Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1875) 517.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[517]
Kein Elternhaus mehr.

      Nun hegt auf dem Herde,
Wo hold ich die Tage
Der Kindheit verträumte,
Die Flamme ein Fremder.
Ich segne in Wehmuth
Sein Walten und Wohnen
Im Haus meiner Väter
Und grüß’ ihn von ferne.
      Mir aber, mir wandern
Die düstern Gedanken
Verwehrte Wege
Zu Gräbern des Glückes,
Als wäre mir Wonne
Und Liebe und Leben
Verschüttet, verschollen,
     Es meldet das Märchen:
Wenn schon sich umschattet
Im Schauer des Todes
Die sinkende Wimper,
Dann wandle noch einmal
Vorm bangenden Geiste
Das Bildniß der Jugend
In Rosengewölken
Wie winkend vorüber.
      O, gäbe ein Gott mir,
Im Scheiden zu schauen
Dich, sehnsuchtgesuchtes Asyl
Meiner Kindheit!
Dann pflanzt’ ich und pflückt’ ich
Wie sonst wohl im Sommer
Reseda und Rosen
Auf blumigen Beeten
Im Garten der Eltern.
Durch schattige Gänge
Käm’ sinnend geschritten
Die sorgende Mutter.
Sie legte mir leise
Auf’s Haupt wohl die Hände
Und lächelte linde,
Mich segnend in Sanftmuth.
Wohl schaut’ ich in’s liebe,
Verehrte Gesicht ihr
Beseligt noch einmal
Und schlösse die Augen
Und schliefe hinüber,
Hinüber in Schweigen.


Leipzig, 12. April 1875.
Ernst Ziel.

Hund und Katz’.
Eine Geschichte aus dem bairischen Oberlande.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)

Der Wirth dachte Wunder, wie gut er seine Sache gemacht habe, Kuni aber war nicht derselben Meinung – mit einem Zornblick, den er den milden blauen Augen gar nicht zugetraut hatte, verließ sie ihn und hatte sich vorauseilend rasch durch die Thür gedrängt. „Laß nur gut sein, Wirth!“ sagte der Bauer, ihr nachfolgend. „Sie soll schon tanzen und muß tanzen – die Schlösselbauern-Kuni soll nit fehlen, wo es zum Loostanz geht – dafür laß mich sorgen! Es soll nit den Anschein haben, als wenn sie sich nit seh’n lassen dürft’ oder als wenn sie einen Stiegenhansel machen und zuschauen müßt’.“

Das Gespräch war laut genug geführt worden, um auch von den Umstehenden mindestens theilweise vernommen zu werden; dennoch wurde die allgemeine Aufmerksamkeit durch eine neue Erscheinung abgezogen. Die Straße herab ließ sich Hufschlag vernehmen und nach wenigen Augenblicken kam ein Gensdarm auf schnaubendem und schaumbedecktem Rosse herangesprengt und schwang sich aus dem Sattel, während Sylvest erbleichend hinzu sprang, um die Zügel und das Thier in Empfang zu nehmen – er ahnte, wem dieser Besuch und diese Eile galt; wenn der Gensdarm einige Zeit verweilte, wenn er vielleicht gar auf den Gedanken kam, das Haus zu durchsuchen, war sein Schützling verloren und vielleicht der Beschützer mit ihm.

„Soll ich den Braunen in den Stall führen?“ fragte er den Gensdarmen, einen alten graubärtigen Brigadier, der bereits den Wirth herbeigewinkt hatte und mit ihm etwas zur Seite trat.

„Nein, dummer Bursche,“ fuhr ihn dieser unwillig an. „Du siehst doch selber, daß ich das arme Thier so warm geritten habe, daß es ordentlich dampft, daß es also zuvor eine Weile herumgeführt werden muß, damit es nicht verschlägt.“

Ohne Erwiderung that Sylvest, wie ihm befohlen war. Seine Bestürzung und sein Mitleid mit dem Verfolgten wuchs mit der Gefahr: nicht nur die zwei Capitulationsstriche am Rockärmel des Brigadiers, welche dessen lange Dienstzeit bezeugten, die ganze Haltung des Mannes ließ erkennen, daß er es mit [518] seiner Aufgabe im höchsten Grade ernst nahm und daß es für ihn im Dienste keinen andern Gedanken gab, als pünktlichen Gehorsam. Sylvest zögerte einige Augenblicke, vielleicht gelang es ihm, einige Worte des Gesprächs zu erhaschen und daraus zu ersehen, wie weit oder nah der Spürende auf der Fährte seines Wildes war; erst ein wiederholter Befehl scheuchte ihn hinweg.

Der Brigadier war schon in hohem Grade unmuthig angekommen. Sein Ritt den ganzen Tag hindurch war ein vergeblicher gewesen; gelang es ihm auch hier nicht, die Spur des Verfolgten zu entdecken, so war es klar, daß er in falscher Richtung gesucht und dadurch dem Verbrecher Zeit gelassen hatte, auf einer andern Seite zu entkommen. Die Antwort des Wirths war nicht geeignet, seinen Unwillen zu mindern; sie enthielt nichts Anderes, als daß demselben keine verdächtige oder unbekannte Persönlichkeit vorgekommen sei – er konnte das auch mit Grund sagen, denn er hatte Sylvest nicht bemerkt und wußte also nicht, welchen Gast er in seinem Hause beherberge. „Hat denn der Spitzbube Flügel oder kann er sich in den Erdboden verkriechen?“ rief der Brigadier, indem er den Säbel aufstieß und einen grimmigen Fluch zwischen den Zähnen zermalmte. „Im letzten Dorfe hat mir doch der Gemeinderath gesagt, er habe einen Mann über das offene Feld in’s Gebüsch laufen sehn, einen Mann in abgetragener Kleidung und ohne Hut, der große Eile zu haben schien und sich kaum mehr fortschleppen konnte. Er hat die Richtung nach hierher eingeschlagen; er muß also noch hier, muß in einem Hause oder sonst um das Dorf herum versteckt sein. Es muß sogleich eine Durchsuchung und Streife vorgenommen werden; Ihr, Herr Wirth, seid der Gemeindevorsteher. Also trefft Eure Anordnungen. Hier ist der gerichtliche Befehl und hier der Steckbrief mit dem Signalement des Verbrechers.“

Mißmuthig rückte der Wirth die grüne Schlegelhaube hin und her; war doch, wenn die Streife vorgenommen werden mußte, allen Anwesenden die bevorstehende Lustbarkeit und ihm selber die Aussicht auf einen gewinnreichen Abend vereitelt; er starrte wohl in das Blatt mit dem Signalement, aber er war so zerstreut, daß er den Beschriebenen daraus nicht erkannt haben würde und wenn derselbe unmittelbar vor ihm gestanden wäre. Willenlos folgte er dem Brigadier, der in die Zechstube trat und die Anwesenden aufforderte, ihm mitzutheilen, was ihnen etwa von dem flüchtigen Verbrecher bekannt sei.

Der Erfolg war nicht glücklicher, als vorher beim Wirthe; Niemand wußte etwas zu sagen; es waren nur wenige gewesen, welche den kurzen Vorgang zwischen Sylvest und dem Fremden mit angesehen hatten – der Zufall wollte, daß von Allen Niemand, als der alte Bauer in der Stube anwesend war, der aber machte sich seine eigenen Gedanken; und als eben der forschende Brigadier an ihm vorüberging und das Aussehen des Flüchtlings beschrieb, schüttelte er bedeutungsvoll den Kopf und wiederholte dessen Worte. „Hm, hm,“ sagte er, „also einen grauen abgetragenen Anzug und nicht einmal einen Hut.“

„Jawohl, alter Krachezer“, rief der Brigadier, „hast einen solchen ausfindig gemacht, weil Du mir meine Worte nachsprichst?“

„Ich? Warum nit gar!“ erwiderte der Alte mit verschmitztem Doppelsinne. „Wie kommet ich zum Ausfindigmachen? Das ist ja Euer Geschäft und nachgesagt hab’ ich’s nur, damit ich mir’s in meinem alten Kopf besser merken kann, wenn mir doch so von ungefähr ein solcher unterkommen sollt’.“

Der Brigadier war immer verdrießlicher geworden; obwohl alle Nachforschungen vergeblich gewesen, hatte er doch ein unbestimmtes Gefühl, als ob nicht Alles in Ordnung sei, aber es fehlte jeder Anhaltspunkt, eine strengere Nachforschung daran zu knüpfen. Aergerlich fragte er den Wirth, ob er die Bauern bereits als Streifmannschaft aufgeboten habe, und ließ sich im Vorplatze des Hauses zu einem Kruge nieder; über seinem Vorhaben brütend, sah er starr vor sich hin und trug dem Knechte auf, sein Pferd nicht in den Stall zu stellen, sondern vor dem Hause anzuhängen, ihm aber doppeltes Maß Haber zu geben; das Thier müsse bald wieder daran und habe vielleicht noch einen starken Ritt auszuhalten.

Inzwischen hatte Kuni sich vom Vater losgemacht und war in das obere Stockwerk geeilt, wo sich das Zimmer der kranken Tochter befand. Sie stand vor der ihr bezeichneten Thür und pochte leise; als keine Antwort erfolgte, wiederholte sie das Klopfen noch stärker und als hierauf keine Entgegnung erfolgte, drückte sie behutsam auf die Klinke und öffnete die Thür…

Mit einem lauten gellenden Schrei der Ueberraschung oder vielmehr des Schreckens prallte sie zurück – ihr gegenüber in voller Uniform, schmuck wie damals bei der Begegnung in Diessen, stand der verhaßte Ulane.

Er machte eine abwehrende Bewegung gegen sie, eilte ihr nach, rief ihr einige Worte zu – er trieb die Kühnhheit sogar so weit, daß er sie umfaßte und zurück zu halten suchte. Mit einem noch lauteren Schrei des Unwillens rang sie sich von dem Frechen los, wandte sich und – sah in ein ihr unbekanntes kummervolles Gesicht, in Augen, die sie bittend ansahen, auf einen Mund, der um Schweigen flehte.

Sie verstummte, indeß glühende Röthe ihr Stirn und Wangen überdeckte. Es war zu spät. Der im Vorplatze sitzende Brigadier hatte das Schreien vernommen und aus demselben erkannt, daß da oben etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse – schon sah sein bärtiges Angesicht über das Treppengeländer herauf; im nächsten Augenblicke stand er bereits vor dem Ulanen und legte ihm die Hand an die Schulter. „Machen Sie keine Umstände, Herr Mündler!“ sagte er. „Geben Sie sich! Ich erkenne Sie trotz der Verkleidung.“

Der Gefangene war todtenbleich geworden: er rang einige Augenblicke nach Fassung und Luft, dann sagte er gelassen: „Ich bin in Ihrer Gewalt – thun Sie mit mir, was Ihre Pflicht Ihnen gebietet!“

Drunten war der Vorfall wie Lauffeuer von Mund zu Mund gegangen, und neugierig drängte Alles herauf, um die Bestätigung zu erfahren und zugleich zu sehen, wie ein so hochgefährlicher Verbrecher wohl aussehen möge. Auch der Wirth war darunter und Sylvest. Einen Augenblick nur stand er Kuni gegenüber, aber er genügte, ihr mit einem einzigen Augenblicke zu sagen, daß er den Zusammenhang des Vorgefallenes vollkommen durchschaue und von ihrer Bosheit auch nichts Anderes erwartet habe. Kuni ertrug diesen Blick haßerfüllten Vorwurfs nicht; war sie doch schon auf’s Tiefste erschüttert durch die unglückliche Wendung der Ereignisse und brach beinahe zusammen vor dem Anblicke des unglücklichen jungen Mannes, der durch sie wieder in die Hände seiner Verfolger gefallen war. Um sich tastend und sich gewaltsam zusammennehmend, fand sie nun bald die zuvor in der Achtlosigkeit verfehlte Thür des Krankenzimmers, um neben dem Bette der Leidenden sich in Thränen hinzuwerfen, selbst krank bis in’s innerste Herz hinein.

Der Wirth strömte über von Beredsamkeit, um den Brigadier zu überzeugen, daß er von der Anwesenheit des Missethäters keine Ahnung gehabt und daß derselbe sich in’s Haus geschlichen haben müsse, was bei dem Zudrängen der vielen Gäste leicht möglich gewesen sei.

Auch Sylvest fühlte das Bedürfniß, allen Verdacht von sich abzulenken, und ging mit verstelltem Zorne auf denselben Gedanken ein. „Freilich muß er sich eingeschlichen haben, der Hallunk’!“ rief er, sich an den Gefangenen machend. „Und ich, der ich sonst so accurat bin in meiner Kammer, muß gerade heute auf das Zusperren vergessen! Herunter mit der Uniform!“ fuhr er, ihm dieselbe ausziehend, fort. „Hätte sie dem Herrn getaugt, um durchzukommen und auf meinen Namen alle seine schlechten Stückeln zu unternehmen? Und meinen Paß und Abschied hat der Herr auch gefunden und meinen Geldbeutel auch?“ fuhr er, die Taschen untersuchend, fort. „Das ist ja ein rechtes Glück, daß es so gegangen ist. Da wäre jetzt auf die schönste Manier mein ganzes erspartes Geld’l hin und meine schöne Ulanenuniform auch, mein einziges Andenken aus dem schönen Griechenlande.“

Der Brigadier befahl den Zuschauern, sich zu entfernen, dem Gefangenen aber, sich wieder in die Kammer zu begeben und seine eigenen Kleider anzuziehen. Sylvest in seinem Eifer ließ es sich nicht nehmen, ihm dabei zu helfen und ihm seinen Raub triumphirend Stück für Stück wieder abzunehmen. Der über den erwarteten Erfolg von Glück strahlende Brigadier gewahrte nicht, daß er ihm dazwischen leise hastige Worte zuflüsterte, die ganz anders klangen, als die laut gesprochenen. Als man den Gefangenen allein ließ, begnügte sich der Brigadier nicht, die Thür abzusperren und den Schlüssel in die Tasche zu [519] stecken; er befahl auch noch, ein Vorhängeschloß herbeizubringen, das er dann eigenhändig befestigte.

Wie ein sieggekrönter Feldherr schritt er durch die staunenden Bauern hindurch seinem vorigen Platze auf dem Hausgange zu und trug dem Wirthe auf, ein Fuhrwerk herbeischaffen, um den Verbrecher noch heute in die Frohnveste des nächsten Landgerichtes zu bringen. Zugleich ließ er sich statt des Bieres eine Flasche Wein und seinem Pferde, das draußen an der Schattenseite des Hauses den Boden stampfte, noch einmal ein Maß Hafer reichen; die unausbleibliche Gratification für einen so außerordentlichen Fang ließ einen solchen Aufwand wohl erlaubt erscheinen. Bereitwilligst erschien der Wirth mit der Flasche, aber wegen des Fuhrwerks bat er um Entschuldigung: wie es um diese Jahreszeit gebräuchlich, seien alle Pferde draußen auf der Gemeinweide, und werde immerhin eine beträchtliche Zeit vergehen, bis sie hereingeholt seien.

In der Zechstube und in dem anstoßenden noch größeren Raume, der meist als Tanzboden benutzt wurde, hatten sich indessen die Gäste wieder zu Trunk und Gespräch niedergesetzt und erzählten sich von dem soeben Vorgefallenen, von den ungeheuern Verbrechen, die der Gefangene begangen habe, und wie es sonst im Lande und mit dem deutschen Reiche stehe, das nicht eher wiederkomme, als bis, wie ja aller Welt bekannt sei, die Raben nicht mehr um den Untersberg fliegen und Kaiser Karl, der darin eingeschlossen und eingeschlafen sei, sich erhebe und mit seinem eben dahin verzauberter Heere wieder in die Welt ziehe. In der großen Stube hatten sich auch die Musikanten bereits eingefunden, und zum Beginne des Loostanzes fehlten nur noch zwei Dinge: der bei solchen Anlässen immer unentbehrliche Trompeterfranzl und – die rechte fröhliche Stimmung. Wenn auch Keiner zugegen war, der den Gefangenen näher kannte oder im Leben von ihm gehört hatte, hatte doch Jeder Mitleid mit ihm, und es kam den einfachen Gemüthern vor, als schicke es sich nicht, unten zu tanzen und zu jauchzen, wenn oben ein trauriger gefangener Mensch saß, den Gefangenschaft auf Lebenszeit oder gar der Tod erwartete; besonders die Mädchen und Frauen bedauerten den jungen hübschen Menschen, der so blaß ausgesehen und so unendlich traurige Augen gehabt habe. Die Männer widersprachen nicht; sie meinten, er sei doch kein gemeiner Spitzbube, wie ein Dieb oder ein Mörder; auch mochten nicht viele darunter sein, denen es so recht klar war, worin denn eigentlich sein Verbrechen bestanden habe.

Kuni saß schweigend und mit betrübtem Augesichte neben dem Vater, den sie vergebens wiederholt um die Heimfahrt bestürmt hatte. Sylvest ging aufwartend hin und wieder; er gab sich Mühe, heiter zu erscheinen, aber unter den üblichen ermunternden Scherzreden, mit denen er die Zecher bediente, war sein Sinn bei seinem Gaste und sein Ohr auf der Straße, ob das Ereigniß, dessen er harrte, sich noch immer nicht vernehmen lasse.

