Die Wettinerstadt Meißen

Textdaten
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Autor: Emil Rasche
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Titel: Die Wettinerstadt Meißen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 381–384
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1889) b 376.jpg

Die Wettinerstadt Meißen.
Nach einer Zeichnung von Paul Nemmert.
1. Neubau der Fürsten- und Landesschule zu St. Afra. 2. Die Königliche Porzellanfabrik. 3. Kirchensaal in der Albrechtsburg. 4. Ruine des Nonnenklosters zum heiligen Kreuz. 5. Burgthor. 6. Jakobskapelle an der Wasserburg. 7. Stadtkirche. 8. Standbild Albrechts des Beherzten. 9. Begräbnißkapelle Georgs des Bärtigen. 10. Die Albrechtsburg. 11. Das Rathhaus. 12. Das Innere des Domes. 13. Fürstliche Begräbnißkapelle im Dom. 14. Hof der Albrechtsburg mit dem Dom. 15. Bankettsaal in der Albrechtsburg.

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Die Wettinerstadt Meißen.
Ein Erinnerungsblatt zum 800jährigen Jubiläum des Wettiner Fürstenhauses.
Von E. Rasche. Mit Illustrationen von Paul Nemmert.
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Schloß Wettin.

Meißen, die alte Markgrafenstadt, ebenso reich an geschichtlichen Erinnerungen wie an Reizen der sie umgebenden Natur, ist in ihrer fast tausendjährigen Entwickelung mit der Geschichte der Wettiner, deren altes Stammschloß sich heute noch, freilich in gänzlich umgewandelter Gestalt, einige Wegstunden unterhalb Halle über das freundliche Ufer der Saale erhebt, eng verknüpft. Sind doch die drei Stätten, die der Meißner mit berechtigtem Stolze als die Perlen seiner so reich begnadeten Heimath rühmt – die Albrechtsburg, das altehrwürdige Denkmal gothischer Bankunst, die Fürsten- und Landesschule St. Afra, die altbewährte Heimstätte klassischer Bildung, und die Porzellanmanufaktur, die Pflegstätte gewerblicher Kunst, die Meißens Ruhm in alle Lande hinausgetragen hat – Schöpfungen Wettiner Fürstenhuld!

Die Pflicht der Dankbarkeit gebietet daher, am achthundertjährigen Jubelfeste des Wettiner Herrscherhauses den Beziehungen der Wettiner zu dem geschichtlichen Entwickelungsgange der Stadt Meißen ein Blatt freundlichen Gedenkens zu widmen.

Von hoher Bedeutung war das alte „Misni“ mit seinen Festungswerken schon vor der Zeit der Wettiner. Die alte Feste bewährte sich im Sinne ihres hochherzigen Erbauers, des Königs Heinrich I., als ein starkes Bollwerk gegen das heidnische Slaventhum, und christliche Religion und deutsche Gesittung fanden von hier aus sicheren Schutz und kräftige Ausbreitung.

Während der Minderjährigkeit des Markgrafen Ekbert II. von Braunschweig, der mit der Mark Meißen belehnt worden war, führte ein Graf Dedo von Wettin, Markgraf der Niederlausitz, die Regierung. Nun wurde Ekbert II., gleich Dedo wiederholt in Fehde mit dem Kaiser Heinrich IV., 1089 seiner Markgrafenwürde entsetzt, dagegen Dedos Sohn, Heinrich von Eilenburg, mit der Markgrafschaft betraut. Heinrich wurde damit der erste Markgraf von Meißen aus dem Hause Wettin und von diesem Zeitpunkt an sind die Jahre des Wettiner Fürstenhauses gerechnet. Konrad von Wettin († 1157), der erste Wettiner, von welchem aus die Markgrafenwürde in dem Hause erblich weiter geführt wurde, verlegte dann sein Hoflager nach Meißen, in „das wohl verwahret fest Schloß“, das König Heinrich hatte erbauen lassen.

