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Eine Erinnerung an Goethe’s letzte Stunden

Textdaten
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Autor: Julius Schwabe
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Titel: Eine Erinnerung an Goethe’s letzte Stunden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 248–251
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine Erinnerung an Goethe’s letzte Stunden.
Von Dr. J. Schwabe.

In Weimar erzählt man sich eine seltsame Geschichte von einem Ereigniß eigener Art, welches bei Goethe’s Tod stattgefunden haben soll. Dieses Ereigniß ist noch wenig bekannt, obgleich man sich die Kunde davon nun schon seit acht und zwanzig Jahren zuraunt. Ja, zuraunt! Die Sache wird von denjenigen Personen aus Goethe’s Umgebung, welche sie mit erlebten, so halb und halb wie ein Geheimniß gehalten, als scheute man die Profanation der wunderbaren Kunde.

Wir gehören zu denen, die solche geheimnißvolle Geschichten lieben, sie aber auch gern wiedererzählen und an das Tageslicht ziehen. Auch diese trete aus ihrem mystischen Dunkel an’s Licht!

Am 15. März 1832 rollte in raschem Trab ein Wagen durch das Kegelthor in die Stadt Weimar ein, am Schloß vorbei und über den Markt hinweg nach dem sogenannten Plan, der jetzt Goetheplatz heißt. Ein schneidend kalter Wind fegte durch die Straßen und sauste durch die kahlen Zweige der in der Nachbarschaft des Schlosses stehenden Bäume. Die Meisten von den Wenigen, welche dem Wagen begegneten, grüßten den darin sitzenden, sich dicht in seinen Mantel einhüllenden alten Herrn mit sichtlicher Ehrerbietung und sahen dann mit einiger Verwunderung dem rasch dahin rollenden Wagen nach, den sie sonst im gemessenen Schritt der Pferde über das damals entsetzlich holprige Pflaster der Stadt Weimar dahin gezogen zu sehen gewohnt waren.

An jenem Haus, das seitdem ein Wallfahrtsort geworden ist für viele Tausende, hielt der Wagen an, ein Diener trat aus dem Hause und öffnete den Schlag des Wagens, aus welchem ein Herr von ungebeugter hoher Gestalt stieg. Besorgt sah ihm der treue Diener in die veränderten Gesichtszüge und folgte ihm die breite, sanft ansteigende Treppe hinauf.

Auf dem obersten Treppenabsatz kam dem greisen Dichterfürsten – denn er war es – seine Schwiegertochter Ottilie entgegen, besorgt gemacht durch das ungewöhnlich rasche Anfahren des Wagens. Auf ihre ängstliche Frage, ob ihm ein Unfall widerfahren sei, erwiderte Goethe freundlich, doch ohne den Ausdruck großer Unbehaglichkeit verbergen zu können: „Nicht doch, meine Liebe!

Es ist da draußen gar rauh und unfreundlich, und ich muß mir wohl auf meiner Spazierfahrt eine kleine Erkältung zugezogen haben. Mich verlangt gar sehr nach meinem warmen Stübchen.“

Eine kleine Erkältung! das klingt so unschuldig, so unbedeutend, und ist doch so oft das Maal, welches der eisige Finger des Todes auf die Stirn des blühenden Kindes, der jugendfrischen Jungfrau, des kräftigen, gesunden Mannes gedrückt hat, zum Zeichen, daß er sich ein Opfer auserwählt habe.

Der rauhe Luftzug, von welchem Goethe auf seiner gewohnten Spazierfahrt am 15. März 1832 getroffen worden, ward ihm zum Hauche des Todes. Goethe stand im dreiundachtzigsten Lebensjahr [249] und befand sich noch im vollen, ungeschwächten Besitz seiner geistigen Kräfte. In gewohnter, unermüdlich schaffender Thätigkeit brachte er den größten Theil des Tages zu. Die Abende verlebte er im Kreise seiner Familie und der ihn besuchenden Freunde, unter heiterem geistreichen Gespräche, Lectüre, musikalischen Unterhaltungen. Auch sein mächtiger körperlicher Organismus schien der nagenden, zerstörenden Zeit unbezwinglichen Widerstand zu leisten. Ungebeugt trug und bewegte er, früher ein Apollo, jetzt ein Zeus, die hohe, kräftige Gestalt mit gewohntem königlichen Anstande.

