Ein Besuch bei Henri Rochefort

Textdaten
<<< >>>
Autor: Gustav Rasch
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Ein Besuch bei Henri Rochefort
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 280–282
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[280]
Ein Besuch bei Henri Rochefort.[1]

Am Abend desselben Tages, an dem ich meinen ersten Besuch bei dem Deportirten von Cayenne, dem tapfern Delescluze, gemacht hatte, ging ich nochmals in das düstere Haus der Aboukirstraße, um Henri Rochefort, den Redacteur der „Marseillaise“, zu besuchen. Die „Marseillaise“ wird während der Nacht gedruckt. Rochefort pflegte deshalb allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in das Redactionsbureau zu kommen und dort bis Mitternacht zu arbeiten. Freund Seinguerlet, der Redacteur des „Avenir National“, hatte schon einige Tage vorher an seinen Collegen von der „Marseillaise“ geschrieben, daß ich ihm einen Besuch zu machen wünsche.

Es war fast zehn Uhr. Das Haus in der Aboukirstraße lag in tiefstem Dunkel. Im Erdgeschoß und in den beiden ersten Stockwerken war nirgends mehr ein Licht zu erblicken. Nur sämmtliche Fenster des dritten Stocks waren hell erleuchtet; im dritten Stock befanden sich die Redactionszimmer und Verwaltungsbureaux der jüngsten und am meisten verbreiteten Pariser republikanischen Zeitung. Im Januar betrug die Abonnentenzahl der „Marseillaise“ dreißigtausend, während der Straßenverkauf wenigstens ebenso viel Abnehmer brachte und häufig auf fünfzigtausend stieg. An ereignißvollen Tagen wurde die Nummer oft mit ein bis drei Francs auf den Boulevards bezahlt. Die Redacteure der „Marseillaise“ vertheilen in echt demokratischer Weise die Einkünfte des Blattes unter sich zu gleichen Theilen; das monatliche Einkommen jedes Redacteurs steigt, je nach der Ziffer des Straßenverkaufs, da die Abonnentenzahl eine bestimmte ist, oft von fünfzehnhundert bis zweitausendfünfhundert Francs. Daß der Chefredacteur aus dem Blatte für sich eine Geldquelle mache, gehört also, wie so vieles Andere, in den Kreis kläglicher und aus der Luft gegriffener Verleumdungen. Rochefort bezieht nicht mehr Gehalt aus der „Marseillaise“ als jeder seiner Mitredacteure.

Die steinerne Wendeltreppe, welche im Hause Nummer 9 der Aboukirstraße aus dem Erdgeschoß in die oberen Stockwerke führt, war in ihrer untern Hälfte, sowie die Flure im ersten und zweiten Stock, nur durch ein paar einsame Gasflammen erleuchtet. Das am Tage so belebte Haus erschien wie ausgestorben. Erst im dritten Stock war Beleuchtung, Leben und Bewegung. Das Vorzimmer der Redaction der „Marseillaise“ war überfüllt mit Menschen; jeder Stuhl, jeder Platz auf den Bänken an der Wand war besetzt; Andere umstanden einen an einem kleinen Tische sitzenden Secretär, der ihnen die Inserate für die nächste Nummer der Zeitung abnahm. Die Wände waren mit einigen Bildern des unglücklichen Victor Noir geschmückt, den Peter Bonaparte einige Tage vorher in Auteuil meuchlings erschossen hatte, unter ihnen das bekannte Bild von Gille, welches den Ermordeten nach dem Tode, die blutige Schußwunde in der Brust, darstellt. Ich überreichte dem Secretär meine Karte mit der Bitte, mich dem Chefredacteur der „Marseillaise“ zu melden. Er ließ einen Stuhl aus einem Nebenzimmer für mich holen und übergab die Karte dem Redactionsdiener, einem Arbeiter in der historischen blauen Blouse. Nach einigen Minuten kehrte derselbe zurück und sagte: „Bürger! der Bürger Rochefort bedauert sehr, Sie heute nicht empfangen zu können. Er ist gerade mit dem Leitartikel für das morgende Blatt beschäftigt, der in einer Stunde unter die Presse gehen muß. Wenn Sie aber morgen Abend um dieselbe Zeit wie heute kommen wollten, so würde Ihr Besuch ihm sehr willkommen sein.“ Jeder Schriftsteller weiß, wie wichtig der Leitartikel ist, auf den die Setzer warten. Ich beauftragte den Redactionsdiener dem „Bürger Rochefort“ zu sagen, daß ich am nächsten Abend um zehn Uhr meinen Besuch auf dem Redactionsbureau wiederholen würde, und stieg die düstere steinerne Wendeltreppe wieder in die Aboukirstraße hinab, um noch einen Spaziergang über die Boulevards zu machen.

