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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1875
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1875) 325.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[325]

No. 20.   1875.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennige. – In Heften à 50 Pfennige.



Ein kleines Bild.
Von Ernst Wichert.
(Schluß.)


„Ihr Bild, ihr Bild – Juliette’s Bild!“ bestätigte Arnold. „O, das ist eine wunderbare Schicksalsfügung! Ihr Bild – und gerade in diesem Augenblicke …! Das ist eine Mahnung des Himmels, das ist – – Ich habe nichts gesagt, Kruttke, kein Wort – verstehst Du? Das ändert Alles – Alles.“

„I, da soll doch –!“ brummte Kruttke unzufrieden. „Man soll sich doch über gar Nichts nicht freuen.“

Der Principal achtete nicht auf ihn. „Aber wer hat mir – das Bild geschickt?“ sprach er halblaut vor sich hin, das leere Couvert wieder und wieder mit den Augen durchsuchend. „Keine Zeile dabei – nicht einmal der Name des Absenders … Die Adresse von unbekannter Hand! Credillon –? Unmöglich. Aber sie selbst –? Wie käme sie zu dem Bilde? Und doch … doch! Nur sie kann … mein Herz sagt mir’s – nur sie! Ich werde, ich muß sie finden.“ Er verwahrte Bild und Couvert sorglich in seiner Brusttasche. „Kruttke,“ rief er, „packe sofort meine Sachen – Kleider, Wäsche – das Nöthigste für ein paar Wochen! Wir reisen noch heute Abend nach Lausanne ab. Beeile Dich! Mit dem nächsten Zuge, verstehst Du, mit dem nächsten Zuge!“ Er stürmte fort.

Kruttke blieb wie angedonnert stehen. „I, da hört doch die Weltgeschichte auf,“ knurrte er nach einer Weile. „Das verdammte Bild! Er ist wieder verhext.“ –

Arnold kam erst zu etwas ruhigerem Nachdenken über seine Lage, nachdem er im wildesten Tempo einige Straßen auf- und abgelaufen. Er erinnerte sich, daß er zu seiner Cousine hatte gehen wollen, um ihr einen Heirathsantrag zu machen, und mußte nun laut auflachen über dieses ganz unbegreifliche Vornehmen. Er befand sich auch wirklich auf dem Wege zu ihr: seines Onkels Haus war in wenigen Minuten zu erreichen. Sollte er umkehren? Sollte er abreisen, ohne Clärchen nur ein Wort zur Verständigung …? Das arme Mädchen! Wenn sie ihn wirklich liebte, wenn sie sich Hoffnungen hingegeben hätte, deren Erfüllung schon gewiß schien! Es war ja unter den Eltern und mit ihr schon Alles in Ordnung gebracht – sie erwartete ihn heute oder morgen. Und nun so unverdient eine Enttäuschung –? Aber da half kein Bemitleiden. Und wenn sie schon seine Braut gewesen wäre, Juliette’s Bild hätte die Verlobung aufheben müssen. Sie ist ja so einsichtsvoll, die liebe, freundliche, herzensgute Cläre. Sie wird verstehen, begreifen –

Dabei war er vor dem Hause angelangt. Das Herz hätte ihm nicht heftiger pochen können, wenn er vor der Thür einer Geliebten gestanden hätte, deren Ja oder Nein sein Lebensglück bedingte. Er hatte ein Unrecht abzubitten und wußte nicht, ob es ihm verziehen werden konnte. Er erkundigte sich bei der Magd, ob seine Cousine allein im Zimmer sei; dann trat er ein, ohne sich melden zu lassen: sie sollte wenigstens nicht länger, als durchaus nöthig, in Zweifel über seine Absichten sein.

Clärchen blickte erschreckt von ihrer Arbeit auf. Sie sah gar nicht aus, wie ein junges Mädchen, das einen Bräutigam erwartet. „Du kommst wirklich, Arnold?“ sagte sie mit langgezogenem Tone, der keineswegs auf eine angenehme Ueberraschung schließen ließ.

Das verwirrte ihn nun ganz. „Ja, ich meinte doch, daß meine Mutter und Dein Vater …“ stotterte er.

Sie legte das Strickzeug auf ihr Arbeitskörbchen, stand auf und reichte ihm die Hand. „Und Du, Arnold, Du selbst –?“

„Ich –?“ Er drückte diese schlaffe und weiche Hand gleichsam stoßweise. „Wenn Du mich anhören willst, liebe Clara …“

Ihre Augen überflossen feucht. „Sie hatten also Recht: Du hast wirklich den Muth, mir zu sagen, daß Du mich – liebst?“

„Nein, nein, nein!“ rief er, ihre Hand an seine Lippen ziehend und bei jedem „Nein“ küssend. „Das habe ich nie versprochen – das nie.“

Die Thränen rollten ihr über die bleichen Wangen. „Und ein Mädchen, das Du nicht liebst, willst Du zur Frau …? Arnold! wenn Du Ja sagst … ich habe ihnen mein Wort gegeben, und ich breche es nicht – aber überlege erst, frage Dich auf’s Gewissen …“

Das hatte er nicht erwarten können. Sie war also nur die gehorsame Tochter gewesen, hatte gehofft, daß er selbst ihr die Entscheidung ersparen werde. Ueberglücklich griff er in die Tasche, zog das kleine Bild hervor und hielt es ihr entgegen.

„Sieh das, bestes Kind!“ sagte er, „und urtheile nun selbst, weshalb ich jetzt noch kommen kann!“

„Juliette!“ rief sie überrascht. „Ja, sie steht zwischen uns, und – und …“ sie senkte den Kopf und wandte sich rasch ab.

„Und –?“ forschte er. Es lag in der Art, wie er sich unterbrach, etwas, das dazu herausfordern konnte. „Cläre – Du hast ein Geheimniß –“

„Frage nicht!“ wies sie ihn zurück.

[326] „Und wolltest doch –“ er trat hinter sie und legte die Hand auf ihre Schulter. „Du hast mir gezürnt, Cläre,“ sagte er, „und mit gutem Rechte. Ich will mich nicht für besser ausgeben, als ich bin. Ja, ich glaubte einen Riegel vor mein Herz gelegt zu haben, den ich nun selbst nicht mehr fortschieben könnte. Ich ging aus, Dir meine Hand anzubieten – ich bildete mir ein, wir könnten ein Paar werden, wie es so unzählige Paare giebt, die sich mit freundschaftlichem Wohlwollen begnügen und in treuer Pflichterfüllung ihre Befriedigung finden. Was soll ich Dir sagen? In diesem Augenblicke begreife ich mich selbst schon nicht mehr. Alle die guten Gründe, die mein Mißmuth gelten ließ, zerfließen in Nebel vor dem ersten Aufstrahle neuer Hoffnung. Und ich weiß nun nicht einmal, woher mir dieses Licht kommt, ob es nicht ein trüglicher Schein, der nur neue Unruhe in meinem Herzen weckt. Wer hat mir Juliette’s Bild, das mir vor zwei Jahren entwendet wurde, zugeschickt? Es ist in Lausanne zur Post gegeben: das ist mir der einzige Wegweiser. Die Adresse auf dem Couvert ist nicht von Juliette’s Hand; wie sie in den Besitz des Bildes gekommen sein sollte, begreife ich nicht. Und doch ist mir jetzt nichts so unumstößlich gewiß, als daß ich den Absender des Briefes ermitteln, Juliette aufsuchen, meine Liebeswerbung von Neuem beginnen muß – daß ich ein anderes Weib heimführen werde. Ich reise noch heute ab, und wann ich zurückkehre und wie ich zurückkehre, steht dahin. Sprich Du mit meiner Mutter, erkläre ihr, so viel Du selbst von diesen räthselhaften Fügungen begreifst – ich verweise sie beim Abschiede an Dich. Und so – lebe wohl!“

Clärchen reichte ihm beide Hände. „Meine besten Wünsche begleiten Dich, Arnold,“ sprach sie mit innigstem Ausdrucke. „Eine Stimme des Herzens sagt mir, Du wirst sie finden, Du wirst glücklich sein. Der gute Gott kann ja nicht wollen, daß die finsteren Mächte der Feindschaft obsiegen: die er in Liebe bindet, wird er auch mit starker Hand zusammenführen. Ich vertraue seiner Güte.“

„Möge auch Dir Dein frommer Glaube helfen!“ sagte Arnold, einen Kuß auf ihre Stirn drückend.

„Nichts von mir,“ bat sie, „wenn Du mich lieb hast, nichts von mir!“ – –

Am zweiten Tage darauf langte Arnold Rose in Lausanne an. Der treue Kruttke begleitete ihn, wie es bestimmt war. Sie nahmen in einem der größten Hôtels Wohnung, und sofort begannen die Erkundigungen nach der Familie Blanchard und nach Credillon. Sie waren ganz vergeblich. Man wußte auf dem Stadthause nichts von ihnen; Arnold durchforschte die Fremdenbücher aller Hôtels auf’s Genaueste – sie enthielten diese Namen nicht. In den kleinsten Pensionen wurde umsonst nachgefragt. Auch in den reizenden Ortschaften, die sich unterhalb der Stadt am See hinziehen, blieb kein Haus ohne Nachfrage. Stundenlang promenirte Arnold auf der schönen Brücke auf und ab, die so kühn die beiden Stadttheile verbindet und über deren Steineinfassung auf das lachende Seegelände und den kleinen See hinabzuschauen kein Fremder unterläßt. Bei jedem Abgange der Eisenbahn war er auf dem Perron; jedes Dampfboot, das Gäste brachte und holte, controlirte er. Ohne jeden Erfolg!

So verging eine Woche. Die Hoffnung, hier in Lausanne auf die Spur zu treffen, wurde immer schwächer. Entfernte er sich aber von diesem Punkte, so erweiterte sich sofort nach allen Seiten hin der Gesichtskreis in’s Grenzenlose. Es war unmöglich zu sagen, nach welcher Richtung hin die weitere Nachforschung sich am ehesten fruchtbar erweisen konnte, aber er meinte doch klug zu handeln, wenn er zunächst mit der Wahrscheinlichkeit rechnete. Er ließ Kruttke in Lausanne zurück und fuhr nach Genf; war doch anzunehmen, daß Reisende aus Paris sich dorthin wandten, und für die Familie Blanchard konnte die calvinistische Stadt besonders anziehend gewesen sein. Auch hier begann wieder die mühselige Wanderung von Hôtel zu Hôtel. Er hätte sie sparen können.

Seine Aufregung wurde immer leidenschaftlicher; trotz der körperlichen Erschöpfung brachte ihm die Nacht nur den unruhigsten Schlaf. Es war ihm ein unendlich peinigender Gedanke, daß er Juliette vielleicht ganz nahe sei und sie doch nicht erreichen könne. Immer wieder träumte er, er stehe an einer Straßenecke und wisse nicht, ob rechts, ob links; endlich entscheide er sich, und während er nun seinen Weg fortsetzte in der Hoffnung, ihr zu begegnen, gehe sie hinter ihm vorüber. Und dann wieder zwischen Traum und Wachen schien es ihm unsinnig, sie überhaupt hier zu suchen, bevor er auch nur darüber Gewißheit erlangt habe, ob sie sich denn von Hause entfernte. Dieses Bedenken wurde eines Morgens so zwingend, daß er den nächsten Eilzug bestieg und nach Paris fuhr, um sich Ueberzeugung zu verschaffen.

Er fand die bekannte Villa ungefähr so, wie er sie zuerst gesehen hatte: die Fenstervorhänge rundum waren herabgelassen; kein Mensch bewohnte sie. Er erfuhr, daß Herr Charles Blanchard vor etwa einem Jahre verstorben sei; das Geschäft sei in andere Hände übergegangen; die Wittwe habe schon vor Monaten den Ort verlassen; über ihren jetzigen Aufenthalt wisse man nichts. Wahrscheinlich lebe sie mit ihrer „kranken“ Tochter „irgendwo im Süden“; Credillon sei als Unterpräfect nach einem entfernten Departement versetzt.

Diese Nachrichten waren wichtig genug. Blanchard todt! Sein fanatischer Widerspruch fiel nicht mehr in die Wage. Wenn er über sein Grab hin die Hand der Geliebten faßte – den Todten konnte es nicht beunruhigen: aber die Lebenden vielleicht? Und Juliette krank? Das junge, blühende Mädchen! Sie hatte Wort gehalten: eines Andern Weib war sie nicht geworden. Und wie wuchs nun die Wahrscheinlichkeit, daß sie ihrer Gesundheit wegen mit der Mutter am Genfersee verweile, daß Frau Blanchard die Adresse schrieb! Er suchte das Grab ihres Mannes, des braven Patrioten, auf, der Frankreichs Niederlage nicht hatte verschmerzen können, und sprach ein Gebet darüber. Dann eilte er nach Lausanne zurück.

Kruttke konnte ihn beruhigen, daß er inzwischen nichts versäumt habe. „Ich denke mir so in meinen dummen Gedanken,“ sagte er, „auf die Manier geht’s nicht. Hier sind die Herrschaften nicht, und auch niemalen gewesen. Und wenn das Fräulein hätte merken lassen wollen, wo sie ist, so hätte sie doch lieber gleich ein paar Worte geschrieben. Aber accurat nicht! Der Brief ist blos hier in den Briefkasten geworfen, daß wir nicht wissen sollen, wo sie ist. Aber zu weit, meine ich, wird sie deshalb nicht gegangen sein, denn weit oder nicht weit, es verschlug immer dasselbe. Na – und wenn sie sich partout gar nicht finden lassen wollte, dann hätte sie doch auch das Bild nicht fortgeschickt. Also calculire ich so: hier herum ist es schon. Fragt sich nur noch, wo? Das ist aber am besten vom Wasser aus zu übersehen, dieweil man da den weitesten Blick hat und überall an’s Land kann, wo’s einem scheint. So ein schönes blaues Wasser lockt auch Gesunde und Kranke hinaus und Jeder will in die Mitte. Da wimmelt denn der See an jedem Abende von allerhand Fahrzeugen, und auf einem könnte das Fräulein doch einmal sein. Denn wieso nicht?“

Gegen diese Logik ließ sich freilich nichts einwenden, und so ganz dumm erschien der Vorschlag gewiß nicht. Es ermittelte sich, daß Kruttke die Bekanntschaft eines Bootsführers gemacht hatte, der in einer norddeutschen Stadt zu Hause und lange Jahre Matrose gewesen, dann mit seinem kranken Capitain hierher gekommen war und nach dessen Tode einem Engländer den Kutter abgekauft hatte, den er nun Liebhabern von Segelfahrten unten, nicht weit vom Dampfbootplatze, zur Verfügung stellte. Mit seinen zwei dreieckigen Segeln überholte er jedes andere Fahrzeug, wendete leicht und scharf, fuhr blitzschnell im Zickzack über den See und schien selbst gegen den Wind vorwärts zu kommen. Das hatte Kruttke mit Verwunderung wiederholt angesehen, und als er den Mann einmal bei einem Zusammenstoße mit anderen Böten am Hafenplatze einen derben deutschen Fluch ausstoßen gehört, war er sogleich mit ihm in Verkehr getreten.

Arnold miethete den Kutter für unbestimmte Zeit. Er kreuzte nun an jedem Abende den See in allen Richtungen und gab Befehl, jedem begegnenden Boote so dicht vorbeizufahren, daß man die Personen darin deutlich erkennen könne. So geschickt der Matrose dieses Manöver auszuführen wußte, so gefahrdrohend schien doch jedesmal die Annäherung des scharfen Seglers, und bald war zu bemerken, daß man ihm schon von fern auszuweichen suchte. Arnold hatte die Aufmerksamkeit auf seine Person gelenkt, und das konnte ihm nützlich sein. Vielleicht war es auch kein übler Einfall, daß er eine Flagge mit der Aufschrift „Juliette“ anfertigen und an der hintern Maststange befestigen ließ. Die weißen Buchstaben im rothen Flaggentuche waren weithin sichtbar, und man hatte nun doch einen Namen, [327] der sich von Mund zu Mund herumtragen ließ und vielleicht auch an die gewünschte Stelle dringen konnte. Schade nur, daß auch so alle Liebesmüh’ vergeblich blieb.

Eines Tages hatten sie mit gutem Winde die Länge des Sees durchschnitten. Als sie gegenüber Montreux umkehrten, zeigte sich die Nothwendigkeit, in der Nähe des nördlichen Ufers in kurzen Linien zu laviren. Einer dieser Zackenschläge brachte sie bei Vevey bis dicht vor die erste Ladebrücke und nahe an’s Land heran. Als nun die Segel umgestellt wurden und das Boot seine Drehung machte, sprang Kruttke plötzlich wie besessen von der Mastbank auf, schrie: „Halt, halt!“ und deutete mit der Hand auf eine Steinmauer, die eine mit Platanen besetzte Terrasse abschloß.

„Was giebt’s denn?“ fragte Arnold am Steuer, mit den Augen der angedeuteten Richtung folgend.

„Sehen Sie nichts, Herr Rose?“ rief Kruttke, „dort links in der Rosenlaube – die Dame im schwarzen Kleide – Herrgottchen! die mit dem Opernglase vor den Augen – sie sieht ja hierher.“

„Das wäre –?“

„Na, gewiß! Ich kenne doch meine Madame Blanchard – über den ganzen See hin will ich sie erkennen. Wenn sie nur erst da ist! Und nun hat sie auch uns bemerkt und macht eiligst Kehrt – und sehen Sie nur da hinten am Hause hinauf auf dem mittelsten Balcon, wer steht da –? Aber um Himmelswillen, fallen Sie mir nicht in’s Wasser, Herr Rose! Wo wollen Sie denn hin?“

Es hatte wirklich den Anschein, als ob Arnold über Bord springen wollte, um rascher an’s Land zu kommen. Er hatte die Steuerpinne losgelassen, den Fuß auf den Rand des Kutters gesetzt und den Oberkörper so weit vorgebeugt, daß er bei der geringsten Schwankung das Gleichgewicht verlieren mußte. „Anlegen, anlegen!“ rief er, „sofort anlegen!“ Der Matrose zog die Segel ein und ergriff ein Ruder. Mit einigen kräftigen Stößen brachte er das Boot an’s Land.

Arnold eilte der Terrasse zu. Seitwärts führte eine schmale Steintreppe auf dieselbe. An einem hübschen Springbrunnen vorüber gelangte er zu einer gedeckten Halle vor dem stattlichen Hause. Die Dame im schwarzen Kleide mußte schon vor ihm eingetreten sein; jedenfalls befand sie sich nicht unter den Fremden, die in der Halle an kleinen Tischen saßen und plauderten oder spielten.

In der weitgeöffneten Thür standen mehrere Kellner; sie sahen mit einiger Verwunderung den jungen Mann durch den Garten und die drei oder vier Stufen hinaufstürmen, als gelte es eine Verfolgung. „Madame Blanchard aus Paris?“ fragte er hastig und seinen Schritt kaum ein wenig mäßigend.

„Geht soeben die Treppe hinauf. Die Zimmer der Damen liegen –“

„Ich weiß, ich weiß.“ Er lief mehr als er ging, von Zeit zu Zeit eine Stufe überspringen. Als er den letzten Absatz erreicht hatte, war die Dame nur eben im Corridor angelangt.

Sobald sie merkte, daß sie in die Thür ihres Zimmers nicht mehr werde eintreten können, bevor er sie erreicht haben würde, blieb sie stehen und erwartete ihn. „Mein Herr, Sie sind es – Sie sind es also wirklich –“ stammelte sie. „Wie Sie mich erschreckt haben! Meine Nerven …“

Er ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen. „Entschuldigen Sie, Madame!“ bat er, „entschuldigen Sie meine Hast! Wenn man aber wochenlang keinen anderen Gedanken gehabt hat, als wie man in der weiten Welt ein paar Menschen aufsuchen soll, die nicht das Mindeste dazu scheinen thun zu wollen, sich finden zu lassen, und endlich –“

„O! Juliette war zum Sterben krank, mein Herr,“ unterbrach ihn die Dame. „Das arme Kind glaubte wirklich, sterben zu müssen.“

„Mein Himmel! Aber die Gefahr ist doch beseitigt?“

„Die Aerzte sagen, sie leide am Herzen; ihre Kunst scheint sehr unzureichend gegen Uebel dieser Art. Sie machte ihr Testament und vertheilte kleine Andenken an ihre Freunde – seitdem war sie ruhiger, und die bösen Zufälle kehrten nicht wieder.“

„Damals war es auch, als sie mir das kleine Bild zuschickte, das ich vor Jahren einmal –“

„Ganz recht, mein Herr. Sie glaubte, daß es Ihnen lieb gewesen sei, und da sie auf den Tod gefaßt war …“

„Aber warum wurde es an einem anderen Orte zur Post gegeben?“

„Es war das ihre eigene Anordnung. Vielleicht fürchtete sie –“

„Was – was?“

„Was nun doch eingetroffen ist. Sie sind hier, Herr Rose.“

„Sprechen Sie ehrlich! Fürchtete sie, daß ich kommen könnte?“

Madame Blanchard lächelte vor sich hin. „Das muß ich wohl glauben.“

„Und darf ich sie sehen?“

„O, nicht so unvorbereitet, mein Herr; der Schreck könnte –“

„Sie weiß aber schon, daß ich hier bin. Als mein Boot landete – die Gestalt auf dem Balcon – ich habe mich nicht getäuscht …“

„Dann freilich –! Gedulden Sie sich nur eine kurze Minute.“ Sie öffnete leise die Thür und schaute hinein. Gleich darauf stieß sie einen Schrei aus und eilte in’s Zimmer. Die Thür blieb offen Arnold folgte.

