die Schönheit der mich umgebenden Natur geöffnet; meine Seele hatte von Schiller’s Genius den Adelsbrief erhalten, ich fühlte mich erhaben über das Gemeine und Alltägliche. Wie viel „schillernde“ Gedichte hab’ ich wohl damals niedergeschrieben! Ich besitze sie nicht mehr. Zwei starke Bände derselben sind mir, jeder auf andere Weise, entwendet worden. Die Welt hat sicherlich nichts an ihnen verloren. Ich schwamm in einem Meere von Poesie und unaussprechlichem Glück; ich entsinne mich, daß ich Abends auf den Bergen in das verglimmende Abendroth starrte, die Brust so voll Wonne und Weh, daß sie mir zu zerspringen drohete, und mich dann auf den Rasen oder das dürre Laub niederwarf, um mich fast todt zu weinen.

Da standst Du neben mir, leuchtende Gottheit, die Du die Wirklichkeit der Dinge mit dem magischen Strahlenschleier der Dichtung überhauchst, und berührtest mich leise mit Deiner Hand.

Ein Gedicht Schiller’s blieb mir ganz unverständlich, weil ich seinen Wallenstein nicht kannte, „Thekla eine Geisterstimme.“ Als ich die Bücher Herrn von Schiller zurückbrachte, überwand ich meine Schüchternheit und erlaubte mir, ihn über die Bedeutung dieses mich so ungemein ansprechenden Gedichtes zu befragen. Er gab mir aber keine Erklärung, sondern fertigte mich kurz und barsch ab. Nichtsdestoweniger war er ein Gegenstand meiner schier abgöttischen Verehrung; denn er war ja der Sohn des Mannes, der mir für einen mit Erdenstaub überkleideten Gott galt. Wie aber erst wurde mir, als ich erfuhr, daß seine Mutter mit seinen Schwestern zu ihm zum Besuch gekommen sei! Ich vergaß Essen und Trinken und lag auf der Lauer, um die Frau zu sehen, die der Unsterbliche geliebt. Ich wich nicht, bis sie aus dem Hause trat, um mit ihren Kindern in der Esplanade vor dem Forsthause spazieren zu gehen. Ich stand einige Minuten wie versteinert und verschlang Mutter und Töchter mit den Augen; dann trabte ich nach und blieb ihnen zur Seite, um sie immer fort anzustaunen und womöglich den Ton ihrer Stimme zu vernehmen, wenn sie miteinander sprechen würden. Die Frau Hofräthin von Schiller war damals eine ungemein beleibte hohe und starke Dame. Ich war über dieses Embonpoint fast bestürzt, denn ich hatte mir Schiller’s Gattin als ein ätherisches Wesen gedacht, so eine Art „Mädchen aus der Fremde.“ Desto besser gefiel mir eine der Tochter; sie war schlank und und von sehr weißem zarten Teint. So ungefähr hatte ich mir die Engel vorgestellt.

Auch den jüngeren Sohn meines vergötterten Dichters sah ich mehrmals bei seinem Bruder in Ruhla, er studirte gerade in Bonn die Rechte. Von Gestalt war er zarter und schmächtiger als der Forsteleve. Auch ist er früh und, wenn ich nicht irre, gerade im Alter des Vaters als Regierungsrath in Düsseldorf gestorben.

In Bezug auf Schiller, Vater und Sohn, erlebte ich eine artige Anekdote, die der Mittheilung nicht unwerth erscheinen dürfte.

Ein starkbesuchter Vergnügungsort und Erfrischungshaus war der Heil’genstern, eine halbe Stunde nordwestlich von Ruhla im Thale abwärts gelegen. Jetzt steht ein großer schöner Gasthof an anderer Stelle, aber auch das alte Haus existirt noch, wie ich es im „Vörwerts-Häns“ beschrieben. Man traf dort täglich Gesellschaft, und Forsteleven waren stets Gäste des Wirthes Schenk. An bestimmten Tagen waren auch die Töchter der Honoratioren aus Ruhla und der Umgegend da zu finden. Und das waren natürlich Stelldichein für die Eleven.