Am nächsten Abend fand ich mich pünktlich um zehn Uhr auf der Redaction der „Marseillaise“ ein. Das Vorzimmer bot ganz denselben Anblick wie am verflossenen Abend. Der Secretär führte mich in ein nach der Straße belegenes Zimmer und ersuchte mich, einige Minuten zu warten; ein Besuch, der gerade im Cabinet des Chefredacteurs sei, würde sogleich dasselbe verlassen; er werde mich demselben melden. Auch in diesem Zimmer waren die Wände mit mehreren Bildern Victor Noir’s, außerdem mit einem großen Oelgemälde decorirt. Es stellte die von Soldaten gestürmte Barricade im Faubourg Saint Antoine dar, auf welcher der tapfere Volksvertreter Baudin am Tage des dritten December den Heldentod für die Freiheit und für die Republik starb. „Diese erste Barricade des December,“ sagt Eugen Tenot in seinem [281] berühmten Buche über den Staatsstreich, „die mit dem Blute des Abgeordneten Baudin getränkt wurde, ist eine der traurigsten, aber zugleich eine der stolzesten Erinnerungen der republikanischen Partei geblieben.“ Ich war noch mit der Betrachtung des Bildes beschäftigt, als sich die Thür hinter mir öffnete. Als ich mich umwandte, erschien Rochefort auf der Schwelle des Zimmers und ersuchte mich einzutreten.

Alle Bilder Rochefort’s, die ich in Deutschland sah, haben denselben Gesichtsausdruck. Der Ausdruck ist finster, die Augenbrauen sind zusammengezogen; das Auge schaut unter diesen zusammengezogenen Brauen mit einem stechenden Blick hervor. Ich hatte Rochefort einige Male in Auteuil, in der Kammer und auf der Straße gesehen, aber diesen Blick nie bemerkt. An dem Abend, wo ich ihm meinen ersten Besuch auf der Redaction der „Marseillaise“ machte, trugen seine Gesichtszüge in dem Moment, als er auf der Schwelle seines Zimmers erschien, in der That diesen finstern und nichts weniger als angenehmen Typus. Aber dieser Ausdruck verschwand sofort, als er mich mit einigen freundlichen Worten begrüßte; die Wolke auf der Stirn und der stechende Blick des Auges hatten einem äußerst sympathischen und gewinnenden Ausdrucke Platz gemacht. Kopf und Gesicht Rochefort’s haben den südfranzösischen Typus. Solche Köpfe sieht man in der Provence, in Cette, in Arles, in Marseille. Reiches, schwarzes Haar, aufwärts gekämmt, beschattet eine hohe Stirn; ein schwarzes Schnurrbärtchen unter einer wohlgebildeten, nicht großen Nase deckt die feingeschnittene Oberlippe, ein kurzgehaltener Henri quatre das runde Kinn; die Augen sind dunkel und feurig; ein Schatten von Schwermuth oder Trauer legt sich dann und wann plötzlich über diese edlen und während der Unterhaltung sich belebenden Züge und giebt ihnen dann einen Anstrich von Kränklichkeit. Die Gestalt Rochefort’s ist groß, schlank, ich möchte sagen, mager; seine Stimme sonor, von gewinnendem, angenehmem Klange. Der Typus des vornehmen französischen Seigneurs ist in der Gestalt und im Wesen Rochefort’s unverkennbar.

