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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1874) 635.jpg
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Inhaltsverzeichnis

[635]

No. 40.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Geschichte vom Spötterl.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.


Aus den bairischen Bergen.


Von Herman Schmid.


Trotz Winter und Entfernung liegst du nah’ und frühlinghaft vor meiner Seele, du Kronjuwel im felsigen Schatzkästlein der Gebirge, sanftes, feucht glänzendes Auge zwischen den Schattenwimpern der Wälder – du, freundlicher Schliersee! Du liegst vor mir, als stünde ich auf der Landzunge des Freudenbergs, die sich weit in deine weichen Fluthen vordrängt, wie eine von der Natur selbst vorgeschobene Ruhebank, von der aus man deine Anmuth und die Herrlichkeit der Berge um dich her besser bewundern kann. Ich sehe dich vor mir in jener Zeit, da du noch unentweiht ruhtest, da in deine Einsamkeit nur der stille Naturfreund pilgerte, ehrfurchtsvoll, wie man in einen Tempel tritt – als noch an deinen Ufern nur deine einfachen Naturkinder hausten, die Begier nach Schätzen deine grünen Matten noch nicht umgewühlt, deine Berge noch nicht entwaldet hatte. Nun hat das eherne Gesetz des Lebens seine Eisenstraße auch in deinen Frieden gekeilt; die laute Menge drängt sich nun durch dein Heiligthum, und du bist wie ein Schaustück geworden, das man zu lauter Bewunderung auf die geschmückte Tafel des Genusses stellt. Ich sehe dich vor mir mit den Augen der Jugend, und mir ist, als schaute ich durch die herrlichen Kronen der Obstbäume des Freudenbergs, die nun meist gefallen sind, um den nüchternen Tischen eines Kaffeehauses Platz zu machen; mir ist, als säße ich auf den schlichten Holzbänken vor dem einfachen einstigen Försterhause, und du beginnest in der Dämmerung zu dunkeln und nur noch den letzten Schein wiederzuspiegeln, mit welchem die weit hinten im Flachlande gesunkene Sonne noch die Zacken des Jägerkamms begrüßt und den Felsengrat der Brecherspitze.

So sah ich dich einmal – um mich und dich herum war es stille wie vor dem Einschlafen. Ein Rabe zog schreiend nach dem Rohnberge, seinem Neste zu in den Burgruinen von Waldeck, die man damals noch über die Tannen emporragen sah; meine alte, liebe Freundin, die viel genannte, doch so wenig gekannte Fischerliesl hatte mir und den Meinen den Abendimbiß gebracht und saß nun plaudernd neben uns – von den Kirschbäumen aber, die gegen die Badhütten hinunter stehen, sang eine Amsel darein, die gleich uns von dem schönen Abend sich nicht trennen zu können schien.

Der Hall von herankommenden Schritten, zu so später Stunde eine Seltenheit, unterbrach das Gespräch. Aus der Dämmerung und unter den Bäumen um den Schießstand tauchte, allgemach näher kommend, eine Frauengestalt hervor und trat an’s Haus, von Liesl, welche die Hand über den Augen hielt, mit Verwunderung betrachtet.

„Grüß Gott, Liesl!“ sagte die Frau. „Brauchst Deine Augen nit anzustrengen; ich bin’s schon, die Du meinst.“

„Wirklich, Du bist’s, Forstnerin,“ sagte diese, indem sie, den Gruß erwidernd, ihr die Hand bot. „Was giebt’s denn, daß Du noch so bei Nacht und Nebel unterwegs bist? Willst noch nach Schliers hinüber?“

„Ja,“ erwiderte die Angeredete. „Mein ältester Bub’ ist alleweil so letz’ g’wesen mit seinen Augen, daß ich g’fürcht’t hab’, er wird mir ganz blind. Da hab’ ich mich verlobt zu der Mutter Gottes auf dem Birkenstein, und seitdem ist’s besser worden, und so hab’ ich mich jetzt auf den Weg g’macht. Heut’ will ich drüben in Schliers beim Forstner nachten und morgen in aller Früh’ mich auf den Weg machen. … Leicht, daß ich noch überführen kann über’n See?“

„Wird sich wohl noch machen,“ sagte Liesl, indem sie aufstand und auf der Gräd gegen die Vorderseite des Hauses ging, wo das Seil zu der Glocke hing, um dem Fischer am andern Ufer das Zeichen zu geben, daß noch Jemand übergeführt und geholt sein wolle. Der Hall des Glöckleins klang bald in die aufhorchende Nacht, und nach wenigen Augenblicken antwortete von drüben ein ähnlicher Schall.

„Sie sind wohl noch auf beim Fischer,“ sagte Liesl, „haben Dich schon g’hört und werden gleich da sein mit dem Schiffe. Wie ist’s aber,“ fuhr sie fort, „daß Du noch so spät kommst? Bist Du erst so spät fort zu Tegernsee?“

„Das nicht,“ antwortete die Frau. „Aber unterwegs bin ich auf der Gindelalm eingekehrt, und da hab’ ich mich ein Bissel verhalten.“

Liesl lachte laut auf, wie sie nicht oft zu thun gepflegt. „Ja, ja, jung gewohnt, alt gethan,“ sagte sie dann. „Es scheint, Du gehst noch alleweil gern auf die Gindelalm.“

So dämmrig es bereits geworden, so war doch nicht zu verkennen, daß die Frau bei diesen Worten von einer raschen, eigenthümlichen Bewegung ergriffen ward. Sie lachte ebenfalls hell auf; aber ihr Lachen klang ganz eigen, fast wie beginnender und im Beginn wieder abgebrochener Gesang.

Von dem Hügelabhange herauf hörte man zugleich das Ausholen und Einfallen der Ruderschläge, welche den Fischernachen durch den See herantrieben und sie einer Antwort überhoben. Statt derselben rief sie: „Gute Nacht!“ und war in [636] wenig Augenblicken den steilen Bergweg hinuntergeeilt und im Dunkel verschwunden.

Liesl kehrte zu uns zurück, die wir schweigend zugehört. Auf meine Frage, wer die Frau sei und welche Bewandtniß es habe mit ihrer offenbar beziehungsreichen Andeutung wegen der Gindelalm, erwiderte sie mit ihrem gewohnten Kopfnicken, indem sie den Spitzhut auf dem grauen Haare drehte und etwas nach vorne schob: „Wer das gewesen ist? Das war die Wittib vom Forstner drunten in Tegernsee. Wie sie jung g’wesen ist, hat man sie nur das Spötterl g’heißen, und warum man sie so g’heißen hat und was ich mit der Gindelalm gemeint hab’, das ist eine sonderbare Geschicht’, von der man lange erzählen könnt’. Aber ich muß noch in’s Haus hinein, muß Alles herrichten. Morgen ist ein abgeschaffter Feiertag. Da kommen schon in aller Früh’ so viel’ Leut’, die Küchel haben wollen; da muß vorgerichtet sein, damit ich gleich in aller Früh’ eine tüchtige Pfann’ voll ’rausbachen kann. Wenn’s Euch bis dahin nit zu spät wird und Ihr die Geduld nit verliert, kann ich’s ja erzählen, wenn ich wieder komm’.“

Und sie kam wieder. Der Mond war inzwischen aufgegangen; See und Berge schliefen und lagen hell, fast wie am Tage, und doch in einen Duftschleier gehüllt, der ihren Schlummer zu verdecken schien. Der Mond neigte sich schon zum Untergange, als auch wir zur Ruhe gingen und sie ihre Erzählung geendet hatte – die Geschichte vom Spötterl.




1. Klopf’ an!


Der Gesang einer kräftigen, aber etwas rauhen Männerstimme schwebte vom Ufer des Tegernsees über die abendbeglänzten Wellen hinaus; verhallend klangen die Töne durch das dämmernde Abendlicht, wie Wasserkreise, welche ein fallender Stein immer weiter und immer schwächer bis an das ferne jenseitige Gestade treibt, wo sie am Fuße der Berge erlöschen. Die Worte des Gesanges lauteten:

„Im Zwielicht singt d’ Amsel,
Und der Baamhackl hackt;
Aber nix is’ so fein,
Als wenn d’ Wachtel so schlagt.“

An den Gesang reihte sich im Tacte des Liedchens eine Nachahmung des Wachtelschlages von solcher Natürlichkeit, daß man glauben mochte, an einem vollen, reifen Aehrenfelde zu stehen, aus welchem wirklich der lockende Ruf erscholl.

Der Singende war ein hochgewachsener Bursche, der in einem Kahne saß und die Cither auf den Knieen hielt, mit der er seinen Gesang begleitete. Der Bursche war nicht mehr ganz jung, sondern stand nahe an der Schwelle des reiferen Mannesalters. Wohl lockte sich das braune Kraushaar dicht um seinen Kopf; aber die Stirn wölbte sich schon höher nach oben. Fest und beinahe streng waren die Züge des scharf geschnittenen Angesichts mit der kräftig gebogenen Nase und dem starken, lang herabhängenden Schnurrbarte; dennoch war der Gesammtausdruck ein freundlicher, und das nußbraune Auge, das unter dichten Brauen funkelte, blickte ebenso freundlich wie trotzig; es zeigte, daß das Gemüth, das aus ihm sprach, zum Freundesgruße ebenso bereit und geübt war, wie zum Feindestrutze. Ueber die hohe Stirn lief eine breite Narbe und ließ zum Theil errathen, daß der Weg, auf dem der Bursche gewandelt, nicht immer ein friedlicher gewesen.

Um den Nachen des Sängers herum lagen viele andere Fahrzeuge dicht aneinander gedrängt, wie eben der Zufall beim früheren oder späteren Anlanden sie geordnet; viele Landleute aus den Seedörfern saßen darin, andere waren ausgestiegen und standen nun am Gestade bei den Einwohnern von Tegernsee, die sich ebenfalls eingefunden, an den erwarteten Lustbarkeiten des Abends, die zu Ehren der anwesenden Kaiser von Oesterreich und Rußland stattfinden sollten, theilzunehmen.

Ein Weile waltete Schweigen umher, auf dem Wasser wie auf dem Gestade; Alles hatte mit Wohlgefallen dem Gesange und Tonspiele gelauscht und schien einer etwaigen Wiederholung oder Fortsetzung gewärtig. Diese blieb auch nicht aus. Nach wenigen Augenblicken erhob sich wie zur Antwort eine zweite Stimme, deren erste Töne verkündeten, daß sie aus einer jüngeren und zarteren Kehle kamen; ein Mädchen, das ziemlich weit entfernt ebenfalls in einem Kahne saß, begann zu singen, und ihr Gesang, zart und nicht stark, hörte sich beinahe wie Vogelgezwitscher an, aber auch lieblich und anmuthig wie dieses; das Mädchen sang:

„Jeder Vogel, der singt,
Hat sein’ vorg’schrieb’nen Schlag;
Grad’ das Spötterl, das einzig’,
Das singt, was es nur mag.“

An den Gesang reihte sich der übliche Jodler, aber in ganz anderer Weise, als dies sonst gebräuchlich war. Er glich einer Art von Wettgesang verschiedener Vögel, und hatte der Bursche in seiner Nachahmung der Wachtel das Unglaubliche geleistet, so wurde er weit durch die Kehlfertigkeit, Geschicklichkeit und Naturtreue übertroffen, mit welcher das Mädchen abwechselnd und in buntem Durcheinander das Schmettern des Finken, den Schlag der Amsel, das Schmätzen der Grasmücke, das gurgelnde Geschwätz der Schwalben oder das Gezwitscher des Rothkehlchens hören ließ. War zuvor die Aufmerksamkeit und das Wohlgefallen allgemein gewesen, so hielt jetzt Alles mit Gespräch und Bewegung inne, um nicht den Uferkies unter den Füßen knirschen oder die Nachen aneinander stoßen zu lassen. Nichts war zu vernehmen, als der lallende Anschlag der Wellen an den Kähnen, der sich fast wie eine melodische Begleitung anhörte.

Der aufmerksamste Zuhörer aber war der Wachtelschläger. Gleich beim ersten Tone hatte er sich in seinem Schiffe hoch aufgerichtet und starrte nun wie versteint nach der Sängerin hinüber. Es war nicht zu sagen, ob sein Betrachten mehr der Gestalt der Singenden oder dem Gesange galt, in welchem sich ihr ganzes eigenartiges Wesen kund zu geben schien; so scharf sein Auge auch spähte, konnte er doch nicht mehr erkennen, als daß die Sängerin ein schlank gebautes, jugendliches Mädchen von seltener Zierlichkeit der Gestalt war. Die Züge des Angesichts verschwammen in der Entfernung, denn immer grauer wurde die Abenddämmerung, immer bleicher ihr Widerschein im See.

Der Gesang war zu Ende, das anfängliche Schweigen der Versammlung verwandelte sich in Murmeln und halblautes Rufen. Man fand aber nicht Zeit, dem Gefallen vollen Ausdruck zu geben, denn der Bursche im Kahne hatte sofort, ohne sich wieder niederzusetzen und zur Cither zu greifen, laut und ohne Begleitung zu dem Mädchen hinübergesungen, wie dies bei Trutzgesängen der Brauch ist:

„Du Spötterl, Du schneidig’s,
Wie stellst denn das an?
Und wenn ich Dein Nest wüßt’,
Nachher klopfet i’ an.“

Begierig drängten sich Alle näher; denn der Herausforderung, die hierin lag, mußte nach aller Wahrscheinlichkeit ein munterer Wettkampf folgen, aber so schnell der Angriff abgeschossen war, so flink schnellte die Abwehr zurück und zeigte, daß das Mädchen wohl im Stande sei, sich sieghaft auf einen solchen Kampf einzulassen, daß sie aber entweder augenblicklich keine Lust verspürte, einen solchen zu beginnen, oder daß ihr der Gegner nicht gefiel, und sie ihn sonst nicht für ebenbürtig hielt. Sie sang:

„Wennst a Schneid hast, klopf’ an!
Etwann wird Dir auf’than.
Wann i’ ’n Schlüssel nit hab’,
Heißt’s halt wieder: Fahr’ ab!“

Die Anwesenden brachen in lautes Lachen aus und drängten näher gegen den Kahn des Mädchens, um sie besser zu sehen und zu hören, ihr schien aber gerade diese Annäherung nicht zu behagen: sie war aufgesprungen, mit raschem und sicherem Tritte aus dem Nachen an das Ufer gestiegen und hatte sich, ehe man es recht gewahr geworden, unter der Menge verloren.

Auch der Bursche war herbeigeeilt, rasch und dennoch zu spät; er kam nur noch eben recht, um Zuhörer der Gespräche zu sein, mit denen die Umstehenden sich über die Entflohene unterhielten. Es waren mehrere ältere und reiche Bauern aus der Umgegend, die als eine Art von Respectspersonen etwas bei Seite standen und das junge Volk sich selbst und seiner eigenen Fröhlichkeit überließen, während sie selbst sich zu den Dorfbewohnern hielten. Nicht nur von den nächsten Anhöhen waren die Siedler vom Pfliegel- und Westerhofe heruntergekommen; auch der Sonnen-Moser aus seiner lindenumrauschten Einsamkeit hatte sich eingefunden; die Bauern von Rottach und Egern fehlten nicht, und auch die Anwohner des jenseitigen, westlichen Gestades waren von ihren Einöden herübergerudert.

[637] „Wer ist denn das Mädchen?“ fragte der Landarzt Reinhard, indem er den Deckel seiner großen, runden Dose drehte und quieken ließ, sie dann öffnete und einem Bauern, einer großen, markigen Gestalt mit hagerem Antlitz, anbot. „Kennst Du sie, Hofbauer? Du bist ja Vorsteher und also eine lebendige Tabelle von Allem, was lebt und stirbt um den ganzen See herum.“

„Dasselbige just nit,“ erwiderte der Hofbauer geschmeichelt, indem er zugleich die Finger spitzte, um die angebotene Prise nach Gebühr zu erfassen. „Aber ich bin halt schon ein alter Kampel, und wer so lang mitlauft wie ich, der lernt die Leut’ wohl kennen. Die Dirn’ aber kenn’ ich freilich; das ist ja die Rohnberger Corona.“

„Rohnberger – vom reichen Rohnberger drüben über’m See?“ fragte der Chirurg.

„Ja, das wär’ ihr wohl recht, glaub’ ich,“ lachte der Hofbauer entgegen, „aber sie hat nur den gleichen Namen und ist bloß weitschichtig mit ihm befreundet; sie ist blutarm, muß dienen und wird jetzt wohl auf einer Alm als Sennerin sein. Wenn sie aber auch arm ist wie ein Feldmäus’l, ist sie doch so hochgeistig wie die reichste Bauerntochter, und deretwegen, und weil sie von den Burschen nichts wissen will und sie abschnalzt, daß es nur so kracht, und wegen ihrem G’sang, haben sie ihr den Spitznamen ’geben – man kennt sie überall nur als das Rohnberger Spötterl.“

„Spötterl – ah! Es ist gewiß der Vogel damit gemeint,“ sagte der Landarzt, indem er wieder die Dose spielen ließ und sich besann. „Wie heißt er doch in der Naturgeschichte? Turdus … turdus …

„Den Namen weiß ich auch nicht, aber den Vogel kenne ich wohl,“ erwiderte der Pfarrer Heimgreiter, ein freundlicher, gelehrt aussehender Mann; „es ist eine Drosselgattung, die hier in der Gegend häufig vorkommt; ich habe selbst längere Zeit einen im Käfig gehalten und mich an seiner Lustigkeit und seinem Gesang ergötzt. Er hat nicht nur einen eigenen, recht hübschen Schlag, sondern weiß auch den Gesang vieler anderen Vögel und jeden Laut nachzuahmen, den er oft hört. Der meinige zum Beispiel verstand es prächtig, das Aechzen des Ziehbrunnens im Pfarrhause, der etwas schwer ging, nachzuahmen, so daß meine Schwester ein paar Mal hinauslief, weil sie glaubte, es seien Buben, die sich am Brunnen zu schaffen machten. Im Freien nistet er ganz versteckt, am liebsten in den Gabelzweigen der höchsten Birken, und auch da verkleidet er das Nest noch mit der weißen Birkenrinde, so daß man es von Stamm und Ast gar nicht unterscheiden kann.“

„Aber Sie haben da eine schöne Dose, Herr Landarzt,“ unterbrach ihn der Sonnen-Moser, indem er ebenfalls eine Prise nahm. „Was ist denn da für ein schönes Gemäld’ darauf?“

„Die Dose ist nicht übel,“ sagte der Landarzt wohlgefällig; „mit der Zeit kann sie sogar einmal einen großen Werth bekommen. Unter dem Glasdeckel ist das Kloster Tegernsee gemalt, wie es vor der Aufhebung aussah. Es wird bald eine Zeit kommen, in der sich Niemand mehr darauf besinnen kann, wie es damals hier ausgesehen hat. – Damals,“ fuhr er fort, während die Dose in den Händen der Bewundernden kreiste, „damals war das Kloster viel größer, hatte andere Thürme, und da, wo wir jetzt stehen, und der kleine Garten angelegt wurde, stand noch ein großes Viereck des Klosters mit einem weiten Hofe.“

„Das sind betrübte Zeiten gewesen,“ sagte der Sonnen-Moser. „Ich denk’s noch wie gestern. Wir haben gemeint, es wird Matthäi am Letzten sein mit Tegernsee, wie die geistlichen Herren fortgezogen sind, und Alles verkauft worden ist, und jetzt ist’s doch noch so gut ’worden, und seit der König das Kloster gekauft hat, ist’s noch viel besser als früher. Dafür haben wir den König auch alle gern, und Jeder ginge für ihn durch’s Feuer.“

„Es muß mit dieser Liebe doch nicht so weit her sein,“ sagte näher tretend ein älterer Mann in hechtgrauem Ueberrocke mit grünem Kragen, worauf goldnes Eichenlaub gestickt war; „Ihr würdet sonst dem guten Herrn nicht so viel Aerger machen.“

Dieses Wort, von dem Ankömmling mit der Art, aber auch dem Nachdruck eines eingebildeten Mannes gesprochen, fiel unter die Bauern wie ein Funken unter gestreutes Pulver, daß nach allen Seiten Staunen, Widerspruch und Unwillen aufzusprühen begann.

