Textdaten
<<< >>>
Autor: v. K.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Krokodilkönig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 579–580
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[579] Ein Krokodilkönig. Die Malaien wann, ehe sie zum Islam bekehrt wurden, wahrscheinlich größtentheils Buddhisten, wenigstens findet man Ruinen von Buddha-Tempeln noch auf Java, Sumatra und Borneo, und die Lehre von der Seelenwanderung hat durch die mohammedanische Lehre nicht ganz ausgetilgt werden können. Ich wollte einst auf Sumatra einen Tiger schießen, der einem Malaien, bei dem ich logirte, bereits mehrere Büffel geraubt hatte, doch mein gewissenhafter Wirth gab mir zur Antwort: „Dieser Tiger ist mein Großvater, ich will daher wegen ein paar Büffeln nicht eine so blutige Rache nehmen. Ein Anderes wäre es, wenn er einen Menschen getödtet hätte.“ Dieser Grundsatz ist ziemlich allgemein, man verfolgt selten Tiger oder Krokodile, wenn sie nur Vieh geraubt haben. Mit einem andern Malaien fuhr ich einst einen kleinen Fluß aufwärts; am Ufer lagen mehrere Krokodile, und ich hätte sie mit leichter Mühe schießen können, doch mein Begleiter bat mich dringend, dies zu unterlassen. Sein Haus stand nicht weit vom Fluß, und seine Ziegen und Büffel löschten täglich ihren Durst in demselben, dennoch kam es höchst selten vor, daß die Krokodile ein Stück Vieh raubten. Dagegen fürchtete er die Rache der Krokodile, wenn ich auf sie schießen würde. Es ist übrigens gewiß, daß in einigen Flüssen eine gewisse Krokodils-Humanität zu herrschen scheint, und weder Menschen noch Vieh durch diese Thiere angegriffen werden, während sie in andern Flüssen außerordentlich gefährlich sind. Die Ursache hiervon ist wahrscheinlich die, daß in Flüssen, welche besonders fischreich sind, die Krokodile Nahrung genug finden, während sie, wenn ihnen in anderen Gewässern diese fehlt, aus Hunger Menschen und Vieh anfallen.

Eine sehr komische Geschichte trug sich während meiner Anwesenheit in Pontianak, auf der Westküste von Borneo, zu. Die Malaien haben hier den Aberglauben, daß auf dem Grunde des Meeres oder Flusses ein König der Krokodile in einem prächtigen Palast residirt; wenigstens glaubt dies ein großer Theil des gemeinen Volks.

Damals (1852) lebte in Pontianak ein wohlhabender Malaie, mit [580] Namen Tuwan Ali. Er hatte einen Diener, der ein höchst träger Bursche und zugleich liederlich war, und dem guten, aber etwas dummen Tuwan Ali vielen Kummer machte. Er hätte ihn längst aus seinem Dienst entlassen, wenn ihm Kapak, so hieß der Knecht, nicht eine ansehnliche Summe Geldes schuldig gewesen wäre.

Eines Tages ist Kapak spurlos verschwunden; Niemand weiß, wo er geblieben. Indessen hatte man seine Däta (Kopftuch) auf dem Wasser schwimmend gefunden, und man vermuthete mit Recht, daß Kapak von einem Krokodil verzehrt sei. Tuwan Ali war ganz untröstlich, denn das Krokodil hatte mit Kapak zugleich 150 Rupien verzehrt, welche er als orang-ber-utang[1] seinem Herrn schuldig war. Das übrige Gesinde meinte, Kapak hätte den Tod verdient, weil er ein Erz-Lügner und Aufschneider, Opiumraucher und Spieler gewesen sei; einige nannten ihn sogar einen Dieb.