Juliette lag auf der Erde neben einem Lehnstuhle, auf den sie den Kopf gestützt hatte. Ihr schönes Gesicht war marmorbleich. Die dunkeln Locken waren darüber hingefallen. Die Mutter strich sie ihr aus der Stirn, kniete neben der Ohnmächtigen nieder, nahm sie in den Arm und rief: „Du darfst nicht sterben, mein theures Kind. Du darfst nicht sterben. Er kommt ja – er ist bei Dir.“

Arnold faßte ihre Hand und beugte sich zu ihr nieder. „Juliette – meine theuerste Juliette!“ flüsterte er ihr zu. „Nein! Du darfst nicht sterben. Du wirst leben – für mich leben. Sage mir nur, daß Du mich liebst, und Dein Herz wird nicht mehr krank sein. Du liebst mich, nicht wahr, Du liebst mich?“

Er fühlte einen sanften Druck ihrer kleinen Hand, die sich schnell in der seinigen erwärmte. Das Gesicht, noch eben so starr, wurde mehr und mehr von einem wonnigen Lächeln belebt. „Du liebst mich, Juliette, nicht wahr, Du liebst mich?“ wiederholte er wieder und wieder. Und nun schlug sie die Augen auf, diese wunderbaren dunkelblauen Augen, und der eine Blick sagte ihm Alles. Dann, wie erschreckt über diesen Verrath des so lange gehüteten Geheimnisses, entzog sie ihm die Hand, schlang die Arme um den Nacken der Mutter, drückte das Gesicht an ihre Schulter und schluchzte: „Mutter! Mutter! Du hörst, er liebt mich noch.“

Madame Blanchard streichelte zärtlich ihre Locken und sah dabei mütterlich besorgt zu Arnold hinüber, halb um Schonung bittend, halb erkundend, ob es sein Ernst sei. „Er liebt Dich noch,“ sagte sie beruhigend, „und Du – Du – Du darfst ihm gestehen –“

„Ach! er kannte ja mein schwaches Herz,“ rief das Mädchen, sich noch fester an sie schließend, „lange – lange schon.“

Arnold umfaßte die schlanke Gestalt und hob sie auf den Stuhl. Der Kopf sank matt gegen die Lehne zurück, aber die Augen schlossen sich nicht mehr. Er kniete vor ihr nieder, sah zu ihr auf und küßte ihre Hände. „Warum wolltest Du sterben?“ fragte er mit zärtlichem Vorwurfe.

Sie zog ihn sanft zu sich hinauf und küßte seine Stirn. „Weil ich nicht leben konnte ohne Dich,“ hauchte sie ihm zu. „Und wenn Du nicht gekommen wärst – gewiß, gewiß! ich wäre bald gestorben.“

„Und konntest Dich doch verstecken,“ rief er, „und dem Zufalle überlassen, ob er mich zu Dir führe?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nicht dem Zufalle! Du hattest ja mein Bild wieder.“

Er sah sie überrascht an, als ob er nicht gleich den Zusammenhang ihrer Worte faßte. „Auch Du glaubst an seinen geheimen Zauber?“ sagte er lächelnd.

„Jetzt dürfte ich wohl,“ antwortete sie, „denn es hat sich ja wunderbar genug bewährt. Aber nennen wir’s nicht so! Ich habe viel darüber nachgedacht, und zu erklären ist’s freilich kaum. Daß aus Millionen zwei Menschen einander finden, ist das nicht immer eine Fügung? Man nimmt’s auch fast ohne Verwundern gläubig und dankbar dafür und fragt nicht einmal: wie hat das so geschehen können und müssen? Mitunter aber hebt sich der Schleier ein wenig; wir sehen zurück bis auf das erste noch [328] unbewußt Gemeinsame, das gleichsam wie ein Samenkorn in der Erde liegt und auf Sonnenschein und Regen wartet. Und wenn man das nun kennt und wenn man weiß, daß es auch immer weiter wirksam und bestimmend gewesen ist, soll man ihm da nicht vertrauensvoll eine Kraft zuschreiben, die unsern Willen zwingt und unseren Wegen die Richtung giebt?“

„O Du Philosophin!“ rief Arnold. „Dir war’s sicher schon in der Wiege bestimmt, daß Du einen Deutschen lieben solltest. So schön hätte ich selbst mir’s gar nicht zurechtlegen können. Wie aber kamst Du zu dem Bilde, das man doch aus meiner Brieftasche entwendet hatte?“

Madame Blanchard gab ihr ein Zeichen, sich nicht durch Sprechen zu sehr anzustrengen. „Credillon hatte es in der Brieftasche entdeckt,“ nahm sie selbst das Wort, „und Ihnen dann verleugnet, als Sie es zurückforderten. Er wußte nicht, daß Sie uns bereits Ihre Schuld gebeichtet hatten, daß Juliette Sie als den Entführer ihres Bildes kannte. Nach einiger Zeit, als sie seiner Bewerbung immer heftiger widersprach, erfand er – wahrscheinlich um sich bei ihr einzuschmeicheln – das Märchen, er habe in deutschen Blättern des Bildes wegen einen Aufruf erlassen und Demjenigen eine große Summe geboten, der es ihm, als dem Maire, einsende. Juliette, die Ihrer Versicherung durchaus Glauben geschenkt, auch von der Beschlagnahme Ihrer Papiere gehört hatte, durchschaute nun sofort den Zusammenhang, schwieg aber klug, um ihn in die Falle gehen zu lassen. Schon nach wenigen Wochen brachte er denn wirklich die Nachricht, der geldgierige Deutsche habe sich durch eine Mittelsperson gemeldet und ihm das Bild verkauft. Er lege es nun zu Juliette’s Füßen, hoffe aber auf einen Dank. Juliette forderte ihn spöttisch auf, dem Papa seine Unkostenrechnung vorzulegen. O! an eine so materielle Ausgleichung der Verbindlichkeiten habe er nie gedacht, antwortete er; wenn aber seine Aufmerksamkeit einen Lohn verdiene, der wirklich lohne – denken Sie, der Unverschämte begehrte einen Kuß! Juliette, empört ebenso über seine Verlogenheit wie über diese Zumuthung, nahm das Bild und – versetzte ihm einen Backenstreich. Die Worte, mit denen sie ihn begleitete, wiederhole ich nicht; sie machten selbst auf meinen guten Charles einen so tiefen Eindruck, daß der Bösewicht bei ihm allen Glauben einbüßte und sich bald zum Rückzuge genöthigt sah. Wir haben dann von seinen Chicanen viel zu leiden gehabt. Entblödete er sich doch nicht, uns nachträglich des Einverständnisses mit dem Feinde während der Belagerung zu bezichtigen. Das verstörte meinen armen Blanchard nun vollständig. Aber solche Leute machen jetzt in Frankreich ihr Glück: er ist bereits Unter-Präfect und wird noch weiter steigen.“

Das Gespräch war, früher als Arnold es wünschen konnte, auf Blanchard gebracht; er selbst mußte es nun dabei festhalten. Er erzählte, daß er den Tod des ihm einst so lieb gewordenen Mannes schon in Paris erfahren und daß er seine Ruhestätte besucht habe. Juliette weinte still in ihr Tuch, und Madame Blanchard erleichterte sich durch eine Fülle von Mittheilungen aus seiner Leidenszeit. „Er hatte zuletzt Alles vergessen,“ schloß sie, „was seit dem unglücklichen Tage geschehen war, an dem sich Paris ergab. Ja, er glaubte an diese Uebergabe nicht einmal, sondern behauptete, die Belagerung werde noch immer fortgesetzt. Er hörte auch fortwährend schießen. Seine letzten lallenden Worte waren: ‚Paris fällt nicht.‘“ –

Der See lag schon in tiefer Dämmerung; nur die höchsten Bergspitzen links über dem Rhonethal glühten noch wie Feuer der scheidenden Sonne. Madame Blanchard öffnete die Thüren und Arnold trug Juliette im Sessel auf den Balcon hinaus. Ihre Einrede, daß sie sich gar nicht mehr so schwach fühle und wohl auch die wenigen Schritte gehen könne, wollte er nicht gelten lassen. Unten an der Ladebrücke lag noch der Kutter. Der Matrose war an’s Land getreten, aber Kruttke saß auf der vorderen Mastbank und schaute unverwandt zum Balcon hinauf. Arnold machte die Damen auf den treuen Menschen aufmerksam. „Er hat gar keinen geringen Theil dabei,“ sagte er scherzend zur Mama, „daß wir gute Freunde geworden sind. Er glaubte allen Ernstes, Sie müßten hungern, und seinem mitleidigen Herzen verdankten Sie den ersten Teller Suppe aus unserer Küche.“

„War auch die rothe Flagge seine Erfindung?“ fragte Juliette.

„Nein, sie war mein verzweifelter Gedanke,“ versicherte Arnold, „aber Ehre, wem Ehre gebührt: die Seefahrten hat er in Anregung gebracht.“

Es ermittelte sich nun, daß der Kutter erst heute von den Damen bemerkt war. Sie hatten seit Wochen das Zimmer gehütet: Juliette war erst seit wenigen Tagen im Stande gewesen, das Bett zu verlassen. Nun war ihnen der Schnellsegler mit der rothen Flagge aufgefallen. Da sie aus so weiter Entfernung die Inschrift nicht lesen konnten, hatte die Mama ein Fernglas angewandt. „Der Name ‚Juliette‘,“ erzählte sie weiter, „beunruhigte mein Töchterchen sogleich ganz außerordentlich. Als sich nun das Boot näherte, ging ich auf die Terrasse hinab, um aus geringerer Entfernung die Leute darauf zu beobachten. Hätte sie wenigstens Geduld gehabt, bis ich ihr Gewißheit bringen konnte! Aber sie, die ohne meine Stütze nicht zwei Schritte gehen konnte, war auf den Balcon hinausgetreten und – nun, Sie kennen ja die Folgen dieser Unvorsichtigkeit.“

Arnold drückte dem geliebten Mädchen die Hand. „Mir ist nach dieser Ohnmacht so wohl und leicht um’s Herz, wie seit Jahren nicht,“ versicherte Juliette.

Der Mond tauchte aus den Bergnebeln auf, eine große bleiche Scheibe, und hob sich langsam in das Tiefblau des unbewölkten Himmels hinauf. Und nun blitzten Lichtfunken auf dem Seespiegel und tanzten weiter und weiter über die sanften Wellenbiegungen hin, bis zuletzt ein glänzender Lichtstreif bis zum jenseitigen Ufer hinüberspielte. „Ich denke an eine Mondnacht,“ sagte Arnold träumerisch, „die für mein ganzes Leben bedeutsam war.“ Er erzählte von seiner Nachtwache in Feindes Land und von dem ersten Besuch der Blanchard’schen Villa.

„Ihr Deutsche seid doch ein wunderliches Volk,“ bemerkte Juliette ganz so schalkhaft, wie in den früheren glücklichsten Tagen ihres Verkehrs. „Es ist nur gut, daß zu unserer Verlobung Mondschein im Kalender steht. Wenn man hier am Genfer See nicht für den alten Burschen schwärmen lernt, denke ich, lernt man’s überhaupt nicht.“ –

Spät erst trennten sie sich. Arnold nahm im Hôtel sogleich für sich Logis. Am andern Tage wurde Kruttke mit dem Kutter nach Ouchy zurückgeschickt, um aus Lausanne die Sachen abzuholen und auf der Post Weisungen zu geben. Er nahm zugleich einen Brief mit, der den Lieben in der Heimath ein vollfreudiges „Gefunden!“ zurief.

Aber Kruttke brachte auch einen Brief mit, der im „Hôtel du Lac“ zu Vevey vielleicht mehr Sensation erregte, als der Arnold’s im Hause der Commerzienräthin erwarten durfte. Um es nur gleich mit den knappsten Worten zu sagen: Victor Blanchard hatte tief aus Rußland an Clärchen geschrieben und bei ihr angefragt, ob sie den Muth habe, seine Hausfrau zu werden. Muth gehöre freilich dazu, denn er hause ganz außer der civilisirten Welt; nicht jener augenblickliche Muth, der leicht zu einem großen Opfer anrege, sondern jener beharrliche, der in treuer Pflichterfüllung nicht ermüde und den nur die deutschen Frauen hätten. Clärchen hatte den ganzen Brief abgeschrieben. „Was soll ich thun?“ schloß sie. „Ob Du nun Deine Juliette findest oder nicht, mich willst Du ja doch nicht. Und daß ich Dir’s nur gestehe: ich war ihm schon in den Tagen seiner Gefangenschaft gut.“

Madame Blanchard war wie aus den Wolken gefallen, und es dauerte einige Zeit, bis sie sich auf dem Boden dieser neuen Thatsachen zurechtfand. „Ich will glauben,“ sagte sie endlich, „daß er die beste Wahl getroffen hat, und mein Mutterherz giebt auch dazu seinen Segen; aber Tochter und Sohn …“ sie wiegte nachdenklich den Kopf und tupfte eine Thräne fort; „gut, daß mein Charles schläft.“

Als Arnold Abends seine Juliette auf der Terrasse unter den mondbeglänzten Platanen langsam am Arm auf und ab führte und die Erinnerung des Erlebten in ihnen beim traulichen Austausch aller so lange und sorgenvoll bewahrten Herzensgeheimnisse mächtig geworden war, sagte er, ihre Hand auf sein Herz drückend: „Es war ein schwerer Kampf, und die Liebe hat gesiegt. Erst in Wenigen freilich! Aber laß uns hoffen, daß ‚Versöhnung‘ bald das allgemeine Losungswort werden wird. Mensch zu Mensch und Volk zu Volk!“



[329]
Schiller’s Lieblingsschwester.
Von Ernst Ziel.
Die Gartenlaube (1875) b 329.jpg

Christophine Reinwald. geb. Schiller.
Nach dem Oelgemälde von Ludovika Simanoviz.

Das Capitel „Schiller und die Frauen“ ist von der Literaturgeschichte immer und immer wieder mit ungeschwächtem Interesse aufgenommen worden, und in der That ist der Schlüssel zum Verständniß der wichtigsten Entwicklungsphasen unseres Dichters nicht selten gerade auf diesem Gebiete zu suchen: gar nicht zu reden von der mythischen Laura des in der Schnürbrust der Karlsschule einherschreitenden Medicus Schiller – die Namen einer Charlotte von Wolzogen, einer Margaretha Schwan, einer Frau von Kalb und Charlotte von Lengefeld sind leuchtende Merkzeichen, welche ebenso viele Stationen auf dem Lebenswege unseres Dichters bezeichnen, auf dem Wege von der jugendlich unklaren Phantasterei zur Freigeisterei der Leidenschaft, von der Freigeisterei der Leidenschaft zu der Höhe einer ruhig schönen, vom Glanze der Idealität verklärten Liebe. Neben diesen Frauen, welche, bald dämonisch irreführend, bald beängstigend und ausgleichend, am Eingange der einzelnen Perioden des Schiller’schen Schaffens gleichsam als Pförtnerinnen stehen und diesen Perioden theilweise ihre geistige, ihre dichterische Färbung leihen, neben diesen Frauen begegnen wir im Leben des Dichters einer Reihe anderer weiblicher Erscheinungen, die zwar weniger bestimmend und bahnweisend in seine innere Entwickelung eingreifen, aber mit hingebender Liebe, wenn auch ohne Leidenschaft, sein Leben als liebevolle Ratherinnen und treue Freundinnen begleiten.

Unter diesen Freundinnen Schiller’s verdient den Namen der treuesten wohl keine so sehr, wie seine von ihm überaus geliebte Schwester Christophine; denn sie ist ihm sein Leben lang, wenn auch oft aus weiter Ferne, in unbeirrter Anhänglichkeit eine geistige Begleiterin und mitfühlende Genossin gewesen. Christophine gehörte nicht zu den sogenannten geistreichen Frauen. Dazu war ihr Naturell viel zu sehr auf das Praktische angelegt, ihre Bildungsschule eine zu bescheidene und der Kreis ihres Denkens ein zu enggezogener. Nicht eine geistreiche Frau, nein, sie war etwas Besseres, etwas Gott und den Menschen Wohlgefälligeres: sie war ein echtes Weib voll Natur und Wahrheit, tief und beharrlich von Gemüth, scharf und klar von Verstand und mit gesundem Blick, mit einer unentwegten Energie und maßvollen Sicherheit des Handelns ausgerüstet – Eigenschaften, welche sie ihrem Bruder besonders dann zu einer stets verständigen und gewandten Bundesgenossin machten, wenn es galt, sich mit der Außenwelt in einer schwierigen Lage abzufinden.

Sie hatte viel Verwandtes mit Schiller. Ihr Herz war, wie das seine, von einer zugleich besonnenen und lebensfrohen Idealität erfüllt und schlug lebhaft für alles Große und Hohe in Menschheit und Natur; eine freudige Begeisterung trug sie allem sittlich und geistig Erhabenen, eine frische, markvolle Zornmüthigkeit allem Verkehrten und Verschrobenen, allem Anmaßenden [330] und Hochmüthigen in den menschlichen Charakteren und Einrichtungen entgegen. Das Gefühl für Freiheit und Menschenwürde lebte tief in ihr, und nichts haßte sie so sehr wie Affectirtheit und Unnatur. Einfachheit, Natürlichkeit und Wahrheit waren die Grundzüge ihres Wesens. „Mir ist wohl,“ sagt sie in ihrem Tagebuche, „unter euch Menschen von niederem Stande. Da findet man bei aller Beschränktheit des geistigen Gesichtskreises noch Kraft und Selbstständigkeit. Und was ist unsere Aufklärung, unsere Bildung? Meist äußerer Schimmer, kein inneres warmes Gefühl. Lernt nicht selbst die heilige Sprache der Seele, die Empfindung, eine fremde Sprache, und wird sie nicht oft durch Convenienz und Drechselei zur Unnatur?“ Christophine hatte ein tiefreligiöses Gemüth und dabei ein glückliches, heiteres Temperament. Fromm und fröhlich – gefühlsinnig und thatenfreudig: diese Eigenschaften waren die Hauptmarksteine, zwischen denen das Seelenleben von Schiller’s Lieblingsschwester mitten inne lag und die sie in jeder Lage harmonisch zu verschmelzen verstand.

Zwei Jahre vor unserm Dichter und als ihre Eltern schon neun Jahre kinderlos verheirathet waren, wurde Christophine am 4. September 1757 geboren. Von frühester Kindheit an verband beide Geschwister das Gefühl innigster Zusammengehörigkeit, und Eines konnte sich kaum ohne das Andere denken. Hatten sie doch Beide in dem kleinen Hause der Großeltern von mütterlicher Seite, wo Frau Elisabeth Dorothea Schiller, geborene Kodweis, in der ersten Zeit ihrer Ehe ihre Wochen zu halten pflegte, hatten sie doch im Hause des Löwenwirths zu Marbach das Licht der Welt erblickt und dann in Ludwigsburg, in Lorch, auf der Solitüde bei Stuttgart die Tage der Kindheit mit einander verlebt. Schiller verehrte diese Schwester mit schwärmerischer Liebe. „Wie oft warst Du nicht die Heldin in meinen idealischen Träumen,“ schreibt er ihr am Neujahrstage 1784 von Mannheim. Auf der Solitüde, wo die Verhältnisse des früher nur karg besoldeten Vaters – er war bekanntlich Officier in württembergischen Diensten – sich allmählich besserten, gab es oft gar frohe Zeiten. Ein Fest der Freude aber war es immer, wenn der Bruder von der Karls-Schule herüberkam. Dann wurden häufig dramatische Vorstellungen gegeben und Gegenwart und Zukunft in den Aether der Poesie getaucht: kühne Luftschlösser wurden geplant und die ersten Materialien zu deren Bau herbeigeschafft.

Es herrschte in der Schiller’schen Familie der Ton warmer Kindes- und Elternliebe, und dieses freundliche Verhältniß zwischen den Alten und den Jungen machte namentlich auf das weiche Gemüth Christophinens einen für die Dauer wohlthuenden Eindruck. Sie trug den Eltern unbegrenzte Verehrung entgegen. „Das Beispiel der guten Eltern,“ sagt sie in den im October 1845 von ihr niedergeschriebenen „Notizen über meine Familie“, „ist mir auf meinem langen Lebenswege immer zur Richtschnur geblieben und hat oft in einer Zeit, wo ich mir so viel versagen mußte, meinen Muth erhalten.“ Noch in ihren alten Tagen fragte sie sich bei Allem, was sie unternahm, zuerst, ob ihr Vater es auch wohl würde gebilligt haben.