So schien es, als ob der Tod es nicht wagte, an den herrlichen Greis heranzutreten; es schien, als bedürfe der Tod erst eines Vorwandes, um sein Recht auch diesem Sterblichen gegenüber geltend zu machen. Der Vorwand war aber jetzt gefunden; es war jene leichte Erkältung. Nach einer schlaflosen Nacht ließ Goethe seinen Hausarzt, den Hofrath und Leibarzt Dr. Vogel rufen, zu dessen ärztlicher Kunst er unbedingtes Vertrauen hegte, und den er überhaupt seiner vorzüglichen geistigen Eigenschaften wegen sehr schätzte und gern bei sich sah. Dem ärztichen Blicke entging nicht, daß hier ein höchst bedenklicher Zustand vorlag. Das strahlende Auge war matt und starr, die Gesichtszüge waren apathisch und unbeweglich, der Kranke klagte über große Eingenommenheit des Kopfes, über schmerzhafte Schwere der Glieder. Dabei hatte sich ein Zustand von Schwerhörigkeit eingestellt, so daß Goethe nur die mit sehr lauter Stimme an ihn gerichteten Worte verstand.

Die Kunde von Goethe’s Erkrankung hatte sich rasch in der Stadt verbreitet. Das Haus wurde nicht leer von Anfragenden, und obgleich im Laufe des Tages die Krankheitserscheinungen einen Nachlaß zeigten, so ging doch bereits an diesem Tage das Gerücht im Publicum, Goethe liege im Sterben – ja man sagte ihn bereits todt.

Aber so leicht und schnell ergab sich die gewaltige Natur dem Feinde nicht, der seine Bande um sie zu schlagen begann. Der Kopf wurde wieder frei, die Kräfte kehrten mehr und mehr zurück, auch der Appetit stellte sich wieder ein. Mit jedem Tage schritt die Besserung weiter vor; der Kranke freute sich, die gewohnte Thätigkeit nun bald, ja schon am nächsten Tage wieder aufnehmen zu können. Doch diese Freude war leider eine kurze; schon in der nächsten Nacht, vom 19. auf den 20. März, trat die Krankheit mit erneuter und wesentlich erhöhter Heftigkeit auf, der Kranke wurde von den heftigsten Brustbeklemmungen gepeinigt und vertauschte in fortwährendem angstvollen Wechsel das Lager mit dem danebenstehenden Armstuhl. Den vom Arzt gegen Morgen angewendeten wirksamen Mitteln gelang es bald, diesen qualvollen Zustand zu beseitigen und dem Leidenden Ruhe zu verschaffen, sie vermochten es aber nicht, die deutlich auf seinem Haupte liegende Hand des Todes wieder zu entfernen. Die letzte Stunde des langen, reichen Lebens – so lang und reich zugleich, wie es wenigen Sterblichen beschieden war – sie nahte sichtbar und unvermeidlich heran.

Sanft ruhend, saß der Kranke in seinem bequemen Lehnstuhl, den er lebend nicht wieder verließ. Vom Mittag des 21. März an traten bisweilen Sinnestäuschungen und leichte Delirien ein, abwechselnd mit vollem Bewußtsein und Beweisen seiner wohlwollenden Theilnahme an den ihn umgebenden Personen. Diese waren, außer dem Hofrath Vogel, Goethe’s Schwiegertochter, seine drei Enkel Walther, Wolfgang und Alma, sein Copist John und der Bediente. Allen anderen näheren und ferneren Freunden war auf ärztliche Anordnung der Zutritt zu dem Sterbenden untersagt.

