Die zoologischen Gärten

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Autor: H. E. Richter
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Titel: Die zoologischen Gärten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, 24, S. 359-362, 379-382
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1860
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die zoologischen Gärten.
Von Professor H. E. Richter in Dresden.

Die bevorstehende Gründung eines zoologischen Gartens bei Dresden hat, zunächst in unserem Vaterländchen, die öffentliche Aufmerksamkeit und Discussion wieder diesem an sich nicht neuen Gegenstande zugewendet. Dieselbe wird aber nächstens eine allgemeine werden, indem sicherem Vernehmen nach auch in Hamburg und Cöln (vielleicht bald in den meisten größeren Städten) solche Thiergärten entstehen werden.

Sie fragen, werther Freund, „warum ich mich so für diesen Gegenstand interessire?“ Nun, weil ich auf meinen Reisen die meisten derselben gesehen und davon den Eindruck mitgebracht habe, daß solch ein zoologischer Garten eine Zier und Ehre für die Stadt ist, welche ihn besitzt, und daß er der Bevölkerung ein hochzuschätzendes Element der Unterhaltung und Belehrung, der rein menschlichen und der wissenschaftlichen Bildung darbietet! – Erlauben Sie mir, Ihnen Einiges von den berühmteren Thiergärten, welche ich gesehen, zu erzählen, dann auf den projectirten Dresdner zu kommen und schließlich die Frage nach Werth und Bedeutung solcher zoologischer Gärten zu erörtern.



1. In London.

Wie billig beginnen wir mit dem Londoner, dem reichsten, ausgedehntesten, zierlichsten von allen, – dessen Besuch, neben all dem Merkwürdigen und Imposanten, was man in London sieht, wohl den meisten Reisenden lebenslängliche freundliche Erinnerungen hinterläßt. – Er liegt in einem der schönsten und vornehmsten Parks von London, dem Regent-Park. Ein gut Stück von dessen Wiesen- und Waldgrund ist zu diesem Zwecke der zoologischen Gesellschaft abgetreten worden; doch so, daß die eine Hauptallee (die den Park durchschneidende aa) längs des nur niedrig umzäunten Thierparks hinführt, die andere (den ganzen Park umkreisende bb) hingegen quer durch denselben hindurchführt. Letztere theilt ihn also in eine nördliche schattigere, und südliche sonnigere Abtheilung, welche beide durch einen unterhalb der Fahrstraße hindurchführenden Tunnel (cc) mit einander verbunden sind, welcher anmuthig mit natürlichem Felswerk und Schlingpflanzen verziert ist. Wenn die schöne Welt ihre Spazierfahrt um den Park macht, blickt sie von oben herab in den Thiergarten hinein, der zugleich durch seine Blumenbeete und Parkanlagen einen der anmuthigsten Ziergärten darstellt. – Die südliche Hälfte zerfällt wieder in einen freieren südwestlichen Theil (dd) und einen schattigeren nordöstlichen (ee). Ersteren bilden ausgedehnte Wiesengründe, auf denen die verschiedenen Hirsche, Rehe, Rennthiere, Lama’s, Strauße u. a. frei herumwandeln; dazwischen größere und kleinere Teiche, in und an denen zahllose Wasservögel, hier Schwäne, Enten, Gänse, Taucher, Regenpfeifer u. dgl., dort Kraniche, Störche, Reiher, dort wieder Seevögel u. a. m., wie in ihrem wilden Zustande leben.

In der zweiten Abtheilung begrüßt uns zunächst bei f. ein kleiner Glaspalast, welcher immer von Besuchern gefüllt ist: das Aquavivarium, die Sammlungen lebender Wassergeschöpfe enthaltend. Letztere schwimmen theils in Zinn- oder Glasbecken herum (wie Fische aller Art), oder lagern an deren Rande (wie die Krokodile und Alligatoren, natürlich nur kleine Exemplare!); vor Allem aber bergen die zahlreichen Glaskästen der Süß- und Seewasser-Aquarien eine Unzahl jener zauberisch niedlichen und wunderbar organisirten Geschöpfe, welche am Grunde der Gewässer, an Klippen etc. lebend, dem gewöhnlichen Publicum bisher fast ganz [360] entgingen oder als faulende Seeauswürfe verabscheut und zum Schlamme gezählt zu werden pflegten. Diese meist zarten Geschöpfe, die See-Anemonen etc., manchem unserer Leser vielleicht jetzt durch das reizende Buch des Goethe-Dolmetschers Lewes bekannter,[1] entfalten hier mit derselben Ruhe, wie in ihrer Meeres-Heimath, ihr eigenthümliches Leben und das liebliche Spiel ihrer Organe, wobei der Beschauer den Vortheil hat, sie in der Nähe und in den Gesichtswinkeln eines im Meere herumschwimmenden Fisches zu betrachten, eine Position, welche sonst nur ein Taucher oder ein Ertrinkender einzunehmen pflegt! (Beiläufig bemerkt, die Schilderung des Schiller’schen Tauchers über die Gräuel des Meerbodens wird sowohl von den Aquarien, als von allen Reisenden, welche den Grund der See durch die krystallklare Fluth der Tropenmeere beobachteten, völlig widerlegt!)