Christophine war von jeher des Bruders Vertraute gewesen. Als er den Entschluß zur Flucht aus Stuttgart gefaßt hatte, da machte er sie zu seiner Mitwisserin und zu seinem Anwalte bei den Eltern. Sie hat bei diesen seine Sache mit Einsicht und Energie, mit weiblichem Tacte und schwesterlicher Liebe geführt. Nachdem Schiller’s Flucht nach Mannheim gerade in der Nacht von Stuttgart aus in’s Werk gesetzt worden, in welcher der herzogliche Hof die Anwesenheit des Großfürsten von Rußland auf der Solitüde festlich beging (17. September 1782), war es bekanntlich Christophine, durch deren Hand seine gesammte Correspondenz mit dem Elternhause ging. Viel mag sie in dieser Zeit zu vermitteln, durchzukämpfen und auszugleichen gehabt haben, und das immer mehr wachsende und sich befestigende Verständniß der Eltern für die hohen Aufgaben des Sohnes ist gewiß zu einem nicht geringen Theile das Verdienst der treuen Christophine.

Als Schiller Mannheim verlassen und sich nach Bauerbach bei Meiningen zu der Frau von Wolzogen begeben hatte, da bahnte sich auch in dem Leben seiner Schwester eine unerwartete Wendung an, welche für ihre ganze Zukunft entscheidend wurde. Schiller war in Meiningen mit dem Bibliothekar Reinwald, der sich auch als Dichter, namentlich auf dem Gebiete des Humors und der Satire, einen Namen gemacht hatte, bekannt und nach kurzer Zeit sehr vertraut geworden. Reinwald gehörte zu den Ersten, welche den Genius Schiller’s erkannten. Er schrieb am 7. December 1782 in sein Tagebuch: „Heute schloß er mir sein Herz auf, der junge Mann – Schiller – der so früh schon die Schule des Lebens durchgemacht, und ich habe ihn würdig befunden, mein Freund zu heißen. Ich glaube nicht, daß ich mein Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt habe, es müßte denn Alles mich trügen. Es wohnt ein außerordentlicher Geist in ihm, und ich glaube, Deutschland wird einst seinen Namen mit Stolz nennen. Ich habe die Funken gesehen, die diese vom Schicksale umdüsterten Augen sprühen, und den reichen Geist erkannt, den sie ahnen lassen.“

Durch einen Zufall lernte Reinwald einen Brief Christophinens an ihren Bruder kennen, und dieses Schreiben wurde die Veranlassung zu einer eifrigen Correspondenz zwischen ihm und der Schwester seines Freundes. In den obenerwähnten „Notizen über meine Familie“ theilt Christophine hierüber mit: „Einst wiederholte mein Bruder Reinwald’s Besuch, aber dieser war über Land gegangen, und er wartete lange auf Reinwald’s Zimmer bis gegen Abend, und endlich zog er seine Brieftasche heraus und las die darin enthaltenen Briefe; unter diesen war auch einer von mir, in dem ich ihm im Auftrage der Eltern schreiben mußte, daß er auch mehr achtsam auf seine Wäsche sein sollte und dergleichen. – Als Reinwald immer noch nicht kam, so ging er verdrießlich fort und ließ seine Brieftasche liegen – endlich kam Reinwald, und seine Hausleute sagten ihm, daß der Herr von Bauerbach lange auf ihn gewartet hätte. Er fand denn also auch die Brieftasche und las die darin enthaltenen Briefe. Wahrscheinlich mochten die Grundsätze der Sparsamkeit, die mein Brief enthielt, ihn bewogen haben, an mich zu schreiben, genug, ich erhielt einen Brief von ihm, wo er mir die Geschichte erzählte und zugleich versicherte, daß er meinem Bruder schon auch dergleichen bemerkt hätte, daß dieser aber jetzt sehr beschäftigt sei, weil er von Göschen sehr gedrängt würde, den Don Carlos zu vollenden, so würde er auch uns nicht viel schreiben können. Er aber könnte uns immer Nachricht geben; mein lieber Vater trug mir auf, Reinwald wieder zu schreiben und ihn zu bitten, fernerhin mit gutem Rathe seinen Sohn zu unterstützen – und so entstand denn ein Briefwechsel, worin immer mein Bruder der Hauptgegenstand war.“

Nachdem Reinwald im Jahre 1784 einen Besuch auf der Solitüde gemacht und sich beim Abschiede die Erlaubniß ausgebeten hatte, die Familie Schiller noch einmal besuchen und den Briefwechsel mit Christophinen fortsetzen zu dürfen, kam er das folgende Jahr wieder und hielt um die Hand des geliebten Mädchens an. „Das war nun freilich eine ernste Frage,“ schreibt Christophine hierüber; „als Freund schätzte ich Reinwald um seiner Rechtschaffenheit und Kenntnisse willen, allein in näherer Verbindung, bei der spärlichen Einnahme, die er als wahrheitsliebender Mann uns redlich gestand, war doch Vieles zu bedenken; auch meine Eltern zu verlassen, den schönen Ort und so Vieles, was ich nachher nie wieder fand.“

Aus Christophinens ganzer Auffassung ihres Verhältnisses zu Reinwald geht klar hervor, daß sie mehr mit dem Verstande oder sagen wir lieber: mit dem Gewissen als mit dem Herzen wählte, indem sie, die Neunundzwanzigjährige, dem zwanzig Jahre älteren Manne (Reinwald wurde am 11. August 1737 zu Wasungen bei Meiningen als der Sohn des dortigen Amtmanns geboren) die Hand reichte. Schiller, obwohl er dem braven Reinwald in inniger Freundschaft und aufrichtiger Hochschätzung zugethan war, konnte den Bund zwischen dem zu hypochondrischen Launen geneigten, kränklichen Manne und seiner lebensfrohen Schwester nicht ohne Besorgniß sich schließen sehen und äußerte sich auch in diesem Sinne gegen die Eltern und Christophinen selbst. Auch die alte Frau Schiller war nicht für die Heirath. Christophine, aber wußte klar, was sie that. Wie ihr ganzes Wesen auf einem durchaus religiösen Grunde ruhte, so ließ sie sich auch bei der Wahl des Gatten von rein religiösen Motiven leiten. Sie war des Glaubens, „daß der Mensch dem lieben Gotte eine besondere Leistung als Beitrag zum Weltganzen schuldig sei, und daß des Menschen Ehre, wie seine Glückseligkeit darin bestehe, zu erkennen und zu erfüllen, was Gott von ihm Besonderes geleistet haben wolle.“ Und in diesem Glauben opferte sie ihr Herz ihrem Gewissen und wurde [331] Reinwald’s Gattin. Die Trauung fand am 22. Juli 1786 in der Dorfkirche zu Gerlingen bei Stuttgart statt.

Diese Ehe war, namentlich in den letzten zwölf Jahren, eine durchaus glückliche, obwohl Christophine oft an den Eigenthümlichkeiten ihres Gatten schwer zu tragen hatte. Die sittliche Kraft ihres Charakters lehrte sie, das mancherlei Trübe und Schmerzliche ihrer kinderlosen Ehe unter beschränkten ökonomischen Verhältnissen und vielerlei Sorgen mit stets heiterer Geduld zu überwinden. „Wie wohl fühle ich mich in meinem kleinen Leben!“ schrieb sie in ihr Tagebuch. „Beseligt durch eine höhere Macht, die in’s tiefste Herz blickt, lerne ich in diesem bescheidenen Loose ein hohes Glück finden.“ Dieser Ausspruch ehrt die edle Frau; denn sie war trotz des ehrenwerthen Charakters ihres Gatten in dieser Ehe nicht auf Rosen gebettet. Reinwald, einer der tüchtigsten Gelehrten seiner Zeit, namentlich als Sprachforscher von Bedeutung, lebte fast nur seinen Büchern und seiner Gelehrsamkeit und verhielt sich gegen die Welt und ihre Freuden meistens ablehnend. So darf es uns nicht wundern, wenn Christophine in heimlichen Briefen an Schiller oft ihr Herz über diese Eigenthümlichkeiten ihres Gatten ausschüttete; namentlich klagte sie häufig darüber, daß Reinwald sie allzu knapp mit Geld versehe, weshalb denn der Bruder ihr oft durch Einsendung kleiner Zuschüsse aus der Verlegenheit half. In einem Nekrologe über Christophine von Hofprediger Dr. Ackermann („Meininger Volksblatt“, 1847, Nr. 40) heißt es unter Anderem, daß Reinwald von dem, was zur Haushaltung und angenehmen Lebensführung gehört, kaum etwas verstanden habe, wie er auch zur Erheiterung und Beglückung seiner jungen Frau sehr wenig geeignet gewesen sei. Geselligen Verkehr habe er nicht geliebt und selbst Frauen vom Umgange mit seiner Gattin fern gehalten, nicht etwa aus Mangel an Liebe für Christophinen, oder weil er ihr keine Freude gegönnt hätte – denn er ehrte und liebte sie sehr – sondern weil er glaubte, einen Gelehrten und Dichter zum Manne zu haben, das reiche schon hin, eine Frau zu beglücken. Er war übrigens, nach dem einstimmigen Urtheile seiner Zeitgenossen, ein überaus achtbarer und sittlich hochstehender Mensch, was auch aus vielen seiner im Schiller’schen „Musenalmanach“ und anderen Blättern veröffentlichten Gedichte hervorleuchtet. Schiller selbst schätzte seinen Schwager sehr und hat ihm bis an sein Ende seine Freundschaft bewahrt. Als Reinwald am 6. August 1815 im achtundsiebenzigsten Lebensjahre starb, betrauerte Christophine ihn tief und innig. Neunundzwanzig Jahre hindurch war er in Liebe und Treue ihr Lebensgefährte gewesen.

Nach dem Tode ihres Mannes verließ Christophine Meiningen und lebte einige Jahre in Schwaben bei ihren Verwandten, namentlich in Marbach, wo sie eine schwere Krankheit durchzumachen hatte. Bereits zu Lebzeiten Reinwald’s hatte sie ihre Heimath mehrmals besucht, wenn wir nicht irren zwei Mal: zuerst mit ihrem Gatten 1789, dann ohne ihn 1796, wo traurige Zustände sie nach der Solitüde riefen. Die Revolutionskriege hatten das württembergische Land mit französischen Marodeurs überschwemmt, und auch die Schiller’sche Familie war mehreren Brandschatzungen ausgesetzt. Dazu kam, daß auf der Solitüde ein gefährliches Fieber ausgebrochen war, dem das jüngste Kind, die neunzehnjährige, liebreizende Nanette, schon am 23. März erlegen war. Als Christophine im April zur Pflege der Kranken im Elternhause eintraf – der Bruder trug die Kosten ihrer Reise – fand sie ihre Schwester Louise (später verheiratet an den Pfarrer Franke – siehe „Gartenlaube“, 1874, Nr. 50 – gestorben 1836 zu Mockmühl) in Lebensgefahr, während der Vater gleichzeitig an der Gicht erkrankt war. Sie sah damals die geliebte Schwester genesen, aber den theuren Vater am 7. September für immer die Augen schließen. Welche Erinnerungen, nicht nur die schmerzlichen an jenes trauererfüllte Jahr, sondern auch die freudigen an ihre poesiedurchwebte Jugend, mußten nicht das Herz Christophinens erfüllen, da sie nun, nach dem Tode ihres Gatten, wieder an den Stätten ihrer Kindheit weilte! Freilich wird in diesen Erinnerungen mehr des Wehs als der Wonne gewesen sein. Ueber wie viele Gräber schwebten ihre Gedanken hin: das Grab des Vaters und der geliebten Schwester Nanette hatte sie in nächster Nähe; in Cleversulzbach ruhte ihre geliebte Mutter, im Cassengewölbe zu Weimar ihr großer Bruder und auf dem Friedhofe zu Meiningen ihr braver Gatte.

Wer so viel des Leids erfahren, zieht sich gern in sich selbst zurück; er meidet den zweifelhaften Wechsel des Lebens und schließt sich mit Vorliebe an das Altgewohnte an. So fühlte denn auch Christophine sich wieder hingezogen zu dem alten stillen Meiningen, wo sie ihres Lebens größten Theil verlebt hatte. Im jahre 1822 kehrte sie in die traute Stadt an der Werra mit einer Freundin, die in Stuttgart ihr Gast gewesen war, zurück und bezog später bei dieser Freundin eine Wohnung, in welcher sie, von einigen kleinen Reisen abgesehen, bis an ihr Ende ein stilles zurückgezogenes Leben geführt hat, ein Leben, welches der Erinnerung der Vergangenheit, aber auch dem ruhig heiteren Genuß der Gegenwart gewidmet war.

Es war eine wahrhafte Idylle des Alters, welche diese herrliche Frau in ihrem kleinen Weltwinkel verlebte. Die Rüstigkeit der Jugend war ihr geblieben, und die „süße Gewohnheit“ des täglichen Lebens erhielt sie gesund und frisch. Von Zeugen der damaligen Zeit wird berichtet, daß man die „Frau Hofräthin“ regelmäßig schon früh am Morgen im saubersten Anzuge am Fenster ihrer im Erdgeschoß gelegenen Stube sitzen und die Vorübergehenden freundlich grüßen sah. Aller ökonomischen Sorgen durch die liebevolle Fürsorge des Herzogs von Sachsen-Meiningen überhoben, munter und kräftig und regen Geistes bis wenige Stunden vor ihrem Ende, umgeben von liebevollen Freunden und Pflegern, freute sie sich trotz ihrer Jahre noch von Herzen des Lebens und war doch jeden Augenblick bereit, von ihm Abschied zu nehmen. „Mein Todestag ist mir lieber als mein Geburtstag,“ pflegte sie oft zu sagen und genoß doch mit heiterem Sinne jede Minute, die ihr das Schicksal noch gewährte; sie fühlte ihre Jahre nicht. Thätigkeit war noch bis zuletzt ihre liebste Freundin. Mechanische Arbeiten wechselten bei ihr mit künstlerischen und geistigen ab: sie fegte täglich selbst ihre Stube aus, machte eigenhändig ihr Bett, sorgte ohne fremde Beihülfe für ihre Garderobe und zeichnete und malte dazwischen Blumen- und Fruchtstücke nach der Natur oder machte sich Auszüge aus interessanten und lehrreichen Büchern. Dabei war ihre Lebensweise eine überaus einfache. „Alles Ueberflüssige, Ueppige, Verweichlichende, Luxuriöse,“ heißt es in dem oben erwähnten Nekrologe, „mochte sie nicht und hielt es fern von sich; ihren Begriffen nach war Vieles überflüssig und verwöhnend, was Andern für ganz unentbehrlich galt. – In größere Gesellschaften ging sie nicht: bei Zweien und Dreien, und wo Alles einen ungezwungenen, ungekünstelten, herzlichen Ton und Zuschnitt hatte, fühlte sie sich am wohlsten. Dem Volke und allen den Lebenskreisen, in denen Sitteneinfalt, Natürlichkeit, Unverschrobenheit und Aufrichtigkeit herrschten, war sie von ganzer Seele zugethan. – Es ist außerordentlich, wie viel Gutes die Verewigte im Stillen gethan hat; bei allen Gelegenheiten, wo es einen edlen und schönen Zweck zu fördern galt, war sie unter den willigen und fröhlichen Gebern stets voran. – Sie hatte sich redlich erworben, was sie in ihrem Tagebuch als das Beste bezeichnete, das sich der Mensch in diesem Leben erwerben könne, nämlich ein ruhiges Zurückschauen auf die Vergangenheit.“

Wie über ihrem ganzen Leben, so schwebte auch über Christophinens letzten Jahren verklärend und erhebend das Andenken an ihren großen Bruder. Aber ihrem bescheidenen, stillen Sinne lag nichts ferner, als in Schiller’s Ruhmesglanze sich selbst zu sonnen und mit seiner Größe zu prunken. Aus eigenem Antriebe sprach sie nur selten von ihm; wenn aber die Rede auf ihn kam, dann leuchteten ihre Augen in jugendlichem Feuer und die Freude über den Herrlichen röthete ihre Wangen.

Ihr Ende war ein sanftes und schnelles. Am Nachmittage des 30. August 1847 erfreute sie sich noch im Theatergebäude an einem dort ausgestellten neuen Bilde. Als sie sich am Abend unwohl fühlte, begab sie sich frühe zu Bett und gestattete, daß eine Wärterin die Nacht über neben ihrer Schlafkammer wache. Ruhig vergingen diese letzten Stunden im Leben der edlen Frau; nur daß sie einige Male über Bangigkeit klagte und das Vaterunser betete. Gegen Morgen fand man sie todt im Bette. Ein Schlagfluß hatte ihrem Leben wenige Tage vor ihrem neunzigsten Geburtstage ein Ende gemacht. Im Tode soll sie ihrem Bruder sehr ähnlich gesehen haben. Daß dies aber im Leben kaum der Fall gewesen sein kann, dafür dürfte das diesen Zeilen beigegebene Portrait Christophinens sprechen, dessen [332] lebensgroßes Original, von Ludovika Simanoviz in Oel ausgeführt, sich im Besitze des Herrn Karl Krieger zu Möckmühl in Württemberg befindet; es stellt Schiller’s Schwester, noch jugendlich und mädchenhaft, in weißem Anzuge mit blauem Besatze und lockigem, von einem himmelblauen Bande durchflochtenem Haare dar. Unser Holzschnitt ist nach einem Stahlstiche wiedergegeben, welcher das jüngst erschienene schätzenswerthe Buch „Schiller’s Briefwechsel mit seiner Schwester Christophine und seinem Schwager Reinwald, herausgegeben von Wendelin von Maltzahn“ (Leipzig, Veit u. Comp.) ziert. Diesem vortrefflichen Werke des bekannten Lessingherausgebers, das allen Schillerverehrern hiermit auf’s Wärmste empfohlen sein möge, verdanken wir auch zum größten Theil die oben mitgetheilten Einzelheiten aus dem Leben dieser liebenswürdigen Frau. Maltzahn empfing die Briefe meistens schon im Jahre 1858 von der am 25. November 1872 verstorbenen Freifrau Emilie von Gleichen-Rußwurm, der jüngsten Tochter Schiller’s (siehe Gartenlaube 1874, Nr. 43).

Nicht weil Christophine die Schwester Schiller’s war und weil sein erlauchter Name ihr Leben verklärte – denn das war ein Geschenk des blinden Glücks – nein, weil sie zu ihrem Theil dazu beitrug, daß unser Schiller das wurde, was er zu unser Aller Heil geworden, weil sie, Geist von seinem Geiste, mit ihm strebte und kämpfte, mit ihm bangte und litt und in sanfter Weiblichkeit und zarter Seeleninnigkeit den gewaltigen, oft unbändigen Genius in ihm erziehen half – weil sie das Alle that in Stille und Einfalt und ohne sich ihres reichen Antheils an der Größe ihres Bruders bewußt zu werden, darum wird Christophine im Andenken ihrer Nation fortleben als eine der besten unter den deutschen Frauen, deren köstlichste Merkmale immerdar diese zwei waren: fromme Sitte und Bescheidenheit.




Die Stufen der menschlichen Freiheit.
Ein Pfingstwort an das deutsche Volk.
Von Franz von Holtzendorff.


Goethe hat darauf aufmerksam gemacht, wie verschieden die Vorstellungen sind, welche mit dem zauberhaften Worte der Freiheit verbunden werden. Das sehnsuchtsvolle Lied „Freiheit, die ich meine“, würde, wenn nicht das Versmaß uns den Tonfall vorzeichnete, wahrscheinlich mit dem stärksten Accent auf Ich von der Mehrzahl gesprochen werden. Manchen Wörtern ergeht es wie den Scheidemünzen, die am häufigsten von Hand zu Hand gehen, und durch die Alltäglichkeit des Gebrauchs die Deutlichkeit ihres Gepräges verlieren. Bis vor hundert Jahren bedeutete Freiheit in der Sprache der Gelehrten vorwiegend soviel wie „Privilegium“, eine besondere Auszeichnung gewisser Personen und Stände, zumal des Adels und der Geistlichkeit. Die ständische Gliederung der mittelalterlichen Gesellschaft beruhte auf den „Freiheiten“ der Fürsten, Grafen und Ritter, der Corporationen und Zünfte. Es wimmelte die alte Zeit von Freiheiten, ohne daß es eine staatsbürgerliche Freiheit gegeben hätte.

Als die Aufklärungsperiode ihr Werk begann, forderte die Welt in den Schriften der Dichter, in den Liedern der Sänger, auf den Schlachtfeldern von Nordamerika, in den Straßenkämpfen der Revolution, die Freiheit der Völker und der einzelnen Menschen. Eine neue Staatslehre war aus dem Bruche mit den staatlichen und kirchlichen Ueberlieferungen entsprungen; die Menschenrechte der Freiheit und Gleichheit erklangen wie eine Auferstehungsmelodie durch das Zeitalter, welches zu Ehren des Zopfes den Nationen den Krieg erklärt hatte. Dem Erbrechte der geschichtlichen Thatsachen, der Unfreiheit der Bauern, der Verkümmerung des Bürgerthums, den Anmaßungen der privilegierten Classen stellte sich damals der Satz entgegen: „Frei ist der Mensch geboren, unverjährbar ist dieses Recht seiner Natur, obwohl durch Fürsten und Regierungen zerstört oder gefesselt. Freiheitsfeindlich ist der Staat, der mit seiner Allmacht die natürliche Freiheit des Menschen eigennützig verdirbt.“ Selbst heute noch ertönt dieses Klagelied von der freiheitsfeindlichen Allmacht des Staates in mancher Kanzelrede nach. Seit beinahe neunzig Jahren kämpft Frankreich in seinen Verfassungswirren für die Durchführung dieses Gedankens. Auf den Trümmern der niedergerissenen Staatsmacht soll die Freiheit der entfesselten Gesellschaft errichtet werden. Noch immer stehen die meisten Franzosen unter dem Banne des Wahnes, daß eine schwache Staatsregierung für die Freiheit der Völker wünschenswerth sei.

