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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1874
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[655]

No. 41.   1874.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 16 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Die Geschichte vom Spötterl.
Nachdruck verboten und
Uebersetzungsrecht vorbehalten.
Aus den bairischen Bergen. Von Herman Schmid.


(Fortsetzung.)


Die vornehme Gesellschaft hatte dem friedlichen Seegestade für einige Tage ein völlig verändertes Ansehen gegeben. Die Kaiser, mit zahlreichem Gefolge gekommen, wetteiferten trotz allen Anscheins ländlicher Einfachheit, alle Macht und Pracht zu entfalten, über die sie zu gebieten vermochten, und der Gastfreund hinwieder wendete Alles auf, sie angenehm zu unterhalten und doch zugleich zu zeigen, daß es ein König war, der sie beherbergte und bewirthete. Den Tag über war großes Jagen gewesen und in einem Waldthale nach Art fürstlicher Waidmänner getafelt worden; für den Abend war während der Mahlzeit Concert angesagt, und eine Bergbeleuchtung der glänzendsten Art sollte des festlichen Tages würdigen Schluß bilden. Darum war auch die Landbevölkerung herbeigeströmt, die fremden Potentaten alle zu sehen, die Musik aus dem Zelte zu hören und das Flammenschauspiel zu bewundern, das die Berge bieten sollten. Es war selten, denn die Vorbereitungen dazu forderten ebenso große Ortskenntniß wie Zeit. Es galt nicht nur, Wochen vorher die Bäume zu fällen und klafterweise so zu ordnen, daß sie irgend einen Namenszug bildeten, es kam vor Allem darauf an, richtig zu bemessen, auf welchem Platze die Holzmassen aufgethürmt werden mußten, wenn sie in der Entfernung von einigen Stunden am See nicht nur gesehen werden, sondern auch die kolossale Wirkung hervorbringen sollten, welche beabsichtigt und nur durch den damals noch ungelichteten Reichthum der Berge zu erreichen war.

Das Gefolge der Fürsten, das in dem kleinen Raume mit zur Tafel gezogen war, drängte sich in ernsthaften, dunklen Kleidern durcheinander, in kurzen Escarpins, mit Seidenstrümpfen und Schuhen, – eine unscheinbare Versammlung, nur ein wenig von den Sternen, Kreuzen und Ordensbändern erhellt, die, wenn auch zu kurzen Endchen Band oder verkleinerten Abzeichen eingeschrumpft, doch daran erinnerten, daß man sich unter Leuten befinde, welche dazu berufen waren, oder sich für berufen hielten, die Geschicke der Völker zu lenken und in den Lauf der Weltordnung einzugreifen. Auch die Gesandten der auswärtigen Mächte am bairischen Hofe hatten sich eingefunden. Neben dem russischen Fürsten Baryatinsky war der Prinz Colobrano von Neapel erschienen und erzählte von der italienischen Primadonna, welche durch ihren Gesang der Glanzpunkt des Abends sein sollte. Ein hoher österreichischer Polizeibeamter, ein unscheinbarer, stiller, aber auch unscheinbar und still beobachtender Mann, war in eifrigem Gespräche mit dem französischen Gesandten Grafen Mercy d’Agentour begriffen, der in Erscheinung und Manieren sich als würdiger Vertreter der alten Bourbonen bewährte, die, von den Spitzen deutscher Bajonnete wieder auf den Thron gehoben, bereits den Verlust wie die Wiedererlangung desselben vergessen hatten. Das Gefolge war nicht sehr zahlreich, aber gewählt, – ein junger Russe, Baron von Worinoff, welcher der Gesandtschaft beigegeben war, ragte besonders durch seine anmuthige, kräftige Gestalt, wie durch die zwar etwas asiatische, doch nicht abstoßende Gesichtsbildung und das soldatische Costüm, das etwas an diese Abstammung erinnerte, vor Allen hervor.

In der Ecke war ein Flügel bereit gestellt, auf welchem die Gesangsvorträge des Abends begleitet werden sollten; an der Tafel eilten noch einige Diener in blauen, reich mit Silber bordirten Livreen geschäftig hin und her, noch etwaigen Mängeln abzuhelfen, sowie Schenktisch und Flaschenkeller vollends zu ordnen.

Der österreichische Polizeimann stand noch immer am geöffneten Zelte und sah bedenklich auf den dunklen See und auf die Volksmenge hinaus, welche sich unweit davon am Seegestade lachend und plaudernd durcheinander drängte. Mit zufriedenem Kopfnicken lauschte er den beredten Worten des Franzosen, welcher von den neuen Königsthaten seines achtzehnten Ludwig’s erzählte, wie er unerbittlich gewesen, den General Berton, der in eine bonapartistische Verschwörung verwickelt gewesen, den verdienstvollen grauen Kopf auf das Schaffot tragen zu lassen, um zu zeigen, daß es endlich darauf ankomme, den Schwätzern, welche immer von Freiheit und von Rechten des Volkes declamirten, ernstlich den Mund zu stopfen und der Revolution für immer das Schlangenhaupt zu zertreten. Er setzte mit Genugthuung auseinander, wie auch in Spanien bald die alte Monarchie von Gottes Gnaden aufgerichtet sein werde, und wie es dann nur noch Sache der deutschen Fürsten sei, das Wiederaufleben des Ungeheuers zu verhüten, das von jeher aus deutschem Boden die meiste Kraft und Nahrung gesogen.

Mit verklärtem Lächeln hörte der Polizeichef zu, als sähe er das gelobte Land dieser Verheißungen bereits vor sich; dennoch mischte sich ein Zug der Trauer in seine Freude. Er vermochte einen Seufzer nicht zu unterdrücken und deutete auf das Volk vor dem Zelte.

„Dazu hat es noch so lange keine Aussicht,“ sagte er bekümmert, „so lange es Regenten giebt, die ein Gefallen daran finden, sich das Volk so nahe auf den Leib kommen zu lassen. König Max geht in seiner Herzensgüte viel zu weit. Hören [656] Sie nur!“ fügte er entsetzt hinzu, während draußen wieder Gesang laut wurde. „Sie fangen schon wieder zu johlen an, dreißig Schritte von den Majestäten, und Niemand weiß obendrein, was sie singen. Ich glaube, es ist noch Niemand eingefallen, auf diese Art von Volksgesang, der mir sehr verdächtig scheint, ein wachsames Auge zu richten …“

Die geängstigte Seele des Beamten hätte sich wohl noch weiter Luft gemacht, wäre nicht der König von Baiern mit seinen Gästen eingetreten, vor denen er mit ungesuchter Freundlichkeit, wie ein einfacher Privatmann, den Zelthang zurückschlug. Czar Alexander führte die junge Kaiserin von Oesterreich; Kaiser Franz hatte seinen Arm der Königin Caroline geboten. Der Czar war eine hohe, gebietende Erscheinung in voller Manneskraft, doch schon etwas gebrochen und überflort von der frömmelnden Gemüthsstimmung und Rebellionsfurcht, welche seine letzten Jahre umdüsterte; – neben dem Herrscher aller Reussen erschien Kaiser Franz etwas unbedeutend; aber es war eine ungesuchte, leutselige Würde an ihm, die bei längerem Beschauen für den Mangel der äußeren Erscheinung entschädigte. Die gewinnendste Gestalt war unstreitig der greise König Max, mit dem vollen, freundlichen Angesichte und den gütigen Augen, in denen beim ersten Blicke zu lesen war, wie mit vollem Rechte ihm das Volk das Prädicat des „besten Herzens“ gegeben.