Die zielbewußte, kraftvolle Regierung Konrads, unter dessen Scepter sich die Landesgrenzen bedeutend erweiterten, die fürsorgliche Landesverwaltung Ottos des Reichen († 1190), dem durch die Entdeckung der ergiebigen Silberlager des Erzgebirges große Mittel zuströmten, und die umsichtige, besonnene Regierungsweise Heinrichs des Erlauchten († 1288), der die Landgrafschaft Thüringen als Erbtheil erkämpfte und sich dadurch zu einem der einflußreichsten Fürsten Deutschlands aufschwang, erhöhten nicht nur die politische Bedeutung der Mark, sondern auch den Wohlstand der Bevölkerung, was sich besonders auch in Meißen, dem Mittelpunkte der landesherrlichen Regierung, bekunden mußte.

Wohl blieb Meißen nicht die ausschließliche Residenz des Landes, denn die früheren Wettiner Fürsten liebten es, ihre Residenzen des öfteren zu wechseln; das Interesse der sächsischen Fürsten ist aber dem alten Stammsitz nie ganz verloren gegangen.

Die Bedeutung Meißens in früherer Zeit lag aber nicht allein in seiner Eigenschaft als Residenz der weltlichen Fürsten, sondern Meißen war durch Kaiser Otto I., den Nachfolger Heinrichs I., im Jahre 967 auch zum Sitz eines Bischofs erwählt worden. Unter dem Schutze desselben entstanden in Meißen drei Klöster: das Afrakloster, das Franziskanerkloster und das Nonnenkloster zum heiligen Kreuz. Drei Kirchen, ehemals mit diesen Klöstern verbunden, sind heute noch die Zeugen jener längst entschwundenen Klosterherrlichkeit: die Afrakirche, die arg verfallene Franziskanerkirche und die kleine idyllische Jakobskapelle an der alten Wasserburg, in welch letzterer anfänglich das Kloster zum heiligen Kreuz eingerichtet war. Später wurde das Nonnenkloster weiter stromabwärts verlegt, und malerische Ruinen erinnern noch an den stolzen Bau, der ihm einst diente.

Den Glanzpunkt des Meißner Bisthums bildete aber die prächtige Domkirche, die in ihrer eigenartigen Architektur ein rühmenswerthes Zeugniß gothischen Kunstfleißes bildet.

Drei Thürme, von denen nur der merkwürdige höckerige Thurm auf der Ostseite erhalten ist, schmückten ehemals den Dom, der in seiner heutigen Form 1312 unter Bischof Witigo II. vollendet wurde. Unter diesem Bischof wurde auch der Grund zu dem die Westgiebelfront abschließenden breiten Thurm gelegt. Im nächsten Jahrhundert aber erst wurde dieser Unterbau mit zwei gothischen Thürmen, zwischen denen sich die thurmartige Glockenhalle erhob, geziert. Bald nach ihrer Vollendung wurden diese zwei Thürme durch einen heftigen Sturmwind zerstört. Von neuem wieder aufgeführt, wurden sie am 24. April 1547, am Tage der Schlacht von Mühlberg, an welchem im Dom zu Ehren des Sieges das Tedeum erklang, durch einen Blitzstrahl abermals vernichtet. Die Thurmruine wurde 1600 nothdürftig überbaut, und da die erforderlichen Mittel zu einem dem Original entsprechenden Neubau fehlten, wurde 1698 auf der gemeinsamen Basis der alten Thürme ein breiter Aufbau, im Volksmunde „der Schafstall“ genannt, aufgeführt, der dem herrlichen Dome nichts weniger als zur Zierde gereichte. 1842 wurde dieser unschöne Aufbau abgetragen, und an seine Stelle trat eine Plattform mit Steingalerien, welche aber die fehlenden Thürme immer noch schmerzlich vermissen läßt.

Die durch den breiten Thurm gebildete Westfassade des Domes enthielt früher den Haupteingang, ein mächtiges Portal, mit vorzüglich ausgeführten Reliefs und Statuen geschmückt. Aber durch die fürstliche Begräbnißkapelle, 1425 bis 1428 von Friedrich dem Streitbaren, welcher das fürstliche Erbbegräbniß von dem Kloster Alt-Zella nach Meißen verlegte, erbaut, wurde dieses imposante Hauptportal verdeckt. An die fürstliche Begräbnißkapelle, in welcher die Kurfürsten Friedrich der Streitbare, Friedrich II. und Ernst und der Herzog Albrecht ruhen, schließt sich die kleine Begräbnißkapelle Georgs des Bärtigen, die Rühestätte ihres Erbauers.