Vor Goethe’s Haus standen Gruppen ängstlich wartender Menschen, die jeden Augenblick die Todesnachricht zu hören fürchteten; nahe und ferne Freunde des Goethe’schen Hauses fuhren vor oder kamen zu Fuß, um sich drinnen nach dem Stande der Krankheit zu erkundigen. Für sie war ein ärztliches Bulletin ausgelegt, während nur sehr wenigen, nahe befreundeten Personen gestattet wurde, Goethe’s Arbeitszimmer, neben welchem der Sterbende sich in seinem Schlafcabinet befand, zu betreten.

Es war am 22. Vormittags gegen zehn Uhr, zwei Stunden vor Goethe’s Tode, als ein Wagen vorfuhr, aus dem eine Dame stieg. Hastig eilte sie in das Haus und frug mit bebender Stimme den ihr entgegentretenden Diener: „Lebt Herr von Goethe noch?“ – Es war die Gräfin B., eine enthusiastische Verehrerin Goethe’s und von diesem wegen ihrer geistvollen, lebhaften Unterhaltung, wegen ihrer Anmuth, und Schönheit sehr gern gesehen. Mit beklommenem Herzen stieg sie die Treppe hinauf. Plötzlich blieb sie stehen, horchte hoch auf und wendete sich dann nach dem Bedienten um. „Was ist das?“ frug sie befremdet. „Musik im Hause? Mein Gott, Musik heute, in diesem Hause?“ – Auch der Diener stand da in horchender Stellung, aber er war bleich geworden und zitterte. Er vermochte der Gräfin nur durch ein stummes Achselzucken zu antworten.

Diese eilte durch die ihr bekannten Räume nach dem Hinterhaus zu Goethe’s Arbeitszimmer, wo ihr als einer Bevorzugten der Einlaß gestattet wurde. Frau von Goethe trat zu ihr aus dem Cabinet in das Zimmer, und beide Frauen sanken sich weinend in die Arme. „Aber ich bitte Sie, beste Ottilie,“ sagte die Gräfin B., nachdem sie die Mittheilungen jener über den Zustand des Sterbenden empfangen, „ich bitte Sie, was ist das für Musik, die mir entgegentönte, als ich Ihr Haus betrat? Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen.“

„Also auch Sie haben es gehört?“ entgegnete Frau von Goethe, indem ein Schauer sie zu überrieseln schien. „Unerklärlich! Seitdem der Tag angebrochen ist, klingen diese wunderbaren Töne uns von Zeit zu Zeit in’s Ohr, Herz und Nerven erschütternd.“

Und in diesem Augenblicke tönte wieder, wie aus einer andern Welt herüber, sanft anschwellend ein langgehaltener Accord, ebenso sanft wieder verklingend, verhauchend. „Haben Sie gehört, gnädige Frau?“ frug mit leiser Stimme der treue John, aus dem Schlafcabinet in die zum Arbeitszimmer führende Thüre tretend. „Ich glaube ganz deutlich unterschieden zu haben, daß die Klänge dicht vor den Fenstern im Garten entstanden.“

„Nicht doch,“ entgegnete die Gräfin B., „es war ohne Zweifel draußen auf dem Corridor.“

Man öffnete die Fenster der nach dem Hausgarten sehenden Arbeitsstube und blickte suchend hinaus. Der Wind spielte leicht mit den blätterlosen Zweigen der Bäume und Sträucher; von fern hörte man einen durch die Straße fahrenden Wagen; aber nichts war zu entdecken, was die geheimnißvolle Musik erklären konnte. Die Frauen gingen hinaus auf den Corridor – auch hier dasselbe Resultat. Und während sie noch suchten, erklangen in harmonischer Auseinanderfolge wieder zwei, drei Accorde, und zwar, wie sie meinten, aus dem Arbeitszimmer heraus.