„Was? Wir machen dem König Verdruß? Wir thäten ihn ja lieber auf der Hand tragen,“ rief es von allen Seiten. „Wie kann uns der Herr Forstmeister so was nachreden?“

„Nun, wenn es nicht durch Euch selbst geschieht,“ erwiderte dieser begütigend, „so thut Ihr aber auch nichts, um ihm den Verdruß fernzuhalten. Wie lange ist es nun schon, daß der unbekannte Wildschütz in der Gegend sein Wesen treibt! Wie oft hab’ ich Euch nicht gebeten, Ihr solltet mir helfen, ihm auf die Spur zu kommen, und jetzt – nach mehr als drei Monaten – wissen wir so wenig wie vorher.“

„Ja so, Sie meinen den Gamstod, Herr Forstmeister,“ sagte der Sonnen-Moser kopfschüttelnd. „Ja, da können wir nix dafür. Wenn den Ihre Jäger und Schützen nit erwischen, wie sollten wir Bauern dazu kommen?“

„Umgekehrt,“ entgegnete der Forstmeister; „gerade Ihr habt die beste Gelegenheit, dahinter zu kommen, wer dieser Raubschütz ist, und wo er sich aufhält. Alle Anzeichen sind dafür, daß er selber ein Bauer ist. Würdet Ihr Eure Leute gehörig beaufsichtigen und nicht durch die Finger sehen, müßte es längst herausgebracht worden sein, wer der Gamstod ist.“

„Also ist wirklich etwas Wahres an der Sache?“ fragte der Landarzt. „Ich habe bisher immer geglaubt, es sei nur so ein Gerede unterm Volke; dem ist nicht wohl, wenn es sich nicht eine Geschichte zu erzählen hat.“

„Leider ist es wahr,“ sagte der Forstmeister. „Seit ein paar Monaten ist in den Bergen der ganzen Reviere das Dasein und die Thätigkeit eines Wildschützen zu spüren, den sowohl seine außerordentliche Keckheit wie die Sicherheit seines Schusses zu einer außergewöhnlichen Erscheinung macht. Er treibt sein Wesen hauptsächlich bei Nacht und in den wildesten, unzugänglichsten Steigen, wo kaum meine Gehülfen fortzukommen wissen. Schon mehrmals sind sie seiner ansichtig geworden; schon öfters glaubten sie, ihn umgangen und eingekreist zu haben – immer wußte er aber wieder zu entwischen, wenn er auch manchmal die Beute zurücklassen mußte. Und was noch das Merkwürdigste ist, die Hirsche oder Gemsen sind immer waidgerecht und meist auf das Blatt geschossen, als wenn er sie immer im Ansprunge abfinge, und die Kugeln, mit denen er schießt, sind nicht, wie gewöhnlich, von Blei, sondern es sind Zinnkugeln von außerordentlicher Kleinheit und Festigkeit.“

„Aha! Dann können wir den Raubschützen mit der Hand erlangen,“ sagte der alte Sonnen-Moser lachend, indem er auf einen beleibten Mann deutete, der bisher aufmerksam, aber schweigend zugehört hatte. „Dann ist’s Niemand Anderer als der Schandl, der Bäcker. Leugn’s nit!“ fuhr er fort, als der Andere entrüstet auffuhr. „Hast Du nicht selbig’s Mal, wie’s geheißen hat, daß sich oben hinter Deinem Hause in der Neureut ein Bär hat spüren lassen, in der Eil’ gleich den Zinnknopf von Deinem Krügl heruntergedreht? Du kannst es also nit leugnen, daß Du Dich auf Zinnkugeln verstehst.“

Der dicke Bäcker wollte zornig antworten; aber ehe er dazu kam, nahm der Forstmeister wieder das Wort. „Die Sache ist mir sehr ärgerlich,“ sagte er. „Nächstens werde ich aus den benachbarten Revieren und der ganzen Gegend Alles aufbieten, was gehen und ein Gewehr tragen kann; dann werden wir doch wohl die Spur finden und dem Gamstod das Handwerk legen. Ich habe nie einen solchen Aerger gehabt wie heute. Ihr Alle kennt doch den Standhirsch in dem Holze oberhalb des Westerhofes? Ein starkes Thier, ein prächtiger Sechszehnender!“

„Wer soll den nicht kennen!“ riefen die Bauern durcheinander. „Ist ja so zahm, daß er an Winter in die Häuser kommt und Einem schier aus der Hand frißt.“

„Ja wohl,“ sagte ein Anderer, „und ist der Lieblingshirsch vom Könige, der bei Leib und Leben verboten hat, daß ihm Jemand was zu Leide thut.“

„Der nämliche,“ sagte der Förster noch ärgerlicher. „Er muß sich in letzter Nacht zu weit verzogen haben. Drinnen, wo es nach Kreuth hineingeht, hat ihn heute Abend mein Jagdgehülfe gefunden – verendet. Der Gamstod scheint nicht Zeit gehabt zu haben, ihn zu verschleppen; aber die kleine Zinnkugel hat er richtig mitten auf dem Blatte sitzen gehabt.“

[638] Eine unruhige Bewegung kam über die Versammelten; Rufe des Unwillens wurden laut über den Frevler, der das harmlose Thier, das kaum noch für ein Wild gelten konnte, getödtet – nicht minder die Besorgniß, wie der König das Leid aufnehmen würde, das seinem Lieblinge widerfahren. Schnell waren Alle einig, daß der Unfug nicht länger zu dulden sei, und daß Alle zusammen helfen müßten, um den verwegenen Wildschützen zu ermitteln und unschädlich zu machen.

Ueber der allgemeinen Erregung, wie vorher im Eifer des Gesprächs, hatte Niemand Zeit und Anlaß gefunden, den Wachtelschläger zu beachten, obwohl er so nahe stand, daß er jedes Wort vernehmen konnte. Er schien anfangs nicht darauf zu achten; seine Augen suchten immer noch unter den Burschen und Mädchen die Sängerin zu entdecken; sein Ohr lauschte, um den eigenthümlichen Klang ihrer Stimme aus dem Gewirre der übrigen herauszufinden. Erst als der Forstmeister hinzugetreten, hatte er seine Aufmerksamkeit dieser Gruppe zugewendet und schien nun offenbar mit dem Entschlusse zu kämpfen, sich den Männern noch mehr zu nähern. Es war, als wolle er schon den Fuß heben, um zu dem Förster hinzutreten; die Wendung des Gesprächs aber machte ihn wieder an sich halten und seine Aufmerksamkeit verdoppeln. Hatte zuerst ein listiges Lächeln um seinem bärtigen Mundwinkel gezuckt, so war dasselbe bald dem Ausdrucke des Unwillens gewichen, der sein ganzes Gesicht mit dunkler Röthe überdeckte. Unwillkürlich machte er eine rasche Bewegung, durch welche der Bergstock, den er im Arme lehnen hatte, zu Boden fiel, hart vor die Füße des zunächststehenden Forstmeisters. Dieser wendete sich und sah ihn forschend von unten bis oben an.

„Was ist’s mit Dir, Bursche?“ fragte er. „Willst Du etwas von mir, weil Du Dich so nahe heranpürschest? Bist Du nicht Einer von den Arbeitern im Marmorbruche? Ich glaube, Dich dort gesehen zu haben.“

„Ja, Herr Forstmeister,“ sagte der Bursche unbefangen und unterwürfig, „ich bin Arbeiter im Steinbruche; aber eben deswegen hätt’ ich schon lang’ ein Anliegen an den Herrn Forstmeister. Ich hab’ mir’s nur immer nit zu sagen getraut.“

„Ein Anliegen? Das wäre?“ fragte der Forstmeister.

„Ich möcht’ gern eine andere Arbeit; das Steinhauen ist mir zu schwer.“

„Zu schwer – einem Burschen wie Du, so stark wie ein Baum?“

„Und doch zu schwer, Herr, weil ich keinen Verstand dafür hab’ – wissen S’, Herr Forstmeister, so den rechten Verstand. Ich mein’, wenn man eine Arbeit thut, soll man sie nicht blos mit der Hand thun, sondern soll im Kopfe einen Begriff davon und im Herzen eine Lieb’ dazu haben. Das hab’ ich nit, wenn ich in dem todten Gestein drinn sitzen und den ganzen lieben Tag d’rauf los klopfen muß, bis ein Trumm herunterfallt. Ich kann die stille, sitzende Weis’ nit vertragen; ich möcht’ mich so gern rühren und was um mich her haben, was sich rührt, so wie im Walde, wo das Wasser rauscht und die Bäum’ sausen, wo in dene Bäum’ die Vögel flattern, und drunten ’s Wild durchbricht …“

„Hoho!“ rief der Forstmeister, indem er den Burschen abermals betrachtete. „Bist ja gar vertraut mit dem Walde; möchtest wohl gar Jäger werden?“

„Ja, das möcht’ ich,“ rief der Bursche. freudig. „Das wär’ das Einzige, was ich mir wünschen thät’. Wenn mir oft im Traume was Schön’s vorkommt, ist mir’s immer, als wenn ich ein Jäger wär’ und durch den Wald pürschen oder auf den Anstand gehen thät’.“

Der Forstmeister lachte. „Da haben wir das rechte Beispiel eines Müßiggängers,“ sagte er, zu den Umstehenden gewendet. „Weil dem Burschen das Steinhauen im Marmorbruch zu stark in die Glieder geht, möchte er es bequemer haben und das Gewehr im Walde spazieren tragen. Nein, guter Freund, damit ist es nichts; da muß man auch schießen können.“

„Das kann ich,“ sagte der Bursche schnell, wenn auch etwas verdüstert. „Ich bin lang genug Soldat und im Kriege gewesen. Der Herr Forstmeister könnten’s ja probiren, ob ich schießen und treffen kann.“

„Ach was – Dummheiten!“ sagte dieser wieder. „Lass’ mich in Ruhe! Ich kann keine solchen Bauernjäger brauchen. Auch ist es mit dem Schießen allein noch nicht gethan: die Hauptsache ist jetzt der Wald, und ein rechter Jäger muß gar Vieles wissen.“

„Was ich nicht weiß, könnt’ ich ja wohl lernen,“ sagte der Bursche bescheiden.

„Nein, nein, das könnte mir zu lange währen,“ rief der Förster sich abwendend, „und kurz und gut, ich will von dem dummen Zeuge nichts mehr hören. Geh’ in Deinen Marmorbruch und klopfe Steine, oder wenn Du durchaus eine andere Arbeit haben willst, so greife zur Sense und Drischel und mache einen ordentlichen Bauernknecht! Da kannst Du Dich rühren genug.“

„Also ist’s nix?“ fragte der Bursche, indem er den Blick fest auf den Forstmeister richtete. „Meinetwegen,“ sagte er dann, wie sich selbst antwortend, „dann muß es halt bleiben, wie’s ist.“

Er ging und war bald unter den Anwesenden verschwunden. Vielleicht hätte er das Gespräch doch noch länger fortgesetzt; aber es war ihm gewesen, als hätte er die schlanke Gestalt des Spötterls durch die Menge gleiten gesehen, leicht und rasch, wie der gleichnamige Vogel kaum bemerkbar durch die Zweige und Blätter schlüpft.

„Schade um den Burschen,“ sagte der Sonnen-Moser, indem er ihm nachsah. „Er ist stark wie ein Bär und könnt’ leicht als Oberknecht oder Baumann einen Platz finden. Ich selber hätt’ ihn schon eingestellt, wenn er gewollt hätt’; aber er bleibt nirgends lang und hat das herumstreunende Leben schon gewöhnt. Das kommt von der Soldatenzeit. Er hat den großen Krieg mitgemacht und ist in der russischen Gefangenschaft gewesen. Davon hat er auch die Narbe her über das ganze Hirn. Die wird ganz blutroth, wenn’s heißes Wetter ist oder wenn er zornig wird, und es hat schon geheißen, daß es dann darunter auch nicht ganz richtig sei. Dann ist gar nichts mit ihm anzufangen; er läßt alle Arbeit liegen und stehen und will keinem Menschen mehr gehorsam sein.“ – –

In dem am Seegestade aufgeschlagenen Zelte begann es inzwischen ebenfalls lebhaft zu werden; glänzendes Licht schien durch die gespannten Leinwanddecken und zog immer mehr die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Durch den halb offenen Eingang war die Tafel zu sehen, welche, kostbar gedeckt und mit Speisen und Leckereien aller Art besetzt, der vornehmen Gäste harrte, für welche ihre Reichthümer bestimmt waren. Es war das erste Mal, daß das Zelt, ein Geschenk der Stadt Augsburg an den allgeliebten König, zu solch festlichem Zwecke dienen sollte. Die Gartenanlage, welche später um dasselbe gepflanzt wurde, war damals im ersten, dürftigen Entstehen begriffen. Schon begannen auch einzelne Gäste sich einzufinden und warteten auf die Ankunft der Fürsten, welche der König von Baiern zu sich an den lieblichen Tegernsee geladen hatte, ihnen die Schönheit seines Reiches zu zeigen.

Eben war der Congreß der Fürsten nach Verona zusammenberufen, und auf dem Wege dahin hatten Alexander von Rußland und Franz von Oesterreich dem Baiernkönig ihren Besuch zugesagt; Beide waren sehr willkommen, noch mehr aber der Letztere, weil mit dem Kaiser auch die Kaiserin Charlotte, Maximilian’s Tochter, den Vater wieder zu sehen kam. In dem stillen, schönen Gebirgsthale sollte auf einige Tage vergessen werden, daß draußen der Himmel düster war und sich immer trüber umwölkte. Noch war kein Jahrzehnt verflossen, seit die deutschen Stämme sich in edler Begeisterung erhoben, um den gewaltigen Franzosenkaiser niederzuwerfen, der Volk und Fürsten zu seinen Unterthanen gemacht. In feierlicher Anerkennung dessen hatten die Fürsten ihren Staaten die Freiheiten verheißen, deren sie sich so würdig bewiesen; aber die Erinnerung daran war von Jahr zu Jahr schwächer und unbequemer geworden, und als die Völker mahnend des versprochenen Dankes gedachten, war man bereits einig, die Verheißung nicht zu erfüllen, sondern den gefährlichen Geist und die Männer, in deren Köpfen er sich besonders lebhaft regte, niederzuhalten. Auch außer den deutschen Landen gohr es bedenklich. Die Spanier hatten ihren Ferdinand verjagt, und die Griechen waren aufgestanden, um das schwere, verhaßte Türkenjoch abzuschütteln – die heilige Allianz hatte das Alles wohl überdacht und geplant: zu Verona sollte dem großen Werke des Rückschritts das Siegel aufgedrückt werden.


(Fortsetzung folgt.)


[639]
Der Vater von „Mein Leopold!“


Die Gartenlaube (1874) b 639.jpg

Adolf L’Arronge.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.

In David Kalisch, zu früh gestorben für seine Freunde, wie für seine dramatische und literarische Thätigkeit, hatte nicht nur das Wallner-Theater, sondern die Berliner Posse überhaupt eine unersetzliche Kraft verloren. Kalisch hatte die Berliner Localposse geschaffen; er war auch bis zu seinem Tode ihr geistvollster, witzigster und gewissenhaftester Vertreter geblieben, und ihm verdankt die Bühne die muntersten Volksfiguren, deren Lebensfähigkeit auch heute dieselbe geblieben ist. Kalisch war zwar kein dramatischer Dichter im eigentlichen Sinne; er bearbeitete vorhandene Stoffe, oder übersetzte österreichische oder französische Stücke in sein geliebtes Berlinisch, dies aber geschah mit so viel anmuthigem Humor und mit so viel geistvollen und originellen Einfällen, daß von den fremden Arbeiten nur die Baupläne übrigblieben, während ihr Stil, die innere Einrichtung und Ausschmückung ganz als sein geistiges Eigenthum zu betrachten waren. Man hatte ein selbstständiges, genial dastehendes Berliner Possengebäude vor sich, und das Publicum wurde nicht müde, es hundert Mal und häufiger anzusehen und sich daran zu ergötzen.

Aber mit ihrem Schöpfer verlor die Berliner Localposse auch ihren Ernährer, und vornehmlich das Wallner-Theater, die Arena des dramatisirten Berliner Witzes, sah sich verlassen und war bald ganz ohne Novitäten, da Pohl sich einem eigenen Genre, der Operettenposse oder Possenoperette, widmete, für welches die Gesangskräfte des Wallner-Theaters nicht ausreichten, und Belly, Haber, Wilken u. A. nur einactige Possen mit Glück producirten. Wohl wurde noch Größeres, „Abendfüllendes“ geschrieben. Jede Saison brachte mehrere Portionen „Posse mit Gesang“, aber Alles war nur das Schondagewesene, und die Fußstapfen Kalisch’s waren bald so ausgetreten, daß die ursprüngliche Form derselben nicht mehr zu erkennen war. Keiner wußte die Pointe im Couplet so fein zu schleifen, Keiner den Dialog so zu würzen, Keiner so keck in’s volle Menschenleben hineinzugreifen, wie Kalisch. Selbst die Auffrischung der Possen Kalisch’s gelang Keinem, wenn die Direction in ihrer Noth zu denselben zurückzukehren versuchte. Sollte also das ganze Genre im Wesentlichen erhalten bleiben, so mußte dasselbe durch eine selbstständige Kraft neu belebt werden.

Eine solche ist in Adolf L’Arronge zu rascher Entfaltung gekommen. Wir dürfen dies heute behaupten, nachdem seit fast einem Jahre das Repertoire der deutschen Bühne, soweit dieselbe sich dem Volksstücke öffnet, ein Werk des genannten Autors so häufig genannt hat, daß dessen Titel schon die Popularität eines geflügelten Wortes für sich in Anspruch [640] nimmt: „Mein Leopold!“ Dieses Stück, im Wallner-Theater am 23. December 1873 zum ersten Male aufgeführt, machte rasch den großen Weg über die deutschen Bühnen, verweilte auf jeder eine lange Reihe von Abenden und wurde überall vom Publicum und von der Kritik ehrenvoll ausgezeichnet.

Adolf L’Arronge hat diesen glänzenden Erfolg dem ernsten und ehrlichen Eifer zu verdanken, mit welchem er sich von der Schablone, zu welcher Kalisch’s Posse durch die Nachahmer herabgesunken war, losgesagt hat. Er fordert nicht zu Vergleichen heraus, sondern steht auf eigenen Füßen; er erfindet seine Stoffe selbstständig, belebt dieselben mit Charakteren, die zu Gunsten billigen Applauses nicht von der Natur abweichen, und sorgt dafür, daß der Faden einer dramatischen Handlung nicht jeden Augenblick durch tolle Sprünge zerreißt, oder dem Zuschauer unter der Hand verschwindet. Dazu kommt seine Fähigkeit, den ihm innewohnenden Witz mit so weiser Oekonomie über die Scenen zu verbreiten, daß derselbe uns vor Allem da nicht aufdringlich erscheint, wo vor dem Zuschauer sich der ernste Theil der Handlung, der sich in jedem Stücke unseres Autors findet, abspielt. Das Mitglied der komischen Bühne sieht sich nach langer Pause durch L’Arronge einmal wieder mit Aufgaben betraut, deren Lösung in ihm den Schauspieler zur Geltung kommen läßt, und damit erklärt sich ein großer Theil des Erfolges, welchen „Mein Leopold!“ überall gefunden hat. Der Komiker beschäftigt sich freudig und eingehend mit einer Rolle, die eine ernstere Leistung von ihm fordert als den an das Café-Chantant erinnernden Vortrag von Couplets und alten Scherzen.