Während Alle an der Tafel Platz nahmen, fand er Zeit, an den Schenktisch zu treten und einem Lakaien auf die Schulter zu klopfen, dem der Augenblick unbeachtet und günstig genug geschienen hatte, eine Weinflasche im Rockschoße verschwinden zu lassen. „Gieb Acht, guter Freund,“ sagte er, „daß Dich der Hofmarschall nicht sieht, sonst jagt er Dich davon!“ Unbekümmert um das Zittern und Stottern des Erschrockenen, wendete er sich dann der Gesellschaft zu und beauftragte einen andern Diener, dem Dümler, seinem ersten Bereiter, zu sagen, daß ja für den andern Morgen Alles in früher Stunde zur Fahrt in das Bad Kreuth bereit sein solle. Der Czar, der den Befehl gehört, nahm davon Veranlassung, hervorzuheben, wie viel er schon von dem neuen Bade und von Allem vernommen, was daselbst in kurzer Zeit Rühmliches geschaffen worden, und wie er sich darauf freue, die königliche Schöpfung zu bewundern. Max sah ihn mit herzlichem Lächeln an und schüttelte den Kopf. „Es ist nicht so weit her, wie Sie ’s machen,“ sagte er mit jenem leisen Pfälzer Anklange, den er nie ganz abzulegen vermochte. „Aber es ist ein schönes Waldthal, das Kreuth. Ich thu’ ja so viel für mein eigenes Vergnügen; da ist’s wohl nicht mehr als billig, daß ich auch etwas für die Armen und Kranken thue.“

Nach der vorgeschriebenen Festordnung des Abends war es bald Zeit, mit dem Concerte zu beginnen. Auf einen Wink des Königs erschienen mehrere Künstler von der italienischen Oper zu München, die zur Verherrlichung des Festes eigens aus der Hauptstadt berufen waren. Der Tenorist Brizzi, des Königs Liebling, sang eine Cavatine, dann mit dem berühmten Buffo Santini ein scherzhaftes Duett aus Danzi’s Oper „Il baccio“, und nach kurzer Pause erschien die italienische Primadonna, deren Leistungen die Hauptblume in dem musikalischen Kranze des Abends bilden sollten. Der Gesang der Dame entsprach auch vollkommen dem Ruhme, der ihr vorangegangen. Sie vereinigte mit einer vollen, umfang- und klangreichen Stimme eine so seltene Kunst des Gesanges, daß sie bald die allgemeinste Aufmerksamkeit fesselte. Der Beifall stieg, als sie zum Schlusse eine Art scherzhafter Canzone vortrug in welcher alle Schwierigkeiten und Gesangskünste absichtlich gehäuft waren, um durch deren Besiegung die volle Meisterschaft der Sängerin bewähren zu können. Läufe wechselten mit Läufen; Fermaten, Cadenzen, Vorschläge und Verzierungen aller Art rankten sich um die Melodie, und als das beifällige Staunen ob solcher Kunstfertigkeit schon den höchsten Grad erreicht zu haben schien, reihte sich noch eine Trillerkette an, welche aus keiner andern Kehle zu quellen schien, als aus der einer Nachtigall. Die ganze erlesene Gesellschaft bezeigte der Sängerin ihren unbegrenzten Beifall und bewog die Geschmeichelte zur Wiederholung des letzten Satzes. Ebenso glücklich ward derselbe vollendet; nicht minder laut wollte sich der Beifall abermals Luft machen, als mit einem Male eine eben so ungeahnte wie unerwartete Erscheinung Alles verstummen ließ.

Draußen vor dem Zelte erscholl eine andere singende Stimme, nicht so mächtig wie die der Signora, aber ebenso zierlich und fein; offenbar kunstlos, aber nur um so überraschender, weil sie genau und sicher die eben verklungene Trillerkette und den langgezogenen Halt des Schlusses nachsang wie ein liebliches, schwächer nachtönendes Echo.

Die ganze Gesellschaft gerieth in Bewegung und die Sängerin, welche vor Aerger in allen Farben spielte, für einen Augenblick in völlige Vergessenheit. Die Fürsten alle wollten wissen, wer die unbekannte Sängerin sei; die Lakaien rannten um die Wette, um bald mit der Nachricht zurückzukehren, die Sängerin sei niemand Anderes als ein einfaches Bauernmädchen, eine Sennerin, welche diese große natürliche Gabe der Nachahmung besitze und dafür vom Volke den Spitznamen „das Spötterl“ erhalten habe.

Alles war begierig, das Wunderkind zu sehen, und es währte nicht lange, so stand die Sennerin in Mitte der lachenden und fragenden Herren und Frauen, unter welchen der Pianist, der die Gesänge begleitet hatte, und der junge Russe als die meist Erregten erschienen. Das Mädchen hatte nichts Auffallendes an sich. Sie hatte die schmucke Bergtracht angelegt, welche damals noch eine auszeichnende Eigenthümlichkeit jener Thäler war: der grüne Hut mit den reichen, breiten Zöpfen darunter ließ ihr recht gut; aber das Gesicht war bleich und kaum hübsch zu nennen – nur der Mund war von seltener Wohlgestalt und Färbung; die Augen waren brunnenklar und von so lieblichem Aufschlage, als wäre es wirklich das Auge eines Vogels, das scheu und doch zutraulich dem Beschauer aus dem Busche entgegenblickt. Sie war nicht schüchtern, aber auch nicht keck; die allgemeine Theilnahme, die sie erweckte, war ihr offenbar nicht gleichgültig, aber es lag etwas in ihrem Lächeln, als sei sie sich wohl bewußt, daß diese Huldigung ihr gebühre. Sie war ohne Zögern bereit, ein Lied zu singen und einen Vogelgesang nachzuahmen; aber sie ließ doch den Arm einer ältern Bäuerin nicht los, die sie mitgebracht hatte, als ob sie es gerathen fände, doch für alle Falle weiblichen Schutz in der Nähe zu haben.

