Ein Weiser aus dem Morgenlande

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Titel: Ein Weiser aus dem Morgenlande
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 686–688
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Weiser aus dem Morgenlande.


Die Gartenlaube hat schon so manchen Kämpfer für Freiheit und Wahrheit aus alter und neuer Zeit, aus der Nähe und aus der Ferne dem deutschen Volke vorgeführt, darum darf hier wohl auch eines Mannes erwähnt werden, der im fernen Osten für die höchsten Güter der Menschheit streitet und arbeitet, des indischen Philosophen und Reformers Baboo Keschub Chunder Sen.

Das Christenthum findet bekanntlich in Indien trotz der zahlreichen Missionäre, die die Europäer ausschicken, und der Unsummen von Geld, das die Missionsfreunde aufwenden, äußerst wenig Anklang. Die Ursachen sind verschiedene. Es ist einmal das beschränkte dogmatisch-pietistische Christenthum, das in unseren Missionsanstalten den Leuten eingetrichtert wird, in Indien wie in Europa nur geeignet, auf jeden vernünftigen Menschen eine abstoßende Wirkung auszuüben. Ferner mußte das Christenthum, das die ersten christlichen Beherrscher und Eroberer Indiens praktisch bethätigten, in den Eingeborenen die Ueberzeugung erwecken, daß Christenthum identisch sei mit Meineid, Habsucht, Wollust, Grausamkeit. Was Wunder, wenn sich die höheren Classen gegen fremde Cultureinflüsse sträuben. In neuerer Zeit hat sich die Sache jedoch wesentlich gebessert. Durch Gründung von niederen und höheren Schulen hat die englische Regierung europäische Bildung in die weitesten Kreise geleitet, die indische Nation beginnt von ihrem jahrtausendelangen Schlaf zu erstehen und ein merkwürdiges Leben beginnt überall sich zu regen, das eine bedeutende Zukunft verspricht. In Reden, Zeitschriften und Büchern giebt das „junge Indien“ sein Bestreben kund, auf Grundlage der europäischen Cultur eine indische nationale Wissenschaft und Religion zu gründen. Der Anstoß zu diesen Bestrebungen datirt sich auf ungefähr fünfzig Jahre zurück. Um diese Zeit kamen in Calcutta zwei Männer zusammen, denen die Hebung Indiens am Herzen lag, der Engländer David Hare und der europäisch gebildete Hindu Rajah Ram-Mohun-Roy. Der Erstere war von dem Plane beseelt, das Land durch Schulen und Collegien zu reformiren, der Letztere meinte, daß Schulen und Collegien nicht genügen, sondern daß der Einfluß eines reineren Glaubens nothwendig sei. Das Resultat dieser Berathungen war, daß, während einerseits ein Hinducollegium errichtet wurde, dem mit der Zeit ähnliche Einrichtungen folgten, andererseits die Brahmo-Somaj oder die indische Kirche mit dem Glauben an einen Gott entstand. Der Zweck ihres Gründers Ram-Mohun-Roy, den man schon den indischen Luther genannt hat, war der: die ursprüngliche reine Hindureligion wieder in’s Leben zu rufen. Die Reform sollte also wie beim deutschen Protestantismus zunächst reine Restauration des Ursprünglichen sein und zwar in engem Anschluß an die alten heiligen Schriften, die Vedas. Durch zahlreiche Citate aus diesen alten Hinduschriften gelang es dem Gründer der Brahmo-Somaj, eine große Anzahl seiner Landsleute davon zu überzeugen, daß der echte Hinduismus nicht mit den späteren Puranas zusammenfalle, welche Abgötterei und Aberglauben lehren, sondern daß derselbe nichts Anderes meine, als Verehrung des einen wahren Gottes.

Trotz aller Verfolgungen und aller priesterlichen Bannflüche schritt Ram-Mohun-Roy immer weiter auf der Bahn der Reform. Ja er wagte es sogar, dergestalt mit allen indischen Traditionen zu brechen, daß er eine Reise in das von ihm so hoch verehrte England unternahm. Leider verhinderte ihn der Tod, zurückzukehren und sein Werk zu vollführen.

