Die schöne Geschichte von dem Manne, welcher die Langeweile kennen lernen wollte

Textdaten
<<< >>>
Autor: Ferdinand Röse
Illustrator:
Titel: Die schöne Geschichte von dem Manne, welcher die Langeweile kennen lernen wollte
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 23, S. 177–181 und Nr. 24, S. 185–189.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
Fliegende Blätter 1.djvu
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[177]

Die schöne Geschichte
von dem Manne, welcher die Langeweile kennen lernen wollte.
Aus seines Vetters Nachlaß herausgegeben von F. Röse.




Erstes Kapitel.
Durchaus ähnliche, nach der Natur aufgenommene Portraits von Herrn Jacob Melchior und Frau Melchior.


Fliegende Blätter 1 177 b1.png


Nur weil der Held dieser Geschichte, – insofern man Herrn Jakob Melchior junior überhaupt einen Helden nennen kann – mir so überaus nahe steht, und der Gegenstand meiner größten Achtung und Liebe seyn muß – wie der günstige Leser am Schluße der Geschichte selbst einsehen wird – habe ich mich entschlossen, diese langweilige Lebensgeschichte zu schreiben, der ich sonst meines Gewerbes ein Adonisateur de la tête, wie man in Berlin sagt, auf Deutsch ein Perrüquier war, und möchte ich mich bei dieser Gelegenheit mit allen einschlagenden Kopfarbeiten einem hohen Adel und niedern Publikum gehorsamst empfohlen haben.

Fast hätte ich die Sache aber schon gleich im Anfange wieder aufgegeben, und aus den schön gefalteten Bögen Papilloten gemacht, weil ich gleich zu sehr spürte: Aller Anfang ist schwer. Wochenlang zerbrach ich mir den Kopf, ja ich war zuletzt ganz außer mir, wie ich das Geschäft angreifen sollte, da rieth mir ein guter Freund: Weil meine Geschichte auch langweilig werden sollte, könnte ich am Besten jene von Eugen Sue zum Muster nehmen, und die fiengen alle damit an, daß sie ein möglichst getreues Bild von allen Hauptpersonen zu geben sich bemühten.

Fliegende Blätter 1 177 b2.png

Demnach habe ich nun gleich zu Anfang meiner Schrift das Bild Herrn Jakob Melchiors senior und seiner Frau Gemahlin hingesetzt, und dieses ist das Bild ihres Sohnes, Herrn Jakob Melchiors junior, des Helden dieser Geschichte. Herr Melchior senior ist en façe, seine Gattin aber aus der Maulwurfsperspektive aufgenommen. Bei allen dreien ist nach der Vorschrift von

[178] Lessing, Winkelmann, Mengs, Rumohr, Schorn u. s. w. eine möglichst charakteristische Handlung gewählt, ein Moment, wie Lessing sagt, in dem sich rück- und vorwärts das ganze Leben der darzustellenden Person spiegelt. Herr Melchior senior trinkt, seine Gattin schläft in starker Verdauung begriffen, der Sohn sitzt auf einer Geldkiste (?!) zwischen seines Vaters Weinkrug und seiner Mutter Fleischtopf, und wird, wenn wir nicht bald eine vierte Person auftreten lassen, inmitten dieser Schätze Hungers sterben, da er sich aus theoretischer Unentschiedenheit und praktischer Faulheit, also aus Weltschmerz nicht ermuntern kann, nach diesem oder jenem zu greifen.