„Du hast ja eine Kehle, wie ein Vogel,“ sagte Maximilian freundlich. „Wenn solche Talente in meinen Bergen wachsen, da kann ich künftig meine italienische Oper wohlfeiler haben. Wo hast Du das gelernt, Mädel?“

„Wie Du daher red’st, Herr König,“ entgegnete sie lachend. „Wo werden ich und das Lernen zusammengekommen sein? Das hab’ ich gekonnt, so lang ich’ denk’ – ich werd’s wohl mit auf die Welt gebracht haben, wie die Enten das Schwimmen.“

„Dann bist Du ein glückliches Geschöpf,“ sagte der König gütig,<!-Interpunktion berichtigt--> „und hast eine schöne Gabe mitbekommen in die Welt. Bewahre sie Dir! Und wenn ich wieder komme im nächsten Sommer, mußt Du mir wieder was vorsingen. Damit Du mich aber indessen im Andenken behältst, nimm Das!“

Er zog aus der Brusttasche, die er zu ähnlichen Zwecken immer wohlgefüllt trug, einige blanke Kronenthaler hervor; sie aber streckte die Hand nicht zum Empfange aus, sondern blickte zu Boden, während eine dunkle Röthe ihr Gesicht und Nacken überflog. Ihre gewohnte Begleiterin wußte das gut zu machen und wies die blinkende Münze nicht zurück.

„Das braucht’s nit, Herr König,“ sagte das Mädchen befangen. „Einen Thaler will ich schon nehmen; den will ich anöhrln lassen und an’s Mieder hängen zum Andenken – aber das Andere –“.

„Nimm nur!“ sagte Max freundlich. „Von Deinem König darfst Du schon ein Geschenk annehmen, ohne roth zu werden … Oder hast Du sonst etwas auf dem Herzen, wo ich Dir helfen kann, dann ist mir’s auch recht. Bitte Dir eine Gnade aus!“

Sie erröthete noch tiefer. „Du wirst mich für recht dumm halten, Herr König,“ sagte sie, „aber das geht nicht so g’schwind. – Auf so was muß man sich doch besinnen.“

„Nun, so besinne Dich! Mir eilt es nicht,“ lachte her König. „Sage mir’s den nächsten Sommer! Und wenn etwa in der Zwischenzeit etwas auskommen sollte, dann schreibe mir halt, Spötterl, oder suche mich heim in meiner Residenz in München! Ich bin leicht zu erfragen.“

Die beiden Kaiser nahmen den Gastfreund in Anspruch, so daß die Stelle um Corona frei wurde und auch die Hofherren Gelegenheit fanden, sich ihr zu nähern. Der Pianist wendete noch immer kein Auge von ihr; aber vor den vornehmen Herren war es ihm nicht möglich, zu ihr durchzudringen; der junge Russe aber trat frei zu ihr, machte der ihn verwundert [657] Betrachtenden einige nicht vollkommen deutsch klingende Lobeserhebungen und versuchte, was denselben vielleicht an Verständlichkeit abging, dadurch zu ersetzen, daß er ihr an das Kinn greifen und sie in die Wange kneifen wollte. Er kam aber nicht dazu, sein Vorhaben auszuführen; die bloße entschiedene Annäherung wurde ebenso entschieden durch einen so derben Schlag auf die Hand abgewiesen, daß ihm der Handschuh platzte.

„Das kannst unterwegs lassen, Du spaßiger Ding!“ rief Corona. „Du glaubst wohl, Du hast eine Krawatin vor Dir?“

Das Klatschen war laut genug gewesen, um im ganzen Zelte vernommen zu werden. Alles wendete sich fragend der Gruppe zu, und im Nu säuselte ein leises Lachen ob des Vorgefallenen durch die Versammlung. Das Benehmen des entschlossenen Mädchens schien ein heiteres Nachspiel zu den gehabten Genüssen zu versprechen. – Da gab ein dröhnender Böllerschuß den Gedanken eine andere Wendung; es war das Zeichen, daß die Bergbeleuchtung begonnen habe, und die Schiffe bereit seien, die Gesellschaft zur nächtlichen Seefahrt abzuholen, weil die Beleuchtung immer von der Mitte des Sees aus am schönsten und vollständigsten zu beschauen war.

Der fürstliche Zug brach auf. Bald war er in den hübschen zehnrudrigen Fregatten und einigen anderen Fahrzeugen untergebracht, und die kleine Flotille, mit nur wenigen Lichtern versehen, um den Eindruck der Beleuchtung nicht zu stören, ruderte in den See hinaus, über dessen Fluthen jetzt die Nacht vollständig herniedergesunken war. Schwarz standen die Bergriesen umher; in der Mitte aber, auf dem Wall- und dem Setzberge, brannten auf dem dunklen Grunde die Anfangsbuchstaben der drei fürstlichen Gäste in riesenhaften, hoch auflodernden Flammenzügen. Von drüben, vom anderen Ufer, klangen die Hornfanfaren der Jäger, die dahin geschickt worden waren – wie Grüße aus einer überirdischen Welt des Friedens schwebten die weichen Düfte über den leise wallenden See und mischten sich mit dem kaum hörbaren Geplätscher der Ruder.

Auch das Landvolk war zu seinen Kähnen geeilt, um die Heimfahrt anzutreten und dabei ebenfalls die Bergbeleuchtung zu bewundern. Corona hatte sich bald von den neugierig Fragenden befreit, die sie umringten und wissen wollten, wie es ihr im Zelte ergangen, ob sie wirklich alle die fremden Potentaten in der Nähe gesehen, und wie jedes einzelne Wort gelautet, das König Max mit ihr geredet. Mit ihrer Begleiterin hatte sie ebenfalls ihren Kahn schon vom Gestade in das Wasser geschoben; es schien, als ob irgend ein besonderer Grund sie zur Eile triebe. Mindestens ließ sie einige Male ihr lichtes Auge scharf über die Menge weg in das Dunkel gleiten, wie um sich von etwas Gewißheit zu verschaffen, das sie befürchte.

Schon setzte sie das Ruder an, um den Kahn abzustoßen, als ihr ein Mann in den Arm fiel und sie anhielt: eine lange, hagere Gestalt in städtischer Kleidung, aber von etwas fremdartigem Aussehen. Lange Beinkleider steckten in Schnürschuhen, welche zur halben Wade hinanreichend, an ungarische Zischmen erinnerten; das schwarze, glänzende Haar, mit ausnehmender Sorgfalt gepflegt, hing an jeder Schläfe in einer langen Locke auf die Schulter herunter. Es war Jessik, der Dorfschneider von Enterrottach, ein aus Illyrien eingewanderter Geselle, der sich dort seßhaft gemacht und es unternommen hatte, die Einförmigkeit seiner Schneiderei dadurch zu unterbrechen, daß er den Stadel seines Häuschens zum Tempel der dramatischen Kunst umgestaltete und mit unsäglicher Mühe und Selbstaufopferung sowie zur größten Verwunderung der Bauern allerlei schnurriges Zeug zur Aufführung brachte.