Unweit des Aquavivarium finden wir den ebenfalls sehr populären reichbevölkerten Affenpalast und eine Menschensammlung, die sich durch freiwilligen Eintritt fortwährend erneuert, nämlich eine für London ziemlich gut ausgestattete Restauration und Conditorei. – Nächstdem stattliche Raubvögel aller Zonen in einem „Adlerhaus“, mehrere Einzelthiere, z. B. Ottern, Schildkröten, Stachelschweine, Biber etc.

Den Mittelpunkt der ganzen Südhälfte bildet eine durch Bau und Inhalt Respect gebietende Doppelhalle (gg), eine Etage hoch aus Stein erbaut, deren flaches Dach, mittels zwei an beiden Enden befindlicher Freitreppen zu besteigen, eine Plattform bildet, von welcher der Spaziergänger den ganzen Thiergarten und einen beträchtlichen Theil des Regentparks und seiner Umgebung überblickt. In dieser Doppelhalle befinden sich zu beiden Seiten die Käfiche der mächtigsten fleischfressenden Vierfüßler: der Löwen, Tiger, Panther, Leoparden, Jaguare, Hyänen, Bären etc. Am Westende in einer besonderen Abtheilung rechts die Eisbären mit ihrem Wasserbassin, links die Söhne „Brauns des Bären“, welche, im Geist der Zeit industriell geworden, immer bereit sind, an der hohen Kletterstange heraufklimmend, von den auf der Plattform versammelten jungen und alten Kindern allerlei Näschereien in Empfang zu nehmen.

Die Gartenlaube (1860) b 360.jpg

Der zoologische Garten in London.

Der dreieckige Raum, welcher von hier nach Nord und West noch übrig bleibt, ist von den Häusern und Umzäunungen mehrerer Einzelthiere (Dromedare, Wölfe, Guineaschweine etc.), namentlich aber von zwei größeren und einigen kleineren Vogelhäusern ausgefüllt (Fasane, Hühner, Tauben, Falken, Geier, Eulen u. v. A.).

Wir durchschreiten nun den Tunnel und gelangen unter der Fahrstraße hindurch in die nördliche Abtheilung des Thiergartens (kk). Dort begrüßt uns ein alter Bekannter aus der Heimath, der Laubfrosch, sich hier auf grünem Laub so unscheinbar als möglich machend, und weist uns nach rechts zu seinen vornehmeren Verwandten aus dem Reptilien-Geschlecht, darunter namentlich eine Menge träger Gift- und Riesenschlangen. Daneben noch Hirsche und Anderes. – Auf der linken Seite des Tunnels (und Laubfrosches) erwartet uns dann die letzte und verhältnißmäßig kostbarste Abtheilung des Londoner Thiergartens. Nämlich außer einigen der seltensten und stolzesten Hirscharten und Antilopen, Giraffen, Zebra’s und Quagga’s, einem übervollen und lärmreichen Papageienhaus, befinden sich hier die Riesen der Vierfüßler, besondern aus den Dickhäutern, die wohlgezogenen Elephanten, welche mit dem Nashorn abwechselnd ein und dasselbe Schwimmbassin zu ihren täglichen unentbehrlichen Bädern benutzen; vor Allem aber ihre ungeschlachten Nachbarn, die sogen. Nil- oder Flußpferde (Hippopotamus). Ja, so sonderbar es klingen mag, diese erzplumpen Kolosse, diese unbehülflichen, im Schlamme sich herumwälzenden Fleischklumpen sind der Liebling der Publicums geworden, so daß man an ihrem Teiche mehrere Reihen Bänke hingebaut hat, damit die Beschauer mit Gemächlichkeit die verschiedenen Evolutionen dieses sonderbaren Geschöpfes beobachten können, welches leicht wie ein Kork schwimmt, daher im Wasser gar nicht ungeschickt ist und dabei mit seinen kleinen, hoch oben in dem breitviereckigen Kopfe steckenden blauen (?) Augen den Beschauer gar so menschlich-treuherzig anguckt. Vielleicht empfinden die Leute eine Art Sympathie für dieses Thier, welches einer vorweltlichen, offenbar im Verlöschen begriffenen Thierfamilie angehört, deren wenige noch überlebende Geschlechter sichtlich abnehmen und vielleicht binnen hundert Jahren schon ausgerottet sein werden, um schmächtigeren, gewandteren, aber kaum so ehrlichen Geschöpfen Platz zu machen!

Ueberblicken Sie das hier nur skizzenhaft Geschilderte, so finden Sie, daß Ihnen hier nicht eine Menagerie, eine Sammlung einzelner Thiere, sondern eine Menageriensammlung, eine nach Vollständigkeit aller Typen wenigstens strebende Sammlung von Gattungen, Arten und Abarten geboten ist, wie sie sich in der ganzen Welt nicht weiter findet. Es ist eine Tagesarbeit, sich nur einmal darin umzuschauen. Referent begann früh 10 Uhr, kam todtmüde gegen 2 Uhr mit der ersten Hälfte zu Ende, streckte sich auf eine Gartenbank und schlief dort (ebenso ungenirt und ungentlemännisch, wie es ein reisender Engländer in Deutschland thun würde), speiste beim Restaurant und setzte dann jenseits des Tunnels die Arbeit bis Sonnenuntergang fort, – um acht Tage später dieselbe Tage-Tour noch einmal als Führer einiger Freunde zu machen. Zu einem nur leidlich eingehenden Studium der einzelnen Thiere und ihrer Sitten muß man eben das ganze Jahr Woche für Woche hingehen können.