Herr Melchior senior machte eigentlich in seinem Leben nur einen dummen Streich, und der bestand darin, daß er auf die Welt kam, ehe er die Garantie hatte, daß sein Geld und sein Durst stets in einem angenehmen Gleichgewichte stehen werde, alle anderen dummen Streiche waren nur die Folge dieses ersten, und der einzige kluge Streich war der, daß er starb, als das Mißverhältniß zwischen diesen beiden Streichen einen so hohen Grad erreicht hatte, daß ihm kein Weinwirth mehr borgte. Früher hatte er nämlich dadurch Geld erworben, daß er die Kiste, auf der wir in der Abbildung Melchior junior sitzen sehen, christlichen und unchristlichen Wucherern in Versatz gab. Diese Kiste, ein uraltes von einem in der Hexerei wohlerfahrnen Ahnherrn der Melchiorschen Familie gestiftetes Fideicommiß, enthielt einen nie versiegenden Schatz von Gold, Silber, Juwelen u. s. w. Sie konnte stets dem ältesten Sohne in der Familie weder durch Gewalt, noch List, selbst nicht durch Advokatenkniffe abspänstig gemacht werden, das war gut, – ein schlimmer Umstand war aber, daß keine Gewalt der Erde sie öffnen konnte, ehe und bevor nicht der jedesmalige Besitzer seine Mündigkeit durch irgend einen klugen Streich dargethan hatte. Unser Herr Melchior senior starb nun aber dahin, ehe ihm die Oeffnung der Kiste auf die gemeldete Weise gelang, und alle, welche hierauf hoffend ihm Geld vorgeschossen hatten, waren betrogen. Der zweite dumme Streich Herrn Melchiors war, daß er ein Mädchen ihres Geldes, ihrer Schönheit und ihrer Talente wegen heirathete. Denn wegen ihrer Schönheit wurde sie ihm untreu, andere verzehrten das Geld, und (wie die Weiber sich in der Ehe zu ändern pflegen!) die Talente verloren sich alle; und als die einst geistreiche Dame nicht mehr lieben konnte, legte sie sich auf’s Essen, d. h. viel Essen, sehr viel Essen. Der dritte dumme Streich Melchiors war, daß er die einheimische Weinkultur emporbringen wollte, nicht durch Schutzzölle, sondern durch vermehrten inländischen Consumo, insofern er ihn persönlich darstellen konnte. Ach wenn alle seinem Beispiele gefolgt wären, wie viele arme Winzer und reiche Weinhändler hätten sich gefreut?! Aber die Herzen sind kalt, und der Bierdurst ist zeitgemäß und populär. Melchior opferte sein Leben für seine Idee, und seine Frau starb vor Freude bei seiner Todesnachricht. Sie hinterließen beide nichts als den Ruhm ihrer Thaten in der darauf bezüglichen Urkundensammlung, eine wegen ihres Umfangs höchst merkwürdige Masse unbezahlter Rechnungen. O, wie viel goldene Regeln wollte er seinem Sohne noch geben, als ihn der Tod ereilte! „Mein laut Taufregister zu St. Moritz vielgeliebter Sohn, fing er an, kennst du den Unterschied zwischen einem ordentlichen und einem außerordentlichen Professor? „Junior gähnte mit jener natürlichen Grazie, mit welcher Fanni Elsler[WS 1] ihre Pas macht, und ein englisches Vollblutpferd seinen Schweif trägt. – „Ein ordentlicher Professor,“ sagte Senior, „weiß nichts Außerordentliches und ein außerordentlicher nichts Ordentliches. Ich wäre nun fast einmal ordentlicher Professor geworden, weil meine Ideen so alt und einfach sind, aber es kam nicht dazu, weil sie allen, namentlich den Jüngern, zu schnell einleuchteten. Siehe das Entscheidendste für das ganze Leben ist die Wahl eines Berufs und die Wahl einer Gattin. Glaube, mir, kein Geschäft nährt so gut seinen Mann, wie Essen und Trinken. Heirathe aber wen du willst und wie du willst, denn die Ehe ist ein Hasardspiel, wo man nur gewinnt, wenn man mit dem Gedanken heirathet, daß die Weiber zu unserer Verbesserung da sind. Sei dann deine Frau, wie sie sei, jeden Tag, wann sie schilt, wirst du dich freuen, daß du hier schon einen Theil des Fegefeuers bei einer guten Flasche Wein abmachen kannst, und jeder Tag an dem sie nicht schilt, wird ein Festtag für dich seyn. In meinem Hause hatte es deren freilich weniger gegeben, als auf der Insel Ischia, wo bekanntermassen 211 im Jahre seyn sollen. Uebrigens gibt es nichts comoderes als die Comodität, und nichts fideleres als die Fidelität. Der Anfang aller Weisheit ist die Langeweile – hier starb er. –

Wir bitten jetzt den günstigen Leser, über den Verlauf unserer Geschichte höchst gespannt zu seyn, denn beim Beginne derselben sitzt Melchior junior aus seiner Eltern Hause herausgeworfen, wie oben abgebildet, auf dem Hafendamme in Hamburg, aus Faulheit dem Hungertode nahe, und wenn es Abend wird, schmählicher Einkerkerung gewiß. Vorläufig ist zwar der Krug noch voll und der Topf noch voll und die Kiste voll und Melchior ist auch voll, nämlich voll Wißbegierde, was sein Vater mit dem letzten Worte Langeweile – dem einzigen, welches ihm von der ganzen Rede erinnerlich ist – habe sagen wollen. Du mußt dich nämlich für den Helden meiner Geschichte interessiren, lieber Leser, denn er hat sich nie gelangweilt, und so wie er sich langweilt, ist die Geschichte aus, und wenn du dich langweilst, [179] ist sie auch aus; denn wir bitten dich inständigst, so wie das der Fall ist, so höre zu lesen auf.


Fliegende Blätter 1 179 b1.png


Jetzt tritt in unserer Geschichte eine neue, interessante Figur auf: ein dicker, dummer, reicher Engländer, welcher sich seit frühester Jugend langweilt, und jetzt auch aus langer Weile nach Hamburg gefahren ist, nachdem er den ganzen Sommer sich in Norwegen mit Fischangeln gelangweilt hat. In demselben Jahre, an demselben Tage, um dieselbe Stunde, wo sich obenerzähltes Sitzen des jüngern Melchior ereignete, saß gleichfalls am Hafendamme zu Hamburg auf seinem Gepäcke der Lord Nothingnix; um ihn her standen: ein eiserner Spiritus-Schnell-Ofen, ein Beefsteack-Brat-Thee-, Koch- und ganzer Leib-Wasch Apparat, kurz alle jene Erfindungen, durch welche heut zu Tage ein Reisender trotz Eisenbahnen und Gasthöfen sich die Sache eben so schwer machen kann, als ob wir 1245 schrieben. Nachdem sie sich lange angeschaut hatten, sprach Lord Nothingnix: Was machst du Bursche?

Jakob Melchior junior:     Was macht ihr, Herr?

Lord.     Ich langweile mich.

Junior.     Ich langweile mich nicht.

Lord.     God dam. Da soll ich nun Packträger rufen, in den Gasthof gehen, Essen, Schlafen, immer das alte Lied. Ich wollte, ich wüßte etwas anzustellen, das mich nicht langweilte.

Junior.     Ich wollte, ich wüßte etwas anzustellen, das mich langweilte.

Lord.     Ich suche einen Diener, der meinige ist mir davon gelaufen, weil ich ihn unter Weges aus langer Weile täglich geprügelt habe. Willst du mein Diener sein?

Junior.     Ist es langweilig?

Lord.     Bis jetzt haben es noch alle meine Diener gesagt. Ich halte mir elf Diener und habe nicht für zwei zu thun. Also wenig Arbeit, wenig Lohn, wenig Essen und viele Schläge.

Junior.     Topp ich wills probiren.