„O halt’ noch ein Bissel, Madel!“ rief er. „Du weißt, bin ich Jessik, der Schneider. Hab’ ich auch ein Komedihaus; da fehlt mir ein Madel so prächtiges, was kann singen so gut. Will ich aufführen den Tanzmeister Pauxel und will fragen, ob das Spötterl nit will spielen. Zahl’ ich jedes Mal zwei Zwanziger und spiel’ den Pauxel selbst.“

Trotz des Dunkels hätte der Schneider bemerken können, welche Gluth der Entrüstung und Beschämung Corona’s Antlitz überflog; in seinem Eifer ward er es nicht gewahr und sollte dafür den Unwillen des Mädchens noch kräftiger spüren, als der Russe ihn bereits erfahren. Mit einem starken Zuge hatte sie ihr Ruder freigemacht, daß er, seines Haltes beraubt, zu taumeln anfing und sich auf den Kies des Ufers ziemlich gewaltsam niedersetzte.

„Da hast meine Antwort, verruckter Schneider!“ rief sie. „Schamst Dich nit, einem ordentlichen Madel einen solchen Antrag zu machen? Eher wollt’ ich das ganze Jahr um eine rupfene Pfoad (Hemd aus Werg) arbeiten oder betteln geh’n, ehe ich Dir und den Leuten einen Narren mach’.“

Damit schwamm der Nachen schon im See und war nur noch schwach zu unterscheiden: der beleidigte Schneider und Theaterdirector aber, der sich wieder aufgerichtet hatte, kreischte vor Grimm und rief ihr unverständliche Flüche und Schimpfworte nach. „Ich will Dir’s merken, hochmüthige Bauerndirn’,“ rief er im Davoneilen. „Sollst mir an den Jessik denken.“

„Nimm das andere Ruder, Clarl, und zieh’ an!“ flüsterte draußen auf dem nächtlichen Wasser Corona ihrer Begleiterin zu. „Mir ist, als ob uns da Einer im Schiff nachfahren wollt’. Es ist schon so,“ fuhr sie, schärfer hinblickend, fort; „es ist der Bursch’, der wüste, der mich heut’ ang’sungen hat. Ich hab’s wohl g’merkt, er ist mir den ganzen Abend nach’gangen und hat gethan, als wenn er mich anreden wollt’ … Was er nur von mir will?“

„Er wird halt wissen wollen, wo das Spötterl sein Nest hat,“ sagte die Begleiterin lachend.

„Dann fahren wir in der Irr’,“ entgegnete Corona gedämpft, denn die Rede schallt Nachts weithin über das Wasser. „Wir fahren gegen den Ringsee und Abwinkl zu und nachher im Bergschatten wieder zurück – das wird ihm wohl zu weit sein …“

Sie thaten, wie gesagt, und ruderten rasch dahin. Der Nachen des Gefürchteten blieb weit zurück und war ihnen bald ganz aus dem Gesichte.

Es war schon völlig dunkel. Die Flotille der Fürsten hatte längst wieder das Ufer gesucht; die Hörner waren verstummt und die Flammenbuchstaben im Waldesdunkel dem Erlöschen nahe. Da landeten Beide an der Straße bei der Capelle, wo gegenüber das Bergöl des heiligen Quirinus aus der Erde quillt, und eilten flüchtigen Fußes die Anhöhe hinan. Dennoch hatte ihre Vorsicht sie getäuscht. Sie waren noch nicht lange ausgestiegen, als ein zweiter Nachen, lautlos herangleitend, anlegte: der Wachtelschläger huschte wie ein Schatten heraus und folgte, hinter den Büschen sich duckend und von ihnen gedeckt, den Voraneilenden, bis über die Richtung, die sie einschlugen, kein Zweifel war. Dann schwang er mit einem unterdrückten Juchzer den Hut und sang:

„Du Spötterl, Du schneidig’s,
Flieg’ nur lüftig voran!
Hab’ Dein Nest schon g’funden;
Jetzt klopf’ i’ gen (halt) an.“




2. Fahr’ ab!


Noch lagen die Sennhütten der Gindelalm im Schatten der nächsten Bergrücken, hinter denen die Sonne herauskam, aber hinter den Tannenwipfeln, welche über den Absturz der Hochebene emporragten, lag schon klare Helle. Sie verkündete, daß unten und draußen im weiten Flachlande, in den bebauten Fluren, zwischen lebenden Flüssen, in den Dörfern und Städten, wo der Menschen Schaaren verbreitet hausen, der geschäftige Tag sein brausendes Werk schon begonnen hatte. Auf den Berghöhen aber, wo der Mensch nur vereinzelt seine Hütten angesiedelt, zwischen Haidegrund und Felstrümmern, neben Geiernestern, Gemsklüften, Fuchsbauten und Ameisenhaufen, war es noch ruhig und einsam. Nur auf der Grasmatte, in der ein paar Almhütten zerstreut lagen, fing es an, laut zu werden; die einzelnen Stimmen des Morgens übten den Chor, mit dem sie die Sonne begrüßen wollten, wenn sie über die Bergschneide herübergekommen sein würde. Die Tannenwipfel am Absturz ließen an ihren obersten Zweigen bereits die Thauperlen wie Feuerzeichen blitzen, welche verkündeten, daß das Erscheinen des gewaltigen Gastes jeden Augenblick zu erwarten sei. Das kleine Bergwasser, das durch das Gras rannte, brauste voller und rascher; über den würzigen Halmen der Bergkräuter und den nickenden Blumenhäuptern surrten Käfer, summten glänzende Hummeln, schwebten lautlose Libellen, oder schnellten zirpende Heuschrecken empor. Wohl war der Sommer und mit ihm die Zeit vorüber, in welcher um die Nester und Brutstätten die Lieder der Singvögel schallen, aber noch immer waren einige Spätlinge übrig geblieben, [658] die ihre hellen Noten auf das Rauschen des Wassers und die noch dunkleren Töne des sausenden Waldes setzten. Wie verirrt klang hier und da eine der Glocken am Halse der weidenden Rinder darein, welche die Nacht über unter dem Sternenhimmel gelagert waren, und jetzt in immer engeren Kreisen der Hütte nahten, in der sie bald Aufnahme finden sollten. Langsam, mit ausgebreiteten Schwingen und lautlos wie ein königlicher Bote, dessen bloßes Erscheinen seine Botschaft verkündet, schwebte ein Adler über den Berg herein, und hinter ihm schlug die Lohe des Sonnenfunkens empor.