„Ich glaube mich nicht zu irren, es ist ein ferner vierstimmiger Gesang, von welchem einzelne Töne bis hierher dringen,“ sagte die Gräfin, mit der Freundin wieder in das Zimmer tretend.

„Mir schienen die Töne von dem Anschlagen eines Claviers in der Nachbarschaft herzurühren,“ erwiderte Frau von Goethe. „Ich glaubte dies so deutlich zu vernehmen, daß ich heute Morgen in die Häuser der Nachbarschaft schickte und bitten ließ, man möge aus Rücksicht auf den Sterbenden das Clavierspielen unterlassen; aber von allen Nachbarn ging mir die Versicherung zu, man wisse wohl, daß der Herr Geheimerath sehr krank sei, und man nehme viel zu aufrichtig Theil, als daß Jemand sich beikommen ließe, die Ruhe durch Musik zu stören. Ah, jetzt wieder!“

Leise, aber scheinbar ganz in der Nähe, erklang abermals die geisterhafte Musik, dem Einen wie ferner Orgelton, dem Anderen wie Vocalmusik, dem Dritten wie Clavierspiel klingend. Der Rath S., der eben mit dem Doctor B. im Vorderhause seinen Namen unter das anfliegende Bulletin einzeichnete, sah seinen Begleiter verwundert an und frug: „Waren das nicht die Töne einer Harmonika?“

„Es schien mir auch so,“ meinte der Doctor; „vermuthlich irgendwo in der Nachbarschaft.“

„Aber es war mir doch ganz so, als wäre es hier im Hause,“ versetzte S., mit dem Doctor auf die Straße tretend.

So ertönte denn die unerklärliche Musik bis kurz vor dem Hinscheiden Goethe’s, verschiedenen Personen deutlich vernehmbar, mit bald längeren, bald kürzeren Pausen, bald hier, bald da, aber allem Anschein nach immer im Hause, ober dicht darüber oder dicht daneben. Alle Bemühungen, ihren Ursprung zu entdecken, blieben fruchtlos.

Die Gräfin B. hatte das Haus wieder verlassen, Ottilie saß neben dem Sterbenden, der ihre Hand oft in der seinen gefaßt hielt. Die Auflösung ging sanft und schmerzlos vor sich. Leichte Phantasien ließen erkennen, daß das herrliche Organ hinter seiner breit und hochgewölbten Stirn aufhörte seine regelmäßige Function auszuüben. „Warum laßt ihr Schillers Briefwechsel da liegen? hebt ihn doch auf!“ sagte Goethe, die großen hellbraunen Augen, deren strahlender Glanz fast schon erloschen war, auf ein am Boden [250] den liegendes Blatt heftend. „Wie schön, wie schön!“ fuhr er mit leiserer Stimme fort. „Dieser liebliche Frauenkopf, von schwarzen Locken eingefaßt!“ Immer unvernehmlicher wurde die Stimme, die noch vor kurzem in unvergleichlicher Fülle zur Freude Aller, die sie zu hören so glücklich waren, erklang. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand schrieb er Buchstaben in die Luft, erst hoch, und dann, als auch die Muskeln des Armes ihren Dienst zu versagen begannen, auf die über seine Kniee gebreitete Decke. Noch einmal und zum letzten Male wurde die Stimme des Sterbenden deutlich; „Licht! mehr Licht!“ waren die letzten bedeutungsvollen Worte, die über seine Lippen kamen; sanft, den Umstehenden kaum merklich, schlummerte er darauf zum Nimmererwachen ein, zu derselben Tagesstunde, in welcher er geboren war, in der Stunde, wo das Gestirn des Tages seinen höchsten Stand erreicht hat.


Ich sollte vielleicht hier Abschied vom Leser nehmen, es Jedem überlassend, was er von jener sonderbaren Musik denken wolle. Doch würde ich damit nur die eine Hälfte der Aufgabe, welche ich mir gesetzt, erfüllt haben. Diese eine Hälfte bestand darin, dem Leser Kunde zu geben von jenem geheimnißvollen, noch wenig bekannten Ereigniß, welches gewiß nicht ohne poetisches, Vieler Gefühl ansprechendes Interesse ist. Ich wünsche mich aber noch ein wenig mit meinem werthen Leser darüber zu unterhalten, wie wohl die wunderbare Musik zu erklären sein mag.