Also wurde Jakob Melchior junior der Diener des Lord Nothingnix, und ging mit ihm auf die Reise, um die Langeweile kennen zu lernen.


Fliegende Blätter 1 179 b2.png


Ende des ersten Kapitels.


Zweites Kapitel.

Als sie eine Station weit gefahren waren, stieg der Lord aus dem Wagen, um sich, wie er sagte, nach dem langweiligen, ewigen Sitzen und Schlafen einmal wieder die Beine auszutreten.

Junior kam aber vom Bedientensitz heruntergehupft ausser sich vor Freude über das prächtige Leben; so bequem im Schlafe sich die Welt besehen, Menschen und Länder kennen lernen, im Lehnstuhl und wenn’s gar nicht mehr möglich war, noch mehr des lieben Schlafs zu genießen; wie ein großer Herr im prächtig gallonirten Rocke, die Tasche voll Geldstücke, ins Wirthshaus treten, wo alles auf den leisesten Wink fliegt, und Essen und Trinken die Hülle und Fülle, und von der besten Sorte!! – Es war herrlich! –

Juhe, rief er! wenn man da nur gar nicht zu sterben brauchte, besser kann's im Himmel selbst nicht seyn! das begreife ich nur nicht, warum sich mein Geldkasten noch nicht geöffnet hat; denn wenn das nicht ein gescheidter Streich von mir war, daß ich so mit dem Lord auf die Reise gegangen bin, so werde ich gewiß in meinem ganzen Leben keinen gescheidten Streich zuwege bringen; bei diesen Worten wollte Junior gerade einen seines Sieges im Voraus gewissen Angriff auf eine kalte Repphuhnpastete machen, welche der Wirth in der Geschwindigkeit herbeigeschafft hatte, als ihn auf einmal sein Lord beim Kragen packte.

[180] Warum bist du so lustig Kerl, schrie er ingrimmig, das ist noch das Langweiligste an diesem langweiligen Leben, daß während man sich für sein vieles Geld wie ein Mops ennüyirt, man so viel lustiges Lumpenpack um sich herum sehen muß. Aber nicht wahr, du bist blos lustig, weil du endlich deinen Zweck erreicht und auf dem verdammten, harten, wackelichten Bedientensitz dort oben, im Chausseestaub und Hitze kennen gelernt hast was lange Weile heißt?

Nein Herr, sagte Junior und legte, scheinbar plötzlich traurig werdend, Messer und Gabel nieder; es ist doch etwas Langweiliges, wenn man, so wie ich, beim Reisen eine Absicht hat. Ihr würdet Euch gewiß auch nicht so sehr langweilen, wenn Ihr nicht die Absicht hättet, Euch zu amüsiren. Jetzt ist’s vorbei mit dem Spaß bei mir, denn die lange Weile habe ich noch immer nicht kennen gelernt, weder auf dem Kutschbock noch hier bei der Pastete. Aber Herr, wenn auch nicht für die lange Weile und auch nicht fürs Plaisir, so doch um den Hunger zu stillen, erlaubt Ihr wohl, daß ich die Kleinigkeit da zu mir nehme, setzte er lachend hinzu.

Bursche schrie der Lord, kirschbraun vor Wuth im Gesichte, du wagst es, dich in meinem Dienste nicht zu langweilen, und verlangst dann noch daß ich dich ausgefressenen Schlingel mit Repphühner-Pasteten mästen soll! und damit begann er Juniors Rücken auf das Nachdrücklichste mit seinem spanischen Rohre zu bearbeiten.

Fliegende Blätter 1 180 b1.png

Hoho meint Ihr so! rief Junior, nun das ist auch lustig zu seiner Zeit und macht besonders Appetit wenn man’s kurz vor Tisch treibt. Im Nu hatte er den dicken Lord gepackt, zu Boden geworfen und mit dem rasch entrissenen Stocke einigemale sehr unsanft berührt, als die andern Bedienten endlich herbeikamen und – so mannhaft Junior sich wehrte, er wurde überwältigt, und es wäre ihm gewiß schlimm ergangen, wenn nicht der noch am Boden liegende Lord gerufen hätte, sie sollten den Junior in Frieden lassen und ihn wieder auf die Beine stellen.

Das sei ein braver Bursche, sagte er, so geschickt hätte noch kein Boxer von Alt-England ihn zu Boden gestreckt, und als Seine Lordschaft mit vieler Mühe wieder aufgerichtet war, umarmte er den Junior, ließ ihm eine Flasche Burgunder zu seiner Pastete reichen, und sagte, jetzt solle er nicht mehr auf dem Bedientensitz, sondern ihm gegenüber im Innern des Wagens Platz nehmen, da hoffte er würde er sich doch auch mit der Zeit langweilen.

Lord Nothingnix war nun in der That ein langweiliger Reisegesellschafter, da aber Junior beharrlich sein Schlafen fortsetzte, war das nur alle halbe Stunden von einem Jähs! unterbrochene Schweigen seines Herrn, durchaus nach seinem Wunsche. Ueberhaupt konnte es gar keine besser zusammenpassendere Reisegesellschaft geben, als die Beiden waren, denn der Lord that alles was Junior wollte, in der Hoffnung es würde ihn unterhalten, und dieser ahmte alle Handlungen seines Herrn nach, weil er wünschte, es möge ihn langweilen.

Jetzt kamen sie am Ende eines Waldes über einen freien Platz; da hielten die Bewohner des nächsten Dorfes einen Tanz, weil gestern glücklich und reichlich die Erndte beendet war. Augenblicklich erwachte Junior vom Schalle der Musik, befahl dem Kutscher zu halten, und hinein unter die Leute! — — das war eine Lust nach dem langen Sitzen und Schlafen; erst ein frischer Trunk guten kühlen Weines und dann das hübscheste Mädel im Arm, und herum gings im Kreise, daß die kurzen Röcke und langen Zöpfe flogen.