Wie freudig diese Rückkehr zum gesunden Volksstücke anerkannt wird, beweist der Umstand, daß einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, Friedrich Spielhagen, in einem Feuilleton den Eindruck geschildert hat, den Carl Helmerding’s Darstellung des Gottlieb Weigelt in „Mein Leopold!“ auf ihn hervorbrachte.* Nachdem Spielhagen dem Mißbehagen Ausdruck gegeben, mit welchem der Ton der Schablonenposse ihn zu beschleichen pflegte und welches ihn von dem Besuche des Wallner-Theaters fern gehalten, sagt er: „So war denn die zweiundachtzigste Wiederholung von ‚Mein Leopold!‘ angesetzt, bis ich mich entschließen konnte, ein Stück zu sehen, das mir auch sonst als ein gutes in seinem Genre bezeichnet wurde und in welchem Helmerding ganz brillant sein solle. Ich fand, daß man mir nur die Wahrheit gesagt. Das Stück ist gut und Helmerding ganz brillant.“

Auf ein Lob aus solcher Feder darf L’Arronge stolz sein. L’Arronge ist ein echtes Theaterkind; er kennt von Jugend auf die Bühne, und diese Bekanntschaft kommt seiner Thätigkeit nicht wenig zu Statten. Er ist der Sohn des rühmlich bekannten Komikers und Theaterdirectors L’Arronge und erblickte im März 1838 in Hamburg das Licht der – Lampen. In Berlin und Aachen besuchte er das Gymnasium, widmete sich in letztgenannter Stadt unter Leitung des Musikdirectors Richard Genée der Musik und ging zu weiterer Ausbildung nach Leipzig, wo er durch drei Jahre am Conservatorium studirte. Als Opern-Capellmeister war er dann in Danzig, Königsberg, Cöln, Würzburg, Stuttgart, Pest und zuletzt am Kroll’schen Theater in Berlin thätig, wo er auch als Dirigent des Männergesangvereins unter ehrenvoller Anerkennung wirkte.

Für das letztgenannte Theater schrieb er eine Posse, „Das große Loos“, deren guter Erfolg ihn vom Dirigentenpult an das Pult der dramatischen Literatur verführte, an welchem er fleißig und mit großem Erfolg arbeitete. Selbst während er Redacteur der „Gerichtszeitung“ war, blieb er dem Theater treu, dem er sich jetzt auch als Bühnenleiter widmete, indem er die Direction des Breslauer Lobe-Theaters übernahm. Hoffentlich bleibt er auch in dieser Stellung als Bühnendichter im Dienste der holden Thalia, für den er schon so tüchtige Beweise außergewöhnlicher Befähigung geliefert hat.


* Aus meinem Skizzenbuche. Von Friedrich Spielhagen.

Julius Stettenheim.





Gesprengte Fesseln.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Von E. Werner.


(Fortsetzung und Schluß.)


Der Capitain versuchte es vergebens mit der alten Spottsucht; sie wollte ihm heute nicht zu Hülfe kommen. Seine Lippen zuckten, und seine Worte klangen wie die bitterste Ironie. Ella sah, wie tief die Wunde bei dem Manne ging, den sie in dieser Beziehung für unverwundbar gehalten hatte.

„Sie hätten längst gehen sollen, Hugo,“ sagte sie mit leisem Vorwurfe. „Jetzt ist es zu spät, Ihnen den Schmerz zu ersparen, aber wenn die Liebe einer Schwester –“

„Um Gotteswillen, nur das nicht!“ unterbrach er sie ungestüm. „Nur nichts von Achtung, Freundschaft und all den schönen Dingen, mit denen sich die Idealisten in solchem Falle trösten, und die einen gewöhnlichen Menschen umbringen, wenn sich sein heißes Herz damit zufrieden geben soll. Ich weiß es ja, daß Sie in mir von jeher nur den Bruder gesehen haben, daß Ihr Herz immer und ewig an Reinhold gehangen hat, selbst da noch, als er Sie verrieth und verließ, aber ich ertrage es nicht, das jetzt aus Ihrem Munde zu hören. Freilich, es geschieht mir schon recht. Warum bin ich ihr auch untreu geworden, meiner schönen blauen Wellenbraut da draußen, der ich doch nun einmal allein angehöre! Sie läßt es mich jetzt büßen, daß ich daran denken konnte, sie zu verlassen um einer Anderen willen, und doch war es mir immer, als blickte ich in ihre blauen Tiefen, wenn ich in Ella’s Augen sah.“ Er warf mit einer halb trotzigen Bewegung den Kopf zurück. „Und mir haben sich diese Augen doch zuerst entschleiert, damals, als mein Bruder noch nicht ahnte, welchen Reichthum er sein nannte. Ich wußte besser als er, was an der Frau war, die er um einer Biancona willen aufgab, und trotzdem trägt er jetzt den Preis davon, für den ich Alles hingegeben hätte. Solche dämonische Künstlernaturen siegen ja immer gegen Unsereinen, der nichts einzusetzen hat, als sein warmes Herz und sein heißes, volles Lieben. Reinhold nimmt zurück, was nie auch nur einen Augenblick lang aufgehört hatte, sein Eigenthum zu sein, und ich – gehe. So ist uns Allen geholfen.“

Es lag eine grenzenlose Bitterkeit in den letzten Worten, die nur zu sehr verriethen, daß selbst die Liebe zu dem Bruder nicht mehr vor einer Leidenschaft Stand halten wollte, welche die ganze Natur Hugo’s verändert zu haben schien. Er machte Miene, das Zimmer zu verlassen. Ella hielt ihn zurück.

„Nein, Hugo, so dürfen Sie nicht gehen,“ sagte sie fest. „Nicht mit dieser Bitterkeit gegen Reinhold und mich im Herzen. Unser Glück hat sich schon auf den Trümmern eines fremden Lebens aufbauen müssen; es wäre zu theuer bezahlt, sollte es uns nun auch noch den Bruder kosten. Wir würden es nie, nie überwinden, Sie in der Ferne unglücklich zu wissen, unglücklich durch uns.“

Sie hatte bittend und traurig das Auge zu ihm emporgehoben; der Capitain blickte mit einem seltsamen Gemisch von Groll und Zärtlichkeit nieder auf die junge Frau.

„Sorgen Sie nicht um mich!“ entgegnete er gepreßt. „Ich gehöre nicht zu den Männern, die sich gleich der Verzweiflung ergeben, weil sie sich von dem losreißen müssen, woran doch nun einmal ihr ganzes Herz hängt. Und wenn bei dem Losreißen auch ein Stück von dem Herzen mitgeht, nun, so lebt es sich auch so weiter. Ertragen werde ich’s; ob ich es überwinde, ist eine andere Frage. – Wenn Reinhold völlig wieder hergestellt ist, so sagen Sie ihm, was mich fortgetrieben hat aus seiner und Ihrer Nähe! Ich mag vor dem Bruder nicht als Heuchler dastehen, und ich hätte es ihm längst selbst gebeichtet, fürchtete ich nicht jetzt noch die Aufregung eines solchen Geständnisses für ihn; er ist nur allzu reizbar in jedem Punkte geworden, der Sie betrifft. Sagen Sie ihm, Hugo hätte nicht bleiben können, nicht eine Stunde länger, und er hätte Ihnen sein Wort darauf gegeben, nicht eher wiederzukommen, bis er der Gattin seines Bruders so unter die Augen treten kann, wie er muß.“

[641] Seine Hand, die er ihr zum Lebewohl entgegenstreckte, umschloß mit krampfhaftem Druck die ihrige, als die Thür sich öffnete und der kleine Reinhold hereinstürmte, der sich mit kindlichem Ungestüm an den Oheim hing.

„Onkel Hugo, Du willst fort?“ rief er athemlos. „Jonas hat Deine Koffer gepackt und sagt, Du wolltest morgen abreisen. Onkel Hugo, das darfst Du nicht; Du mußt bei uns bleiben.“

Der Capitain hob den Knaben empor und drückte mit leidenschaftlicher Heftigkeit seine Lippen auf die des Kindes.

„Bringe Deiner Mutter diesen Kuß!“ flüsterte er mit halb erstickter Stimme. „Von Deinen Lippen wird sie ihn ja wohl nehmen dürfen. Lebe wohl, mein Kind – Leben Sie wohl, Ella!“ –

„Mama,“ sagte der kleine Reinhold, indem er verwundert dem Oheim nachblickte, der ihn so stürmisch niedergesetzt und dann das Zimmer verlassen hatte, „Mama, was hat denn Onkel Hugo? Er weinte ja, als er mich küßte.“

Die junge Frau zog das Kind an sich und jetzt berührten auch ihre Lippen die Stirn desselben, die noch feucht war, wie von zwei darauf niedergefallenen Thränen.

„Es wird dem Onkel schwer, uns zu verlassen,“ erwiderte sie leise. „Aber er muß fort – Gott gebe, daß er einst zu uns zurückkehrt!“




In der alten Hafen- und Handelsstadt H. hatte sich im Laufe der Zeit nur wenig verändert. Sie sah noch ebenso aus, wie vor zehn Jahren, als die italienische Operngesellschaft hier ihre ersten Vorstellungen gab. Das ältere Stadtviertel lag noch ebenso düster und winklig, das neuere noch ebenso vornehm und ruhig da, wie zu jener Zeit; auf den Straßen und am Hafen herrschte noch das alte rege Leben und Treiben, und heute, an einem Frühlingsabende, lag auch wieder die alte feuchte Nebelatmosphäre über der Stadt und ihrer Umgebung.

Im Erlau’schen Hause herrschte eine ungewöhnliche Aufregung. Der große, sonst mit vornehmer Ruhe und Pünktlichkeit geführte Haushalt schien heute ganz aus den Fugen gegangen zu sein. Es war ein Rennen und Laufen ohne Ende; die ganze Flucht der Zimmer war geöffnet und erleuchtet; die Dienerschaft befand sich in vollster Gala und wurde mit Befehlen bald hierhin, bald dorthin gerufen. Die Equipage war bereits vor einer Stunde nach dem Bahnhofe abgefahren, und soeben trat die Verwandte, welche jetzt dem Haushalte des Consuls vorstand, eine schon ältere Dame, in Begleitung des Doctor Welding in den großen Salon.

„Ich versichere es Ihnen, Herr Doctor, mit meinem Cousin ist heute nicht auszukommen,“ klagte sie, während sie sich mit der Miene der Erschöpfung auf einen Fauteuil niederließ. „Er bringt das ganze Haus in Aufruhr und jagt die gesammte Dienerschaft mit Befehlen und Anordnungen durcheinander. Nichts ist ihm festlich und glänzend genug. Ich freue mich gewiß auch, meine liebe Eleonore wiederzusehen, und ihren berühmten Gatten persönlich kennen zu lernen, aber der Consul hat mich mit seiner Aufregung bereits so nervös gemacht, daß ich wünsche, die Empfangsfeierlichkeiten wären erst überstanden.“

„Es ist ja aber auch das erste Mal, daß er seine Pflegetochter wieder im eigenen Hause empfängt,“ sagte Welding. Der Doctor hatte sich in dem langen Zeitraume kaum verändert; er sah nur wenig älter aus. Es war noch immer das scharf und geistreich gezeichnete Gesicht, der durchdringende Blick und der ihm eigene ironische Klang der Stimme, mit dem er jetzt fortfuhr: „Herr Reinhold Almbach scheint dem Consul gegenüber seine Oberhoheit über seine Frau ganz entschieden zu behaupten. Er hat es, wie Sie wissen, richtig durchgesetzt, daß Erlau jedesmal zu ihnen nach der Residenz kommen mußte, und wir bekamen trotz aller Versprechungen Frau Eleonore nicht eher zu sehen, als bis der Herr Gemahl sich entschloß, sie hierher zu begleiten. Es scheint, er kann sie nicht eine einzige Woche lang entbehren.“

„Nein, gewiß nicht,“ rief die Dame gerührt. „Sie sollten nur den Cousin davon erzählen hören, der erst so sehr gegen Reinhold eingenommen war, und nun mit ihm und dem Glücke Eleonorens völlig ausgesöhnt ist. Es ist eine Liebe zwischen den Beiden, so rein und klar, so fest und stark, und dabei von einem so märchenhaft poetischen Hauche umwoben, daß sie fast wie eine Sage herüberklingt in unsere glückes- und liebesarme Zeit.“

Der Doctor verbeugte sich ironisch. „Vollkommen richtig, meine Gnädige. Ich sehe mit Vergnügen, welche eingehende Aufmerksamkeit Sie meinen Artikeln widmen. Genau dasselbe stand in Nr. 12 des ‚Morgenblattes‘, gelegentlich einer Besprechung des Textes zu Rinaldo’s neuester Oper.“

„So? Steht es im ‚Morgenblatt‘?“ fragte die Dame in einiger Verlegenheit; es schien ihr lieb zu sein, daß in diesem Momente der Consul eintrat, der, ohne in seiner freudigen Aufregung den Doctor zu bemerken sofort auf sie zueilte.

„Aber beste Cousine, ich suche Sie überall. Der Wagen kann jede Minute vom Bahnhofe zurückkehren, und wir hatten ja ausgemacht, daß wir zusammen unsere lieben Gäste empfangen wollen. Ist das rothe Cabinet noch nachträglich erleuchtet worden, wie ich befahl? Ist der Heinrich drunten im Vestibül bei der übrigen Dienerschaft? Haben Sie –“

„Cousin, Sie machen mich nervös mit Ihren unaufhörlichen Fragen,“ rief die Dame in etwas gereiztem Tone. „Ist es denn das erste Mal, daß Sie mir die Anordnung einer Festlichkeit übertragen? Ich habe Ihnen bereits zwei Mal versichert, daß Alles nach Ihren Wünschen geregelt ist.“

„Das ist für heute nicht genug,“ mischte sich jetzt Welding in das Gespräch. „Diesmal übernimmt der Herr Consul selbst die Rolle des Hausmeisters und inspicirt das ganze Haus vom Boden bis zum Keller. Wehe Dem, der sich heute nicht im Festgewande vor ihm blicken läßt!“

„Spotten Sie nur!“ lachte der Consul. „Ich werde mir die Freude des Wiedersehens dadurch nicht stören lassen, und mit Ihnen, Doctor, bin ich überhaupt ausgesöhnt, seit Sie in Ihrem ,Morgenblatte‘ eine solche Jubelhymne über Reinhold’s neuestes Werk anstimmten.“

„Bitte, ich schreibe keine Jubelhymnen,“ sagte der Doctor etwas pikirt. „Ich habe im Gegentheil nur zu oft die Erfahrung machen müssen, daß meine Kritiken von den Herren Künstlern mit weniger schmeichelhaften Namen belegt werden. Unser großer Mime und Heldentenor, der, wie Sie wissen, sein hochtragisches Bühnenpathos stets auch im wirklichen Lehen beibehält, nannte neulich erst mein Urtheil über eine seiner Hauptrollen ,den Ausfluß der schwärzesten Bosheit, die je eine schwarze Menschenseele ausgebrütet‘. Wie finden Sie das?“

„Nun, Reinhold hatte auch genug von Ihrer Feder auszustehen,“ meinte Erlau. „Ein Glück, daß er damals in Italien unser ‚Morgenblatt‘ nicht zu Gesichte bekam; er hätte sonst sehr unliebsame Dinge lesen müssen, ‚von der beklagenswerthen Richtung eines unleugbar großen Talentes, von unverzeihlicher Verschleuderung der kostbarsten Gaben, von der Verwirrung eines Genius, der zum Höchsten befähigt und dennoch auf dem Wege sei, sich und die Kunst zu ruiniren‘ – und was dergleichen Artigkeiten mehr waren.“

„Mit denen Sie damals doch völlig einverstanden waren,“ ergänzte Welding. „Gewiß, ich bin ein offener Gegner Rinaldo’s gewesen. So unbedingt ich von jeher sein großes Talent anerkannte, so sehr ich ihn bei seinen ersten künstlerischen Versuchen ermuthigte, so entschieden verwarf ich jene Richtung, der er sich später in Italien zuwandte. Jetzt ist das anders geworden. Sein neuestes Werk zeugt von einer Umkehr, zu der man ihm und der Kunst nur Glück wünschen kann. Er hat sich durchgerungen durch die wilde Gährung zur vollsten Freiheit und Klarheit des künstlerischen Schaffens. Sein Genius scheint endlich die rechte Bahn gefunden zu haben – dieses Werk steht durchaus auf der Höhe seines Talentes.“

„Natürlich – und das ist einzig Eleonorens Verdienst,“ sagte Erlau mit unerschütterlicher Zuversicht, während seine Cousine sehr andächtig den Worten des Doctors lauschte.

„Hilft Frau Almbach ihrem Gemahl bei seinen Compositionen?“ fragte Welding boshaft.

„Lassen Sie die Malice, Doctor! Sie wissen doch am besten, wie ich es meine,“ rief der Consul ärgerlich. „Nun, Heinrich, was giebt es?“ wandte er sich an den rasch eintretenden Diener, der berichtete, daß der Wagen soeben vorfahre.

„Cousin! Um Gottes willen, langsamer! Die ganze Dienerschaft steht ja draußen im Vestibül,“ rief die alte Dame, die sich bereit gemacht hatte, die Ankommenden feierlich und würdevoll zu empfangen, und die jetzt von dem Consul, der ihren Arm ergriff, so stürmisch fortgezogen wurde, daß die Majestät ihrer [642] Schleppe gar nicht zur Geltung kam. Erlau hörte nicht auf ihre Vorstellungen; sie mußte im Sturmschritte mit ihm bis zur Treppe. Doctor Welding, der zufällig gekommen war, ohne die Stunde der Ankunft zu kennen, hielt sich als Hausfreund berechtigt, der Familienscene beizuwohnen. Er blieb deshalb im Salon, während draußen die ersten Empfangs- und Bewillkommnungsreden laut wurden. Der Consul begrüßte mit voller Zärtlichkeit seine Pflegetochter und den kleinen Reinhold, der in hellem Jubel an seinem Halse hing. Die Cousine dagegen schien sich des großen Reinhold bemächtigt zu haben, den sie mit einem Strome von Complimenten in den Saal geleitete, während die Uebrigen noch in dem vorderen Zimmer weilten.

„Ich freue mich unendlich, in dem Gatten meiner theuren Eleonore, den ich ja auch wohl als Verwandten begrüßen darf, zugleich den gefeierten Rinaldo kennen zu lernen,“ versicherte sie noch auf der Schwelle. „Und unser H. wird stolz darauf sein, seinen berühmtem Sohn endlich einmal wieder in seinen Mauern zu sehen. Herr Almbach, man kann Ihnen und der Kunst nur Glück wünschen zu Ihrem neuen Werke; es steht durchaus auf der Höhe Ihres Talentes. Ihr Genius hat endlich – ja endlich –“

„Die rechte Bahn,“ half Doctor Welding, der in der Nähe stand, mit größter Artigkeit ein.

„Die rechte Bahn gefunden,“ fuhr die Dame begeistert fort. „Sie haben sich durchgerungen durch die wilde Gährung zur vollsten Freiheit und zu höheren Sphären.“

„Nicht ganz wortgetreu, aber es geht auch so,“ murmelte Welding vor sich hin, während Reinhold, etwas betreten über dieses Sturzbad von ästhetischen Redensarten, sich vor der Dame verneigte. Zum Glück sah diese jetzt Ella am Arme des Consuls eintreten und eilte, sie und ihren Knaben zu umarmen, während der Doctor zu Reinhold trat.