Vergebens munterte der Brigadier, dem die eingetretene Verstimmung nicht entging, im Uebermaße seines Vergnügens dazu auf, mit dem beabsichtigten Tanze zu beginnen; vergebens ließ er ziemlich deutlich merken, daß man es bei Gericht sehr ungnädig aufnehmen werde, wenn man sich so viel um einen steckbrieflich verfolgten Hochverräther kümmere. Die Abwesenheit des Hochzeitladers war ein willkommener, stets bereit liegender Grund, den Beginn abzulehnen oder zu verzögern.

„Nun, wenn Ihr keinen andern Grund habt,“ rief der Brigadier, durch die Thür blickend, „dann könnt Ihr gleich anfangen und ich kann auch einmal der Loostanz mitmachen, denn heute bin ich zu Allem aufgelegt. Da kommt der Hochzeitlader in aller Hast herangelaufen und winkt Euch zu, daß Ihr Euch bereit halten sollt, das Versäumte einzuholen.“

Der Brigadier hatte recht gesehen; es war wirklich der Hochzeitlader, der durch die einbrechende Dämmerung mit eilenden Schritten heran kam; aber bezüglich des Winkens hatte er sich doch geirrt: das Winken galt nicht den Bauern, sondern ihm selbst.

„Ja, wie ist denn das, Herr Brigadier?“ rief er ihm schon über die Eingangsstufen zu. „Sie sitzen da ganz gemüthlich beim Weine, und mir ist vor dem Dorfe draußen Einer begegnet, der auf Ihrem Pferde sitzt und im Galopp davon sprengt, daß die Funken nur so herumfliegen, als wie in einer Schmiede.“

„Million-Kartätschen-Element!“ schrie der Brigadier, sprang die Stufen hinab und stand – vor dem leeren Platze, wo sein Gaul angebunden gewesen war, von einem offenen Fenster darüber hing ein aus Pferdegeschirrsträngen zusammen geknüpftes Seil herab – es war klar, der Gefangene hatte die Worte, die Sylvest ihm heimlich zugeflüstert, nur zu gut verstanden; er mußte sich leise herunter gelassen haben, hatte dann offenbar das Pferd auf dem grasigen Straßenraine geräuschlos weggeführt, in einiger Entfernung aber sich aufgesetzt und war dann im Galopp davon gesaust.

Dem Brigadier blieben vor Wuth die Flüche, die er ausstoßen wollte, im Halse stecken, es währte geraume Zeit, bis ihm die Sprache wieder kam. Er tobte gleich einem Rasenden, der Wirth sollte ihm augenblicklich ein anderes Pferd geben um den Entflohenen zu verfolgen; es war unmöglich; der Bursche, der nach ihnen geschickt worden, konnte der weiten Entfernung wegen noch nicht zurück sein.

„Es nutzt auch nichts, wenn Sie ihm nachreiten, Herr Brigadner,“ sagte der alte Bauer, der mit allen Gästen aus dem Hause nachgekommen war, „es wird schon hübsch dunkel und dürft’ schon ein gut’s Rößl sein, bis es Ihren Gaul einholt. Sie haben ihm ja selber den dreifachen Hafer geben lassen.“

„Kerl, ich glaube gar, Ihr wollt noch Euer Gespött mit mir haben?“ schrie der Brigadier außer sich. „Aber nehmt Euch in Acht! Ich mache meine Anzeige. Ihr seid Alle mit dem Verbrecher einverstanden. …“

„Oho, so was müssen der Herr Brigadier nicht sagen,“ unterbrach ihn der Wirth, gestützt auf die allgemeine Stimmung, welche das Lächerliche des ganzen Vorgangs zu fühlen begann und nahe daran war, in laute Heiterkeit auszubrechen „Ich werd’ auf’s Geschwindeste für ein Fuhrwerk sorgen, aber wir in unserm Dorfe, wir sind keine Solchen, die es mit Maleficanten und Spitzbuben halten.“

Der Brigadier antwortete nicht, sondern rannte völlig rathlos die finstere Straße dahin, als ob er den Entflohenen oder eine Spur desselben zu finden vermöchte. Alles kehrte in die Stuben zurück, wo die Lampen mit den Blechschildern dahinter bereits brannten und in der Ecke auf einem Tische die Musikanten anfingen, ihre Instrumente zu stimmen – die Last, die wie ein Alp auf allen Gemüthern gelegen, war plötzlich weggenommen, und die Fröhlichkeit konnte hervorbrechen wie ein frisches Brünnlein, dessen Quelle eine Weile verstopft gewesen. Kuni weigerte sich nicht mehr, an dem Loostanze Theil zu nehmen – daß das durch sie unschuldiger Weise veranlaßte Unheil sich doch noch zum Bessern gewendet hatte, machte sie leichter athmen; sie sah ruhig, wenn auch nicht heiter darein, und der Hochzeitlader, der sie nicht aus den Augen ließ, nickte dabei bedeutsam mit dem Kopfe. „Aha,“ sagte er vor sich hin, „steht es so mit Dir? Fängst Du schon das Kalendermachen an? – Hab’ nur noch eine kleine Geduld, nachher singt der Vogel bald in mein’ Holz – nachher wird’s bald anders ausschau’n auf dem Schlösselhofe! Was nützt mich die schönste Capellen, wenn der Heilige drin nix taugt?“ Vergnügt rieb er sich die Hände; der Plan, den er sich ausgesonnen, konnte ja gar nicht fehlschlagen – waren die beiden Feinde nur erst dahin gebracht, daß sie bei einander sein und mit einander reden mußten, wenn sie nicht großes Aufsehen und Aergerniß hervorrufen wollte, dann, meinte er, sei Alles gewonnen und werde sich das Weitere von selbst geben; man müsse es eben bei den Beiden auf eigene Weis’ anfassen, für einen närrischen Kerl gehöre auch ein närrisches Gewand.

Er ward darin auch durch Sylvest’s Benehmen und Aussehen bestärkt, der ihn vergnügt gegrüßt hatte und von der Anwesenheit seines Widerparts durchaus nicht unangenehm berührt schien; was zwischen Beiden seit seiner Entfernung vorgefallen, vermochte er allerdings nicht zu errathen, und erzählen konnte ihm Niemand, was ein unausgesprochenes, von Niemand getheiltes Geheimniß war.

Der Bursche beachtete kaum, daß auch sein Name in den schicksalentscheidenden Hut gelegt wurde; als der alte Hochzeitlader mit lustigem und listigem Lächeln auf den Tisch stieg, um das erste Paar zu bilden, und er Kuni’s Namen rief, deren Zettel er in der Hand zurückbehalten hatte, fuhr sie wie eine [520] Schlafende oder Träumende auf und mußte erst vom Vater erinnert werden, daß es nun an ihr sei, an den Tisch zu treten und aus dem andern Hute den Namen des Burschen zu ziehen, der für den Abend ihr Tänzer und überhaupt ihr Partner sein solle.

Ihre Befangenheit und Zerstreutheit machten es dem schlauen Alten nicht schwer, ihr das entscheidende Loos in die Hand zu spielen; als sie selbst es zu öffnen zögerte, nahm er es ihr aus der Hand und rief in lauter Freude über die gelungene List mit schallender Stimme über die erwartungsvolle Menge hin: „Erstes Paar – das Ehrenpaar bei dem heutigen feierlichen Loostanze ist die ehr- und tugendsame Jungfrau Kunigunde Berghofer vom Schlösselbauernhofe und der tugendbelobte Jungherr Sylvester Buchmaier vom Buchmaiergute. Sie leben hoch! Das Ehrenpaar soll leben – hoch!“

Die Musikanten fielen mit schmetterndem Tusche ein, der aber gleichwohl nicht im Stande war, Kuni aus der Betäubung zu reißen, in der sie mitten im Saale stehen geblieben war, ungewiß, ob sie wache oder träume, unschlüssig dessen gewärtig, was sich nun weiter begeben solle. Es klang ihr nur dumpf in’s Ohr, daß ihr Name mit dem Sylvest’s zugleich genannt worden war – die Unmöglichkeit, dem Verhaßten auch nur zum Scheine die Hand zu reichen, zuckte ihr mit Blitzesschnelle durch Herz und Sinn, schon wollte sie den Fuß heben, um zu entfliehen, als Sylvest, der eben im Augenblicke des Ausrufs in die Stube getreten war, erregt und bleich wie sie, vor ihr stand.

„Du sorgst Dich wohl, daß ich Dich zwingen werd’, mit mir zu tanzen?“ rief er, während der erregte Lärm der Anwesenden plötzlich zu Todtenstille herabsank. „Hast es nicht Ursach’,“ fuhr er fort und entriß ihr den Zettel mit seinem Namen, den sie noch immer wie unbewußt in der Hand hielt. „Ich zwing’ Dich so wenig, als ich mich zwingen ließ … der Zettel gilt nichts – mit Dir tanz’ ich nicht.“

Er zerriß das Loos und warf es Kuni zu Füßen, der es vor den Augen schwamm, daß ein paar hinzuspringende Mädchen sie vor dem Umsinken stützen mußten. Sie versuchte zu reden, aber sie vermochte es nicht, nur ihr Auge hing wie irrend und doch voll Erbitterung an dem seinen. Desto rascher ging die Zunge des alten Schlösselbauers, der, ein Unglück ahnend, gleich herbeigestürzt war und nun Sylvest zum Kampfe auf Leben und Tod gegenüberstand. „Warum,“ keuchte er, „warum willst Du mit meiner Tochter nit tanzen? Rede, Du Nichtnutz, oder ich brech’ Dich in der Mitt’ ab, wie einen Bohnenstecken, warum willst Du mit der Schlösselbauerntochter nit tanzen und thust ihr solchen Schimpf und Schand’ an?“

„Besinn’ Dich, Schlösselbauer!“ erwiderte Sylvest kalt, aber auf etwaigen Angriff gefaßt, „zum Abbrechen gehören ihrer zwei und mir wär’s leid, wenn ich mich an Dir vergreifen müßt’. Von Schimpf und Schand’ aber ist zwischen mir und Deiner Tochter keine Red’. Du weißt es selber am besten, daß sie mich nie hat ausstehen können, und mir ist es gerade so gegangen mit ihr, ich hab nie gewußt, warum das so in mir gewesen ist, seit heut’ aber weiß ich, daß ich recht gethan hab’ – seit heut’ weiß ich, warum es so gewesen ist, und wenn Du es auch wissen willst, frag’ Deine Tochter selbst, und sie wird Dir sagen, daß wir zwei nicht miteinander tanzen können.“

Stürmisch verließ er die von betäubendem Lärm erfüllte Stube. Der Schlösselbauer führte Kuni in’s Freie, daß sie sich erholen könne, und rief nach dem Wirth und seinem Wagen, um nach Hause zu fahren. Kuni glich einer schwer Erkrankten, die nur allmählich und unklar sich dessen, was mit ihr vorgegangen, zu besinnen vermag. „Hättest Du mir gefolgt, Vater!“ flüsterte sie, als er sie auf den Wagen hob, „nun bin ich zum Gerede geworden in aller Leute Mund und kann mich vor keinem Menschen mehr sehen lassen; es ist mir im Geiste vorgegangen, daß es ein Unglück giebt.“

„Und mir ist es gerade recht, daß es so gegangen ist. Jetzt freut mich erst mein Leben; jetzt werd’ ich erst unter vier Augen ein Wort mit dem Burschen reden, daß er Zeitlebens an den Schlösselbauern denken soll.“

Eben rollte das Wägelchen davon, als eine starke Faust den Pferden in den Zügel fiel und der Brigadier mit einer Laterne den Personen im Wagen in’s Gesicht leuchtete. Er war von seinem nächtlichen Laufe doch nicht ganz ohne Frucht zurückgekommen; er war einem Manne begegnet, der ihm arglos erzählte, es sei wohl ein fremder Mann in’s Gasthaus gekommen, das sei aber ein alter Bekannter und Freund Sylvest’s und sein Camerad bei den Ulanen in Griechenland gewesen. Der Brigadier wußte nun genug, um den ganzen Zusammenhang zu überschauen, war auch der Thäter selbst ihm entkommen, so hatte er doch den Mitschuldigen entdeckt, der ihn verborgen und ihm unzweifelhaft auch zur Flucht verholfen hatte – das war eine Spur, die wohl geeignet war, noch auf andere Entdeckungen zu führen. Spornstreichs war er daher zurückgeeilt, sich Sylvest’s zu bemächtigen. Als er nach ihm fragte, war der Bursche im ganzen Hause nicht zu finden. Offenbar hatte er Verdacht geschöpft und einen unbewachten Augenblick zu Versteck oder Flucht benutzt. Dem unglücklichen Spürer blieb nichts übrig, als Alles zu durchsuchen und jedes Fuhrwerk anzuhalten, um sich vollends die Ueberzeugung zu verschaffen, daß er abermals überlistet worden war.

Kuni vernahm die Botschaft von dem, was Sylvest erwartete, mit einer Empfindung, die einem Schauder glich. Der Vater verbarg seine Freude nicht und wünschte, der unnütze Bursche solle nur die Suppe, die er sich eingebrockt, bis auf den Grund ausessen. Sie war von ihm beleidigt und auf’s Tiefste gekränkt; sie träumte und sann Rache, aber als die süßeste Rache erschien es ihr, wenn er es erkennen und schamvoll gestehen müßte, daß er ihr Unrecht gethan.

Im Wirthshause hatte es lange gewährt, bis die durch so merkwürdige Dinge in Wallung gebrachten Gemüther wieder in eine ruhigere Strömung zurückkehrten, der Loostanz wurde wohl fortgesetzt oder neu begonnen, aber es war nicht die rechte Lustbarkeit dabei wie sonst und auch dem Trompeterfranzel wollten die Schnurren und Späße nicht so glatt wie sonst von der Zunge. Seit es mit dem Blasen nicht mehr gehen wollte, strich er den Brummbaß zum Tanze, aber diesmal war er öfter in Gefahr, aus dem Tacte zu kommen, so sehr schweiften seine Gedanken auf anderen Fährten, als auf denen seines Fiedelbogens. Ein so schöner und so fein ausgedachter Plan und dennoch nicht bloß mißlungen, sondern sogar in’s Gegentheil umgeschlagen! Er hatte das zwieträchtige Paar schon im Tanze vereinigt gesehen, und nun waren sie weiter und ärger getrennt, als zuvor. Aergerlich riß er die groben Schrobe seiner Baßgeige und brummte in dieselbe vor sich hinein:

„Es ist und bleibt ein hartes Ding,
und selten, zimmt mich, g’rath’s –
Daß Feu’r und Wasser sich vertrag’n
Und busseln Hund und Katz’.“

(Fortsetzung folgt.)




Aus der hundertthürmigen Stadt.

Bühnen-Erinnerungen von Caroline Bauer.
II.

Ich spielte sehr gern auf der hübschen Prager Bühne, bestens unterstützt von ausgezeichneten, freundlichen Collegen und ermuntert durch den Beifall eines kunstverständigen und kunstenthusiastischen Publicums.

Die deutsche Bühne in Prag zählt schon lange zu den ruhmvollsten. Zur höchsten Blüthe gelangte das „ständische deutsche National-Theater“, dem ein böhmisches „Vaterländisches Theater“ vergebens Concurrenz zu machen strebte, unter Direction des genialen Liebich, der sich um die Entwicklung der deutschen Schauspielkunst unvergängliche Verdienste erworben hat. Sein Ruhm lebte in jenen Prager Frühlingstagen noch auf allen Lippen. Selber ein ausgezeichneter Darsteller humoristischer Väter, besaß Liebich die größere Kunst, seltene Talente zu entdecken, auszubilden, zu hegen und zu pflegen. Unter seiner Leitung

[521]
Die Gartenlaube (1875) b 521.jpg

Georg Herwegh.
Nach einer Photographie, im Besitze der Frau Emma Herwegh in Baden-Baden.


wurde der junge Eßlair der große Eßlair. … Karl Maria von Weber war Capellmeister der Prager Bühne, und im Mai 1818 debütirte hier ein vierzehnjähriges Mädchen in Mehul’s Oper „Joseph in Aegypten“ als Benjamin. Ein wunderlieblicher Benjamin mit einer silberhellen, wundersüßen Stimme und bezaubernder Anmuth in allen Bewegungen. Ein Komödianten-Kind, das schon mit sieben Jahren auf dem Darmstädter Theater im „Donauweibchen“ die Lilli gesungen, gespielt und getanzt hatte … Und 1825 war diese Lilli – dieser Benjamin die gefeiertste Sängerin, der Welt: Henriette Sontag. Wie oft hatte sie mir damals in Berlin von ihrem wunderschönen lieben Prag erzählt, das ihr zuerst die berauschende Welt der Bretter erschlossen!

Das war die ruhmvolle Vergangenheit der Prager Bühne, als ich sie 1835 zuerst betrat. Freilich war ihr hellster Glanz erblichen. Liebich war seit achtzehn Jahren todt. Seine Wittwe heirathete den Tenoristen Stöger und übertrug die Direction an den abenteuerlichen Franz von Holbein, der einst der Gatte der Gräfin Lichtenau, Preußens Pompadour, gewesen war. Dann hatte das Triumvirat Polawsky, Stepaneck und Kainz das Ständische Theater in Prag regiert. Jetzt war Stöger ein rühriger und freundlicher Direktor, gemüthlich und praktisch und stets lächelnd. Wenigstens zu meiner Zeit, wo ihn volle Cassen anlächelten.