2. In Amsterdam.

Dem Londoner an Reichhaltigkeit zunächst steht der Amsterdamer zoologische Garten, im Volke daselbst schlechtweg „Artis“ genannt. Das Thor hat nämlich die Ueberschrift: „natura Artis magistra“, das heißt: „Die Natur ist Meisterin oder Lehrerin der Kunst“.

Dieser Garten ist von einer Actiengesellschaft errichtet, in derjenigen Vorstadt, welche die vornehmsten Vergnügungsorte enthält. Er stellt zugleich einen reizenden Park und Blumengarten dar, worin [361] bekanntlich die Holländer excelliren. Er bildet ein von Ost nach West gestrecktes Oblong, welches in der Mitte durch einen breiten überbrückten schiffbaren Canal in zwei ungleiche Hälften getheilt wird. Von der Westseite eintretend (Entréegeld dreizehn Silbergroschen, ausgenommen Actionäre und Abonnenten), finden wir zuerst rechts eine sehr gute geräumige Garten-Restauration mit Salon und Orchester, sowie das von derselben Gesellschaft angelegte Museum für getrocknete oder in Weingeist bewahrte Präparate (seltne Fische u. dgl.), womit allerlei zur Völkerkunde gehörige Merkwürdigkeiten ausgestellt sind, besonders aus der ostindischen Inselwelt. Die linke Seite der vorderen Abtheilung und die ganze hintere (östliche) sind mit den lebenden Thieren bevölkert, welche, wie in London, jedes nach seiner Eigenthümlichkeit ein Hüttchen mit freiem Weideraum oder einem Bassin davor, oder gemeinsame Häuser, Volièren etc. bewohnen. Es fehlt weder an Riesenthieren (mehrere Giraffen, Elephanten, Dromedare, Känguru’s, Strauße etc.), noch an einer reichen Auswahl der kleineren Geschöpfe (z. B. der Tauben- und Hühnervögel, der Antilopen etc.), darunter vieles ganz Seltene. Viele und kostbare Exemplare sind Geschenke reicher Kauf- oder Schiffsherren.

3. In Antwerpen.

Der Antwerpener Thierzwinger (Deertuin), jedenfalls der anmuthigste Fleck dieser so reichen und doch so langweiligen Stadt, wurde von der dortigen „Gesellschaft für Zoologie“ gegründet, von welcher Gelehrte und Laien Theilnehmer sind. Man benutzte zu seiner Gründung die Sammlungen und die Kenntnisse eines gewiegten Zoologen, Jacques Kets, welcher als Director auf Lebenszeit, mit seinem Neffen als Adjunct, angestellt ist. Das umfangreiche Terrain wurde von der Gesellschaft angekauft.

Dieser Garten liegt außerhalb der Festungswerke längs der Eisenbahn und dicht neben der Station, sehr bequem für Reisende zur Ausfüllung eines Wartestündchens. Er bildet eine der geschmackvollsten Garten- und Parkanlagen mit anmuthiger Abwechselung von Garten, Wiese, Busch und Behausungen, letztere natürlich vorzugsweise für die Thiere. Doch befindet sich inmitten des Gartens auch eine stattliche und elegante Restauration, in welcher oft Concerte abgehalten werden. Beim Eintritt wird man von einer schnatternden Papageien-Allee empfangen, wo zwischen jedem Baum ein Kakadu oder anderer Schwätzer sich schaukelt oder brüstet. Sehr nett ist der langhin sich schlängelnde Teich, welchen Schaaren von Wasservögeln bedecken. Nicht weit davon haust Braun der Bär in einer aus Felsenstücken möglichst natürlich nachgeahmten Grotte, in welche man von oben und unten hineinschauen kann. Besonders selten erschienen mir mehrere der Raubvögel, darunter ein Adler vom Senegal (Aquila occipitalis), welcher in seinem Kopfschmuck ganz wie ein prangender Indianer-Häuptling aussah. Von größeren Thieren: ein Paar Elephanten, Strauße, eine Giraffe, ein weißes Dromedar, Zebra’s etc., ebenfalls viel werthvolle Geschenke. – Mit diesem Garten ist ein Museum ausgestopfter Thiere verbunden.

Außerdem bestehen noch in Brüssel und Gent, sowie in Marseille zoologische Gärten, welche ich nicht besuchen konnte.


4. In Berlin.

Der Berliner zoologische Garten wurde 1844 ebenfalls von einem Actienverein gestiftet, der sodann die bekannte zoologische Gesellschaft bildete. Doch betheiligte sich hier die Regierung bedeutend mit, indem der König Friedlich Wilhelm das gesammte Areal (einen Theil der ehemaligen Fasanerie) am Ende des unter dem Namen Thiergarten bekannten Lustwaldes, von mehr als 86 Morgen Inhalt, dazu abtrat, auch eine bedeutende Geldsumme (25,000 Thaler) zur Begründung vorschoß und die bis dahin auf der Pfaueninsel verwahrten Thiere dorthin versetzen ließ. – Dieser Garten ist wohl den meisten Lesern durch Anschauung bekannt, daher ich ihn nur kurz berühre. Er bildet eine erquickende Wald- und Wiesenpartie und enthält manche seltene Thierarten, besonders ein gefülltes und immer vom Publicum bevorzugtes Asienhäuschen, stattliche Raubthiere, Hirsche, Rennthier, Elephant, Strauß, Lama u. A. m.