„Darf ein alter Bekannter sich Ihnen in das Gedächtniß zurückrufen, Herr Almbach? Ich bin zwar nicht so kühn, Sie gleich mit kritischen Lobsprüchen zu empfangen, wie Ihnen eben geschah, aber ich heiße Sie deswegen nicht minder herzlich in der Heimath willkommen.“

„Die Tante meint es gewiß sehr freundlich,“ sagte Reinhold halb entschuldigend. „Es war mir nur im Augenblicke etwas befremdlich –“ er hielt inne.

„Mit einer meiner Recensionen empfangen zu werden,“ ergänzte der Doctor. „O, Ihre Frau Tante erweist mir öfter die Ehre, meine Artikel zu reproduciren, wenn auch freilich bisweilen an etwas ungeeigneter Stelle und mit eigenen Variationen, für die ich die Verantwortung nicht übernehme. Mit den ‚höheren Sphären‘ zum Beispiel habe ich für gewöhnlich nichts zu thun.“

Reinhold lächelte. „An Ihnen ist die Zeit spurlos vorübergegangen, Herr Doctor. Sie bewahren noch immer Ihren alten Ruf. Das dritte Wort, das Sie sprechen, ist eine Malice.“

„Je nachdem,“ meinte Welding achselzuckend und wandte sich an Ella, die dem alten Freunde des Hauses herzlich die Hand entgegenstreckte.

„Nun, wie finden Sie unsere Eleonore?“ rief der Consul triumphirend. „Blüht sie nicht wie eine Rose? Und der ‚Kleine‘ ist so groß geworden, daß wir bald eine andere Bezeichnung für ihn werden suchen müssen.“

Doctor Welding lächelte und diesmal ausnahmsweise ohne jede Malice, als er erwiderte: „Frau Eleonore ist sich gleich geblieben. Das ist das beste Compliment, das man ihr sagen kann. Gewiß, gnädige Frau, ich bin nicht der Letzte, der sich über dieses Wiedersehen freut und nebenbei auch darüber, daß die Erlau’schen Salons, für die nächsten Wochen wenigstens, wieder unter Ihrem Scepter stehen. Unter uns gesagt –“ er senkte die Stimme – „es sieht bisweilen etwas bedenklich darin aus, wenn die Frau Tante bei den Kunstgesprächen den Vorsitz führt.“ –

Die Aufregung und die Freude des Wiedersehens hatte die Ankömmlinge erst spät zur Ruhe gelangen lassen. Die Morgensonne schien schon klar und hell in die Fenster, als Ella in das Gemach trat, das während ihres Aufenthaltes in dem Erlau’schen Hause ihr Wohn- und Arbeitszimmer gewesen war. Es zeigte noch ganz die frühere kostbare Einrichtung, mit welcher der Consul seinen Liebling umgeben hatte. Auch Reinhold war bereits dort; er stand am Fenster und blickte auf die Straßen seiner Vaterstadt herab, die er nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit zum ersten Male wieder betrat. Es war nicht der junge Künstler mehr, der im trotzigen Kampfe mit seiner Umgebung und seiner Familie die Fesseln wie die Pflichten zerriß, um sich in eine Laufbahn zu werfen, die ihm Ruhm und Liebe verhieß, und der beides im Sturme errang, aber auch der Rinaldo war es nicht mehr, dessen wild geniales Leben in Italien so oft das Urtheil der Welt herausgefordert hatte, der keinen anderen Zügel und kein anderes Gesetz zu kennen schien als seinen eigenen Willen, und dem die Vergötterung von Seiten des Publicums und seiner Umgebung so verderblich zu werden drohte. In seinem Wesen lag nichts mehr von hochmüthiger Ueberhebung oder verletzender Schroffheit; es zeigte jetzt einzig das ruhige feste Selbstbewußtsein, das dem Manne wie dem Künstler nur zum Vortheile gereichte. In seinem Auge blitzte noch immer etwas von der alten Leidenschaftlichkeit, die im Leben wie in seinen Werken doch nun einmal Rinaldo’s eigentliches Element bildete, aber die wilde unstäte Flamme, die einst in diesem Blicke loderte, war erloschen, und was jetzt dort leuchtete, paßte besser zu dem ruhigen, etwas düsteren Ausdrucke seiner Züge. Was auch ein wildes, überschäumendes Leben in dieses Antlitz gegraben haben mochte, es redete jetzt nur noch von Ueberwundenem, und der träumerisch nachdenkliche Blick, der in diesem Augenblicke den Giebel des alten Hauses in der Canalstraße suchte, der deutlich aus dem Häusergewirr emportauchte – es war ganz der Blick des ehemaligen Reinhold, jenes Reinhold, der in dem engen kleinen Gartenhause vor seinem Flügel so oft gesessen und jene Töne wachgerufen, die damals nur in der Nacht laut werden durften, wollte er nicht wegen der „unnützen Phantasterei“ gescholten werden, welche die Welt jetzt die Offenbarung seines Genius nannte.

Ella näherte sich ihrem Manne. Ihr Aussehen rechtfertigte in der That den Ausspruch des Consuls; sie blühte wie eine Rose. Die drei letzten Jahre hatten dieser reizenden Gestalt nichts von ihrer Anmuth genommen, aber sie hatten ihr den Ausdruck des Glückes gegeben, der ihr einst fehlte.

„Hast Du so früh schon Briefe erhalten?“ fragte sie auf zwei geöffnete Schreiben deutend, die auf dem Tische lagen.

Reinhold lächelte. „Gewiß! Sie wurden uns aus der Residenz nachgesendet, und den Absender dieses Briefes,“ – er nahm den einen empor, – „erräthst Du sicher nicht. Eins wenigstens hat mir mein neuestes Werk eingetragen, das mir mehr werth ist, als all die Ovationen, mit denen man uns überschüttete – einen Brief von Cesario. Du weißt ja, wie tiefverletzt er sich damals von uns zurückzog, und mir jeden Annäherungs- und Versöhnungsversuch unmöglich machte. Er konnte es Dir nicht vergeben, daß Du so lange gegen ihn geschwiegen hattest, und mir nicht, daß ich seinem Glücke im Wege stand; seit drei Jahren habe ich, wie Du weißt, kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Die erste Aufführung meiner Oper in Italien hat endlich das Eis gebrochen; er schreibt wieder ganz mit der alten Herzlichkeit und Begeisterung, beglückwünscht mich wegen des neuen Werkes, das er weit über sein Verdienst erhebt, und – zeigt mir zugleich seine bevorstehende Vermählung mit der Tochter des Principe Orvieto an. Sie wird in wenigen Wochen seine Gemahlin.“

Ella war an die Seite ihres Mannes getreten und las über seine Schulter hinweg den Brief, den er geöffnet in der Hand hielt und in dem ihrer auch nicht mit einem einzigen Worte Erwähnung geschah.

„Kennst Du die Braut?“ fragte sie endlich.

„Nur wenig! Ich sah sie ein einziges Mal im Hause ihres Vaters und erinnere mich ihrer nur als eines schönen, lebhaften Kindes. Sie wurde im Kloster erzogen und stattete damals einen flüchtigen Besuch bei den Eltern ab. Aber ich weiß, daß diese Verbindung schon in jenen Tagen ein Lieblingswunsch der beiderseitigen Familien war, dem nur Cesario’s Abneigung gegen jedes Band, das ihn in Zukunft fesseln könnte, wie gegen jede Heirath überhaupt entgegenstand. Jetzt, wo Jahre darüber hingegangen sind und die junge Prinzessin erwachsen ist, scheint man jenen Plan wieder aufgenommen zu haben – Cesario hat dem Andringen der Verwandten nachgegeben. Ob ihm diese Convenienzheirath geben kann, was eine so glühende, schwärmerische Natur wie die seinige verlangt, das freilich ist eine andere Frage.“

Ella sah nachdenklich zu Boden. „Du sagtest ja, die Braut sei jung und schön, und Cesario ist wohl der Mann, so einem jungen Wesen, das aus der einsamen Klostererziehung eben erst in das Leben tritt, Liebe einzuflößen.“

[643] „Wir wollen es hoffen,“ sagte Reinhold ernst. „Der zweite Brief ist von Hugo und aus S. datirt.“

Ein leichtes Erröthen flog über das Antlitz der jungen Frau, als sie in lebhafter Spannung fragte:

Nun? Kommt er endlich? Dürfen wir ihn erwarten?“

Reinhold schüttelte leise den Kopf. „Nein, Ella. Unser Hugo kommt nicht; wir müssen auch diesmal darauf verzichten, ihn wiederzusehen Hier, lies selbst!“

Er reichte ihr den ziemlich umfangreichen Brief. Die ersten Seiten enthielten nur Reiseschilderungen, die ganz in der kecken, von Uebermuth und Laune sprühenden Art des Capitains hingeworfen waren; erst ganz am Schlusse wurden die persönlichen Verhältnisse berührt.

„Ich habe meinen Aufenthalt in S. benutzt,“ schrieb Hugo, „um dem Jonas einen Besuch abzustatten, der sich nun schon seit Jahr und Tag mit seiner Annunziata hier niedergelassen hat. Ihr habt die Kleine so überreich ausgestattet, daß aus der bescheidenen Wirthschaft, die sie sich einrichten wollten, ein recht hübscher Gasthof geworden ist, mit dem es auch schon tüchtig vorwärts geht. Die junge Frau hat endlich Deutsch gelernt und ist überhaupt eine ganz allerliebste Wirthin, den Jonas aber habe ich mir ernstlich vornehmen müssen, denn es ist förmlich haarsträubend, wie das winzige Ding, die Annunziata, diesen Bären von einem Seemanne nach allen Regeln der Kunst commandirt. Ich habe ihm in das Gewissen geredet, ihn an seine Manneswürde erinnert, ihm prophezeit, daß er rettungslos unter den Pantoffel gerathen würde, wenn das so fortginge – was giebt mir der Mensch zur Antwort? ‚Ja, Herr Capitain, man ist aber doch so unmenschlich glücklich dabei!‘ Da blieb denn freilich nichts übrig, als ihn seinem unmenschlichen Glücke und seinem Pantoffelregimente zu überlassen.

Noch eine Nachricht habe ich für Dich und auch für Ella. Mir gerieth gestern zufällig eine italienische Zeitung in die Hand, in der ich der Notiz begegnete, daß eine Verschwägerung der Häuser Tortoni und Orvieto bevorstehe. Marchese Cesario werde sich in Kurzem mit der einzigen Tochter des Principe vermählen. Du siehst, auch ein Idealist stirbt heutzutage nicht mehr an unglücklicher Liebe; er tröstet sich statt dessen nach Jahr und Tag mit einer jungen und vermuthlich auch schönen Frau aus fürstlichem Geblüte. Nur der Leichtsinnige, der ‚Abenteurer‘ kann es noch immer nicht verwinden, daß er zu tief in ein Paar blaue Augen geblickt hat. Ich kann nicht kommen, Reinhold, noch nicht! Du kennst das Wort, das ich Deiner Frau gab, es verbannt mich noch immer von Eurer Schwelle. Der Himmel weiß es, wie lange ich mich noch auf dem Meere herumtreiben muß, ohne Euch wiederzusehen, aber wenn mir die Erinnerung auch nicht mehr das Herz abdrückt, wie im Anfange, loslassen will sie mich noch immer nicht. Meine ‚Ellida‘ liegt wieder einmal segelfertig im Hafen, und morgen fliegt sie mit ihrem Capitain wieder hinaus in’s Weite – also leb’ wohl, Reinhold! Küsse Deinen Knaben in meinem Namen! An Ella werde ich doch wohl einen Gruß senden dürfen, da Du ihn ihr bringst? – Vielleicht sehen wir uns wieder.“

Ella faltete den Brief zusammen und legte ihn schweigend nieder. „Ich hoffte doch, er würde wenigstens diesmal zu uns zurückkehren,“ sagte sie endlich – es bebte wie Wehmuth in ihrer Stimme.

„Ich habe es nicht erwartet,“ entgegnete Reinhold ernst, „denn ich kenne Hugo. An seinem Charakter scheint vieles so leicht und spurlos abzugleiten, und gleitet vielleicht auch wirklich ab, hat er aber einmal etwas mit voller Seele erfaßt, dann läßt er es auch für das ganze Leben nicht wieder los. Er bewahrt seine Liebe treuer und besser, als – ich es that.“

„Liebtest Du mich denn, als ich Dir angetraut wurde?“ fragte Ella mit sanftem Vorwurf. „Konntest Du die Frau lieben, die damals Dich und sich selbst noch nicht verstand? Wir mußten erst getrennt werden, um uns so voll, so ganz wiederzufinden, und mich würde nichts mehr an die Trennung erinnern, sähe ich nicht auf Deiner Stirn immer wieder den Schatten, den die eine Erinnerung wach ruft.“

Reinhold fuhr mit der Hand über die Stirn. „Du meinst den Tod Beatricens? Ich weiß es ja, daß sie sich mit eigener Hand ihr Schicksal bereitete, und doch kann ich nicht immer die Stimme zum Schweigen bringen, die mich der Mitschuld daran zeiht. Daß ich sie verließ, das trieb sie zur Verzweiflung, zum Wahnsinn; sie wollte uns vernichtend treffen und traf sich selber.“

„Und aus den Wellen, die ihr den Tod gaben, rettetest Du Dir und mir das Höchste, unser Kind und unsere Liebe,“ sagte die junge Frau leise. „Sieh, da kommt unser Reinhold. Willst Du auch dem Kinde diese schwer umdüsterte Stirn zeigen?“

Der kleine Reinhold steckte den Kopf zur Thür herein, und als er die Eltern im Zimmer sah, kam er vollends hereingesprungen, so rosig und frisch, so voll Leben und Uebermuth, daß die Düsterheit des Vaters und der Ernst der Mutter nicht Stand halten wollten vor seinem Schmeicheln und Tollen. Ella küßte zärtlich die Stirn ihres Knaben, während Reinhold sie und das Kind an sich zog. Sie hatten ihn doch unlösbar festgehalten, diese Fesseln, die er einst in jugendlicher Verblendung gesprengt und zerrissen hatte, bis er draußen in dem so heißersehnten Leben, unter all den erträumten Schätzen fühlen lernte, daß er doch das Beste daheim gelassen, bis die Sehnsucht nach der Vergangenheit erwachte, und sich mächtig und unwiderstehlich Bahn brach, bis er sich durch Schuld und Todesgrauen das zurückerkämpfen mußte, was er einst selbst von sich gestoßen hatte, sein Weib und sein Kind – und in dem Blicke, mit dem er jetzt auf die Beiden niedersah, stand deutlich und klar das Geständniß, welches die Lippen nicht aussprachen, daß er das so lang’ und ruhelos gesuchte und immer versagte Glück endlich hier gefunden.




Jakobine Maurer, die deutsche „Christusin“ in Brasilien.


Man hat sich gewöhnt, unser Jahrhundert das aufgeklärte zu nennen; aber so enorm die Fortschritte der Wissenschaft auch gewesen sein mögen, und so gerechtfertigt im Allgemeinen diese Bezeichnung sein mag, so treten uns doch in unsern Tagen Erscheinungen entgegen, die uns mit Schmerz erkennen lassen, wie die Aufklärung doch noch lange nicht alle Schichten der Bevölkerung durchdrungen hat und der Aberglaube noch ein ausgedehntes Reich behauptet. Muß es uns nicht mit Erstaunen und Betrübniß erfüllen, in Frankreich und im Elsaß die seltsamsten Wundergeschichten auftauchen zu sehen? Ist nicht selbst die Nothwendigkeit des Kampfes der Staatsregierungen gegen die Anmaßung und die Uebergriffe des katholischen Clerus ein trauriges Zeichen von der noch nicht gebrochenen Macht des Wahnes? Den Rückhalt am Volke, der dem deutschen Clerus zu Theil wird, findet der brasilianische nicht, und ohne jegliche Ruhestörung werden die widerspenstigen Herren Bischöfe in Gewahrsam gebracht.

Um so greller contrastirt mit der Freisinnigkeit und Toleranz in Brasilien der Fanatismus, der eine deutsche Seele ergriffen und sie zu Gräuelthaten hingerissen hat, die uns in die Zeit Knipperdolling’s zurückzuversetzen geeignet sind.

Der Deutsche, der sich in allen Ländern der Erde einzubürgern versteht, hat auch unter dem glücklichen Himmelsstriche der Provinz Rio Grande do Sul in Brasilien sich ein Heim gegründet und den Urwaldsgürtel, der sich von dem Hochplateau der Serra Geral nach den Flußniederungen hinzieht, besiedelt. Wo früher dichter, undurchdringlicher Urwald den Boden deckte, hat der Fleiß der deutschen Colonisten im Laufe von wenig mehr als zwanzig Jahren ausgedehnte Colonien gegründet, deren blühende Orangenhaine, üppige Felder und freundliche Auen mit den an vielen Punkten wohlhäbig ausschauenden Häusern dem Auge des Reisenden ein überraschendes Bild entrollen.

Der neu ankommende Einwanderer muß freilich eine Zeit des Kampfes mit den Schwierigkeiten der ersten Urbarmachung seines Waldgrundstückes bestehen, ehe er sich seines neu erworbenen Besitzes erfreuen kann, der ihn bei Fleiß und Ausdauer später zu einer Wohlhäbigkeit führt, wie sie dem von Hause aus vermögenslosen Arbeiter und Tagelöhner in Deutschland oft unerreichbar ist. In dem ältern Theile der deutschen Colonien, wo die Bauern bereits zu Wohlstand gelangt sind, ihr schuldenfreies Grundstück mit oft mehrstöckigen steinernen Häusern und außerdem nicht [644] selten bedeutende Capitalien besitzen, spielen sich gegenwärtig die betrübenden Scenen ab, die nicht allein in die andern Ansiedelungen, sondern auch in das Städtchen Sao Leopoldo und sogar bis in die Hauptstadt Porto Alegre Furcht und Entsetzen getragen haben.

Mit der Zunahme des äußern Wohlstandes hat die geistige Entwickelung der Deutsch-Brasilianer, das heißt der Nachkommen der in Brasilien eingewanderten Deutschen, leider nicht Schritt gehalten. Die brasilianische Regierung hat zwar das Ihrige zur Hebung der Bildung durch Errichtung von Schulen gethan, aber der zäh am Alten klebende Bauer, der sich selten die Sprache seiner neuen Heimath aneignet, schickt seine Kinder wenig in diese brasilianischen Schulen, mag aber ebenso wenig für Gründung deutscher Schulen viel verausgaben. So ist denn der Schulunterricht der deutsch-brasilianischen Jugend ein sehr mangelhafter und hat den Boden vorbereitet, aus dem eine so furchtbare Saat des Aberglaubens und des vor keinem Verbrechen zurückschreckenden Fanatismus emporsprießen konnte. Ein großes Hinderniß für die fortschreitende Hebung der geistigen Interessen liegt ferner in dem Umstande, daß die protestantischen Gemeinden in Brasilien ihre Geistlichen selbstständig wählen dürfen und die Regierung ohne weitere Prüfung die also erkorenen Pfarrer registrirt[WS 1], wodurch es denn vorgekommen ist und noch heutigen Tages vorkommt, daß frühere Schneider und Schuster, in Deutschland weggejagte Dorfschulmeister, verkommene Officiere und Feldwebel etc. als Seelsorger fungiren.