Von berühmten Sternen der alten Prager Glanzzeit fand ich nur noch den großen Wallenstein Bayer und den liebenswürdigen Polawsky vor, trotz seines Alters mein fein graziösester Perin in „Donna Diana“ und mein herzigster Vater in „Goldschmieds Töchterlein“. Als ich in den Birch-Pfeifferschen „Günstlingen“ [522] die Kaiserin Katharina spielte, stand er mir als noch immer imposanter Potemkin gegenüber.

Der im Leben und auf der Bühne so gemüthliche „Vater Bayer“' war noch frisch und fröhlich, als Hofrath in den „Hagestolzen“ meiner Margarethe das Herz zu stehlen, und für mein „Käthchen von Heilbronn“' der würdigste Vater Waffenschmied.

Rudolf Bayer, ein Wiener Kind, hatte Medicin studirt, gehörte aber schon seit 1802 dem Prager Theater an. Es war sein Stolz, daß er nie gastirt, nie eine andere Bühne betreten habe. Er versuchte sich auch mit Glück als Maler und Schriftsteller. Ludwig Löwe, der merkwürdiger Weise anfangs sein Künstlerheil in niedrig-komischen Staberlrollen suchte, wurde von Bayer zum idealen Liebhaber ausgebildet. Als seine jüngste Schülerin lernte ich damals sein fünfzehnjähriges Töchterchen Marie kennen, eine schlanke blumenhafte Blondine. Sie war ganz reizend in kleinen Partien und daheim ein liebes geschäftiges Hausmütterchen. Als der Vater einst den Wallenstein, seine glänzendste Meisterrolle, gespielt hatte, fand er sein Töchterchen zu Hause noch fleißig am Bügelbrette stehen. Da sagte er ganz in Haltung und Ton seiner Rolle und in dem ihm eigenen Pathos:

„Des Wallensteiner’s Kind am Bügelbrett?
Kennt Friedland’s Blut für sich kein würd’ger Eisen?
Laß ab! Des Friedland’s Tochter bügelt nicht!“

Solche Anekdoten vom alten Bayer wußte Prag noch viele zu erzählen. – Marie Bayer wurde nach einigen Jahren meine werthe Collegin am Hoftheater in Dresden, dessen Zierde Frau Bayer-Bürk noch heute ist.

Fräulein Herbst war eine liebenswürdige erste Liebhaberin und Heldin, mit Recht früher in Brünn und jetzt in Prag sehr geschätzt. Leider fehlte ihr bei einer graziösen Figur ein ausdrucksvolles Bühnengesicht und vor Allem eine Bühnennase. Sie hatte nur ein winziges, wenn auch reizendes Näschen, das auf den Brettern vollständig verschwand. Dennoch wurde dieser Dame von dem commandirenden Generale, Grafen Mensdorff, Jahre lang und in originellster Weise gehuldigt. Fräulein Herbst bewohnte eine schöne Wohnung auf dem Roßmarkte, und unter ihrem Fenster hielt ihr edler Ritter allwöchentlich zu ihrer Ehre und Freude mit wehenden Fahnen und klingendem Spiele die glänzendsten Paraden über die ganze Garnison von Prag ab. Ach, wie beneidete Kathinka Heinefetter in ihrer drolligen Weise die Collegin um diesen seltenen Verehrer, als wir mit einander zu dieser Huldigungsparade in die Wohnung der Gefeierten eingeladen waren und aus den Fenstern lachend auf dieses bunte Schauspiel niedersahen!

Mein Gastspiel gestaltete sich zu einem sehr erfolgreichen. Bei stets vollen Häusern trat ich binnen zweiundzwanzig Tagen in meinen beliebtesten Rollen fünfzehnmal auf. Bäuerle’s Theaterzeitung berichtete sehr eingehend und freundlich darüber. Am meisten gefiel ich als Donna Diana, Käthchen von Heilbronn, Goldschmieds Töchterlein, Kaiserin Katharina und – seltsam genug – als stummer Victorin in „Waise und Mörder“. – Als Honorar erhielt ich den dritten Theil der Einnahme, durchschnittlich ungefähr hundert Thaler für den Abend. – Director Stöger machte mir sehr verlockende Engagementsanträge. Publicum, Kritik und Collegen wollten mich gern an Prag fesseln. Aber ich konnte nur versprechen, bald zu einem langen Gastspiele wiederzukehren.


Im Herbste 1835 begrüßten mich Sabine und Kathinka Heinefetter in Dresden. Frau Schröder-Devrient hatte im Frühling einen fünfvierteljährigen Urlaub angetreten und Sabine Heinefetter sollte sie ersetzen.

Nicht wenig überrascht war ich, als mir beide Schwestern ihre – Verlobten vorstellten. Sabine einen schönen holländischen Officier, der den Dienst quittirt hatte und angenehm von seinen Renten leben konnte. Noch wenige Jahre wollte Sabine gastiren, dann ihren Bräutigam heirathen und sich ganz von der Bühne zurückziehen.

„Welch ein Verlust für die Kunst!“ rief ich unwillkürlich aus.

„Ich liebe ihn,“ sagte sie leidenschaftlich. Und ihr ganzes treues Herz lag in diesen Worten.

Kathinka’s Verlobter war ein hübscher schwarzlockiger Franzose mit blitzenden schwarzen Augen und den gewandtesten Manieren. Weiter erfuhr ich nichts über ihn. Sabine vermied es, über diesen zukünftigen Schwager zu sprechen, und nur einmal, als das reizende Bräutchen sich im Theater die Huldigungen eines blonden sächsischen Dragonerofficiers sehr gern gefallen ließ, schüttelte Sabine sorgenvoll den schönen Kopf und flüsterte mir zu: „Gott gebe, daß die Liebe Kathinka endlich vernünftig macht und Alles gut geht!“

„Schau, Kind, wie bald nun doch der Rechte gekommen ist!“ sagte ich scherzend zu Kathinka, an ihr Prager Herzensbekenntniß erinnernd.

„Und wenn es am Ende doch noch nicht der Rechte wäre?“ lachte das verführerische Geschöpf hell und übermüthig und wirbelte mit ihrem Franzosen, der kein Wort Deutsch verstand, lustig durch’s Zimmer. Das Wort gab mir einen eigenen Stich in’s Herz. Und ich höre es noch heute von den rosigen lachenden Lippen, die längst im tiefsten Weh erblichen und auf immer verstummt sind. Arme Kathinka, das war ein böses prophetisches Wort, und Du lachtest Dir den Tod. Ja, es war – nicht der Rechte. Und der sollte überhaupt nie für Dich kommen. Nach acht Tagen reiste Kathinka mit einer Ehrendame und ihrem Verlobten nach Paris ab, sich dort zur Coloratursängerin auszubilden. Ich habe sie nicht wiedergesehen, aber nur zu oft und zu viel von ihr gehört.

Sabine Heinefetter wohnte mit ihrer Mutter in einer Privatwohnung, ihr Verlobler im Hôtel de Saxe. Ein glückliches Brautpaar, das Alles peinlich vermied, was den Dresdener bösen Zungen irgendwie Klatschstoff geben konnte. Aber für Sabinens Gastspiel sollte dieser Brautstand dennoch verhängnißvoll werden. Die tonangebende Theatergarde liebt bei Künstlerinnen die Bräutigams überhaupt nicht; eher verzeiht sie noch einen hausbackenen Ehemann. Und Sabine war ehrlich und – unvorsichtig genug, stets offen zu zeigen, daß sie in Dresden nur ihrer Kunst und ihrer Liebe leben wollte. Sie lehnte alle Einladungen, alle Huldigungen mit großer Entschiedenheit ab. Nur in den Gesellschaften des Intendanten, Herrn von Lüttichau, zeigte sie sich zuweilen mit ihrem Bräutigam. Sonst lebte sie in größter Zurückgezogenheit. Die Dresdener Theatergarde blieb der schönen Sängerin gegenüber stets auf dem Gefrierpunkte.

Und die Vergleiche mit Wilhelmine Schröder-Devrient lagen sehr nahe. War auch Sabine schöner, ihre Stimme größer, voller, metallreicher, ihre Kunst des Singens schulgerechter, so überstrahlte die geniale Wilhelmine sie doch weit durch die Tiefe der Auffassung und die gluthvolle hochdramatische Darstellung ihrer Rollen. Sabine wurde wohl bewundert, aber Wilhelmine riß durch ihren seelenvollen Vortrag zum höchsten Entzücken, zu quellenden Herzensthränen hin. Mit einem Worte: Sabine Heinefetter’s Gastspiel ging zu meiner Betrübniß in Dresden kalt vorüber. Das fühlte sie selber und verzichtete nach sechs Monaten auf eine Fortsetzung desselben. Selbst bei ihrem letzten Auftreten rauschte zu ihren Füßen kein Kranz, kein Gedicht nieder. Die Theatergarde lächelte ein wenig schadenfroh: Ja, warum hat denn nicht ihr Holländer dafür gesorgt?! – Weil Sabine Heinefetter zu ehrlich und zu stolz war, um solche armselige Coulissenkunststückchen zu dulden. Sie sagte mir. „Ich habe nie einen Kreuzer für Reclame oder Claque gezahlt.“ Und ich glaube das. Habe ich es doch ebenso gemacht.

„Auf Wiedersehen!“ hieß es auch diesmal, als Sabine mich zum Abschiede umarmte. Aber es klang nicht so frohmüthig wie vor einem Jahre im Thorwege des „Schwarzen Rössel“ zu Prag. Wir haben uns nie wiedergesehen. Aber mein innigstes Mitgefühl ist der armen Sabine und ihrer unglücklichen Schwester Kathinka bewahrt geblieben – bis zu ihrem traurigen Sterben, bis über die einsamen Gräber hinaus.

Auch die dritte Schwester, Frau Clara Stöckel-Heinefetter, lernte ich in Dresden kennen und schätzen. Sie sang die Iphigenie, die Elvire im „Don Juan“ und Spohr’s „Jessonda“. Ihre Stimme, nicht ganz so voll und schön, wie die Sabinens, erinnerte mich lebhaft an die Milder-Hauptmann. Alle Kunstverständigen rühmten sehr ihren Gesang – aber das Publicum blieb theilnahmlos. Schon nach der dritten Rolle brach die Sängerin ihr Gastspiel ab.

„Wie ist’s möglich?“ fragte ich meinen Collegen Emil [523] Devrient, der gleich mir von dem Singen Jessonda’s hingerissen war.

Er lächelte achselzuckend: „Die Stöckel ist nicht schön – ja, sie ist sogar grundhäßlich. Ihren plumpen Zügen fehlt jede Mimik. Wie aus Holz geschnitzt starrt ihr Gesicht in’s Leere. Und unsere lieben Dresdener sind verwöhnt durch eine Ungher-Sabathier und Wilhelmine Schröder-Devrient.“

Für den Carneval 1837 war Sabine Heinefetter an der Scala in Mailand engagirt, mit einem Honorar von tausend Franken für den Abend. Aber sie trat nur ein Mal als Inez de Castro auf und – gefiel nicht. Stolz verzichtete sie auf ihren Contract. Später hörte ich nur noch, daß Sabine die Bühne verlassen und in glücklicher Ehe als Madame Marquet zu Marseille lebe. Dann wieder nach vielen Jahren, daß sie als Wittwe sich in dem schönen Baden-Baden niedergelassen habe.

Kathinka wurde auf Kosten der großen Oper in Paris zur Sängerin ausgebildet. Diese Bühne betrat sie 1840 mit dem glänzendsten Erfolge. Ganz Paris schwärmte für ihre Schönheit, reizende Stimme, brillante Gesangskunst und ihr entzückendes Spiel. Und dann lief eines Tages die Nachricht von der grausigen Tragödie in Brüssel durch die Zeitungen, deren Heldin Kathinka Heinefetter war. In der Nacht vom 19. auf den 20. November 1842 war ihr Geliebter in ihrer Wohnung von einem Nebenbuhler getödtet. Bald hörte und las man mehr davon.

Wann Kathinka ihren Verlobten, den ich in Dresden kennen lernte, verabschiedete? Ich weiß es nicht. Im Sommer 1842 war der junge Pariser Advocat Caumartin ihr erklärter Anbeter. Er präsentirte sich als ein Mann sehr comme il faut. Er schenkte der Geliebten Silberzeug und Schmuck und begleitete sie zu einem Gastspiel nach Straßburg. Kathinka’s Gesellschafterin, eine Mde. Kerz, die während der Gerichtsverhandlungen im zweideutigsten Lichte erscheint und durch die affectirte Betonung ihrer Stellung als Ehrendame und Sittenmeisterin sich lächerlich macht, erkundigt sich angelegentlich nach den „Verhältnissen“ des jungen Mannes und sucht ihn zu einer „Erklärung“ zu bringen. Endlich erklärt Mr. Caumartin, daß er Mlle. Heinefetter heirathen wolle, obgleich das seiner Mutter Kummer bereiten werde. Er spricht sogar schon davon, für seine schöne Braut den Hochzeitskorb zu besorgen, und Ehrendame Kerz soll die Geschenke auswählen helfen. Man nimmt einen Fiaker. Vor dem Kaufladen muß Mde. Kerz zuerst aussteigen. Lachend fährt Caumartin mit der schönen Kathinka davon. Weinend kehrt diese zur Sittenmeisterin zurück und klagt ihr, daß Caumartin sie aus Rücksicht für seine Familie nicht heirathen könne, daß seine Mutter ihm bereits eine andere Braut auserwählt habe.

Bald darauf macht Kathinka die Bekanntschaft des jungen Mr. Steiner, und Ehrendame Kerz ruft aus: „Ha, Kind, das ist ein Mann für Dich. Laß den Caumartin laufen!“ Es kommt zwischen dem verliebten Advocaten und dem dreiundzwanzigjährigen Mr. Steiner zu einigen Eifersuchtsscenen, die durch Dame Kerz und ihre würdige Busenfreundin Mlle. Behr, die vergebens für sich den Titel „Madame“ beansprucht, glücklich arrangirt und durch Klatschereien und Briefe genährt werden. Es bleibt nicht bei Worten, und im Handgemenge erhält Mr. Steiner eine Verletzung am Auge. Kurz vor dem Duell sprechen sie sich offen über die Intriguen der Damen Kerz und Behr aus und entdecken, daß man sie absichtlich gegeneinander aufgehetzt habe. Sie scheiden als die besten Freunde. An demselben Abend erscheinen die Busenfreundinnen Kerz und Behr bei dem Vater Steiner, zeigen ihm einen Dolch vor, mit dem Caumartin seinen Sohn verwundet habe, und fordern ihn auf, die Hülfe der Justiz anzurufen, indem sie sich als Zeugen anbieten. Auch von Kathinka Heinefetter erhält Mr. Steiner jun. einen Brief, in dem sie ihm ihr Zeugniß gegen Mr. Caumartin zur Verfügung stellt und ihm verspricht: nie zu vergessen, ihn ewig zu lieben. … Mlle. Behr äußert sich sehr befriedigt, Mr. Steiner mit Kathinka entzweit zu haben, denn Mlle. Heinefetter habe kein Herz und sei nicht würdig, einen achtbaren Mann zu fesseln.

Arme Kathinka, wie weit bist Du schon gekommen, daß eine Kerz Dein Herz lenken und eine Behr sagen darf: Du habest kein Herz! Wie sehr fehlt Dir überall das treue kluge Auge, die sichere Hand und die Liebe Deiner Sabine!

All diese Ereignisse, die in Paris lebhaft besprochen wurden, machten Kathinka Heinefetter es wünschenswerth, wenigstens für einige Zeit den Schauplatz zu wechseln. Sie löst im September 1842 ihr Engagement an der großen Oper, obgleich sie noch drei Monate Contract hat, und engagirt sich bei der Oper in Brüssel. Bei der Diligence in Paris treffen die Sängerin und ihre Ehrendame mit Mr. Caumartin zusammen. Dieser läßt Dame Kerz in die Rotonde steigen und nimmt neben Kathinka im Coupé Platz. Die Mitfahrenden halten das junge heitere und zärtliche Paar für Eheleute auf der Hochzeitsreise. Kathinka und Caumartin steigen zu Brüssel im Hôtel de Suède ab und miethen eine Wohnung in der Rue des Hirondelles. Caumartin bezahlt die Miethe für einen Termin. Ende October kehrt er nach Paris zurück.

Bald darauf lernt Kathinka den sechsunddreißigjährigen Ainé Sirey kennen, der sich gern Graf nennt. Sein Vater ist ein berühmter Pariser Advocat, seine Mutter eine Nichte von Mirabeau. Ainé ist reich begabt, hat ein liebenswürdiges und sympathisches Aeußere und eine ausgezeichnete Erziehung erhalten. Sein Unglück ist: Eitelkeit. Als Knabe ist er ein glänzender Löwe der Boulevards und der Theater, als Jüngling ein blasirter Wüstling und verschuldeter Spieler. Es ist sein Stolz, sich schon in so jungen Jahren alle Laster seines Großoheims Mirabeau zu eigen gemacht zu haben. In den Julitagen treibt ihn die Eitelkeit, den Volksmann à la Mirabeau zu spielen. In einem Spielhause verliert er an einem Abend 22,000 Francs auf Ehrenwort. Er ruft: „Die Karten sind falsch – ich zahle nicht.“ Großer Tumult, der damit endet, daß die Falschspieler dem eleganten Sirey den Vorschlag machen, sich ihnen anzuschließen: à corriger la fortune! So tief ist Aimé noch nicht gesunken, und er übergiebt die Falschspieler den Gerichten.