Es waren vier Wochen seit dem Verschwinden Kapak’s verflossen, als Tuwan Ali eines Abends vor seinem Hause, welches dicht am Flußufer stand, auf und ab wandelte. Der Mond beleuchtete mit seinem silberfarbenen Licht den Strom; das Staatsboot Tuwan Ali’s lag an seiner gewöhnlichen Stelle am Ufer und der aus Holz geschnitzte Drachenkopf, mit dem das Boot am Vordertheil verziert war, schien vorwurfsvolle Blicke auf ihn zu werfen, denn bei solchem schönen Mondlicht pflegte er sonst den Fluß zu befahren, um zu fischen. Bei diesen Gelegenheiten war es aber stets Kapak gewesen, der das Boot lenkte, denn kein anderer Diener war so gewandt im Rudern, keiner so geschickt im Schwimmen und Tauchen, wenn dies bisweilen nöthig war, um einen Fisch herauf zu holen, oder wenn das Wurfnetz auf dem Grunde fest saß. Es war daher nicht zu verwundern, daß wehmüthige Erinnerungen an Kapak in Tuwan Ali auftauchten, sodaß er schwere Seufzer ausstieß, welche halb den verlorenen 15O Rupien, halb den wirklich seltenen Verdiensten Kapak’s als Ruderer, Schwimmer und Taucher galten. Da plötzlich vernimmt er die Stimme Kapak’s aus dem Wasser, der wehmüthig, aber ganz vernehmlich seinen Namen ruft. Er traut seinen Ohren nicht, aber noch einmal ruft es noch schmelzender: „Tuwan Ali!“ Er ist eben im Begriff Reißaus zu nehmen, als er den Kopf Kapak’s jetzt deutlich auftauchen sieht; mehr und mehr erhebt sich die Gestalt des verlorenen Dieners aus den Wellen und tritt endlich feierlich an’s Ufer. Tuwan Ali konnte nicht mehr laufen, sonst wäre er sicher nicht stehen geblieben, er war wie festgezaubert durch diese Erscheinung, denn wer anders als der Geist Kapak’s konnte dies sein?

„Ich beschwöre Dich beim Propheten,“ ruft er in Herzensangst Kapak zu, „mich nicht zu beunruhigen; kommst Du wegen Deiner Schuld, sie ist Dir längst erlassen; ich bitte Dich, weiche von mir, kehre zurück in Dein nasses Grab.“

Doch Kapak ließ sich nicht beschwören; er blieb fünf Schritte vor seinem Herrn stehen, hob seine Hände auf und rief feierlich: „Ich segne Dich, Tuwan Ali, und bringe Dir einen Gruß vom Krokodilkönig, ich bringe Dir frohe Botschaft, ich bringe Dir großes Glück; denn wisse, ich bin kein Geist, sondern Dein treuer Diener Kapak leibhaftig, der volle vier Wochen Diener bei Sr. Majestät dem Krokodilkönig war, nun aber, aus purer Anhänglichkeit und Liebe zu Dir, wieder zurückkehrt in diese elende Oberwelt.“

Wer vermag das Erstaunen, die Freude des vor Schreck zitternden Tuwan Ali zu schildern? Er war keines Wortes fähig und eilte, ganz betäubt von diesem wunderbaren Ereigniß, mit dem von Wasser triefenden Diener in seine Wohnung. Hier erzählte nun Kapak folgendermaßen: „Ich badete mich wie gewöhnlich vor dem Schlafengehen auf dem Rakit[2], als mich der Schlag eines Krokodils in’s Wasser stürzte. Ich verlor die Besinnung und weiß nicht, was weiter mit mir vorging. Jedenfalls nahm mich das Ungeheuer in seinen Rachen und fuhr mit mir abwärts in die Tiefe. Als ich aus meiner Ohnmacht erwachte, befand ich mich im Palast des Krokodilkönigs, welcher auf einem herrlichen goldenen Kissen saß und behaglich eine Opiumpfeife rauchte. Es ist ein sehr leutseliger Herr, denn nachdem ich ihm den Pantoffel geküßt, klopfte er mich auf die Schulter und sagte: „Du treuer Diener, ich habe Dich lange beobachtet; Tuwan Ali hat die Perle nie genug geschätzt, welche er an Dir besaß, darum habe ich den Auftrag ertheilt, Dich aus deiner unwürdigen Stellung zu befreien. Du bist von jetzt an erster Aufseher in meinem Palast.“ Zugleich überreichte er mir diesen kostbaren, mit Edelsteinen verzierten, goldenen Dolch.“ Mit diesen Worten zog Kapak einen sehr schmutzigen, alten Dolch aus seinem Gürtel.