Eine der bestsituirten Ansiedelungen der Excolonie Sao Leopoldo ist der sogenannte Leoner Hof, wo bereits vor Jahren einer der deutschen Bauern, Johann Georg Maurer, eines gewissen Rufes als Wunderdoctor genoß und vielen Zuspruch von den Bauern, zuweilen sogar von Bewohnern Porto Alegres hatte, die hinauspilgerten, um sich durch irgend ein Wundertränkchen curiren zu lassen. Die Einnahmen waren gut und erweckten jedenfalls in den speculativen Köpfen des Maurer’schen Ehepaares die Idee, sie auf bequeme Weise noch reichlicher fließen zu machen. Vor etwa zwei Jahren verlautete es in der Gegend, daß Frau Jakobine Maurer hellsehend geworden und in diesem Zustande höherer Eingebungen theilhaftig sei. Mit einem weißen Gewande angethan, eine Krone von Goldpapier auf dem Haupte, erschien die neue Prophetin und that den staunenden Zuhörern, die sich in ihrem Hause einfanden, in somnambülem Zustande kund, welcher speciellen Erleuchtungen sie von Gott gewürdigt worden sei. Vor Allem behauptete sie, daß ihr allein es gegeben sei, die Bibel, an der sie streng festhalte, richtig zu erklären. In aller Stille gewann sie sich Anhänger und legte sich als „Christusin“, welchen Namen sie sich anmaßte, auch die entsprechenden Apostel zu.

Man lachte und ließ die Leute ihren Hokuspokus treiben, da keines der Landesgesetze dadurch direct verletzt wurde, welche Gesetze, nebenbei bemerkt, ohnehin nicht mit der nöthigen Energie gehandhabt werden. Einer polizeilichen Beachtung wurde die Secte – denn bis zu einer solchen hatten sich die der Prophetin anhängenden Bauern entwickelt – erst für werth gehalten, als größere Versammlungen religiösen Charakters in dem Maurer’schen Hause stattfanden und sich die andern deutschen Colonisten über diesen Unfug bei den Gerichten beschwerten und eifrigen Protest erhoben. Mehrmals verhaftete man Jakobinen, ihren Mann und verschiedene Anhänger; die Verhöre ergaben nicht den nöthigen Anhalt zu einem Criminalverfahren, sondern lieferten, in den Zeitungen veröffentlicht, den Lesern nur Stoff zu höchstem Staunen, wie durch den dort vorgebrachten Blödsinn sich Jemand Anhänger gewinnen könne, und zu herzlichem Lachen über die Art und Weise, wie die Engel, Christus und selbst der liebe Herrgott als zu der Erleuchteten redend eingeführt wurden, wobei sich die Himmlischen einer nichts weniger als erhabenen Sprache bedienten, sondern sich die seltsamsten gemeinen Ausdrücke in höchst unreinem Deutsch entschlüpfen ließen. Auch konnte man unschwer erkennen, daß die Beziehungen der Frau „Christusin“ zu ihren Aposteln keineswegs rein geistige waren, was aber, als in das Gebiet der Moral gehörig, nicht vor das Forum der Justiz zu ziehen war.

Diese religiösen Versammlungen wurden verboten, fanden aber nach wie vor statt. Erst nachdem ein Colonist, Namens Lehn, der mit dem Amte eines sogenannten Viertelsinspectors betraut war, sich wegen seines völlig gesetzlichen Einschreitens gegen eine solche verbotene Versammlung die Feindschaft der „Mucker“, wie sie nun allgemein in der Gegend genannt wurden, zugezogen hatte, begann das Treiben derselben einen verbrecherischen Anstrich zu nehmen. Der Viertelsinspector Lehn wurde eines Abends durch Klopfen an sein Haus aus seiner Wohnung gelockt und, als er an der Thür erschien, durch mehrere Schüsse verwundet. Der Verdacht fiel natürlich auf die Maurer’schen Anhänger, obgleich die erfolgte Untersuchung keine hinreichenden Beweise ergab. Doch mußten Maurer und Genossen einen sogenannten termo de bem viver unterzeichnen, einen gerichtlichen Act, in dem man sich verpflichtet, sich Nichts zu Schulden kommen zu lassen, und andernfalls einer Gefängnißstrafe von dreißig Tagen und einer Geldbuße von dreißig Milreis sich zu unterwerfen.

Die Polizei hielt indeß doch für nöthig, ein wachsames Auge auf die Sectirer zu haben, konnte aber des Reformgesetzes halber ein energisches, Verbrechen vorbeugendes Verfahren nicht einschlagen. Es mögen früher von Seiten der Polizeibeamten hier und da Uebergriffe und Amtsbefugnißüberschreitungen stattgefunden haben, weshalb die Staatsregierung vor mehreren Jahren dieses Reformgesetz erließ, das die Gewalt der Polizei in einer Weise einschränkt, die natürlich dem Verbrecher zu Gute kommt; so sind z. B. die Untergerichte nicht befugt, einen irgend eines Verbrechens fast bis zur Gewißheit verdächtigen Menschen gefangen zu nehmen, wenn sie ihn nicht auf frischer That erwischen; daß dies in den wenigsten Fällen stattfinden kann, ist klar, und selbst den Obergerichten sind daher die Hände sehr gebunden.

So konnten denn die Sectirer, man möchte sagen unter den Augen der Polizei, ein ganz ungewöhnliches Gebäude errichten, das durch seine Bauart den Verdacht wenig friedlicher Zwecke erregen mußte: einen gewölbten Bau, ohne Thür und Fenster, mit drei bis vier Fuß starken Sandsteinmauern und vielen Schießscharten versehen, dessen Eingang durch unterirdische Gänge vermittelt wird.

Das seltsame Tabernakel beherbergt die Prophetin mit Familie und dient zugleich als Kirche für den wundersamen Cultus. Ueber die specielleren Glaubenslehren der neuen Secte, die sich sowohl aus Protestanten wie aus Katholiken rekrutirt hat, ist man im Publicum wenig unterrichtet; doch haben Gefangene ausgesagt, daß man der Lehre von dem gemeinsamen Besitze der Frauen huldige. Gedenkt man außerdem des in’s Leben greifenden Bibelwortes: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,“ so mag man seine Schlüsse über die Dogmen dieser Mucker ziehen. Als geheime Triebfeder des Ganzen wird mit Bestimmtheit der Expastor Klein genannt, der, nachdem er in Deutschland eine ziemlich gute Gymnasialbildung genossen, nach Nordamerika ging, wo er sich durch mehrere Excesse unmöglich machte, dann die Provinz Rio Grande mit seiner Gegenwart beglückte und auf die oben erwähnte Weise zum Pfarrer der „Achtundvierziger Colonie“ erwählt wurde. Frühere Artikel aus seiner Feder in amerikanischen Zeitungen ließen viele Begabung erkennen, die er freilich schändlich gemißbraucht hat. Ihre Lehre geheim zu halten, gehört auch zum Bestreben der Mucker, und um einen früheren Bekenner für seinen Abfall zu züchtigen und ungelegene Bekenntnisse zu verhindern, wurde das nächste Verbrechen, dem noch viele folgen sollten, begangen.

Einem fünfzehnjährigen Burschen, Namens Haubert, wurde, da sein Vormund der Secte angehörte und ihn in das Treiben mit hineinzog, von Gerichtswegen ein anderer Vormund in der Person eines ehrsamen Schneidermeisters in Sao Leopoldo bestellt, der ihn zu sich in die Lehre nahm. Der junge Mensch saß eines Abends noch am Schneidertische in einer Stube des Erdgeschosses, als durch das Fenster eine Kugel schlug und ihn mitten durch das Herz traf, so daß sein Tod augenblicklich erfolgte. Mehrere Individuen, der Secte angehörend, hatte man sich in der Nähe herumtreiben sehen; sie wurden auch verfolgt, entkamen aber unter dem Schutze der Dunkelheit in die Wälder, nachdem sie noch verschiedene Personen durch Schüsse verwundet.

Mehrere Wochen verstrichen, bis endlich die Schandthaten eine Ausdehnung annahmen, die Angst und Schrecken in den sonst so friedlichen Colonien verbreiteten, den Verkehr ganz unterbrachen und die Colonisten bewogen, selbst die nöthigsten Feldarbeiten einzustellen. Ein Colonist in Lomba Grande, Namens [645] Kassel, hatte sich von der Secte losgesagt oder war im Begriffe es zu thun, als am 12. Juni 1874 des Nachts seine Hunde heftig anzuschlagen begannen und er ein verdächtiges Umschleichen des Hauses wahrnahm. Von Furcht ergriffen, eilte er am folgenden Tage, den 13. Juni, nach Sao Leopoldo, um bei der Behörde um Schutz zu bitten, der ihm indeß nicht rechtzeitig werden konnte, denn schon in der Nacht auf den 14. Juni, als er sein Heim noch nicht wieder erreicht hatte, brach die entsetzliche Katastrophe über seine unglückliche Familie herein. Das Haus wurde angezündet und Alle, Frau und Kinder, wurden theils niedergemacht, theils lebendig in die Flammen geworfen; nur ein halberwachsener Knabe, obgleich auch durch mehrere Schüsse verwundet, entkam in das Dickicht und konnte einige der Mörder bezeichnen, unter ihnen seinen leiblichen Onkel.

Die Anhänger Jakobinens erklären frei und offen, daß sie jedem Befehle ihrer „Christusin“ blindlings folgen, auch wenn sie Blut fordert – und sie fordert es. Wie ein ungebildetes Weib von lockerem Lebenswandel – Jakobine kann kein Geschriebenes und nothdürftig Gedrucktes lesen – solchen Einfluß auf eine so große Anzahl von Männern, die sich auf die Zahl von etwa einhundertfünfzig beläuft, gewinnen konnte, ist ein psychologisches Räthsel, um so mehr, als ihre Anhänger fast durchgängig sehr wohlhabenden Familien angehören und früher allgemein als rechtschaffene fleißige Leute bekannt waren. Man fühlt sich dieser Thatsache gegenüber versucht, an eine Art von Wahnsinn zu glauben, wie er uns in den Blättern der Geschichte zuweilen entgegentritt, z. B. in den Mittheilungen aus der Zeit der furchtbaren Hexenprocesse.

Nach der Ermordung der Kassel’schen Familie eilte der Polizei-Chef, von Militär begleitet, nach den Colonien, wo es ihnen gelang, verschiedene Häupter der Secte gefangen zu nehmen, unter ihnen den oben erwähnten Expastor Klein, sowie den „Apostel Judas“, den Mörder des armen Schneiderlehrlings. Die Erbitterung der Bewohner war so groß, daß die Polizei die Uebelthäter vor der Wut des Volkes, das keine gelinde Justiz geübt haben würde, schützen mußte.

Aber nun sollte in der Nacht des 25. Juni 1874 erst der Hauptact der Tragödie sich abspielen. Die blutgierige Megäre Jakobine hatte alle ihr mißliebigen Personen, besonders auch solche, die der Secte abtrünnig oder eines Abfalls auch nur verdächtig waren, bezeichnet und den Auftrag gegeben, dieselben zu tödten. In der erwähnten Nacht machten sich mehrere Abtheilungen der Mucker auf, um in den verschiedenen Ansiedelungen den Mordbefehl zu vollziehen.

In einem der mit der Ausführung Betrauten mochte sich aber das von Fanatismus und Wahn übertäubte Gewissen doch geregt haben, wenigstens verfügte er sich nach Sao Leopoldo, wo er, Bekenntnisse ablegend, sich unter den Schutz der Polizei stellte, um nicht das Opfer seines Abfalls zu werden.

Diese Gewissensregung rettete Vieler Leben; denn so rasch wie möglich wurden nun die verschiedenen besiedelten Linien alarmirt, sodaß die Sectirer die Pässe von den Colonisten besetzt und sich in ihrem fürchterlichen Thun gehemmt fanden. Dennoch forderte jene Mordnacht noch zahlreiche Opfer. Brandraketen, vom würdigen Expastor Klein erfunden, wurden im „Leonerhof“ in dreizehn Gehöfte geschleudert, deren Bewohner größtentheils ihren Tod in den Flammen oder durch die verruchten Mörderhände fanden. Greisinnen, Säuglinge, Niemand ward verschont; selbst die Stimme der Natur schien durch den Fanatismus gänzlich erstickt, waren doch zwei Brüder Maurer’s mit ihren Familien unter den Gemordeten, und wurden doch auch ein Onkel und zwei Neffen Jakobinens, die auch nicht an die höhere Sendung ihrer Verwandten geglaubt, ebenfalls niedergemacht. Eine Frau Hofmeister starb in Sao Leopoldo an den Verletzungen, die ihr ihr Neffe beigebracht; ihre Tochter und zwei Enkel, von derselben ruchlosen Hand verwundet, schweben noch in Lebensgefahr. Ein gewisser Johann Sehn wählte seinen eigenen Bruder zum Opfer, indem er ihm den Leib aufschnitt, tödtete auch dessen achtzigjährige Schwiegermutter, dessen Frau und viele Kinder und äscherte schließlich das Haus ein. In Sapyranga wohnte in seinem Häuschen ein siebenzigjähriger Colonist mit seinem Sohne und einer erwachsenen Tochter, die Alle ein furchtbares Schicksal traf. Das Haus wurde angezündet und der alte Mann lebendig in seinem Bette verbrannt, während der Sohn, der oben schlief und sich durch einen Sprung durch’s Fenster nach einem Sumpfe rettete, von dort aus sah, wie die Ungeheuer seine Schwester ergriffen und ihr die Brüste abschnitten.

Auch in entfernteren Anstellungen wurden mehrere Personen ermordet, und in allen fühlten sich verschiedene bedroht, da die Mucker in unerhörter Frechheit mitunter ihre Opfer vor der ihnen nahenden Gefahr benachrichtigten. Die Stadt Sao Leopoldo fand für gerathen, die ganzen Nächte hindurch Patrouillen auszuschicken, und in Porto Alegre, wo die Mucker Feuer anzulegen versuchten, hielten die angesehensten Bewohner Nachts in den Straßen Wache, besonders vor dem Gefängniß, und die Beamten thaten in den Staatsgebäuden und Bureaux ein Gleiches.

Am Fuße eines steilen hohen Berges, des Ferrabraz, gedeckt durch diesen, sowie durch Sümpfe und schwer zu durchdringende Urwälder und nur zugänglich durch zwei schmale Waldwege, liegt das früher beschriebene festungsartige Gebäude, die Wohnung Maurer’s, in die sich die Sectirer nach der Mordnacht vom 25. Juni zurückgezogen haben, entschlossen und gerüstet, wie es scheint, einer Belagerung zu trotzen, da ungeheure Vorräthe von Lebensmitteln und Munition dort aufgehäuft liegen sollen. Etwa fünfzig Mucker sind in den Händen der Polizei, während verschiedene Frauen, die sich nicht mehr mit ihren Männern in der Muckerfeste vereinigen konnten, wieder ruhig im Besitze ihrer Häuser sind, nachdem sie einige Zeit von den andern Colonisten gefangen gehalten worden, wobei sich die Thatsache nicht verschweigen läßt, daß leider – auf wessen Anstiften, ist noch nicht hinreichend bekannt – von Seiten der anderen Colonisten Wiedervergeltung geübt und verschiedene den Anhängern Jakobinens gehörige Häuser in Brand gesteckt wurden.

Nach dem Eintreffen der Kunde von den furchtbaren Vorgängen eilte der Präsident der Provinz nach Sao Leopoldo, begleitet von so vielem Militair, wie gerade zur Verfügung stand, was freilich nicht viel war, etwa hundertzwanzig Mann Infanterie und siebenzehn Mann, um die zwei Kanonen zu bedienen, die man mitführte. Oberst Genuino, der sich im Paraguaykriege sehr ausgezeichnet, erhielt die Führung der Truppe, die sich am 28. Juni in Marsch setzte. Unbekannt mit dem sehr schwierigen Terrain, mußte sich der tapfere Oberst der Leitung mehrerer Bauern anvertrauen, die, obgleich des Weges kundig und dienstbereit, doch von der Gefahr, in die sie die braven Truppen brachten, indem sie dieselben in ein eingeschlossenes Terrain führten, nicht die entfernteste Ahnung hatten. So sahen sich denn die armen Soldaten in stockfinsterer Nacht in einem engen Waldwege plötzlich von vorne, in der rechten Flanke und im Rücken angegriffen und von einem Kugelregen überschüttet, den sie nicht mit Erfolg erwidern konnten, weil sie einestheils gar nicht wußten, wo der Feind verborgen war, anderntheils dieser aber von vorne durch das befestigte Gebäude und von der Seite durch das Dickicht des Urwaldes gedeckt wurde. In Kurzem waren ein Major, zwei Hauptleute und zweiunddreißig Mann todt oder schwer verwundet. Mit den größten Schwierigkeiten wurde der Rückzug begonnen und bis nach Campo Bom durchgeführt, wo die Truppen Posto faßten, um Verstärkung zu erwarten, die nach dem maßgebenden Urtheile Genuino’s, wenigstens fünfhundert bis sechshundert Mann mit sechs Stück Geschütz betragen muß, wenn der Sturm auf das Festungstabernakel erfolgreich begonnen werden soll. Die zwei Kanonen mußte man im Stiche lassen, da die von Sao Leopoldo mitgenommenen Pferde untauglich geworden waren und die Soldaten bei den wirklich grundlosen Urwaldswegen die Geschütze nicht selbst ziehen konnten.

Traurig ist es, daß die Provinz völlig außer Stand war, den Muckeraufstand augenblicklich niederzuschlagen; es fehlte nämlich im Arsenal an Munition, sowie an passenden Kanonen, so daß der Präsident sich veranlaßt sah, nach Rio de Janeiro zu telegraphiren und um Truppen und Geschütz mit passender Munition zu bitten. Soeben ist die Verstärkung in Porto Alegre gelandet, und mit höchster Spannung sieht man der Entwicklung des blutigen Dramas entgegen.

Ich beschränke mich für diesmal auf den vorstehenden Bericht, um später den Abschluß der Ereignisse, die noch manche interessante Enthüllungen verheißen, kurz zu schildern.

Valle do Paraiso, 10. Juli 1874.
C. S.

[646]
Die Gartenlaube (1874) b 646.jpg

Ausladung einer Sendung afrikanischer Thiere aus dem Schiffe „Urano“ in Triest.
Nach der Natur aufgenommen von H. Leutemann.

[647] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.

[648]
Ausladung fremdländischer Thiere.



„Mein lieber L., Sie sollten einmal mit mir nach Triest reisen, wenn für mich dort Thiere ankommen. Zu sehen, wie da die Elephanten, die Giraffen in der Schlinge hängen, mittelst des Krahns aus dem Schiffsraum in die Luft gehoben und dann entweder zum Landen in die Barke oder zunächst nur auf das Verdeck niedergelassen werden – das würde Sie gewiß sehr interessiren,“ so sprach schon im vorigen Jahre einmal mein Freund Hagenbeck zu mir, und ich gestehe, daß diese kurze Schilderung hinreichte, um den Entschluß zur Mitreise in mir zu reifen. Im vorigen Jahre wurde Nichts aus der Sache; um so energischer trafen wir aber für dieses Jahr unsere Verabredung, und im Mai führte uns ein Eilzug von Dresden, wo wir uns getroffen, nach dem Süden. Ein Transport von acht Giraffen, fünf Elephanten, drei Löwen, drei Leoparden, drei Hyänen, drei Luchsen, vier Nashornvögeln, einem Kranichgeier (Secretär), achtundzwanzig Perlhühnern, vier Trappen, einem Uhu und einer Menge kleiner Säugethiere und Vögel war bereits zu Schiff von Alexandrien unterwegs und mußte in den nächsten Tagen in Triest eintreffen.