Nach den neuesten Berliner Blättern haben die Thiere Anfangs Mai d. J. ihre Sommerquartiere bezogen. Die während des Herbstes und diesjährigen Frühlings vollendeten Neubauten und Einrichtungen gereichen der schönen Anlage zu großer Zierde. Der Elephant hat ein neues, in mittelalterlichem Styl erbautes Haus erhalten, das er mit den Kameelen theilt. Drei sich an den Bau anschließende umgitterte Höfe sind für die kolossalen Thiere zur Villeggiatur bestimmt. Der Besuch ist in erfreulicher Zunahme.


5. In Frankfurt am Main.

In Frankfurt a. M. ist der zoologische Garten ganz neuerlich, im October 1857, durch eine Actiengesellschaft mit einem Capital von 100,000 Gulden gegründet und am 8. August 1858 eröffnet worden. Das Local (vorläufig nur ein ermiethetes) liegt in einer eleganten Vorstadt an der Bockenheimer Chaussee mitten zwischen den Villa’s der reichen Geldleute und erstreckt sich von da weit in’s Feld hinaus. Dabei fehlt es ihm zum Theil noch an erquickendem Schatten, obschon einige stattliche alte Bäume von früher vorhanden sind. Geschmackvolle Gartenanlagen wechseln mit den für die Thiere bestimmten Weideräumen und Gebäuden ab. Von einer künstlichen Erhöhung aus genießt man eine freie Aussicht nach dem lieblichen Taunusgebirge. Eine sehr gute Restauration, woselbst wöchentlich Gartenconcert für die Abonnenten stattfindet, trägt dazu bei, diesen Ort zu dem angenehmsten und gesuchtesten Vergnügungsort zu machen, welchen man dermalen in Frankfurt findet; denn die schöngelegene Mainlust ist eingegangen und Kaserne geworden! Die Thiersammlung betrug zu Anfang dieses Jahres schon über 700 Wirbelthiere, darunter 69 Säugethiere in 124 Exemplaren: ein Affensalon, ein Löwenzwinger, Kameele (das ein- und das zweihöckerige), Hirsche, Antilopen, Lama’s, Raubthiere und Vögel in Menge. Vieles davon ist Geschenk, von Privatleuten sowohl, als von hohen Herren; über sechzig Schenker haben in dieser kurzen Zeit zwischen ein- und zweihundert Thiere und eine achtbare Menge Pflanzen an den Garten geschenkt. Unter ersteren sind zwar die Mehrzahl Vögel, aber auch viele große und werthvolle Säugethiere und Amphibien, z. B. siebzehn Hirsch- und drei Reharten, fünf Ziegen, eine Antilope, zwei Kameele, drei Nasenbären, vier Hunde und Wölfe, fünf Schildkröten, ein Krokodil, fünf Schlangen etc. Auch wurden schon 144 Doubletten versteigert (besonders Tauben- und Hühnervögel), um von Privatleuten forterzogen und akklimatisirt zu werden.

Der Garten zählt auch schon mehrere Eingeborene. – Eins der erfreulichsten Ergebnisse desselben ist aber das von dem Secretair der zoologischen Gesellschaft, Dr. Weinland, seit dem ersten October vorigen Jahres herausgegebene, mit feinen, naturtreuen Holzschnitten verzierte Journal: „Der zoologische Garten“ (Frkft. bei Sauerländer, Heft 1 bis 6), in welchem außer den Vereinsangelegenheiten die Naturgeschichte und Lebensweise der im zoologischen Garten befindlichen Thiere, die Akklimatisirung derselben und die Ereignisse auswärtiger Thiergärten sehr instructiv besprochen werden.


6. In Paris.

Der Pariser zoologische Garten hat einen anderen Ursprung als die bisher genannten. Er wurde während der Revolution 1794 gegründet durch Verpflanzung einer in Versailles befindlichen Menagerie nach dem Jardin des plantes in Paris, und wuchs dort rasch durch freiwillige Geschenke und durch die Zuschüsse der politisch so verschiedenartigen Regierungen und der Pariser Stadtgemeinde. Er steht den ganzen Tag über für Jedermann offen, gleich dem Pflanzengarten selbst, welcher außer den zahllosen cultivirten Pflanzenarten noch die sämmtlichen reichen naturgeschichtlichen Sammlungen in stattlichen Gebäuden umfaßt. So bildet er einen Erholungs- und Unterhaltungsort für Jung und Alt aus allen Ständen, der niemals leer steht. Jeder sucht sich hier seine Lieblinge aus der Thierwelt aus und beschenkt sie nach Belieben. Den meisten Anhang haben in dieser Hinsicht die Bären, welche in geräumigen tiefen Gruben ihre Höhlen haben, aus denen das oben um die Brustwehr stehende Publicum sie mit ihrem gemeinsamen Namen „Martin“ herausruft. Sie sind durch täglichen Umgang mit den Gamins so zu sagen verparisert worden, erscheinen auf den Ruf, machen ihre Kunststückchen und bitten schließlich um ein Douceur „wie ein Zweibeiniger“ oder richtiger besagt, als ein solcher; denn sie stehen dabei in der Prärogativ- [362] Stellung des Menschengeschlechts, auf Hacke und Fußwurzel, während bekanntlich die meisten anderen Vierfüßler und die Vögel blos auf den Zehen stehen und diese leichtere flinkere Stellung vielleicht für eine viel vorzüglichere halten. – Nächst dem Bärenzwinger sind wieder die reich besetzten Affenhäuser besonders vom Publicum protegirt; es kam mir vor, als ob sich mancher Umstehende in einem recht verwandtschaftlichen Verhältnisse zu den Affen fühlte. Weiterhin sind dann die Häuser der großen Raubthiere (vielleicht auch psychologische Spiegel für eine Pariser Bevölkerung), dann die Giraffen (die hervorragendsten Individualitäten von Paris, wie der Witz besagt), Hirsche, Antilopen, Kameele, Lama’s und Alpacca’s, Zebra’s und Quagga’s etc. auf ihren Rasenplätzen, Elephanten, Nashörner, neuerdings auch Nilpferde u. a., sowie Vögel aller Art, Jedes nach seinen Bedürfnissen wohl und geräumig logirt. – Am westlichen Ende steht Jussieu’s berühmte 1735 hier eingepflanzte Ceder vom Libanon; von ihr aus besteigt man zum Abschied einen Hügel mit der bekannten Sonnenuhr („welche nur die heiteren Stunden zählt“) und genießt oben eine prachtvolle Uebersicht nicht nur des Thier- und Pflanzengartens, sondern auch des unendlichen Paris und seiner reizenden Umgebungen.