Der Prophetenmantel der Brahmo-Kirche fiel nun auf die Schultern eines jungen Gelehrten, der das Werk noch über die Grenzen, die ihm sein Gründer gesetzt, hinausführen sollte, und dies ist eben Baboo-Keschub-Chunder-Sen. Mit ihm trat der indische Protestantismus in sein kritisches, rationelles Stadium. Die Lehre von der Unfehlbarkeit der heiligen Schriften (Veden) wurde aufgegeben. Sen erkannte bald, daß die Veden in Verbindung mit manchen schönen Wahrheiten auch einige der schlimmsten Formen von Naturdienst, einige absurde Lehren und Gebräuche enthalten. Und statt, wie es so viele deutsche Theologen prakticiren, durch geschickte Erklärung alles Anstößige hinwegzudeuteln, hatte der junge Hindu soviel moralischen Muth und soviel Wahrheitssinn, um offen mit der Autorität der heiligen Bücher zu brechen. Trotz der unvermeidlichen Folge, daß sie damit die Sympathie eines großen Theils ihrer Landsleute verloren, ließen die Brahmoisten doch die Veden ganz und gar in den Hintergrund treten und ergriffen die kühnere Position als reine philosophische Gottbekenner (Theisten). Zugleich gingen sie zum Angriff gegen den Hinduismus mit allen seinen moralischen und socialen Uebeln über. Auf das Entschiedenste wurde insbesondere mit der Kaste gebrochen. Oeffentlich speisen Leute aller Kasten zusammen, mancher Bramine hat schon ein Weib aus der niedrigen Kaste der Sudras genommen und umgekehrt. Auch die Wiederverheirathung von Wittwen wird befördert. In Calcutta und Umgegend, bald noch in ferneren Theilen Indiens erheben sich zahlreiche Gotteshäuser, in welchen diese reine dogmenlose Religion der Gottes- und Menschenliebe gepredigt wird. Zum Entsetzen der altgläubigen Hindus haben auch die Frauen das Recht, an diesem Gottesdienste theilzunehmen. Ueberhaupt haben die Brahmoisten gleich von Anfang an erkannt, daß sociale und religiöse Reformen hauptsächlich durch Bildung und Hebung des weiblichen Geschlechtes bewerkstelligt werden müssen.

Die englische Regierung leistet dieser Bewegung jeden möglichen Vorschub; der frühere Gouverneur Lord Lawrence stand in intimem Verkehr mit Chunder Sen, und er war es auch, der denselben zu einem Besuche in England veranlaßte. Derselbe fand im vorigen Jahre statt und hat in England großes Aufsehen erregt.

Am 12. April 1870 wurde der indische Reformator in stattlicher Versammlung begrüßt. Geistliche der verschiedenen Kirchen, politische und wissenschaftliche Größen waren zahlreich [687] vertreten. Andere hatten ihre Sympathien schriftlich erklärt, zum Beispiel der Herzog von Argyll, Trevelyan, Stuart Mill, Grant Duff, Max Müller. Der gelehrte und liberale Decan der Westminsterabtei Dr. Stanley eröffnete die Versammlung mit einer glänzenden Rede, in welcher er insbesondere den indischen Gast aufforderte, sich nicht an der Mannigfaltigkeit der englischen Kirchen und ihrer Benennungen zu stoßen, sondern die Idee des allgemeinen Christenthums, das unabhängig von den verschiedenen Differenzen sei, zu erfassen. Das Christenthum eines Bacon[WS 1], Shakespeare, Walter Scott brauche keine speciellen Vorschriften, kein specielles Bekenntniß, um es zu empfehlen. Und was die einzelnen Kirchen betreffe, so sei jede nur in dem Grade groß und achtungswerth, als sie im Stande sei, das Große und Achtungswerthe an anderen Kirchen anzuerkennen. (Worte, die sich unsere deutschen Kirchenlichter auch etwas merken dürften.)

Chunder Sen trat nun selber auf und sprach zunächst seine Anerkennung der Verdienste der britischen Regierung im Namen von hundertachtzig Millionen seiner Landsleute aus. „Als Indien daniedergesunken lag im Schmutze des Götzendienstes und des Aberglaubens, als muhamedanische Unterdrückung und Mißregierung beinahe den letzten Funken von Hoffnung in den Herzen der Eingeborenen erstickt hatte, als die Priester übermäßig mächtig waren und in ihren Triumphen schwelgten über der niedergetretenen Menschheit – da sandte Gott in seiner Gnade die britische Nation, um Indien zu erlösen. England klopfte an die Thore Indiens und rief: ‚Edle Schwester, stehe auf, du hast schon zu lange geschlafen!‘ … Ein Strom öffnete sich, der England und Indien intellectuel, social, moralisch und religiös verband, und alle die hohen und freien Ideen des Westens kamen durch diesen Canal nach dem Osten. Eine wunderbare Aenderung bereitet sich vor. Ihr sehet eine neue Nation sich erheben mit neuen Bestrebungen, Zielen, Speculationen. Euer Shakespeare, Milton, Newton sind nun auch die Unsrigen geworden. Wir können nun mit Euch sympathisiren in all Euren reingeistigen Bestrebungen.“