„Bürger Rochefort,“ sagte ich, als er mir die Hand zum Willkommen gereicht hatte, „ich bewundere Ihren Muth und Ihr Talent. Sie waren der Erste, der den Feldzug gegen Bonaparte und gegen das Empire eröffnete. Ihre Art und Weise, das Empire anzugreifen, war die richtigste und für dasselbe verderblichste. Ich freue mich, Sie kennen zu lernen –“

„Sagen Sie mir,“ unterbrach mich Rochefort, und ein Schatten flog über diese edlen, schönen Züge, und das Auge nahm auf einen Moment wieder den stechenden Ausdruck an, von dem ich oben sprach, „überhäuft man mich in der deutschen Presse auch mit diesen nichtswürdigen, widerlichen Verleumdungen, wie hier die bonapartistischen Blätter?“

„Das ist allerdings der Fall! Alle Sympathieen der Radicalen und der Republikaner in Deutschland sind aber mit Ihnen – und diese glaube ich Ihnen aussprechen zu dürfen.“

Der düstere Schatten verschwand von Rochefort’s Zügen; sein Auge verlor den fatalen Blick. „Kommen Sie,“ sagte er und schob mir einen Sessel an das Kaminfeuer, „setzen wir uns. Es freut mich, in Ihnen einen Cameraden aus Deutschland kennen zu lernen.“

Unser Gespräch lenkte sich natürlich sofort auf die französischen Zustände. Es waren erst wenige Tage nach der Bestattung des armen Victor Noir verflossen. Ich sprach von der Demonstration in Auteuil. „Begreifen Sie Flourens?“ sagte ich, „was wäre das für ein Unglück geworden, wenn die zweimal hunderttausend Menschen mit der Leiche nach Paris gezogen wären!“

„Flourens ist sehr exaltirt. In seiner Exaltation hatte er sich die Consequenzen einer solchen Handlung nicht klar gemacht. Ich war doch dafür verantwortlich. Es stand das Leben von Tausenden auf dem Spiel.“

Dann sprach er von der Verwerflichkeit des Empire und seiner Träger und Helfershelfer und von Ollivier. Rochefort sprach sich mit derselben Erbitterung aus, wie einige Tage früher Delescluze. Auch Rochefort fragte ich dann nach dem Feldzugsplan der republikanischen Partei. Er entwickelte mir denselben ganz in der gleichen Weise wie der Chefredacteur des Réveil und wiederholte ausdrücklich mehrmals: „Wir müssen um jeden Preis jetzt jeden blutigen Zusammenstoß in Paris verhindern; der Sieg der Republik ist unzweifelhaft; wir brauchen nur Zeit, um ihn zu erringen.“ Ich denke, diese gegen mich ausgesprochenen Ansichten Rochefort’s werden wohl Jedermann überzeugen, daß die nach seiner Verhaftung in der Rue de Flandre stattfindenden revolutionären Scenen in Belleville und im Quartier du Temple nur die natürlichen Consequenzen der in Paris herrschenden, durch die Polizisten Pietri’s geschürten Aufregung waren und durchaus nicht von der republikanischen Partei ausgingen, sondern ganz im Gegentheil in crassem Widerspruch mit ihren Grundsätzen standen. Wenn es überhaupt im Plane der Republikaner gelegen hätte, Anfang Februar in Paris eine revolutionäre Erhebung gegen das Empire zu veranstalten, so hätten sowohl Delescluze wie Rochefort gegen mich aus derselben gar kein Geheimniß gemacht. Ich habe ausdrücklich diesen Punkt mehrmals in meinen Unterredungen berührt; Beide haben diese Absicht in der bestimmtesten Weise in Abrede gestellt. Auch von der Eventualität des plötzlichen Todes Louis Bonaparte’s sprach ich an diesem Abend mit Rochefort. Ich muß sagen, auch Rochefort rechnet mit Bestimmtheit darauf.