Beinahe gleichzeitig öffnete sich die Thür der Almhütte zunächst des Abhangs, von deren Schwelle sich durch eine Lücke in den Tannenwipfeln eine weite Aussicht öffnete auf das weit tagende Flachland und die darin aufblitzenden Wasserbänder. Die Sennerin trat unter die Thür. Sie athmete hoch auf und sog die frische, von Wald und Wiese durchwürzte Morgenluft in tiefen Zügen ein, dann blickte sie auf der Almweide umher und schaute in’s Land hinaus; aber kein frischer Juhschrei, wie sie sonst gepflegt, grüßte die erwachende. Welt, um den Gegengruß der Berge und Nachbarhütten zu wecken. Wie mit einem Ausdrucke der Besorgniß ließ sie ihr Auge wiederholt in der Umgebung herumgleiten, und erst als sie in derselben nichts als die gewohnten Gegenstände gewahr geworden, zeigte ein zweiter tiefer Athemzug die erleichterte Brust; jetzt erst, als gleichzeitig die benachbarte Sennerin ihr hutschwenkend zujauchzte, blieb sie die Antwort nicht schuldig. „Es ist nichts da,“ sagte sie vor sich hin. „Er wird’s eben doch einmal genug kriegen, wenn er sieht, daß ich mich nicht drum kümmere.“ Dabei streifte ihr Blick ein Felsstück, das, in nur geringer Entfernung von der Hütte liegend, aus dem Graswuchse mächtig emporragte und auf seiner Platte zwei große halb vertrocknete Sträuße von Almenblumen trug, hoch genug, daß die weidenden Thiere die Blumen nicht erreichen konnten, entfernt genug, um zu zeigen, daß die Bewohnerin der Sennhütte von denselben nichts wissen wollte.

Eben wollte sie in ihre Hütte zurücktreten, als ihre Genossin auf der Schwelle erschien. Die Sennerei war zu groß, die Heerde zu zahlreich, als daß Corona allein vermocht hätte, Wirthschaft und Käserei zu bewältigen; die Alte war ihr daher als Gehülfin beigegeben und hatte dagegen das Geschäft über sich, von Zeit zu Zeit die entstandenen Vorräthe abzutragen und, was etwa an Lebensmitteln oder anderen Bedürfnissen mangelte, zu ergänzen. Eben hatte sie einen stattlichen Weitling mit Milch auf den Herdrand der Hütte gesetzt und stand nun, beide Arme in die Hüften gestemmt, mit lautem Lachen unter der Thür, daß Corona sich verwundert nach ihr umwendete, alsbald aber die gleiche Stellung einnahm und ihr mit gleichem lautem Lachen gegenüberstand.

„Was ist’s nachher?“ rief sie. „Hast schon ist aller Früh’ zu tief in’s Enzianflaschl hineing’schaut, daß Du so kuderst (lachst)? Oder ist Dir das Radl noch laufend ’worden in Deinen alten Tagen?“

„Wär’ kein Wunder,“ sagte Clarl, indem sie sich die thränenden Augen wischte. „Was kann man denn thun, als lachen, wenn man solche Narretheien sieht? Ja, hab’ ich in dem Stübl den Fensterladen anmachen wollen und hätt’ bei einem Haar das Vogelhäusl ’nunterg’worfen.“

„Vogelhäusl?“ sagte Corona stutzig. „Jetzt glaub’ ich bald, daß Du im Ernst überg’schnappt bist. – Wo soll denn ein Vogelhäusl herkommen?“

„Ja, das weiß ich nit,“ erwiderte Clarl, noch immer lachend. „Es wird’s wohl derselbige wüste Ding gebracht haben, von dem die Buschen dort sind. So viel ist einmal g’wiß, daß an dem Fensterladen ein kleines Schlaghäusl mit einem Vogel hängt. Schau’ nur selber! Ich hab’ gemeint, Du müßtest es schon geseh’n haben, wie Du aufgestanden bist.“

Corona war um die Hütte herumgeeilt und stand vor dem kleinen Käfige, in welchem ein Spötter, munter und scheinbar mit seiner Haft ganz ausgesöhnt, hin und wieder hüpfte. Sie sprach nicht; aber mit rascher Bewegung hatte sie den Käfig herabgehoben und schritt der Hüttenthür zu, während eine starke Röthe ihr über Nacken und Angesicht flog.

Verwundert folgte die Alte. „Was thust denn?“ fragte sie. „Wirst den Vogel doch nicht auch auf den Felsen hinausstellen? Da müßt’ er ja verhungern und verkommen. – Mach’ lieber das Thürl auf und laß ihn fliegen!“

„Ich weiß selber nit, was ich thun soll,“ erwiderte Corona, indem sie den Käfig in die Hütte trug und bei Seite stellte, sich selbst aber eilig an den Tisch setzte, als wäre es ihr sehr darum zu thun, das Frühstück zu beginnen.

Die Alte brachte den Brodlaib, legte die Blechlöffel daneben und fing an, Schnitten in die Milch zu schneiden. „Du gefallst mir schon,“ sagte sie; „wie Du den Vogel siehst, wirst roth über und über, und jetzt mußt Dich erst noch besinnen, was Du mit dem Vogel thun sollst – das heißt, wenn man’s recht auslegt: Du mußt Dich besinnen, bis Dir eine Ausred’ einfallt, daß Du ihn behalten kannst.“

„Was Dir nit Alles einfallt,“ entgegnete Corona, aus der Schüssel schöpfend. „Es ist wohl kein Wunder, wenn man roth wird – vor Zorn. Muß ich mich denn nit ärgern, wenn man mir meinen Spitznamen aufmutzt und mir ein Spötterl vor’s Fenster hängt? Wenn ich mir nur einbilden könnt’, was er will, der zuwid’re Mensch.“

„Thu’ mir den einzigen G’fallen,“ rief Clarl, „und stell’ Dich nit gar so an, als wenn Du nit Fünfe zählen könntest! Was wird er wollen? Mit Dir anbandeln will er, eine Bekanntschaft mit Dir anfangen! Schon neulich, wie er auf Dich so herübergeschaut hat, hab’ ich ihm das an der Nas’n angeseh’n. Seitdem sind noch nit acht Tag’ vergangen, und während der Zeit hat er Dir schon dreimal in der Nacht einen Buschel frische Almrosen ’bracht. …“

„Ich hab’ sie aber allemal wegg’legt,“ sagte Corona rasch. „Da wird er wohl wissen, wie viel’s geschlagen hat. …“

„Ja wohl, er wird aber auch wissen, daß kein Baum auf ’n ersten Hieb fallt; drum laßt er nit aus. Das Nest vom Spötterl hat er einmal ausgefunden, und es soll mich gar nit wundern, wenn er über kurz oder lang selber kommt und klopft an, wie er’s gesagt hat.“

„Soll nur kommen und soll’s probir’n; dann kann er erleben, daß es geht, wie ich gesagt hab’, und kann abfahren.“

Corona sagte dies so hastig und entschieden, als ob sie dadurch ihren eigenen Entschluß beschleunigen und befestigen wollte.“

Clarl nickte beistimmend, indem sie den Löffel zum Munde führte, „Das ist das Rechte, Corona!“ sagte sie dann. „Bei dem Vorhaben bleib’, und wenn er etwa wirklich kommt, und Du willst ihm’s nit selber sagen, laß nur mich reden für Dich! Ich will ihm den Weg zeigen, daß er ihn als Blinder finden soll.“

„Ich bin zwar selber nit versponnen, und könnt’ selber mit ihm fertig werden,“ rief Corona; „aber wenn’s Dir eine Freud’ macht, kannst schon meinen Procurator spielen. Ich glaub’ aber nit, daß er kommen wird. … Wenn wir aber so fortmachen miteinander, dann scheint mir, Clarl, es geht mir am End’ wie Dir: ich bleib’ über, und wir können einmal in der Ewigkeit als alte Jungfern miteinander Wolken schieben.“


(Fortsetzung folgt.)