Zuletzt kam Sen auch auf die Stellung seiner Partei zum Christenthum zu sprechen. Er sprach seinen Dank gegen die Missionäre dafür aus, daß sie sein Volk mit der Bibel bekannt gemacht, ein Buch, das er so hoch schätze wie die heiligen Schriften des eigenen Volkes. Das Christenthum selbst, so manche Vorurtheile ihm auch noch entgegenstehen, erwerbe sich immer höhere Achtung. Der Ursprung desselben sei ein orientalischer gewesen, darum fühle sich der indische Geist ihm verwandt. „Indien wird, das glaube ich fest, einst den Geist Christi aufnehmen. Aber ich kann nicht dasselbe sagen in Betreff der Lehren und Dogmen, die Ihr Indien dargeboten. Schon die Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit der Kirchen und Secten richtet Verwirrung an. Wenn ein Hindu auch zu einer dieser Parteien übergetreten ist, so kommt er mit dem Missionär einer andern Kirche in Berührung, und seine Ansicht wird wieder schwankend … Was dagegen die centralen Lebenswahrheiten betrifft, die Christus verkündete: ‚du sollst lieben Gott deinen Herrn von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüth‘, und ‚du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst‘, so wird es keinen Mann in ganz Indien geben, der auch nur für einen Augenblick seine Zustimmung zu solchen Lehren verweigern würde … Schickt uns daher statt Missionären, die endlose unverständliche Dogmen predigen, vielmehr Männer und Frauen, die durch ein edles christliches Leben einen heilsamen Einfluß auf die ganze Umgebung bilden und die schädlichen Beispiele so vieler Namenchristen abschwächen.“ Zum Schlusse erklärte er, daß er nach England gekommen, nicht um die Lehren des Christenthums kennen zu lernen, sondern wirkliches christliches Leben, den Geist christlicher Menschenliebe und Aufopferung zu studiren. Es sei seine Ueberzeugung, daß England eine große Nation geworden nicht allein durch Handel und Gewerbe, sondern durch den heiligen Einfluß einer Leben gebenden Religion. Ferner sei er hierher gekommen, um einigen Beschwerden seines Volkes abzuhelfen. „Ich hoffe, Ihr werdet meine demüthige Fürsprache für mein theures Vaterland erhören – für das Land, das immer das reichhaltige Thema von Philosophen, Alterthumsforschern, Dichtern, Theologen und Novellisten gewesen, das die Bewunderung aller Jahrhunderte erregt hat, das Land unerschöpflicher physischer und geistiger Hülfsquellen, das Land zahlloser Racen und Stämme, endlos verschiedener Sprachen und Religionen, Sitten und Gebräuche; das Land, wo der übersinnlichste Pantheismus (der Glaube, daß die Welt, das Weltall, selbst die Gottheit sei), der reinste Monotheismus (Ein-Gottglaube) und das riesenhafteste System von Abgötterei zusammen regieren, das Land, das sich einer uralten hohen Civilisation rühmt und das bestimmt ist, eine noch ruhmvollere Zukunft zu haben … Ich wünsche nicht den oberflächlichen Schimmer der Civilisation, die Formalitäten äußerer Bildung, laßt mich eindringen in die innersten Tiefen Eurer Herzen. Gebt mir etwas Edleres als Annoncen, die für den Fremden quälende Proben Eures äußern Wohlstandes, sind … Bringt mir Euren ganzen Enthusiasmus entgegen für das große Werk der Wiedergeburt Indiens.“

Diese herzliche sympathische Aufnahme wurde denn auch Sen in großartigstem Maße zu Theil. Geistliche der verschiedensten Kirchen stellten mit einer in Deutschland unbekannten Liberalität ihm ihre Kanzeln zur Verfügung, alle philanthropischen, gelehrten, religiösen Vereine luden ihn zu ihren Jahresfesten, die Städte Englands und Schottlands wetteiferten miteinander um die Ehre seines Besuchs. Da er bei all diesen Gelegenheiten zu sprechen hatte, so wurde seine Gesundheit so angegriffen, daß er sich einige Zeit an die schottischen Seen zurückziehen mußte. Er hatte im Sinn, im Herbst durch Frankreich, Deutschland und Italien nach Hause zu reisen, allein des ausgebrochenen Kriegs wegen sah er sich genöthigt, auf diesen Plan zu verzichten. Am 12. September 1870 wurde die officielle Abschiedsfeierlichkeit gehalten, die trotz der Reise- und Badesaison zahlreich besucht war. Männliche und weibliche Redner sprachen dem scheidenden Gaste ihren Dank und ihre Sympathien aus und forderten ihn auf, zu berichten, welchen Eindruck England auf ihn gemacht.

