Ein Veteran des Jungen Deutschland

Textdaten
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Titel: Ein Veteran des Jungen Deutschland
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aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 339, 340
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[339] Ein Veteran des Jungen Deutschlands. Am 22. April starb in Dresden Gustav Kühne, im zweiundachtzigsten Lebensjahre, der letzte der Schriftsteller, welche einst zum Jungen Deutschland gerechnet wurden. Unsere Leser werden sich wohl darauf besinnen, daß bald nach der Julirevolution in Deutschland eine Zahl jüngerer Schriftsteller freigeistiger Richtung, welche ist der Litteratur und dem gesellschaftlichem Leben mit stürmischem Eifer Reformen anstrebten, unter diesem Namen zusammengefaßt wurde. Der Bundestag verbot ihre Schriften; es waren neben Heinrich Heine besonders Heinrich Laube und Karl Gutzkow, Männer von großem Talent, die sich später durch ihre Schöpfungen auf dem Gebiete des Dramas und Romans einen dauernden Ehrenplatz auf dem deutschen Parnaß eroberten. Gustav Kühne gehörte damals nicht mit zu den Geächteten; aber er schloß sich dieser Richtung an, wenn er auch unter den Stürmern und Drängern der maßvollste war.

Er hat ein hohes Alter erreicht; auf das Junge Deutschland sah er eine andere jüngere Generation folgen und neuerdings tauchte wieder ein junges Deutschland auf, welches eine Revolution der Litteratur auf seine Fahne schreibt.

Gustav Kühne war am 27. Dezember 1806 zu Magdeburg geboren; er studirte in Berlin, wo er zu den Füßen von Hegel und Schleiermacher saß. In die feinen Gedankengespinste dieser Hochmeister des deutschen Geistes vertiefte er sich mit andächtiger Hingebung und ein [340] feingeistiger Zug, eine Vorliebe für die Filigranarbeit des Denkens ist allen seinen Schriften eigen geblieben. Von 1835 bis 1842 redigirte er die „Zeitung für die elegante Welt“ in Leipzig, später 13 Jahre hindurch die „Europa“. Er gab diesen Blättern eine einflußreiche Stellung; man legte Gewicht auf sein kritisches Urtheil; er war ein Meister in litterarischen Porträts, die zwar nicht so scharfe Umrisse zeigten wie bei Gutzkow, aber dafür eine wahre und warme Farbengebung. Gustav Kühnes Verdienst nach dieser Seite hin ist noch nicht genugsam gewürdigt; seine Sammlungen „Weibliche und männliche Charaktere“, „Porträts und Silhouetten“, „Deutsche Männer und Frauen“ verrathen einen ernsten, würdigen, schwunghaften Geist und oft sind weiche und ergreifende Gemüthstöne darin angeschlagen.

Als Novellist und Romandichter wahrte er dieselbe Eigenart; er begann mit einer Erzählung „Eine Quarantaine im Irrenhause“ (1835), welche zuerst Aufssehen erregte; sie war ganz im Stile des Jungen Deutschlands gehalten, ein geistreiches Capriccio, tiefsinnig über den Räthseln des Menschenlebens brütend, oft etwas schwerwuchtig im Stil und die Kunstausdrücke der Schule nicht verschmähend. Farbenreich sind die geschichtlichen Romane Kühnes, besonders „Die Rebellen von Irland“ (3 Bände 1840); die Leiden des grünen Erin und der noch heute dort fortglimmende oder hell aufflammende Kampf gegen die englische Herrschaft sind mit warmer Empfindung, oft mit begeistertem Aufschwung geschildert. Auch die geschichtlichen Helden sind lebenswahr porträtirt. Doch gelingt es dem Autor nicht recht, uns für die Geschicke der Einzelnen und für seine freiererfundene Handlung zu erwärmen, seine Muse verweilt gern auf den Höhen der nationalen Bewegung . . . Das gilt auch von seinen „Klosternovellen“ (2 Bände) und von „Wittenberg und Rom, Klosternovellen aus Luthers Zeit“, sowie von seinem umfangreichen Roman „Die Freimaurer“ (1854) – überall ein warmer Pulsschlag für geistiges Streben im Kampfe mit den Dunkelmännern, lebendige Schilderung, wohlerwogene Gruppirung der Charaktere, aber selten packende Situationen und eine Spannung, die das große Publikum zu fesseln vermocht hätte. Gustav Kühne war auch in seinen Romanen zu sehr Geschichtsphilosoph, zu wenig Menschendarsteller.

Seine Dramen „Isaura“ und „Die Verschwörung von Dublin“ sind wenig gegeben worden; nur seine Fortsetzung des Schillerschen „Demetrius“ wurde mehrfach aufgeführt und besprochen. Auch mehrere Sammlungen von Gedichten hat Kühne herausgegeben; in den letzten Jahrzehnten allerlei Satirisches mit reformatorischer Richtung wie die „Römischen Sonette“ (1869).

Seit 1856 lebte Kühne in Dresden und abwechselnd auf seiner Villa in Hosterwitz; er befand sich in glücklichen Vermögensverhältnissen; nicht jedem deutschen Autor ist ein so sorgenloses Alter beschieden. Leider wurde Kühne 1884 von einem schweren Gehirnleiden befallen, so daß den letzten Jahren seines Lebens der Sonnenschein fehlte.

In unserer Litteratur wird er nicht zu den eigentlich schöpferischen Geistern gezählt werden, aber zu den Pfadfindern und Bahnbrechern von schwunghafter Gesinnung und umfassender Bildung.
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