Textdaten
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Autor: Levin Schücking
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Titel: Die Meeresburg
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 56–58
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons und Google
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Indexseite
[56]
Die Meeresburg.[1]
(Konradins Sitz um 1262 und 67.)

Hoch über Felsen steht sie aufgebaut
Am Seegestad, daran die Wogen schlagen,
So hoch – was über ihr die Wolke braut,
Scheint sie mit grauen Zahckenreih’n zu tragen.

5
Inmitten steht, den Dagobert gesetzt,

Der Thurm, in dem der Schild Martell’s geklungen,[2]
Ein fest Gemäu’r, so stark und unverletzt,
Als ob es sein Jahrtausend übersprungen.

Durch seine Scharten schau ich in das Land

10
Weit, weit hinaus, auf sonn’ge Uferstrecken,

Die wie ein Blumenkranz rings um den Rand
Von einem festtäglichen Silberbecken.

Die stillen Schiffe seh’ ich, wie sie sacht
Segel und Masten unter’m Winde neigen;

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Wie einen Mast, daran die Wolke flaggt,

Seh’ ich das Alphorn in die Lüfte steigen.

Und diese Burg – ein fabelhaftes Haus,
Als ob’s ein Mönch gemalt in seinen Psalter!
Mich überwölbt die Decke dieses Bau’s

20
Mit bunten Träumen aus dem Mittelalter.


Ein Hornesstoß! es rasselt unterm Thor,
Die Sporen klirren auf den Wendelstiegen; –

[57]

Dort, auf der Warte Söller, hoch empor
Bis in die Lüfte, die den Habicht wiegen:

25
Das ist des Konradin Panier; es weht

Der Sonnenstrahl in seinen goldnen Falten;
– Er selbst – er hat dem Reiher nachgespäht
Und auf der Faust das Federspiel gehalten.

Jetzt auf die Zinne mit dem Arm gestützt

30
Blickt er hinab, wie ihn das Wasser spiegelt,

Sein träumend Haupt vom Abend angeblitzt,
Vom weichen Föhn Italia’s umflügelt.

Italia’s! – es kommt wie Gruß geweht,
Wie laue Bergesluft der Apenninen;

35
War’s nicht wie süßen Harzes Duft, wenn spät

Die Sonne noch den Pinienwald durchschienen? –

Er fährt empor – ein Falk, der Beute sieht, –
Das Herz hat Flügel und die Lüfte tragen –
Da liegt’s, da glüht’s, Apuliens Gebiet,

40
Und nun ein heiß, ein königliches Jagen!


„– O Karl von Anjou – Anjou hüte sich!
Von diesen Alpen sieh es niederkommen;
Wie jäher Bergsturz kommt es über dich,
Wie fluthgepeitschte Fluthen angeschwommen! –“

45
„Doch ha, verdammt! – noch in dies blanke Schwert

Ist keine Scharte klirrend eingehauen;
Laut wiehernd an der Krippe steht das Pferd,
Und muß am Halfter seinen Schaum zerkauen.“

„Wann wirst du, wann, in Eisen aufgezäumt,

50
Den Hohenstaufen in sein Erbe tragen?

Wann wird dein Huf, von frischem Blut beschäumt,
Sich in den todten Schädel Anjou’s schlagen?“

„O schnödes Volk! – ihr laget Mann für Mann
Im Staub einst vor den Kaiser-Ghibellinen;

55
Zu mir heran – o eine Schaar nur – dann

Nur einmal Blut auf diese Panzerschienen! –“

[58]

Er sendet glühend seine Blicke fort,
Die Alpenriesen vor ihm zu durchbrechen;
Sie aber stehen, düstre Warner, dort,

60
Wie Schilde hebend ihre Gletscherflächen,


Ringsum in Wetter eingehüllt, daß schwer
Um ihren Leib die Wolken niederhangen;
Blutrothe Blitze zucken daraus her,
Als sei’s das Leuchten ihrer Gürtelspangen.

Levin Schücking.

  1. [58] Meersburg ist sehr alt und schon der Name deutet darauf hin, daß die Stadt einem Leuchtthurme und den dabei erbauten Fischer- und Schifferhütten ihren Ursprung zu danken habe, da man diesen Thurm nur die Burg am Meere, Meeresburg, nannte. Im 14. Jahrhundert kam Meersburg an das Hochstift Constanz, nachdem es dem Welfischen Hause gehört hatte, vom Kaiser Friedrich I. eingezogen und zum Herzogthum Schwaben geschlagen worden war, woher es Bischof Eberhard von Waldburg entweder vom König Konrad IV. oder von Konradin erworben haben soll
  2. [58] Der Thurm, oder das hohe viereckige Gebäude, der älteste Theil des Meersburger alten Schlosses, ist jetzt von den übrigen Bestandtheilen desselben ganz umbaut. An diesem in fränkischer Bauart errichteten Thurme fand man die Buchstaben C. M. eingehauen, welche auf Karl Martell gedeutet wurden. Seit dem J. 1838 wohnt in diesem Schlosse der Freiherr von Laßberg, der verdienstvolle Beförderer altteutscher Literatur, welcher seine unschätzbare Bibliothek und Handschriftensammlung in dem feuerfesten Archivgewölbe der Bischöfe aufgestellt hat. (Siehe Universallexikon von Baden, S. 767.)