Die vier Stationen der Grausamkeit. Viertes Blatt – Lohn der Grausamkeit

Die vier Stationen der Grausamkeit. Drittes Blatt – Vollendete Grausamkeit W. Hogarth’s Zeichnungen, nach den Originalen in Stahl gestochen/Zweite Abtheilung (1840) von Franz Kottenkamp
Die vier Stationen der Grausamkeit. Viertes Blatt – Lohn der Grausamkeit
Sancho als Statthalter beim Mittagessen
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Die


vier Stationen der Grausamkeit.


Viertes Blatt.
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DIE VIER STATIONEN DER GRAUSAMKEIT.
THE FOUR STAGES OF CRUELTY.
IV.
Der Lohn der Grausamkeit.  The reward of cruelty.

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Die vier Stationen der Grausamkeit.
(The four stages of cruelty.)




Viertes Blatt.
Lohn der Grausamkeit.
(Reward of cruelty.)

Die Strafe des Gesetzes ist an Tom Nero vollzogen worden. Er wurde gehängt und sein Leichnam auf die Anatomie in London (Surgeon’s hall) abgeliefert. Somit hat Hogarth unter dies Blatt die Worte: Lohn der Grausamkeit, gesetzt. Die Zerlegung des Leichnams hat er offenbar deßhalb gewählt, weil die Vorurtheile des niederen Volkes in England dieselbe für ein eben so großes Unglück halten, wie die Hinrichtung durch den Strick, und über Anatomen eine Meinung hegen, welche jenem Vorurtheile vollkommen entspricht. Der Künstler hat auch dem letzteren gemäß die Anatomie hier dargestellt; sie ist eine zweite Küche der Hecate.

Die Anatomen scheinen hier so wenig Gefühl, wie Tom Nero selbst, zu besitzen; vor Allen fällt der Prosector, der mit der Faust in Tom’s Eingeweiden wühlt, ein Gehilfe, der ein Auge aussticht, und ein hoffnungsvoller Aspirant auf die Würden der Facultät in die Augen, welcher Letztere den Fuß scarifizirt. Der Präsident oder Professor sitzt mit allem Gefühle seiner Wichtigkeit auf einem erhöhten Sessel, und weist mit einem Stabe auf den Brustkasten, welcher das Herz bereits verloren [764] hat. Letzteres beleckt ein Hund. Der Professor muß jedoch kein besonderes Licht in seiner Wissenschaft sein, denn er hat einen Haken in Tom’s Hirnschädel eintreiben lassen, um den Kopf durch Ankertaue, die an der Decke befestigt sind, in die Höhe zu winden, ein Verfahren, wodurch das Gehirn für anatomische Zwecke verdorben wird. – Ein Diener sammelt die Eingeweide in einem Eimer, eine eben so widrige Darstellung, wie jener Hund, der das Herz beleckt. – Um den Schrecken John Bull’s noch mehr zu steigern, werden einige Hirnschädel mit den Armbeinen, der gewöhnlichen Unterlage von Todtenköpfen (Cross bones), in einem Kessel gekocht, um sie nämlich von Fleischresten reinigen zu können, worauf sie später durch Drahte zu Skeletten wieder zusammengefügt werden sollen.

Hogarth war bekanntlich sehr genau in Darstellung kleiner charakteristischer Züge. Auch hier hat er dies wieder bewiesen, denn der Leichnam Tom Nero’s trägt die Anfangsbuchstaben seines Namens am Arm. Der gehängte Held der Handlung hat also dieselben während seines Lebens sich durch Pulver eingebrannt. Dies Verfahren ist bei den niederen Volksclassen allgemein. Der englische Pöbel hat übrigens den so eingebrannten Buchstaben den charakteristischen Namen der Galgen-Zeichen (Gallow’s marks) ertheilt. Somit finden sie auch hier eine passende Stelle. – Hogarth ist getadelt worden, daß er dem Gesicht der Leiche den Ausdruck verliehen hat, als ob dieselbe Schauder über die an ihr vorgenommene wissenschaftliche Behandlung empfinde. Jener Ausdruck mag jedoch durch die Todesfurcht im Augenblick des Hängens bewirkt und zurückgeblieben sein. Uebertrieben ist freilich eine solche Darstellung, wie so Manches in diesen vier Blättern.

Die Anatomie ist übrigens kunstgerecht mit zwei präparirten Skeletten ausgeschmückt. Wie die Inschriften über denselben zeigen, stammen sie von dem als Boxer auf dem zweiten Blatte schon erwähnten James Field und von einem Straßenräuber Macleane. Beide Herren starben am Strick. Sie stehen da gleichsam als Schildhalter des Wappens der ärztlichen Facultät, worauf sie beide hinweisen. Dies Wappen über dem Sessel des Präsidenten, welches dem würdigen Haupte des Letzteren gleichsam als Krone dient, besteht in einer Hand, die einer anderen den Puls befühlt, und zwar auf sehr zierliche Weise, mit dem kleinen Finger. Ireland bemerkt hiebei, eine Hand, welche eine Guinea[1] nehme, eigne sich besser für die gelehrte Facultät.




  1. Das gewöhnliche Honorar bei einer Consultation.