Mit sechsundzwanzig Jahren verheirathet, hat er in wenigen Jahren sein und seiner Gattin Vermögen in leichtsinnigster Weise durchgebracht. Er muß sich vor seinen Gläubigern auf’s Land zurückziehen. Im November 1835 fordert er seinen Vetter Durepaire, der gegen Sirey’s Vater einen Geldproceß angestrengt hat, zum Duell. Durepaire lehnt es ab, sich zu schlagen. Sirey schlägt ihn in’s Gesicht, und das Duell findet statt. Im Parke von Issy ersticht Sirey seinen Vetter, der vor Gericht sein Recht wahren wollte. Er wird verurtheilt, der Wittwe Durepaire 10,000 Francs zur Erziehung ihrer vaterlosen Tochter zu zahlen. Aimé Sirey, der bereits 35,000 Francs Schulden hat und dessen Vater durch ihn ruinirt ist! Der schöne, elegante und von der Natur so begünstigte Aimé wird ein gemeiner Abenteurer. Er verläßt seine Familie und geht nach Brüssel, sein Glück zu versuchen. Er wird der Beschützer von Theaterdamen, die gerade in der Mode sind. Zunächst wendet er seine Gunst der Sängerin Mlle. de Roissy zu und macht mit Lärm Reclame für ihre Triumphe. Einen Friseur bedroht er mit Ohrfeigen und Degenhieben, wenn er wage den Gesang von Mlle. de Roissy nicht schön zu finden. Dem Director des Theaters stellt Sirey sich als Graf und Beschützer von Mlle. de Roissy vor und droht, Alle umzubringen, welche seine Dame auspfeifen würden. Einem Schauspieler, der sich erlaubt hat, den Gesang von Mlle. de Roissy zu kritisiren, giebt er eine Ohrfeige und bedroht ihn mit unzähligen, wenn er Klage führen werde. Einen Mediciner prügelt er zur Ehre von Mlle. de Roissy. Andere droht er zu tödten, zu würgen, aus dem Fenster zu werfen. Bei den Handwerkern, die mit Sirey zu thun haben, ist bald ein geflügeltes Wort in Gebrauch: Gewaltthätigkeit à la Sirey.

Dies ist der Mann, der sich bald nach der Abreise Caumartin’s dem neuen glänzenden Stern der Großen Oper in Brüssel, Kathinka Heinefetter, als Beschützer nähert und – der nicht zurückgewiesen wird.

Caumartin denkt inzwischen in Paris ernstlich daran, sich nach dem Wunsche seiner Familie zu verheirathen und sein Verhältniß mit Kathinka zu lösen. Er will seine Briefe von ihr zurückfordern und ihr die ihrigen, sowie Silber und Schmucksachen, die er noch von ihr in Händen hat, zurücksenden … da erhält er am 7. November von Kathinka aus Brüssel einen französischen Brief, den wir hier in der Uebersetzung mittheilen.

     „Mein theurer Eduard!

Ich schreibe Dir in derselben Stunde; denn ich liebe diese Stunde so sehr; sie erinnert mich an eine süße Zeit. Dein langer Brief, für mich immer zu kurz, hat mir ein unaussprechliches [524] Vergnügen gemacht. Ich habe ihn wenigstens zwanzigmal gelesen, was sage ich? hundertmal. Glühend habe ich das Papier geküßt, wo Deine gute und schöne Hand ruhte, um an mich zu schreiben, wo ich sicher war, daß Du an mich dachtest, dies schwere Ding zu Paris, ist es nicht so??

Ich bin entzückt, daß mir Alles so gut nach Wunsch geht, und ich gebe die Hoffnung nicht auf, bald nach Paris zurückzukehren. Wir werden uns mit aller Kraft der Liebe lieben! Mein Gott, ist es denn möglich, so närrisch zu sein, wie ich es bin? Nur Du mit Deinem Geiste, mit Deiner Liebenswürdigkeit konntest mich dahin bringen. Es vergeht keine Minute des Tages, in der ich nicht an Dich denke, mein süßer Engel, an Dich allein, den ich so sehr liebe. Aber ich gehe zu weit, denn ich sage mir immer: es taugt nichts, den Leuten zu sagen, wie sehr man sie liebt. Doch Du bist vielmehr ein Engel, und so will ich es riskiren, und ich liebe Dich. (Weißt Du, was Liebe ist? Eine Romanze, die man mir gewidmet hat.) – – –

Ich habe gestern in den Hugenotten mit großem Erfolge gesungen; denn man fängt an mich zu lieben. Eine Seltenheit! Man hat mich ‚sublime‘ gefunden. Ich gebrauche den Ausdruck eines Theaterstammgastes. In acht Tagen habe ich vier Mal gesungen. Ich wünschte, daß man dies weiß, da man in Paris glaubt, ich habe eine zarte Gesundheit.

Die hiesige Verwaltung schmeichelt sich, daß ich in Brüssel bleibe. Sage mir, was ich thun soll, denn ich möchte nichts ohne Deinen Rath thun, weil ich dann nie unrecht handle. Ich bin sicher, daß Du nur mein Bestes für die Zukunft willst. –

Mlle. Julie ist zu Paris; sie hatte mich gebeten, ihr einen Brief an Dich mitzugeben; aber aufrichtig, ich wagte es nicht; ich bin so eifersüchtig! Erinnerst Du Dich an den verwünschten Ball? Dieses schändliche Weib, wie ich es verabscheue!

Apropos Ball! Man gab diesen Abend hier einen Ball, in dem niedlichen Saale, in dem wir miteinander waren. Man hatte mich eingeladen, aber ich bin nicht hingegangen. Alles für Dich, weil ich nicht weiß, ob es Dir lieb wäre. Mache es wie ich und amüsire Dich nicht, denn sonst könntest Du Deine arme Kathinka vergessen, welche Dich so sehr liebt und welche unglücklich sein würde, wenn Du sie nicht mehr liebtest.

Adieu! Ich umarme Dich, wie von Ville d’Avray bis nach Paris, aber jetzt ist es noch weiter und das ist nicht so gut.“

Und in Folge dieses zärtlichen Briefes kommt Caumartin, obgleich er seit zwei Tagen in Paris verlobt ist, am 19. November in Brüssel an, um seine Kathinka angenehm zu überraschen. Er steigt im Café Domino ab und hört hier, daß Mlle. Heinefetter soeben in einem Concerte der Großen Harmonie singt. Er eilt und wartet in einem Wagen vor der Thür, da schon die letzte Nummer gesungen wird. Er sieht Kathinka in Gesellschaft von vier Personen und am Arme eines ihm unbekannten Herrn heraustreten. Da fährt er in ihre Wohnung voraus, in der Erwartung, die Begleiter würden sich an der Thür verabschieden. In Kathinka’s Salon findet er ein Souper für mehrere Personen vorbereitet. Die Zofe ist verlegen. Bald darauf tritt Kathinka mit ihrer Gesellschaft ein. Sie erbleicht, ihren alten Liebhaber plötzlich vor sich zu sehen. Verwirrt ladet sie ihn zum Souper ein, ohne ihm die beiden anwesenden Herren vorzustellen. Die Damen kennt er nur zu gut. Mde. Kerz und Mlle. Claire Behr. Unmuthig lehnt er ab und wirft sich in eine Sophaecke, während die Gesellschaft lustig soupirt. Voll Ingrimm sieht er, wie der elegante Herr an der Seite seiner alten Geliebten sich alle Freiheiten eines erklärten Liebhabers herausnimmt, und wie man ihn vollständig übersieht. Das Souper ist vorüber. Die Damen ziehen sich zurück, von Aimé Sirey begleitet. Sein Freund Mr. Milord und Caumartin befinden sich allein im Salon. Kathinka ruft angstvoll aus: „Mein theurer Sirey, es wird ein Duell geben und Caumartin wird Dich tödten.“ – „Pah! ich werde ihm in einem Fechtsaale meine Stärke zeigen, und er wird sich mir zu Füßen werfen und mich um Gnade anflehen,“ ist die lachende, prahlerische Antwort. Damit kehrt er in den Salon zurück, wo Caumartin sich erhoben hat und seine Handschuhe anzieht. Sirey tritt auf diesen zu und sagt.. „Mein Herr, sehen Sie denn nicht, daß Sie hier zu viel sind? Es ist Zeit, ein Ende zu machen.“ Damit zeigt er Caumartin die Thür. Es kommt zu Thätlichkeiten. Sirey nennt Caumartin einen Gassenjungen und droht, ihn aus dem Fenster zu werfen. In diesem Augenblicke öffnet Kathinka die Thür und sinkt, als sie die wüthenden Nebenbuhler erblickt, ohnmächtig nieder. Milord trägt sie in ihr Schlafzimmer und legt sie auf’s Bett. Was inzwischen im Salon passirt ist, wurde nie ganz klar. Caumartin erzählt. „Ich gab Sirey eine Ohrfeige, er versetzte mir unzählige Stockschläge auf Kopf, Arme und den ganzen Körper, bis sein Stock zersplitterte. Ich rief ‚Das ist eine Schändlichkeit. Ich habe die Wahl der Waffen. Morgen um acht Uhr auf Degen!‘ – „Schlagen wir uns sogleich!“ schrie Sirey und nahm einen Gegenstand von der Tafel, den ich nicht sah. Er stürzte auf mich und ich erhielt einen Messerstich in den Schenkel. Ich hatte zu meiner Vertheidigung einen Stockdegen in der Hand. Sirey ergriff ihn und das Stockende blieb in seiner Hand. Er glaubte mich entwaffnet und stürzte auf’s Neue auf mich. Ich hielt den Degen in der Hand und – er stürzte sich in seiner blinden Wuth hinein. Ich sah das Blut durch seine weiße Weste dringen. Das hatte ich nicht gewollt. Ich eilte fort, einen Arzt zu holen. Als ich mit demselben zurückkehrte, traf ich auf der Treppe den Hauswirth, der mir sagte. ‚Er ist todt.‘ Da eilte ich nach Paris und stellte mich den Gerichten.“

Mr. Milord erklärte bei der Gerichtsverhandlung: „Als ich aus dem Schlafzimmer von Mlle. Heinefetter zurückkehrte, sank Aimé Sirey mir in die Arme mit dem Rufe: ‚Ich bin erstochen.‘ Ich wollte es nicht glauben. Ich erkläre hiermit, ich habe nicht gesehen, daß Mr. Caumartin dem armen Sirey einen Dolchstoß versetzte. Ich erkläre, ich weiß nicht, wie die That geschehen ist. Ich erkläre, ich sah Mr. Caumartin keine Bewegung mit dem Körper oder den Armen machen. Ich sah bei ihm nach der That eine große Bestürzung.“

Genug, in der Wohnung der Sängerin Kathinka Heinefetter war um Mitternacht ein Mann getödtet, der seit einigen Wochen für ihren erklärten Liebhaber galt, – getödtet von einem Manne, dem die Leichtsinnige noch vor zehn Tagen den zärtlichsten Liebesbrief geschrieben hatte.

Kathinka Heinefetter war gerichtet. In Paris und Brüssel hatte sie sich unmöglich gemacht. Jenen unglücklichen Brief voll zärtlichster Versicherungen, der den längst ersetzten Liebhaber von seiner jungen Braut aus Paris nach Brüssel lockte, konnte ihr Niemand verzeihen. Im April 1843 mußte Kathinka noch einmal in Brüssel öffentlich auftreten: in der unsauberen Gesellschaft einer Kerz und Behr als Zeugin vor den Assisen, vor denen Eduard Caumartin des Todtschlages angeklagt stand. Alle drei bemühten sich, zu Ungunsten des Angeklagten auszusagen. Das erhöhte ihre eigene Schuld in Aller Augen. Caumartin wurde freigesprochen, dank der glänzenden Vertheidigungsrede des berühmten Pariser Advocaten Chaix d’Estange und des einstimmigen Gutachtens der Aerzte, welche die Möglichkeit anerkannten, daß Aimé Sirey sich blind in den vorgehaltenen Stockdegen Caumartin’s stürzte. Kathinka Heinefetter blieb gerichtet. Vorbei Glück und Stern. Sie trat wohl noch an verschiedenen Bühnen auf, aber die Fama flog ihr stets voran, und in allen Augen las sie immer wieder dieselbe alte traurige Erinnerung an die blutige Tragödie zu Brüssel. Und wie oft, wenn sie in ihren heitersten, glänzendsten Partieen auf der Bühne stand, muß plötzlich ein bleicher Schatten vor ihr aufgetaucht sein! Sie sah rothes Herzblut fließen und hörte eine dumpfe Grabesstimme: „Du – Du allein bist schuld,“ und das Herz stand ihr still, und der Ton erstarb ihr in der Brust.

Ja, Kathinka Heinefetter hat des Herzens Leichtsinn schwer gebüßt. Entmuthigt, gebrochen, entsagte sie in den blühendsten Jahren der Bühne. Am 21. December 1855 ist sie zu Freiburg im Breisgau an einer schleichenden Herzkrankheit gestorben, nicht älter als fünfunddreißig Jahre. Mit welchen wogenden Gefühlen habe ich an ihrem Grabe gestanden! Auf dem Piedestal des Denkmals knieet ein Genius, der einen Kranz Rosen über das Grab hält. Auf dem Hügel stand ein Strauch vertrockneter Kathrinerblumen. Dein Bild, arme Kathinka!

Im Februar 1857 starb auch die zweite Schwester, Frau Stöckel-Heinefetter, und am 18. November 1872 Sabine Marquet-Heinefetter – – in der badischen Irrenanstalt Illenau. … Arme Sabine, wie muß Dein treues Herz um Deinen Helden-Liebling Kathinka gelitten haben! – und Dein [525] klarer energischer Geist, bis das Leben ihn aus seinen Fugen zu rütteln vermochte!

Gräber – nichts als Gräber um mich her! Und während ich darauf niederblicke, tauchen die sonnigen Prager Maientage vor vierzig Jahren in ihrer ganzen Frohmüthigkeit vor mir auf, und wieder umgaukelt mich wie ein lachender Sonnenstrahl das glückliche Kind Kathinka unter den knospenden Hollunderbüschen des tausendjährigen Judenkirchhofes zu Prag, und ich höre die wehmuthsvolle Stimme der schönen edlen Sabine flüstern: „Wo wird mein Grab dereinst gegraben werden? Wer wird mir ein Liebeszeichen auf’s Grab legen, wie der glücklichen Lea?“

Eine alte Collegin – dieses wehmüthige Erinnerungsblatt!




Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin.
Von Otto Glagau.
8. „Berlin wird Weltstadt.“

„Berlin wird Weltstadt“ – dieses „geflügelte Wort“ – um hier, gerade nicht mit Vater Homer, aber doch mit Herrn Georg Büchmann zu reden – läuft schon seit 1848 und länger. Es ward meist im ironischen Sinne gebraucht, um die Mängel und Schattenseiten der Großstadt anzudeuten, die in vielen Stücken hartnäckig eine Kleinstadt blieb. Berlin konnte mit Paris oder gar London keinen Vergleich aushalten, auch gegen Wien stand es zurück, und selbst Städte wie Hamburg oder Dresden wurden ihm oft als Vorbild empfohlen. Erst nach dem Kriege von 1866, als sich mit dem reißenden Anwachsen die Auswüchse, Beschwerlichkeiten und Gefahren der norddeutschen Metropole fühlbar machten, fing man an, mehr im Ernste und nicht ohne Seufzen zu sprechen: „Berlin wird Weltstadt.“ Aber nicht lange, und das Wort wurde lebhaft aufgenommen, mit vollem Nachdruck, mit begeistertem Pathos wiederholt, wie eine Parole ausgegeben und eifrig verbreitet. „Berlin muß Weltstadt werden“ riefen die Gründer in lautem Chor, und voll stürmischer Hast gingen sie an’s Werk.

Einige von ihnen – und zwar gleich die bedeutendsten – traten schon vor dem deutsch-französischen Kriege auf die Bühne. Sie warteten nicht einmal das neue Actiengesetz ab, aber sie wußten von ihren Freunden, den Manchesterleuten, daß es unterwegs war, und sie schnitten im Voraus ihre Gründungen darnach zu. Am 8. März 1870 erhob sich im Norddeutschen Reichstage der edle Graf Renard und fragte die Regierung: Wie steht’s? (nämlich mit dem Freigeben der Actiengesellschaften.) Ihm antwortete Herr Delbrück: Wir sind schon dabei. – Die Gründer wurden mit dem Actiengesetz überrascht, wie bei der Weihnachtsbescheerung die Kinder, welche ihren Eltern einen Wunschzettel eingereicht haben.

Zu den Geistern, welche die Zeit sofort begriffen und sie gründlich, oder eigentlich „gründerlich“ auszubeuten verstanden, gehört in erster Reihe – Hermann Geber. Er steht ebenbürtig neben Heinrich Quistorp und J. A. W. Carstenn, und etwas hinter ihm steht – Herr Paul Munk.