Sen begann zunächst mit einigen Aeußerlichkeiten: „Das Erste, was mir in die Augen fiel, war der Glanz Eurer Kaufläden; ihre Menge erregte mein Staunen. Ich dachte, die Engländer müssen eine Nation von Krämern sein, und wenn Jedermann verkauft, wo sind dann die Käufer? Sodann beunruhigte mich die emsige Thätigkeit des Engländers. John Bull’s Leben scheint sich in seiner rechten Hand zu concentriren. Er arbeitet und arbeitet und kann nicht leben für etwas wie Betrachtung und Nachdenken. Er ist wie Hamlet’s Geist, hier, dort, überall, immer sich herumbewegend. Ein englisches Diner ferner kommt mir vor wie eine Jagdpartie, und was mich in dieser Anschauungsweise bestätigt, ist die Thatsache, daß Damen immer vorher den Schutz von Herren suchen, ehe sie in den Speisesaal treten, falls etwa ein Unfall sich ereignen sollte. Dann gehen sie einher, bewaffnet mit Löffeln, Gabeln und Messern, um die Vögel unter dem Himmel, die Thiere der Wildniß und die Fische des Meeres, die auf dem Tische versammelt sind, anzugreifen. Ich schauderte am ganzen Leibe, als ich diese ungeheuern Stücke englischen Roastbeefs sah. Endlich noch zwei Worte über Damenkleidung. Vielleicht will John Bull das nicht dulden, aber ich gehöre zu Denen, die glücklicher oder unglücklicher Weise nicht an die Unfehlbarkeit eines Mannes oder eines Weibes glauben. Die Modedame ist wirklich ein eigenthümliches Geschöpf. Ich hoffe, sie wird niemals in Indien erscheinen. Besonders sind es zwei Dinge, gegen die ich Einwendungen habe: Kopf und Schwanz. In diesen Tagen, wo überall eine große und ernste Agitation für die Rechte der Frauen sich erhebt, da solltet Ihr Herren vortreten und sagen: ‚Frauen haben kein Recht, mehr Raum einzunehmen als Männer‘. Es ist factisch, daß eine civilisirte und feine Dame des Westens fünfmal so viel Raum einnimmt als ein Herr. Das schöne Geschlecht sollte billig sein. Und was den Kopf betrifft, so glaubte ich anfangs, daß das Haar auf den Köpfen der Frauen in England und in europäischen Ländern überhaupt weit länger sei als auf den Köpfen der indischen Frauen. Aber ich habe mir sagen lassen, daß unter diesen kolossalen Haarpyramiden ein Geheimniß steckt, das keine nähere Untersuchung leiden kann. Ich meine, gebildete und verständige Frauen der Gegenwart könnten künftighin eine bessere Probe von der Fruchtbarkeit ihres Gehirns geben …

Mit Ueberraschung bemerkte ich eine Institution, die ich in diesem Lande nicht erwartete – die Kaste. Eure reichen Leute sind Braminen und Eure Armen sind Pariahs. Betrübt hat es mich ferner, daß Eure Regierung die zwei größten socialen Uebel der Gegenwart, Trunkenheit und Prostitution, indirect, wenn nicht gar direct durch gesetzgeberische Acte ermuthigt.“

Dagegen drückte Sen seine Bewunderung aus, die ihm die großartige Wohlthätigkeit Londons und das glückliche englische [688] Familienleben eingeflößt. Auch die Macht der öffentlichen Meinung betrachtete er als großen Segen und drückte die Hoffnung aus, daß Indien bald etwas Derartiges bekommen werde.

