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Dr. Karl Schwarz, Oberhofprediger in Gotha

Textdaten
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Titel: Dr. Karl Schwarz, Oberhofprediger in Gotha
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 161
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Gartenlaube (1857) b 161.jpg

Dr. Karl Schwarz, Oberhofprediger in Gotha.

Es ist in neuerer Zeit, wo in verschiedenen deutschen Staaten die streng-orthodoxe Kirche die Oberhand hat, schon ein Ereigniß geworden, wenn ein freisinniger oder doch nicht ganz der strengen Richtung angehörender Theolog zu einer einflußreichen Stellung im Staate berufen wird. So erregte es bereits freudige Theilnahme, als vor circa zwei Jahren die Berufung des Professor Liebner als Oberhofprediger in Dresden bekannt wurde; ein förmliches Aufsehen aber, und zwar nicht nur in theologischen Kreisen allein, rief vor Kurzem in ganz Deutschland die Ernennung des Professors Schwarz aus Halle zum Oberconsistorialrath und Hofprediger in Gotha hervor, welches Aufsehen sich noch hob, als seine Antrittspredigt bekannt wurde. Es liegt nicht in der Tendenz unseres Blattes, kirchliche oder religiöse Streitfragen ausführlichen Besprechungen zu unterwerfen; wir begnügen uns deshalb damit, unsern Lesern, von denen die meisten wohl die eben berührte Antrittspredigt vollständig oder doch im Auszug kennen, das Portrait des Mannes vorzulegen, der mit einem immensen Wissen ein edles Streben verbindet, das fern von jeder Ueberstürzung mit Energie und Klarheit ein bestimmtes Ziel verfolgt. In welcher Weise er denkt, schreibt und spricht, bezeichnet am schlagendsten jener Passus seiner Antrittspredigt, worin er die Stellung des Predigers zur Gemeinde bezeichnet. „Nicht daß wir Herren seien über Euern Glauben,“ sagt er, „sondern wir sind die Gehülfen Eurer Freude, denn Ihr stehet im Glauben –.“ Er weist in dieser Rede weiter nach, wie durch die Reformation die Sonderung des Priesterstandes von den Laien aufgehört habe und wie der Geistliche ebenso wie jedes andere Mitglied der Gemeinde nur durch inneres Ringen sich zu einem wahrhaft religiösen und edlen Menschen heraufbilden könne. Indem er die Gemeinde zum Zeugen einer solchen Entwickelung des Predigers aufruft, hebt er die exceptionelle Stellung desselben der Gemeinde gegenüber auf und reicht so den Mitgliedern die Hand – ein Bruder unter Brüdern. Sein Standpunkt ist ein echt-christlicher, der die Lehre des Heilands als offenbarte Religion festhält, aber er läßt dabei dem menschlichen Denken und Empfinden vollständige Freiheit sich zu entwickeln und das Wahre zu suchen, wie es Jeder nach seinem Gefühle und Denkungsvermögen zu finden weiß.

Schwarz hat in seinen frühern Schriften ebenso gegen die Ueberstürzungen des Radicalismus, wie gegen die Absurditäten der Dunkelmänner gekämpft, und sein neues und bedeutendes Werk: „Die Geschichte der neuesten Theologie“ beweist klar und deutlich, daß er neben seinem scharfen kritischen Verstand ein unparteiisches Urtheil und ein Herz hat, das der Religion des Gemüths seine Anerkennung nicht versagt. So kurze Zeit er auch in seiner neuen Stellung ist, so wird er doch schon von seiner Gemeinde hochgeschätzt, und wenn der „neue Oberhofprediger“ Sonntags in Gotha predigt, bringen Dampfroß, Wagen und andere Beförderungsmittel Massen von Kirchengängern aus ganz Thüringen, die sich an seinen kräftigen Worten erbauen und erquicken wollen.