Hermann Geber, ursprünglich ein grauer unscheinbarer Versicherungsmensch, verwandelte sich kurz vor der Wiedergeburt des deutschen Reiches in den farbenschillernden Falter eines Groß-Industriellen und General-Speculanten. Er ist ebenso reich an „Ideen“ wie Quistorp, nur ist er darin weit glücklicher. Während Quistorp heute, gezwungener Maßen, auf seinen Lorbeeren ruht, beglückt Geber noch immer das dankbare Berlin mit seinen Schöpfungen.

Hermann Geber begann damit, daß er die verlassene Caserne des Kaiser-Franz-Regiments in der Commandantenstraße ankaufte, von einem gewissen – Fiscus. Fiscus ist ein alter wunderlicher Herr, der es z. B. liebt, möglichst billig zu verkaufen und möglichst theuer einzukaufen. Er verkauft oft, was er selber höchst nöthig braucht, und was er dann hinterher zehnmal theurer wieder anschaffen muß. Er hat verschiedene kostbare Grundstücke in Berlin den Gründern überlassen, wofür er sich heute in großer Verlegenheit befindet. So findet er in der Stadt selber keinen Platz mehr für das neue Criminal-Gerichtsgebäude und muß es – sehr bequem für das Publicum – draußen nach Moabit verlegen.

Also Geber kaufte von Fiscus, mit dem er öfter Geschäfte macht, die alte Franz-Caserne, die inzwischen das Ansehen einer Räuberhöhle angenommen hatte, und schuf daraus das sogenannte Industriegebäude, welches an dreißig Läden und zahlreiche Comptoirs und andere Geschäftslocalitäten enthält. Dazu erstand er noch, zum Theil in Verbindung mit Herrn Eduard Stahlschmidt, eine Anzahl benachbarter Grundstücke, legte sie nieder und erbaute die heutige Beuth-Straße, die in der Hauptsache gleichfalls aus lauter Läden und allerhand Geschäftsräumen besteht.

Im Februar 1870 schloß Hermann Geber mit Banquier Ferdinand Jaques, Commerzienrath Hermann Egells, Geh. Commerzienrath Moritz Plaut, Banquier Hermann Rauff und Justizrath Dr. Franz Hinschius – später sämmtlich hervorragende Gründer – eine „Societät“, die „sobald als möglich in eine Actiengesellschaft umgewandelt“ werden sollte. Nachdem das Actiengesetz Hals über Kopf fabricirt war, entstand noch während des Krieges, im September 1870, die „Berliner Central-Straßen-Actien-Gesellschaft“, welche jene Grundstücke erworben hatte. Herr Geber profitirte als Verkäufer eine Summe, die er in übergroßer Bescheidenheit gelegentlich mit circa 250,000 Thalern bezeichnen ließ, und ward selbstverständlich „Director“ der Gesellschaft, ließ sich auch noch zwei „Special-Directoren“ unterstellen.

Das Actiencapital, ursprünglich 1,200,000 Thaler, ward fortwährend erhöht und schließlich auf vier Millionen (!) gebracht. 1872, am 30. April, bekanntlich dem Narrentage, „creirte“ man gleichzeitig ½ Million „junger“ Actien („erste Emission“) und 1½ Million „neuer“ Actien („zweite Emission“). Zwischen der Dorotheen-, Friedrichs-, und Georgenstraße ward ein „zweites Industriegebäude“ in Aussicht genommen, und zu diesem Zwecke eine Reihe von Grundstücken, darunter wieder fünf vom Director Geber(!), zu mehr als hohen Preisen angekauft. Ohne diese Nachgründung hätten die Actionäre vielleicht nur die Hälfte verloren, während sie jetzt etwa zwei Drittel eingebüßt haben. Die Actien, im April 1872 etwa 125, stehen heute circa 35, wiewohl die der „zweiten Emission“ noch bis zum 1. Juli 1876 fünf Procent „Bauzinsen“, also aus dem eigenen Säckel, erhalten. Der Häusercomplex II. blieb bestehen wie er war, denn inzwischen ging der Gründungsschwindel zu Ende, und damit ging auch die Baulust aus. Die Grundstücke sind „bestens“ vermiethet, rentiren sich indeß selbstverständlich nicht. Ganz kürzlich aber hatte Herr Geber eine neue geniale Idee. Er etablirte zwischen diesen Häusern den – Stadtpark, und pflanzte, statt der Bäume und Sträucher, hier 72,000 (!!) Gasflammen an. Wir kommen auf dieses Meerwunder, das die Presse mit einstimmigem Hosianna! begrüßte, noch zurück. Wir verlassen einstweilen Herrn Geber und wenden uns zu Herrn Munk.

Herr Paul Munk stammt, wie so viele seiner Glaubensgenossen, die hier ihr Glück machten, aus dem Posenschen. Seit 1866 ist fast das halbe Großherzogthum Posen nach Berlin eingewandert, ist die Zahl der hiesigen Juden von 20,000 bis nahezu 50,000 gestiegen. Die Kinder Israel vermehren sich in Berlin ebenso heftig wie einst in Aegypten, und es sind durchgehends wohlhabende und reiche Leute; wirklich arme Juden kommen hier nicht vor. Das Klima von Berlin, wiewohl es ihm sehr an Ozon mangelt, bekommt den Nachkommen Abraham’s außerordentlich, und wenn man ihren 1800jährigen Schmerz stillen und sie heute in das Land zurückführen wollte, darinnen Milch und Honig fließt – sie würden sich schönstens bedanken.

Als Herr Paul Munk vor etwa acht Jahren in Berlin einzog, sollen, wie die Fama behauptet, fünf Thaler für ihn eine unerschwingliche Summe gewesen sein: – heute bewohnt er die Beletage des Eckhauses am Pariser Platze. Er wohnt hier zusammen mit zwei Herzogen; der Herzog von Sagan wohnt neben ihm, und der Herzog von Ujest über ihm. Er wohnt bei seinem Freunde Pincuß zur Miethe, besitzt aber selber [526] mehrere Häuser in „feinster“ Stadtgegend und mehrere Villen vor den Thoren. Er ist sicher ein doppelter Millionär.

Herr Munk, ein Mann von gewandtem einnehmendem Wesen, ward zuerst viel in den Bureaux der Intendanturen, Ministerien und anderer Behörden gesehen, wo er stets etwas zu kaufen oder zu verkaufen wünschte. Dann wurde er „Director“ der am Kreuzberge belegenen Villencolonie „Wilhelmshöhe“, die aber damals noch keinen rechten Anklang fand. Herr Munk bot die neuen Villen lange wie saueres Bier aus. Doch später begann sein Stern zu leuchten.

Unmittelbar, nachdem Herr Geber die „Centralstraßen-Societät“ gebildet hatte, gründete Herr Munk, im März 1870, den „Actienbauverein Passage“. Die „Passage“, in vieler Hinsicht ein Seitenstück zur „Centralstraße“, ist eine glasbedachte Verbindung zwischen den Linden und der Behren- und zugleich Friedrichstraße, erfüllt mit Läden, Restaurationen, Concert- und anderen Sälen. Herrn Munk’s Verbündete waren: die Banquiers Meyer Cohn, Aron Hirsch Heymann, Salomon Gotthold Heymann, Maximilian Heymann, die Kaufleute Fr. Wilh. Beskow, Ernst Theodor Beskow, Hermann Reimann, Fabrikbesitzer Karl Egells, Rentier Georg Beer, Commerzienrath Gustav Stobwasser, Kammerherr Louis von Prillwitz. Auch hier wurden die nöthigen Grundstücke zu enormen Preisen erworben, und die Gründer machten einen unverhältnißmäßig großen Gewinn. Erster Director ward wieder der eigentliche Attentäter, Paul Munk, bis ihn, noch vor Vollendung des Baues, Herr Stobwasser ablöste.

1873, am 22. März, am Geburtstage des Kaisers, ward die „Passage“ eröffnet und dem Monarchen zu Ehren „Kaiser-Galerie“ genannt. Zwei Tage vorher erschien auf Einladung des „Aufsichtsrathes“ der ganze Hof. Kammerherr von Prillwitz machte die Honneurs. Die Gründer und ihre Damen wurden dem Kaiser, der Kaiserin, den Prinzen und Prinzessinnen vorgestellt. Bilse concertirte; es folgte das Souper und ein Ball. Auch die Vertreter der Presse erhielten einen kalten Imbiß. Jeder der 8 oder 9 „Aufsichtsräthe“ hatte zu dem Feste 800 Thaler beigesteuert. Das ist eben das Empörende, daß die Gründer – und nicht blos hier – es wagten, sich an die ersten Personen des Reichs zu drängen, um so ihre unlauteren Zwecke zu verhüllen oder gar noch zu glorificiren. Hätten der Kaiser, die Kaiserin und die Prinzen nur eine Ahnung gehabt von dem schwindelhaften Charakter dieser Gründung: sie würden selbstverständlich nie einen Fuß hierher gesetzt, jenen Leuten nie einen Blick geschenkt haben.

Wie „Centralstraße“, so hatte auch „Passage“ eine noch blutigere Nachgründung im Gefolge. Die Gründer hatten privatim, zu ganz anderem Zwecke, „Meinhardt’s Hôtel“, Unter den Linden 32, angekauft und es, weit über den Werth, mit 500,000 Thalern bezahlt. Als die Conjunctur zurückschlug, wußten sie nicht mehr, was sie damit anfangen sollten, faßten sich aber schnell und halsten das Grundstück der „Passage“-Gesellschaft auf, der sie es mit einem kleinen Aufgelde von etwa 137,000 Thalern in Rechnung stellten. Dieses Taschenspielerstückchen kam in der nächsten Generalversammlung zur Sprache; etliche wirkliche Actionäre erlaubten sich zu murren, aber sie wurden kurz und bündig zur Ruhe verwiesen, d. h. von den „Strohmännern“, welche die Gründer engagirt hatten, überstimmt. Der Ankauf von „Meinhardt’s Hôtel“ ward mit imposanter Majorität genehmigt.

Noch vor Vollendung des Baues, noch vor dem „Krach“ wurden jene Dinge ruchbar, und auf der „Passage“ ruhte von vorne herein ein Fluch. Nur mit Noth gelang es, die Läden allmählich zu vermiethen, nachdem man die zuerst in Aussicht genommenen Miethen bedeutend herabgesetzt hatte. Die Concerte verunglückten; die Festsäle blieben leer; die großen Restaurants in den oberen Etagen fanden bald keinen Pächter mehr, und die durch alle Stockwerke gehenden „Banklocalitäten“ in der Behrenstraße konnten überhaupt nicht vermiethet werden. Man verwandelte diese Räume in ein Hôtel von 60 Zimmern, aber man suchte vergebens nach einem Pächter. Auch für „Meinhardt’s Hôtel“ fand sich Niemand, der den verlangten Pachtzins von 28,000 Thalern zahlen wollte, und so sah die Gesellschaft sich genöthigt, die Bewirthschaftung selber zu übernehmen, wobei sie indeß keine Seide spinnt. Nach der Bilanz von 1874 beträgt der „Saldo-Ertrag“ von „Meinhardt’s Hôtel“ noch nicht 1 Procent des Anlagecapitals.

In dem kostbaren Säulensaale der „Kaiser-Galerie“ nahmen am 22. April dieses Jahres die Actionäre die magere Bilanz und den trostlosen Geschäftsbericht entgegen. Die große Restauration in der zweiten Etage ist nach dem Erdgeschoß verlegt, da sich aber auch hier kein Pächter fand, übernahm die Bewirthschaftung ein Consortium, bei welchem sich die Passage-Gesellschaft zu Dreiviertel betheiligen mußte. Wenn wir die unklare Bilanz und die ebenso unklaren Notizen der Zeitungen recht verstehen, hat die Gesellschaft bei dieser Betheiligung pro 1873 – 18,750 Thaler, pro 1874 – 25,000 Thaler zugesetzt, auch von den früheren Pächtern das Inventarium und ein großes Weinlager übernehmen müssen. Von anderer Seite wird wieder behauptet, das Weinlager sei eigentlich eine Privatangelegenheit gewisser Herren Aufsichtsräthe, und diese hätten sich inzwischen auch bereit finden lassen, es der Gesellschaft abzunehmen. – Genug, der Bericht verstimmte tief, und die zahlreiche Versammlung, welcher Herr Commerzienrath Stobwasser präsidirte, zeigte sich sehr ungeberdig.

Da erhob sich am grünen Tische einer der Würdenträger und erklärte mit edlem Freimuthe, daß die Opponenten sich dem Aufsichtsrathe gegenüber in einer Minderheit wie 1 zu 6 befänden, also sich doch nicht unnütz echauffiren möchten. Der gute Rath wirkte, und die Gemüther beruhigten sich. Zum ersten Male sollte eine Dividende vertheilt werden; dafür betrug sie aber auch – ½ Procent. Es ereignete sich hier der ungeheuerliche Fall, daß die Actionäre die Dividende zurückwiesen und das halbe Procent zu Abschreibungen, die auch der „Passage“ außerordentlich wohl thun würden, verwendet wissen wollten. Aber sie drangen nicht durch, denn das Statut dieser Gesellschaft überläßt in weiser Voraussicht die Bestimmung und Vertheilung der Dividende dem Aufsichtsrathe allein. Die Generalversammlung hat nicht mitzureden, und so empfängt denn jede Actie ganze 15 Silbergroschen. Einst wurde das Papier mit circa 140 bezahlt; heute notirt es die Börse mit circa 20. Das Actiencapital beträgt 2 Millionen Thaler, wozu noch 1,366,000 Thaler Hypotheken und Obligationen kommen – 221,000 Thaler Prioritäten waren nicht mehr unterzubringen. Gegen „Passage“ gehalten, ist selbst „Centralstraße“ eine höchst solide Gründung.

Wenn wir durch die Passage gehen, sehen wir sie stets von Menschen angefüllt, aber nur selten erblicken wir in den zahlreichen Läden einen Käufer. Den meisten Zuspruch hat noch Castan’s „Panoptikum“, ein sehr mäßiges Wachsfigurencabinet, wo am Schaufenster stets der Räuber oder Mörder steht, der Berlin gerade mit seinem Ruhme erfüllt. In der „Kaiser-Galerie“ versammelte sich im vorigen Herbste die Winkelbörse, die früher ein paar Häuser weiter, an der Conditorei von Kranzler tagte, bis sie von der Polizei vertrieben wurde.

In derselben Passage lesen wir am Schwarzen Brett, daß die großen Festsäle, die großen Restaurants in der oberen Etage und das Hôtel von sechszig Zimmern in der Behrenstraße noch immer zu vermiethen sind. Auch das Restaurant im Erdgeschosse hat noch keinen ständigen Pächter gefunden, sondern ist einem Kellner überlassen, der das Wagniß jedesmal nur auf vier Wochen übernimmt. Die großen kostbaren Räume in den oberen Stockwerken stehen sämmtlich leer, und des Nachts gehen hier die gemordeten Actionäre um und ringen wimmernd die Hände.

Der Leser würde irren, wenn er „Passage“ etwa für das Non plus ultra einer Gründung hielt. „Passage“ ist allerdings böse, aber noch weit böser ist der zwei Jahre später geborene Actien-Bauverein „Unter den Linden“, und beide Kinder haben zum Vater denselben Herrn Paul Munk. „Lindenbauverein“ wurde an der Börse wie im Publicum ein „geflügeltes Wort“ und „Lindenbauverein“ wurde der Refrain vieler Theater-Couplets.

Parallel mit der Passage, und nur zwei Häuser weiter, sollte eine neue Verbindung zwischen den Linden und der Behrenstraße durchbrochen, und diesmal eine wirkliche Straße angelegt werden, eine „Prachtstraße“, wieder Laden an Laden, dazu mit einem Theater und einem „Riesenhôtel“. Die Gründer resp. ersten Zeichner waren außer Paul Munk: Banquier Emil Heymann, Rentier Georg Beer, Kaufmann Gustav Markwald, Banquier Edmund Helfft, Commerzienrath und Aeltester der Kaufmannschaft Wilhelm Herz, Consul Friedrich Schillow und Seine Excellenz, der Staatsminister a. D. Gustav von Bonin, [527] Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses und des deutschen Reichstags.

