Ein Weihnachtskranz auf das Grab eines Vielgeprüften

Textdaten
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Autor: Friedrich Hofmann
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Titel: Ein Weihnachtskranz auf das Grab eines Vielgeprüften
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aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 830–831
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Aus dem deutschen Schriftstellerleben.
Ein Weihnachtskranz auf das Grab eines Vielgeprüften.
Von Friedrich Hofmann.

Rastatt! — Bruchsal! — Waldheim! —— Alles überwunden! Freund, leb’ wohl!“ — Diese Scheideworte rief, drei Erdbrocken, für jeden der drei Kerker einen, als letzten Gruß auf den Sarg werfend, am 7. Juli dieses Jahres Ludwig Würkert dem Heimgegangenen in’s Grab. Drei Eichenkränze und ein Lorbeerkranz, geschmückt mit den schwer errungenen Farben Deutschlands, waren der letzte Lohn, den hier ein deutscher Dichter und Freiheitskämpfer mit in die Gruft nahm. Er hatte sie verdient, durch sein Streben und Leiden, wie Wenige. Und wie ein Gruß von den Eisengittern her, hinter denen er einst die Blüthentage seines Lebens im Züchtlingskittel vertrauen, schüttelte ein Regenschauer die Blätter der Bäume auf seine Sargdecke, als eine treue Schaar von Gesinnungsgenossen ihm die letzte Ehre erwies.

Im neuen Gottesacker zu Leipzig, unweit dem Grabe seines Freundes Hermann Marggraff, fand August Peters seine ewige Ruhestätte. Sie gehörten nebeneinander, die beiden Dulder, denen der gemeinsame Nachruf gilt:

„Zwei Dichterherzen haben ausgeschlagen,
Zwei Herzen, die ihr redlich Theil getragen
Von dieses Lebens Liebe, Kampf und Noth;
Zwei Männer, die den Pfad der Freien gingen
Und von der schnöden Welt den Dank empfingen,
Den sie von je dem Dienst der Freiheit bot.“

Der Sturm des Jahres 1848, welcher Tausende von Männern jedes Alters und Standes selbst aus bis dahin ungestörten und der Politik fremden Friedensbahnen zu reißen vermochte, fand in August Peters eine jugendliche Kraft, die durch ihre Natur von selbst in seinen Strom hineingerissen wurde.

Aus tiefer, bitterer Armuth hervorgegangen, ein Kind des Volks, das mühselig von Tag zu Tag um den Bissen Brod ringen muß, hatte August Peters eines mächtigen inneren Triebes bedurft, um eine früh erkannte ungewöhnliche Begabung nicht innerhalb der Schranken des elterlichen Gesichtskreises verkümmern zu lassen. Der tägliche Anblick des Strumpfwirkerstuhls, hinter welchem er seinen Vater sein Leben in Kummer und Sorgen trotz unsäglichen Fleißes hinbringen sah, erfüllte ihn mit Grauen; er war es, der den dreizehnjährigen Knaben aus dem Elternhaus trieb, um sein Glück in der Welt zu suchen. Und denselben Knaben, dessen Vater aus Noth sogar seine Familie verlassen mußte, um in einer böhmischen Fabrik für sie und sich den Unterhalt zu erarbeiten, den sein Handwerk ihm nicht mehr einbrachte, sehen wir, zum Jüngling herangereift, durch eigene Kraft die Lyceen von Marienberg, Annaberg und Chemnitz und endlich die Universität Leipzig besuchen und finden ihn im Jahre 1847 als Redacteur eines politischen Blattes in Berlin. Dazwischen war er Schreiber, Kaufmannslehrling, Soldat, Schauspieler, Forst- und Brandcassen-Secretair gewesen, und alle diese scheinbaren Abschweifungen von der wissenschaftlichen Laufbahn hatten ihm nur als Nothstufen gedient, durch die er bis zu der Möglichkeit „zu studiren“ sich nach und nach hatte emporschwingen müssen.

Eine solche Kraft war, wie oben angedeutet, eine von Natur revolutionäre, sie war im Kampfe gegen Schranken aller Art groß gezogen; eine solche brauchte der Sturm von 1848 nicht erst an sich zu reißen, sie gehörte von selbst zu ihm.