An einem solchen Tage hatte mich mein Lehrer mit auf den Heil’genstein genommen. Das Zimmer füllte sich. Ein Dutzend Eleven (darunter Schiller), Kaufleute, Förster, Pfarrer, Aerzte, Beamte, Damen stellten sich ein, hübsche liebe Mädchen. Eine davon war meine Geschwisterkindsmuhme, vielleicht vier oder fünf Jahre älter als ich, also reife Jungfrau und in voller schönster, Jugendblüthe, jüngste Tochter eines angesehenen Kaufmannshauses, das ich auch in „Vörwerts-Häns“ eingeführt, ein holdes Kind und nicht ohne Geist. Sie ist dreißig Jahre später als unglückliche Frau eines ihrer unwürdigen Mannes einen schrecklichen Tod gestorben[WS 1] und mein Schmerz mag der Armen gern diese Blume der Erinnerung weihen. Ich glaube, Schiller und meine Cousine hatten einander gern; er unterhielt sich wenigstens weit lieber mit ihr als mit mir. Meine Cousine Caroline war eine kleine Gefühlsschwärmerin und sie hatte Schiller’s Gedichte nicht vergebens gelesen. Der junge Schiller war oft in ihrem elterlichen Hause, denn ein Bruder Carolinens war ebenfalls Forsteleve. Auch er ist längst schon und noch als Jüngling gestorben.

Unter den anwesenden Gästen war auch der Wundarzt von Ruhla, ein gewandter und zungenfertiger Mann, aus Ostpreußen gebürtig, mit Namen Schumann. Wie die meisten Chirurgen pfuschte er, namentlich nach dem Tode meines Vaters, in die ärztliche Heilkunst, war über alle Dinge gleich mit seinem Urtheile fertig und bei der Hand und genoß deshalb bei der großen Menge der geistig Unmündigen eines nicht kleinen Ansehens, das er denn auch zur rechten Zeit und am rechten Orte stets mit Nachdruck und nicht ohne Geschicklichkeit geltend zu machen wußte. Es versteht sich demnach, daß er zu den Honoratioren des Ortes gezählt wurde und sich selbst dazu zählte. Die Forsteleven waren alle seine guten Freunde und Bekannte, weil er ihnen die jungen Bärte abnahm, resp. abnehmen ließ.

Die Unterhaltung hatte sich auf Schiller’s Abkunft gewendet, und meine Cousine brach in[WS 2] die begeisterten Worte aus: „Sie, Herr von Schiller, können doch vor allen andern Herrn Forsteleven auf Ihre Abkunft stolz sein. Welcher von den Herren Adligen hat einen Vater wie Sie? Der Adel des Geistes steht ja doch weit höher, als der des Standes; Ihres Herrn Vaters Name wird bis zur spätesten Nachwelt glänzen, wenn alle andern Adelsnamen längst vergessen sein werden.“

Mit diesen feurig gesprochenen Worten waren die Schleußen einer wahren Lob- und Preisfluth gezogen, und sie ergoß sich aus mehr als einem Munde in das gemeinsame Wasserbecken. Es versteht sich, daß die gewöhnlichen banalen Phrasen und Redensarten geliefert wurden. Herr Schumann saß stumm horchend dabei, aber als die Fluth einigermaßen verlaufen war, wandte er sich mit der Frage an Schiller:

„Aber erlauben Sie mir doch, Herr von Schiller: wer war denn eigentlich Ihr Herr Vater?“

Zwar war der große Schiller zu jener Zeit erst acht Jahre todt, und sein Ruhm noch nicht so in die niedern Volksschichten eingedrungen, wie heutigen Tags, aber man durfte doch voraussetzen, daß alle Deutschen, die sich zur gebildeten, vornehmen Classe zählten, den Namen des großen Dichters und seine Bedeutung kannten. Die unerwartete Frage des Chirurgen erregte deshalb [556] kein geringes Erstaunen in der kleinen Gesellschaft. Alles schwieg eine Minute lang, bis plötzlich ein allgemeines Gelächter losbrach. Herr Schumann zeigte ein böses, beleidigtes Gesicht, und mein Lehrer, der Candidat der Theologie, fand sich veranlaßt, sich mit den Worten an ihn zu wenden:

„Und das wissen Sie nicht, Herr Schumann? Ei, ei! Das hätte freilich hier Niemand von Ihnen erwartet.“

Der Nachdruck, welchen der Candidat auf das „Sie“ und „Ihnen“ legte, brachte den bestürzten Wundarzt aus aller Fassung und, wie aus seinen nächstfolgenden Worten hervorging, auf den Gedanken, Schiller, der Vater, möchte ein berühmter Arzt oder Wundarzt gewesen sein, dessen hohe Verdienste um die Kunst und Wissenschaft nicht zu kennen, ihm, dem Jünger, oder wie er sich wohl dünkte, dem Meister derselben, zur Schande gereiche. Schumann nahm sich also zusammen und sagte schnell:

Ah, jetzt fällt’s mir ein; er ist ja ein großer Arzt und Wundarzt gewesen! Ich habe seine Werke selbst studirt. War er nicht Professor an der Universität in Jena?“

Jetzt wurde das Lachen zum Gebrüll; die Meisten wollten sich ausschütten, und Schumann gerieth in so grenzenlose Verlegenheit, daß er aufsprang, um aus der Stube zu laufen. Wie sehr erstaunten aber die Lacher, als Schiller den beleidigten Chirurgen bei der Hand zurück hielt und ruhig sagte:

„Sie haben ganz recht, Herr Schumann, mein Vater war so gut Chirurg wie Sie, wenn auch kein großer und berühmter. Auch hat er wirklich ein chirurgisches Werk geschrieben. Sie haben es aber jedenfalls in der Heilkunst weiter gebracht, als er.“

Die Andern sahen den Sprecher zweifelhaft an, denn Niemand hatte gewußt, daß der unsterbliche Dichter Doctor der Chirurgie gewesen war.

Schiller fuhr mit derselben Ruhe fort: „Ich gebe den Herrschaften mein Ehrenwort, mein Vater war Arzt und Chirurg, und auch darin hat Herr Schumann Recht, daß mein Vater Professor in Jena gewesen ist.“

Diese Zusammenstellung und die schelmische Ruhe, mit welcher das Alles vorgebracht wurde, riefen einen so ungemein komischen Effect hervor, daß das Lachen nun über alle Schranken brach, und Schumann wüthend und scheltend aus dem Zimmer floh.

Bald suchte ich am Berge hinter dem Hause andere Unterhaltung; dort stellte mich Herr Schumann mit der Frage:

„Sag’ mal, weißt Du denn, was des Herrn von Schiller Vater gewesen ist?“

„Ein Dichter.“

„Ein Dichter?!“ rief der Chirurg mit verächtlicher Verwunderung. „Ein Dichter!“ wiederholte er mit zorniger Geringschätzung. „Nun seh mir einer das dumme Geschwätz des Candidaten an! Was hat sich der Esel zu moquiren, daß ich das nicht weiß! Was in aller Welt gehen mich denn Menschen an, die Verse machen? Ich habe mein Leben lang wichtigere Dinge zu thun gehabt, als mich um solche Narren zu bekümmern, die sich und Andern die Zeit verderben. Und nun muß ich mich von den Gänsen drin auslachen lassen, als hätt’ ich die größte Albernheit begangen.“

Der verständige Heilkünstler ging in großer Alteration nach Hause, und er hat sich später noch bitter genug über den ihm angethanen Schimpf ausgesprochen.

Herr von Schiller folgte bald darauf dem Aufruf der sächsischen Regierungen zur Bildung eines Freiwilligencorps gegen den corsischen Usurpator, und trat in die Reiterschaar des sogenannten sächsischen Banners. Nach dem Feldzug sah ich ihn wieder in der Uniform, die ihm gut stand, in Ruhla, aber ich glaube nicht, daß er wieder als Eleve in das Institut trat. Ich habe später weder ihn, noch ein anderes Glied seiner Familie wieder gesehen.[2]

  1. „Medaillon“ aus Storch’s ungedruckten Denkwürdigkeiten.
  2. Herr von Schiller starb am 21. Juni dieses Jahres als königl. würtembergischer Oberförster in Stuttgart.

  1. Vorlage: gegestorben
  2. Vorlage: in in