Fliegende Blätter 1 180 b2.png


Wie gerne tanzten die Mädchen mit dem schmucken roth-backigen Junior, der prächtig aussah in seinem goldbetreßten Rothrocke, und die Bursche wurden doch auch nicht neidisch, und tranken gerne mit ihm, denn er war zu lustig, daß man gar nicht aus dem Lachen herauskam, und Geld kriegten der Wirth und die Spielleute mehr als sie begehrten. Eine Weile versuchte der dicke Lord es auch so zu treiben, aber schon nach einigen Minuten standen ihm die dicken Schweißtropfen vor der Stirne, denn er hatte unglücklicher Weise ein eben so muthwilliges als handfestes Mädchen zur Tänzerin erwählt, die ihn, als er nach einer Tour austreten wollte, festhielt, und unter schallendem Gelächter aller Anwesenden den dicken Herrn mit sich herum drehte bis sie selbst vor Lachen kaum mehr schnauben konnte. Todtmatt warf sich Lord Nothingnix unter einen Baum auf das Gras nieder und als Junior ihm ein Glas Wein reichte und fragte: Herr, heißt das [181] nicht gelebt wie die Vögel im Hanfsamen? schrie der Lord: Bursche, du mußt den Teufel im Leibe haben, daß du solch eine Tänzerin aushalten kannst; von Vergnügen bei einer solchen Anstrengung, die ärger ist als Holzhacken, kann natürlich gar nicht die Rede sein. „Darauf ließ er sich von seinen Bedienten allerlei kalte Kuchen und einige Flaschen Wein aus dem Wagen holen, und fing an zu speisen; er war aber so stark echauffirt, daß ihm die Pasteten nicht schmecken wollten, und der Wein trieb ihm so das Blut zum Kopfe, daß er ganz dunkelroth im Gesichte aussah. Etwas Sodawasser war daher das Einzige, an dem er sich laben konnte.

Als nun aber die Bedienten unter dem Vorwande, daß sie die Speisen wieder einpacken wollten, hinter ihres Herren Rücken von denselben naschten, sprang auf einmal Junior dazwischen, warf die[WS 2] Kerle wie Flederwische durcheinander und rief: Ihr Schlingel, Mundraub ist kein Diebstahl, aber man muß doch nichts hinter seines Herrn Rücken nehmen, sondern sprechen: Mit Erlaubniß! – Also, mit Erlaubniß Herr Lord! Warum eßt und trinkt Ihr denn nicht?

Ich habe keinen Appetit, und es dürfte mir schaden, sagte der Lord seufzend.

Ich habe aber Appetit und mir schadet es auch nicht, erwiederte Junior und tranchirte mit großem Behagen einen Wildschweinkopf in Gelée. Was solch eine Herumspringerei Hunger und Durst macht. Kommt her Mädle, setzt Euch zu mir, he Hans, Jörgel bringt Eure Gläser! heut muß Alles lustig sein! Und nun steckte er seinen Tänzerinnen der Reihe nach die leckersten Bissen in den Mund und schenkte den Burschen fleißig ein, — natürlich ohne dabei sich selbst zu vergessen.

Nach einer Weile stiegen alle wieder auf den Wagen unter lautem Beifallruf der Landleute. Das war ein rechter Spaß sagte Junior, streckte die müden Beine von sich, lehnte den weinschweren Kopf an die Wand und schlief ein. Gottlob sagte der Lord, daß wir heut Nacht nach Schloß Pimpelsheim zu meiner schönen Braut kommen, da wird denn doch endlich die Langweilerei ein Ende nehmen, und allmälig schlief er zwar auch ein, aber während Junior sich im Traume noch immer mit der schwarzäugigen Else im Tanze drehte, war der Lord von grausen Gesichtern geplagt, und träumte, er würde schon wieder:


Fliegende Blätter 1 181 b1.png











manicula Zur Nachricht für den günstigen Leser, damit er, von welcher Nation er sein mag, doch ja wenigstens diese der ganzen Menschheit verständliche Stelle unserer Geschichte versteht.

Deutsch:
Dieses ist ein Rebus![WS 3]
Französisch:
Cest un Rébus!
Englisch:
That is an Rebus!
Italienisch:
Ouesto è uno Rebus!
Ciceronianisch:
Hoc est unus Rebus!


Drittes Kapitel.

Es war schon völlig Nacht als Lord Nothingnix, Melchior junior, die elf Bedienten und der Kutscher wieder erwachten von Hundebellen und Lichterschein, und richtig, sie fuhren durch Pimpelsdorf, und vor ihnen lag von oben bis unten, nach der Länge und nach der Breite hell erleuchtet, Schloß Pimpelsheim, der Sitz des letzten Sprößlings der vormals berühmten Grafen von, zu und auf Pimpelsheim. Drinnen wurde zum Tanz aufgespielt und Tusch geblasen zu den Toasten, daß die hohen, gothischen Fenster klirrten; durch das Säulen-Portal sah man aber auf der von Hängelampen prächtig erleuchteten großen Treppe reich gallonirte Diener mit Flaschen und Schüsseln auf- und abspringen, daß es eine Lust war.

Melchiörchen, sagte jetzt der Lord, von denen da oben kann ich nicht lernen, wie man sich amüsirt, ich muß dich daher dort als einen vornehmen Herren einführen, damit du mich sehen läßt, wie du’s treibst. Hier werde ich dir’s eher nachthun können als draußen bei dem Bauernpack. Du mußt dir’s daher gefallen lassen liebes Juniörchen, daß ich dich für meinen jüngern Bruder ausgebe, das ist nicht viel bei uns in England. Aber schloß er traurig, ich fürchte, du wirst dich dort eben auch langweilen.