In Deutschland ist die Wissenschaft während desselben Zeitraumes, nachdem sie eine Zeitlang den französischen Meistern gefolgt war, zu einer ganz andern Grundanschauung über das Verhältniß zwischen Staat und Staatsbürgern gelangt. Jener glückliche Naturzustand angeborener Freiheit besteht nur in der Glaubenslehre für jene zwei ersten Menschen, die nicht geboren waren, sondern fertig geschaffen das Paradies beherrschen sollten. Aus geöffneten Hünengräbern, aus entdeckten Gebirgshöhlen, in ausgegrabenen Torfmooren und in den bloßgelegten Pfahlbauten der Seen entziffert die wissenschaftliche Forschung den Satz: In der Geschichte begegnet uns der Mensch zuerst im Zustande der Unfreiheit und Unvollkommenheit, im Kampfe um sein Dasein mit der Natur, als Barbar, dessen Keule überall über dem Haupt des Schwächeren schwebt.

Langsam wirkte das Werk der Erziehung, welches den Menschen allmählich in jene harte Schule der Freiheit führte, welche den Namen des Staates trägt. Die erste Ursache aller höheren Gesittung und Freiheit ist die durch einen bereits geläuterten Naturtrieb bewerkstelligte Gründung staatlichen Gemeinlebens vermittelst der Unterordnung Aller unter eine herrschende Gewalt, welche den Schwächeren stützt, den äußeren Feind abwehrt, den Ringkampf mit widerstrebenden Naturmächten erleichtert, den Hausfrieden der Familie gegen die Pfeilspitzen räuberischer Nachbarn sichert.

Schon diese erste Großthat der langsam reifenden Menschheit ist aber gleichzeitig eine That der Selbstbschränkung für Diejenigen, welche sie vollbringen, das Werk einer höheren Anlage, welche manchen Naturvölkern fehlt. Um dauernd in der Gemeinschaft des Staates leben zu können, bindet sich der Mensch an einen begrenzten Flächenraum der Erde, an sein Gebiet, indem er auf das Wanderleben des dem Wilde nachstürmenden Jägers oder Heerden treibender Nomaden verzichtet. In den Früchten des Ackerbaues belohnt sich die Seßhaftwerdung der Völkerstämme. Auch auf der einfachsten Grundlage des Ackerbaues stehend, erscheint ein Staatsvolk unendlich höher, als jagende Horden oder herumschweifende Hirtenvölker. Es ist ein trügerisches Ideal jugendlicher Phantasie, wenn sie unter der Führung amerikanischer Romanschriftsteller in den Wildnissen der Urwälder sich ansiedelt und von Freiheit träumt. Der Geschichtsschreiber belehrt uns, um wie viel vollkommener trotz aller Bedrängnisse die ersten europäischen Ackerbauer an den Küsten des atlantischen Oceans gewesen sind im Vergleiche zu den „ glücklichen Wilden“, denen keine räumliche Schranke gezogen war. Eine Leben spendende Macht ist der Staat. Aus den spärlichen Ansiedlern, welche vor zweihundertfünfzig Jahren aus England, Holland und Frankreich nach dem nördlichen Amerika zogen, ist ein Volk von vierzig Millionen geworden, während die schrankenlos herumschwärmenden Indianerstämme heute nichts sind als zerstrümmerte und dem völligen Untergange verfallene Ueberreste eines verkommenen Geschlechts.

Der erste, uranfängliche Staat entlegenster Jahrtausende nimmt jeden einzelnen Menschen, der ihm als Staatsbürger zugehört, völlig für sich in Anspruch; zuweilen ist sogar, wie bei den Spartanern, die Familie nichts anderes als eine Züchtungsanstalt für Staatszwecke. Jeder Einzelne fühlt, denkt, handelt wie sein Nebenmann, gleichsam dauernd in Reih’ und Glied eingestellt während jener ewigen Kriege, die unter benachbarten Stämmen geführt wurden. Indem aber allmählich einzelne Staaten zur Uebermacht über andere gelangen, erwacht in den Staatsbürgern das Bewußtsein, daß sie nicht mehr ganz für den Staatszweck aufgeopfert zu werden brauchen. Es entsteht der [333] Unterschied in den Persönlichkeiten und Individuen, die Thätigkeit des Eigenwillens, die Gliederung der Gesellschaft, die Mannigfaltigkeit der Berufszweige und Gewerbe, die Theilung der Arbeit nach Anlage und Geschicklichkeit, die Schichtung der bürgerlichen Classen, die Doppelströmung von Oben und Unten, von Hoch und Niedrig, das Verlangen, daß an die Stelle des allein gebietenden Oberbefehls, der im Kriege nothwendig ist, die Mitbeschließung des Gesetzes zu friedlichen Zeiten als bürgerliches Recht der freien Genossenschaft anerkannt werde.

Wird diese Forderung nach hartem Ringen durchgesetzt, tritt an die Stelle des persönlichen Herrscherwillens der Mächtigen die Selbstgesetzgebung des Volkes, so beschreitet dieses in seiner Entwickelung eine zweite Stufe, diejenige der politischen Freiheit. In dem Worte Selbstgesetzgebung liegt aber wiederum eine weitere That der Selbstbeschränkung, zu der nur diejenigen Völker befähigt sind, welche die Kraft und den Willen haben, das sich selbst auferlegte Gesetz zu halten. Diese Entwickelung zur politischen Freiheit ist am klarsten im classischen Alterthume ausgeprägt, und zwar nach den beiden Richtungen der Entstehung und des Verfalls. Wie die einfachen, geraden und schönen Linien eines griechischen Tempelbaues treten uns die Bedingungen der politischen Freiheit bei Griechen und Römern anschaulich entgegen; eine Thatsache, die zu der Forderung führt, daß die in den modernen Culturvölkern leitenden Personen nothwendig mit dem Geiste des classischen Alterthums und seinen politischen Ueberlieferungen durch das Studium der alten Sprachen bekannt geworden sein müssen. Aus der Geschichte der Griechen und Römer ist die in ihrem Werthe unvergängliche Lehre zu begründen, daß die jeweilig mächtigsten Culturvölker auch die freiesten gewesen sind, daß aber die politische Freiheit zu Grunde geht, wenn jene Grundlage des zur Selbstbeschränkung und zum freiwilligen Gehorsam entschlossenen Rechtssinnes so weit schwindet, daß das gesetzgebende Volk sein eigenes Werk durch Willkür und Zügellosigkeit zerstört. Die politische Freiheit der Griechen und Römer ging außerdem zu Grunde, weil es diesen Völkern nicht beschieden war, zwei weitere Stufen der menschlichen Freiheit zu ersteigen, ohne deren Erreichung die politische Freiheit stets gefährdet bleibt.

Eine dritte Stufe der menschheitlichen Freiheit ist die wirthschaftliche Freiheit der Arbeit. Die vollkommensten Gemeinwesen der alten Geschichte beruhten auf Sclaverei, in welche zumal die Kriegsgefangenen versetzt wurden. Zwar bezeichnet die Sclaverei insoweit einen culturgeschichtlichen Fortschritt, als die allerrohesten Völker den überwundenen Feind einfach vernichten und dessen Schonung zum Zwecke der wirthschaftlichen Benutzung bereits ein höheres Verständniß und eine Mäßigung jener Leidenschaften verräth, von denen der Menschenfresser oder der blutgierige Barbar knechtisch beherrscht wird. Im weitern Verlaufe der Geschichte erweist sich aber die Sclaverei überall als ein schwerer Fluch, als Hemmniß höherer Gesittung. Sclaverei bedeutet nicht nur grausame Unterdrückung des Dienenden, sondern vielmehr Verderbniß der Herrschenden. Jede schrankenlose Gewalt über andere Menschen vernichtet das Pflichtgefühl der Herrschenden gegen das Gesetz und bringt dieses unter die Uebermacht des menschlichen Eigennutzes.

Aus der Christenheit ist die Sclaverei mit Ausnahme weniger Colonialstaaten verschwunden, obgleich das Christenthum unmittelbar kein Verdammungsurtheil darüber aussprach und trotz aller Rechtgläubigkeit nach der Entdeckung Amerikas christliche Staatsmänner die Negersclaverei wieder einführten, oder sogar heute den Gräueln des Kulihandels noch gleichgültiger zuschauen, als dies heidnischen Philosophen möglich gewesen wäre. In Europa vollzog sich seit dem Mittelalter schrittweise der Uebergang von der Sclaverei zur Hörigkeit, zur Leibeigenschaft, zur Gutsunterthänigkeit, zur Dienstbarkeit der ländlichen Arbeiter bis hin zur Befreiung der wirthschaftlichen Kräfte durch die neuesten Gesetzgebungen, wobei der Zusammenhang zwischen wirthschaftlicher und politischer Freiheit vorzugsweise in der englischen Geschichte deutlich ausgeprägt erscheint. Daß jene Befreiung langsam und allmählich vor sich ging, verbürgt ihre Gründlichkeit und Sicherheit. Und umgekehrt erklären sich die unverkennbaren Krankheitszustände mancher amerikanischer Staaten aus dem schroffen Sprunge von der Emancipation des Negers zur politischen Gleichberechtigung.

Wenn ein Volk wirthschaftliche Freiheit ohne Nachtheil ertragen soll, so muß es zuvor wiederum Selbstbeschränkung gelernt haben. Die dienende Classe muß gewillt und befähigt sein, an Stelle der ihr abgenommenen Zwangsarbeit durch freie Arbeit höhere Leistungen zu vollbringen und größere Werthe zu erzeugen. Nicht weniger, willkürlicher, unregelmäßiger, sondern fleißiger, sparsamer und treuer muß der freie Mann zu arbeiten gewillt sein, im Vergleich zum Sclaven oder Leibeigenen. Und andererseits muß auch in wirthschaftlich freien Ländern die begüterte Classe ihrer sinnlichen Genußsucht Zügel anlegen können. Wie jener englische Prinz in seinem Wappenschild das bekannte Wort hineinschrieb: „Ich diene“, so steht gleichsam an der Eingangspforte des kaiserlichen Palastes in Berlin geschrieben „Ich arbeite“.

Messen wir die Höhe unserer Entwickelung an dieser Forderung der allgemeinen Arbeitspflicht, so müssen wir bekennen, daß wir in Deutschland allen Grund haben, bescheiden zu sein und in uns zu gehen. Die Gesetzgebung des norddeutschen Bundes, welche uns mit Freizügigkeit und Gewerbefreiheit beschenkte, fand uns nicht in derjenigen Reife, welche die Besten unseres Volkes vorausgesetzt hatten. Das Kennzeichen wirthschaftlich freier Völker, welches darin besteht, daß die Arbeit als Ehrenschmuck des Mannes gilt, war vielfach bei denen abhanden gekommen, welche die höchste Tugend darin setzten, in möglichst kurzer Zeit für möglichst hohen Lohn möglichst schlechte Arbeit zu verrichten oder auch ohne Anstrengung im Börsenspiel reich zu werden.

Die vierte und höchste Stufe der menschheitlichen Freiheit ist religiöse Freiheit. Alle Völker der vorchristlichen Zeit waren wenigstens soweit, als die Volksmassen in Betracht kamen, in sittlicher Knechtschaft befangen. Sclaverei des inneren Menschen auf sittlichem Gebiete ist dann vorhanden, wenn dieser unter dem Bann des Aberglaubens oder aus Furcht vor dem Zorn der Gottheit den überlieferten Geboten der Priesterherrschaft blindlings gehorcht. Abergläubische Furcht beherrschte das Thun und Treiben der Griechen und Römer. Die Religion Mose war eine Religion der Furcht vor dem göttlichen Zorn, ein Glaube an Opfer und Ceremonien.

Angesichts eines in abergläubischen Vorstellungen befangenen Volkes liegt es nahe zu meinen, daß der ängstliche Furchtglaube durch naturwissenschaftliche Aufklärung oder verstandesmäßige Moralphilosophie vernichtet werden könnte. Wie aber Gottesleugnung nicht zur sittlichen Freiheit des Menschen führt, zeigt wiederum der Ausgang der griechischen Philosophenschulen in ewig mustergültiger Weise. Die Philosophie war im Alterthum eine größere, weiterreichende Macht, als bei uns. Trotz ihrer unsterblichen Verdienste vermochte sie nicht, den Zusammensturz und den sittlichen Verfall der alten Welt aufzuhalten.

Erst mit dem Christenthum trat das Princip der religiösen Freiheit in die Welt und zwar wiederum mit der Bedeutung der höchsten Selbstbeschränkung. An Stelle der Furcht vor ewigen Strafen tritt nun als tiefster Beweggrund des sittlichen Handelns jene Gottes- und Nächsten-Liebe, die unabhängig von Ceremonialvorschriften, Opfern und Kasteiungen, frei vom Buchstaben des Gesetzes und dem Machtgebot des Priesters, sich selbst schlechthin nach dem Vorbilde Christi an den Willen Gottes in freiwilliger Unterwerfung bindet. Zwar fordert auch das Christenthum Gottesfurcht, aber diese ist nichts anderes, als ehrfurchtsvolle Scheu des kindlichen Emporblickens. In der höchsten Liebe zu Gott wird immer die letzte Spur der Furcht getilgt sein.

Solche Völker, deren sittliches Leben in Familie und Staat von Priestern wesentlich mit den Motiven der Furcht vor ewiger Strafe beherrscht werden kann, haben auf den Namen der Freiheit keinen Anspruch; sie befinden sich, mögen sie heißen, wie sie wollen, im Zustande sittlicher Sclaverei oder auf der Stufe kindlicher Unreife; aber freilich stehen sie immer noch höher, als die Classe derjenigen, welche den Beruf zur sittlichen Freiheit selbst leugnen und in ihrem angeblichen Aufklärungswahne sittliches Handeln als Thorheit bezeichnen und auch den Geist von dem Naturgesetze der Materie beherrscht sein lassen. Trotz aller sogenannter Christlichkeit stand auch das Mittelalter in sittlicher Hinsicht niedriger als die besten Zeiten des heidnischen [334] Alterthums. Wenn dieses auch nicht die erhabensten Muster der Menschenliebe kannte, welche in den ersten Anfängen des Christenthums hervorleuchten, so fehlte ihm doch auch jene priesterliche Verfolgungswuth, welche durch Ketzerverbrennungen die Welt in Schrecken setzte und hinterdrein mit ruhiger Ueberlegung sogar menschenmörderische Inquisitionen heilig zu sprechen wagte.

Bis zum heutigen Tage bleibt die geschichtliche Wahrheit bestehen, daß ohne religiöse Freiheit in dem doppelten Sinne Unabhängigkeit der Völker von den Fesseln der Priesterherrschaft und außerdem der Selbstbeschränkung des Gewissens durch unmittelbare Hingabe an Gott weder wirthschaftliche noch auch politische Freiheit auf die Dauer Bestand haben könne. Der Name einer Staatsverfassung thut dabei gar nichts zur Sache. Wenige Gemeinwesen befinden sich in einem solchen Zustande politischer, religiöser und wirthschaftlicher Verwahrlosung wie die Mehrzahl der südamerikanischen Republiken.

Den bedeutsamsten Fortschritt auf der Bahn zur Befreiung unseres Volkes erkennen wir in der Reformation. Sie heißt in ihrem innersten Grunde: Selbstverwaltung der an die Nachfolge Christi gebundenen Gewissenspflichten ohne priesterschaftliche Vermittlung; allgemeines Priesterthum in Haus und Gemeinde; allgemeine Wehrpflicht in dem Gebrauch des Schwertes, das Christus nach seinen eigenen Worten zur Ueberwindung des Bösen in die Welt gebracht hat; Verwerfung jeder Stellvertretung in diesem Heerdienste der Liebe. Was bedeutet Priesterherrschaft Anderes als Stellvertretung Gottes in irdischen, des menschlichen Gewissens in göttlichen Dingen?

Freilich ist mit diesen Grundsätzen der in ihrer Jugendfrische aufleuchtenden Reformation fast nirgends Ernst gemacht worden. Wie man die Herrschaft des mittelalterlichen Papstthumes einen großartigen Fürstenstaat über die menschlichen Seelen nennen darf, so nenne ich die Glaubensherrschaft protestantischer Consistorien und ihrer theologisch verknöcherten Bekenntnißformeln den Feudalismus des kirchlichen Kleinstaatenthumes. Den innigen Zusammenhang zwischen religiöser und politischer Volksfreiheit hat insbesondere der Dichter des verlorenen Paradieses nachdrücklich hervorgehoben. Milton, in gleichem Grade fromm und freisinnig, sagte: „Ein Geistlicher, der sich blindlings und unbedingt auf Bekenntnißschriften verpflichtet, sollte seinem Vornamen als den ihm zukommenden Geschlechtsnamen das Wort ,Sclave’ hinzufügen!“ Und ein anderes Mal: „Ketzer ist auch derjenige, welcher zwar das an sich Richtige glaubt, aber nur aus dem Grunde, weil es ihm der Priester befohlen, ohne daß er selbst die Wahrheit geprüft hätte.“

Die Unvollkommenheiten der wirthschaftlichen und politischen Freiheiten im gegenwärtigen Zeitalter erklären sich wesentlich daraus, daß die Macht der in religiöser Ueberzeugung wurzelnden Gewissenspflichten und ihre Gewalt über das Volksleben von den gebildeten Mittelclassen am meisten verkannt wird. So schwankt die Welt zwischen dem Drucke der Priesterherrschaft und einer auf eine einseitige Verstandesschärfung hinarbeitenden, um das Gemüthsleben unbekümmerten Aufklärung, welche aus berechtigter Abneigung gegen das altkirchliche Formelwesen auch die religiösen Triebfedern der Menschheit verwirft. So geschieht es, daß Viele aus Haß gegen die Priesterherrschaft der thierisch magnetischen Kraft materialistischer Genußsucht verfallen und Andere aus Furcht vor einem alles Sittliche leugnenden Materialismus sich unter das schützende Dach einer verrotteten Priesterherrschaft zu flüchten suchen.

Nur solche Völker können niemals zurückfallen in politische Knechtschaft, denen der Glaube an ihre göttliche Bestimmung ewiges Leben spendet und damit die Befreiung wird von feiger Furcht vor den Gewaltmitteln der Unterdrückung. In den also befreiten Völkern wird die heilige Dreieinigkeit der politischen, wirthschaftlichen und sittlich-religiösen Freiheit immer mit und durch einander zusammenbestehen und in jedem Einzelnen die dreifache Pflicht der Selbstbeschränkung stets gegenwärtig und thätig erhalten: als Staatsbürger durch die Mitarbeiterschaft in der Uebung der vom Volke freiwillig zu übernehmenden Pflichten gesetzlichen Gehorsams; als Haushalter in der Mehrung der nationalen Geistesschätze, wobei jede Arbeit als ein Beitrag zu den Gemeingütern begriffen werden muß; als Weltbürger durch die Macht, welche in dem Gebote der Nächstenliebe ruht.

Das Maß und der Höhengrad der politischen Freiheit, deren ein Volk fähig ist, läßt sich durch geschichtliche Untersuchung ermitteln. Es entspricht durchaus der Stärke des im Volke vorhandenen Gemeinsinnes, dem Maße freiwilliger Gesetzlichkeit, der Tiefe seiner religiösen Beweggründe, dem Verständnisse für die Regel der Gegenseitigkeit der Dienstleistungen im wirthschaftlichen Leben. Nur in demselben Maße, als diese Befähigung zur Freiheit wächst, können die äußeren Machtmittel der Staatsregierungen ohne Gefahr verringert werden. Und alles Wachsen geschieht langsam. Anfangs unfrei geboren, wie jedes Kind noch heute völlig abhängig von seiner nächsten Umgebung, ist die Menschheit dem gewältigen Schulzwange des Staates unterworfen worden, um, durch die große Erzieherin Weltgeschichte fortgebildet, die Bedingungen ihres Wohlseins selbstständig erkennen und üben zu lernen.

Das geschichtliche beurkundete Zeugniß der Reife kann nur dasjenige Volk empfangen, welches gewillt ist, die Freitreppe zu dem Heiligthume seiner staatlichen Cultur aufzumauern aus der unzerstörbaren Zusammenfügung jener drei Stufen der politischen, wirthschaftlichen und religiösen Freiheit und keine dieser Stufen baufällig werden zu lassen. Dieser Wille, welcher gleich ehernen Bildsäulen von jenem edeln Roste der Ueberlieferung bekleidet sein sollte, den des Künstlers Auge mit Wohlgefallen betrachtet, besteht aber nur dann gegenüber den Gesetzen der Verwitterung, wenn wir alltäglich an der Mehrung und Erhaltung politischer, wirthschaftlicher, sittlich-religiöser Geistes- und Charakterbildung im Volke arbeiten und nicht lediglich darauf vertrauen, daß die Staatsregierungen allein oder Andere für uns in den Kampf ziehen zur Abwehr der unserm Volksleben feindlichen Mächte.