[379] In Dresden wurde der Plan zu einem Thiergarten zuerst von dem dasigen „Verein für Hühnerzucht“ gefaßt, welcher 1859 in einem dazu ermietheten Garten der Ostra-Allee eine Anzahl in- und ausländischer Thiere ausstellte. So geringfügig dieser Anfang auch war, so hat er doch in der kurzen Frist von sieben Sommermonaten seines Bestehens die bedeutende Zähl von 21462 Besuchern aus allen Ständen angelockt, und bei einem geringfügigen Eintrittsgeld (von zwei, resp. einem Silbergroschen) das darauf verwendete Capital mit 171/2 Procent verzinst. Dadurch wurde man ermuthigt, einen zoologischen Garten in größerem Maßstabe nach den oben beschriebenen Vorbildern zu begründen.

Hierzu bot sich ein Platz dar, wie er nicht günstiger gewünscht werden kann. Die städtischen Behörden zu Dresden haben nämlich begonnen (s. beil. Plan), den von der sogen. Bürgerwiese am Dohnaischen Schlag südostwärts nach dem großen Garten hin sich erstreckenden Wiesengrund (bei den Botanikern als „Orobanchen-Wiese“ weitbekannt) nach den Entwürfen des berühmten Berliner General-Gartendirectors Lenné in eine Parkanlage zu verwandeln, welche auf ihrer Westseite bis zu dem böhmischen Bahnhofe hin von einem neuzuerbauenden eleganten Stadttheil (Fortsetzung des sogen, „englischen Viertels“) eingefaßt werden soll. Da, wo dieser städtische Wiesengrund aufhört, erstrecken sich noch einige im Privatbesitz befindliche Felder bis zu dem „großen Garten“, längs des an einem Damm sich hinschlängelnden „Kaitz-Baches“. Diese Felder wird der vorläufig durch Zeichnung von 50,000 Thalern begründete „Verein für den zoologischen Garten“ ankaufen und für die sonnigen, freiliegenden Anlagen benutzen. Den schattigen Theil liefert der „große Garten“ selbst, indem dasjenige dreiseitige Stück desselben, welches westlich von dem Kaitz-Bach liegt, durch das Königlich Sächsische Finanzministerium für besagten Zweck bewilligt worden ist. Der Bach wird das nöthige Wasser für die Teiche der Wasservögel, die Badebassins der Dickhäuter, die Tränkung der übrigen Thiere etc. liefern und sich dann in den städtischen Parkanlagen, neugefaßt, weiterschlängeln.

Die geneigten Leser der „Gartenlaube“, von denen sicher mindestens die Hälfte schon in Dresden war und die besagten Oertlichkeiten kennt, ersehen aus dieser Beschreibung und der beigegebenen Abbildung, daß diese beiden von Lenné entworfenen zusammenhängenden Projecte der sächsischen Haupt- und Residenzstadt eine Zierde bereiten werden, um welche sie bisher ihre Schwesterstadt Leipzig zu beneiden hatte: nämlich einen bis unmittelbar in die Stadt hineinreichenden Park. Denn in ihrem Zusammenhang mit der Bürgerwiese und dem ehemaligen Jüdenteich reicht die Gartenanlage dann fast bis an die Stadtpromenade (beim Café français) herein und erstreckt sich andererseits bis an das Ende des großen Gartens. Seiten der Stadt sind die Anlagen schon zum Theil bepflanzt, zum Theil noch in Arbeit. Seiten des Vereins sind 80 Procent der 50,000 Thaler eingezahlt und werden nach jetzt ersetzter gesetzlicher Constituirung der Gesellschaft jedenfalls die übrigen 50,000 Thaler, welche man zur Vollendung des Ganzen veranschlagt hat, bald zusammenkommen. Unerwartet dessen aber wird man mit der Umzäunung und der Uebersiedelung der schon vorhandenen Thiere (des oben erwähnten kleinen Anfangs) sofort beginnen.