Diese acht Herren constituirten sich unter dem Vorsitze der Excellenz von Bonin als „Lindenbau-Verein“ und kauften sieben Grundstücke an, resp. genehmigten sie den Ankauf. Vier der Grundstücke wurden angekauft von Paul Munk, der sie erst kurz vorher erworben hatte. Die Häuser Behrenstraße 57 und 56 überließ Munk der Gesellschaft mit einem Aufgelde von je 150,000 Thalern, zusammen also – 300,000 Thalern, die Häuser unter den Linden 17 und 18 mit einem Aufgelde von 1,150,000 Thalern. Unter den Linden 17 und 18 sind gewissermaßen historische Häuser. Hier hatte Strousberg der Große seine Bureaux; hier wurde seine Zeitung, die „Post“, fabricirt. Munk, der zu Strousberg in vielfachen Beziehungen stand und ein Schüler und Jünger des „Culturhelden“ genannt werden darf, hatte die beiden Grundstücke von diesem während des Krieges für 600,000 Thaler erstanden und verkaufte sie jetzt dem „Lindenbau-Vereine“ für – 1,750,000 Thaler(!!), Munk erhielt also zusammen ein Aufgeld von – 1,450,000 Thalern(!!!). Aber selbstverständlich mußte er davon seinen Verbündeten abgeben. So cedirte er später von dem Kaufgelderreste: 85,000 Thaler an Banquier Meyer Cohn, 85,000 Thaler an Banquier Aron Hirsch Heymann, 85,000 Thaler an Kaufmann Hermann Reimann und 55,000 Thaler an Commerzienrath Hermann Egells – bis auf Letzteren, lauter alte Genossen von der „Passage“ her. Diese Cessionen deuten gewisse, ziemlich durchsichtige Coulissengeheimnisse an, und ganz klar ist, daß die Gründung, so zu sagen, in der Familie vor sich ging. Meyer Cohn nämlich ist der Compagnon und Schwager von Emil Heymann. Aron Hirsch Heymann ist der Vater von Emil Heymann. Gustav Markwald ist der Schwiegervater des gleich zu erwähnenden genialen Directors Schweder. Hermann Reimann ist, wie wir hören, ein Verwandter von Consul Schillow etc.

Die Actien im Betrage von 2,400,000 Thalern, wurden ohne Prospect, durch die „Preußische Boden-Credit-Actienbank“ an der Börse „eingeführt“ und durch die geschickten Hände der Herren Richard Schweder und Wilhelm Paradies glücklich abgesetzt. Von den Vorgängen zwischen Munk und Genossen, von der kolossalen Gründerbeute hatte Niemand eine Ahnung, weder im Publicum noch an der Börse. Selbst Börsenleute, selbst gewiegte Makler und Banquiers hielten das Papier für gut und nahmen es in Posten (großen Summen) auf. Schweder kannte kein Erbarmen; er „betheiligte“ mit den Actien Juden wie Christen, die besten Freunde und die eigenen Verwandten. Wir haben selber einen Oheim über ihn jammern hören. – Für den Vertrieb der Actien berechnete die Preußische Boden-Credit-Actienbank sich die Kleinigkeit von 400,000 Thalern.

In den Zeitungen ließen die Gründer verbreiten, wie sehr das Project „an Allerhöchster Stelle interessire“, wie erbaut davon die Staats- und städtischen Behörden seien, während sich hinterher herausstellte, daß die Behörde sich gegen den Durchbruch, als eine unnütze und unschöne Unterbrechung der Linden, erklärt hatten. Fortwährend wurde auf den Einfluß des Herrn von Bonin „bei Hofe“ hingewiesen, einen Einfluß der nicht im Mindesten bestand. Nur bei dem Kronprinzen fand Herr von Bonin zuweilen Zutritt. Nach dem Kronprinzen wurde die neue „Prachtstraße“, die nie gebaut werden sollte, sondern nur auf den zahlreichen eleganten Zeichnungen des Hofbauraths Klingenberg existirt, bereits Friedrich Wilhelm-Straße genannt, und unter diesem Namen auch die Actien dem Publicum empfohlen. Die „National-Zeitung“ und die „Börsen-Zeitung“ meldeten im redactionellen Theile übereinstimmend: Der Bauverein „Unter den Linden“ hat mehrere Parcellen sehr vortheilhaft verkauft. Für ein Eckgrundstück sind 9000 Thaler pro Quadratruthe bezahlt worden. – Dieser Preis würde nur den Selbstkosten entsprochen haben, aber tatsächlich ist nie ein Fuß breit verkauft worden.

Die öffentliche Straße wurde nicht genehmigt, und der Aufsichtsrath beschloß, eine Privatstraße zu bauen. Aber da kam der Krach, und man ließ die Häuser stehen. Die zum 1. April 1873 sämmtlich gekündigten Geschäfts- und Wohnungsräume blieben zum Theil lange leer und sind erst im letzten Jahre wieder vollständig vermiethet worden, natürlich zu sehr herabgesetzten Preisen. Die Strousberg’schen Häuser Unter den Linden 17 und 18, welche den Actionären 1¾ Millionen Thaler(!!) kosten, sind eigentlich blos Baustellen, alte Ruinen, die im Sommer 1873 einzustürzen drohten und im Keller gestützt werden mußten. Die sieben Grundstücke stehen mit 3,462,000 Thalern(!!!) zu Buch; die Actien notiren etwa 15.

„Lindenbauverein“ war eine so mörderische Gründung, daß sie selbst den Unwillen professioneller Gründer erregte, die Börse empörte und einen Theil der Presse in Bewegung setzte. Verschiedene Localblätter geißelten Herrn Munk und Genossen und forderten sie auf, doch wenigstens einen Theil der Beute herauszugeben. Auf Antrag einer Anzahl von Actionären schritt auch die Staatsanwaltschaft ein, und die Voruntersuchung schwebte acht Monate, hatte aber nicht das geringste Resultat.

„Centralstraße“, „Passage“, „Lindenbauverein“ – um heute nur diese zu nennen: so wurde Berlin Weltstadt. Allerdings dienen Centralstraße und Passage zur Verschönerung der Stadt, aber sind sie es wohl werth, daß darum Tausende ausgeplündert, um ihr Vermögen, ihre Sparpfennige beraubt und theilweise an den Bettelstab gebracht werden mußten? – Nein und hundertmal nein! Zum Teufel mit solchen Verschönerungen!! Centralstraße wie Passage haben eine Unzahl neue Läden geschaffen, an denen Berlin ohnedies Ueberfluß hat. In Berlin herrscht ein bedenklicher Schachergeist; jeder zehnte Mensch, gleichviel ob Mann oder Weib, ist hier Händler; in jedem Hause, selbst in den äußersten Vorstädten, giebt es einen oder mehrere Läden. Weitaus die Mehrzahl dieser Ladeninhaber, meistens Kleinhändler, arbeitet nur für die Miethe, vertheuert nur die Privatwohnungen; gut die Hälfte dieser Läden könnte ohne Schaden geschlossen werden, ja es wäre für die Bevölkerung ein Segen.





Glockengeläute im Walde.

Es war das erste Mal, daß ich die hohen Urwälder Brasiliens betrat. Nach einem mühsamen Marsche über steile abgebrochene, durch das dicke Gebüsch sich schlängelnde Wege, gelangte ich ermattet an das Ufer eines auf silberhellem Kies dahinrauschenden, krystallklaren Baches, geschmückt mit Baumfarren, Caladien, Zwergpalmen, Orchideen und andern eleganten tropischen Gewächsen, worunter einige ihre brillanten Blumen entfalteten. Ueber mir erhoben sich die riesigen Bäume des Urwaldes, mit zahlreichen Schlingpflanzen umwunden, deren glänzende Blüthen sich zuweilen mit der Krone der Bäume vereinigten und achtzig bis hundert Fuß über mir eine den Sonnenstrahlen undurchdringliche Laube bildeten. Der große prachtvolle Schmetterling, der Morpho, mit seinen ultramarinblauen Flügeln, schwebte ruhig zwischen dem Laube auf und nieder; mehrere brillante Colibris mit den lebhaftesten Farben flatterten summend um die mit zahlreichen Blumen geschmückten Orchideen. Dort saß ich stillschweigend, voll Bewunderung über das üppige tropische Bild, welches sich vor mir entfaltete. Kein Laut irgend eines der Bewohner dieser Wildniß störte die Todtenstille, die um mich herrschte, als plötzlich die Ruhe des Waldes durch einen hellen metallischen Klang unterbrochen wurde; ein zweiter Klang, ähnlich dem Schalle, der von einem Hammer, auf einen Ambos geschlagen, hervorgebracht wird, folgte bald diesem, und nun wiederholten sich diese sonderbaren Töne so rasch aufeinander, daß sie mit dem Geläute einer Dorfkirche verwechselt werden konnten, schienen aber alsdann aus einer weiteren Entfernung herzutönen. Nicht lange dauerte mein Erstaunen, denn ich erkannte alsbald in dem sonderbaren Waldsänger den vom Prinzen von Wied in seinen Reisebeschreibungen erwähnten Glockenschläger oder Araponga der Brasilianer.

Ich sprang von dem Felsensteine, auf dem ich ruhte, auf, packte meine Flinte und stürzte, so schnell es mir der mit unzähligen Schlingpflanzen verwachsene Wald erlaubte, der Richtung des Schalles zu; allein gleich den morganischen Gewässern [528] wichen die Töne immer weiter und weiter vor mir zurück und nur mit großer Mühe gelang es mir vermittelst eines Compasses, den Weg zu meiner Ruhestätte wiederzufinden.

Obwohl die Urwälder Amerikas durch allerlei Töne und Geräusche, sowohl von Vierfüßern wie von Vögeln, belebt sind, kommt dennoch eine Zeit des Tages – und diese ist die Zeit der größten Hitze – wo die Ruhe des Waldes nur durch das Rieseln der Bäche und das Rauschen des Windes gestört wird, und diese Zeit benutzen die Glockenvögel vorzugsweise, um den Wald mit ihrem wunderbaren Geläute zu beleben. Der Eindruck, den diese metallischen Töne auf den Reisenden machen, der zum ersten Male die mächtigen Waldungen des tropischen Amerikas betritt, ist überraschend. Den nächstfolgenden Tag ertönte die Stimme des Glockenvogels schon bei Tagesanbruch in der Nähe unseres Lagers. Bald darauf erscholl ein ähnlicher, aber schwächerer Ton in einer größeren Entfernung. Wie ich später erfuhr und auch selbst constatirte, ist dieser Schall der Lockton des Männchens. Das Weibchen antwortet, indem es sich von Raum zu Raum allmählich dem Männchen nähert; sein Schall ist aber schwächer, sodaß die Töne in einer Abstufung sich folgen, die zu der Täuschung eines von verschiedenen Glocken hervorgebrachten Geläutes Anlaß geben und in einer Entfernung von einer Stunde deutlich gehört werden können. Besonders täuschend ist dieses Geläute, wenn mehrere Paare locken, oder auch die Umgebung Veranlassung zu einem Echo giebt. Man glaubt alsdann das Geläute mehrerer Dorfglocken in verschiedenen Richtungen zugleich zu hören. Schlägt aber das Männchen allein, so ist der Schall, wie oben gesagt, dem, den ein Hammer, auf den Ambos geschlagen, hervorbringt, viel ähnlicher. Trotz aller Anstrengung gelang es mir dennoch diesmal nicht, einen dieser sonderbaren Vögel auf Schußweite zu bekommen, ja nur zu sehen. Mich der Märchen meiner Kinderjahre erinnernd, kam es mir zuweilen vor, als hätte ich mit einem jener phantastischen und unsichtbaren Wesen zu thun, die den Wanderer durch ihren Gesang zu verlocken suchen, um ihn in irgend eine Falle zu führen. So ganz unrichtig war dieses Phantasiebild nicht, denn ohne meinen Compaß wäre es mir öfters nicht gelungen, meinen Weg in diesen Wildnissen wiederzufinden. Meine Sehnsucht, eines dieser geheimnißvollen Virtuosen habhaft zu werden, wurde immer größer. Ich that alles Mögliche, um einem auf die Spur zu kommen.

Von den Einwohnern hörte ich, daß der Araponga vorzugsweise die süßen Beeren der Bäume zu seiner Nahrung aufsuche. Diesen Wink benutzte ich nun, indem ich solche Bäume im Walde aufspürte. Eines Tages bemerkte ich zahlreiche dunkelrothe Beeren am Fuße eines hohen Baumes liegen; ob es die Beeren des vor mir stehenden Baumes oder die Früchte der um denselben gewundenen Schlingpflanze waren, konnte ich nicht ermitteln; kurz, als die Sonne über dem Horizonte eben aufstieg, gelangte ich, mit meiner Flinte bereit, an die betreffende Stelle.

Kaum dort angekommen, erscholl auch in der Ferne der Klang des Glockenvogels, der sich allmählich zu nähern schien, und keine Viertelstunde verging, so hörte ich einen hellen, grellen, jedoch mit metallischem Nachklang begleiteten Schall, der direct über mir ertönte, und wirklich war es der Araponga, der auf dem höchsten Gipfel des Baumes saß. Obschon in einer senkrechten Entfernung von ungefähr hundertfünfzig Fuß, erkannte ich ihn dennoch an seinem schneeweißen Gefieder und an seiner nackten, dunklen Kehle. Er hüpfte weiter und weiter herab, bis an die Stelle, wo die Früchte häufiger waren, und während er nun emsig mit dem Herunterschlucken der saftigen Beeren beschäftigt war, setzte ich an, schoß und sah nun den schon längst gewünschten Vogel todt zu meinen Füßen hinfallen. Der Vogel stimmte mit dem von Cuvier nach Buffon beschriebenen Araponga, Casmarhynchus Procnias nudicollis, überein, er war nämlich weiß mit nackter, spangrüner Kehle, Zügel und Augenlidern, ohne merklichen Fleischlappen an der Basis des Schnabels zu haben, wie Lact von seinem Gicavonga oder Giraponga berichtet. Lact war nämlich der Erste, wie Buffon mittheilt, der dieses Vogels erwähnt. Er nennt ihn aber Gicavonga oder weißen Cotinga. Brehm, in seinem Thierleben, erwähnt vier verschiedene Species: den Araponga, unter der lateinischen Bezeichnung Casmarhynchus variegatus mit tiefschwarzen Flügeln, den Hämmerling, Chasm. tricarnunculatus, lebhaft kastanienbraun, auf Kopf und Hals, Vorderbrust und Nacken rein weiß, den Glöckner, Casm. carunculatus, schneeweiß, aber mit einem hohlen, fleischigen Zipfel oben an der Schnabelwurzel, und den Schmied, Casm. nudicollis, schneeweiß, jedoch mit nacktem Zügel und Kehle, welche spangrün gefärbt sind. Letzterer Vogel stimmt ganz mit unserem Araponga. Es waltet hier also nur ein Irrthum in der Benennung ob.

Was den Glöckner (Ch. carunculatus) von Brehm anbelangt, so scheint dieser der in Columbien vorkommende Campanero zu sein, den ich später dort antraf, dagegen werden wohl die andern zwei Species, der Hämmerling und der Schmied oder Ferrero, in Guyana vorkommen. In Mexico ist uns nie von einem solchen Vogel berichtet worden, und habe ich auch dort nie einen Glockenvogel weder gehört noch gesehen. Watterton und Schomburgk, die Guyana bereist haben, erwähnen auch dieses Vogels. „Inmitten der ausgedehnten Wildniß,“ schildert Watterton, „gewöhnlich auf dem dünnen Wipfel eines alten Morusbaumes, und fast immer außer Schußhöhe, wird man den Glöckner bemerken. Kein Laut oder Gesang von irgend einem geflügelten Bewohner der Wälder, nicht einmal das deutlich ausgesprochene ‚Whip poor Will‘ des dortigen Ziegenmelkers kann so in Erstaunen setzen, als das Geläute des Glockenvogels. Wie so viele der befiederten Classe, bezahlt er dem Morgen und dem Abende durch Gesang seinen Zoll, aber auch wenn die Mittagssonne Stillschweigen geboten und den Mund der belebten Natur geschlossen, ruft er noch sein heiteres Getön in den Wald hinein. Man hört das Geläute, dann tritt eine minutenlange Pause ein, hierauf folgt wieder ein Glockenschlag und wiederum eine Pause, und so wechselt es zum dritten Male ab, und hierauf beginnt er von Neuem seinen Gesang. Actäon würde seine eifrigste Jagd unterbrechen, Maria ihr Abendlied verzögern, Orpheus seinen Gesang aufgeben, um diesen Vogel zu belauschen, so reizend, so sonderbar, so romantisch ist der Klang seiner Stimme.“

Schomburgk, der ihn auch öfters in den Gefilden des Amazonenflusses bemerkte, fügt dieser Beschreibung hinzu: „Aus dem nahen Walde hörte ich wunderbare Töne, es war, als schlüge man zugleich mehrere harmonisch gestimmte Glasglocken zusammen. Kein Gesang, keine Stimme irgend eines der befiederten Bewohner der Wälder Guyanas hatten mich in gleiches Erstaunen gesetzt wie die Glockentöne des Hämmerlings. Daß Vögel in Guyana die Gabe der Sprache besaßen, hatte ich auf diesem Erdtheile schon erfahren, solche Töne aber waren mir noch nie vorgekommen.“

Ueber die Lebensweise des Glockenvogels weiß man noch sehr wenig; selbst die Indianer können nur das berichten, was bisjetzt über ihn gesagt worden ist.

Den ersten Vogel dieser Art, den ich in der Gefangenschaft sah, traf ich vor ungefähr zwölf Jahren im Acclimatisationsgarten in Paris. Es freute mich unendlich, diesen alten Bekannten meiner Jugendjahre wieder zu sehen. Seither war der Glockenvogel wieder ein Mythus für mich geworden, als ich kürzlich bei einer Reise durch Belgien ein schönes einziges Exemplar im zoologischen Garten in Antwerpen antraf. Ich wurde sofort über den Preis einig und erwarb den Vogel für den Kölner zoologischen Garten wo er nunmehr seine metallische Stimme jeden Tag erschallen läßt.