Nach kurzer Ruhepause in Triest setzten wir in früher Morgenstunde unsere Reise fort und ließen uns fabrikmäßig als Eilzugreisende von den gebildeten und gescheitelten Kellnern der Bahnhöfe im Hochgebirge abspeisen und tränken. Trotz der langen Maitage kamen wir doch erst im Dunkeln in Triest an. Der im Bahnhof nebst andern ähnlichen Geistern aufgestellte Commissionär des Hôtels zum „Schwarzen Adler“ belehrte uns, daß das Schiff „Urano“ noch nicht angekommen sei, dagegen seien vor Kurzem einige Thiere ausgeladen worden, „nit Löwi, nit Leopardi“, sondern Thiere „mit die lange Näs“. Für wen diese Elephanten „mit die lange Näs“ waren, das wußte er nicht. So finster es war, so kam mir doch Alles gleich ganz italienisch vor; auf dem Bahnhofe vernahm man fast nur die italienische Sprache, und wo wir unsere Muttersprache hörten, war es stets das fremdartige Deutsch des Italieners. Auch der „Schwarze Adler“, der uns bald unter seine Fittiche nahm, machte in Bezug auf die Personen seines Haushalts davon keine Ausnahme, was insofern sein Gutes hatte, als man nun in freien Augenblicken gelegentliche Studien im Italienischen machen konnte, worin mir Carlotta, das Stubenmädchen, treulich behülflich war.

Ein sanftes, nicht unharmonisches Plätschern weckte uns am andern Morgen: der Himmel ergoß sich in Strömen von Regen. Ich hatte bisher immer solches Wetter für ein Vorrecht meines geliebten Vaterlandes gehalten, sah aller nun meinen Irrthum ein. Der „Urano“ war aber auch in der Nacht noch nicht angekommen.

Es war Sonntag, und da sogar an Festtagen einiges Verkaufsleben auf dem Markte am Hafen herrscht und die fremdartigen Fischformen mich interessirten, konnte das Auge sich doch nicht über Mangel an Beschäftigung beklagen. Auch eine große Menagerie war gerade in Triest und wurde natürlich von uns besucht. Als wir endlich zur Leibesstärkung dem Horste des schwarzen Adlers wieder zusteuerten, saßen bereits der Bruder und der Agent meines Freundes im Gastzimmer; der „Urano“ war also eben angekommen. Der erstgenannte Herr war mit einem Wärter dem Agenten, Herrn Meyer, bis Suez entgegengereist, und Alles war glücklich in Triest angelangt.

Jetzt war selbstverständlich das Nächste die Besichtigung der angekommenen Thiere; wir begaben uns also nach dem Hafen und balancirten über die lange, zum Verdecke führende, vom Regen schlüpfrige Brücke hinauf und dann auf steiler Treppe hinunter in den Schiffsraum. Hier herrschte natürlich ein malerisches Durcheinander: vor und hinter dem Maschinenraume standen die großen Thiere, an die Schiffsseiten angebunden. In der Mitte war aus Kisten, Koffern, Säcken, Matten und allerhand Vorräthen eine Art Lager errichtet, für einen Maler ein köstlicher und anregender Anblick; fast Alles war meinem Auge neu: die aus Stroh geflochtenen Säcke von verschiedensten Formen, früher mit Futter gefüllt, jetzt theilweise leer, die Schilde aus Elephantenhaut, die Seile aus Durrastroh, die aus einem Stück Baumstamm geschnitzten Futterschüsseln und was sonst Alles noch dalag. Nur der Schinken und die Bierflaschen, Reste eines von den Leuten genossenen Frühstücks, waren mir bekannte Größen.

Von den Thieren waren, wie schon erwähnt, nur die Giraffen und Elephanten frei angebunden; einige mitgenommene Schafe liefen, fast immer den Andern im Wege, ganz frei herum. Alles Uebrige befand sich in den üblichen durchweg aus Holz bestehenden Transportkäfigen, welche der Raumersparniß wegen stets so eng wie möglich sind, so daß es den Thieren darin nie zu wohl wird.

Einen unerwarteten und höchst unterhaltenden Anblick gab es, als aus einem Käfige zwei junge mit Halsbändern versehene Löwen, aus einem andern ein rother Affe genommen und mit Stricken angebunden wurden. Sie waren offenbar alte Bekannte, denn der Affe, ein junger, überaus lustiger, von der Philosophie des Lebens noch nicht angekränkelter Gesell, sprang sofort auf die Löwen zu und fing an mit ihnen zu spielen. Auch diese, im Gefühle der größeren, wenn auch gemäßigten Freiheit, überließen sich ihrer jugendlichen Heiterkeit, und die Scenen, die sich da entwickelten, waren so überaus komisch, daß Alles aus vollem Herzen lachen mußte. Am komischsten war es wohl, wenn der Affe auf einen der Löwen sprang und sich nun sitzend oder stehend wie ein Kunstreiter im Circus geberdete, wobei der als unfreiwilliges Pferd dienende Löwe auf’s Eifrigste bestrebt war, seinen Reiter loszuwerden.

Der Morgen des andern Tages galt den Vorbereitungen zur Ausladung, strafte aber leider unsere Hoffnungen auf schönes Wetter Lügen. Es regnete zwar nicht mehr mit der erstaunlichen Beharrlichkeit wie am Vormittage des vorigen Tages; dafür hatte sich aber ein kaltes Wehen aufgethan, die Bora, jener berüchtigte Wind, der von den kahlen Abhängen des Karstes herab die Triestiner öfter heimsucht. Um die Thiere vor Regen und Wind zu schützen, mußten also zunächst Decken gesucht und zum Umbinden zurecht gemacht werden. Ein immer regeres Leben entwickelte sich nun auf dem Schiffe, und ich ließ es nicht daran fehlen, überall, wo es galt, dabei zu sein und tapfer zuzusehen, denn das ist nun einmal der Beruf des Malers. Unweit des Hafens stand auf ganz niedrigen Rädern eine Anzahl merkwürdig langer Ochsenwagen; ein solcher wurde gemiethet, um die Kisten, Koffer und alles Derartige nebst den Thierkäfigen zu befördern. Ich habe nämlich zu erwähnen vergessen, daß eigentlich Alles zusammen auf einer Dampfbarke, also zu Wasser, nach dem Bahnhofe gebracht werden sollte, aber diese Art des Transportes wurde nicht nur dadurch unmöglich, daß das sonst so ruhige Wasser des Hafens immer größere Wellen warf, sondern auch in Folge eines Schadens an der Maschine der Dampfbarke. Der Transport mußte daher zu Lande, also durch die Straßen bewerkstelligt werden.

Jetzt endlich ging nach genügendem vorherigem Durcheinanderlaufen das Aufwinden vor sich; unter dem lauten Aechzen der Kisten, dem Rasseln der Krahnkette und dem Rufen und Commandiren der dabei Thätigen stiegen die betreffenden Gegenstände, gewöhnlich drei oder mehr zusammengefesselt, an’s Tageslicht empor, um dann die Brücke hinab auf den Ochsenwagen befördert zu werden. Beim Handhaben der Käfige mit den Raubthieren mußte natürlich mit großer Vorsicht verfahren werden, denn obwohl die starken Gitterlatten nur sehr enge Zwischenräume haben, greifen doch insbesondere die gewandten Leoparden oft mit den Tatzen heraus. So laborirte z. B. Herr Meyer noch an einer auf diese Weise in Alexandrien empfangenen Wunde am Beine, während ein Diener, Seppel, noch von Inner-Afrika her aus gleichem Anlaß die rechte Hand verbunden trug. Als der Wagen beladen war, sollte auch meine Neugierde befriedigt werden, denn nun kam die Reihe an die Thiere. Den Anfang machten zwei arabische Pferde, welche noch in Alexandrien gekauft worden waren; sie benahmen sich dabei verständig genug und ergaben sich, nachdem sie beim Emporheben einige fruchtlose Versuche, Boden zu gewinnen, gemacht hatten, ruhig in ihr Schicksal. Oben auf dem Verdecke hingegen kostete es große Mühe, die Thiere zum Stehen zu bringen, und [649] es gewährte vom Schiffsraume aus, wo ich stand, einen merkwürdigen Anblick, den schönen Schimmelhengst zu sehen, wie er zuerst hinaufkam, sich nicht wieder zu stehen getraute und rings herum nun festgehalten wurde, bis er den Gebrauch seiner Beine wieder erlernte.

Große Schwierigkeiten verursachten die Elephanten; sie ließen sich noch ziemlich ruhig unter die Krahnkette führen, aber von dem Augenblicke an, wo ihnen der Gurt untergelegt wurde, wehrten sie sich oft verzweifelt, unter furchtbarem Gebrülle warf fast stets das betreffende Thier die drei Männer, die dieses Amt übernommen hatten, rechts und links auseinander und entwickelte dabei trotz seiner verhältnißmäßigen Kleinheit eine für die Zukunft vielversprechende Kraft. Und doch schmeckt keins der eingefangenen Thiere von Anfang an so viel Prügel, wie der widerspenstige Elephant. Aber es ist eben leichter in China einen gemeinen Soldaten zur willenlosen Maschine zu machen, als einen solchen in der Freiheit geborenen Elephanten über seinen nunmehrigen Standpunkt zum Menschen aufzuklären.

Hingen die Elephanten nach Bewältigung ihres Widerstandes endlich in der Schlinge, so waren sie auch da noch lange nicht zur Ergebung in ihr Schicksal gekommen; sie brüllten noch wie besessen, oben auf dem Verdecke aber kamen sie, wahrscheinlich im Gefühle ihrer dicken Beine, auch schnell wieder zum Gebrauche derselben. Einen sehr komischen Eindruck machte ein ganz kleiner Elephant, der aus seiner Decke kaum noch mit Rüssel und Schweif hervorragte und daher einen nicht ganz Kundigen über das Hinten oder Vorn leicht irre führen konnte. Als er, der am geduldigsten und nur auf’s Fressen bedacht war, am Krahn hing, erinnerte er fast an eine Schildkröte; so ganz anders war durch die verhüllende Decke seine Erscheinung geworden.

Den eigenthümlichsten Anblick von allen Thieren boten natürlich die Giraffen, wenn sie in gleicher Weise den Schiffsraum zu verlassen hatten. Die Giraffe hat bekanntlich etwas überaus Sanftes, Weibliches, und im Zusammenhange damit ist selbst ihr Widerstand, wo er stattfindet, mehr ein passiver. Ruhig ließen diese Thiere sich den Gurt umhängen und umschnallen, als sie aber nun in der Schwebe hingen, da wurde das Bild allerdings ein höchst groteskes. Gleich einer gigantischen Spinne griff dann stets das Thier mit den langen Beinen nach allen Seiten um sich, um den verlornen Boden wieder zu suchen, und die Gefahr, sich an den Wänden die Beine zu zerschlagen, war mehrmals sehr groß. Der Kopf wurde, wie auch bei den andern Thieren, gleich von Anfang an am Stricke, dessen Ende hinaufgereicht wurde, von oben gehalten, so daß das Thier, oben angekommen, gleich in der menschlichen Gewalt war. Aber merkwürdig, wie beim Menschen so oft, so war auch den Giraffen in der kurzen Minute der bodenlose Zustand so geläufig geworden, daß er ihnen als selbstverständlich erschien, und sie nicht wieder auf den Beinen stehen wollten. Es sah äußerst gefährlich aus, wenn auf dem engen Verdeckraume dann fünf bis sechs Personen mit allen Kräften bemüht waren, das immer von Neuem zusammenknickende Thier aufzurichten. Aber zuletzt gelang es doch stets, und endlich stand die langhälsige Gesellschaft auf dem Verdecke versammelt. Als die Thiere alle oben waren, wurde noch zusammengesucht, was noch unten zurückgeblieben, z. B. einige Kasten und dergleichen; die Schafe wurden gleich von Menschenarmen hinaufgehoben, wobei sie, jedenfalls zu ihrer Verwunderung, nicht eben sanft angefaßt wurden. Es waren dies ein Paar schwarzköpfige Fettsteißschafe mit einem Jungen. Das Mutterschaf und das Junge waren noch mit rothgelber Farbe bemalt, wie das die Hirtenvölker dort gern thun. Das auf dem Bilde liegend dargestellte Fettschwanzschaf war erst in Suez gekauft und soll die in Syrien übliche Race repräsentiren, während das dahinter stehende aus Cassale im Soudan stammt.

Jetzt war Alles zum Abzuge bereit; auch die Giraffen waren bereits am Lande. „Avanti (vorwärts)!“ rief laut Herr Hagenbeck, der die größte Giraffe selbst führte; „avanti!“ brüllte jetzt die ganze Masse der angestellten Leute, und fort ging’s in malerischem Zuge und mit fortwährenden Hindernissen. Für die liebe Straßenjugend war die Sache ein Hauptgaudium; auf alle Weise suchten sie die Thiere scheu zu machen, empfingen aber dafür gerechte Peitschenhiebe an die Beine, und auch ich habe sie mehrmals auf gut Deutsch grimmig ausgescholten, leider mit sehr vorübergehendem Erfolg. Es waren ein Paar famose Jungen darunter, die ich am liebsten gleich gemalt hätte, obgleich sie große Flegel waren. Von den Giraffen erwiesen sich einige kleinere als nicht sehr von der Weiblichkeit beseelt, die ich vorher pries; sie sprangen nach rechts und links, weshalb Herr Hagenbeck die schwierigste sich selbst zum Führen aussuchte; er blieb aber doch mit derselben immer mehr zurück. Mit fortwährendem Geschreie trieben die Wagenführer ihre Ochsen an, obgleich dieselben ganz wacker zogen; auf dem letzten Kasten des Wagens saß der rothe Affe angebunden, immer geneckt von der hoffnungsvollen Jugend und Gesichter schneidend. Von den Schafen mußten die schwarzköpfigen auf den Kutschersitz einer mitfahrenden Droschke genommen werden; kurz das Ganze bot ein wildes Durcheinander, so wild, wie man es als Künstler nur wünschen konnte. Nicht weit vom Bahnhofe kamen auf einmal sämmtliche Giraffen in Galopp, als könnten sie den Genuß der Eisenbahnfahrt nicht erwarten. Sie sollten ihn länger haben, als zu erwarten war.

Ich bin mit dem zu Ende, was zur Erläuterung des Bildes gehört, und kann nun ganz kurz sein. Nachdem ich noch der Gefahr, von einem Windstoße in’s Meer geweht zu werden, mit Noth entgangen war, fuhren wir, mein Freund, der Agent, und ich, mit dem Eilzuge voraus nach Wien; der Zug, der die Thiere mitnehmen sollte, fuhr später und langsamer. Der Regen wurde ein gewaltiger Landregen; wir zwar kamen noch glücklich nach Wien, aber eine viertel oder halbe Stunde nach dem Passiren unseres Zuges über eine kleine Brücke im obern Steyermark war diese, unterwaschen von dem steigenden Wasser, zusammengestürzt, und der später kommende Zug mit den Thieren konnte nicht weiter. Ziemlich drei Tage, bis eine Nothbrücke hergestellt war, mußte der Thiertransport hier liegen, glücklicherweise ohne andern Schaden, als den Zeitverlust.

Ich selbst reiste schließlich voraus bis Dresden, wo mich die Depesche mit der Nachricht von der Abfahrt aus Wien noch erreichte, so daß ich die Ankunft der Thiere noch abwartete; denn in Dresden wurde zur Erholung Halt gemacht; verschiedene Thiere wurden der Bewegung wegen einmal herausgenommen, z. B. die Pferde, die jungen Löwen mit dem Affen etc. Eine große Rolle spielten hier die Schildkröten, welche gleichsam als Trinkgelder, ein hoher Kasten voll, mitgenommen worden waren. Wer sich verdient machte durch Etwas, was sich nicht gut mit Geld lohnen ließ, erhielt seine Schildkröte und war glücklich darüber. Ich selbst, als ich mich hier von meinen Reisegenossen trennte, empfing zum Lohne für mein thatkräftiges Zusehen einen Korb voll großer aus Corfu mitgebrachter Orangen, nebst einem desgleichen voll Schildkröten. Letztere vertheilte ich aus Mangel an passendem Raum zur Unterbringung derselben, und sie wandeln wohl alle noch bei den Empfängern munter herum; erstere erlaubte ich mir wenigstens theilweise selbst zu behalten und ihr Andenken ist noch jetzt ein gesegnetes.

Den Schildkröten, beiläufig gesagt, bohrt man in die hintere Seite des Schildes ein Loch, zieht einen starken Faden hindurch, und kann sie so nach Belieben kurz oder lang anbinden, so daß sie sich nach persönlichem Bedürfniß im Freien bewegen können. Sie fressen fast alle Pflanzenkost. (Meine Knaben empfingen als Trost für die weggeschenkten Schildkröten später ein kleines Krokodil für ihr Aquarium, welches, nachdem es den ersten Aerger über die Reise von Hamburg überwunden, jetzt munter frißt und das Interesse von Jung und Alt erregt. Für Aquariumliebhaber sind solche kleine Krokodile eine sehr hübsche Neuigkeit.) Die transportirten Thiere sind natürlich alle längst verkauft, und auch von der großen Menagerie, welche in Triest gleich im Vorbeigehen mitgekauft wurde, ist meines Wissens nichts mehr vorhanden, da fast alles schon unterwegs seine Käufer fand.

L.




[650]
Fritz Reuter’s „Louising“.


Wie Reuter seine Louise fand, das hat er selbst in seinem „Woans ik tau ne Fru kamm“ mit prächtigem Humor geschildert; er erzählt auch, wie nach seiner Verlobung „eine wunderschöne Zeit“ für ihn anbrach. Aber das, was sein Louising ihm war und wurde, wie sie mit seinem Herzen und seinem ganzen Leben so innig zusammenwuchs, das sagte er nur dem Freunde, oder es klang aus seiner Stimme, wenn er zu ihr sprach: „Mein liebes Louising“, oder es leuchtete aus seinen Augen, wenn sein Blick auf ihr ruhte.

Als Louise Kuntze, die Tochter eines mecklenburgischen Predigers, unserem Reuter in Treptow ihre Hand reichte, lebte er in kleinen und bescheidenen Verhältnissen. Seine Laufbahn als Schriftsteller hatte noch nicht begonnen; noch ahnte Niemand den so reich begnadeten Dichter in ihm – Louise allein kannte sein liebes und braves Herz, und was sie ihm damals versprochen, treu mit ihm auszuhalten in guten und trüben Tagen, das hat sie erfüllt, wie nur ein Mensch ein Versprechen erfüllen kann.