Aber nicht etwa die pure Lust am Umsturz, nein, der redliche Trieb und der feste Entschluß, dem armen Volke, dessen Kind er war und dessen Herz er sich auch als Dichter und Schriftsteller bewahrt hatte, aus Erniedrigung und Gebundenheit emporzuhelfen — das war es, was August Peters die Waffe in die Hand drückte. Nicht ein eigenliebiger Gedanke vermochte in seiner Seele aufzusteigen; unter den uneigennützigsten und opferfähigsten Kämpfern und Duldern jener Zeit gebührt ihm ein Ehrenplatz.

Dieser Sturm von 1848 überraschte den von Berlin schon 1847 wieder nach Sachsen zurückgekehrten August Peters in Dresden. Die frisch aufathmende Presse zur Gründung eines republikanischen Wochenblatts, „die Barrikade“, benutzend, knüpfte er damals im Interesse der Redaction einen Briefwechsel mit Louise Otto an, die schon damals durch ihre freisinnigen Gedichte und Schriften sich einen volksbeliebten Namen erworben hatte. Wie wenig ahnte wohl Peters, daß die treue Liebe der Dichterin später ihm, dem armen Gefangenen, in der Nacht dreier Kerker als Stern des Trostes, der Ermuthigung, der geistigen Rettung leuchten sollte!

Im Januar 1849 begab er sich nach Marienberg (dem Wohnort seiner Eltern, wohin sie von Taura, dem Geburtsdorfe August Peters’, übergesiedelt waren und wo dieser seine Knabenjahre verlebt hatte), um hier, für die eingegangene „Barrikade“, eine neue Zeitschrift, „die Bergglocke“, zu gründen. Er vertrat in derselben jene gemäßigte Demokratie, welche das damalige Ministerium Oberländer in Sachsen lieber stützen, als stürzen wollte, weil man bereits voraussehen konnte, daß kein freisinnigeres an dessen Stelle kommen würde, und weil man erkannte, daß Sachsen der von auswärts drängenden Reaction nicht allein sich zu widersetzen vermöge. Als aber dieses Ministerium dennoch fiel und im Mai in Dresden der Kampf um die Reichsverfassung ausbrach, eilte auch er von Marienberg über Freiberg dorthin. Aber schon in Freiberg kamen ihm Flüchtige entgegen, denen er sich nun anschloß und mit denen er über Chemnitz, Altenburg und dann durch Thüringen nach der Pfalz und Baden eilte. Hier stieß er auf eine verlassene Freischaar, deren Führer davongelaufen waren, wurde aufgefordert sich ihr anzuschließen und kam so nach Rastatt — und in Gefangenschaft.

Ueber Peters’ Thätigkeit in dieser Festung können wir keine authentischere Mittheilung machen, als die betreffende Stelle aus den „Entscheidungsgründen“ seiner Verurtheilung „zu einer gemeinen Zuchthausstrafe von acht Jahren“. Nachdem erwähnt ist, daß Peters erst die Stelle eines Quartiermeisters des sogenannten Rheinhessischen Bataillons und zuletzt die eines Hauptmanns in der Lunette 33 übertragen worden war, heißt es weiter:

„In dieser Eigenschaft leitete der Angeschuldigte am 8. Juli einen Ausfall, welchen er mit Freiwilligen aus der Lunette 33 unternahm, und drang, nachdem er die Mannschaft mit geistigen Getränken angefeuert hatte, im Gefecht mit den königlich preußischen Truppen bis an das Dorf Niederböhl vor. Die Einzelheiten des Ausfalls sind in der Seite 50 der Acten befindlichen Meldung des Angeschuldigten an den Gouverneur der Festung angeführt, einer Meldung, welche zugleich darthut, daß der Angeschuldigte mit großer Energie dabei zu Werke ging und das Kenzinger Aufgebot mit dem Säbel vom Rückzuge abhielt.“