„Gold und Edelsteine!“ rief Tuwan Ali, „aber ich bitte Dich, das ist ja eine ganz gewöhnliche hölzerne Scheide.“

„Ja, das ist der Zauber,“ rief Kapak, „ich habe mir es beinah gedacht, sobald diese Kostbarkeiten an die Oberwelt kommen, verwandeln sie sich in ganz unansehnliches Zeug. Da, seht diese Jacke an, Tuwan Ali!“ hierbei wies er auf eine zefetzte blaue, kattunene Jacke. „Vor einer halben Stunde war dieser Stoff noch kostbarer Goldbrocat, diese Knöpfe große Diamanten; es ist ganz zum Verzweifeln, so bin ich also wieder ruinirt. In dieser Tasche trug ich ein Päckchen kostbarer Edelsteine, wovon ich Euch einige verehren wollte; laßt sehen, was aus ihnen geworden ist.“ Mit diesen Worten langte Kapak ein Päckchen hervor, öffnete es hastig und schien ganz bestürzt, als es nur elende Kieselsteine enthielt. „O, dieser verdammte Zauber!“ rief er ganz wüthend, „so bin ich also wieder ein armer Lump wie vorher, und allein wegen meiner großen Ehrlichkeit, meiner Anhänglichkeit an Euch; ich wollte meine Schuld, die 150 Rupien, bezahlen. Es war keine Kleinigkeit, aus dem Palast zu entfliehen; ich mußte alle Schlauheit anwenden, um dies auszuführen.“

Tuwan Ali standen die Thränen in den Augen vor Rührung, und es fehlte wenig, so hätte er Kapak die Schuld erlassen; jedoch besann er sich noch bei Zeiten; denn wunderliche Zweifel kamen in ihm auf. Die Verwandlung des Dolches und der Edelsteine war doch etwas seltsam, auch sah Kapak sehr abgemagert aus, welches er doch mit dem herrlichen Leben, das derselbe geführt haben wollte, nicht zusammen reimen konnte. – Kapak behauptete indeß auch hier, daß dies Alles mit Zauberei zugehe, er wäre noch vor fünfzehn Minuten so wohl genährt gewesen, daß er wahrhaft vornehm ausgesehen hätte. Man stritt hin und wieder in Pontianak über Kapak’s Abenteuer; man bedauerte ihn und bewunderte ihn, oder schalt ihn einen nichtswürdigen Lügner, je nachdem man mehr oder weniger an das Dasein des Krokodilkönigs glaubte.

Da traf zum Unglück für Kapak die Nachricht ein, daß man ihn in einem funfzehn Meilen von Pontianak entfernten Dorfe während seiner Abwesenheit gesehen haben wollte. Kapak lächelte nur verächtlich über solche Verleumdungen und behauptete, daß er als erster Aufseher allerdings hätte Einkäufe machen müssen, und daß es daher gar kein Wunder sei, wenn man ihn auch hin und wieder an anderen Orten gesehen hätte.

Warum Kapak wieder zu seinem Herrn zurückkehrte, ist schwer zu sagen. Es scheint, daß er während seiner Reisen eben kein besonders gutes Leben führte, und sich daher nach der guten Kost in Tuwan Ali’s Hause zurücksehnte. Denn ohne Zweifel war es seine ursprüngliche Idee, davonzulaufen, um nie wieder in das Haus seines Schuldherrn zurückzukehren.

v. K.





  1. Orang-ber-utang sind Schuldner, welche, so lange sie nicht ihre Schuld bezahlt haben, gegen Kost und Kleidung arbeiten müssen. Auf Borneo ist diese Art Dienstbarkeit allgemein, und alles Gesinde der wohlhabenden Malaien sind solche Schuldner.
  2. Rakit, ein hölzernes Floß. Die Malaien baden sich, indem sie mittelst eines Gefäßes Wasser über sich gießen.