Land und Leute.


Nr. 37. Familienfeste im Elsaß.


Wir können diese Schilderungen elsässischer ländlicher Zustände nicht schließen, ohne einen Blick auch auf das Familienleben und den gegenseitigen Verkehr der Dorfbewohner geworfen zu haben.

Das Familienleben der Landbevölkerung ist ein durch die ununterbrochene Arbeit der Woche bedingt geregeltes und stilles. Nie wohnen zwei verschiedene Familien in einem Hause. Jeder, selbst der ärmste Tagelöhner, hat sein eigenes Häuschen. Wer sich kein Haus bauen oder kaufen kann, der wandert aus nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Dagegen sind in vielen Häusern der Bauern zwei Ehepaare beisammen, Eltern und Großeltern; dazu gesellt sich zuweilen ein Urgroßvater oder

[659]
Die Gartenlaube (1874) b 659.jpg

Hochzeit im Elsaß.
Nach der Natur aufgenommen von Theod. Pixis in München.

[660] eine Urgroßmutter. Das Verhältniß der verheiratheten Kinder zu ihren Eltern ist zuweilen kein sehr herzliches, aus folgenden Ursachen: Je reicher die Bauernjugend, desto früher tritt sie in die Ehe. Der Gebrauch will es, daß der Sohn vor der Tochter den Hof erhält. Er heirathet ein Mädchen, das wenigstens ebenso viel Güter besitzt, wie er selber einst erhält. Vor der Schließung der Ehe wird dem zukünftigen Ehepaare Haus und Hof mit „Schiff und Geschirr“ gegen eine mäßige Anschlagssumme zum Eigenthume übergeben. Die Eltern behalten sich nur ihre lebenslänglichen Rechte im Hause, Hof, Scheune, Stallung und Garten vor. Diese Anschlagssumme müssen die jungen Eheleute entweder den andern Kindern des Hauses, oder, sind sonst keine Kinder mehr vorhanden, den Eltern bezahlen, die im letztern Falle die Summe auf dem Hause stehen lassen und nur die Bezahlung des Geldes verlangen, wenn sie es brauchen. Dabei essen die jungen Eheleute, je nach der Uebereinkunft, mehrere Jahre umsonst mit ihren Eltern an deren Tische. Dies geschieht in der Absicht, daß die jungen Leute vorwärts kommen und sich für den Erlös ihres verkauften Viehes und ihrer Ernte Güter kaufen können.

Das wäre Alles ganz gut. Sind aber noch Geschwister des im Hause verheiratheten Bruders oder der Schwester vorhanden, so hört das „Hausen“, das heißt die unentgeltliche Lieferung der Kost von Seiten der Eltern an das junge Ehepaar im Hause eher auf, besonders wenn sie verheirathet sind. Dies ist der erste Anlaß zur Unzufriedenheit. Denn wenn die Eltern das Hausen aufgeben, so müssen die Jungen es anfangen, und da mögen nun die Eltern bei den jungen Leuten oder für sich hausen, immer entsteht Unzufriedenheit darüber, und ganz besonders suchen die liebreichen Kinder für die den Eltern zu liefernde Kost mehr Güter zu erpressen.

Das ist die Ursache, warum in sonst ganz ehrbaren Familien Zwistigkeiten ausbrechen. Die Eltern sind aber oft selbst schuld daran, wenn ihre Kinder allzu begehrlich sind. Sie haben selbst nicht anders gegen ihre eigenen Erzeuger gehandelt. Und da sie den Geist der Habsucht in ihren Kindern dadurch angefacht haben, daß sie dieselben antrieben, über deren Kräfte Güter zu kaufen, so suchen die jungen Eheleute sich dadurch zu entschädigen, daß sie übertriebene Forderungen an ihre Eltern stellen und sie nach und nach ganz ausziehen. Die Eltern, um den Frieden zu haben, geben meistens nach.

Viele Fälle kommen vor, daß, wenn die alten Eltern arbeitsunfähig sind, die Achtung der Kinder in dem Maße abnimmt, als sie weniger leisten können. Die Rolle der Großmutter im Hause beschränkt sich nach und nach darauf, Kindeswärterinnenstelle zu leisten und das Vieh zu füttern. Wenn sie aber gar nichts mehr leisten können, dann wehe ihnen! Sie sind übrig überall. Sie, die einstigen Gebieter ihres Hauses und Vermögens, ertragen aber auch das Loos, das sie einst vielleicht ihren eigenen Eltern bereitet haben, mit einer seltenen Ergebung. Diese Thatsache ist häufig genug, daß sie der Erwähnung verdient; sie ist aber weniger der Maßstab, den wir an die Sittlichkeit des elsässischen Bauernstandes legen dürfen, als das Ergebniß der mangelhaft geregelten Verhältnisse zwischen in einer „Hofraith“ wohnenden Eltern und verheiratheten Kindern.

Der elsässische Bauer ist äußerst sparsam, aber das nimmt man nicht wahr bei außerordentlichen Gelegenheiten, wie bei „Leichenimbsen“, Kindtaufessen, „Meßti’s“ oder Kirchweihen und Hochzeiten. Wie viel auch von wohlgesinnten Männern, die dem Volke näher stehen, gegen die Schmäuse bei Beerdigungen geeifert worden, – sie bestehen fast noch überall in den Dörfern. Es wird auch redlich, nach der Sitte der Ahnen, geschmaust und gezecht, und nach der eigenen Aussage der Hinterbliebenen geschieht das, um den Abgeschiedenen zu ehren. „Das wäre eine Schande,“ sagen die Leidtragenden, „wenn wir das Opfer nicht zu Ehren des Entschlafenen brächten.“ Denn auch die ärmeren Dorfbewohner thun das ihren Verstorbenen gegenüber.

Die Kindtauffschmäuse werden noch glänzender gehalten. Das hat auch seine Bewandtniß. Bevor das Tauffest gehalten wird, bringen die Taufpaten der Kindbetterin allerlei mehr oder weniger kostspielige Leckereien und Geschenke. Darum werden dieselben mit der ganzen Verwandtschaft einen oder zwei Tage anständig bewirthet durch allerlei Fleischspeisen, Gebackenes, Kuchen, Pasteten und Torten. Und die Mittelleute geben meistens den Reicheren in der Zahl der Gerichte und ihrer Zubereitung, so wie in der Menge des Weines nichts nach.