Die Verurtheilung, so hart sie erscheint, war immer noch ein Glück, denn weit Schlimmeres war ihm bestimmt: auch er war vor das Standgericht geladen. Damals schrieb er an Louise Otto und seine Eltern: „daß er wohl Trützschler’s Loos theilen werde und daß er mit ihren Namen auf den Lippen ruhig sterben wolle“ — Wirklich wurden ihm bisher gestattet gewesene Begünstigungen plötzlich entzogen, er kam in strenge Haft in eine Casematte, aus welcher man täglich Einen um den Andern zum „Schlußverhör“ abführte — d. h. vor das Standgericht. Keiner kam wieder. — Da erkrankte Peters mit vielen Anderen an der Ruhr; täglich kam die Anfrage, ob er „zum Schlußverhör“ vorgeführt werden könne; der menschenfreundliche Militärarzt verneinte [831] dies jedoch beharrlich, und so hatte die Krankheit ihn vom sichern Tode gerettet; das Standgericht ward aufgehoben und Peters sammt den noch übrigen Schwer-Gravirten dem ordentlichen Gericht übergeben. — Bitten und Anträge, ihn, wie seinen sämmtlichen übrigen sächsischen Schicksalsgenossen geschehen war, nach Sachsen auszuliefern, oder wenigstens ihn die badische Strafe in Sachsen verbüßen zu lassen, blieben unberücksichtigt.

Im Zuchthause zu Bruchsal, in der Zelle 287, bestand Peters’ Beschäftigung anfangs in Breterhobeln; später gab man ihm seine Zeit für seine Studien frei. Nach den Hausgesetzen durfte er jeden Monat zwei Briefe schreiben und einen Besuch erhalten. Die Behandlung pries Peters als außerordentlich human. Der Director Füßli wie der Pfarrer Heinz ehrten edel in ihm den gebildeten begabten Mann, ohne daß sie dabei der Strenge und Würde des Gesetzes Etwas vergaben. Sie verschmähten die Menschenquälerei, mit der man in anderen Strafanstalten in unmenschlicher Lust sich eine Güte that. Selbst die einzige Härte, die Peters widerfuhr, geschah auf auswärtige Veranlassung. Peters’ im Glück und Unglück unwandelbare Freundin, Louise Otto, wollte den armen Gefangenen gegen Ende August 1851 mit einem Besuch erfreuen. Die Kunde davon war der Badischen Regierung eiligst mitgetheilt worden, so daß ihrer in Bruchsal bereits ein Ausweisungsbefehl harrte. Dennoch gestattete der humane Director Beiden das Wiedersehen und eine Unterhaltung von einer Stunde, aber freilich trennte Beide ein doppeltes Gitter. —

Trotz dieses Doppelgitters und der Ausweisung —— trotzdem Louise Otto und August Peters sich nicht die Hände reichen, geschweige einen Kuß des Wiedersehens geben konnten, — trennte das kalte Eisen zwei glückliche, in gegenseitiger Liebe glühende Herzen. Nur der Mund, nur das Auge dienten dem Ausdruck des bewegten Innern, aber sie genügten, um zwei Seelen, welche Freundschaft und Dankbarkeit zur Liebe geführt, hier die innigste Vereinigung feiern zu lassen, eine Verlobung, wie vielleicht keine zweite gefeiert worden ist. Der Besuch und der arme Gefangene — schieden vom Doppelgitter als Braut und Bräutigam. —

Am 31. Juli 1852 wurde Peters in Baden begnadigt und an Sachsen ausgeliefert. Die nun beginnende neue Untersuchungshaft im Justizamt Lauterstein in Zöblitz, wegen seiner politischen Vergehen in Sachsen, war sehr streng; selbst an Louise Otto durfte er nicht schreiben, bis diese als seine Braut die Erlaubniß dazu erwirkt hatte; besuchen durfte sie ihn erst zu Pfingsten 1853, nach dem Schluß der Untersuchung und der abermaligen Verurtheilung Peters’ zu acht Jahren Zuchthaus.

Im ersten Brief aus Waldheim (vom 10. October 1853) an seine Braut schrieb Peters: „Soll ich Dir erzählen von der Schwere des neuen Wehes, das mir auferlegt ist? Louise! Freue Dich, daß ich mit heiterem Antlitz, mit aufgerichtetem Haupte vor Dich treten und bezeugen kann: Gott legt Niemand mehr auf, als er tragen kann. — Ich verhehle Dir nicht, daß mir hier manches Niederbeugende entgegentrat, dem ich mich bis jetzt (auch in Bruchsal) nicht unterworfen gesehen, — aber das feste Bewußtsein, in der Hand Gottes zu stehen, half es überwinden, — es erhob mich über die ganze Schmach meines gegenwärtigen Looses. Dazu kam Dein letzter Brief (vom 27. v. M.), der mir sagte, daß auch Du muthig und getrost dieses Weh erträgst. Nach diesem Briefe setze ich ein unerschütterliches Vertrauen in Dein muthiges Ausharren bis an’s Ende unserer Leiden. Louise! Wenn einst Alles überwunden sein wird — wie wird uns dann sein? —— Nur sehr wenige Menschen wissen, was uns zusammen innerlich und äußerlich betroffen, was wir miteinander erlebt und erduldet haben — es würde auch den meisten Menschen märchenhaft erscheinen, wenn wir es ihnen erzählen wollten. Aber wir dürfen es einander einst sagen: Das war gekämpft!“

