Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Die Phantasie des Dichters
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aus: Bibliothek für Alle, 4. Jahrgang, 5. Bd., S. 78–80
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Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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[78]
Die Phantasie des Dichters.
Von W. Kabel.

Auf das künstlerische Genie machen die selbstgeschaffenen Gestalten und Situationen den Eindruck voller Wirklichkeit. Diese Folge einer überaus regen Phantasie hat sich bisweilen in ganz eigenartiger Weise geäußert. Beinahe komisch berührt es, wenn Hackländer in seinen Erinnerungen schreibt: „Regelmäßig mußte ich einen Freund bitten, mir bei der Arbeit Gesellschaft zu leisten, sobald ich beabsichtigte, eine phantastische Gespenstergeschichte zu schreiben. Denn allein überfiel mich stets ein solches Grauen, daß ich oft vor Unruhe aus dem Zimmer auf die Straße gestürzt bin.“ Ähnlich erzählt der Schriftsteller Flaubert, er habe bei Gelegenheit der Schilderung von Emma Bovarys Vergiftung einen so deutlichen Arsenikgeschmack auf der Zunge verspürt, und sei selbst so richtig vergiftet gewesen, daß er sich zweimal übergeben habe. Turgenjew wieder erzählte Freunden, er gehe so in der Rolle seiner Helden auf, [79] daß er denke, spreche und gehe wie sie. So habe er, als er „Vater und Sohn“ schrieb, lange in der Art wie Basarow gesprochen. Voltaire wurde dadurch ein entschiedener Gegner der Todesstrafe, daß er einmal die letzten Stunden eines zum Tode Verurteilten sich ausmalte und in einer seiner Schriften dann festlegte. Diese Schilderung der Seelenqualen der dem Tode Geweihten erschütterte ihn tief, und in seinem nächsten Briefe an seinen Freund Friedrich den Großen machte er diesem allen Ernstes den Vorschlag, die Todesstrafe in Preußen abzuschaffen. Als Dickens seine Erzählung „Sylvesterglocken“ vollendet hatte, schrieb er, sie hätte ihm soviel Kummer und Gemütsbewegung verursacht, daß er sich eingeschlossen hätte, um niemandem seine verweinten Augen zu zeigen. Ähnlich Heinrich v. Kleist. Dieser war über das tragische Schicksal seiner Penthesilea sehr betroffen. Als der das Stück fertig hatte, sagte er einem Freunde unter Tränen: „Sie ist tot!“ und tat dabei, als ob er ein heißgeliebtes Wesen verloren hätte. Der Franzose Balzac wieder sprach von den Personen seiner „Comédie humaine“ so, als ob sie seine intimsten Freunde wären, tadelte und lobte ihre Handlungen und sagte von einigen „mit denen kann man nicht verkehren“, so daß seine Bekannten ihn bisweilen für geistesgestört hielten.

Goethe äußerte einst zu Schiller, als er gerade auf der Höhe seines Ruhmes stand, er wisse nicht, ob er noch eine wahre Tragödie zu schreiben imstande sei. Er fürchte die damit verbundenen Aufregungen, denen sein Nervensystem nicht mehr gewachsen sei. Als er mit dem Entwurf zu „Hermann und Dorothea“ beschäftigt war, und die schöne Szene zwischen Hermann und seiner Mutter unter dem Birnenbaum zum erstenmal im Schillerschen Kreise vorlas, quollen ihm Tränen aus den Augen hervor. Lewis Wallace, der bekannte Verfasser von Ben Hur, jenes zu Christi Zeiten spielenden Romanes, soll durch das eingehende Bibelstudium, das er für sein Werk brauchte, und durch die eigenen hochpoetischen Schilderungen derart ergriffen worden sein, daß er, der bisherige Freigeist, plötzlich der religiöseste Mensch wurde. Dagegen [80] übten die dichterischen Gestalten des modernen französischen Schriftstellers Gaston Pelterelle eine ganz andere Wirkung auf ihren Erschaffer aus. Pelterelle, der verlobt war, zeichnete in seinen Romanen und Novellen mit Vorliebe Frauengestalten mit ränkesüchtigen, in Eitelkeiten und Äußerlichkeiten aufgehenden Charakteren. Leider sollte dieses Vertiefen in die Schattenseiten der Frauenherzen seine Ansichten von der holden Weiblichkeit überhaupt derart beeinflussen, daß er ein vollständiger Weiberfeind wurde, keiner Frau mehr etwas Gutes zutraute, und aus diesem Grunde sogar seine Verlobung löste, Frankreich verließ und nach New York übersiedelte. Auch Walter Scott, der sonst ein sehr kühler Geist war, spielte seine Phantasie in ihrer höchsten Erregung einmal einen Streich, der den Dichter beinahe ins Irrenhaus gebracht hätte. Er schrieb gerade für seinen verstorbenen Freund Byron einen begeisterten Nachruf, als er plötzlich in den Falten eines Vorhangs des Toten Gesicht zu sehen glaubte. Hinauf entspann sich zwischen der Erscheinung und Scott eine lebhafte Unterhaltung, deren Inhalt der Dichter am Abend wirklich im Freundeskreise wiederholte, wobei er mit größter Bestimmtheit behauptete, Byron sei ihm tatsächlich als Wesen von Fleisch und Blut erschienen. Als ihm allgemein widersprochen und ihm das Unmögliche eines solchen Vorganges klargemacht wurde, geriet er in solche Erregung, daß seine Freunde ihn schleunigst zu einem Nervenarzt brachten. Dieser gab Scott ein Beruhigungspulver, und erklärte ihm auch mit überzeugender Beredsamkeit, wie einzig und allein das intensive Erinnern an Byrons Person bei Niederschrift jenes Nachrufes die Sinnestäuschung hervorgerufene habe. Am nächsten Morgen nach ruhig durchschlafener Nacht soll der Dichter selbst seine „Geisterseherei“ belächelt haben.