Heiter und lebenslustig, anregend und ermunternd, herzend und hütend hat sie ihm zur Seite gestanden, und wenn er erkrankte, hat sie ihn gepflegt, wie nur eine Mutter ihr Kind pflegen kann. Er war ihr Ziel und ihre Lebensaufgabe; seine Wünsche waren die ihrigen geworden, und das Band, welches sie einst an einander gebunden, war durch die Zeit fester und enger geknüpft worden; sie schienen unzertrennbar für alle Zeiten, und ihre Herzen sind es auch geblieben. So standen sie da wie zwei Bäume, deren Wurzeln, eng miteinander verwachsen, in demselben Boden fußen und deren Kronen sich zu einem schattenden Dache vereint haben. Und unter diesem Dache saß es sich so traulich und heimisch. Es waren ihnen keine Kinder beschieden, allein sie selbst waren Kinder geblieben, deren Augen offen und theilnehmend in das Leben hineinblickten; wie Kinder scherzten sie miteinander, wie Kinder neckten sie sich, und wenn sie sich dabei so glücklich anblickten, dann glaubte man immer und immer wieder zwei fröhliche Kinder zu sehen. Reuter, dessen Humor ihm bis zum Tode treu geblieben, war seiner Gattin im Necken überlegen und, wenn sie im Scherz schmollend den Rückzug antreten wollte, dann reichte er ihr lächelnd die Hand, als ob er sagen wollte: „Laß man gut sein, Louising! In Liebe und Güte bist Du mich doch über.“

Wie gern erzählte er aus seinem früheren Leben, aus jenen Tagen, wo durch seine Frau für ihn die „wunderschöne Zeit“ hereingebrochen war, nach der er sich nach so schweren Jahren so sehr gesehnt hatte! Wie glücklich hatten diese beiden Menschen gelebt, selbst als ihre äußeren Verhältnisse noch sehr bescheidene gewesen waren! Wie hatte gegenseitige, innige Liebe eine besondere kleine Welt um sie geschaffen! Mit prächtigem Humor erzählte er, wie bescheiden sein Louising stets gewesen sei. Als sie noch in Neu-Brandenburg gewohnt, sei ihr Wunsch nicht über ein kleines Haus hinaus gegangen, welches dort mitten auf dem Felde gestanden und von zwei Linden beschattet gewesen sei. Dann schilderte er dieses Haus genauer; es sei klein und bescheiden gewesen; aus der Ferne und wenn die Linden grün gewesen, habe es ganz freundlich ausgesehen, allein im Winter habe der Wind durch die dünnen Wände gepfiffen; der Weg zu dem Hause sei dann verschneit gewesen und die entblätterten Bäume hätten traurig dagestanden.

Und dann wieder schildert er eins der ersten Mittagsessen nach seiner Verheirathung, als seine junge Frau noch nicht in die Geheimnisse der Wirthschaft und des Kochens hinreichend eingeweiht gewesen war. Eifrig bemüht, ihm das Leben angenehm zu machen und für das Mittagsessen zu sorgen, stand sie in der Küche. Der Küchenzettel lautete für diesen Tag: Fricandellen. Während sie damit beschäftigt war, dieselben zuzubereiten und das Geheimniß der richtigen Vertheilung von Fleisch, Eiern und Semmel zu ergründen, erhielt sie den Besuch einer Frau, welche als ausgezeichnete Köchin bekannt war und den Wunsch hegte, einen Blick in die junge Wirthschaft zu thun. Hastig verbarg sie das halb zubereitete Gericht, weil die dunkle Ahnung in ihr aufstieg, daß dasselbe doch vielleicht nicht nach allen Regeln der Kochkunst zubereitet sei.

Als der Besuch fort war, ging es wieder in die Küche, denn die Mittagsstunde nahte und sie wollte Fritz nicht warten lassen. Sorgfältig wurden die Fleischklöße in die Pfanne zum Braten gelegt, aber als sie sich eben in der zerlassenen weichen Butter befanden, dehnten sie sich behaglich und gingen auseinander, wie Schmalz an der Sonne, denn, wie Fritz sagte, „was die richtigen Fricandellen sind, die haben ihren eigenen Willen,“ und diesmal that die allzu reichliche Zuthat von Eiern und Semmel auch noch das Ihrige. Als die Façon einmal verloren und nicht wiederherzustellen war, wurden die Fricandellen in der Breite gebraten und von der jungen Frau wohlgemuth in der Form eines Kuchens auf den Tisch getragen.

„Wat is dat, Wising?“ fragte der junge Ehemann das neue Gericht neugierig betrachtend.

„Das sind Fricandellen, lieber Fritz,“ erwiderte die Gattin schnell.

Noch einmal widmete Reuter dem Gebäcke die größte Aufmerksamkeit.

„Ne, Wising, dat sünd jo Pannkauken,“ rief er dann.

Eine echte Hausfrau läßt jedoch ihren Mann nie zu tief in die Küchengeheimnisse blicken, und obschon das Gericht mit Pfannkuchen in ziemlich naher Verwandtschaft stand, entgegnete Wising doch:

„Nein, lieber Fritz, dies sind richtige Fricandellen, und sie schmecken sehr gut.“

Und mit einem Eifer, als ob das Glück der jungen Ehe davon abhinge, aß sie das zweifelhafte Gericht. –

Noch nach langen Jahren lachte Reuter über diese Mahlzeit in der heitersten Weise, und wenn seine Gattin die Ehre ihrer Fricandellen zu retten versuchte, rief er lachend: „Ne, Louising, dat wir doch ’n Pannkauken.“

Es lag etwas Rührendes in diesem gegenseitigen Scherzen und Necken der beiden trefflichen Menschen, denn nie endete es mit einem Mißklange; es war ein heiteres Spiel, hinter welchem sich die innigste Liebe barg.

Ja, Reuter liebte sein Louising auf das Innigste, denn sie war ihm Alles, was ein gutes Weib nur sein kann, und mehr als einmal während seiner letzten Krankheit, wenn sie des Nachts, ohne zu ermüden, an seinem Bette wachte, erfaßte er ihre Hand, zog sie an seine Lippen und dankte ihr mit seinen einfachen, aber so tief zu Herzen gehenden Worten für all ihre Liebe und Güte. Wenige Tage vor seinem Scheiden, als die Ahnung seines bald bevorstehenden Todes sich schon in ihm regte, fragte er sie, ob sie wohl schon einen Menschen habe sterben sehen. Ihr galten selbst in solchen trüben Stunden all seine Gedanken und Besorgnisse.

„Du wirst mich doch vermissen, Wising,“ sprach er auf seinem Krankenlager zu ihr – und wie vermißte sie ihn, als sein Mund nicht mehr zu ihr sprechen konnte und sein Ohr sie nicht mehr hörte! Wie oft horchte sie in den ersten Tagen nach seinem Tode nach seinem Schlafzimmer hin, ob er sie nicht rufe! Wie oft sprang sie auf, um ihm irgend etwas mitzutheilen, denn ihre Freuden und Sorgen waren ja Eins gewesen! Und wie sank sie dann schmerzlich erschüttert zurück, wenn die Wirklichkeit ihr zurief: „Er ist nicht mehr, dem an Deine Liebe, dem Dein ganzes Leben galt, länger denn zwanzig Jahre.“

Ja, Reuter hat schwer in seiner Jugend gelitten; auch später faßte das Leben ihn noch mit harter und rauher Hand an, bis durch sein Louising die „wunderschöne Zeit“ für ihn hereinbrach, bis sie die Sonne wurde, die ihm freundlich und lieb, mild und sorgend leuchtete, so lange sein Auge offen war.

Die seltene Frau hat mir zur Benutzung für diese Zeilen eine von ihr selbst mit rührender und inniger Einfachheit verfaßte Schilderung des Anfangs von Reuter’s Schriftstellerbahn mitgetheilt. Ich gebe dieselbe hier unverändert wieder, um zu zeigen, wie freundlich das Glück in die einfache Wohnung des angehenden Schriftstellers leuchtete und eine wie treue Gefährtin Reuter bei all seinem Schaffen an seinem Wising hatte.




„Ich kann ja auch ’mal ein Buch schreiben,“ hatte er bei seiner treuen Liebeswerbung gesagt, und wenngleich das zu jener Zeit etwas ungeheuerlich klang und mir dieser Wechsel auf [651] Hoffnung gar nicht allzu sicher schien, dachte ich doch: „I, im Stande wärst du schon dazu.“

Und er war’s, der liebe, beste Mann. Fast allabendlich, nach Beendigung von sechs bis sieben Privatstunden, wurden von acht bis zehn Uhr „Läuschen“ geschrieben, harmlose, theils selbsterlebte, theils allbekannte kleine Anekdoten, die er oft schon in heitern Freundeskreisen ergötzlich erzählt hatte.

„Will doch seh’n, Wising, wie sich die Dinger auf dem Papier ausnehmen,“ sagte er dann seelenvergnügt, „und wie sie sich da anhören. Jetzt unterbrich mich aber nicht!“

Ich saß dann am Nebentisch mäuschenstill bei meiner Arbeit, sah, wie die Feder flog, wie er dann und wann mir zunickte,

Die Gartenlaube (1874) b 651.jpg

Reuter’s „Louising“.
Nach der Natur aufgenommen von E. Haertel.

auch wohl murmelte: „nein, so nicht – so ist’s besser,“ und: „das wird Dir gefallen,“ und: „nun hör’ zu! – das Ding ist fertig.“

O, wie ich zuhörte!

„Na, was meinst Du dazu? Gefällt Dir’s?“

„Ach ja, Fritz, besonders der Schluß.“

„Siehst Du, Kind,“ rief er dann, herumspringend und sich vergnügt die Hände reibend, „darauf kommt’s ja eben an; das ist die Pointe, mußt Du wissen. Sonntag les’ ich’s in Thalberg vor (im Freundeskreise); gefällt’s da auch, schreib’ ich ruhig weiter; – hab noch ’ne Menge solcher Dinger am Bändel, und wer weiß, ob ich’s dann nicht noch ’mal drucken lasse.“

„Ja, Fritz – aber die Recensenten! Wenn sie Dich herunterreißen – ich ertrüg’s nicht.“

„I, mein Wising, besser ’ne schlechte Recension, als gar keine. Darum quäle Dich jetzt nur noch nicht!“

Das that ich denn auch nicht, und – welch reines, ungetrübtes Glück umschloß diese stillen Abendarbeitsstunden! Ich glaube, man konnte nicht glücklicher sein, als wir zwei Menschen.

„So! Nach meiner Rechnung wären es jetzt etwa dreihundert Druckseiten – ich geb’ die Dinger heraus,“ sagte er eines Abends.

„Wirklich, Fritz, meinst Du?“

„I, ganz gewiß! Ich wag’s; in Mecklenburg und Pommern wird’s gelesen, vielleicht auch gekauft.“

Eine Anfrage bei Dietze in Anclam ergab, daß der Herr Buchhändler „vielleicht verlegen“ würde, wenn der Autor das Risico trüge; in ähnlichem Sinne lautete die Antwort einer Neubrandenburger Buchhandlung.

„Weißt was, ich geb’s im Selbstverlag heraus,“ erklärte da mein Fritz mit größter Entschiedenheit, „versuchen will ich’s wenigstens; Justizrath Schröder leiht mir zweihundert Thaler zum Druck, und die Kosten werden schon gedeckt; heut Mittag gleich fahr’ ich nach Neubrandenburg zur Druckerei.“ (In Treptow gab’s keine.)

Und so geschah’s.

O, wie ich der Rückkehr harrte! Wie mir das Herz klopfte! aber nicht vor Angst und Furcht vor dem kühnen Schritte, auch nicht vor Recensentenangriff, nein vor lauter Stolz und Erregung: so war’s recht, so mußte er vorgehen. –

„Erschrick nicht, Louising! Ich lass’ gleich zwölfhundert Exemplare abziehen statt der beabsichtigten sechshundert,“ sprach er nach seiner Heimkehr.

„Aber Fritz, Du stürzest uns in Schulden.“

„Nein, Kind, es ist vortheilhafter so – glaub’, ich hab’s mir überlegt.“

[652] Nun ergingen schriftliche Anfragen an alle mecklenburgischen und einige pommersche Buchhandlungen. Es war November, und Bestellungen erfolgten sofort, meistens zur Ansicht; aber die Zahlen eins, fünf, zehn bis fünfundzwanzig wurden nicht überschritten. Das waren aber noch lange, lange keine zwölfhundert. Und – o die „Krebse“! Wie und wo sollten die den Augen Neugieriger verborgen bleiben? Wenn sie doch nur spät Abends zurückgesandt würden und Niemand von ihrer Existenz erführe! Wie mich der Gedanke quälte! Ich glaube, ich hätte als getreuer Genosse dem angehenden Schriftsteller zu Lieb’ und Ehren Jedem dreist Sand in die Augen gestreut. Ich hielt Umschau in unseren kleinen freundlichen, aber beschränkten Räumen; an der Küche befand sich ein verschließbares, acht Fuß langes und ebenso breites Verließ von leidlicher Höhe – das sollte die „Krebse“ bergen für alle Ewigkeit; den Schlüssel wollte ich verstecken. Ja, so ging es.

Die Exemplare kamen; die Packerei begann. Die Latzschürze und der Zuckerhammer, dem sich das steife Packpapier besser fügte als der bloßen Hand, blieben mir tagelang angetraut; mein Fritz schrieb nebenan Begleitbriefe und signirte und siegelte. Es war wie in einer Werkstatt, und wir ließen uns in unserer Arbeit nicht stören.

Justizrath Schröder steckte den Kopf zwischen die Thür und sagte: „Rutsching, heut’ Abend Schachabend beim Superintendenten; Du kommst doch?“

„Nein, Schröder, heut’ nicht – wir packen.“

Darauf kam Dörthe mit der Meldung, daß Frau Doctor Adam mich zum Essen bitten ließe und daß Frau Peters-Thalberg sich angemeldet hätte.

„Gar nicht daran zu denken Dörthe,“ entgegnete ich. „Ein anderes Mal, und schönsten Gruß – wir packen.“

Auf dem großen langen Zeichentische, der Stätte meines Wirkens, häufte sich Paket auf Paket – aber „unten lag es noch bergestief“ an unbestellten Exemplaren.

„Lass’ Dich’s nicht verdrießen, Louising, wenn’s auch Quesen (Schwielen) giebt!“ tönte Reuter’s liebe Stimme mehr als einmal vom Schreibtische herüber. „Kriegst ’n neu’ Seidenkleid. Ach, mein liebes, liebes Kind!“

Die Pakete waren abgeschickt und hatten viel Porto gekostet. „Den Rest der Exemplare gebe ich später als zweite Auflage heraus,“ erklärte Fritz mit einer Bestimmtheit, als verstände sich das von selbst.

Ich staunte ob der Kühnheit. „Fritz!“

„Ja, mein Wising, mir wächst der Kamm,“ lachte er. „Solche Schlauheit hätt’st Du mir wohl nicht zugetraut? Deshalb ließ ich ja gleich die zwölfhundert Exemplare drucken. Einstweilen schließ’ sie nur ein!“

Dazu kam ich aber nicht.

Täglich kamen Nachbestellungen. Unsere Seelen hatten nicht daran gedacht. Wir lachten und weinten.

Manche Bestellungen konnten nur theilweise berücksichtigt werden. Die Kuhn’sche Universitätsbuchhandlung in Rostock begehrte dreihundert Exemplare und sprengte den ganzen Kram.

Die lieben Menschen, deren Freundschaft wir uns damals erwarben und bis auf heute unverändert treu bewahrt, fühlten in rührender Theilnahme mit uns, als wär’s ihnen geschehen. – Nach sechs Wochen begann der Druck der wirklichen zweiten Auflage, abermals im Selbstverlag.

„Das Seidenkleid nehmen wir vom allerbesten End’, mein liebes Wising,“ sagte Fritz nun zu mir, „aber die Fische brät’st Du mir von jetzt an nicht mehr in Wasser, sonst …! –“

Das gelobte ich denn auch feierlich.




Das seidene Kleid bekam Louising, und die Fische hat sie nie wieder in Wasser gebraten, denn schnell ergoß sich nun auch das Füllhorn äußeren Glückes über den Dichter. Allseitige Anerkennung und der verdiente Lohn seiner Arbeit wurden ihm so reichlich zu Theil, wie selten einem Schriftsteller, aber sein Herz blieb dasselbe: aller Ruhm, den er erntete, rüttelte nicht an seiner Liebe und auch nicht an seiner Bescheidenheit. Noch kurze Zeit vor seinem Scheiden fragte er seine Gattin, ob seine Werke ihn wohl überleben würden; er ahnte kaum, wie tief dieselben in dem Herzen des deutschen Volkes gewurzelt sind.

Wo er Jemandem helfen konnte, that er es mit voller und freudig gebender Hand, und auch darin unterstützte ihn sein Louising, empfand sie doch ebenso wie er und war seine Freude doch auch die ihrige.

Alle Diejenigen, welche Reuter persönlich näher kannten, werden sich sein Bild nicht in die Erinnerung zurück rufen können, ohne zugleich seines Louising zu gedenken, denn Beide gehörten unzertrennlich zusammen, wie das Licht und die Wärme des Sonnenlichts. Sie lachte mit ihm, wenn er heiter war, und sie saß ernst neben ihm, wenn Krankheit ihn an das Bett fesselte, sie hat ihn gehütet und gepflegt bis zur letzten Minute seines Lebens, und sie hat ihm nach dem Tode die Augen geschlossen. Deshalb werden auch alle die, welche Reuter durch seine Werke lieben gelernt haben, das diesen Zeilen beigegebene wohlgenossene Bild seines Louising und in ihm zugleich das Bild einer edlen Frau freudig begrüßen.

Friedrich Friedrich.




Zehn musikalische Sonnette von David Fr. Strauß,


E. F. Kauffmann gewidmet.


David Friedrich Strauß, der berühmte Verfasser des „Leben Jesu“, widmete seinem im Jahre 1856 verstorbenen Jugendfreunde E. F. Kauffmann einen schönen Nachruf in den längst eingegangenen „Unterhaltungen am häuslichen Heerde“. Strauß sagt dort in der Einleitung: „Wenn ich ein philosophischer Kaiser wäre und Selbstbekenntnisse schriebe, so würde ich den Göttern unter andern Gutthaten, die sie mir erwiesen, auch dafür danken, daß sie mir Dichter und Musiker zu Jugendfreunden gegeben haben. – Er ist nun todt, leider! der herrliche Mensch, dem allein ich es danke, daß mir das Ohr, wenn auch noch so unvollkommen, für die Welt der Töne sich erschlossen hat. Er war kein Musiker von Profession, aber eine durch und durch musikalische Natur. Er hatte die Gesetze des Tonsatzes theoretisch studirt, wie er sie praktisch auszuüben vermochte; aber seiner bürgerlicher Stellung nach war E. F. Kauffmann Professor der Mathematik. Die Musik war seine stille Liebe; es wäre ihm peinlich gewesen, auf sie seine häusliche Existenz zu gründen, aber sein innerstes Leben machte sie aus. Die Werke der großen Meister kannte er nicht blos, er lebte in denselben. Eine Mozart’sche Oper Nummer für Nummer auswendig auf dem Claviere vorzutragen, war ihm Kleinigkeit. Wie viel verdanke ich solchen Stunden! Wie wußte er da die Hörer in die rechte Empfindung hineinzureißen, wie dem tappenden Verständniß durch Gedankenblitze vorzuleuchten!“

Dieser Mann ist es nun, dem Strauß im Februar 1851 während der Fastenzeit von München aus die nachfolgenden in dieser Zeit von ihm gedichteten musikalischen Sonnette mit einer Widmung zuschickte, wobei er eben so einfach wie bescheiden bemerkte: „Für diesmal habe ich meinen unmusikalischen Pegasus abgesattelt. Soviel habe ich wenigstens dabei gewonnen, daß ich alle diese Musikwerke mir jetzt weit bestimmter gemerkt und eingeprägt habe, als sonst.“

Die geistige Verwandtschaft des großen Denkers mit Gotthold Ephraim Lessing, welche in der trefflichen Schrift Reuschle’s „Philosophie und Naturwissenschaft“ so einleuchtend besprochen wurde, wird durch diese köstlichen Dichtungen, von denen wir heute die erste Hälfte mittheilen, auf’s Neue entschieden bekräftigt.


Widmung an Kauffmann.

In dieses lange Carnevales Nöthen,
Wo in den Sälen die Concerte schweigen,
Nur luft’ge Walzer alle Geigen geigen
Und süße Polkas alle Flöten flöten,

Wo auf der Bühne schale Novitäten
Sich einer abgespannten Menge zeigen,
Der Sonnenaufgang und der Schlittschuhreigen
Die Gafferwelt entzücken im „Propheten“ –

[653]

Könnt ich zu dir in diesem Jammer eilen,
Du ließest mich der Meister Werke hören,
Ein Meister selbst, o Freund, auf dem Claviere.