Rom und das Mittelalter können nicht lediglich durch die juristische Macht der Gesetzesparagraphen auf die Dauer überwunden werden; denn ähnliche Gesetze haben auch in früheren Jahrhunderten bestanden, ohne daß die Priestermacht daran zu Grunde gegangen wäre. Alles, was bis jetzt von staatlicher Seite gegen die Hierarchie unternommen wurde, bedeutet nur ein Vorpostengefecht. Der Entscheidungskampf wird nur in der Volksschule ausgefochten werden. Den endlichen Sieg verbürgt uns nur der heilige Geist, welcher durch die Seele des ganzen Volkes hindurchflammend und hindurchströmend auch auf dem religiösen Gebiete zum Befreiungskampfe treibt, um unser Volk zu einem reinen, formelfreien Christenthume emporzuheben.

Auf dem Punkte, wo wir stehen, überblicken wir hinter und vor uns die Schlachtfelder, auf denen die Schatten der Erschlagenen mit uns kämpfen für die Erstürmung jener Höhen, welche die schwer gepanzerten Schaaren der Herrschsucht, des Eigennutzes, der Heuchelei, sowie sämmtliche Abgötter der rohen und der verfeinerten Gewinnsucht besetzt halten. Ehe wir diese Höhen nicht gewonnen haben, kann auch Pfingsten nicht das liebliche Fest der Maien für Deutschland wieder werden. Und den Frieden der Menschheit bringt nur der germanische Nordwind, welcher auf den Flügeln eines reineren, menschheitlichen Glaubens den seelendorrenden Scirocco der römischen Priestermacht über die Alpen in seine Wüste zurückjagt.




Auf der Frankfurter Pfingstweide.

Die Wohnungsnoth der letzten Jahre hat sich auch auf die Thierwelt ausgedehnt. Zwar sind die in freier Natur sich herumtummelnden Geschöpfe Gottes nicht von diesem Theile der socialen Frage berührt worden, aber die in der Gefangenschaft lebenden Insassen des zoologischen Gartens zu Frankfurt am Main sind in Gefahr gewesen, obdachlos zu werden.

In den Jahren 1857 und 1858 hatten einige Thierfreunde Frankfurts einen zoologischen Garten in’s Leben gerufen, aber nur als bescheidenen Versuch auf gemiethetem Terrain. Das neue Institut erfreute sich des allgemeinsten Beifalls und trug wesentlich zum Entstehen ähnlicher Gärten in anderen Städten bei.

Die Erlangung eines Grundstückes, auf welchem die Anstalt [335] in bleibender Form neu errichtet werden könnte, wurde nach Bewältigung großer Schwierigkeiten erst im Herbste 1872 möglich, während die Miethe des alten Gartens bereits mit Ende desselben Jahres ablief. Es konnte indeß eine Verlängerung der Pachtzeit um ein weiteres Jahr erzielt werden. Das nun zur Verfügung der zoologischen Gesellschaft gestellte Terrain ist die in der Chronik der Stadt Frankfurt oft genannte Pfingstweide, welche seit dem Jahre 1848 historisch geworden ist. Die Behörden überließen diesen Platz, der einen Flächengehalt von etwa vierunddreißig Frankfurter Morgen hat, der zoologischen Gesellschaft auf neunundneunzig Jahre gegen eine sehr mäßige Pachtsumme. So sah sich nun die neue Gesellschaft einer ungewöhnlich schwierigen Aufgabe gegenüber; handelte es sich doch um nichts Geringeres, als die Errichtung eines in großartigem Style projectirten zoologischen Gartens in der verhältnißmäßig kurzen Zeit von etwa einem Jahre. Diese Aufgabe ist glänzend gelöst worden.

Nachdem nun sofort ein provisorischer Plan angefertigt worden war, unternahmen der zum Leiter des Baues ernannte Architekt Herr Lorenz Müller, der mit Herstellung der Gartenanlage betraute Stadtgärtner Herr A. Weber und der Director des Gartens Herr Dr. Max Schmidt eine größere Orientirungsreise, auf welcher sie zwölf Thiergärten und fünf Aquarien in Deutschland, Holland, Belgien und England besuchten. Sie fanden keinen Anlaß, an ihren früheren Entwürfen wesentliche Veränderungen vorzunehmen.

Als die Gesellschaft ihr neues Besitzthum antrat, diente dieses als Exercirplatz. Am 3. März 1873 geschah der erste Spatenstich. Nach rastloser Arbeit während des ganzen Sommers lichtete sich gegen den Herbst hin das Chaos ganz allmählich und erst an einzelnen Stellen. Die milde Witterung des Winters gestattete eine fast ununterbrochene Fortsetzung der Arbeiten, so daß am 9. Februar mit den Thiertransporten aus dem alten in den neuen Garten begonnen werden konnte. Wir müssen darauf verzichten, hier auf die interessanten Einzelheiten dieses Umzuges überzugehen, und begnügen uns, auf die Darstellung zu verweisen, welche der Director in der Zeitschrift „Der zoologische Garten“ gegeben hat.

Am 29. März des vergangenen Jahres wurde der neue Garten dem Besuche des Publicums geöffnet. War er auch noch nicht vollständig fertig gestellt, was bei der Kürze der Bauzeit (nicht ganz dreizehn Monate) nicht befremden kann, so bot er doch schon ein fast vollständiges Bild dar. Besonders waren alle Thiere so untergebracht, daß sie von den Besuchern bequem gesehen werden konnten. Im Laufe der nächsten Wochen vervollkommneten sich Bauten und Anlagen mehr und mehr; die vorläufigen Einrichtungen verschwanden, und es erscheint nunmehr Alles endgültig geordnet.

Doch machen wir eine Runde durch den Garten! Wir nehmen an, daß wir den Garten durch den nicht vollendeten – westlichen Eingang betreten. Der Weg führt uns zunächst an der vierzig Meter langen Fasanenvolière (Nr. 5 unseres Bildes) vorüber. In den einfachen, geräumigen Behältern aus Drahtgeflecht finden wir ein buntes Treiben der Vögel, deren prächtiges Gefieder von der grünen Anpflanzung sich freundlich abhebt. Mitten unter den Kindern der Tropen thront in stolzer Haltung unser deutscher Auerhahn.

Wenige Schritte führen uns zu dem Raubthierhause (7). In den an beiden Enden des sechszig Meter langen Gebäudes weit vorspringenden geräumigen Eckpavillons sehen wir ein Paar Löwen und ein Paar Königstiger von seltener Schönheit, welche auf hohen Felsengruppen malerisch gelagert sind und mit offenbarem Behagen die gewaltigen Glieder recken. Sie sind so zahm, daß sie sowohl von ihrem Wärter, wie auch dem Director des Gartens sich gern liebkosen lassen und, sobald sie derselben ansichtig werden, freundlich brummend herbeikommen und sich nach Katzenart am Gitter reiben. In den dazwischen liegenden Behältern finden wir Leoparden, Panther, Puma und wie die großen Raubkatzen alle heißen mögen. Weit vorspringende Dächer schützen die Thiere sowohl vor den grellen Sonnenstrahlen, wie dem Regen. Den Äußenkäfigen entsprechen in dem Innern des Hauses ähnliche geräumige Behälter, die sehr reinlich und wohnlich angelegt sind. Die Käfige sind untereinander durch ebenso einfache wie zweckmäßige Schiebevorrichtungen verbunden, so daß die Thiere leicht von einer Abtheilung in die andere gebracht werden können.

Unfern vom Raubthierhause, und wie jenes nach Süden gerichtet, befindet sich das Affenhaus (8), welches, aus einem Mittelbau und zwei Seitenflügeln bestehend, seinen Insassen einen ebenso freundlichen, wie gesunden Aufenthalt bietet. Es enthält drei ganz von einander geschiedene Abtheilungen, welche eine Trennung der Affenarten ermöglichen, so daß diejenigen, deren Haltung ähnliche Bedingungen erfordert, in dem gleichen Raume leben können. Wir finden hier beinahe hundert der übermüthigen Vierhänder, welche in den geräumigen Käfigen ihre Virtuosität im Klettern und Springen zu zeigen Gelegenheit haben.

Weiter gehend, gelangen wir an einer kleinen Colonie von Hunden edler Racen vorüber nach dem von einer künstlichen Ruine mit hohem Thurme bekrönten Hügel, dessen Abhänge den Mouflons, Gemsen und Yaks sehr naturgemäße Aufenthaltsorte bieten. Die Ruine enthält die Behausungen der Eulen, Thurmfalken und ähnlicher Vögel und bietet von einer breiten Bastion mit weit vorspringenden Erkern einen lieblichen Rundblick über den Teich und die benachbarten Theile des Gartens. Hier erhebt sich auch der mächtige zwanzig Meter hohe Thurm, der die Hochreservoire der Wasserleitung des Gartens trägt und dessen Plattform mittelst einer bequemen Treppe leicht zu besteigen ist. Die Aussicht, welche man hier genießt, lohnt die kleine Anstrengung reichlich; im Vordergrunde überblickt man die Stadt und den Main, umgrenzt von den Höhen des Taunus, Spessarts und Odenwaldes.

Ehe wir den Hügel verlassen, sei des vorerst noch unsichtbaren Baues gedacht, welchen er birgt, nämlich des erst im Rohbau vollendeten Seewasser-Aquariums. Dasselbe ist ganz im Boden versteckt und zwar derart, daß die hohe Halle des Besucherraumes von dem Gipfel des Hügels überragt wird. Nördlich neben der Bastion stürzt ein malerisch angelegter Wasserfall hoch herab und führt ansehnliche Wassermengen, zu weißem Schaume zerschlagen, dem Teiche zu. Auch diesem Theile der Anlage merkt der Besucher nicht die rasche Entstehung auf dem ebenen Exercirplatze an, denn der Hügel bildet eine natürlich scheinende Fortsetzung der benachbarten Höhen, und die Ruine erhält durch die zu derselben verwendeten alterthümlichen Steinhauer- und Schlosserarbeiten ein sehr „echtes“ Aussehen.

Das provisorische Maschinenbaus (12) zur Linken lassend, gelangen wir an dem für die Directorwohnung bestimmten Platze (13) vorüber nach dem Schmuckvogelhause (17). An seine Außenseite lehnen sich die in Eisen hergestellten geräumigen Flugkäfige, welche mit fließendem Wasser versehen und mit Sträuchern bepflanzt sind. Hier finden wir die buntgefiederten Bewohner aller Zonen vertreten, besonders aber Papageien in glänzenden Farben, welche sich schreiend und zwitschernd umhertummeln. Viele derselben sind soweit an das hiesige Klima gewöhnt, daß sie selbst den Winter über im Freien bleiben können, und haben durch zahlreiche Bruten den Beweis geliefert, wie außerordentlich wohl sie sich dabei fühlen. Das Innere des Hauses beherbergt in wohnlicheren Gebauern eine reiche Sammlung von empfindlicheren Vögeln, wie Pfefferfresser, Nashornvögel und andere mehr.

Dicht neben dem Vogelhause finden sich die Schweineparks (18). Hier ist das Schwein nicht das Thier, „welches seinen Namen mit Recht führt“. Vergebens sucht man nach einem Moraste, in welchem diese Dickhäuter schmutzbedeckt umherwaten; sie stehen auf reinem, festem Boden sauber und gefällig, und klares Wasser ist genügend vorhanden, um darin zu baden, so oft ihnen beliebt.

Wie aus Ironie zusammengestellt, finden sich in der nächsten Umgebung des Schweinehauses diejenigen Nager, deren Namen fälschlich mit „Schwein“ zusammengesetzt ist, nämlich die Meerschweinchen (22) und das Stachelschwein (20).

Wir werfen einen Blick auf einen zierlichen Drahtkäfig (18), der eine Sammlung prächtig gefärbter, meist amerikanischer Eichhörnchen beherbergt, und betreten dann das geräumige Gebäude, vor dem wir angelangt sind. Es ist das Elephantenhaus (19), welches mit verschiedenen Veränderungen und zweckentsprechender Vergrößerung aus dem alten Garten herüber genommen worden ist. Eine hohe, luftige, buntbemalte Halle

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Die Gartenlaube (1875) b 336.jpg

Der zoologische Garten in Frankfurt am Main.
1. Anfahrt. – 2. Casse. – 3. Gesellschaftshaus. – 4. Musiktempel. – 5. Fasanenhaus. – 7. Hausthierhaus. – 8. Affenhaus. – 9. Wasserthurm, Eulenhäuser, darunter Aquarium. – 10. Gemsen und Schafe. – 11. Hund. – 12. Maschinenhaus. – 13. Directorwohnung. – 14. Oekonomie. – 15. Gärtnerei. – 16. Kalkberg. – 17. Volière für kleine Vögel. – 18. Eichhörnchen. – 19. Elephanten und Cebra. – 20. Stachelschwein. – 21. Schweine. – 22. Meerschweinchen. – 24. Raubthierhaus. – 25. Büffel. – 26. Känguruh. – 27. Bärenhaus. – 28. Antilopen. – 29. Rennthierhaus. – 30. Kirche. – 31. Straußenhaus. – 32. Großer Teich. – 33. Futterplatz. – 34. Brücke. – 35. Teich für Fischfresser. – 36. Biber. – 27. Fischotter. – 38. Stelzvögel. – 39. Kameel. – 40. Lama. – 41. Dromedar. – 42. Wasservögel. – 43. Fontaine. – 44. Zebu. – 45. Wasserfall. – 46. Hafen.

[337] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [338] bildet den Besucherraum, um welchen sich die freundlichen Thierbehälter gruppiren. Eine besonders geräumige Abtheilung dient den mächtigen indischen Elephanten zur Wohnung, während in den übrigen Behältern ein kleiner afrikanischer Elephant, ein amerikanischer Tiger, sowie eine ansehnliche, zum Theil hier gezüchtete Zebrafamilie Platz gefunden haben. Jeder Stall steht mit einem ansehnlichen Laufplatz im Freien in Verbindung, der bei günstiger Witterung als Spazierraum dient.

Immer dem Umkreis des Gartens folgend, kommen wir zu dem Känguruhhause (26) und dem Bisonpark (25). Auf festem Steinboden schreiten die wuchtigen Prairiebewohner umher und das aus starkem Eichenholze gefertigte Gehege, sowie das zu ihrer Wohnung dienende feste Blockhaus sind ganz dem Körperbau und Charakter ihrer Insassen angemessen. Ihrem Parke gegenüber sehen wir nun die Raubvogelvolière (24), eine Reihe luftiger, von frischem Wasser durchströmter Gebauer. Auf spitzen, vielgipfeligen Basaltfelsen thronen ernst und regungslos die stattlichen gefiederten Räuber, den Vorübergehenden mit festem Blicke musternd.

Wenige Schritte bringen uns zu dem burgartigen aus grauem Stein erbauten Bärenhause (27), welches sich mit seinen beiden Thürmen imposant und doch freundlich von dem grünen Hintergrunde der dicht an demselben vorüberziehenden Allee abhebt. Die Bären sind in geräumigen, der Luft und dem Lichte frei zugänglichen Höfen untergebracht, in erfreulichem Gegensatze zu den düsteren, dumpfen Verließen, welche man noch hier und da für diese Thiere gut genug glaubt. An der Südseite führt eine bequeme Treppe auf eine breite Galerie, von der man nicht nur in die Tummelplätze der Bären hinabblickt, sondern auch eine lohnende Aussicht über den ganzen Garten genießt. Die unermüdlich kletternden braunen Bären, von denen das eine Paar seit Kurzem sich einer munteren Nachkommenschaft erfreut, bilden stets einen Anziehungspunkt für die Jugend, welche sich an dem drolligen Wesen der plumpen Gesellen ergötzt. Auch der seit sechszehn Jahren im Garten lebende Eisbär, sowie der seltene schwarze Andenbär mit weißer Zeichnung in Form eines Maulkorbes an der Schnauze wissen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken und ihren Antheil an Semmeln, Zucker und anderen Leckerbissen zu erhalten.

Von dem Bärenhause erstreckt sich eine geräumige Wiese, welche von einem Arme des Teiches (38) durchzogen ist und einer großen Anzahl von in- und ausländischen Reihern, Störchen, Flamingos etc. zum Aufenthalte dient. Sie erhält durch die bunten, zeltähnlichen, mit Halbmond und Roßschweifen geschmückten Behausungen für Kameel (39[WS 1]) und Dromedar (41[WS 2]) einen entsprechenden Abschluß.

Unfern davon erhebt sich das Antilopenhaus (38), bewohnt von einer ansehnlichen Sammlung der eleganten Kinder des Südens, bei welchen Kraft und Zierlichkeit in seltener Weise vereinigt erscheinen. Neben der mächtigen Elen Antilope, die an Größe und Form einem starken Ochsen ähnelt, schreitet die hellfarbige Säbel-Antilope mit den sensenförmig nach hinten gekrümmten, über einen Meter langen Hörnern und die rothbraune oder Nager-Antilope von der Größe einer Ziege, die einzige Vertreterin ihrer Art in den europäischen Thiergärten. Die indische Nilgau-Antilope mit den zierlichen schwarz und weißen Binden um die Fesselgelenke findet sich durch eine zahlreiche Familie in allen möglichen Altersstufen vertreten. Die meisten Antilopen sind im Garten geboren.

Gegenüber dem Antilopenhause befindet sich der Zebupark (44) mit ländlichen braunen Holzhäuschen; hier weiden die friedlichen indischen Buckelochsen.

Wir kommen nun an die Hirschparks. Unter einer großen Gruppe gewaltiger Bäume erheben sich ebenso malerisch wie zweckmäßig ein bescheidenes, schilfgedecktes Blockhaus und einige nette Rindenhäuschen, welche den Thieren als Wohnung dienen. Auf den geräumigen Rasenplätzen finden wir den Wapiti-Hirsch aus Canada, den Mähnen-Hirsch aus Indien, daneben seinen Landsmann, den zierlichen, schüchternen Schweins-Hirsch, den zierlich gefleckten Axis-Hirsch und die bunte Schaar des Damwildes.

Inmitten einer fast kreisförmigen Rasenfläche sehen wir einen freundlichen achteckigen Bau, das Straußenhaus (31). Eine hohe, luftige, mit Wandgemälden geschmückte Halle nimmt die Besucher auf. Sie ist rings von den Thierwohnungen umgeben, und wir finden hier den amerikanischen und afrikanischen Strauß, den neuholländischen Emu, den Helmkasuar aus Indien, sowie verschiedene indische und amerikanische Kraniche. Weiterhin gelangen wir an den Teich, der sich in einer Länge von hundertsechszig Metern, bei einer Breite von achtzig Metern, von Westen nach Osten ausdehnt. An seinem östlichen Ende erhebt sich der bereits erwähnte Hügel mit der Burg, welche sich freundlich in dem klaren Wasser spiegelt. Eine zierliche Eisenbrücke verbindet zwei scharf vorspringende Uferstellen mit einander, und ein unter derselben angebrachtes Drahtgitter scheidet, behufs zweckmäßigerer Haltung der Thiere, den Teich in eine größere und eine kleinere Abtheilung. Die Erstere belebt in buntem Gewimmel die Schaar der Schwäne, Gänse und Enten, indeß auf Letzterer die fischfressenden Vögel, als Pelikane, Möven, Cormorane etc. hausen.

An vorzüglichem Wasser ist der Garten reich. Dasselbe wird aus zwei in der Nähe des Maschinenhauses gelegenen, über sechszig Fuß tiefen Brunnen gewonnen, welche unten durch einen weiten Stollen mit einander in Verbindung stehen. Eine Dampfpumpe bringt das Wasser in das auf dem Thurm angelegte Hochreservoir, von dem aus dasselbe, mittels eines nach allen Seiten verzweigten Röhrennetzes, nach allen Theilen des Gartens und sämmtlichen Thierbehältern geführt wird. Durch Hydranten können die Gartenlagen bewässert, die Thierbehälter mit frischem Wasser versehen und alle Käfige und Stallungen gereinigt werden. Der Teich ist aus diesem Reservoire gefüllt worden, und durch täglichen Zufluß aus demselben wird das verdunstete Wasser ersetzt. Außerdem wird das Weiherwasser durch eine starke Dampfpumpe in Bewegung gesetzt. Es wird mittels des Wasserfalles dem Teiche zugeführt, durchfließt diesen und den Arm desselben, worauf es wieder zur Pumpe zurückkehrt. In Folge dessen strömt es Tag und Nacht gleichmäßig, wodurch es sich stets frisch und klar erhält.

Doch wir verfügen uns nun nach der Restauration, welche am westlichen Ende des Teiches auf einer langgestreckten Terrasse gelegen ist. Wie wir sogleich wahrnehmen, haben wir es hier mit einem provisorischen Gebäude zu thun; das eigentliche Restaurationshaus ist noch im Bau begriffen. Dasselbe wird in sehr bedeutenden Dimensionen aufgeführt werden und alle zu einem umfangreichen Wirthschaftsbetriebe erforderlichen Einrichtungen in großer Vollkommenheit enthalten. Außer drei sehr großen Sälen wird es eine Anzahl kleinerer Salons und Speisezimmer umschließen. Auf der Terrasse gönnen wir uns nach mühsamer Wanderung die wohlverdiente Ruhe und erfreuen uns an den Klängen der Militärmusik, welche zweimal täglich concertirt. Man genießt hier einen reizenden Blick über den Garten, dessen Hintergrund der Hügel mit der Ruine und dem Wasserfall bildet.