Jeder Actionair hat bei zwei Actien (zu 50 Thaler jede) den Vortheil, für sich und vier Familienglieder stets freien Eintritt zu genießen. Außerdem ist bei einer so besuchten Fremdenstadt wie Dresden (jährlich etwa 80,000 Einpassirte, ohne die polizeilich Ungemeldeten, z. B. bei Verwandten auf kurze Zeit Einsprechenden mitzuzählen) und bei der großen Anzahl der allhier lediglich zum Vergnügen oder zu Erziehungszwecken sich aufhaltenden wohlhabenden Personen ein sehr reichlicher Besuch sicher zu erwarten. Das Unternehmen wird sich decken, sich halten, vielleicht sogar ganz gut verzinsen. Letzteres hängt natürlich davon ab, wie man wirthschaftet. – Ueber die Ausführnng im Einzelnen wird die „Gartenlaube“ vielleicht später, hoffentlich bald und recht erfreulich, zu berichten haben!

Wir kommen nun zu der Frage: „Was bezwecken und nützen denn eigentlich diese zoologischen Gärten? Wie kommt es, daß eine Stadt die andere mit dieser Liebhaberei ansteckt?“

Zunächst hatten wohl vorzugsweise die Gelehrten das begründete Verlangen, die Naturgeschichte der Thiere lieber an lebendigen Geschöpfen, als an ausgestopften (denen ja das Wesen des Thieres, die Anima fehlt) oder gar an Abbildungen zu studiren. Mit der neuerdings um sich greifenden Popularisirung der Naturwissenschaft mußte sich auch dieses Bedürfniß einer lebendigen Anschauung verbreiten, insbesondere wo auf Schulen, Real- und gelehrten Gymnasien, Kunst- und Wissenschafts-Akademien der naturwissenschaftliche Unterricht immer umfassender und tiefergehend, immer mehr von Sachverständigen (nicht vom ersten besten Classenlehrer) vorgetragen und so immer mehr des Selbstsehens bedürftig wurde.

So ist es denn auch bei mehreren zoologischen Gärten schon Gesetz, daß unter gewissen Beschränkungen die Zöglinge der Kunstakademien, der ärztlichen oder polytechnischen Schulen etc. freien Zutritt haben. Wie dies z. B. auf die bildenden Künste wirken muß, darüber belehrte mich eine Beobachtung im Berliner Thiergarten schon vor sieben Jahren. Ein junger Künstler saß emsig vor dem Affenhaus und modellirte einen Pavian in seiner charakteristischen Sitzweise trefflich. Gewiß ist dieses Modell in eine jener Fabriken gelangt, welche jetzt solche Thierfiguren, auf’s Lebendigste nachgebildet, für wenige Groschen in Gußeisen, Zink oder Bronze verkaufen. Bald wird vielleicht auch die Zeichen- und Malerkunst nur solche Thiere darstellen, welche wirklich existiren. Dann wird aus den Bilderbüchern, wie aus gewissen Oelgemälden sogar das weitverbreitete „Nürnberger Mähschäfchen“ verschwinden, welches lediglich den hölzernen Modellen der Kinderspielzeug-Schachteln entnommen wird und niemals lebend in der Natur gesehen worden ist!

Ein solcher Einfluß der lebendigen Selbstanschauung wird mit der Zeit auch wohl noch anderen Künsten und Wissenschaften zu Nutzen kommen; z. B. der Alterthumskunde, Geschichte, Erdbeschreibung, Waarenkunde etc. Denn in unserer Zeit hängen alle Wissenschaften und Künste innig zusammen. Den Medicinern haben schon die bisherigen zoologischen Gärten kostbare Gelegenheiten geboten, theils Menschenkrankheiten an Thieren (z. B. Tuberkel, Krebs, Rückendarre), theils neue Thierkrankheiten (z. B. die ansteckenden Schimmel- und Milbenräuden der Hühner) zu studiren.

Ein anderer Nutzen, den die zoologischen Gärten schon jetzt auszuüben beginnen, ist der, die Zahl der akklimatisirten Hausthiere zu vermehren. Die Zahl der bis jetzt vom Menschen zum Nutzen oder Vergnügen gezähmten und an sein Haus gewöhnten Thiere ist sehr gering im Verhältniß zur Zahl derer, welche sich körperlich und geistig ebenfalls dazu eignen würden, wenn man sich die Mühe gäbe, ihre Eigenthümlichkeiten zu studiren und ihre Lebensweise der unsrigen anzupassen. In Deutschland z. B. zählt Dr. Weinland (in oben erwähnter Zeitschrift) als Hausthierarten höchstens nur zehn Arten von Säugethieren, zwölf bis fünfzehn von Vögeln, eine von Fischen, zwei von Insecten; von Reptilien, Weich- und Strahlthieren kein Einziges!

Zu obigen Hausthieren aber gehören außerdem noch eine Menge Abarten, die sich in anderen Ländern nutzbar oder sonst beachtenswerth machen, aber bei uns noch ganz fehlen. – Allerdings bestehen für diesen Zweck der Akklimatisation und Züchtung besondere Vereine (über welche obige Zeitschrift ebenfalls fortlaufend Aufschlüsse und Berichte mittheilt). Aber es ist doch offenbar, daß die zoologischen Gärten denselben unaufhörlich vorarbeiten, theils indem sie stets selbst neue Arten und Abarten aufnehmen, an das Klima gewöhnen und deren Lebensweise und Gemüthsneigungen studiren, theils indem sie alljährlich durch Verkaufen und Versteigern solche Arten in das größere Publicum bringen und somit dieses selbst immermehr an dem Zweck der Akklimatisation betheiligen (was zuerst die Hühnerzucht-Vereine im Großen gethan haben).