Dom und Schloß standen in früherer Zeit in unmittelbarer Verbindung, und gar oft entfaltete sich in den herrlichen Säulengängen der Domkirche, die mit überladener Pracht ausgeschmückt war, fürstlicher Glanz. Tiefernste Beisetzungen weltlicher oder geistlicher Würdenträger wechselten mit Festgottesdiensten, an denen feierliche Orgelklänge und jubelnde Lobgesänge ertönten, die hier, an den mächtigen Wölbungen sich brechend, zu ganz besonders [382] schöner Wirkung kommen. Am Hauptaltar des Domes legte der großte Wettiner Konrad kurz vor seinem Tode 1156 vor einer zahlreichen glänzenden Versammlung von Fürsten und Rittern Scepter und Krone nieder, um lebensmüde den fürstlichen Hermelin mit der Mönchskutte zu vertauschen. So waren die weihevollen Räume des Domes in Lust und Leid die Zeugen der wechselnden Geschicke der Wettiner Fürsten.

Das Schloß, der würdige und freundliche Nachbar des Domes, war in seiner ursprünglichen Form schon von Heinrich I. als Residenz der Markgrafen angelegt worden. Gar oft sah wohl dies alte Markgrafenschloß in seinen Hallen Fürsten und Ritter mit glänzendem Gefolge zu prunkvollen Festen und Turnieren versammelt; nicht selten aber galt es auch, im heißen Kampfe den anstürmenden Feinden Stand zu halten.

Mehr als fünf Jahrhunderte hatte so das alte Schloß allen Kriegs- und Wetterstürmen getrotzt, und „da es endlich sehr eingegangen und bawfellig worden, vnd das Bergkwerg auff dem Schneeberg Anno 1471 mit gewalt angegangen vnd große Ausbeut gefallen, hat Hertzog Albrecht, Ernesti Bruder, das Newe Schloß, wie es jetzund noch steht, von grundt aus herrlich mit fünff gewelben vber einander, als zwey vnter vnd drey vber der Erden, erbawet.“[WS 1]

Im Jahre 1471, als die beiden fürstlichen Brüder Ernst und Albrecht die sächsischen Länder noch gemeinsam regierten, wurde der Bau unter Leitung des genialen Baumeisters Arnold v. Westphalen begonnen, und 1483 war derselben, hauptsächlich gefördert durch das thatkräftige Eingreifen Albrechts, in der Hauptsache vollendet.

Mit Recht bezeichnet man Albrecht als den eigentlichen Erbauer des Schlosses. Darum erhielt dasselbe auch infolge eines Dekrets des Kurfürsten Johann Georg II. vom Jahre 1676 den officiellen Namen „Albrechtsburg“, und sein dem Jahre 1876 schmückt ein herrliches Standbild des Erbauers den Burghof des Schlosses. Der stolze Bau, dessen Architektur die ganze Pracht und reiche Mannigfaltigkeit des gothischen Stiles zum Ausdruck bringt, zerfällt seiner wagerechten Ausdehnung nach in zwei Haupttheile, von welchen der kleinere, das Frauenhaus oder die Kemenate genannt, mit dem unmittelbar an den Dom sich anschließenden eigentlichen Schlosse einen rechten Winkel bildet. Nach der senkrechten Ausdehnung gliedert sich die Burg in sechs Stockwerke. Die fünf unteren, von denen zwei unterirdisch liegen, steigen in großartigen Wölbungen übereinander, das obere Stockwerk bildet ein Giebelerkergeschoß mit flachen Holzdecken.