Doch nun, da wir getrennt sind viele Meilen,
Will ich die Muse zu mir herbeischwören,
Daß sie im Stillen mit mir musicire.

1. Händel.

Das ist ein Mann! Er gleicht den alten Eichen,
In deren Wipfel Gottes Stürme hausen
Und ihre Urweltsmelodien sausen –
Von deutscher Kraft ein unvergänglich Zeichen.

Mag ein Jahrhundert manchen Zweig ihm bleichen,
Die Mode manche seiner Arien zausen,
Doch seiner Chöre, seiner Fugen Brausen
Wird bis an’s Ende noch der Tage reichen.

Wie freundlich er vom guten Hirten singt,
Wie tief des Heilands Leiden ihn durchdringt,
Wie innig er des Glaubens Trost empfindet!

Bis dann des Hallelujah Grundgewalt,
Der Preis, der an des Lammes Stuhle schallt,
Sünd’, Höll’ und Tod allmächtig überwindet.

2. Gluck.

Oft treibt es mich, an hellen Wintertagen
An deinem eh’rnen Bild vorbeizugehen,
Dir in das strenge Angesicht zu sehen,
Und jedes Mal mit innigem Behagen.

Wüßt’ Einer nicht von dir, doch müßt’ er sagen:
Das war ein Geist von reinem, scharfem Wehen;
Dem konnten keine Nebel widerstehen,
Und Wolken wußt’ er in die Flucht zu jagen.

Ja, Wahrheit gabst du deiner Kunst zurück,
Entsagtest jedem eitlen Prunkgewand
Auf die Gefahr, der Menge zu mißfallen,

Der Lessing der dramatischen Musik,
Die bald in Mozart ihren Goethe fand,
Der Größte nicht, doch ehrenwerth vor Allen.

3. J. Haydn.

Wenn Andre sich den Sohn zum Preise nahmen,
So mochtest du es lieber mit dem Alten,
Ich meine, mit Gott Vater selber halten
Und priesest in der „Schöpfung“ seinen Namen.

Erst machst du Licht; dann malst du, wie die Samen
Der Dinge sich in feinem Strahl entfalten:
Der Pflanzen wunderwürdige Gestalten,
Die Thiere drauf, die wilden mit den zahmen.

Und nun das liebe erste Menschenpaar,
Der Mann, das Weib, der erste Liebesblick!
Da geht das Herz dir auf, du guter Alter:

Erzengel bringen Gott ihr Loblied dar;
Doch ihm, wie dir, ist guter Menschen Glück
Der liebste Ton in seinem großen Psalter.

4. Don Juan.

Wie lustig rauschen hier des Lebens Bronnen!
Im Glase schäumt der Purpursaft der Trauben;
Die Liebe lockt in dunkle Myrthenlauben –
Im hellen Saale hat der Tanz begonnen.

Doch hütet Euch! Hier wird Verrath gesponnen.
Der wilde Trieb ist ohne Treu’ und Glauben;
Die Unschuld würgt er, wie der Falk’ die Tauben,
Und ist der Menschenrache leicht entronnen.

Nun aber werden die Erschlag’nen wach;
Sie reden mit der Stimme des Gerichts –
Dem Lüstling reicht der Tod die kalten Hände.

Da stirbt der freche Muth im bangen Ach;
Des Lebens bunter Traum zerrinnt in Nichts,
Und Grabesschweigen ist des Jubels Ende.

5. Figaro.

Wo ist ein Sänger, so wie Du, der Liebe?
Wo einer, der ihr wunderbares Walten
Nach allen Arten, Stufen und Gestalten
In seinem Liede, gleich wie Du, umschriebe?

Vom zarten Knospen seiner holden Triebe,
Bis, wo sie sich zur Blüthe bunt entfalten;
Vom Sinnendrang, den keine Zügel halten,
Bis zu dem reinen Seelenhauch: ich liebe.

Hier hast Du nun der saubern Liebesvögel
Ein ganzes Nest, ein volles, ausgenommen
Und zeigst sie uns mit allen ihren Streichen.

Der ist kaum flügg’; der treibt mit vollem Segel;
Der, scheint es, hat schon etwas abbekommen:
Ein Durcheinander ohne seines Gleichen.




Blätter und Blüthen.


Guter Rath. An den „New-York Ledger“, eins der verbreitetsten Unterhaltungsjournale, welches Anfragen etc. in Liebesangelegenheiten mit besonderer Vorliebe beantwortet, stellen zwei amerikanische Ladies naiver Weise die Anfrage, „wie man sich einen Liebhaber gewinnen kann“? Eigentlich: „How to catch a beau?“ (Wie man sich einen Schatz einfangen kann?) Sie bitten dabei obendrein um „unverweilte“ Antwort.

„Einen Liebhaber, wie man ihn gewinnen kann? und so eilig? – Gut, wir wollen ’mal sehen, wie man das am besten anfängt,“ erwidert der Herausgeber besagten Blattes, und fährt dann fort, etwa in folgender Weise zu argumentiren:

„Mit Käse fängt man Mäuse, denn Käse hat sich als eine vortreffliche Lockspeise für Mäuse bewährt. Aber ist er ebenso gut, um Liebhaber damit zu fangen? Gewiß, wenn er selbst- und gutgemacht, das heißt ein Hauskäse ist. Und doch glauben wir, daß selbstgemachtes oder Hausbrod sich hierzu noch viel besser eignet. Ja, gerade darin liegt es. Es kann keine bessere Lockspeise geben, um damit einen Liebhaber zu fangen, als Hausbrod!*[1] Aber solches Brod muß auch von bester Qualität, ja sogar excellent, wirklich das beste sein. – Aber wie wendet man dieses Brod zu besagtem Zwecke mit Erfolg an? Sorgt, daß es auf dem Familientische nie fehle, und bewerbt Euch damit um den Preis, der auf das beste und schmackhafteste Hausbrod alljährlich von den landwirthschaftlichen Ausstellungen überall im ganzen Lande ausgesetzt ist! Wir glauben, daß es auch nicht ein einziges Mal vorgekommen sein kann, daß eine Lady, welche für schmackhaftes Hausbrod einen solchen Preis erhalten hat, lange auf Bewerbungen um ihre Hand warten mußte. Denn die Idee ist sehr vorherrschend, daß ‚gutes Brod‘ und ‚gute Mädels‘ in irgend einer Weise im Zusammenhange miteinander stehen. Und deshalb rathen wir unseren schönen Leserinnen, daß sie zu derselben Zeit, in der sie gutes Brod machen lernen, sich auch darum kümmern, gut kochen zu lernen. Solche Eigenschaften und Fähigkeiten sind sicher, ausgefunden und geschätzt zu werden.

Frohes, heiteres Aussehen hilft hierbei gut dazu, einen Liebhaber in’s Garn zu locken; aber frohes, heiteres Aussehen wird nur durch zeitiges Aufstehen befördert. Denn die Morgenluft pflanzt rothe Rosen auf die Wangen, die vom langen Aufbleiben bis in die späte Nacht hinein nur blaß und hohl werden. – Schönheit bezaubert freilich auch, dieselbe muß aber von einem liebenswürdigen Temperamente begleitet sein, welches mit der Zeit nicht verfehlen wird, den Gesichtszügen jenen holden Ausdruck zu verleihen, der so anziehend und unwiderstehlich ist.

Liebhaber, daheim eingefangen, sind besser, als wenn man sie draußen fängt, man soll sich aber auch davor hüten, zu viele Fallen aufzustellen und – zuviel fischen zu wollen. Eine Sache von Wichtigkeit ist aber vor Allem, sich solche Eigenschaften und Fähigkeiten zu erwerben, daß, wenn der Liebhaber einmal eingefangen ist, er auch gerne gefangen bleibt.“

D.

  1. * Der Rath betrifft zwar mehr die Landbewohner, aber auch in Städten sieht der Amerikaner sehr darauf, gutes Hausbrod zu haben, und liebt es nicht, beim Bäcker einkaufen zu lassen.




Für Historiker und Novellisten. Unerklärlich muß es scheinen, daß unsere Schriftsteller, die so viel von bedeutenden Frauen aus Frankreichs Vorzeit erzählen, fast niemals oder doch nur flüchtig der zweiten Gemahlin des Admirals Coligny gedenken, und doch verdient diese Märtyrerin des evangelischen Glaubens es gewiß vor Anderen, daß eine geschickte Hand ihre tragische Gestalt zeichne und der Vergessenheit entreiße. Wohl mag es schwer, ja vielleicht sogar vergeblich sein, Genaueres über ihr hartes, unverdientes Geschick zu ermitteln; aber jedenfalls wäre es verdienstlich, wenn Historiker von Fach, denen die Geschichtsquellen zugänglich sind, wenigstens den Versuch machen wollten, daselbst mehr zu finden, als folgende nur dürftige Andeutungen bieten.

Jakobine von Montbel, Gräfin von Entremonts, war die Wittwe eines Grafen von Bouchage und besaß bedeutende Güter in Savoyen. Ihre Theilnahme an den Glaubenskämpfen, welche Frankreich im sechszehnten Jahrhundert durchtobten und uns den Admiral Coligny als muthigen Kämpfer für die gereinigte Lehre zeigen, war so groß, daß sie 1571, als dieser Held zu La Rochelle von den Katholischen hart bedrängt wurde, ihm in Person ein von ihr geworbenes Hülfscorps zuführte. Die Romantik dieser Begegnung fand ihren Abschluß darin, daß Coligny, dessen erste Gemahlin, eine Gräfin Laval, gestorben war, sich mit der neuen Bundesgenossin vermählte. Das Glück dieser unter so eigenthümlichen Umständen geschlossenen Ehe währte leider nicht lange, da bekanntlich der Admiral schon 1572 zu Paris in der so oft geschilderten blutigen Hochzeitsnacht Heinrich’s von Navarra grausam ermordet wurde. Von Chatillon sur Loing, dem durch Coligny’s Vorliebe für die Gartenkunst verschönerten Landsitze desselben, entfloh die unglückliche Frau dem über die Ketzer verhängten Blutbade nach ihren Besitzungen in Savoyen, wo sie am 21. December desselben Jahres Mutter einer Tochter ward. Der Herzog von Savoyen, dem nach ihrer Burg Entremonts gelüstete, fand es ganz passend für seine Zwecke, daß man die Wittwe des dem katholischen Glauben feindlichen Hugenottenführers Coligny der Zauberei und eines Bundes mit dem Teufel anklagte. Ihre Verurtheilung erfolgte eiligst. [654] Man nahm ihr das Kind und brachte sie auf die Bergfestung Pignerol, wo sie noch sechsundzwanzig Jahre lebte, wenn man eine Existenz mit so schrecklichen Erinnerungen Leben nennen kann. Als Heinrich der Vierte den Thron Frankreichs bestiegen hatte, verwandte er sich vergeblich für ihre Befreiung. Sein Gesandter d’Ossat schrieb ihm: „Es sitzen zu viele kleine Wölfe am Fuße des Gebirges, die nach ihren Gütern hungern.“

Ihre und Coligny’s Tochter Beatrix ward natürlich katholisch erzogen und später eine sehr beliebte Ehrendame der Herzogin Katharina von Savoyen. Sie vermählte sich am 30. November 1600 mit Claude Antoine Bon Baron von Meruillon und Montauban. Ob sie glücklich gewesen ist unter denen, die ihres Vaters Ermordung und der Mutter schmachvolle Einkerkerung gerecht fanden, ob sie daran gedacht hat, welche Thränen die einsame Gefangene zu Pignerol um sie vergoß – wer weiß es! Bekannter ist das Schicksal ihrer Halbschwester Louise, Coligny’s Tochter aus erster Ehe, die ihren Gemahl, den liebenswürdigen Taligny, ebenfalls in der Bartholomäusnacht verlor. Sie vermählte sich wieder, mit dem Prinzen von Oranien, dem Hort der Evangelischen, und wurde zum zweiten Male durch den von Philipp dem Zweiten von Spanien gesandten Mörder zur Wittwe. Durch ihre Enkeltochter Henriette, die Gemahlin des großen Kurfürsten, ist sie die Stammmutter des jetzigen preußischen Kaiserhauses geworden. Ein im Besitze des Grafen zur Lippe auf Baruth in der Oberlausitz befindliches altes Stammbuch zeigt ihre Gesinnung durch die von ihr eingetragenen Worte: „Le seigneur est ma lumière et ma délivrance. Que puis-je redouter?“ (Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Ps. 27,1.)




Die Geschichte von der Schwiegermutter.

 Deutsche Romanze.

Es war einmal ein Junggesell,
Der hieß mit Namen Michael,
     Vom Stamm der Nibelungen;
Der hat mit seinem Hünenschwert

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Die stärksten Recken aufbegehrt

     Und allesammt bezwungen.

Doch als die Zeit zum Freien kam,
Da ward der wilde Kämpe zahm
     Und lernte knie’n und beten;

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Ecclesia hieß die fromme Magd,

Der hat er’s gerne zugesagt,
     Mit ihr in Bund zu treten.

Frau Roma sah den Freier gern;
Sie freute sich, den mächt’gen Herrn

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     Zum Schwiegersohn zu haben.

„So zieht in Frieden!“ sprach sie mild,
„Und wenn’s einmal zu helfen gilt,
     Besuch’ ich euch in Schwaben.“

Als so der Bund geschlossen war

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Genoß das neuvermählte Paar

     Glücksel’ge Flitterwochen;
Ecclesia war zufrieden sehr
Und dacht’ auch des Besuchs nicht mehr,
     Den ihr Mama versprochen.

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Da plötzlich, eh’ man sich’s versah,

War auch die Schwiegermutter da
     Und bat sich selbst zu Gaste;
Sie wollte doch dem Töchterlein
Mit gutem Rath behülflich sein,

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     Wenn’s irgendwo nicht paßte.


Je nun, gepaßt hat’s immer noch,
Doch sprach Frau Roma gleich vom Joch
     Und brachte mit Gestichel
Und list’gem Wort der Tochter bei,

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Daß sie der Herr im Hause sei

     Und nicht der dumme Michel.

Der Michel liebte seine Frau,
Drum nahm er’s nicht so gar genau
     Und ließ ihr gern den Willen;

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Doch weil Mama dahinter saß,

Ging ihr Begehr in’s Uebermaß
     Und war nicht mehr zu stillen.

Nun kam die bitterböse Zeit;
Tagtäglich gab es Zank und Streit –

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     Ecclesia schmält’ und schmollte;

Nichts, was er wollte, war ihr recht;
Sie war der Herr und er der Knecht,
     Der nur gehorchen sollte.

Da ward’s dem Mann denn doch zu bunt.

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Er klagte recht aus Herzensgrund

     Sein Leid dem Doctor Luther;
Der sprach: „Nicht länger gieb’ Geduld!
An allem Zwist und Hader schuld
     Ist nur die Schwiegermutter.“

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Hinaus mit ihr! Da aber kam

Er schön an: so was ließ Madam
     Vom Michel sich nicht bieten.
Sie schrie: „Nun bleib’ ich grade hier
Und nehm’ als Wächter in’s Quartier

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     Mir noch die Jesuiten.


Nun war erst gar der Teufel los;
Von Worten kam’s zu Hieb und Stoß,
     Bis Tisch’ und Stühle schwankten,
Und schließlich schlugen Mann und Frau

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Voll Zorn einander braun und blau,

     Daß beide schwer erkrankten.

Was Wunder, daß bei solchem Ding
Die Wirthschaft schier zu Grunde ging,
     Zur Schmach für Land und Leute.

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Da sprach Frau Roma: „Herr Franzos,

Ich schlag an Euch dies Erbe los,
     Ich schenk’ es Euch als Beute.“

Als das Herr Michael vernahm,
Da überkam ihn bitt’re Scham;

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     Aufsprang er vollgenesen:

„Da schlag’ ein Donnerwetter drein!
Ich will der Herr im Hause sein.
     Hinaus, du wälsches Wesen!“

Hei! Wie das auseinanderstob,

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Frau Roma – Gott sei Dank und Lob! –

     Sammt ihrer Leibcurrende!
Und durch die Lande klang es hell:
„Hie Schwert des Herrn und Michael!
     Nun hat die Schmach ein Ende.“

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Ecclesia that zwar einen Schrei,

Als sei’s nun auch mit ihr vorbei,
     Doch anders ward’s entschieden:
Sie respectirte wieder gern
In Michael des Hauses Herrn

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     Und gab sich ganz zufrieden.


Er hielt, vom Schwiegermutterbann
Befreit, als wack’rer Ehemann
     Sein treues Weib in Ehren
Und ließ in ernsten Stunden auch

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Zu Gottesfurcht und frommem Brauch

     Sich gern von ihr belehren.

So gingen beide Hand in Hand;
Gesegnet war ihr Ehestand,
     Ein Muster für die Leute,

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Ein Stolz für Kind und Kindeskind; –

Und wenn sie nicht gestorben sind,
     So leben sie noch heute.

 Hermann Grieben.




Zur Beachtung. Alle unsere Leser, welche sich speciell für schöne Literatur, Kunst und die Erzeugnisse des Büchermarktes überhaupt interessiren und sich in übersichtlicher und dabei angenehmer Weise über die literarischen Neuigkeiten unterrichten wollen, machen wir auf den der heutigen Nummer beiliegenden Prospect der „Europa“ aufmerksam.




K. L. in O. Der Verfasser des Gedichts: „Wir grüßen Euch, Ihr Todten“, heißt Ewald Hensel.




Für die Abgebrannten in Meiningen


gingen wieder ein: Von der Frau eines Thüringers 6 Thlr. 20 Ngr. (20 Markstück); Sammlung des Gastwirths C. Wolf in Borsigwerk 36 Thlr. 11 Ngr.; N. N. in Herford 1 Thlr.; Amalie Quellmalz in Oberfüßen 1 Thlr.; Ertrag eines Concerts zum Besten der Meininger im Gasthofe „Zur Post“ in Groß-Schönau 16 Thlr.; Beitrag der Gesellschaft „Cerevisia“ in Neugersdorf 15 Thlr.; von einem Bauer aus Teuchern, der kein Kopfhänger ist, 5 Thlr.; Präuscher, Besitzer des Anatomischen Theaters 20 Thlr.; Bergmann in Frankenstein 1 Thlr.; gesammelt im allgemeinen Taubstummenvereine in Leipzig 4 Thlr. 10 Ngr.; L. in B. 1 Thlr.; gesammelt im Abendvereine zu Eibau, durch Cantor Tietze 8 Thlr.; gesammelt in der Untertertia der Realschule in Bremen, durch den Ordinarius Dr. L. 8 Thlr. 10 Ngr.; H. B. in Schönlanke 15 Ngr.; J. u. O. N. in Güstrow 2 Thlr.; gesammelt auf einem Balle des Clubs „Fidel“ in Hannover 4 Thlr.; A. u. M. aus Oesterreich 10 fl.; Gesangverein in Möckern 14 Thlr.; Ger. und Mel. 10 Thlr.; N. N. 10 Thlr.; L. Cohn in Berlin 5 Thlr.; E. P. in Bitterfeld 5 Thlr. mit dem Motto:

Deutsche, höret nicht auf Siegl!
Finsterniß war stets sein Spieg’l.
Preußen, Baiern, Schwaben Sachsen,
Lasset uns’re Gaben wachsen!

Jeder Thaler, den wir spenden,
Macht um einen Freund ihn ärmer,
Und als eitler Narr und Schwärmer
Wird Herr Siegl endlich enden.

Die Redaction der Gartenlaube. (E. K.)


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: registirt