Im Ganzen darf der Garten als ein äußerst gelungenes Werk bezeichnet werden. Die Thierbehälter und Anlagen sind ebenso geschmackvoll wie zweckmäßig, und allerwärts bekundet sich der Eifer und die Hingebung, mit welchen die Einrichtungen ausgeführt worden sind. Das Publicum weiß auch wohl zu würdigen, was ihm in dem neuen Etablissement geboten wird, denn vom Tage der Eröffnung (29. März) bis zum Schlusse vorigen Jahres besuchten den Garten mit Ausschluß der Actionäre und Abonnenten 131,999 erwachsene Personen und 14,395 Kinder; 47,387 Personen benutzten die Tage, an denen Preisermäßigungen stattfanden, so daß sich die stattliche Gesammtziffer von 193,681 Besuchern ergiebt.

Zu einer so großartigen Anlage bedarf es großartiger Mittel, und diese zu beschaffen war in der Zeit nach dem allgemeinen finanziellen Krache keine leichte Aufgabe. Daß es der Gesellschaft gelungen ist, die zur Vollendung nothwendigen Summen zu erlangen, das dankt sie in erster Linie dem opfermüthigen, uneigennützigen Gemeinsinne der Bewohner Frankfurts. Das ursprüngliche Actiencapital von 500,000 Gulden ist durch die Herstellung des Gartens und der Gebäulichkeiten verbraucht worden, aber die Bürger der ehemaligen freien Reichsstadt hatten sich die Beschaffung des zur Herstellung des Restaurationsgebäudes noch fehlenden Capitals zur Ehrensache gemacht. Aus städtischen

[339] Mitteln wurden der Gesellschaft 350,000 Mark zur Verfügung gestellt, und weitere 550,000 Mark sind in etwa vierzehn Tagen gezeichnet worden.

So ist denn die Vollendung eines Unternehmens gesichert, das, den Zwecken der Wissenschaft dienend, zugleich für Jedermann eine Stätte der Erholung ist, auf welche Frankfurt wohl stolz sein darf und wie man eine ähnliche jeder größeren Stadt wünschen kann.




Hanne.
Zur Beherzigung für Viele.
(Schluss.)


„Ich legte mich in der Schulstube auf einige Bettstücke, vorgebend, daß ich unwohl sei und allein zu bleiben wünsche,“ erzählte die Großtante weiter. „Mein Aussehen bestätigte nur zu deutlich das Gesagte. Ohne daß ich den Wunsch aussprach, hielt die Mutter Winchen von mir fern – ich sah die Cousine nicht wieder, und am folgenden Morgen reiste sie ab.

Erst jetzt sagte ich meiner Mutter Alles. Das ließ sich ja nicht vermeiden und war bei mir in der langen ruhelosen Nacht zum festen Entschlusse geworden. Ob der Schlag mich noch so furchtbar traf, ob ich sehnlich wünschen mußte, von hier fort zu gehn, auf Nimmerwiederkehr, ich durfte es nicht. Aufgerichtet und mit gefalteten Händen saß ich die ganze lange Nacht hindurch und sah starr in’s Leere. In mir war Alles todt, als sei nur das Räderwerk zurückgeblieben und die Seele entflohen, verscheucht durch das schreckliche Wort: ‚Meine Braut ist Hanne längst nicht mehr.‘ –

Ja, ja, ich hätte fliehen mögen, weithin an das Ende der Welt, und niemals – niemals wiederkehren.

Es war eine helle Julinacht, und Mondlicht und Sonnenaufgang rangen mit einander, als noch Alles im festen Schlafe lag. Ich sah die alte Schulstube an, und die Wände und Bänke gaben mir den Blick zurück – wir verstanden einander. In diesen engen Mauern war ich geboren; hier hatte ich gearbeitet und mit dem Leben gerungen, seit der Vater gestorben, vor fast zwanzig langen Jahren schon. Ich mußte bleiben, mußte ferner die alte Mutter ernähren und geduldig ertragen, was Gott gesandt; wir durften nicht scheiden, die alte Schulstube und ich.

Ich lehnte den Kopf gegen den großen braunen Tisch, und eine weiche Ruhe kam über meine brennenden Gedanken. Ich wußte es, nur noch mein sterbliches Theil wirkte und schaffte fort – ich selbst war todt. –

Und am Morgen, nachdem Winchen abgereist, sprach ich mit der Mutter. Sie weinte leise und wollte mich an ihre Brust ziehen, mich trösten, aber ich schüttelte den Kopf und sah ihr fest in’s Auge. ‚Nun kein Wort mehr, Mutter, kein einziges! Wir müssen es tragen, und Gott wird Kraft geben, weil uns das Unglück schuldlos traf. Geh’ Du zu Hermann! Bring’ ihm den Ring und seine Briefe! Wozu fremde Leute einweihen?‘

Die alte Frau schluchzte laut. ‚Um des Himmels willen, Hanne, sprich nicht so unnatürlich ruhig, weine, weine, laß den Schmerz austoben! Du stirbst daran, wenn es so innerlich fortgährt. Zieh’ den Ring nicht ab, vielleicht –‘

Aber ich unterbrach sie. ‚Nein, Mutter, das wäre zu spät,‘ versetzte ich, ‚er muß jetzt die Cousine heirathen, wenn er will, daß ich ihn noch achte. Bitte, sprich nicht mehr davon!‘

Ich zog den Ring ab und überwand den heftigen Wunsch, laut heraus schreien zu dürfen, wie ich überhaupt im Leben immer gelernt hatte, das Nothwendige zu thun und nicht nach rechts noch links vom Wege mich verlocken zu lassen. Dann schrieb ich an Hermann, gab ihm sein Versprechen zurück und sagte, daß Alles verziehen sei. Als ich aber, am Fenster stehend, die Mutter fortgehen sah, meinen Ring und das ewig trennende Wort mit sich nehmend, da brach die mühsam behauptete Kraft. Eine zweite Ohnmacht folgte der ersten und ging über in ein Nervenfieber, das mich wochenlang an’s Krankenbett fesselte.

Meine Seele war stark geblieben, aber der Leib wäre fast erlegen. Ueber Eines half mir die Krankheit mit linder Hand hinweg, über das tödtlich schreckliche Mitleid der Bekannten. Als man mich wiedersah, da war die Sache nicht mehr neu, und ich sah auch zu hinfällig aus, als daß es Jemand gewagt hätte, mir noch Schmerz zu bereiten.

Winchen hatte nicht nach mir gefragt, Hermann dagegen jeden Tag; der Mutter war auch eine Geldsendung von unbekannter Hand zugegangen – natürlich von ihm. ‚Was sollte ich machen, mein Herzenskind?‘ fragte sie mit zitternder Stimme. ‚Du hättest keine Medicin bekommen, ohne dieses Geld.‘ Ich wendete mich ab. Das war bitter wie der Tod, aber – ich kannte es ja, was Leiden und Dulden ist. Ich war so grau, so alt geworden unter stetem Entsagen.

Und dann kam noch ein schrecklicher Tag, bevor wieder Alles im alten Geleise fortlief, der Tag, an welchem er und sie getraut wurden. Die Kirchenglocken klangen zu mir herüber, und ich saß mit gefalteten Händen am Fenster, regungslos, wie erstorben. Draußen spielte der Herbstwind mit welken Blättern, und so, ganz so sah es auch aus in meiner Seele. Die weißglänzenden Pappelblätter waren längst dahin; die Resede war verblüht und das Grün verweht – Alles, Alles todt.

Jetzt schwiegen die Glocken – nun sprach der Geistliche; nun wurde jener Eid geschworen, der mir das Herz brach. Ich drückte krampfhaft beide Hände auf die Brust – was konnte mir noch Schmerz bereiten, nun ich diese Stunde überlebt?

Und auch das ging vorüber, auch das trat zurück im ewigen Wechsel der Dinge. Ich unterrichtete wieder nach wie vor die kleinen Kinder im ABC; ich hielt ruhig die Tafel in der Hand, auf welche Winchen damals ihre Spielereien gezeichnet, und arbeitete fort wie immer. Nur sprach ich noch weniger, als sonst, und über meinem Haare lag es wie ein weißer leichter Reif.

So gingen Jahre hin, eintönig, ohne Unterbrechung wie ein Traum, den nur bisweilen eine Nachricht von draußen her unterbrach. Ich hatte weder ihn, noch sie wiedergesehen, aber fremde Leute sagten mir, daß es mit denn Geschäfte rückwärts gehe und mit Hermann’s Gesundheit noch mehr. Winchen war keine Hausfrau; sie hielt Dienstboten, gab Gesellschaften und putzte sich mehr, als es in ihren Verhältnissen angebracht war. Nachdem die äußeren Angelegenheiten schlechter und schlechter geworden, hatte Hermann sie freundlich gebeten, daß sie einlenken möge, so lange es noch Zeit sei, aber darauf folgten nur Thränen, Versprechungen und Schmollen ohne wirkliche Besserung. Was nicht ausbleiben konnte, das kam: die Gläubiger trieben ihn zum Concurs, und jetzt zerstörte der Gram den letzten Rest von Hermann’s Gesundheit. Er legte sich, um nicht wieder aufzustehen.

Das Alles erzählten mir geschäftig die Leute und glaubten vielfach sogar, etwas sehr Wohlthuendes, Tröstliches zu sagen, aber dennoch hielt ich die Sache für weniger arg, als es das Gerücht schilderte, bis eines Tages von Winchen ein Brief kam, in dem sie mich bat, für Hermann zu sorgen; es fehle ihm auf seinem Todtenbette am Nöthigsten. ‚Schaffe ihn in das Krankenhaus, Cousine!‘ schrieb sie, ‚bezahle noch Einen Monat – dann ist Alles vorüber. Mich wirst Du nicht sehen – dessen sei sicher!‘

Mir flimmerte es vor den Augen. Ich schluchzte laut, seit Jahren zum ersten Male. Wie mit einem Zauberschlage war die ganze Vergangenheit wachgerufen – Alles, was in mir geschlafen hatte, regte sich zu neuem Leben. Die Mutter sah mich fragend an; sie begriff nicht, was es sein konnte, das so heftige Wirkung hervorbrachte. Ich warf mich schluchzend in ihre Arme. ‚Lies, Mutter, lies! – Was sollen wir jetzt thun?‘

Da sah sie zu mir empor, nachdem ihr Blick den kurzen Brief überflogen. Ihre Stimme klang unsicher, und die Hand bebte, daß das Papier zu Boden fiel.

‚Hanne, Dein Stübchen liegt nach Süden – was meinst Du? – Wir holen ihn.‘

Ich antwortete nicht, aber meine Arme umschlangen sie fester, und unsere Thränen vermischten sich. Wie viel hatten wir Beide mit einander ertragen! Wie fest und treu ist der

[340] Boden des Rechten, Ehrenhaften, und wie selig das Bewußtsein erfüllter Pflicht!

‚Aber wirst Du es ertragen, Hanne,‘ fragte sie leise, ‚daß Winchen mit ihm hierherkommt? – Sie ist seine Frau und – es geht auch nicht anders, der Leute wegen.‘

Ich lächelte unwillkürlich. ‚O Mutter – das ist todt,‘ antwortete ich. ‚Das gehört zu den Heiligthümern, die man, einmal entweiht, nicht wieder anbeten kann. Nein, nein, Winchens Anblick, oder der einer andern Frau, das ist gleichviel, aber – Hermann soll nicht hülflos sterben.‘

Ich schrieb an die Cousine, daß ihre Gegenwart für alle Verhältnisse unerläßlich sei, und bat sie, mir zu bestimmen, wann ihre und ihres Mannes Uebersiedelung in unser Haus stattfinden könne. Für die ersten dringendsten Bedürfnisse legte ich auch stillschweigend etwas Geld bei, und erwartete nun mit fast angstvoller Spannung ihren Brief. Als er eintraf, zeigte sich’s, daß Winchen noch dieselbe war, wie vor drei Jahren, liebenswürdig und kindlich gehorsam, aber ganz unselbstständig.

‚Da Du es befiehlst, Consine, so werde ich kommen,‘ schrieb sie. ‚Aber – wenn Du mir helfen wolltest, Hermann zu Euch zu bringen, das wäre so gut von Dir. Ich verstehe mich darauf nicht, und er ist so eigen geworden, man kann ihm nichts recht machen. Ach, Cousine, wie traurig ist das Alles!‘

Ich fühlte, wie mir das Blut heiß zum Herzen strömte, und daß es ein schweres Opfer sei, welches die Cousine von mir heischte. Alle Bewohner des Städtchens kannten meine Jugendgeschichte. Alle wußten, wie tief er mich damals gekränkt, und jetzt, jetzt sollte ich sein Haus betreten, der öffentlichen Meinung so ganz und gar trotzen, die Blicke der Menschen in Erstaunen und Mißfallen auf mich lenken?

Fast glaubte ich, daß es unmöglich sei, aber dann siegte doch die feste, ruhige Ueberlegung, welche mich in keiner Lage des Lebens verließ. Hermann war sterbend – das änderte Alles.

Wieder pflückte ich Resede von demselben alten Beete, wie vor drei Jahren, und einen Zweig von der Silberpappel dazu. Mein kleines Zimmer wurde frisch gescheuert; die Vorhänge wurden weißgewaschen und Blumen auf den Tisch gestellt – er sollte sich angeheimelt fühlen von dem ersten Eindrucke. Und wunderbar genug – ich war glücklich an diesem Tage. Ein Etwas von dem bräutlichen Gefühle der Jugend kam noch einmal zu mir zurück, aber reiner, verklärter durch die Wunschlosigkeit und den Abschluß aller irdischen Hoffnungen, angesichts des offenen Grabes. Er würde sterben unter meiner Pflege, dachte ich, die Schatten zwischen Seele und Seele würden sich lichten, bevor er von mir ging, und dann war ich versöhnt mit Dem, der meines ganzen Denkens Mittelpunkt gewesen von jeher.

Wieder wehte der Sommerwind den Blumenduft in’s Fenster hinein; wieder war’s im Juli, und, das Herz voll stillen Friedens, ging ich durch die Stadt, um Hermann zurückzuholen in unser Haus, anders, ach so ganz anders, als ich vor drei Jahren hoffte, aber doch nicht trostlos, nicht verzweifelt. Ich hatte mich hindurchgerungen und das bessere Selbst mir erhalten. Jetzt erst fühlte ich den Segen des Kampfes, der damals meine Seele zerriß. Aber dennoch kostete es mir Ueberwindung, das Haus zu betreten, in welchem Hermann wohnte. Ich ging durch den leeren Laden, dessen Inhalt in öffentlicher Auction verkauft worden war, und durch das Wohnzimmer, aber nirgends fand sich ein Einrichtungsstück, Alles war öde und leer.

Meine Thränen flossen unaufhaltsam, als ich jetzt an eine dritte Thür klopfte. Ich wollte keinen Augenblick verlieren, den Unglücklichen aus dieser trostlosen Umgebung fortzubringen, hin in mein sauberes sonnenhelles Zimmerchen, wo die Blumen blühten und die Nachtigallen sangen. Kein Zaudern – ich durfte an mich nicht denken. Beim leisen Geräusche meiner Hand regte sich drinnen im Zimmer ein Frauenkleid, und die Thür wurde zögernd geöffnet. Winchen stand auf der Schwelle, noch so schüchtern, so kindlich bittend wie damals. In ihren großen braunen Augen glänzten Thränen. ‚Cousine – Du bist so gut,‘ flüsterte sie.

Ich sah an ihr vorüber; ich weiß nicht, was ich dachte und fühlte, aber das Herzklopfen raubte mir beinahe den Athem. ‚Schnell, Winchen!‘ sagte ich, mit äußerster Anstrengung sprechend, ‚der Wagen wartet. Wo ist Hermann?‘

‚Hanne!‘ rief leise, hinter der Thür, die noch offen stand, eine schwache, kaum vernehmbare Stimme, ‚Hanne, Du kommst selbst?‘

Und nun hatte ich mich wiedergefunden; nun wußte ich, daß mein Gesicht keine Aufregung zeigen durfte. So ruhig, als sei nichts geschehen, ging ich Hermann entgegen.

Er saß in einem Lehnstuhl, dem einzigen, der vorhanden war – und bot mir wortlos die Hand. Hätte ich noch Zweifel gehegt, so müßte sein Anblick dieselben vernichtet haben; er glich in keiner Weise mehr dem Bilde früherer Tage, sondern trug den Stempel des nahen Todes unverkennbar auf allen Zügen. Nur die Augen erkannte ich – Hermann’s blaue gute Augen – sonst war Alles trostlos verändert. Winchen wandte sich ab, als er mir stumm, wie bittend, die Hand reichte. Ihre frischen Wangen waren aschbleich geworden unter dem Eindruck dieses Wiedersehens.

‚Wie geht Dir’s, Hermann?’ fragte ich endlich, unter der inhaltlosen Phrase die Qual des Augenblickes vergessend. ‚Du mußt Dich aufraffen, alles Schlimme vergessen, und frischen Muth schöpfen. Komm’, wir wollen von hier fort. Die Mutter erwartet uns; es wird noch Alles gut werden.‘

Er klammerte sich fest an meine Hand und schüttelte dann leise den Kopf. ‚Sag’ das nicht, Hanne! Du selbst glaubst es nicht, und mir wäre es eine trübe Botschaft. Aber – Gott segne Dich, Hanne! Hanne, Gott segne Dich!‘

Und nun konnte ich es nicht verhindern, trotz aller Mühe, daß doch die verrätherischen Thränen wieder über meine Wangen herabrollten. Aber ich schüttelte sie fort – ich wollte stark sein um jeden Preis.

‚Komm’, Winchen,‘ wiederholte ich, ‚wo ist Hermann’s Winterrock? Wir müssen eilen, weil der Kutscher wartet. Packe Alles zusammen, was mitgenommen werden soll!‘

Hermann und sie sahen einander an. Endlich antwortete er mir. ‚Wir haben gar nichts behalten, Hanne, selbst das Wenige, was Du hier siehst, gehört fremden barmherzigen Menschen. Was man uns gelassen, das mußte aus Noth verkauft werden.‘

Ich erschrak nicht, obwohl sich Hermann’s todtblasses Gesicht momentan mit Purpur überzog, als er die demüthigenden Einzelheiten berichtete. ‚Nun wohl,‘ rief ich hastig, ‚so geht die Sache desto leichter! Nimm mein Tuch, Hermann! Es ist schwarz und thut Dir Noth, weil Du lange nicht hinausgekommen bist. So, wir legen es viereckig, dann wundert sich Niemand.‘

Seine Hand glitt leise an dem fadenscheinigen Gewebe herab. ‚Dein Tuch,‘ flüsterte er, kaum hörbar, ‚Dein Tuch! Du hattest es schon als Kind, Hanne.‘

Und dann verhüllte er die Augen, erschüttert bis in’s tiefste Herz hinein. Ein krampfhafter Hustenanfall ergriff ihn, so daß er sich an meinem Arm festhalten mußte, um eine Stütze zu finden. Das Ende mußte sehr nahe sein, da alle Kräfte erschöpft schienen.

Winchen sah zum Fenster hinaus; ich legte meine Hand auf Hermann’s Stirn, um ihm Erleichterung zu gewähren. Erst lange nachher fiel mir ein, daß ich, ohne selbst daran zu denken und wie unwillkürlich, ihren Platz mir angemaßt, als müsse das so sein.

Nachdem sich der Anfall gelegt, brachten wir mit Hülfe des Kutschers den Kranken hinunter in den harrenden Wagen, und kaum eine halbe Stunde später lag er, gut gebettet, in meinem sauberen, blumendurchdufteten Zimmer. Winchen hätte jetzt einen Theil der Pflege oder doch einen Theil meiner täglichen Verpflichtungen übernehmen müssen, weil die Sorgen für mich so bedeutend vergrößert worden waren, aber daran dachte sie nicht, und als ich’s ihr zögernd sagte, da zeigte sich, daß sie in den drei Jahren des Kummers nichts gelernt und nichts vergessen hatte. Winchen war unfähig, mir meine Pflichten zu erleichtern, und so kam es, daß sehr bald die alte Mutter am Krankenbett saß, während ich unterrichtete, und daß die Cousine dann las oder müßig im Garten umherschlenderte, zuweilen sogar mit einem großen, besonders gelehrigen Pudel der Nachbarin ganz vergnügt spielte.

Hermann vermißte sie nicht, und wir Beide zeigten dem sterbenden Manne niemals eine verdrießliche Miene; er erfuhr [341] nicht, daß ich fast jede Nacht bis zwei Uhr arbeiten mußte, um nur Alles zu bewältigen, was sich anhäufte. Nur als eines Tages die Cousine fortgegangen war, und als später, anstatt ihrer, ein Brief kam, der uns ein kurzes Lebewohl sagte, da konnten wir ihm dies letztere Ereigniß nicht verschweigen, aber es machte, ganz gegen meine Befürchtungen, auf ihn keinen betrübenden Eindruck.