Doch alles bisher Erwähnte sind nur untergeordnete Motive, So will ich auch nicht weiter in Betracht ziehen, daß die zoologischen Gärten unter Umständen eine ganz gute Finanzspeculation darstellen und recht artige Zinsen abwerfen (z. B. der Frankfurter in einem Jahre 15 Procent, der Dresdner in sieben Sommermonaten

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Die Gartenlaube (1860) b 380.jpg

Der projectirte zoologische Garten in Dresden.

17½ Procent): – ein Resultat, welches man schon vermuthen konnte, in Betracht, daß die bisherigen herumziehenden Menagerien, trotz der ungeheuren Kosten des Herumreisens, des Thierbuden-Aufbaues etc., immer ihren Mann ernährt und oft kostbare Thiere angekauft haben. Aber es ist kaum glaublich, daß dieses Motiv, Geld zu gewinnen, bei den Begründern der zoologischen Gärten irgend vorgewaltet habe.

Also „was wollen denn die Leute damit?“ Ich glaube, der Grund liegt in einer tiefgehenden Geistesströmung unserer Zeit, über welche mancher Einzelne sich vielleicht selbst nicht klar ist. Dieselbe offenbart sich in dem Zudrang, welchen jetzt auch die naturwissenschaftlichen Vorträge, die Museen, die Kunstgärten und Pflanzenausstellungen allenthalben und unter den verschiedensten Classen finden. Dieselbe offenbart sich in der zunehmenden Bevorzugung des realistischen und naturwissenschaftlichen Lesestoffs in der Volksliteratur (die „Gartenlaube“ nicht ausgeschlossen). Dies ist nicht ein bloßer Drang der Neugierde oder eine (etwa durch Humboldt’s „Kosmos“ angeregte) Zeitmode. Es ist ein Gemüthsdrang, ein Ruf des Herzens, der die Leute heutzutage zur Naturanschauung treibt. Sie fühlen das Bedürfniß, mit eigenen Sinnen so viel als möglich von der Schöpfung zu erkennen und aus eigener Wahrnehmung die Naturgesetze zu begreifen. Man studirt heutzutage die Herrlichkeit des Schöpfers unmittelbar an der unendlichen Zahl und vielfältigen Pracht seiner Geschöpfe, an der wunderbaren Einfachheit seiner Naturgesetze (z. B. Gravitation, Wellengesetze, Unzerstörbarkeit von Stoff und Kraft), an der kolossalen Unermeßlichkeit des Weltgebäudes selbst. Damit fällt allerdings der alte Himmel, welcher zeltförmig die als eine Scheibe gedachte Erdfläche überwölbte, sammt seinen Bewohnern und ihren (oft sehr orientalischen) Hofsitten hinweg. Oder vielmehr, er ist schon vernichtet, und die Mehrzahl der Leute tappt nach einem neuen Glaubensfundament umher, das mit den unumstößlichen Thatsachen der neuern Naturwissenschaft besser in Uebereinstimmung gebracht werden könne und welches doch gleichzeitig das jeder Menschenbrust eingeborene und von der Vernunft dringend geforderte Sittengesetz erhalten, veredeln, befestigen soll.

[381] In dieser letzteren Richtung nun ist die Anschauung der lebenden Natur jedem Denkenden wichtiger, als die starren mathematischen Wahrheiten der Astronomie, Physik, Stöchio-Chemie. Nach der alten Schule waren die Thiere vernunftlose Dinge, rein mechanisch handelnde Wesen; sie zerfielen (wie die Menschen und sogar die Geister) in gute und böse. Die neuere Weltanschauung lehrt aus den Thatsachen, daß jedes Erschaffene gut an seinem Platze ist: daß der häßliche Aasgeier, die gefräßige Hyäne und der unersättliche Haifisch ebenso nützlich, ebenso berechtigt im Haushalt der Natur sind, wie die sanfte Taube, das fromme Lamm und der fette Karpfen. Die neuere Naturwissenschaft lehrt uns in allen Thieren bis dahinab, wo sogar die Nerven fehlen, noch ein geistiges Leben finden, dessen Richtungen und Aeußerungen immer der sonstigen Bestimmung und Einrichtung einer jeden Thierart, in individueller und socialer Hinsicht, auf’s Vollkommenste entsprechen. Also seelisches Leben und Sittengesetze durch alle Thierclassen hindurch! Keine Seelenäußerung im Menschen, die nicht, wie die körperlichen Structuren desselben, in irgend einer Thierclasse schon ihr Vorbild hätte! Also das ganze gesammte Thierreich gleichsam eine in zahllose Einzelheiten auseinandergelegte Psychologie, wie es die vergleichende Anatomie längst hinsichtlich der Körper kundgethan hat. So kommt es denn, daß wir in Beobachtung des Lebens und Treibens der Thiere recht eigentlich in einen Spiegel unseres eigenen geistigen Wesens blicken; in den Thiersitten ein Bild der Menschensitten, in den Thierstaaten ein Vorbild menschlicher Staatseinrichtungen. Wir spiegeln uns in den Thieren und lernen von ihnen.