Vielen dürfte es nicht uninteressant sein, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, daß in Goethe’s Hause, so lange die Goethe’sche Familie noch darin wohnte, ein Spiritus familiaris sein Wesen trieb. Derselbe zeigte die Eigenthümlichkeit, daß er nicht wie andere Gespenster zur Nachtzeit, sondern am hellen Mittag spukte. Seine Wirksamkeit beschränkte er nicht allein auf das Haus, welches Goethe in der Stadt bewohnte, sondern er ließ sich auch mitunter in dem bekannten Gartenhaus am Stern sehen. In letzterem befand sich Goethe an einem Sonntagvormittag im Sommer des Jahres 1824. Eben schlug es zwölf Uhr in der Stadt, die Julisonne schien warm und glänzend von der Mittagshöhe hernieder, als Goethe aus der Hausthüre trat, um nach der Stadt zu gehen. Vor dieser Hausthüre befindet sich ein kleiner gepflasterter Platz. Zu seiner Ueberraschung fand Goethe beim Heraustreten hier ein ihm völlig fremdes Mädchen, in den Händen emsig einen Reisbesen führend. „Ei, mein Kind, wo kommst denn Du her?“ redete Goethe sie an. Das Mädchen aber fuhr fort, den Platz vor dem Hause eifrig zu kehren, ohne Goethen anzublicken oder ihm eine Antwort zu geben. „Nun, das ist doch seltsam,“ sprach Goethe, „antworte mir, wer bist Du denn?“ Aber das Mädchen antwortete nicht und kehrte ruhig weiter, und während ihr Goethe verwundert zusah, wurde ihre Gestalt plötzlich undeutlich, nebelhaft und löste sich gänzlich in den Strahlen der Sonne auf.

Auch die Rolle des Klopfgeistes spielte dieser merkwürdige Spiritus familiaris, und zwar zu einer Zeit, als die Klopfgeister von Profession noch lange nicht erfunden waren. Am liebsten übte er seine Kunst in einer Remise, die sich gerade unter Goethe’s Arbeitszimmer befand. Da fing er oft an zu klopfen und zu pochen, wie Holzmacher, wenn sie einen widerspenstigen Wurzelstock spalten. Schickte dann Goethe hinunter, um sich nach der Ursache des ungebührlichen, ihn störenden Lärms zu erkundigen, so war nichts zu hören und zu sehen. Kaum war aber die Untersuchungscommission wieder fort, so begann der Klopfgeist seine nichtsnutzige Arbeit wieder. Es sind eben närrische, neckische Käuze, diese Spiritus familiares.

So erzählte Goethe selbst einer ihm sehr nahe stehenden Person, aus deren Munde ich diese Mittheilungen empfangen habe. War es ihm wohl damit Ernst? – Es ist bekannt, daß Goethe eine große Hinneigung zum Wunderbaren und Geheimnißvollen hatte; dasselbe gewährt ja jeder lebhaften Phantasie eine angenehme Aufregung. Diese Neigung bewog den edlen Meister nicht selten, in munterer Laune Den und Jenen zu mystificiren. So wird es wohl auch mit jener Geschichte vom Spiritus familiaris sich verhalten haben.

Gesetzt aber auch, wir dürften die werthe Persönlichkeit des Goethe’schen Klopfgeistes nicht bezweifeln, so können wir doch nicht wohl annehmen, daß dieser Spiritus, dessen Wirksamkeit sich bis dahin lediglich auf Pochen, Rumoren und auf die Führung des Kehrbesens beschränkt hatte, plötzlich musikalisch geworden sei und jene ätherischen Töne hervorgebracht habe.