Ja Herr, antwortete Junior das sollte mir auch Leid thun, wenn so auf einmal der Spaß ein Ende hätte, denn mir gefällts zu gut, so mit Euch die Langeweil zu suchen.

Jetzt waren sie angelangt, der Herr Haushofmeister empfing sie und hieß sie willkommen. Die Frau Gräfin Viktorine sagte er bedeutungsvoll die Hand krümmend, wollten eben zu einer Polka antreten, als sie aber hörten, daß ihr längst erwarteter hoher Bräutigam angelangt seien, fielen sie alsobald in Ohnmacht.

Ist sie jung und hübsch die Braut? fragte Junior, während der Lord für die gute Nachricht ein Goldstück gab.

[185] Der Haushofmeister schaute Melchior etwas kurios an wegen seiner Kleidung, und mochte ihn, weil er drinnen im Wagen beim Lord gesessen, wohl für so eine Art Sekretär halten. Er antwortete daher in einem ziemlich groben Tone: Junger Herr, Sie müssen noch nie bis auf vierzig Stund in die Nähe dieses Schloßes gekommen sein, wenn Sie nicht wissen, daß Sr. Herrlichkeit des Lord Nothingnix Braut, hochgräfliche Gnaden, das schönste und jüngste Mädchen unter der Sonne ist.

Dann ist sie gewiß in Ohnmacht gefallen, murmelte Junior vor sich hin, weil sie den alten Wampen da heirathen soll.

Der Lord machte eine Bewegung, als ob er dem vorlauten Burschen eine tüchtige Ohrfeige geben wollte, dann besann er sich aber wieder und sagte: Melchior, wenn du nicht mein jüngerer Bruder wärest, so –

Also Ew. Herrlichkeit Bruder?! rief der Haushofmeister in größter Bestürzung aus, oh, dann verzeihen Sie doch, daß ich gezweifelt habe, Sie wüßten nicht Alles, oder seien nicht überall gewesen.

Inzwischen hatte er die Angekommenen in die für sie bestimmten prächtigen Zimmer geführt, die Bedienten hatten das Gepäck heraufgeschafft, und Junior wurde jetzt vom ersten Kammerdiener des Lord’s als großer Herr herausstaffirt und frisirt; weißes Halstuch, schwarzer Frack, weiße Weste, Glacéehandschuh, seidene Escarpins, Schuhe, Claque, Degen. Wenn er auch wegen der engen Hosen nicht ganz gut gehen konnte, ja als sie sich in die Gesellschaftszimmer begaben, auf der Treppe beinahe gefallen wäre, so sah der starke aber schlanke junge Bursch doch wunderhübsch aus in seinen vornehmen Kleidern.

An der Thüre des großen Saales riß der Herr Haushof- und Ceremonienmeister beide Flügelthüren möglichst geräuschvoll auf und schrie: Se. Herrlichkeit Lord Nothingnix und dero Herr Bruder!

Alsobald marschirte die Frau Gräfin Mutter den Ankommenden einen Schritt entgegen, um denselben einiges von jenem Unsinn vorzuschwatzen, was man so verbindliche Worte nennt. Weil sie nun aber ihren künftigen Schwiegersohn nie gesehen hatte und Jakob Melchior junior seinem [186] dicken Lord weit vorausgeeilt war, so nahm sie Juniors Hand, und stellte ihn der Gesellschaft als künftigen Besitzer von Schloß Pimpelsheim und von der Frau Gräfin Viktorine, ihrer Tochter, vor, welche letzere, als ihr Bräutigam so unerwartet hübsch und jung war, unanständig schnell Anstalt machte aus ihrer Ohnmacht wieder zu sich zu kommen. Da lachte Junior hell auf und sprach: Potz Blitz, mir wär’s schon recht, wenn die Jungfer Viktorine meine Braut wäre, denn ich habe in meinem Leben kein so hübsches Mädel gesehen, wie die da. Aber setzte er traurig hinzu, es geht nicht, ich bin nur „mein jüngerer Bruder“ und diese alte dicke Figur, das ist Herr Lord Nothingnix, der sich hier mit Heirathen amüsiren will. — —


Fliegende Blätter 1 186 b1.png


Alsobald fiel Gräfin Viktorine wieder in Ohnmacht und ihre Mutter ebenfalls in den Stuhl daneben, nachdem sie gerufen hatte: Quel erreur! quel affront! je me meurs! Alle Lorgnetten und Brillen waren aber voll Bewunderung auf Junior gerichtet und der geistreichste aller anwesenden Herren sprach: O du himmlisches Vaterland des göttlichen Shakspeare! Man begreift doch immer mehr, wie ihn nur dieser Boden, diese Luft, die so gleichsam mit Humor, Naivität und Kraft geschwängert sind, hervorbringen konnten, das beweiset jeder neue Sohn des weißen Albions, welcher zu uns kommt.

Mutter und Tochter ließen sich hinausführen und dann für den Abend entschuldigen; ein lustiger alter Onkel des Hauses suchte vergebens, auf ländliche Ungenirtheit sich stützend, statt ihrer die Honneurs zu machen. Die Gesellschaft zerstreute sich unter lebhaften Debatten über die so unerwartet interessanten Ereignisse des Abends, und voll angenehmer Erwartung der noch interessanteren Verwickelungen, welche dieser Abend nach sich ziehen mußte.