Als architektonischen Glanzpunkt und als „eine bauliche Sehenswürdigkeit ersten Ranges und seltenster Eigenart“ bezeichnet man vor allem den großen Treppenthurm, in dem eine kunstvolle Wendeltreppe, der „große Wendelstein“ genannt, um eine hohle gewundene Spindel in 113 Stufen sanft bis zum Dachgeschoß hinaufführt. In jedem Stockwerk erweitert sich der Thurm zu Balustraden mit prächtig verzierten Altanen.

Die ganze Anlage des Schlosses bestätigt die Annahme, daß dasselbe ursprünglich zur gemeinsamen Residenz der fürstlichen Brüder Ernst und Albrecht, die schon im alten Schlosse „eines Tisches und einer Schüssel gebrauchten“, bestimmt war. Indeß kam dieser Plan nicht zur Ausführung, da noch während des Baues Dresden zur Haupt- und Residenzstadt des Landes bestimmt wurde. Und zwei Jahre nach der Vollendung, 1485, trat jene Trennung des Wettinischen Hauses in die Albertinische und Ernestinische Linie ein.

Damit aber ging das Interesse der Fürsten an dem herrlichen Bau verloren, und nach den zuverlässigen Angaben des Hofrathes Dr. Wilhelm Roßmann ist „das Schloß zu keiner Zeit in einer der reichen Architektur würdigen und derselben entsprechenden Weise ausgestattet gewesen. Die erste Ausstattung der Burg muß den aus jener Zeit erhaltenen Inventarien nach eine durchaus mangelhafte gewesen sein, und auch die nach dem Dreißigjährigen Kriege erfolgte Erneuerung, die als die verhältnißmäßig reichste bezeichnet wird, war eines Fürstenschlosses nicht würdig und zudem auch nicht dem Stile der Burg entsprechend, sondern dem Geschmack des ausgehenden 17. Jahrhunderts angepaßt.“

Nur noch vorübergehend „zu gelegentlichen Residenzen, zur Erledigung von Regierungsgeschäften oder zum Stilllager, zur Abhaltung von Trauergastmählern gelegentlich der Beisetzungen im Dom“ wurde das Meißner Schloß in der Zeit nach Albrecht von den sächsischen Fürsten benutzt.

Mit der Regierung Albrechts hatte daher auch die Stadt Meißen den Höhepunkt ihrer ersten Blüthezeit erreicht. Als Zeugen jener Zeit eines wohlhabenden Bürgerthums sind die groß angelegten städtischen Bauten Rathhaus und Stadtkirche erhalten, die, Ende des 15. Jahrhunderts errichtet, in ihren Größenverhältnissen den heutigen Anforderungen fast noch voll entsprechen.

Wenn Meißen im 16. Jahrhundert seinen Charakter als belebte, blühende Residenz mehr und mehr verlor, so entfaltete sich hier das kirchliche Leben – allerdings nur in äußeren prunkvollen Ceremonien – um so mehr.

Als in Kursachsen das Reformationswerk sich unter dem sicheren Schutze der Kurfürsten in immer festeren Formen ausgestaltete, war Meißen noch eine Hochburg des Katholicismus, denn Georg der Bärtige, der Sohn Albrechts, hielt die „neue Lehre“ mit allen Gewaltmitteln von den Grenzen seines Landes fern, und gewissermaßen als ein Protest gegen die Reformation wurde auf seinen Antrieb hin der Bischof Benno vom Papste kanonisirt. Vergeblich erhob Luther seine Stimme „wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden“; am 5. Juni 1524 wurden die gesammelten Gebeine Bennos in einem kostbaren Marmorgrab, das sich in der Mitte der Domkirche erhob, beigesetzt, und zwar, wie der Chronist meldet: „in herrlicher Solennitet, in Beysein vieler Fürsten vnd Herren, vnter welchen Hertzog George zu Sachsen vnd seine 2 Söhne vnd Hertzog Heinrich mit seinen jungen Herrlein auch gegenwärtig gewesen vnd sonsten ein grosser zulauff von vielem Volk fern vnd nahe.“

War das Grabmal Bennos schon vorher der Zielpunkt zahlreicher Wallfahrten gewesen, so mußte dieser Akt das Ansehen des Heiligen noch mehr erhöhen. In der Domkirche wurden in jener Zeit Seelenmessen an 56 Altären gelesen, und da diese Zahl noch nicht ausreichte, dem Strom der Wallfahrer zu genügen, so wurden überdies noch Tragaltäre aufgestellt.