Die ersten Töne hörten wir kurz nach Sonnenaufgang den dritten Tag nach seiner Ankunft, sie glichen zuerst denen, die zwei zusammengeschlagene Wassergläser hervorbringen, wurden aber nur einzeln ausgestoßen. Nach einigen Tagen wurde der Vogel dreister und sein Gesang häufiger. Nach zwei bis vier einzelnen, harten und lauten Tönen, die von einer halben zu einer halben Minute vernommen wurden, erschollen acht bis zehn minder laute Töne, die rasch aneinander folgten und alsdann gleich einem kurzen Geläute ertönten; dann trat wieder eine Pause ein, ehe die zweite Gamme wieder begann etc. – Nachmittags gegen zwei Uhr fängt dasselbe Geläute wieder an. Gewöhnlich aber pflegt der Vogel zu schweigen, wenn viele Besucher vor seinem Käfige sich ansammeln. Im Allgemeinen sitzt er sehr ruhig in seinem zwei Fuß breiten und anderthalb Fuß hohen Käfig. Von Zeit zu Zeit springt er von seinem Sitze herunter und sogleich wieder hinauf, sogar an seinem Futternapfe hält er sich nur einige Secunden auf. Das erste Futter, bestehend aus gekochten Kartoffeln, Weißbrod und kleingeschnittenen Feigen, [529] welches ihm im Antwerpener Garten gereicht wurde, schien ihm aber nicht recht zu behagen. Ich entschloß mich daher, ihn naturgemäßer zu behandeln, indem ich ihm verschiedene süße Beeren neben seinem gewöhnlichen Futter reichte, und siehe da, der Vogel wurde sofort lebhafter und munterer und sein Gesang häufiger. Dieses Futter besteht in der Sommersaison aus Kirschen, Waldbeeren, und sogar Erdbeeren, später in Wachholderbeeren und Vogelkirschen, jedoch vermischt mit Weißbrod, geschnittenen Feigen oder auch mit gehackten und trockenen Korinthen. Im Winter werden die zum Trocknen geeigneten Beeren aufgeweicht und mit dem täglichen Futter vermischt. Kleine Stücke von guten süßen Birnen genießt er auch sehr gern. Das sogenannte gemischte Futter mit Zusatz von Brod und Feigen frißt er ebenfalls, aber nicht mit demselben Genusse. Insecten verschmäht er gänzlich.


Die Gartenlaube (1875) b 529.jpg

Der Glockenvogel.
Nach der Natur gezeichnet von L. Beckmann.


Der Araponga gehört zu der Familie der Seiden- oder Schmuckvögel, Ampelidae, die in Südamerika in reicher Formen- und Gefiederfülle heimathen. Sie zeichnen sich durch einen eigenthümlichen Singapparat aus, welcher, statt im Unterkehlkopfe an der Theilungsröhre der beiden Bronchien zu liegen, vor diesem, am untern Ende der Luftröhre sich befindet. Im Allgemeinen sind diese Vögel von geringer oder mittlerer Größe, oft in grellem oder buntem und schönem Gefieder prangend, mit bald breitem, bald dickem und plattem Schnabel, dessen gekerbte Spitze sich hakig herabbiegt. Sie sind harmlose, einfältige Geschöpfe, welche die Einsamkeit der Wälder lieben.

Unser Vogel ist schneeweiß, von der Größe einer Drossel; der Schwanz ist kurz, flach, breit, an dem untern Ende wie abgeschnitten. Die Backen und die Kehle sind nackt, von spangrüner Farbe, letztere ausdehnbar. Der Scheitel ist mit kurzen feinen weißen Federn bis an den Schnabel besetzt; der fleischige Zipfel auf der Basis des Schnabels fehlt gänzlich; die Füße sind etwas heller, als die Kehle. Bei Anfang der Mauser, gegen Mitte October, wurde der Vogel ruhiger und stellte seinen Gesang ein. Nach vollendeter Mauser wurde er wieder lebendiger, allein außer einigen abgebrochenen Tönen, dem Schalle zweier zerbrochener zusammengeschlagener Gläser ähnlich, hat er keinen eigentlichen metallischen Ton vernehmen lassen. Wahrscheinlich [530] wird sein Gesang vor dem Frühjahre nicht wieder beginnen. Nach unseren Erfahrungen schlägt der Araponga während fünf bis sechs Monaten, vom 15. April bis zu Anfang oder Mitte October.

Wie wir vernehmen, sind in der letzten Zeit mehrere Glockenvögel von derselben Species, aus Brasilien stammend, lebend in Europa angekommen, und zwar über Bordeaux. Außer dem unsrigen ist der zoologische Garten in London, sowie der Berliner Garten in den Besitz einiger Exemplare gekommen. Es wäre wünschenswerth, wenn die Einfuhr dieses interessanten Vogels nicht bei diesen wenigen Exemplaren stehen bliebe, und noch wünschenswerther wäre es in wissenschaftlicher Hinsicht, wenn die anderen bereits beschriebenen Species ebenfalls lebend eingeführt werden könnten, denn nicht nur fehlen die nöthigen Anhaltspunkte zu sicherer Bestimmung der verschiedenen Arten, die vergleichende Anatomie hat zur Zeit auch nur bescheidene Notizen über das Genus der Glockenvögel.

N. Funk, Director des zoologischen Gartens zu Köln.




Die Bettlerin mit dem Schleier.
Ein Bild aus der Residenz.
(Schluß.)


„Schnell ergriff Frau von Saremba das Licht, als sie uns bemerkte, und verlöschte dasselbe,“ fuhr Persin in seiner Erzählung fort. „Einen Augenblick umgab uns tiefe Dunkelheit, da ich die Klappen meiner Laterne geschlossen hatte, in der Absicht, meine alte Freundin im Dunkeln zu überraschen. Bald jedoch erleuchtete das blendende Licht das Zimmer und fiel auf die Dame, welche mittlerweile sich tief zusammengeduckt und dadurch die Gestalt meiner alten Freundin angenommen hatte. Ihr Gesicht war schneebleich, und angstvoll ruhte ihr Blick auf uns. Jetzt bemerkte ich auch, daß auf ihrem Haupte eine weiße Lockenperrücke ruhte. Auf dem Tische lag der Augenschirm und der schwarze Schleier, auf dem Bette der seidene Mantel und ein elegantes Tuch.

Ich muß gestehen, daß ich im ersten Augenblicke vollständig unfähig war, das zu erfassen, was sich meinem Blicke darbot. Mein Auge wendete sich instinctiv auf Else, und es war ein beinahe fröhliches Jauchzen, welches meinen Lippen sich entrang, als ich in ihren holden Zügen einen Ausdruck bemerkte, der mich völlig von ihrer Schuldlosigkeit überzeugte. Ich merkte wohl, daß man mit mir eine Komödie gespielt hatte, und – verzeih’ mir Gott! – für einen Augenblick hatte ich Else für die Mitschuldige gehalten. Aber nur für einen Augenblick: die reinen Züge der Geliebten konnten nicht lügen.

Ein peinliches Stillschweigen herrschte. Frau von Saremba fand zuerst den Muth, es zu brechen.

‚Herr von Persin – es scheint – es ist ein Mißverständniß – meine eigenthümliche Lage –‘

Sie sagte das abgebrochen und verlegen erröthend. Mein strenger, vorwurfsvoll fragender Blick unterbrach sie. Sie beugte ihr Haupt und faltete in demüthiger Geberde die Hände über ihre Brust. Mir war noch immer der Zweck dieses Doppelspiels unklar. Hätte meine Liebe zu Else mich nicht zurückgehalten, so würde ich vielleicht das Zimmer wortlos verlassen haben. Aber das junge Mädchen hielt zitternd meinen Arm fest, und ihr bekümmerter und erstaunter Blick irrte unablässig zwischen der Mutter, die ihm scheu auszuweichen suchte, und mir.

Plötzlich trat Frau von Saremba, indem sie hastig die falschen Locken abwarf, auf mich zu. Sie streckte mir beide Hände entgegen.

‚Lassen Sie uns dieser unerquicklichen Situation ein Ende machen!‘ sagte sie ernst und bittend. ‚Ich will Ihnen Aufklärung geben, und dann – mögen Sie von mir denken, was Sie wollen.‘

Sie warf bei diesen Worten stolz ihr Haupt zurück, wie sie es gewöhnlich zu thun pflegte, wenn sie ihrer Rede einen gewissen Nachdruck geben wollte. Es lag aber etwas in dieser Geberde, was stark an die ehemalige Schauspielerin gemahnte.

‚Wie kommst aber Du hierher, Else?‘ wendete sie sich dann an ihre Tochter. ‚Zu dieser Abendstunde, und in der Begleitung eines jungen Herrn? Hab’ ich Dich dazu erzogen? – Wo trafst Du Herrn von Persin?‘

Sie sagte das in streng tadelndem Tone. Else, die der ganzen Scene mit stummem Schrecken zugesehen hatte, warf sich schluchzend und ohne Worte der Mutter in die Arme.

Wie hold und lieb sie war in ihrer süßen Verlegenheit! Einen scheuen bangen Blick warf sie dabei auf mich: Wenn ihr kaum gewonnenes Glück sie jäh wieder verlassen sollte! –

‚Ja,‘ sagte ich, diesen Blick mit Innigkeit erwidernd, ‚ich habe Else gesagt, daß ich sie liebe, daß ich sie mein Eigen nennen möchte für immer –‘

Frau von Saremba richtete auf uns Beide einen heißen, glänzenden Blick innigster Befriedigung.

‚Das ist ein großes Glück für Else und auch für – mich,‘ sagte sie dann ernst und leise, indem sie die Hände wie segnend auf das Haupt ihres Kindes legte. ‚Ich habe das erhofft, frei will ich’s eingestehen, denn ich habe Sie herzlich liebgewonnen, Herr von Persin. Aber,‘ unterbrach sie sich, einen scheuen Blick auf ihre Umgebung werfend, ‚in meinem Glücke hab’ ich vergessen, daß Sie – nach dem Vorhergegangenen – jedem meiner Worte eine andere, von mir nicht beabsichtigte Bedeutung unterlegen werden. Ich will mich zu rechtfertigen versuchen. Kommen Sie fort von hier!‘ sie ergriff heftig meinen Arm; ‚kommen Sie heim! Und Du auch, Else! Es war nur ein Traum, ein wüster, wahnwitziger, und nun ist alles Leid zu Ende – Glück und Friede werden einziehen in Euch und auch in mein Herz vielleicht –‘

Sie erbleichte und wankte. Schnell sprang ich herbei, um sie vor dem Hinsinken zu bewahren. Sanft geleitete ich sie zum Bette. Doch sie raffte sich auf, noch ehe sie das elende Lager berührte. Ihre Augen rollten; ihre Wange glühte.

‚Fort – fort von hier!‘ rief sie athemlos. ‚Bin ich eine Bettlerin? Bin ich nicht Frau von Saremba? Nicht die gefeierte Biedefeld? – Schauspielerin!‘ unterbrach sie sich mit wegwerfender Geberde. ‚Eine Königin bin ich – Elisabeth, die jungfräuliche, und meine Else – ha, ha, ha! – soll reich und mächtig werden. Irdischer Glanz soll Dich umgeben, meine holde, geliebte, einzige Else. Für Dich bettelte ich – für Dich that ich Alles – nun aber ist alles Leid vorbei.‘

Sie ergriff Else und mich bei den Händen und zog uns zur Thür hinaus. Ich mußte die beiden Frauen stützen, denn kraftlos schwankten sie hin und her.

Glücklich traf es sich, daß an dem nahen Halteplatze noch eine Droschke stand. Auf dem Heimwege sprach Frau von Saremba nicht zu uns, nur rang sie die Hände, wie in Verzweiflung, und unverständliche Ausrufe drängten sich auf ihre Lippen.

Als wir endlich im traulichen und hellerleuchteten Wohnzimmer saßen, athmete sie tief und beruhigter auf. Sie sah uns mit einem unbeschreiblich glücklichen Lächeln an. ‚Ist’s denn wirklich wahr, meine Kinder?‘ sagte sie leise. ‚Soll mein stolzer Traum in Erfüllung gehen? Du wirst Baronin von Persin – eine vornehme, reiche Dame?‘ Sie ergriff schnell meine Hand und führte sie, ehe ich es verhindern konnte, an ihre Lippen.

‚O, ich danke Ihnen, Sie guter, edler Mann,‘ rief sie dabei innig. ‚Gott wird Ihnen reichen Lohn geben in Else, die rein ist wie ein Engel.‘ Sie starrte eine Weile schweigend vor sich hin. ‚Wo sahen wir uns zum ersten Male?‘ fuhr sie dann, fast wild, aus ihrem Dahinbrüten empor. ‚War’s nicht in einem stolzen Königsschloß, mit Lichterglanz und Blumenpracht? Ha, ich weiß es jetzt – ein Maskenball war’s, und als Bettlerin hatte ich mich verkleidet. Als Bettlerin! – Und ich führte meine Rolle täuschend durch – war ich doch Schauspielerin! – Ich krümmte den Rücken und hing mir falsche Locken um und belegte das Gesicht mit grauer und weißer Schminke und setzte einen Augenschirm auf, und darüber hing ein Schleier. Ha, ha, ha! Die Bettlerin mit dem Schleier! Ist das nicht komisch? Und

[531] ich flehte das Mitleid der Lustwandelnden an, und Niemand erkannte mich, war ich doch so gut verpuppt, und sie gaben reichlich, unvermuthet reichlich. Nun, es waren eben Gäste des Königs, vornehm, von hohem Rang und doch auch der Bettlerin ebenbürtig. – Ich that’s ja nur für mein Kind, für Else – sie sollte glänzen, wie es doch ihrem Namen zukommt. Ach, wenn das mein heißgeliebter Gatte wüßte, der mir durch einen frühen Tod geraubt wurde!‘

Sie schwieg – ihr Geist schien sich in der Erinnerung vergangenen Glückes zu verlieren, und erst nach längerem dumpfen Hinbrüten fuhr sie eintönig fort:

‚Else war unser ganzes Glück, obwohl ihre Geburt mich der Stimme beraubte, die einst die Welt bezaubert und die Verse unserer Dichterheroen vor der lauschenden Menge gesprochen. Aber ich klagte nicht, hatte ich doch mein Kind, meinen Gatten! Wir Drei bildeten eine heißglühende, lieberfüllte Welt in dieser kalten, herzlosen. Was war uns auch diese Welt! Schnöde hatte die stolze Familie dem Geliebten den Rücken gekehrt, der es gewagt, dem Zuge seines Herzens zu folgen. Einen Brosamen zur Existenz warfen sie ihm zu, damit nicht ihr tönender Name auf den Theaterzetteln prangte. Diejenigen, welche der gottbegnadeten Künstlerin einst begeistert zugejauchzt hatten, hielten sie jetzt für unwerth der Aufnahme in ihre Familie. Und doch, denk’ ich, hat die Allmacht dem wahren Kunstjünger ein sichtbareres Zeichen höchsten Adels auf die Stirn gedrückt, als jener hochmüthige Geburtsadel aus seinen vergilbten Documenten herauszulesen vermag. Und zuletzt, trug ich meinen Kopf nicht ebenso stolz, wie die anderen Saremba’s? Suchte ich meine Empfangszimmer nicht mit gleich vornehmer Gesellschaft anzufüllen, wie sie? Bemühte ich mich nicht nach Kräften, meine bürgerliche Abkunft vergessen zu machen, sie selbst zu vergessen? Aber ich blieb einmal die Ausgestoßene, und kein Mittel wollte sich finden lassen, diesen Fluch von mir zu nehmen.‘ Wieder unterbrach sie sich, Athem schöpfend und mit leblosem Blick in’s Leere starrend.

‚Mein Gatte, mein heißgeliebter Egon, stimmte mir nicht bei,‘ fuhr sie dann fort, ‚ihm galt Namens- und Standespomp wenig; er suchte sein Glück anderswo. Aber ich, die ich so oft mit Glück Königinnen, Fürstinnen und Edelfrauen dargestellt hatte in jener Welt des Scheines, ich sollte nicht vermögen in dieser wirklichen die vornehme Frau zu repräsentiren? Ich war ehrgeizig und beneidete diese Leute um einen Vorzug, den mir ein ungütiges Geschick versagt hatte. Wie leicht wog mir dagegen die Gnade der Vorsehung, die mich zum begabten Dolmetsch ihrer liebsten Kinder gemacht! – Das erwiderte ich auch Egon, der mich wiederholt auf meinen Werth hingewiesen hatte.

Egon wurde durch das Geschick jäh aus unserem innigen Dreiverein gerissen. – Ich blieb zurück mit meinem Kinde, dem ich von nun an meine ganze Liebe weihte. Mit des Gatten Tod verlor ich den größten Theil meiner Einkünfte, denn die stolze Familie hielt die Schauspielerin mit einer geringen Rente für genügend bedacht, vielleicht hatte sie auch erfahren, daß meine Kraft gebrochen, daß man nicht mehr fürchten durfte, den glänzenden Namen an den Ecken bloßgestellt zu sehen.