Für diese psychologischen Beobachtungen nun, so wie für die sinnlicheren (Form, Farbe, Kleidung, Bewegung), für das wirklich wissenschaftliche Begreifen der Thierwelt bieten offenbar die zoologischen Gärten eine weit vorzüglichere Gelegenheit dar, als die bisher üblichen Menagerien oder Excursionen. Dort wird jede Thierart auf eine solche Weise untergebracht und gehegt, welche am besten ihren Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten entspricht. Sie sind wie zu Hause. In der Menagerie dagegen sind sie eben Zellengefangene. Wird Jemand die Menschennatnr an den Zellenbewohnern [382] zu Moabit studiren? Die Unnatur leuchtet von selbst ein, ohne der rohen Behandlungsweise und der meist noch roheren Explicationen der Thierhüter zu gedenken. Auf den Excursionen gehen die Buben in Wald und Wiese herum, und fangen oder tödten eine Anzahl Schmetterlinge, Käfer und andere Geschöpfe, um sie wenig Tage darauf zu vergessen und zu Grunde gehen zu lassen. – Jetzt sieht man die Knaben stundenlang an den Behältern der verschiedenen Thierclassen stehen, deren Treiben anzusehen und deren Formen zu unterscheiden. Soll das nicht ein besseres Bildungsmittel sein? Und wird nicht, wenn Jahrzehnte lang ein solches Bildungsmittel auf die heranwachsenden Geschlechter aus allen Ständen gewirkt hat, unter Mitwirkung anderer Bildungselemente, wie sich von selbst versteht, das Volk langsam, aber nachhaltig versittlichter und einsichtsreifer werden? Muß es nicht die Toleranz (in religiösen, staatlichen und geselligen Dingen) entschieden fördern, wenn sich Jeder mit eigenen Augen überzeugt, daß der Schöpfer einem jeden Thiere seine eigenthümliche Art und Weise verliehen, Jedem seine besondere Pflicht und Sitte angewiesen hat? Muß es nicht Jedem Billigkeit für und Rücksichtnahme auf fremde Eigenthümlichkeit einprägen, wenn er sieht, wie in der Natur jedes Geschöpf auf eine andere Art, und doch den thatsächlichen Verhältnissen ganz entsprechend seine Lebenszwecke verfolgt? – Die meisten Thiere entfalten in allen denjenigen Dingen, welche in den Kreis ihres Berufes und Nutzens hineinfallen, eine unverkennbare Klugheit, Umsicht, Aufmerksamkeit, sogar Kunstfertigkeit und Ausdauer; sie lehren uns somit die Grundbedingungen zur verständigen Durchführung unserer eigenen Lebenszwecke. Eine Spinne war es, welche durch das Beispiel ihrer Ausdauer den König Bruce von Schottland vermochte, das sechs Mal verunglückte Unternehmen der Befreiung seines Vaterlandes zum siebenten Mal, und mit Glück, wieder aufzunehmen. (Walter Scott, Erzähl, eines Großvaters, Cap. 6.)

„Ach was!“ wird man hier einwenden, „solche tiefe, gemüthliche und sittliche Beweggründe führen den kleinsten Theil der Beschauer in Eure Thiergärten! Die Mehrzahl geht dahin, wie an andere Vergnügungsorte: zur Erholung, zur Zerstreuung, um etwas Neues zu sehen, um an einem anständigen Orte mit den Seinigen im Freien zu spazieren, Bekannte zu sprechen, Putz zu entfalten, zu kokettiren, oder um seine Kinder in einem gutbewachten Garten mit den Thieren zu unterhalten, damit sie nicht draußen im Feld und Wald zu Schaden kommen oder mit schlechter Gassenbrut Bekanntschaft machen!“ Das Alles kann man zugeben, ohne obigen Behauptungen im Geringsten Eintrag zu thun. Denn gilt nicht dasselbe von allen öffentlichen Concerten, ohne deshalb den principiellen Werth der Musik als Culturmittel irgend zu schmälern? Gilt nicht Aehnliches sogar von den meisten öffentlichen Festen politischer oder kirchlicher Natur, denen doch gewiß Niemand eine tiefeingreifende Wirkung auf das Volk, selbst auf die gedankenlos Mitmachenden, abstreiten wird? – Der Geist packt die Leute eben wider ihr Wissen und Wollen.

Wenn über diese grundsätzliche (principielle) Bedeutung der zoologischen Gärten irgend ein Zweifel sein könnte: so würde er sich dadurch erledigen, daß sie sofort Gegner gefunden haben, und was für welche! Denn wer waren diese, welche z. B. den projectirten Dresdner zoologischen Garten schon vor der Entstehung in meistens anonymen Zeitungsartikeln voll Erbitterung angriffen? Soweit bekannt, solche Leute, welche ein Interesse daran haben, daß das Volk roh und unwissend, eine jeder vernünftigen Freiheit unwürdige Heerde bleibe. Ihnen ist instinctmäßig Alles zuwider, was dem Volke Bildung und Intelligenz zuführt; denn ein davon durchdrungenes Volk läßt sich nicht unterdrücken oder ausbeuten.

Und wer sind die Begründer der neueren zoologischen Gärten gewesen? Neben einigen wenigen aufgeklärten hochstehenden Personen fast ausschließlich der Mittelstand und zwar in zwei Schattirungen: nämlich wenige Reiche mit großen Actienzeichnungen und sehr zahlreiche kleine Leute mit den geringst möglichen Sümmchen. So bei der Dresdner Gesellschaft, so auch (so weit wir es erfahren konnten) bei den übrigen neuerlich gegründeten Thiergärten. Das Volk hat die Sache entschieden!





  1. Lewes, Naturstudien am Seestrande. Aus d. Engl. übers. von Frese. Berlin 1859. 8.