Aber durch den plötzlichen Tod Georgs, dessen Söhne ihm alle im Tod vorangegangen waren, trat ein ungeahnter Umschwung ein, und Meißen gehörte mit zu den ersten Städten des Herzogthums Sachsen, in denen durch Heinrich, den Bruder und Nachfolger Georgs (1539 bis 1541), die Reformation eingeführt wurde.

Nach einer vorangegangenen Kirchenvisitation, der Justus Jonas und Georg Spalatin als Theologen beiwohnten, wurde am 15. Juli 1539 in der Domkirche, aus welcher das Grabmal des heiligen Benno entfernt worden war, im Beisein Herzog Heinrichs des Frommen und seiner Söhne Moritz und August sowie des Kurfürsten Johann Friedrich des Großmüthigen der erste evangelische Gottesdienst in Meißen abgehalten und damit die Reformation feierlich eingeleitet.

Die Einführung der Reformation war von weitgehender Bedeutung für die Neugestaltung des gesammten Schulwesens des Landes, insbesondere aber auch für die Einrichtung der Meißner Schulen. Wie anderwärtig, so lag auch hier das Schulwesen sehr im argen. Wohl gab es zwei Schulen, die mit dem Afrakloster und dem Domstift verbunden waren; aber in ihrem ausgesprochenen kirchlichen Charakter und in der engen Beschränkung ihrer Schülerzahl waren sie für die bürgerliche und berufliche Bildung fast ohne jedweden Einfluß.

Lag nun in der Idee der Reformation an und für sich schon die Umgestaltung und Hebung des gesammten Schulwesens begründet, so wurde dasselbe äußerlich noch dadurch wesentlich gefördert, daß die reichen Pfründen der aufgehobenen Klöster zum großen Theil dem Dienst der Schule überwiesen wurden. So erstand 1540 in den Räumen des aufgehobenen Franziskanerklosters eine lateinische Schule, das „Franciscaneum“ oder die „schola senatoria“ genannt, und wenige Jahre darauf, im Jahre 1543, begründete Herzog Moritz (1541 bis 1553) zwei weitere bedeutungsvolle Anstalten, nämlich die Landes- oder Fürstenschulen zu Meißen und Pforta, welchen sich später noch die zu Grimma anschloß, in denen „die Jugend zu Gottes Lobe vnd im Gehorsam erzogen, in denen Sprachen vnd Künsten vnd fürnehmlich in der heiligen Schrifft gelehret vnd unterweiset werde, damit es mit der Zeit an Kirchendienern vnd anderen gelahrten Leuten nicht Mangel gewinne.“ Zum ersten Rektor der Meißner Fürstenschule, welcher man die weiten Räume des aufgehobenen Afraklosters überließ, wurde Hermann Vulpius berufen.

Von den alten Klostergebäuden, die nach ihrer Ueberweisung an die Fürstenschule entsprechend umgebaut wurden, haben sich mehrere [383] alte Gebäude – der sogenannte „Oekonomiehof“ – bis heutigen Tags erhalten. Die übrigen wurden im Laufe der Jahre wesentlich erweitert und wiederholt erneuert. So erwies sich nach dem Dreißigjährigen Kriege, der auch die Fürstenschule hart betroffen hatte, ein umfassender Neubau als nothwendig, der allerdings erst 1727 unter Kurfürst August II., der auch eine neue Schulordnung veranlaßte, zu Ende geführt wurde. Den Anforderungen der neuen Zeit aber entsprachen die niedrigen und dunklen Räume nicht mehr, und so wurde denn in den Jahren 1876 bis 1879 nach einem Entwurf des Bauraths Müller in Leipzig ein großangelegter Neubau ausgeführt, dessen gediegene innere Einrichtung für die nüchterne Form seines Aeußeren zu entschädigen sucht.