Am andern Tage beim Frühstück thaten die Gräfinnen als ob gar nichts vorgefallen wäre, behandelten den dicken Lord, als den künftigen Schwiegersohn des Hauses, mit der größten Auszeichnung, und Melchior junior, als den künftigen lieben nahen Verwandten, mit der größten Freundlichkeit, doch konnte Niemand unbemerkt bleiben, daß Gräfin Viktorinens Augen viel öfter und viel länger auf Junior, als auf ihrem Bräutigam ruhten, und daß diese schönen schwarzen Augen dann von einer so heftigen, nur durch eine gewisse Schwermuth gedämpften Liebe strahlten, wie sie bei einer Sechs- und zwanzigjährigen aller Ehren werth ist. Der günstige Leser wird es uns gewiß auf’s Wort glauben, wenn wir berichten, daß diese ganze Geschichte von a bis z den dicken Lord ungemein langweilte, den schlanken Melchior aber ungemein amüsirte. In dieser seiner Langweile war nun aber der Lord alle Tage widerwärtiger, Junior dagegen in seiner Fröhlichkeit immer anziehender, und die Gräfin Viktorine deßhalb immer weniger Herr ihrer Leidenschaft, und da selbst Mama am Ende auch nicht mehr viel dagegen hatte, wenn ihre Tochter den Lord Nothingnix junior heirathen würde, so suchte die Braut nur nach einer Gelegenheit, damit Melchior sich gegen sie aussprechen könnte; denn dieser hatte in seinem fortgesetzten Eifer, von dem Lord hier vielleicht die Langeweile zu lernen, nicht unterlassen, den Lord auch in seiner Zärtlichkeit und Aufmerksamkeit gegen Viktorine nachzuahmen. Lange wollte sich aber die gewünschte Gelegenheit nicht zeigen, da hier wiederum der Lord (natürlich nur von ihm zu lernen wie man sich amüsirt) Melchiorn auch auf jedem Schritt und Tritt verfolgte, und Alles mitmachte, was dieser trieb, mochten es oft auch noch so ausgelassene Streiche bei Jagd, Fischfang, Gelag und Tanz seyn.


Fliegende Blätter 1 186 b2.png


Eine merkwürdige Sitte war nun damals in der sogenannten guten alten Zeit, daß wenn die Frauenzimmer sich in der Früh die Haare machten oder machen ließen, dieselben in einen großen Pudermantel gehüllt oder auch nicht gehüllt vor einem großen Spiegel hinsaßen, und dann ihre Herren [187] Anbeter zu sich beschieden, damit so in stiller Bewunderung ihrer eigenen Schönheit und bei Hofmachen, Gedichte vorlesen, Intriguiren, Machiniren, Blicke wechseln, Herzen und Gedanken austauschen etc. diese langen langweiligen Stunden möglichst schnell vorüber gingen. Demgemäß fehlte nun der Lord nie beim Lever seiner Braut und Junior nie bei dem der alten Gräfin, da jener dort Unterhaltung, dieser hier Langeweile suchte. Aber sie erreichten beide auch hier nicht ihren Zweck, denn in dieser einzigen Stunde des Tages, wo sie Junior nicht als Beigabe zu ihrem Lord-Bräutigam haben konnte, war Gräfin Viktorine gewöhnlich sehr übel gelaunt, und Junior amüsirte sich sehr daran, daß sich die alte Gräfin so schrecklich viel Mühe gab, um ihm hier anzudeuten, er möge doch statt seines Bruders um ihre Tochter werben, und wie ärgerlich sie wurde, wenn der dumme Landjunker, nach ihrer Meinung, die Sache durchaus nicht begreifen konnte. Ja, als er endlich, in einem Anfall von außerordentlicher Gutmüthigkeit, ihr wie ganz absichtslos erzählte, daß er wie alle jüngeren Söhne in England gar keinen Titel, Rang und Vermögen hätte, machte sie Anfangs zwar ein gar bedenklich ernsthaftes Gesicht, dann meinte sie aber, das hätte bei ihm keine Gefahr, sein Bruder müße doch bald sterben an Schlagfluß oder Wassersucht, und dann bekäme er ja ohnehin Alles.

Eine andere kuriose Sitte war ferner damals, daß wenn man so einer Dame den Hof machte, man alles dumme Zeug thun mußte, was ihr nur immer in den Kopf kam. So hatte nun auch die alte Gräfin verlangt, Junior solle von ihrem Kamermädchen nach und nach das Haarfrisiren lernen, – damit sie, wenn er es verstünde, ganz ungestört mit ihm allein seyn könnte – und Junior hatte sich dagegen diese Lehrstunden sehr gern gefallen lassen, weil ihm, als er sie bei der Gelegenheit näher betrachtete, ein paarmal im Dorf mit ihr lustig getanzt und ein paarmal sie beim Nachhausegehen geküßt hatte, Babet, das Kamermädchen, unendlich besser gefiel, als selbst die Frau Gräfin Viktorine. Diese war schön, jene war hübsch, diese war sechsundzwanzig, jene war siebenzehen Jahre alt, diese war blaß und kränklicht, jene war frisch und gesund, diese seufzte immer, jene lachte immer. Der Gräfin konnte freilich sein Scherzen mit der hübschen Babet nicht entgehen, aber so etwas hielt man damals bei einem Edelmanne keiner Beachtung würdig.

Als nun die alte Gräfin trotz aller ihrer Bemühungen ihrem Ziele um keinen Schritt näher kam, denn der Junior war ein feiner und schlauer Vogel geworden durch das lange Leben auf dem Schloße, da erklärte auf einmal Gräfin Viktorine, ihrer Mutter Haare würden jetzt viel besser gemacht, als ihre, und Junior solle jetzt auch sie einmal frisiren und der Lord der Alten Gesellschaft leisten.