Ich versprach Rochefort bei meinem Besuche in Paris, nach meiner Rückkehr nach Deutschland seinen Verleumdern und Feinden in der deutschen Presse mit der Aufdeckung der Wahrheit entgegenzutreten. Keine Lüge ist so niederträchtig, keine Verleumdung so boshaft, keine Klatscherei so albern, welche man nicht in Deutschland gegen den Mann versucht hat in Scene zu setzen und zu verbreiten, dem der berühmte Verbannte von Jersey kürzlich fast dieselben Worte schrieb, in denen ich ihm in Paris meine Sympathie aussprach: „Ich bewundere Ihren Muth, Ihr Talent und Ihren Charakter.“ An allen diesen Verleumdungen und Erbärmlichkeiten welche darin gipfeln, daß Rochefort ein verkappter Legitimist oder Orleanist im Interesse der Wiederherstellung des Königthums arbeite, daß er ein mauvais sujet, als Mensch ohne Talent und Charakter, ein Abenteurer sei, daß er früher im Dienste der bonapartistischen Partei gestanden habe, ist auch nicht ein wahres Wort. Alle diese Erbärmlichkeiten lassen sich auf einige schmutzige Broschüren zurückführen, welche ein paar bonapartistische Soldschreiber im Auftrage der Regierung in Paris unter das Publicum schleudern mußten, um den Verfasser der „Laterne“ in der Achtung der Menschen herabzusetzen, als die gegen ihn in Scene gesetzten gerichtlichen und polizeilichen Verfolgungen sich als fruchtlos erwiesen und nur dazu dienten, die enorme Verbreitung der „Laterne“ zu verzehnfachen. Man erinnert sich wohl, daß Rochefort einmal, vom Zorn hingerissen, den Drucker einer dieser natürlich anonym erschienenen Broschüren zusammenschlug. Wenn man heut in Paris Jemandem diese abgeschmackten Verleumdungen über Rochefort auftischt, so wird man ausgelacht. Als ich mich bei dem Geschäftsträger einer großen europäischen Macht nach Rochefort’s Charakter und nach dem Werth dieser Albernheiten erkundigte, erwiderte er mir ganz aufgebracht: „Aber das Alles ist ja abgeschmackt! Jeder von uns hat hier den Mann gekannt. Er war ein kleiner Beamter auf dem Rathhause. Rochefort ist ein Mann von Ehre und Charakter. Niemand kann ihm etwas Uebles nachsagen.“ Ich werde nun in einigen Worten eine kurze Charakteristik Rochefort’s geben. Sie ist das Resultat der Erkundigungen, die ich bei seinen Collegen in der Presse, bei achtungswerthen Kaufleuten, welche die radicalen politischen Anschauungen und Mittel des berühmten Redacteurs der Marseillaise nicht theilen und lieber auf ruhigem Wege zur „déchéance de l’empire“ gelangen möchten, und bei zwei in Paris accreditirten Diplomaten über Rochefort eingezogen habe.

Graf Victor Henri Rochefort de Lucay – so ist Rochefort’s ganzer Name und Titel – stammt aus einer alten und vornehmen französischen Adelsfamilie. Sein Vater war durch Unglücksfälle und irrige Speculationen ruinirt, so daß der Sohn frühzeitig daran denken mußte, selbst seinen Lebensunterhalt zu erwerben. Seine Jugend war hart und schwer, voll von Entbehrungen und Arbeit; er gab Unterricht und verwaltete nebenbei ein sehr bescheidenes Aemtchen auf dem Pariser Stadthause, wofür er eine Besoldung von zwölfhundert Francs bezog. Daß Henri Rochefort seine Jugend in Estaminets und Weinhäusern verbracht habe, ist eine Lüge. Bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre, sagte Herr Vermorel, hat Rochefort nie einen Fuß in ein Estaminet gesetzt. Er hatte von seinem geringen Einkommen noch eine alte Mutter zu ernähren und konnte sich derartige Ausgaben nicht erlauben. Heute ist Henri Rochefort fünfunddreißig Jahre alt; er ist am 29. Juli 1835 geboren. Das Einkommen aus den Lectionen und aus der kleinen Stelle als expedirender Secretair im „bureau des brevets“ des Pariser Stadthauses reichte nicht [282] für die nothwendigsten Lebensbedürfnisse; Rochefort mußte an einen andern Erwerb denken. Er hat ein dramatisches Talent und schrieb einige Vaudevilles und Artikel über das Theater in der „Presse théatrale“; sie gelangen, und er trat im Jahre 1859 in die Redaction des „Charivari“. Im Jahre 1860 gründete Scholl „le Nain jaune“, um dem „Figaro “ Concurrenz zu machen. Er vertraute Rochefort die Wochenchronik in dem neuen Blatte an, und derselbe machte sich mit seiner Wochenchronik so bemerkbar, daß Millaud, als er „le Soleil“ gründete, ihn mit fünfzehnhundert Francs monatlich für sein neues Blatt engagirte. Später trat er in die Redaction des „Figaro“ ein. Als Mitredacteur des „Soleil“ und des „Figaro“ hatte Rochefort glänzende Erfolge. Niemals hat Rochefort aber – und dies muß ihm zum besondern Ruhm angerechnet werden – während seiner damaligen schriftstellerischen Thätigkeit in den charakterlosen und frivolen Ton der „petite Presse“ eingestimmt; selbst in seinen leichtestem und unbedeutendsten Artikeln trat immer das Streben hervor, die dreifache Sache der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Moral an der Charakterlosigkeit und Frivolität des bonapartistischen Regimes zu rächen. Wer sich davon überzeugen will, der durchblättere die drei Bände seiner Schriften: „la grande Bohème“, „les Français de la décadence“ und „les signes du temps“, in denen er die Artikel, welche er als Mitarbeiter der „kleinen Presse“ geschrieben, gesammelt hat. Vom ersten Tage seiner schriftstellerischen Laufbahn an hat er diesen von mir eben bezeichneten Weg eingeschlagen, ist niemals von ihm abgewichen und ist auf diesem Wege zur „Laterne“ gelangt, mit welcher er seinen Feldzug gegen die bonapartistische Regierung mit noch nie dagewesenen Erfolgen eröffnete. Die Regierung hat seine Unabhängigkeit, seine Unbestechlichkeit und seinen Charakter auch recht wohl gekannt. Eines Tages ließ man den Eigenthümer des „Figaro“ rufen und stellte ihm die Wahl zwischen der Unterdrückung seines Blattes oder der Entlassung Rochefort’s aus der Redaction. Rochefort schied aus und gründete seine „Laterne“. Die erste Nummer erschien im Juni 1868. Welch unerhörte Folge dies Blatt gehabt hat, weiß Jedermann. Unerbittlich, schonungslos griff es Personen und Zustände an und überhäufte sie mit den bittersten Sarkasmen; in jeder Nummer leerte er einen vollen Köcher der spitzigsten Pfeile; jeder Pfeil traf und blieb im Herzen des Feindes sitzen, und mit jeder neuen Zeile, die Rochefort schrieb, legte er von Neuem die Hand auf die offene Wunde.

