Die orientalische Frage im Berliner Cabinet

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Autor: X.
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Titel: Die orientalische Frage im Berliner Cabinet
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 239
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[239] Die orientalische Frage im Berliner Cabinet (Notabene Wachsfigurencabinet in der Passage). Die Zeiten sind vorüber, in denen die Mechaniker jahrelange Bemühungen auf Maschinen wendeten, blos um die natürlichen Bewegungen von Menschen und Thieren durch Automaten nachahmen zu lassen. Es waren respectable Leistungen darunter. Wir wollen nur an die schreibenden, zeichnenden, musicirenden Figuren von Vaucanson, an die schwimmende, fressende und zeitweise einen weichen Brei von sich gebende Ente desselben Künstlers, an den Flötenspieler im Kaufmann’schen akustischen Cabinet in Dresden, der sogar ein merkwürdiges musikalisches Problem löst, erinnern. Heute baut man nur Maschinen, die nicht blos zum Schein, sondern wirklich arbeiten, nähen, stricken, sticken, weben, schreiben, rechnen etc., und selbige sind oft hundertmal kunstreicher ausgeführt, als die berühmtesten Automaten der Kunstcabinette. Ein besonderes Interesse nehmen höchstens noch die Pseudo-Automaten ein, die redenden Köpfe und Commando-Trommler der Taschenspieler, der automatische Whistspieler (vergl. Gartenlaube 1876, S. 698), sobald die Einwirkung des Menschen geschickt verborgen ist. Eine Copie des berühmtesten Vertreters dieser Gruppe, des Kempelen’schen Schachspielers, producirt sich gegenwärtig unter dem Namen Ajeeb in dem bekannten Castan’schen Wachsfigurencabinet der Kaiserstadt. Aber man muß sagen, daß sie mit ihrem berühmt gewordenen Vorbilde nur geringe Aehnlichkeit besitzt. Das Werk des genialen Herrn von Kempelen setzte gegen Ende vorigen Jahrhunderts selbst erfinderische Köpfe in Verlegenheit, weil der in dem Spieltische steckende Mensch während des Oeffnens der verschiedenen Thürchen, Schübe und Fenster so geschickt seine Platz zu wechseln wußte, daß man wirklich an seiner Existenz zu zweifeln begann, und sich dem von dem Erfinder begünstigten Glauben zuwendete, er wirke nur durch Magnete von außen auf den Mechanismus ein. Von solchen Zweifeln kann unserm Ajeeb gegenüber keine Rede sein.

Auf einem kleinen Divane kauert, die Wasserpfeife neben sich, die Kolossalfigur eines Türken, der offenbar in seinem Hohlleibe einen ausgewachsenen Menschen bequem beherbergen kann, wenn derselbe gefälligst seine Beine durch den Divan in den mit demselben verbundenen Kastentisch stecken will, auf dem das Schachbrett steht. Zwar wird uns vor Beginn des Spieles vermittelst einiger Klappen erlaubt, durch die Brust des Türken wie durch letzterwähnten Rolltisch hindurch zu sehen, wobei man wahrscheinlich das Vergnügen hat, zwischen den ausgespreizten Beinen des Unsichtbaren hindurch zu schauen, ohne daß man den gleichen Genuß hat, wie wenn man sich bückt und durch die eigenen Beine hindurch die durch den Blutandrang in den Augen sehr verschönerte Landschaft betrachtet. Aus dem Brustkasten hält die menschliche „Seele“ des Automaten ohne Zweifel, so lange die Klappen geöffnet sind, ihr Oberhaupt zurückgezogen, wobei man indessen zu seiner Enttäuschung nicht unbemerkt lassen kann, daß die vorgebliche einen so großen Raum erfordernde Maschinerie beiderseits nur eine ganz dünne Gitterschicht vor den Gucklöchern bildet, sodaß Neunzehntel des Hohlraums leer erscheinen. Jetzt werden die Klappen insgesammt bis auf eine kleine Luftklappe geschlossen und das „Werk“ geräuschvoll aufgezogen, jedenfalls damit der Insasse der Figur sich erheben und in derselben zum Spiele zurechtsetzen kann. Findet sich nicht sogleich ein Spieler, so macht die Figur einstweilen, wie die Kempelen’sche, den Rösselsprung, das heißt sie führt den von einem Zuschauer auf ein beliebiges Feld gesetzten Springer schnell, während seine Fußstapfen sogleich durch Spielmarken bezeichnet werden, über alle vierundsechszig Felder, ohne eines zweimal zu berühren. Dazu gehört natürlich weiter nichts, als daß sich der leitende Staatsmann des Divans ein- für allemal einen in sich selbst zurückkehrenden Rösselsprung merkt, den man natürlich von jedem beliebigen Felde beginnen kann.

Inzwischen hat sich wohl ein Spieler im Publicum gefunden; der Automat wird dicht an die Barrière herangerollt und jener hat nun die Ehre, eine Partie Dame oder Schach zu spielen mit dem – türkischen Herrn Minister des Innern, der zugleich Minister der auswärtigen Angelegenheiten, des Kriegsspiels, der Finanzen und des Handels ist, und das Spiel wahrscheinlich in aller Bequemlichkeit durch die dünne Weste seiner Attrape überschaut. In der Regel verliert sein Gegner, weil er sich, um die Schaustellung nicht aufzuhalten, nicht länger besinnen soll, als er selbst, der doch immer in der Uebung bleibt und alle Tage fünf Stunden, von zwölf bis zwei Uhr und von fünf bis acht Uhr, Schach spielt. Die Pausen sind trotz des großen Andrangs von Seiten der Schaulustigen augenscheinlich darum nothwendig, weil der Automat so vollkommen menschenähnlich ist, daß er, wie die oben erwähnte Ente, sich zuweilen die Beine austreten, über die Dummheit der Menschen lachen, eine Mahlzeit einnehmen und andere kleine Bedürfnisse befriedigen muß, die eine vorherige Entfernung der Zuschauer erfordern. Man darf behaupten, daß der Mechanismus sogar niesen würde, wenn man durch die Luftklappe etwas Schneeberger Schnupftabak oder ein Stäubchen Veratrin einführte, und wir wollen dem Herrn Automaten daher rathen, die Klappe lieber zuzumachen. – Wir achten gern Geschäftsgeheimnisse, aber solchem Jahrmarkts-Humbug gegenüber ist es beinahe Pflicht der Presse, ein durch Reclame irregeführtes Publicum zu warnen, denn gegen diesen „Automaten“, an welchem nichts mechanisch ist, als der bewegliche, bei jeder Bewegung knackende Arm, sind der sterbende, schwerathmende Zuave des Cabinets, die Degen-Balanceuse, und die ihre Umgebung bewundernde Wachsdame, die schon mancher biedere Landmann angeredet haben soll, ja die Schreipuppe, über die sich die kleinen Kinder amüsiren, wahre Kunstwerke.X.