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Textdaten
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Autor: Gottfried August Bürger
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Titel: Die Nachtfeier der Venus
Untertitel: Nach dem Lateinischen
aus: Gedichte, S. 1–17
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Entstehungsdatum: 1769
Erscheinungsdatum: 1778
Verlag: Johann Christian Dieterich
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Erscheinungsort: Göttingen
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[1]
Die
Nachtfeier der Venus.
Nach dem Lateinischen.
Im Frühjahr 1769.


1.
Vorgesang.


     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

5
Unter hellen Melodieen

Ist der junge Mai erwacht.

[2]

Seht, wie seine Schläfe glühen!
Wie ihm Wang’ und Auge lacht!
Ueber kräutervollen Rasen,

10
Ueber Hainen schwebet er.

Kleine laue Weste blasen
Wolgerüche vor ihm her.
Segenvolle Wolken streuen
Warme Tropfen auf die Flur,

15
Geben Nahrung und Gedeihen

Jedem Kinde der Natur.

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe

20
     Nie empfand!


Lieb’ und Gegenliebe paaret
Dieses Gottes Freundlichkeit,
Und sein süssestes versparet
Jedes Thier auf diese Zeit.

[3]
25
Wann das Laub ihr Nest umschattet,

Paaren alle Vögel sich.
Was da lebet, das begattet
Um die Zeit der Blüthe sich.

     Morgen liebe, wer die Liebe

30
     Schon gekant!

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

Schauet! Freudiger und röter
Bricht des Tages Morgen an,

35
Als im Anbegin, da Aether

Mutter Tellus liebgewan;
Und ihr Schoos von ihrem Gatten
Floren und den Lenz empfing;
Und des ersten Haines Schatten

40
Um die Neugebornen hing.

[4]

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

45
Als der erste Frühling blühte,

Wand, erzeugt aus Kronus Blut,
Göttin Venus Afrodite,
Bei gelinder Wogenflut,
Sich almählig aus des grauen

50
Ozeans verborgnem Schoos,

Angestaunet von den blauen
Wasserungeheuern, los.

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!

55
     Morgen liebe, wer die Liebe

     Nie empfand!

[5]
2.
Weihgesang.


Morgen ist Dionens Feier.
Stimmet an den Weihgesang!
Töne drein, gewölbte Leier!

60
Hall’ am Felsen, Wiederklang!

Morgen bringen ihre Tauben
Sie herab in unsern Hain;
Morgen, unter Myrtenlauben,
Ladet sie zu Tänzen ein;

65
Morgen, vom erhabnen Throne

Winket uns ihr Richterstab,
Und sie spricht, zu Straf’ und Lohne,
Gütevolles Recht herab.

     Morgen liebe, wer die Liebe

70
     Schon gekant!

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

[6]

Eilt, den Thron ihr zu erheben!
Thut der Königin Gebot!

75
Flora sol ihn überweben,

Golden, blau und purpurrot.
Spend’, o Flora, jede Blume,
Die im bunten Enna lacht!
Flora, zu Dionens Ruhme,

80
Spende deine ganze Pracht!


     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

85
Unser prangendes Geleite

Wird am Thron ihr huldigen.
Sizen werden ihr zur Seite
Amor und die Grazien.
Alle Nymfen sind geladen.

90
Nymfen aus Gefild’ und Hain,
[7]

Wassermädchen, Oreaden
Werden hier versamlet seyn.
Alle sind herbei gerufen,
Vor Dionens Angesicht,

95
Mitzusizen, um die Stufen

Ihres Thrones, zu Gericht.

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe

100
     Nie empfand!


Schon durchwallt die frohen Haine
Cythereens Nymfenschaar.
Amor flattert mit; doch keine
Naht sich ihm und der Gefar. –

105
Nymfen, die sein Köcher schrekte,

Wist ihr nicht, was ihm geschehn,
Daß er heut die Waffen strekte,
Daß er heut mus wehrlos gehn? –

[8]

Unverbrüchliche Geseze

110
Wollen, daß sein Bogen heut

Keiner Nymfe Brust verleze. –
Aber, Nymfen, scheut, o scheut
Ihn auch nakt! Er überlistet,
Er verlezt euch Mädchen doch:

115
Denn den Waffenlosen rüstet

Seine ganze Schönheit noch.

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe

120
     Nie empfand!


Nymfen, rein wie du an Sitte,
Sendet, keusche Delia,
Sendet dir mit sanfter Bitte
Venus Amathusia:

125
Morgen triefe dies Gesträuche,

Von des Wildes Blute nicht!

[9]

Deines Hornes Klang verscheuche
Dieses Hains Gefieder nicht!
Selber wäre sie erschienen,

130
Selber hätte sie gefleht,

Doch sie scheute deiner Mienen,
Deines Ernstes Majestät.
Weich aus unserm Feierhaine!
Venus Amathusia

135
Walte morgen hier alleine!

Weich, o keusche Delia!