„Ah, ätherisch! vielleicht ist damit das rechte, das erklärende Wort ausgesprochen. Es läßt sich wohl denken, daß in den Augenblicken, wo ein so mächtiger Geist, wie der Goethe’s, im Begriff ist, aus dem irdischen Leben zu scheiden, wo er gewissermaßen noch halb dieser und schon halb jener Welt angehört, daß in solchen Augenblicken ein Herüberragen, ein Herübergreifen des Überirdischen in das Irdische statt fände, und daß dieses Herübergreifen des Ueberirdischen sich unserem Gehörsinn in der Form von Tönen, die mit der Musik der Sphären verwandt oder identisch sind, bemerkbar machte.“

Wohlan, halten wir einen Augenblick diesen musikalischen Zipfel einer außerirdischen Welt fest und betrachten, aus welchem Gewebe er besteht. – Sehr viele Leute reden von der Musik der Sphären, ohne eine Idee davon zu haben, was eigentlich darunter zu verstehen ist. Pythagoras stellte vor einigen tausend Jahren die Idee auf, jeder der Planeten, zu denen er auch Sonne und Mond rechnete, habe seine eigenthümliche Sphäre, in welcher er sich bewege. Diese Bewegung durch den Aether bringe einen Ton hervor, der für jede Planetensphäre ein anderer sei, je nach der Größe des Planeten, nach der Schnelligkeit seines Umschwunges und nach seiner Entfernung von der Erde. Bei der nirgends mangelnden Vollkommenheit des Weltgebäudes sei mit Bestimmtheit anzunehmen, daß jene verschiedenen Töne zusammen eine vollkommene Harmonie bilden. Das also ist die ofterwähnte Musik oder Harmonie der Sphären, von der noch nie Jemand, auch Pythagoras nicht, einen Ton vernommen hat. Es ist gewiß, daß die Weltkörper ihre gewaltigen Bahnen in völligem Schweigen wandeln, weil der Weltäther, den sie dabei durcheilen, wohl zur Erzeugung von Lichtwellen, nicht aber von Schallwellen geeignet ist. Der Schall braucht zu seiner Entstehung ein viel dichteres Medium. Schon die verdünnte Luft auf hohen Bergen ist ein sehr schlechter Schallleiter.

Um einen körperlichen Gegenstand mittels des Gehörsinnes wahrnehmen zu können, ist es nothwendig, daß dieser Gegenstand auf mechanische Weise in Schwingungen, d. h. in eine zitternde (oscillirende) Bewegung versetzt werde. Diese Schwingungen theilen sich der umgebenden Luft mit, in welcher sie Wellen, die sogenannten Schallwellen, bilden. Dringen die Schallwellen bis zum Gehörorgan, so empfängt der Gehörnerv einen Reiz, der im Gehirn als diejenige Sinnesempfindung, die wir „hören“ nennen, wahrgenommen wird. Die Luft ist allerdings in den bei weitem meisten Fällen das Mittel, welches die Schallwellen zu unserem Ohr leitet. Aber auch viele andere Körper außer der Luft (z. B. Holz, Wasser) sind dazu geignet, Schallwellen zu bilden.

Es gibt aber noch eine andere Art von Wahrnehmungen des Gehörsinns, die man als „subjective“ zu bezeichnen pflegt. Sie haben ihren Ursprung nicht außerhalb des hörenden Subjectes, sondern in ihm selbst; sie werden nicht durch die Einwirkung von Schallwellen, sondern durch anderweitige Reizungen des Gehörnerven erzeugt, welche meist krankhafter Natur sind. So bringt z. B. Blutandrang nach dem Gehörorgan Ohrenklingen hervor.