Zu Waldheim durfte August Peters sich literarisch beschäftigen, nachdem Ernst Keil der Anstalts-Direction gegenüber sich dafür verbürgt hatte, daß es Peters weder an Arbeit noch Verdienst fehlen solle; da er unter seinem Namen jetzt Nichts drucken lassen durfte, so nahm er hier den Autorennanmen „Elfried von Taura“ an, nach seiner Leipziger Studenten-Bezeichnung und seinem Heimathsorte. Von Ostern 1854 an durfte drei Mal im Jahre seine Braut ihn — ebenfalls durch ein Gitter geschieden —— sprechen.

In der Züchtlingsjacke schrieb nun Elfried von Taura viele seiner gelungensten Werke, von denen wir besonders hervorheben: den Romanzenkranz „Friedrich der Freudige“ (Freib. 1856); eine Reihe von Sonetten, die zu den besten unserer Literatur gehören; eine Novelle „die stille Mühle“, die einen ersten Preis gewann, und andere treffliche Novellen, welche in der Gartenlaube, in den Unterhaltungen am häuslichen Heerd u. s. w. veröffentlicht worden und später theilweise gesammelt als „Erzgebirgische Geschichten“ und „Aus Heimath und Fremde“ erschienen sind. — Man kann daher wohl dem Herrn Straf- und Corrections- Anstalts-Director Heink in Waldheim nicht widersprechen, wenn er in seiner „Tabellarischen Notiz, den Züchtling August Friedrich Peters aus Taura betreffend“ sein Urtheil über denselben u. A. dahin ausspricht: „Nicht ohne geistige Begabung und als Schriftsteller bereits bewährt.

Im Januar 1856 hatte der König die Strafzeit Peters’ um die Hälfte gekürzt, eine Verordnung des königl. Ministeriums der Justiz aber schloß ihm schon am 9. Juli desselben Jahres den Kerker auf, nachdem er fünfundachtzig Monate lang den Hauch der Freiheit entbehrt hatte. — Am 24. Novbr. 1858 schloß er in Meißen mit Louise Otto den Ehebund und siedel1e Anfang Novbr. 1859 nach Leipzig über. Hier wandelte August Peters erst den „General-Anzeiger“ in eine entschieden demokratische Zeitschrift um, begründete nach der Unterdrückung derselben die Mitteldeutsche „Volkszeitung“ mit und leitete sie bis an seinen Tod. Er starb am 4. Juli d. J., trotz abermaliger Gefängnißstrafe in seinen Grundsätzen unerschüttert, erst siebenundvierzig Jahre alt. Sein Vater war aus Gram über das Unglück des Sohnes kurz vor dessen Eintritt in Waldheim gestorben; sein altes Mütterlein hat ihn überlebt, aber in seiner Wittwe eine Tochter gefunden, die des Sohnes Pflicht auf sich nahm.

Wie August Peters vor der Revolution schon eine Sammlung Gedichte (Schneeberg, 1845) und mehrere Erzählungen und später viele politische Artikel veröffentlicht hatte, so trat in der neu gewonnenen Freiheit Elfried von Taura mit einer Reihe Romane und Erzählungen hervor, die, nach dem glücklichen Novellen-Preisdebüt im Zuchthause, seinen neuen Autornamen bald zu einem von gutem Klang erhoben. Um so mehr muß man wünschen, daß auch der literarische Nachlaß der Oeffentlichkeit nicht vorenthalten werde, namentlich seine noch ungedruckten und neuausgewählten Novellen und die von ihm begonnene Selbstbiographie, die seine bewegte Jugend schildert und, von der Hand der treuen Gattin mit einer Auswahl der Briefe des Gefangenen aus seinen drei Kerkern verbunden, ein in vieler Beziehung sehr interessantes, sehr beachtenswerthes Buch werden und das schönste Denkmal dieses Vielgeprüften sein würde.