Ich sollte entbehren lernen, ich, welche die sorgende Hand des Gatten in ein Leben voll Glanz und Luxus eingewiegt hatte? Ich sollte meinem Kinde, welches allgemach zur herrlichen Jungfrau heranblühte, ich sollte ihr ein Leben voll Mangel bieten? Ich sollte nicht mehr meinem Stande gemäß leben? Das zu ertragen ging über meine Kräfte. Ich wendete mich an die Familie meines Gatten, erinnerte sie daran, daß sie es doch meinem Namen schuldig wäre, für meine anständige Existenz Sorge zu tragen. Man erwiderte mir, es hindere mich nichts daran, diesen Namen, den ich mir doch nur erschlichen, abzulegen; für meine Stellung in der Gesellschaft sei ich genügend versorgt. Höre man Mißliebiges über mich, so werde man seine Rechte zu wahren wissen.

Tief gekränkt wendete ich den Unwürdigen den Rücken. Sie sollten über mich nicht zu klagen haben. Nach außen hin wurde der gewohnte Glanz fortgeführt. Nach und nach mußten Stücke meines werthvollen Schmuckes in’s Leihhaus, dann zum Verkaufe wandern. So ließ sich Manches ausführen. Die Wittwe durfte eingezogener leben. Nur ein ausgewählter kleiner Kreis umgab mich und mein holdes Kind.

Doch in Stunden des Nachdenkens – welchen Jammer brachten sie mir! – bebte ich angstvoll der Zeit entgegen, wenn das letzte Schmuckstück – – Ich sann auf einen rettenden Ausweg, aber jeder mußte verworfen werden, meiner gesellschaftlichen Stellung, Else’s wegen, für die ich mir ein stolzes Glück unablässig erträumte. Durfte ihre Mutter ein Gewerbe betreiben? Durfte sie dramatischen Unterricht ertheilen, Handarbeiten machen, um ihr Leben zu fristen? Würden wir nicht aus der Gesellschaft ausgestoßen werden?

Da fiel mir durch einen seltsamen Zufall eines Tages ein Zeitungsbericht in die Hände, nach welchem eine Frau in einem Theile einer großen Stadt die Bettlerin, in einem andern die elegante Dame vorgestellt hatte. Es war ihr gelungen, milde Gaben in so reichem Maße zu erwerben, daß sie dadurch einen gewissen Luxus bestreiten konnte. Diese eigenthümliche Idee wollte mir nicht aus dem Sinne; Tag und Nacht verfolgte sie mich. Sie erschien mir abenteuerlich, aber auch verlockend und zweckdienlich: Was der einfachen Frau gelungen war, konnte der routinirten Schauspielerin nicht fehlschlagen. Bald hatte ich die Dachwohnung in der A.-straße gemiethet, falsche Locken und die nöthige Verkleidung hervorgesucht, und – die Sache gelang wider Erwarten gut. Ich konnte oft bedeutende Einnahmen freudig nachzählen. Ein keckes Spiel war’s in der That, denn kluge Vorsicht mußte nach allen Seiten hin walten. Elsa und die Welt durften nichts erfahren. Mein Kind sollte unsere Existenz für gesichert ansehen, die Welt mich für bemittelt halten. Es war eine Zeit der Lüge nach allen Seiten hin. Aber eine unsichtbare Macht beschützte mich. Die erste Gefahr drohte mir, als ich Ihnen begegnete, Baron, als Sie mich retteten – es war auf jenem Maskenballe – im Königsschlosse – im Glanze und in Lichterpracht – nicht so, Baron –?‘

Sie sprang mit wild rollenden Augen von ihrem Sitze empor und packte heftig meinen Arm.

‚War’s nicht so?‘ schrie sie dabei. ‚Aber wie kamen die Häscher in den Palast, um auf die Bettlerin zu fahnden? Ha, ha, ha! Und ich war doch die Königin, die im Bettlergewande steckte. Ihr seid Alle meine Gläubiger. Mit Zinsen zahle ich Euch Eure Gaben heim. Schatzmeister, werfen Sie Geld unter das Volk, sprechen Sie den Getreuen meinen königlichen Dank aus – Oder war’s nur ein Traum – ein Irrbild –? – Antwort!‘ rief sie in maßloser Erregung, ‚Antwort will ich, Vasall, denn ich bin Euer König. Antwort –!‘

Sie sank ohnmächtig in die Kissen zurück.

Ergriffen von diesem seltsamen Lebensschicksale und im Herzen von innigem Bedauern und Mitleid erfüllt für dieses schmerzmuthige Frauenherz, welches so sorglos an tausend Abgründen dahingetaumelt war, übergab ich die Kranke der rathlos weinenden Else, rief Lisette herbei, die Kammerjungfer, und sprang die Treppe hinab, um einen im Nebenhause wohnenden, mir befreundeten Arzt zu holen. Glücklicher Weise traf ich denselben zu Hause, und ich gab ihm in fliegenden Worten einen zwar discreten, aber möglichst genauen Bericht über den Zustand der Leidenden.

Der Arzt schüttelte bedenklich den Kopf, ohne mir eine Antwort zu geben, und schickte sich, in der Wohnung der Frau von Saremba angekommen, zu einer eingehenden Untersuchung der Patientin an.

Die Kranke war aus ihrer Bewußtlosigkeit erwacht; doch vermochte sie nicht, dem Arzte einen klaren Bericht über ihr Leiden zu geben. Sie sprach das tollste Zeug durcheinander. Beruhigende Mittel brachten ihr endlich einen Halbschlummer, der ihr jedoch nur wenig Stärkung zu geben versprach.

Die arme Else war ganz trostlos. Stumm und regungslos saß sie lange mit gefalteten Händen da. Ihr banger Blick irrte zwischen der Mutter und mir umher. Ich versuchte, ihr Trost einzusprechen, obgleich auch mein Herz banger Sorge voll war. War doch die beklagenswerthe Frau die Mutter meiner Herzgeliebten! Auf meine besorgten Fragen erwiderte der Arzt, er werde fortgesetzt die Kranke einer genauen Beobachtung unterziehen, vorläufig könne er weder ein beruhigendes, noch ein besorgnißvolles Urtheil abgeben.

Am anderen Tage fand ich die Dame sehr ruhig, fast heiter. Sie sprach mit Innigkeit über Else’s Glück und faßte wiederholt meine Hände, um sie in inniger Dankbarkeit zu drücken –

[532] plötzlich brach sie von Neuem in eine Art von Raserei aus, sprach von Königssälen, glänzenden Festen, ihrem hohen Range, Polizeidienern, so daß des Arztes Miene immer bedenklicher wurde. In diesem Wechsel von Ruhe und Wuth – so muß ich’s nennen – blieb der Zustand der Kranken tagelang. Else und ich verwendeten all unsere Sorgfalt auf die Pflege der Bemitleidenswerthen, und der gute Doctor war uns ein treuer Gefährte.

Eines Vormittages suchte er mich in meiner Wohnung auf.

‚Ich muß Ihnen die volle Wahrheit enthüllen,‘ sagte er, herzlich meine Hände drückend. ‚Erschrecken Sie nicht!‘ beruhigte er mich, als er sah, wie ich erbleichte, ‚die Sache ist nicht so schlimm, wie sie im ersten Augenblick erscheinen mag. Es ist ja noch nicht alle Hoffnung auf eine völlige Wiederherstellung geschwunden, und außerdem müssen wir auf die Gnade der Vorsehung vertrauen. Sagen Sie das auch Ihrer Braut zum Troste. Frau von Saremba ist leider – wahnsinnig. Das ist das traurige Ergebniß meiner Beobachtungen. Die treueste Pflege reicht nicht aus, ihre Wiederherstellung herbeizuführen, an der ich nicht zweifle.‘ Bei diesen Worten spielte ein eigenthümliches mitleidiges Lächeln um seinen Mund. ‚Ich rathe Ihnen daher, die Kranke in eine Anstalt für Nervenkranke zu geben, deren wir ja ganz vorzügliche in der Nähe Berlins haben. Dort wird man sicher Alles aufwenden, um ihr, wenn möglich, die völlige Gesundheit zurückzugeben.‘

Ich verstand den Arzt. Arme Else! – Aber sie durfte das Schreckliche in seinem ganzen Umfange noch nicht erfahren. Sie mußte festhalten an der Hoffnung auf Genesung. Meine Liebe zu der Geliebten meines Herzens ließ mich in den zartesten Worten ihr das Tieftraurige mittheilen. Wunderbar gefaßt hörte sie mich an, meinen Anordnungen beistimmend. Dann sank sie todesmatt in meine Arme, um an meinem Herzen sich auszuweinen.“ –

Hier unterbrach Herr von Persin seine Erzählung. Ich hielt es nicht für schicklich, über seine seltsamen Mittheilungen in diesem Augenblick ein Urtheil abzugeben.

„Das arme Kind!“ sagte er dann leise; „es war aber auch viel, was sie zu erdulden hatte, zuviel für ihr weiches, junges Herz.“ –

„Und dann –?“ fragte ich.

„Ja, mein Freund,“ rief er, mit feuchtem Blick mir seine Hände entgegenstreckend, „das waren bittere Tage des Leidens. Nun werden – so Gott will – klare, sonnenbeglänzte des reinsten Glückes kommen. Uebermorgen führ’ ich Else als mein geliebtes Weib heim. Noch ist die Mutter krank, doch ist nach des Arztes Bericht eine kleine Besserung in ihrem Zustande eingetreten – vielleicht kehrt sie noch genesen wieder zu uns zurück. Dann kehren wir in meine Heimathprovinz zurück, und alles Vergangene soll dann in ihrem Gedächtniß ausgelöscht sein. Auf ihren Wunsch erhalten die Armen der Stadt an unserem Hochzeitstage ein namhaftes Geldgeschenk – eine Sühne. –

Else durfte nicht schutzlos während dieser Zeit dastehen; darum eilte ich so sehr, mir mein volles Glück zu sichern. Freilich war es des holden Kindes Herzenswunsch, aus den Armen der Mutter in die meinigen zu sinken. Unsere Vermählung soll still gefeiert werden. Du und mein alter, treuer Diener Albrecht, nur Ihr werdet der heiligen Handlung beiwohnen. Else hat keine Verwandte, soll sie nicht haben. Ich will ihr Einziges auf der Welt sein, wie sie es mir ist.“

Am Hochzeitstage meines Freundes fand ich mich in der Wohnung der Frau von Saremba ein. Die junge Braut, unsagbar lieblich anzuschauen in dem duftigen weißen Kleide, mit den jungfräulichen Myrthen in den blonden Locken, begrüßte mich freundlich mit holdem Erröthen.

Der Glanz des Glückes in ihrem schönen Gesichte wurde aber bisweilen durch einen tiefen Schatten verdüstert. Die Mutter war ihr fern. Und als der Segen des Höchsten sie mit dem Geliebten verband, machte all das Leid, aber auch all die Seligkeit, die in ihrem reinen Herzen wohnte, sich in heißen Thränen Luft. Doch der glückliche Gatte küßte ihr warm und innig die feuchten Augen und schloß das geliebte Weib fest in seine Arme. Hier ruhte sie eine Weile stumm, dann richtete sie sich muthig und neubelebt empor – sie fühlte sich sicher und ungefährdet an dem klopfenden Herzen, in dem starken Arme des geliebten Gatten. Sie hatte ihre echte, rechte Heimath gefunden.

Der Freund aber flüsterte mir mit einem glücklichen Lächeln zu: „Und all meine Seligkeit verdanke ich der Bettlerin mit dem Schleier.“
August Krüger.




Blätter und Blüthen.

Zum Bildnisse Herwegh’s. (Mit Portrait Seite 521.) Nachdem wir dem Andenken Georg Herwegh’s alsbald nach seinem am 7. April dieses Jahres erfolgten Hinscheiden einen ausführlicheren Artikel gewidmet haben, glauben wir Vielen unserer Leser durch ein Bild des Mannes aus den letzten Jahren seines Lebens um so mehr eine Freude zu bereiten, als die bis jetzt vorhandenen Portraits uns nur seine jugendliche Erscheinung zeigen und seitdem eine Wiedergabe seiner Züge nicht in die Oeffentlichkeit gekommen ist. Selbstverständlich ist es uns dabei nicht um eine Verherrlichung des phantastischen Politikers Herwegh zu thun, von dem nunmehr die Zeitungen berichten, daß er seinem Sohne die Mahnung auf die Seele gebunden, ihm nach erfolgtem „Untergange Preußens“ (!) noch die Worte auf den Grabstein zu setzen: „Freue Dich, Vater, Preußen ist nicht mehr.“ Erwähnen wir das, so geschieht es nur, weil wir fürchten, daß Mancher durch solche, im Grunde doch recht harmlose Träumereien und Schwächen excentrischen Poetenzorns sich die Gestalt des herrlichen Sängers trüben ließe, wie er einst während der ersten vierziger Jahre in blühender Jugendschöne seinem halbschlummernden Volke aufgeleuchtet als ein weithin tief die Geister und Gemüther aufrüttelnder Strahl aus dem Reiche echter Poesie.

Wer den Sturm warmer Begeisterung erlebt und mitgefühlt, den einst der hinreißende Zauberklang des Herwegh’schen Wortes und der melodischen Kraft seiner freiheitathmenden Verse geweckt, der wird mit uns nicht glauben können, daß solch’ ein wahrer Dichter dem Gedächtnisse seines Volkes wieder verloren gehen kann. Georg Herwegh gehört nicht blos als ein Name, als eine historische Schattengestalt der Geschichte unseres Vaterlandes an – das Feuer seines Geistes hat gezündet und lebendig fortgewirkt in den Geschicken und allem Freiheitsringen der deutschen Nation, und viele seiner Lieder werden gelesen und gesungen werden, so lange es eine deutsche Jugend giebt. Gegen diese Thatsache würde selbst der Widerspruch des in der Fremde unseren ferneren Entwickelungen abwendig gewordenen Dichters nichts ausrichten können; wir betrachten mit Verehrung sein Bildniß, legen frischen Lorbeer auf sein Grab und feiern ihn als einen der wirkungsreichen Miterwecker eines gewaltigen Umschwunges der Dinge, dessen wir heute uns freuen, wenn er von dem Verlauf der Weltgeschichte auch nicht im Sinne der Herwegh’schen Parteipolitik vollzogen wurde. Ist ja doch Herwegh nicht der einzige Deutsche von Bedeutung gewesen, den einst das verrottete bundestägliche Polizeiregiment zu einem unstäten und verbitterten Flüchtling gemacht, dem es mit der Heimath auch die frühere Liebe zur Heimath und das Verständniß für ihre Zustände und Bedürfnisse genommen hat.

Amerikanische Justiz. Wer den schwungvollen Artikel auf Seite 9 der Gartenlaube von 1874: „Ein amerikanischer Millionär“ gelesen hat, aber durch „Nachträgliches zu dem New-Yorker Millionär“ auf Seite 634 nicht ernüchtert worden ist, mag es durch die Nachricht werden, daß der Millionendieb Tweed nach kurzer Haft von nicht zwei Jahren (statt von zwölf Jahren) aus dem Zuchthause entlassen worden ist. Ein Formfehler mußte die Handhabe bilden, dem Diebe wieder zu seiner Freiheit zu verhelfen. Zwar spaziert der Millionendieb vom Zuchthause in das Ludlowstreetgefängniß, wo er aber in Hülle und Fülle leben kann, bis er die Bürgschaft von 3,000,000 Dollars aufzubringen vermag, welche man in den gegen ihn erhobenen Civilklagen verlangt hat. Indessen auch hier wird sich die amerikanische Justiz leicht eine Nase drehen lassen; denn – es ist ja genug (gestohlenes) Geld vorhanden.


Kleiner Briefkasten.

H. St. in Halberstadt. Ihre Frage, „ob der Vogel aus dem Gelben oder aus dem Weißen des Eies entstehe?“ klingt, als ob das Eine von Beiden nothwendig das Richtige sein müßte. Sollten Sie mit Ihrem Gegner gewettet haben, dann stünde die Sache sehr schlimm, denn Sie haben Beide Recht und Beide Unrecht, je nachdem man’s nimmt. Die Anlage des jungen Thieres liegt nämlich, wie die Wahrheit gewöhnlich, in der Mitte, das heißt zwischen dem Weißen und Gelben an der Oberfläche des letzteren und ist die im Volksmunde als „Hahnentritt“ bezeichnete Keimscheibe. Dieselbe wächst, während Eiweiß und Dotter gleichmäßig den zu ihrer Vergrößerung erforderlichen Nahrungsstoff hergeben, und insofern entsteht der Vogel aus Beiden. Eine genauere Auskunft finden Sie in Häckel’s „Anthropogenie“, von welcher, obwohl noch kein Jahr seit dem Erscheinen der ersten Auflage verflossen ist, bereits die dritte vorbereitet wird, in Schleiden’s „Meer“ und anderen auf die Entwickelungsgeschichte eingehenden Populärwerken.

L. Mrge. in Montpellier. Uebersetzungen bringen wir grundsätzlich nicht zum Abdrucke. Besten Dank!

M. K. in Stettin. Sie haben im Stoffe fehlgegriffen und wollen uns gütigst Ihre Adresse zur Rücksendung mittheilen.

F. J. B. … in Wien. Längst in den Orkus des Papierkorbes hinabgestiegen.

G. J. F. Verdorben – gestorben!

C. E. K. Ihre Arbeit „Ein deutscher Dichterheld“ können wir nicht verwenden, da das Thema zu wenig neu ist. Geben Sie uns gefälligst Ihre Adresse zur Rücksendung des Artikels an!


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.