Nicht entsprechend der erfreulichen Entfaltung des geistigen Lebens und Strebens, das sich nach der Reformation in Meißen infolge der Neugestaltung seines Schulwesens bekundete, zeigte sich das bürgerliche und berufliche Leben. Und wie konnte es auch anders sein! Meißen war in einem bedauerlichen Rückgange begriffen. Die Räume seiner Fürstenburg waren verödet, ein düsteres Bild des Verfalls. In der Zeit, welche dem verschnörkelten Rokokostil huldigte, vermochte man den edlen Formen der Gothik keinen Geschmack abzugewinnen. Auch der Dom, einst der Mittelpunkt eines prunkvollen Kultus, bot ein verändertes Bild; denn die einfachen Formen des evangelischen Gottesdienstes vertrugen sich nicht mit der früheren Pracht. Vor allem aber waren es die Reformationskriege, der Hussitenkrieg, der Schmalkaldische Krieg und besonders der unheilvolle Dreißigjährige Krieg, welche Meißen in seiner Weiterentwickelung lähmten und Handel und Gewerbe, die bis dahin zu erfreulicher Blüthe gelangt waren, fast vollständig danieder warfen. Der Dreißigjährige Krieg allein kostete Meißen „4 Tonnen Goldes“ und machte es fast zur Ruine.

Und so drohte denn der Stadt, die sich von den herben Schlägen aus eigener Kraft kaum zu erholen vermochte, das herbe Geschick, von der hohen Zinne einer fürstlichen Residenz, in der, begünstigt durch fürstliche Huld, einstmals ein kraftvolles Bürgerthum, Wohlstand und Bildung begründet hatte, zum bedeutungslosen Landstädtchen herabzusinken.

Da trat ein Ereigniß ein, das für die Zukunft Meißens und insbesondere für seine industrielle Entwickelung von den weitestgehenden Folgen sein sollte.

Johann Friedrich Böttger, der geniale, leichtlebige Alchimist, der im Dienste des prachtliebenden Kurfürsten August des Starken den „Stein der Weisen“ finden sollte, hatte 1704, unterstützt durch den auf dem Gebiete der Chemie wohl erfahrenen fürstlichen Rath Walter von Tschirnhaußen, das Porzellan erfunden. Bei den riesigen Preisen, welche die chinesischen Porzellane in Europa erlangt hatten – wurden diese doch dem Golde gleich geachtet – war es naheliegend, daß man dieser Erfindung eine hohe Bedeutung beilegte. Nachdem daher eine besondere Prüfungskommission über die fertiggestellten Porzellanwaren ein beifälliges Urtheil abgegeben hatte, beschloß Kurfürst August die Errichtung einer Porzellanfabrik. Als Sitz derselben wurde auf Bitten des Meißner Rathes, welcher sich auf die oben gekennzeichnete Lage der krankenden Stadt berief, die Meißner Albrechtsburg erwählt und hier die Fabrik am 6. Juni 1710 in feierlicher Weise eröffnet.

Das Schicksal der Fabrik, der anfangs Böttger als Leiter vorstand, war bis zu den ersten Jahrzehnten dieses Jahrhunderts ein sehr wechselvolles. Kriegerische Unruhen, finanzielle und technische Klippen bedrohten wiederholt den Fortbestand derselben; aber die opferwillige Fürsorge der sächsischen Fürsten ließ das Werk nicht untergehen. Trotz aller Schwierigkeiten hat sich die Meißner Porzellanfabrik neben dem Ruhm, die älteste Fabrik Europas zu sein, auch ihren künstlerischen Ruf treu gewahrt, und das verständnißvolle und unermüdete Streben der Fabrikleitung, unterstützt durch gediegene Arbeitskräfte, führte namentlich in den letzten fünf bis sechs Jahrzehnten zu einer stetigen Erweiterung und Vervollkommnung des Fabrikbetriebes.