Gesagt gethan, schon am nächsten Morgen mußte der Lord der alten Gräfin, Junior aber Viktorinen aufwarten. Und oh Wunder, im Widerspruch mit den Wünschen unserer Reisenden hatten die Damen wiederum sich geändert. Der Lord langweilte sich so, daß er zuletzt laut gähnte, denn die Alte sprach heute vor lauter Unruhe und Spannung kein Wort, Junior mußte sich dagegen bei Viktorinen vortrefflich unterhalten haben, denn kaum auf des Lords Zimmer angelangt, warf er sich hell auflachend in einen Sessel und fragte ganz treuherzig: ob es langweilig wäre, ein Mädchen zu entführen? Eine Sünde könnte es doch gewiß nicht seyn, wenn Einen Eine so gar schrecklich lieb habe. Der Lord lief darauf mit unverständlichem Gemurmel wohl eine Stunde lang im Zimmer auf und ab, und als Junior, der nie lange auf einem Flecke verweilen konnte, seine Flinte genommen hatte, und in den Wald hinausgeeilt war, befahl Seine Lordschaft ihrem ersten Kammerdiener, in aller Stille einzupacken, und seinen Leuten, welche im Dorfwirthshause logirten, die Weisung zu bringen, daß sie präcis eilf Uhr mit dem Reisewagen am hinteren Parkthore seiner warten sollten.


Fliegende Blätter 1 187 b1.png


Den ganzen Tag wichen alle im Hause einander sorgfältig aus, denn jeder fürchtete, man möge an der leisesten seiner Mienen schon sein Geheimniß errathen, und als endlich die schwärzeste und stürmischte aller Herbstanfangsnächte anbrach, ließen alle für's Nachtessen sich entschuldigen. — — Vom Gekrächze einiger durch den Sturm aufgescheuchter Raben unterbrochen, schlägt es d'runten im Dorfe langsam und feierlich eilf. Ein zartes Frauenzimmer schleicht vor Frost und Grausen zitternd eine urkundlich seit zwanzig Jahren, d. h. seit dem Tode des Besitzers dieses Schloßes, nicht betretene Treppe hinab; dieser starb nämlich in Folge eines Beinbruchs, den er sich durch einen Fall auf besagter enger Wendeltreppe [188] zuzog. Das zitternde Frauenzimmer meint leises Geisterweben um sich her zu spüren, wie sie im Vorwärtsschreiten mit Gesicht und Händen zwanzig Jahr alte Spinnewebenmassen durchschneiden muß. Endlich hat sie d'runten die Thüre erreicht, diese widersteht einen Augenblick ihrer schwachen Kraft, und stürzt endlich mit lautem Gepolter zu Boden. Die Thüre war nur angelehnt, denn Angeln und Schloß sind, wie so manches andere Eisenwerk in diesem entlegenen Theile des Schloßes, von treuen Dienern des Pimpelsheimischen Hauses längst verkauft, um sich für den noch länger rückständigen Lohn zu entschädigen. Wie ein gescheuchtes Reh flieht jetzt die erschreckte Flüchtlingin den dunkeln Ulmengang hinab, ein Mann kommt rasch aus einem Seitengange nicht weit von ihr, sie will rufen, besinnt sich, und schon sind seine Schritte verhallt. Sie meint in der Ferne eine weibliche Stimme schreien und einen Wagen davon fahren zu hören, schon will sie wieder umkehren, aber nein, sie geht bis an’s Parkthor, und richtig ihr Wagen hält noch dort, des Lords Bedienter hebt so eben ein Frauenzimmer hinein, das muß Babette sein. Der Bediente fragt leise: die auch? – die weibliche Stimme antwortet leise: Nur rasch! – unsere interessante Nachtwandlerin fühlt sich gleichfalls gepackt und in den Wagen gehoben und fort geht’s so rasch wie nur vier gute Engländer laufen können.

Wenn wir uns die Resultate der dunklen Ereignisse dieser stürmischen Nacht bei Licht besehen, so finden wir am anderen Morgen in einem Wirthshause fünf Stunden südlich von Pimpelsheim, Junior und Babette höchst vergnügt beim Caffee sitzend, und in einem zweiten Wirthshause fünf Stunden nördlich von Pimpelsheim, sitzen der Lord und die alte Gräfin gleichfalls nur durch eine Caffee-Kanne getrennt sich auch gegenüber, aber sie machen höchst langweilige abgespannte Gesichter und auf dem Sopha daneben liegt Gräfin Viktorine in Thränen gebadet. Die Sache verhält sich aber ganz einfach so. Das Resultat des langen tête a tête Juniors mit Viktorine war nämlich gewesen, daß Ersterer versprochen hatte, wenn die schöne Gräfin wirklich so schrecklich in ihn verliebt wäre, so wolle er sie entführen. Um aber bei der Sache doch den Anstand zu konserviren, so solle die Gräfin sich ihrer Mutter entdecken, damit diese (als ob sie die ganze Geschichte errathen hätte) zuerst in den Wagen hineinsitzen und dann endlich bei Tagesanbruch mit lautem Eclat sich zu erkennen geben könne. Durch die Dienerschaft würde dann schon das Gerücht unter die Leute kommen, als ob Viktorine die Gestalt im Wagen für Babet gehalten hätte u. s. w. Durch diesen höchst schlau ersonnenen Plan, hatte die Alte gemeint, würde man am schnellsten und sichersten an das von allen Betheiligten erwünschte Ziel kommen, nämlich dem alten Lord den Besitz Viktorinens unmöglich, eine schnelle Heirath nothwendig, und das übrige würde sich von selbst machen. Gut. —