Am ausführlichsten sprach er sich über das religiöse Leben Englands aus. Das englische Christenthum sei zu sectirerisch, zu engherzig. „Sind denn die Wasser des ewigen Lebens von so geringer Quantität, daß man die Canäle, durch welche sie fließen, erst enge machen muß, damit sie tief werden? Oft ergötzte mich die patronisirende Weise, mit der Engländer und Engländerinnen mit mir sprachen. Von dem winzigen Fluß, der Themse heißt, sagten sie: ‚das ist unser Strom‘, Maulwurfshügel nannten sie Berge. In Indien giebt es große Berge und den mächtigen Ganges, und als ich in dieses Land kam, da war ich darauf gefaßt, winzige Gegenstände zu sehen. Die Häuser fand ich sehr klein und ich bemerkte mit Schrecken, daß die Häuser für die Seele noch viel kleiner sind. Meinungsverschiedenheiten sind unvermeidlich, wo Leben herrscht, aber gegen den Geist der Antipathie und des Antagonismus (des Widerstrebens und Widerstreitens) protestire ich. Das christliche Leben Englands ist ferner mehr materieller als geistiger Natur. Ueberall herrscht das Streben Gott außen zu finden in Formen, Ceremonien, Dogmen; daß der Geist geistige Nahrung braucht, bedenkt man zu wenig.“ Die einzelnen christlichen Lehren besprechend, so erklärte er sich mit der Idee Gottes als des Vaters einig. Was Christus betreffe, so muß er mit Bedauern wahrnehmen, daß derselbe nicht die rechte Verehrung finde. Man habe ihn vergöttert, ihm Ehren erwiesen, gegen die er selbst protestirt haben würde, aber die Ehre, die er wünschte, habe er nicht erhalten, nämlich die, daß er übergehe in Fleisch und Blut seiner Jünger und Nachfolger. Christus habe den Seinigen seinen Geist verheißen; von der Erfüllung dieser Verheißung sei bis jetzt wenig zu sehn. Und doch sei der wahre Christus nicht der, der vor achtzehnhundert Jahren gelebt, nicht der Christus des populären Glaubens, sondern eben der Geist. Die Christen verehren Gott nicht im Geist und als Geist, sie beten vielmehr eine Incarnation (einen Fleisch oder Mensch gewordenen Geist) an. Gott brauche kein Fleisch, um sich zu offenbaren, da er ja allgegenwärtig das ganze Universum erfülle. „Christus identificirte den Geist der Wahrheit in sich mit Gott, er wollte nicht seinen Willen thun, sondern den Gottes. Der Hindu, sofern er an Gott glaubt, ist er ein Christ. Wenn Reinheit, Wahrheit, Keuschheit, Entsagung, Selbstverleugnung christliche Tugenden sind, so ist überall, wo sie sich finden, Christenthum, ob ihr Träger nun Christ, Hindu oder Muhamedaner genannt wird. Daher kommt es, daß manche Hindus weit bessere Christen sind, als die, welche diesen Namen führen … Das Resultat meines Besuches in England ist, daß, wie ich als Hindu hierher kam, ich als befestigter Hindu zurückkehre. Ich habe nicht eine Lehre angenommen, die nicht vorher schon in meinem Geist vorhanden gewesen. Ich habe viel gelernt, aber alles zur Bestätigung meiner Ansichten von Gott … Mein Land habe ich immer mehr lieben gelernt. Englischer Patriotismus hat wie durch Electricität auch meinen Patriotismus entflammt. Aber zugleich bin ich ein Weltbürger und kann sagen, daß England ebenso meines Vaters Haus ist als Indien. Nun scheide ich von Euch, aber mein Herz wird immer bei Euch sein. England, mit all Deinen Fehlern bist Du mir doch immer theuer!“

Chunder Sen hat Schreiber Dieses versichert, daß er beabsichtigt, in einigen Jahren auch Deutschland zu besuchen, für das er seiner Philosophen wegen eine große Zuneigung habe. Wird wohl sein Urtheil über unsere socialen und religiösen Zustände erfreulicher lauten? Wenn die Vertreter der katholischen Kirche eine Lehre, die sie vor einem Jahre in den schärfsten Ausdrücken verdammten, heute mit Gewaltmaßregeln ausbreiten, wenn die protestantischen Päpste einen tüchtigen Geistlichen in Nassau absetzen, weil er in einem Formular ein paar Worte änderte, wenn die höchste Behörde der protestantischen Kirche in Berlin Erlasse ergehen läßt, die vom Judenthume in einer Weise sprechen, wie man’s im Mittelalter gewohnt war: dann hat wahrlich keine der deutschen Kirchen Grund, sich ihres Christenthums sonderlich zu rühmen. Absurde Dogmen, Fanatismus, Bornirtheit, Ketzerrichterei, Feindschaft gegen die Wissenschaft, Versuche zur Volksverdummung werden in dem Hindu einen eigenthümlichen Begriff von dem „Lande der Dichter und Denker“ erwecken. Am Ende könnte er versucht sein, kritische Einwürfe zu machen gegen die bisherige Annahme, daß in diesem Lande Kant seine „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, Schleiermacher seine „Reden über die Religion“ und Goethe seinen „ Faust“ geschrieben. – Hoffen wir, daß bis zu seiner Ankunft auch unsere kirchlichen Zustände sich soweit gebessert haben, daß wir uns derselben nicht mehr zu schämen brauchen. Inzwischen wünschen wir dem Reformationswerke des morgenländischen Weisen das beste Gedeihen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Baco