Aber ein wahrer Luxus in Kleidern, Speisen, Gebackenem aller Art, sowie in Wein, der, wenn der Herbst gut gerathen, in Strömen fließt, wird bei den Hochzeiten getrieben. Doch, ehe die Hochzeit gehalten wird, muß der „Handstreich“, d. h. der Ehecontract, abgethan sein, wo der Notar die Hauptrolle spielt. Nachdem die beiden Familienväter eins geworden, was sie ihren Kindern in die Ehe geben – eine kitzlige Verhandlung, die, bei der Zähigkeit der einen Partei, manchmal durch einen förmlichen Bruch endet – werden die Mitgift und sonstige besondere Bedingungen in dem Ehepacte zu Papier gebracht.

Hier ist es Sitte, daß, wenn es an der Braut ist, den Contract zu unterzeichnen, dieselbe ihre Unterschrift verweigert und entläuft. Der Hochzeiter aber weiß schon, was er zu thun hat. Er eilt dem Mädchen nach, und durch eine gewisse Summe Geldes macht er es willig zu unterschreiben. Ein ansehnlicher Schmauß, dem die näheren Verwandten, auch zuweilen der Pfarrer, beiwohnen, schließt diese Einleitungen des Hochzeitfestes.

Holt sich der Bursche eine Frau aus einem benachbarten Orte, so verfügen sich die jungen Leute dieses Dorfes in das Haus, wo der „Handstreich“ stattfindet, und überreichen dem fremden Hochzeiter einen mit flitternden seidenen Bändern gezierten Strauß. Der Bräutigam versteht den sinnigen Wink in Form eines Geschenkes. Es ist das Mädchen des Dorfes, das sie ihm, dem Fremden, durch die Gabe des Straußes überlassen, indem sie ihm Glück zu der Maid wünschen. Wehe dem Bräutigam, wenn er den Sinn der Gabe nicht versteht! Aber er kennt die Dorfgebräuche und drückt, zum Zeichen, daß er ihr Recht, die Gespielin zurückzuhalten ober freizulassen, einigermaßen anerkennt, Einem unter ihnen zwanzig bis vierzig Franken je nach seinem Vermögensgrade in die Hand. Dann trinkt er ihnen aus einer Flasche Wein, die sie mitgebracht, Versöhnung und Bruderschaft zu. Die jungen Burschen gehen, nachdem sie auch den Wein des Brauthauses hatten versuchen müssen, zusammen und verbringen zechend und singend einen lustigen Abend mit der Loskaufsumme des Hochzeiters.

Soll die Hochzeit bald vor sich gehen – und gewöhnlich dauert die Zeit des Brautstandes nicht lange – so beginnen die Vorbereitungen dazu. Ein junger Ochse, Kälber, Schweine, Federvieh werden dazu in Mästung gethan. Die Hochzeitkleider des Bräutigams werden verfertigt, sowie diejenigen der Braut, deren Garderobe außerdem noch so sehr vervollständigt wird, daß sie mit den zwanzig bis vierzig rothen, blauen und grünen Röcken, die sie erhält, meistens für ihr ganzes Leben versorgt ist.

Der Bräutigam wählt unter seinen Cameraden den Brautführer, die Braut ihre zwei Braut- oder Traujungfern. Der Erstere beginnt mit dem Brautführer vierzehn oder acht Tage vor der Hochzeit die Gäste zum Feste zu laden. Die auswärtigen Verwandten und Freunde werden zu Pferde geladen. Die beiden Hochzeitslader haben neue blaue Mäntel an. Ihr dreieckiger Hut wird von der Braut mit Bändern, Rosmarin und künstlichen Blumen geschmückt. Die Reitpeitsche und der Zaum der Pferde sind mit bunten Bändern geziert. Vor jedem Hause einer Familie, die eingeladen wird, ertönt ein Pistolenschuß. Feierlich, und wie betend, wird vor der vollständig versammelten Familie durch den Brautführer mit vorgehaltenem Hute und gefalteten Händen in Reimen die Einladungsformel hergesagt. Dann wird der Hochzeiter mit seinem Cameraden bewirthet.

Zu Fuß laden die Letzteren die Gäste im Heimathsdorfe selber. Sie müssen gute Magen haben, um der in allen Häusern angebotenen Bewirthung Ehre anzuthun. Nichts genießen, hieße geradezu die Freunde nur zum Schein einladen.

Eine große Hochzeit wird nur am Dienstage gehalten. Kommt die Braut von einem andern Dorfe, so wird der aus verschiedenen mit Hausrath versehenen Hochzeitswägen bestehende Zug im zukünftigen Heimathsorte mehrmals durch über den Weg gespannte Ketten oder Seile aufgehalten. Der Brautführer muß der vorn zwischen den Brautjungfern sitzenden Braut durch ein Geldstück freien Paß verschaffen.

Ist die Braut aus dem Orte selbst, so muß sie am Vorabende der Hochzeit mit den Traujungfern und dem Brautführer [661] noch die üblichen Gänge zu ihren Gespielinnen machen, um ihnen zum Abschiede Kuchen und Torten zu bringen; auch in’s Pfarrhaus, vor dem der Brautführer zuerst den gebräuchlichen Pistolenschuß losknallt.

Nachts schlafen die Traujungfern bei ihrer jungfräulichen Freundin. Am andern Morgen, nach einem den schon theilweise anwesenden Gästen gereichten Frühstücke, begiebt sich der Brautführer mit einer der Brautjungfern, nach dem üblichen Pistolenschusse, wieder in das Pfarrhaus. Er trägt eine Flasche mit Wein, seine Begleiterin einen mit beiden Händen an die Hüfte gestützten Korb mit der „Brautsuppe“, worin ein gewaltiges Stück Rindfleisch liegt, und daneben ein Viertel Weißbrod. Oben auf dem Tische des Korbes liegt das für den Pfarrherrn bestimmte Schnupftuch, in dem sich ein herausragender Stengel Rosmarin befindet. Sie kündigen zugleich an, daß das Brautpaar zur Kirche gerüstet sei. „Möge der Pfarrherr aber zuvor sich das gebrachte Frühstück wohlschmecken lassen,“ sagen sie.

Vorher aber müssen sich die Hochzeitsleute zur bürgerlichen Trauung auf die Mairie begeben. Dieses geschieht nicht in festlicher Tracht, weil man, trotz der Gesetzlichkeit dieses Actes und trotz dessen Wichtigkeit, die kirchliche Trauung bei weitem höher hält.

Die Glocken ertönen bald; der Pfarrer erscheint im Hochzeitshause, um das Brautpaar in die Kirche zu führen. Auf den dreieckigen Hüten und den scharlachrothen Pelzkappen der sämmtlichen männlichen Jugend werden Sträuße künstlicher Blumen und Rosmarin angebracht. Alles ist festlich gekleidet. Die Hochzeiterin und ihre beiden Traujungfern kommen im schwarzen Abendmahlskleide. Nur das bunte Brusttuch mit seinem Gold- und Silberflitter blinkt zwischen dem schwarzen Wamse hervor. Auf dem Haupte trägt die Braut mit allen ihren Gespielinnen ein von Goldflitter verfertigtes Häubchen, das, auf dem Wirbel sitzend, einer goldenen Krone gleichsieht, mit welcher sie die von allen Seiten hinaufgekämmten Haare verbirgt. Um das Kopfstück der Krone wird ein rothes seidenes Band geschlungen, das hinten mit seinen beiden Enden weit über den Rücken hinabwallt. Vorn ist am Fuße der Krone das von bunten Glaskorallen mit feinem Drahte geflochtene Jungfernkrönlein angebracht, welches bis zum Beginn der Stirn reicht.