Je mehr sich aber der Betrieb der Fabrik erweiterte und je mehr sich derselbe durch Anwendung von maschinellen Einrichtungen vervollkommnete, um so mehr kamen die architektonischen Schönheiten der Schloßräume in Gefahr, verunstaltet zu werden, und es entsprach daher einem allgemeinen, immer dringlicher werdenden Wunsche, daß die sächsische Staatsregierung im Verein mit den Landständen die Verlegung der Fabrik in besondere, neu aufzuführende Gebäude beschloß. Für die Stadt Meißen war es eine Lebensfrage, daß ihr die Fabrik erhalten blieb. Daher wandte sich eine Abordnung von Meißner Bürgern in diesem Sinne an den König Johann, der denn auch bestimmte, daß die neue Fabrik im Triebischthal auf einem vorzüglich geeigneten, der Erweiterung Raum lassenden Areal, das die Stadtgemeinde der Staatsregierung überließ, errichtet werde. Die neuen Fabrikräume, nach dem Plane des damaligen Fabrikdirektors, des hochverdienten Geheimen Bergraths Kühn, angelegt, wurden im Herbst 1863 bezogen, und seit jener Zeit sind sie wiederholt ganz wesentlich vergrößert worden.

Gegenwärtig beschäftigt die Meißner Porzellanfabrik nahe an 700 Arbeiter, und bei einem jährlichen Warenumsatz von weit über 11/2 Millionen Mark bewegt sich der etatmäßige Betriebsüberschuß zwischen 300 000 bis 400 000 Mark im Jahr.

Das frische, gedeihliche Aufblühen der Meißner Porzellanfabrik in Verbindung mit den reichen und vorzüglichen Thonlagern in der Umgegend Meißens waren für die Gestaltung der industriellen Verhältnisse der Stadt von bedeutungsvollstem Einfluß, denn in diesen Umständen sind in erster Linie die natürlichen Bedingungen zu suchen, die Meißen zu einem so hochwichtigen Mittelpunkte der keramischen Industrie machten. Die Porzellan- und Oefenfabriken Meißens und seiner Vororte beschäftigen insgesammt nahe an 2000 Arbeiter, und ihr gesammter Jahresumsatz beziffert sich auf fast 21/4 Millionen Mark. Das Hauptabsatzgebiet bildet Deutschland; beträchtliche Warensendungen gehen aber auch nach England, Oesterreich-Ungarn, der Schweiz, Skandinavien, Frankreich, Rußland, ja bis nach Amerika und Australien.

Doch kehren wir zur Wiege dieser Industriethätigkeit, zur Albrechtsburg zurück. Nachdem die Schloßräume ihres Charakters als Fabrikräume entkleidet waren, begann, angeregt und gefördert durch den kunstsinnigen König Johann, das höchst nothwendige und von allen Kunstfreunden mit Freuden begrüßte Restaurationswerk, das sich allerdings zunächst nur darauf erstreckte, das Schloß „architektonisch zu reinigen“. Nachdem sich aber die mächtigen Räume, von allen Einbauten befreit, wieder in ihrer alten Erhabenheit zeigten, stellten Pietät und Kunstsinn gebieterisch die Forderung, dem begonnenen Wiederherstellungswerke durch eine künstlerische Ausstattung der Burg einen würdigen Abschluß zu gegen.

Aus dem auf das Königreich Sachsen entfallenden Antheil an der französischen Kriegsentschädigung wurden die hierzu erforderlichen nicht unbeträchtlichen Mittel flüssig, und der sächsische Landtag bewilligte für die Vollendung des begonnenen Werkes 501 900 Mark. Von dieser Summe wurden zunächst 271 900 Mark auf die Herstellung einiger zum Schloßbereich gehörigen Gebäude verwendet. Unter Leitung des Oberlandbaumeisters Hänel wurde ein neuer Thorthurm aufgeführt, das baufällige Kornhaus ausgebessert, ein neuer Verbindungsgang zwischen Kornhaus und Schloß erbaut und in dem „Burgkeller“ eine in gothischem Stile gehaltene und dem entsprechend eingerichtete „altdeutsche Schänke“ geschaffen, von deren Gartenanlagen aus man einen herrlichen Blick auf die Stadt und das obere Elbthal hat.