Die „Laterne“ brach das Kirchhofsschweigen, welches seit dem 16. Februar 1852 auf der öffentlichen Stimme in Frankreich gelastet hatte. Rochefort sprach das öffentlich aus, was Jedermann seit sechszehn Jahren dachte. Er wurde der Rächer des Gewissens des französischen Volkes, dem die Regierung des zweiten December seit sechszehn Jahren ungestraft in’s Gesicht geschlagen hatte. So wurde Henri Rochefort der Mann der Situation, und als er im Kampfe unterlag und nach Belgien floh, da folgte ihm die Sympathie aller anständig denkenden Männer in Frankreich, aller Freunde der Wahrheit, der Freiheit und der Gerechtigkeit. Damals war das öffentliche Gewissen des Volkes seine Stärke. Heute trägt ihn der Strom der revolutionären Bewegung, welche mit dem Kaiserthum nichts mehr zu thun haben, sondern unter allen Umständen die Republik wiederherstellen will. Rochefort ist der ausdrucksvollste, prägnanteste Typus der „Unversöhnlichen“; die Sprache der „Marseillaise“ ist die Sprache des ersten Pariser Wahlbezirks, der ihn zu seinem Deputirten gewählt hat. Wem diese Sprache nicht gefällt – der hat wohl die siebenzehnjährige Vergangenheit des Kaiserthums in Frankreich vergessen, oder er hat sie nie gekannt. Er schlage das Schuldbuch Louis Bonaparte’s und der Staatsstreichmänner des December auf; er zähle die Hunderttausende von Leichen, welche auf den Barricaden, in Mexico, in der Krim, in Cayenne dem Kaiserreich zum Opfer gefallen sind; er lasse sich in Paris die Persönlichkeiten aller Großwürdenträger des Empire, von Morny bis auf Bazaine und Pietri, schildern – und ich bin überzeugt, wenn er sich nur vierzehn Tage mit dieser Lecture und mit dieser Unterhaltung beschäftigt hat, dann wird er dem tapfern Rochefort dasselbe sagen, was ich ihm bei meinem ersten Besuche in dem düstern Hause der Aboukirstraße gesagt habe.

Gustav Rasch.



  1. Den übrigen Schilderungen Rochefort’s gegenüber dürfte nachfolgende Charakteristik eines Freundes des Agitators wohl besonderes Interesse beanspruchen.
    Die Redaction.