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe

140
     Nie empfand!


Zu des schönsten Festes Freude
Lüde sie auch dich mit ein,
Ziemt’ es deinem keuschen Eide,
Zeugin unsrer Lust zu seyn.

[10]
145
Ha! Du soltest Jubel hören!

Hören Sang und Zymbelklang!
Soltest uns in Taumelchören
Schwärmen sehn drei Nächte lang;
Soltest bald in Wirbelreigen

150
Uns um flinke Nymfen drehn,

Bald, zu Paaren unter Zweigen,
Süsser Ruhe pflegen sehn.
Auch der Held, der fern am Indus,
Vom bezähmten Pardel strit,

155
Ceres und der Gott vom Pindus

Und Pomona feiern mit.

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe

160
     Nie empfand!

[11]
3.
Lobgesang.


Heller glänzt Aurorens Schleier.
Auf! Begint den Lobgesang!
Töne drein, geweihte Leier!
Hall’ am Felsen, Wiederklang!

165
Eryzinens Hauch durchdringet,

Bis zur Gränze der Natur,
Wo die lezte Sfäre klinget,
Alle Pulse der Natur.
Sie befruchtet Land und Meere,

170
Sie das weite Luftrevier.

Wie sie zeuge, wie gebäre,
Weis die Kreatur von ihr.

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!

175
     Morgen liebe, wer die Liebe

     Nie empfand!

[12]

Wie mit blinkendem Gesteine,
Schmükt sie bräutlich unsre Welt;
Streuet Blüthen auf die Haine,

180
Blumen über Wies’ und Feld.

Sie enthült die Anemonen,
Schliest den goldnen Krokus auf;
Sezet die azurnen Kronen
Prangenden Cyanen auf.

185
Den Päonien entfaltet

Sie das purpurne Gewand.
Wie der Mädchen Busen, spaltet
Junge Rosen ihre Hand.
In den Ichor ihrer Wunde

190
Ward ihr Silberblat getaucht,

Und aus ihrem süssen Munde
Wolgeruch hinein gehaucht.

[13]

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!

195
     Morgen liebe, wer die Liebe

     Nie empfand!

Liebe segnet die Gefilde,
Und beseliget den Hain;
Liebe flöst dem rauhen Wilde

200
Wonnigliche Regung ein.

Gatten um die Gatten hüpfen
Rüstig durch den Wiesengrund.
Afroditens Hände knüpfen
Ihren süssen Liebesbund.

205
Alte Sage bringt zu Ohren:

Daß sie auf der Hirtenflur
Selber einst den Sohn geboren,
Den Beherscher der Natur.

[14]

     Morgen liebe, wer die Liebe

210
     Schon gekant!

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

Sie entris Anchisens Laren
Dem entflamten Ilion,

215
Und aus tausend Meergefaren

Den verfolgten frommen Sohn.
Sie war’s, die die Hand Aeneens
Und Laviniens verband;
Und die keusche Zone Rheens

220
Löste sie durch Mavors Hand.

Sie vermälte Romuls Diener,
Halb durch List und halb durch Macht,
Mit den Töchtern der Sabiner.
Aus den Küssen erster Nacht

225
Keimten glänzende Geschlechter,

Mit der Zeiten Wechsellauf,

[15]

Patrioten und Verächter
Ihres Todes keimten auf.

     Morgen liebe, wer die Liebe

230
     Schon gekant!

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!

Schall’, o Maigesang, erschalle!
Töne, Cypris Hochgesang!

235
Hört ihr? Singen ihr nicht alle

Fluren, alle Wälder Dank?
Von dem Anger tönt das laute
Lustgebrüll der Heerden ihr.
Aus dem hohen Haidekraute

240
Zirpen tausend Grillen ihr.

Ihr nun schnattert das Gefieder
Von den Teichen Dank empor;
Und der edlern Vögel Lieder
Sind ein Opfer ihrem Ohr.

[16]
245
Horcht! Es wirbelt Philomele

Tief aus Pappelweiden drein.
Liebe seufzet ihre Kehle;
Keine Klage kan es seyn.
Nicht um Tereus Grausamkeiten

250
Wimmert Prognens Schwester mehr,

Sol ich nicht ihr Lied begleiten?
Stimmet mich kein Frühling mehr?
Phöbus, säng’ ich nicht dem Maien,
Säng’ ich nicht, o Liebe, dir,

255
Würde nimmer mir verzeihen.

Stimm’ und Laute nähm’ er mir.
Drum so werde, wann die Schwalbe
Singend ihre Wonung baut,
Werd’, o Sang, gleichwie die Schwalbe

260
Nach der Winterstille laut!

[17]

     Morgen liebe, wer die Liebe
     Schon gekant!
     Morgen liebe, wer die Liebe
     Nie empfand!