Die Restsumme von 230 000 Mark diente ganz der Ausschmückung des eigentlichen Schlosses, welche nach dem Plane des Hofraths Dr. Roßmann „die Geschichte der Burg und die Geschichte des fürstlichen Hauses, soweit dieselbe zu der ersteren in Beziehung tritt, in historischen Gemälden, Landschaften und Architekturbildern, sowie in plastischen und gemalten Einzelfiguren“ in fast durchgehends vollendet schöner Ausführung zur Darstellung bringt. Wir dürfen uns auf diese wenigen Angaben beschränken, indem wir den Leser auf einen früheren Artikel der „Gartenlaube“ (Jahrg. 1882, S. 15) verweisen.

Mit der Verjüngung der altehrwürdigen Albrechtsburg ist der freundlichen Stadt Meißen, deren wunderliebliche Lage am belebten Elbstrom, umsäumt von anmuthigen Rebenhügeln, jeden Naturfreund anheimelt und deren oft geschmähte Weine – wenn sie nur den „guten Jahrgängen“ entstammen – auch einem verwöhnten Gaumen behagen, ein neuer kräftiger Anziehungspunkt für den Frendenzufluß geworden. Amtlichen Angaben nach wurde die Albrechtsburg in den letzten vier Jahren von durchschnittlich über 26 400 Personen, die zum Theil aus weitester Ferne hierher gekommen waren, besucht.

Ganz besonders fühlt sich aber der Künstler zu diesem „Ehrentempel deutscher Kunst“ hingezogen. Was Wunder darum, daß einst ein ganzes Völklein lebenslustiger Jünger der Künste zu Hauf erschien, um sich allhier durch sinniges Spiel und allerlei [384] Kurzweil zu ergötzen. Es war im September des Jahres 1881, als zu Ehren der in Dresden tagenden Delegirten der deutschen Kunstgenossenschaft ein Künstlerfest, von Dresdener Künstlern veranstaltet, in den Räumen der Burg abgehalten wurde, das einen besonderen Glanzpunkt in der neuesten Geschichte derselben bildet. Von ehrsamen Meißner Rathsherren und holden Jungfräulein begrüßt, wurde der mittelalterliche Festzug nach dem Burghof geleitet, woselbst sich in einem Festspiel und Ritterturnier, in lustigen Zechgelagen und anmuthigen Tanzreigen ein Bild entfaltete, das lebhaft in die längst entschwundene Zeit des Mittelalters zurückversetzte.

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Der Burgkeller in Meißen.

Eine ganz besonders ehrenvolle Auszeichnung wurde der Albrechtsburg aber dadurch zu theil, daß König Albert, der an der künstlerischen Ausstattung derselben den lebhaftesten Antheil nahm, der neuverjüngten Stammburg seiner Ahnen eine Huldigung darbrachte, indem er mit der Weihe der neu erstandenen Burg eine hochbedeutsame Feier, nämlich das Fest des fünfzigjährigen Jubiläums der sächsischen Verfassung verband.

Am 5. September 1881 erschienen, begrüßt von dem Jubel der Meißner Bewohnerschaft, König Albert und die Mitglieder des königlichen Hauses in Meißen und vereinigten die Mitglieder des Landtages in dem großen Bankettsaale des Schlosses zu einem Festbankett, das den Charakter eines glänzenden Doppelfestes trug.

Eine Gedenktafel am Aufgange zu der Galerie, welche das Schloß mit dem Kornhause verbindet, weist in folgenden Worten auf die Doppelnatur der Feier hin:

„Am 4. September 1881
als am Jahrestage
der Verfassung Sachsens
unter der gesegneten Regierung
Se. Maj. des Königs Albert
ist die Erneuerung u. Ausschmückung
dieser von dem ruhmreichen Ahnherrn
Albrecht dem Beherzten
im Jahre 1471 erbauten
Stammburg des Königshauses
vollendet worden:
ein Denkmal der Liebe zwischen
Fürst und Volk.“



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Laurentinus Faustus: Geschicht vnd Zeit-Büchlein / der weitberühmeten Churfürstlichen Stadt Meissen. Dresden 1588, S. 3 MDZ München