Nun waren aber leider wegen der schnellen Abreise des Lords, zwei statt eines Wagens am Parkthore gewesen und Junior hatte aus Versehen die nach neugieriger Kammermädchenweise gleichfalls dort herumschleichende Babet erwischt, und als er seines Irrthumes inne geworden, da hatte er nicht erst lange auf die junge Gräfin gewartet, sondern den Kutscher tüchtig zufahren lassen; denn wenn er sich die Sache reiflich bedachte, so war sie ihm gerad so recht. Andererseits hatte der Lord die bei so viel Fett höchst auffallende Bosheit gehabt, sich ganz ruhig zu verhalten, wie er die beiden Damen einsteigen sah, und als der Tag anbrach, da schauten er und die nebensitzende alte Gräfin sich so an —


Fliegende Blätter 1 188 b1.png


Wie sah es aber am Mittage nach der Flucht mit unsern beiden Paaren aus? — So, daß unsere Geschichte ein baldiges Ende nehmen muß. Der Lord und die Gräfin hatten sich nämlich klug in des Schicksals Willen gefunden, saßen jetzt höchst vergnügt wieder im Schlosse beim Verlobungsschmauße, und seine Lordschaft versicherte einmal über das andere, das sei das Erste, welches ihm in seinem Leben recht von Herzensgrund amüsire, daß Gräfin Viktorine ihn jetzt doch heirathen müsse, und die Gräfinen waren mit dieser Wendung der Sache sehr zufrieden, weil sie jetzt erfahren hatten, Junior wäre zwar ein jüngerer Sohn, aber nicht aus einer altenglischen Adelsfamilie, sondern aus der viel älteren und größeren derer von Habenichts in der Linie [189] Melchior. Bald darauf wurde die Hochzeit mit großem Gepränge gefeiert, und als man in der Umgegend genug geredet hatte von dem ungeheueren Nadelgelde der Ladi Nothingnix, reiste der Lord nach Karlsbad und Myladi nach Baden-Baden; sie sollen eine sehr glückliche Ehe geführt und sich vor dem Tode des Lords einmal in Paris, einmal in Petersburg, und einmal in Neapel, das letztemal sogar auf eine ganze Stunde wieder gesehen haben.

Junior und Babet hatten sich dagegen bald ihre Liebe erklärt und durch tausend Küsse bewiesen. Dann schickten sie der Gräfin mit Dank und Gruß ihren Wagen wieder zurück, und bestellten sich in dem Wirthshause einen Verlobungsschmaus so gut ihn der Wirth in der Geschwindigkeit herbeischaffen konnte. Als sie den vierten Gang, einen vortrefflichen Lammrostbraten verzehrt hatten und auf den Reispudding warteten, sagte endlich die verständige Babet: Aber wenn du ein so vornehmer und reicher Herr bist, kannst du und willst du mich auch heirathen? —

Hah Narr! lachte Junior, das war nur ein Gespaß mit der Lordschaft, ich bin nichts und habe nichts und will dich dennoch nächsten Sonntag heirathen.

Jetzt schmeckt mir kein Bissen mehr, stöhnte Babet und legte erbleichend Messer und Gabel nieder. Du leichtsinniger Bursche du! Was ist denn aber in der großen eisernen Kiste hinter dir? —

Ist das dumme Ding, brummte Junior, mir auch hierher nachspazirt! In dem Kasten ist viel Geld, aber ich kann nicht dazu.

Wenn wir kein Geld und kein Amt haben, rief Babet, so können wir uns auch nicht heirathen. O! ich unglückliches Mädchen, meinen guten Dienst habe ich aufgegeben und einen Mann krieg ich nun doch nicht! dabei liefen ihr die hellen Thränen die Backen herunter.

Das ist langweilig, fing auch Junior an zu weinen, daß man nicht heirathen kann, wenn man kein Geld hat; jetzt habe ich endlich gelernt, was es heißt, sich langweilen. Aber ach was! setzte er plötzlich sich fassend hinzu, und umarmte seine Braut, wenn wir auch kein Geld haben, ich verstehe mich ja auf’s Haarfrisiren und du erst recht, da heirathe ich dich doch und wir werden zusammen ein Perückenmacher.

Fliegende Blätter 1 189 b1.png

Auf einmal knallte es hinter ihnen wie ein Pistolenschuß, daß sie erschrocken von einander fuhren. O! Freude, der Kasten war aufgesprungen, Melchior hatte den ersten gescheiten Streich in seinem Leben gemacht und kann Schreiber dieses am besten dem günstigen Leser sagen, daß der Melchior der glücklichste Gatte und der fröhlichste Perückenmacher unter der Sonne ist, denn ich bin selbst der Melchior Junior und habe meine Lebens- und Liebesgeschichte zur Aufmunterung für alle die verfaßt, welche, wenn sie noch so viel sind und verstehen, doch nicht meinen, heirathen zu können, wenn sie kein Geld und kein Amt haben. Auch in unsern aufgeklärten Zeiten hat jeder solch eine spuckhafte Geldkiste, die sich ihm öffnet, wenn er durch die That zeigt, daß er ein rechter Kerl ist. Dieses ist die Moral von der Sache. – Mit freundlichem Gruße und mit dem Wunsche, daß der Leser recht bald, je nachdem er alt oder jung ist, entweder wie der Lord sich amüsire oder wie der Melchior sich ennüyire, schließt hiermit die schöne Geschichte von dem Manne, der die Langeweile kennen lernen wollte.


Fliegende Blätter 1 189 b2.png



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Die Österreicherin Fanny Elßler war eine der bekanntesten Tänzerinnen des 19. Jahrhunderts.
  2. Im Original: dir.
  3. Der Begriff Rebus bezeichnet ein Bilderrätsel. Vgl. Wikipedia-Artikel Rebus.