‚Das arme Kind!‘ sagte er mit abgewandtem Gesicht; ‚ich habe ihr keine Zeit gelassen, über das eigene Empfinden sich Rechenschaft zu geben. Malwine war mir dankbar und hielt vielleicht etwas von mir, aber – geliebt hat sie mich nie.‘

Diese Worte machten mich einen Augenblick lang fast muthlos. Also vergeblich, ganz vergeblich das ungeheure Opfer! Das Schicksal hatte Alle zugleich betrogen.

‚Was schreibt sie?‘ fragte Hermann.

Ich raffte mich gewaltsam auf und reichte ihm den Brief. Der arme Sterbende sah nicht, was in mir vorging. Für ihn hatte ich immer ein ruhiges Antlitz.

Malwine schrieb, daß sie es nicht ertragen könne, so thatlos anderer Leute Brod zu essen, daß sie Hermann geborgen wisse und selbst in der Residenz ihr Schicksal zu befestigen suchen werde. ‚Ihr seid mich gern los,‘ schloß sie den Brief: ‚und ich gehe lieber – wollte Gott, wir wären einander nie begegnet!‘

Das war Alles: kein liebevolles Wort, keine Bitte, kein Gruß fand sich mehr. Hermann ließ das Blatt aus der Hand fallen und lag stundenlang regungslos, als sei das Leben schon entflohen. So hatte ihn diejenige, um deren willen er die Ruhe seines Gewissens für immer verscherzt, jetzt auf dem Sterbebette kaltblütig verlassen, ohne auch nur ein flüchtiges Bedauern zu empfinden. Auch mit mir sprach er nicht weiter darüber, nur die wenigen Worte voll schwerwiegender Bedeutung hörte ich von ihm: ‚Hanne, Du bist gerächt.‘ –

Sein Ende nahte mit schnellen Schritten heran. Er wußte es und war damit innig zufrieden. Wir behielten Zeit genug, uns gegeneinander auszusprechen, bevor der Tod mit leiser Hand die müden Augen schloß; ich durfte ihm noch, bereuend aus voller, geläuterter Seele, eingestehen, daß ich die schroffe eigensinnige Härte von damals längst erkannt, daß ich seitdem demüthig und sanft geworden.

Und als dann der letzte Kampf herannahte, im September an einem Sonntagmorgen, während die Kirchenglocken leise verhallten, da bettete ich zum ersten Male wieder Hermann’s theures, geliebtes Haupt an meine Brust, da schlang ich die Arme um den Mann meiner Jugend und flüsterte ihm von einer Liebe, die über Grab und Tod hinaus von Seele zu Seele unvergängliche Bande webt, Zeit und Ewigkeit leise vereinend.

Er ist lächelnd gestorben, versöhnt mit sich und Eins mit mir, während der Wind das gelb gewordene Sommerlaub spielend emportrug, und die Kirchenglocken verklangen, jetzt, wo unsere Seelen vermählt waren für die Ewigkeit, im schöneren, heiligen Sinne des Wortes.

Mir war es, wie wenn mein Hochzeitstag gekommen, doch und doch nach langem, schwerem Traume. Ich habe Hermann in den Sarg gelegt, ohne zu weinen.“


So erzählte die Großtante.

Der Regen hatte aufgehört, und die Sonne schien goldig herab auf den Maienglanz der verjüngten Schöpfung. In der Linde vor dem Fenster sangen die Spatzen mit leisem Zwitschern ein Liebeslied.

Mathilde sah es nicht, daß in der offenstehenden Thür des Nebenzimmers ein junger Mann lehnte und sie voll Zärtlichkeit anblickte, längst schon, ehe noch die Greisin geendet. In ihren Augen schimmerten helle Thränen, und ihre frischen Lippen drückten sich auf die welke Hand der Alten.

„Großtante,“ sagte sie leise, mit bebender Stimme, „ich danke Dir für das Opfer, welches Du mir gebracht. Ich will den Eigensinn zu bekämpfen suchen, und –“

Die Achtzigjährige erhob sich, das schluchzende Mädchen in ihren Armen emporziehend, und winkte lächelnd dem halbversteckten Lauscher.

„Sag’ es dem da, mein Liebling! Er wartet schon lange auf ein freundliches Wort.“

Ueberrascht blickte Mathilde zur Thür und in die Augen Georg’s, der es doch nicht über sich vermocht hatte, „heute nicht wiederzukommen“. Jetzt breitete er stumm die Arme aus.

Die Vogelstimmen jubilirten im Chor, und an den Glücklichen vorüber verließ die Greisin unbemerkt das Zimmer. Sie wollte jetzt nicht lauschen, nicht wissen, was drinnen geflüstert wurde, zwischen Kuß und Kuß.
K. Horstemann.



Aus dem Bereiche des Postwesens.
I.

Alljährlich zu bestimmter Zeit – gleich dem Mädchen aus der Fremde – erscheinen inhaltreiche, nach einer festen Regel und nach den Principien der neueren wissenschaftlichen Statistik aufgestellte Uebersichten über den Umfang und das Wachsthum des Postverkehrs. Selbst ein Product emsiger und mühevoller Arbeit, welche von der obersten Reichs-Postbehörde in Berlin geleitet wird, stellen diese Uebersichten in einer Unzahl von Ziffern die noch gewaltigere Thätigkeit unserer Postanstalten für die rückliegende Jahresperiode dar, gewissermaßen ein in Lapidarschrift gefaßtes Zeugniß von der kaum übersehbaren Fülle geistiger und materieller Arbeit, welche auf den ausgedehnten Lebensgebieten eines großen Volkes rastlos und unaufhörlich sich vollzieht. Die Architectur dieser Zahlen, so unfaßbar sie anfangs dem unkundigen Auge erscheinen mag, ist doch kaum weniger kunstvoll als die Gliederung einer Spitzbogen-Façade venetianischer Paläste, die sich im Wasser der Lagunen spiegelt, oder als die Filigranstructur der gothischen Dome und Hallen Flanderns. Wie jene schlanken Pfeiler und durchbrochenen Thürme, welche den Reichthum und die glänzende Farbenpracht ihres Zeitalters den Nachkommen in so unvergänglichen Zügen überliefern, zum Himmel emporragen, so bekundet die aufsteigende Linie dieser bedeutsamen Ziffern in nicht weniger monumentaler Klarheit den Aufgang und die Culturblüthe einer Nation, während da, wo niedrige Ziffern erscheinen, entweder ein Stillstand in der Entwickelung eingetreten ist, der auf den nahen Niedergang der Cultur schließen läßt, oder überhaupt die düsteren Schatten der Barbarei noch nicht vom Lichte der Bildung und Gesittung verscheucht worden sind. Beim Anblicke dieser das Leben selbst in seinen zahllosen Verästungen darstellenden Ziffern wird man des Goethe’schen Wortes eingedenk, mit dem Mephistopheles die Gedankenarbeit charakterisirt:

„Wo Ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schifflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

Der Tritt, welcher tausend Fäden regt, ist hier der Gedanke und sein Ausdruck: das geschriebene Wort; die Schifflein sind die kaum von der Außenwelt wahrgenommenen Massen der Postsendungen, die in tausend Verbindungen herüber und hinüber fließen, geregelt von einem Schlage, dem Geiste des Fortschritts, dem Genius unaufhaltsamer Entwickelung, dessen Walten die Arbeit der Menschheit inspirirt.

In der That hat die Post einen schönen, herrlichen Beruf zu erfüllen, den nämlich: alle jene tausendfachen Fäden, welche die Menschen an einander ketten, zu knüpfen, zu erweitern und zu erhalten. Daraus ergiebt sich ihr hoher Werth vom allgemein menschlichen Standpunkte. Mit gleicher Gewissenhaftigkeit, gleicher Sorgfalt leiht sie ihre Dienste dem Gedanken des einsamen Forschers wie dem Pompe der großen Haupt- und Staatsactionen, der mühevollen Arbeit des Handwerkers ebenso gut wie der tollen Walpurgisjagd der mit Millionen spielenden Börse oder dem gewaltigen Massenverkehre der Handelsverbindungen und der Industrie; sie dient dem Bettler wie den Mächtigen der Erde; denn sie kennt weder den Unterschied der geistigen noch der materiellen Ueberlegenheit; sie achtet selbst das Kleinste nicht für zu gering.

Von diesem Gesichtspunkte aus ist dem durch die Post vermittelten [342] Briefverkehre mit Recht die Eigenschaft eines Culturwerthmessers beizulegen, und man wird bei den Schlüssen, welche sich aus den Briefziffern für den Kopf der Bevölkerung auf den Bildungszustand und die Culturhöhe einer Nation ziehen lassen, der Wahrheit sehr nahe kommen. Werfen wir hier einen kurzen Rückblick auf das Alterthum, so treten nur einzelne blendende Punkte hervor, auf denen hohe Culturentwickelung reifte, während auf den Umgebungen dunkle Nacht ruhen blieb. Selbst die Aegypter, deren Schreibseligkeit und Schreibgewandtheit aus zahlreichen Ueberlieferungen „hockender Schreiber“ auf ihren Monumenten hervorgeht, dürften kaum eine Briefzahl von 1,07 Briefen für den Kopf, die den Verkehr des heutigen Griechenlands für einen Bewohner jährlich darstellt, aufzuweisen haben; in Assur und Babylon hinderte schon der Charakter der Keilschrift die Entfaltung des Briefverkehrs, der sich noch bei den Persern, die ihre Courierpost wohl von China entlehnten, ausschließlich auf Zwecke der Staatsverwaltung beschränkte. In dem hochgebildeten Hellas war, abgesehen von dem lebhaften brieflichen Verkehre Athens mit seinen Colonien und Pflanzstädten, namentlich in Kleinasien, der schriftliche Gedankenaustausch wenig in Gebrauch; die meisten Nachrichten wurden durch mündliche Botschaften verbreitet, zu deren Ueberbringung schnellfüßige Tagesläufer, Hemerodromen, benutzt wurden. Die Namen der Sieger bei den olympischen und isthmischen Spielen ließ man durch Tauben, welche nach der Heimath zurückflogen, den harrenden Genossen melden. Das alte Rom, welches seine Verträge mit Gabii und Karthago mit eisernen Griffeln auf Ochsenhäute einprägen ließ, wußte nichts vom Briefverkehr, da Sclaven die nöthigen Botendienste ausführten; erst in der späteren Zeit der Republik findet man den Briefwechsel mit Täfelchen in Form von Diptychen (doppelten Tafeln) mehr ausgebreitet. Bekannt sind Cäsar’s Berichte aus dem Felde an den römischen Senat, eine Art antiker Feldpostbriefe, aus denen später die Tageszeitungen (acta diurna) entstanden; daneben war in dieser Zeit auch der private Briefwechsel sehr in Mode; der schreibselige Cicero sandte seinen Freunden von Tusculum, Horaz von Tibur und Lucull von Bajä zahlreiche Briefe, und bei Rangerhöhungen wurde ein glücklicher neugebackener Consul oder Prätor mit Visiten-Diptychen geradezu überschüttet. Der feinsinnige Martial gedenkt in seinen Epigrammen schon der Briefkärtchen (chartae epistolares) und rühmt ihre Erfolge in dem Distichon:

… „ob flücht’gen Bekannten, ob theuren Freunden gesendet,
Alle zu freundlichem Mahl ruft mir das Kärtchen herbei.“

Selbst hierin zeigte sich der Luxus des entarteten Roms; denn man führte schließlich sogar Diptychen von Elfenbein ein. Immer aber waren es nur die vornehmen oder die gelehrten Kreise, welche correspondirten, und es änderte sich hierin auch zur Zeit des Augustus, welcher die römische Staatscourierpost schuf, und Hadrian’s, der sie vervollkommnete, wenig. In dem Wirrwarr der Völkerwanderung gingen diese Culturkeime wieder unter, und es war, abgesehen von Karl’s des Großen Einrichtungen für den Botendienst, von einem Briefverkehre im heutigen Sinne im frühen Mittelalter keine Spur. Erst die oberitalischen und die südwestdeutschen Städtebündnisse, sowie die im dreizehnten Jahrhundert sich mehr und mehr ausbreitenden Handelsverbindungen der nordischen Hansa gaben den Anlaß, Botenverbindungen mit regelmäßiger Briefbeförderung herzustellen, welche als die Vorläufer und Anfänge der modernen, von Ludwig dem Elften von Frankreich und Roger von Taxis begründeten Posteinrichtungen anzusehen sind.

Kehren wir nach diesem flüchtigen Rückblick auf die Entwickelung der Post zu den Uebersichten zurück, von denen unsere Betrachtung ausging, so lassen sich in der Mosaik dieser statistischen Resultate zwei Gruppen klar erkennen, von welchen die Eine den Vergleich zwischen dem Briefverkehr der einzelnen Staaten ermöglicht – also das internationale Gebiet umfaßt –, die Andere aber einen tieferen Einblick in die werkthätige Arbeit des deutschen Volkes gestattet – die nationale Gruppe. Erstere bietet insofern hohes Interesse, als sie einen Maßstab für die Beurtheilung der Entwickelung einzelner Völker abgiebt und zugleich beleuchtet, auf welchem Gebiete jene Völker den anderen voranstehen. Diese Gruppe wird von Großbritannien eingeleitet, das als Chorführer mit 28,47 Briefen auf den Kopf der Bevölkerung erscheint und in dieser bedeutenden Ziffer die gewaltige Entfaltung seines Handels, seiner maritimen Größe und seiner riesigen Industrie erkennen läßt. Den größten Antheil an der kolossalen, aus 1,161.000,000 sich beziffernden Briefzahl Großbritanniens hat die City von London, der die großen Handelsplätze Liverpool, Birmingham, Dublin, Manchester sich anreihen. Sodann folgt die kleine Schweiz, welche mit 20,32 Briefen pro Kopf (absolut 119 Millionen Briefe) einen Rang einnimmt, den sie neben der gewerblichen Blüthe ihres Landes vorwiegend auch dem hochentwickelten geistigen Leben ihrer Universitäten, sowie dem fortdauernden Zusammenströmen der Massen von Fremden auf ihrem gastlichen Boden verdankt. Die dritte Stelle behaupten die Vereinigten Staaten von Amerika mit 17,5 Briefen; entsprechend ihrem rastlosen Unternehmungsgeiste haben die Amerikaner Eisenbahnen und Postanstalten in die Wüste gesetzt und diese dadurch wunderbar schnell zu Culturstätten umgewandelt; die riesenhaften Entfernungen fordern bei der im Vergleich zur Meilenzahl der Beförderungsstrecke fabelhaften Billigkeit des Portos zu lebhaftem Briefwechsel auf, so daß trotz der mächtigen, in ihrer Einsamkeit grandiosen Prairien des Westens Nordamerika in seiner Gesammtheit den Briefverkehr mancher Culturländer Europas in Schatten stellt. In überraschender Entwickelung befindet sich neben den östlichen Centralpunkten des Handels namentlich auch Californien mit der Zauberstadt San Francisco, der Königin des Pacific, dem Vorhafen Chinas und Japans mit seinem Mastenwald und den lieblichen Ausblicken auf den unermeßlichen Ocean; freilich wird die Entwickelung der amerikanischen Post, welche seit 1799 von einer Million Briefe auf 677½ Millionen Briefe gestiegen ist, mit einem jährlichen Postdeficit von acht bis neun Millionen Dollars erkauft. An Amerikas Seite stellt sich als vierter Staat Deutschland, und zwar das Gebiet der Reichspost mit 14,7, Württemberg mit 12,40 (in 1873), Baiern mil 10,47 Briefen auf den Kopf; dann schließen sich die Niederlande mit 11,84, Belgien mit 10,34, Oesterreich mit 9,83, Dänemark mit 8,22 und Luxemburg mit 7,38 Briefen an. Die rein romanischen Völker haben mit den germanischen Stämmen auf diesem Gebiete nicht gleichen Schritt zu halten vermocht. Frankreich weist 9, Spanien und Portugal 4,42. Italien 3,84, Griechenland 1,07. Rumänien 0,69 Briefe für den Kopf auf, – ein Verhältniß, welches grelle Streiflichter auf die Volksbildung der romanischen Nationen und die in dieser Hinsicht maßgebenden Einflüsse des Clerus wirft.

Frankreichs Briefverkehr (655 Millionen jährlich) wird durch unverhältnismäßig hohe Brieftaxen niedergehalten; die fiscalische Ausbeutung der Post für Finanzzwecke steht in diesem Lande augenblicklich mehr als irgendwo in Blüthe. Selbst Rußland, das freilich bei der Ausdehnung seiner Steppen und Tundren nur 0,72 Briefe jährlich für den Kopf (absolut 75 Millionen Briefe) zählt, sucht sich hierin den westlichen Nationen an die Seite zu stellen, indem es eifrig bemüht ist, durch Verbesserung seiner Posteinrichtungen der Wohlfahrt des russischen Volkes einen neuen Hebel zu gewähren. Aegypten und die Türkei haben nur einen Procentsatz von 0,17 Briefen auf den Kopf zu berechnen, ein deutlicher Fingerzeig auf die geistige Stockung, in welcher der Orient sich befindet und aus der vielleicht die Bestrebungen der ägyptischen Machthaber die Nilländer noch eher heraus heben werden, als die Politiker am goldenen Horn die weiten Domänen des „kranken Mannes“.

Es würde einseitig sein, auf diese Zahlen allein Schlüsse zu bauen. Der Statistiker muß weitere Grundlagen aufsuchen, um seine Ergebnisse zu berichtigen. In dieser Beziehung ist es von Werth, daß das Verhältniß, in welchem die Zahl der Postanstalten zu der Bevölkerungsmenge steht, ebenfalls die Fortschritte der Culturentwickelung in gleichem Maße erkennen läßt. In Aegypten kommt ein Postamt auf je 113,636 Einwohner, in Rumänien auf 64,286, in Rußland dagegen schon auf 23,351 Bewohner. Frankreich zählt auf 6723 Menschen ein Postamt, Deutschland aus 5757 (Süddeutschland schon auf je 4000), Großbritannien auf 2548, die Vereinigten Staaten von Amerika auf 1160, die Schweiz endlich, welche hierin die erste Stelle einnimmt, auf 1019 Einwohner eine Postanstalt. Die verhältnißmäßig größte Reineinnahme findet sich bei der großbritannischen Postverwaltung, nämlich 10½ Millionen Thaler, sodann folgt die französische mit 10,156,678 Thalern, Rußland mit vier Millionen Thalern und Deutschland mit etwa dreieinhalb Millionen Thalern. Das größte Deficit hat die Postverwaltung der Vereinigten [343] Staaten, was sich aus der Länge der Postrouten und den großen Kosten des Seetransports erklärt; denn allein die Linie San Francisco–Yokuhama erfordert fast eine Million Dollars Zuschuß aus dem Schatz der Vereinigten Staaten.

Wir wenden uns nunmehr zur zweiten Gruppe der statistischen Ergebnisse, welche den Verkehr Deutschlands umfaßt und bemerkenswerthe Grundlagen für Vergleiche zwischen der Entwickelung der einzelnen Landschaften und Gaue unseres Vaterlandes gewährt. Für das Jahr 1874 beläuft die Anzahl der im Reichspostgebiete beförderten Briefe sich auf 531,202,896 Stück. Davon sind auf einen Bewohner zu rechnen: im Bezirke (d. h. Ober-Postdirectionsbezirk) Berlin jährlich 64,6 Briefe, Frankfurt am Main 29,6 Briefe, Hamburg 26,9, Lübeck 26,2, Karlsruhe 19,1, Köln 18,7, Düsseldorf 18,6, Arnsberg 18,5, Dresden 17,3, Leipzig 16,3, Hannover 15,9, Bremen 15,3, Darmstadt 14,7, Magdeburg 14, Breslau 13,8, Erfurt 13,1, Constanz 12,4, Stettin 12,2, Kiel 12,1, Straßburg im Elsaß 11,9, Coblenz 11,9, Halle 11,8, Kassel 11,7, Schwerin in Mecklenburg 11,6, Oldenburg 11,2, Liegnitz 11,1, Metz 10,8, Frankfurt an der Oder 10,5, Münster 10,2, Königsberg in Preußen 10,1. In allen übrigen Bezirken wird die Briefziffer 10 nicht erreicht. Am niedrigsten ist sie im Bezirke Oppeln mit 8,0, im Bezirke Trier mit 7,8, Cöslin mit 7,6 und im Bezirke Gumbinnen mit 7,0 Briefen.

Eine nähere Betrachtung dieser Zahlen zeigt uns sogleich die Ursachen der überraschenden Unterschiede der Verkehrsgestaltung in den einzelnen Theilen Deutschlands. Wenn von dem deutschen Vororte Berlin abgesehen wird, zu dessen raschem Aufblühen staatliche, gewerbliche und commercielle Factoren gemeinsam beitragen, und der daher eine sehr hohe Briefziffer aufweist, so bewahrheitet sich auch hier das Gesetz, welches in der ganzen Entwickelungsgeschichte der Menschheit eine bedeutsame Rolle spielt: es ist das Vorwiegen der Cultur im Westen, und deren fortschreitendes Abnehmen, je weiter man nach Osten kommt. In Bezug auf den Briefverkehr stehen die Bezirke Frankfurt am Main, Köln, Karlsruhe, Düsseldorf, Arnsberg oben an; die ersteren haben außer den Hülfsquellen eines milderen Klimas noch den Vorzug der günstigen Lage an Verkehrsstraßen, die seit Jahrtausenden die Bewegung des internationalen Güteraustausches an sich gezogen haben; die Bezirke Düsseldorf und Arnsberg sind das deutsche Birmingham und Sheffield mit riesigen Puddelwerken, Schornsteinen und Fabriken.