Von „subjektivem“ Hören kann in unserem Falle nicht wohl die Rede sein, weil die fragliche Musik nicht von einer, sondern von mehreren Personen zugleich vernommen worden ist. Wir müssen also annehmen, daß wirklich Schallwellen von einem in Schwingungen versetzten Körper hervorgebracht worden sind, welche die Ohren jener Personen getroffen haben. Möglich ist es z. B., daß der Luftzug durch ein Kamin unter gewissen Verhältnissen einen Ton hervorbrachte, der von der Phantasie zu dem Range eines musikalischen Accordes erhoben wurde. Man darf nicht übersehen, daß die Hauptzeugen, durch Nachtwachen erschöpft und gemüthlich stark afficirt, sich in nervöser Spannung befanden. Auch auf die Gräfin ist dies, abgesehen von den Anstrengungen der Pflege und Wartung, anzuwenden. Möglich ist es ferner, daß, ungeachtet aller Versicherungen der Nachbarschaft, doch in einem naheliegenden Hause, vielleicht im Dachstübchen, musicirt worden ist. Und wenn weder diese, noch hundert andere Möglichkeiten aus dem Bereiche des Zufalls zugegeben werden, so glaube ich wahrlich zu Ehren der gesunden Vernunft lieber, daß eine vorwitzige Magd eine vergessene Aeolsharfe in einer Esse oder in einer Dachluke des Goethe’schen Hauses aufgehängt habe, als daß die Musik von den lieben Engelein oder anderen geisterhaften Wesen herrührte. [251] Nehmen wir doch hier, wie in allen Fällen von wunderbaren, unerklärlichen Geschichten, vor Allem das als gewiß an: die Sache ging natürlich zu, d. h. sie wurde durch die in ihren Wirkungen und Eigenschaften uns bereits bekannten, wenn auch keineswegs ganz erforschten Naturkräfte bewirkt. Ich höre da schon von vielen Seiten den leider auch bei sonst gebildeten Leuten beliebten Einwurf: „Man kann ja nicht wissen, ob es nicht Naturkräfte gibt, die uns noch gänzlich unbekannt sind, und deren Wirkung uns nur in seltenen Fällen, wie eben in dem und dem, wahrnehmbar wird.“ Dieses „man kann nicht wissen“ u. s. w. ist ein böser, falscher Wegweiser, der uns nicht auf die Hochstraße des menschenwürdigen Erkennens hinweist, sondern gradesweges in den alten Sumpf, in welchem Geistererscheinungen, Psychographie, Homöopathie, Mesmerismus und die zahlreichen anderen Gewächse des Aberglaubens in beklagenswerther Fülle gedeihen. Jene Leute mit ihrem „man kann nicht wissen“ glauben, die noch unentdeckten Naturgesetze wüchsen wie Trüffeln unter der Erde. Es ist weit wahrscheinlicher, daß die jetzt bekannten Naturgesetze oder Naturkräfte bei fortgesetzter Forschung sich auf wenigere reduciren, als daß neue hinzu erfunden werden.

Man mache mir keinen Vorwurf daraus, daß ich den poetischen Reiz von meiner kleinen Geschichte abgestreift habe. Die wahre Poesie wohnt nicht im Dunkel des Mysticismus! Ihr Reich ist das des Lichtes, des Lebens. Schlage die Werke des größten Meisters aller Poesie, Shakespeare’s, auf und lies, wie er die Schmerzen und Wonnen, die Leidenschaften und Gefühle des Menschenherzens, die Freudigkeit des unbefleckten Gewissens, das drückende Bewußtsein der Schuld – kurz, das Leben der Menschen in seinen tausendfachen Beziehungen schildert, das ist die wahre, gesunde Poesie! Und mit Liebe und Verehrung kehre ich am Schlusse dieses Aufsatzes wieder zurück zu dem Altmeister unserer deutschen Poesie, der in seinen herrlichen Schöpfungen es genugsam dargethan hat, daß er das Licht und die Wahrheit zu den höchsten Gütern des Menschenlebens zählte, zu unserem Goethe, der sterbend rief: „Licht, mehr Licht!

Ja, „Licht, mehr Licht!“ sei auch unsere Parole!