Mit ihnen stehen in gleicher Linie und zum Theile voran die alten Hansestädte Hamburg, Lübeck und Bremen; in Bezug auf Bremen müssen die Ergebnisse der Statistik mit Vorbehalt aufgefaßt werden; dieselben sind nicht dahin zu deuten, daß Bremen etwa Lübeck an Ausbreitung und Zahl des Briefverkehrs nachsteht. Die Ziffern sind in diesem Punkte vielmehr durch den Hinweis darauf zu ergänzen, daß bei der Zählung der ganze Bezirk Bremen mit verschiedenen Ortschaften der Provinz Hannover in Berücksichtigung gezogen worden ist, weil dies durch die administrative Abgrenzung geboten war. In Wirklichkeit folgt Bremen gleich hinter Hamburg. Ein ähnliches Verhältniß waltet bei Leipzig ob, dessen Ziffer durch Hinzuziehung des ganzen Bezirks Leipzig herabgedrückt wird, das aber in der That mit Frankfurt und Köln erfolgreich wetteifert und das bei seinem blühenden Meß-, Producten- und Buchhändler-Verkehr als eins der bedeutendsten östlichen Binnen-Handelsplätze Mittel-Europas anzusehen ist.

Die Zahlen in Mitteldeutschland: Magdeburg, Kassel, Erfurt und Halle entsprechen dem Gesammtdurchschnitt der Briefziffer Deutschlands fast genau. Stettin und Kiel erreichen dieselben nahezu, was von der Blüthe ihres Handels ein bemerkenswerthes Zeugniß ablegt, da ihre Hinterlande nur geringen Verkehr besitzen. Straßburg im Elsaß mit 11,9 und Metz mit 10,8 Briefen erreichen den Durchschnitt noch nicht, es ist aber zu hoffen, daß die bedeutend entwickelte Textil-Industrie und der Weinbau des Elsaß, sowie das Bergwerks- und Hüttenwesen und die Eisen- und Plüsch-Industrie Lothringens bei der Fortdauer friedlicher politischer Verhältnisse den neuen Reichslanden bald eine neue wichtigere Stelle in der Scala des Verkehrs verschaffen werden. Königsberg und Danzig figuriren trotz ihres bedeutenden Seehandels nur mit 10,1 und 8,9 Briefen, da der geringe Verkehr der Provinz die Ziffer der Hauptorte herabdrückt. Die Bezirke Cöslin mit spärlicher Bevölkerung, Oppeln und der äußerste Grenzdistrict gegen Osten, Gumbinnen, weisen kaum 7,0 Briefe auf, ein sprechendes Zeugniß für das Walten des oben angedeuteten Gesetzes der Culturverbreitung.

Aehnliche Verhältnisse zeigen auch die Zahlen der Postanlagen, verglichen mit der Bevölkerungsziffer. Im Bezirke Gumbinnen kommt ein Postamt erst auf 5305, in Constanz schon auf 2601 Einwohner; in Danzig ein Postamt auf 130,7 Quadratkilometer, in Königsberg auf 114 Quadratkilometer, in Köln dagegen auf 40,4, in Constanz auf 34, in Karlsruhe auf 27 und im Bezirke Düsseldorf schon auf 26,2 Quadratkilometer. Letzterer ist also, abgesehen von Berlin (mit 60 Postanstalten auf 59,50 Quadratkilometer) derjenige deutsche Bezirk, welcher die zahlreichsten Postanstalten besitzt. Dem denkenden Geiste sind diese an sich todten Zahlen der Reflex des rastlos pulsirenden Lebens; in der Art der Vermittelung des geistigen Verkehrs spiegelt sich der ganze Charakter einer Epoche wieder. Die Feuerzeichen Agamemnon’s, die an Schnelligkeit dem Fluge der Kraniche verglichenen Courierreiter der Perserkönige, die römischen Schnellposten, die Boten des Mittelalters, die Taxis’sche Schneckenpost, die schwimmenden Correos der südamerikanischen Ströme, Sibiriens Hundeposten und die fliegenden Bahnpostämter der Neuzeit, endlich die der Zeit und des Raums spottenden Telegraphen: – es sind Alles Phasen der Entwickelung, in der die Menschheit von Stufe zu Stufe fortschreitet; gemeinsam Allen ist das Bedürfniß der Mittheilung, der Nachrichtenverbreitung, des geistigen Zusammenhangs getrennter Personen und ganzer Völker.

So sehen wir das Postwesen auf’s Innigste mit den Lebensäußerungen der Menschheit verknüpft:

„Wie Alles sich zum Ganzen webt,
Eins in dem Andern wirkt und lebt,“

fanden wir schon bei flüchtiger Betrachtung dieses bedeutsamen Zweiges unserer Cultur in charakteristischen Zügen ausgeprägt. Die folgenden Darstellungen sollen die Organisation und den äußeren Betrieb der Postanstalten vorführen, welche, gleichviel ob bei Tage oder bei Nacht, im Dienste des deutschen Volkes mit einer Unermüdlichkeit und Sorgfalt thätig sind, welcher die gerechte Anerkennung von keiner Seite versagt werden wird.

G. T.




Blätter und Blüthen.


Otto Glagau sendet an den Redacteur dieses Blattes folgende Zeilen, deren Aufnahme wir selbstverständlich nicht verweigern wollen:

Berlin, April 1875.
Sehr geehrter Herr,

Sie erweisen mir die Ehre, meinen Artikel „Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin“ in Nr. 5 Ihres geschätzten Blattes einer Kritik, vom Standpunkte der Redaction, zu unterziehen, und dabei einen Punkt zu bemängeln. Ich weiß natürlich, daß Sie das aus Pflicht- und Billigkeitsgefühl, im Interesse der Sache thun, die Sie nicht einseitig, nicht parteiisch behandelt wissen möchten; ich glaube deshalb Ihrem Wunsche zu entsprechen, wenn ich meine Entgegnung gleichfalls an dieser Stelle abgebe. Ich habe diese Entgegnung absichtlich verzögert, um inzwischen noch einige Artikel mehr erscheinen zu lassen, und mir so die Antwort zu erleichtern.

Sie fechten den ersten, einleitenden Artikel namentlich in diesem Satz an:

„Die nationale Begeisterung, die heiligsten Gefühle eines Volkes wurden von der Speculation und von dem Schwindel für ihre schnöden Umtriebe, für ihre verbrecherischen Zwecke ausgebeutet.“

Sie bezweifeln das und fragen: „Was haben die ‚heiligen Gefühle‘ mit Strousberg’schen und Quistorp’schen Actien zu thun?“ –

Darauf muß ich nun antworten: Viel, sehr viel, geehrter Herr, nicht weniger denn Alles. Ohne den großartigen Aufschwung, den Preußen und Deutschland genommen, wären Strousberg und Quistorp bei uns gar nicht möglich gewesen, wären ihre „Gründungen“ nie zu Stande gekommen, wären ihre Actien nimmer an den Mann gebracht worden. Erst die Siegesfreude, die nationale Begeisterung, das so mächtig erwachende Selbstbewußtsein des deutschen Volks, seine heiligsten Gefühle – Sie sehen, ich halte jedes Wort aufrecht – mußten angerufen, mußten ausgebeutet werden, um all die zahllosen Actienunternehmungen verwirklichen, um den ganzen Börsen- und Gründungsschwindel in Scene setzen zu können. Allerdings haben nur Wenige aus reiner Begeisterung, aus bloßem Patriotismus gezeichnet und gekauft, aber Alle thaten es [344] doch zunächst, weil sie die Unternehmungen für solide und rentabel, für gemeinnützig und einem wirklichen Bedürfnisse entsprechend hielten. Außerdem entstand im Publicum der Wahn, dem politischen Aufschwunge müsse eine ebenso reiche Blüthe der materiellen Wohlfahrt auf dem Fuße folgen, der Wohlstand sei plötzlich ein allgemeiner geworden. Freilich ein Irrthum, ein schwerer Irrthum! Lehrt doch die Geschichte, daß nach jedem Kriege, wo die Arbeit feierte, wo Handel und Wandel stockten, wo Zehntausende von Jünglingen und Männern Leben oder Gesundheit einbüßten und Zehntausende zu Wittwen und Waisen wurden, daß nach jedem großen Kriege naturgemäß eine Reaction, ein empfindlicher Rückschlag eintritt. Aber das Publicum wurde eben getäuscht, unter fortwährendem Hinweise auf die französischen Milliarden, von denen es selber doch so gut wie nichts bekam; es wurde durch diese und andere Vorspiegelungen getäuscht und bethört von den Gründern und Börsenrittern und von den mit ihnen verbündeten „Volkswirthen“ und Zeitungen.

Nachdem nun die Gründungen verübt waren und die allgemeine Ausplünderung sich vollzogen hatte – gleich nach dem Wiener Krach, wurde von der dortigen Presse, die, wie der Proceß Ofenheim bewiesen hat, fast durchweg im Solde der Börse steht, die Parole ausgegeben: „Wir haben Alle gesündigt. Die Börse und die Gründer haben geschwindelt, das Publicum aber hat gespielt und dadurch den Schwindel unterstützt. Wir sind Alle miteinander schuldig. Darum bedecken wir die Geschichte mit Schweigen und suchen wir sie zu vergessen!!“ – Diese famose Parole wurde auch in Deutschland begierig aufgenommen und in allen Tonarten variirt. Ja, man ging hier noch weiter und begann das Publicum geradezu anzuklagen, ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner „Spielsucht“, ihm in’s Gesicht zu schleudern, daß es seiner „Spielsucht“ zum Opfer gefallen wäre, und ihm daher nur Recht geschehen sei. Diese Moral- und Strafpredigten wurden von denselben Leuten gehalten, die dem Publicum soeben das Fell über die Ohren gezogen hatten – von den Gründern und ihren Helfershelfern. So predigten die Wölfe und die Füchse den Schafen. Ist das nicht überaus rührend und erbaulich?!!

Durch solch freche Verdreherei der Begriffe und Thatsachen, geehrter Herr, entstand das Märchen von der „Spielsucht“ des Publicums überhaupt und von der „Gewinnsucht“ der „kleinen Leute“ insbesondere. Die Spiel- und Gewinnsucht hat sich im Verlaufe des Schwindels allerdings gezeigt, aber doch nur theilweise, nicht entfernt allgemein, und jedenfalls war sie ursprünglich nicht vorhanden, sondern sie wurde von den Gründern und Börsianern erst künstlich erzeugt, mit unzähligen Mitteln fortwährend genährt. Die „kleinen Leute“ namentlich, und selbst die gewöhnlichen Bürgerclassen, hatten bis 1870 von der ganzen Börse nur eine schwache Ahnung; sie kannten Actien kaum dem Namen nach, und der Courszettel war ihnen eine Tafel mit Hieroglyphen. Sie verwahrten ihre Ersparnisse im alten Strumpf; sie gaben ihr Geld auf die Sparcasse oder auf Grundstücke – bis der Gründungsschwindel auch sie aufblicken ließ, auch sie in seinen Strudel zog.

Jedes Blatt und jedes Blättchen legte sich einen Courszettel zu, errichtete eine ständige Rubrik für Börsennachrichten, brachte im Inseraten- wie im redactionellen Theil täglich Reclamen für neue Gründungen und neue Actien. Es entstand plötzlich eine neue Classe von Reisenden, der Börsenreisende für Stadt und Land, welcher von Haus zu Haus ging, in die Keller und in die Dachkammern stieg und seine – Actien anbot. Die Börse hatte überall, im kleinsten Städtchen und im abgeschiedensten Dörfchen ihre Agenten, welche dem Handwerker, dem Bauern dieses oder jenes Börsenpapier aufredeten, indem sie ihm Himmel und Erde versprachen und ihn gläubig, ihn sicher machten durch die Unterschriften, durch die stolzen vornehmen oder doch wohlcreditirten Namen, welche die Actie trug. Was Wunder, wenn die schlichten, ehrlichen Leute sich verlocken ließen und, durch kleine Gewinne vollends geködert, allmählich ihre ganze Habe der Börse in den Rachen warfen! Ich denke nicht daran, ihnen die „patriotische Märtyrerkrone“ aufzusetzen, wohl aber meine und behaupte ich: sie verdienen, als die Verführten, nur Bedauern und Entschuldigung; während die ganze Schuld, die unbedingte Verurtheilung – wenigstens vor dem Richterstuhle der Moral, denn gesetzlich sind sie nicht zu fassen gewesen – die Verführer trifft.

Im Uebrigen, verehrter Herr, haben die „kleinen Leute“ allein den Kohl nicht fett gemacht. Dazu gehörten auch noch die wohlhabenden und Reichen, alle Classen und Stände ohne Unterschied. Das ganze Volk ist durch den Börsen- und Gründungsschwindel in Mitleidenschaft gezogen; unter zehn Personen sind immer neun, direct oder indirect, ausgeplündert oder doch geschädigt worden. Die Netze, welche die Börse auswarf, waren so zahlreich und so mannigfaltig, die Lockspeisen so raffinirt, daß sie Alles miteinander eingefangen hat: Arm und Reich, gebildet und Ungebildet, Gescheit und Einfältig, Jung und Alt, Mann und – – Weib!

Das, verehrter Herr, sollen eben meine Artikel nachweisen, und ich schmeichle mir sogar, die bisher erschienenen haben es zum Theil schon bewiesen.

Mit dem Ausdrucke meiner Hochschätzung

Ihr ergebener 
Otto Glagau.




Seltene Zähmung eines Wolfes. So viele Beispiele es auch von der mehr oder weniger großen Zähmung wilder Thiere giebt, so gilt doch der Wolf im Allgemeinen als unzähmbar, und selbst wo er seit seiner frühesten Jugend von Menschen aufgezogen ist, verleugnet sich seine tückische und blutdürstige Natur nur äußerst selten. – Ein Beispiel aber, daß Herr Isegrim vollständig zum Hausthiere und treuen Freunde seines Herrn werden kann, ist augenblicklich der Stadt Dorpat geboten und möchte als einzig in seiner Art dastehen. –

Ein junger Studirender der Medicin erhielt im vorigen Jahre einen nur einige Wochen alten Wolf männlichen Geschlechts und hat dieses Thier mit Sorgfalt und Liebe aufgezogen. – Von Haus aus mit Freundlichkeit behandelt und einem großen Hühnerhunde als Gesellschafter zugetheilt, vergalt er seinem Herrn alle Mühe und Sorge für ihn durch die treueste Anhänglichkeit. Er ist vollständig gezähmt, hört auf den Namen „Filou“ und leistet einem Pfiffe oder Rufe seines Herrn unbedingt Folge, kurz, bietet ganz das Bild eines wohl erzogenen treuen Hundes. Sein Blick hat nichts von dem sonst so tückischen Ausdrucke seiner Race, sondern frei und offen sieht er jedem Besucher in’s Gesicht und vergilt die kleinste Liebkosung mit freundlichem Schwanzwedeln und Anspringen.

Nur wenn sein Herr zu Hause ist, wird Filou losgelassen, sonst verbringt er seine Zeit in seiner mit einem Holzgitter versehenen Wohnung auf dem Hofe. Aber die Freude muß man sehen, wenn ihm die Thür geöffnet wird! In mächtigen Sätzen stürmt er hinaus, springt dann an seinem Herrn hinauf, leckt ihm mit freundlichstem Wedeln Füße und Hand und ließ auch mir bei meinem neulichen Besuche von seinen Liebkosungen reichlich zu Theil werden, indem er mir an die Schulter sprang und das Gesicht leckte. Das Gebahren des Thieres schließt dabei jede Furcht vor Gefahr, die etwa in uns aufsteigen könnte, aus. Ein ganz besonders schönes Schauspiel gab es, als sein treuer Freund, der Hühnerhund Zampa, herbeigerufen ward und nun das Jagen und Spielen der beiden Thiere begann. Auf Commando ihres Herrn mußten sie übereinander wegspringen, der Wolf über den Hund, der Hund über den Wolf. Dann wurden sie gegeneinander gehetzt, und nun ging es im tollsten Laufe über den großen Hof, bald der Wolf verfolgt von dem Hunde, bald umgekehrt. Wenn sie sich erreichten, wirbelten sie in einem Knäuel übereinander, und es war merkwürdig anzusehen, wenn der Wolf den Hals des Hundes ganz in seinem Rachen hatte, sich dabei aber sehr hütete, seinem Freunde wehe zu thun.

Man sollte denken, daß mit solcher Dressur die äußerste Möglichkeit erreicht worden wäre, aber noch eine ganz andere Probe hat Filou bestanden, als das Vorführen auf einem, wenn auch großen, doch verschlossenen Hofe.

Bei einem Besuche, den sein Herr kürzlich seinem Bruder, einem Gutsbesitzer, auf dem Lande machte, wurde das Thier mitgenommen und da man nicht wissen konnte, wie es das Fahren in einem offenen Schlitten aufnehmen würde, mit dem Hinterkörper in einen Sack gesteckt. – Doch schon nach kurzer Zeit hatte Filou sich völlig beruhigt und wurde von seiner Umhüllung befreit, worauf er sich das Fahren nach dem zwanzig Werst entfernten Gute an der Seite seines Herrn wohl gefallen ließ. Hier auf dem Gute wurden täglich große Spaziergänge mit ihm durch Wald und Flur gemacht. – In offenem Felde schoß er wie ein Pfeil davon, seinen Herrn in weitem Bogen umkreisend, doch ihn fortwährend im Auge behaltend, im Walde dagegen blieb er stets hart an seiner Seite, aus Furcht, ihn vielleicht verlieren zu können. Filou ist jetzt nach Dorpat zurückgekehrt; er ist elf Monate alt, beinahe völlig ausgewachsen, hat einen schönen wohlgepflegten Pelz und ein furchtbares Gebiß, das die Thatsache bestätigt, daß auch der stärkste Hund einem Wolf schwerlich gewachsen ist.

Dorpat, den 26. März 1875.

Th. H.




Zum Ehrengeschenk für Arnold Ruge


gingen wiederum ein, in Markbeträgen: Christ. Scholz in Mainz 100. –; Dr. Pfeiffer in Cassel 50. –; G. E. in Dresden 30. –; Fettl in Burtscheid 15. –; T. B. in Sondershausen 6. –; Arnold’sche Buchhandlung in Leipzig 60. –; Advocat Knorsch in Düsseldorf 30. –; Stammtisch in Müller’s Hôtel in Leipzig 10. –; Dr. Gust. Kühne in Dresden 75. –; Buchhändler O. Seehagen in Berlin 50. –; Dr. M. Carriere in München 50. –; A. D. in Berlin 20. –; Albert Traeger in Cölleda 30. –; F. und A. Schl. in Berlin 75. –; Geh. Rath von Dusch in Karlsruhe 20. –; Georg Kestner in Dresden 75. –; Ein alter Universitätsfreund Ruge’s der mit diesem in Halle in der Knappei 1822 drei Wochen lang zur Ersparung von Heizungskosten eine Stube bewohnte 3. –; G. in Dresden (durch Expedition der Dresdener Presse) 100. –; Dr. F. A. Wille in Zürich 100. –; Consul Heimann in Bradford 150. –.

Außerdem durch eine Privatsammlung in Breslau 266. –. und zwar von (die Namen sind im Manuscript theilweise sehr unleserlich geschrieben): Dr. Steuer 6. –, Rechtsanwalt Leonhard 6. –, Laßwitz 6. –, Sturm 6. –, Dr. Ahn 6. –, Lorig 3. –, Berger 6. –, Friedländer 10. –, Dr. Elsner 3. –, Freund 3. –, Dr. Chech 3. –, Rechtsanwalt Franck 6. –, Rechtsanwalt Wiener 6. –, Friedenburg 6. –, Zorn 3. –, Mockrauer 3. –, Tipauf 3. –, Semrau 3. –, Eppenstein 6. –, Friedenthal 6. –, Wehlau 3. –, Herber 3. –, Cohn 3. –, Dr. Kemper 3. –, Schweitzer 6. –, Punjsheim 6. –, Kanger 6. –, Wolff 6. –, Förster 6. –, Wachler 6. –, Bülow 6. –, Swerin 6. –, Meinecke 6. –, Anderssohn 6. –, Bock 6. –, Korn 6. –, Mettotiner 6. –, Hübner 3. –, Molinari 6. –, König 6. –, Pohr 3. –, Werner 3. –, Heimann 6. –, Dr. Lidy 6. –, Randtberg 6. –, Amsartrieverui 6. –, Möbner 6. –, Ainauer 6. –, Friedenthal 6. –, v. Trebstein 3. –, Riemann 6. –, Pracht 3. –, Storch 6. –,

Wir fordern wiederholt alle Freunde Ruge’s auf, dem wackern Kämpfer ihre Theilnahme zuzuwenden. Es handelt sich hier nicht um eine Unterstützung, sondern um eine Ehrengabe für den unermüdlichen Verfechter der freien Wissenschaft, dessen Lebensabend dadurch zu einem sorgenlosen Feierabend erhoben werden soll.

Die Redaction.
E. K. 


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: 41
  2. Vorlage: 39