Nach einer kleinen Anrede des Pfarrers begiebt man sich zur Kirche. Der Bräutigam geht mit dem Pfarrer; dann folgen die beiden Väter, die Taufpathen, die im Elsaß sehr hoch gehalten werden, und die älteren Verwandten, alle in schwarzen Leibröcken mit scharlachenem Brusttuche und dem dreieckigen Filzhute, der am Kopfende mit einer breiten dicken Schnur umgeben ist. Dann kommen die Bursche in hellerer Kleidung mit Sträußen auf den Hüten. Darauf folgt der Brautführer mit der Braut, der sich unmittelbar die Traujungfern, die Mädchen und Weiber paarweise anschließen.

Frisch und lieblich in der so reichen Tracht geht der Hochzeitszug unter dem Läuten der Glocken in das Gotteshaus. Auf dem Kirchhofe stehen junge Bursche des Dorfes, die beim Herannahen des Zuges sich mit ihren Flinten und Pistolen in Bereitschaft setzen. Eine Salve ertönt zuerst zu Ehren des Hochzeiters. Wenn aber die Braut kommt, dann kracht es erst gewaltig, also daß die Weibsleute erschrecken und furchtsam auseinander stieben, woran die jungen Bursche große Freude haben.

Innen an der Kirchthür stehen die Hirtenweiber des Dorfes. Sie harren auf die Braut und wollen sie nicht eher einlassen, als bis der Brautführer ihnen für die Braut den gebührenden Einstand entrichtet hat. Denn die jungen Eheleute sollen ja jetzt ein eigenes Haus bilden. Während der Mann schon im Felde „zackert“, läßt ja die Frau auf das Zeichen des schallenden Hirtenhorns und das schrillende Pfeifen des Schäfers das ihnen von den Eltern geschenkte Vieh auf die Weide; somit mahnen die Hirtinnen durch einen kurzen Spruch an den ihnen gebührenden Tribut.

Der Brautführer löst die ihm anvertraute Braut durch ein Stück Silbergeld, und der Weg in die Kirche steht offen.

Wir übergehen die jetzt stattfindenden religiösen Gebräuche. Nach Gesang und Predigt folgt, wie überall, die kirchliche Einsegnung. In dem Augenblicke, wo der Bräutigam der Braut den Trauring an den Finger steckt und die Seegensworte über den Ehebund gesprochen werden, wird draußen vor der Kirche wieder eine donnernde Gewehrsalve abgefeuert. Bald ist die Feier zu Ende. Unter einem lebhaften Marsche, den der Herr Schulmeister von der Orgel spielt, tritt die Festgesellschaft in derselben Ordnung, wie sie gekommen, aus der Kirche. Dieselben Ehrenschüsse erschallen wieder. Jetzt treten vor dem Kirchhofe vier bis fünf Musikanten heran und eröffnen mit schallender Musik den Festzug, der dem Hochzeitshause zugeht.

Bevor der „Hochzeitimbs“ beginnt, erhalten die Männer des Dorfes, in deren Stand der Neuvermählte eintritt, einen Ohm Wein mit einigen Laiben Weißbrod als Einstand. Das Nämliche erhalten ihrerseits die ledigen Bursche, von denen der Bräutigam scheidet. Die Gaben, welche die Männer und die Burschen von dem Hochzeiter empfangen, genießen sie nicht im Hochzeitshause, sondern von einander abgesondert, ja in einer beliebigen Wohnung eines der Empfänger, oder im Wirthshause.

Auch die Armen und Kranken werden nicht vergessen: sie erhalten Jeder eine Portion Suppe, Fleisch und Brod. Sogar die Kinder des Dorfes, reich wie arm, stellen sich an der Thür des Hochzeitshauses ein, um das übliche Fleisch und Brod zu holen. So nimmt fast die ganze Gemeinde an der Freude Theil.

Es ist leicht begreiflich, welche Massen von Speisen und Getränken eine solche Hochzeit kostet, wo, neben den besonderen Gaben, zehn bis sechszehn Tische voll Gäste wenigstens drei Tage lang und noch länger sollen vollständig genährt und getränkt werden. Ich habe mir sagen lassen, daß eine Hochzeit achthundert bis zwölfhundert Pfund Fleisch verschiedener Art kostet, sowie zwölf bis achtzehn Hektoliter Weizen. Wenn der Wein geräth, so fließt er in Strömen. Es werden sechs bis zwölf Hektoliter (zwölf bis vierundzwanzig Ohmen) getrunken und verschenkt. Und doch ist bei solchen Gelagen über Unfug selten zu klagen.

Wenn es an das Essen geht, so ziehen die Mannsleute ihre Sonntagsröcke aus, legen die Hüte bei Seite, nehmen die mit Marder- oder Iltispelzen besetzten rothen Mützen, Kappen genannt, hervor, ziehen kurze, auf beiden Seiten mit einer Reihe heller Knöpfe besetzte Wämser an und binden um ihre Lenden ein weißes, bis auf die Kniee gehendes, unten mit Spitzen besetztes weißleinenes Schürzlein. Auch der Hochzeiter und der Brautführer wechseln ihre Costüme. Sie müssen in den Häusern noch einmal die Gäste herbeiladen. Letztere kommen außerordentlich langsam daher. Es wird als ein Zeichen von Frechheit und Heißhunger angesehen, wenn man sich im Gehen nur ein wenig beeilt. Der weibliche Theil der Gäste hat sich in helle Farben, grün, blau, roth gekleidet. Das Wams wird ausgezogen und selbst die Kälte hindert die Weibsleute nicht, hemdärmelig, wie sie sagen, zum Mahle zu erscheinen. Die Mädchen tragen jetzt blendend weiße leinene Fürtücher oder Schürzen.

Nun geht’s nach langem Warten und Complimentiren zum Essen. Es dauert lange, bis alle Gäste an ihrem Platze sitzen. Keiner will der Erste sein, und doch schreibt eine gewisse Etiquette Allen ihre Platze vor. Die Hochzeiterin sitzt am Ehrentisch, zwischen den beiden Traujungfern; der Hochzeiter darf, so ist es der Gebrauch, sich nicht zu Tische setzen, sondern er hilft mit dem Brautführer zum Theil aufwarten, zum Theil wandelt er von einem Tische zum andern, um den Gästen zuzutrinken und sich auf seine Gesundheit zutrinken zu lassen.

Soll ich die Gerichte alle aufzählen, die auf den Tischen in ziemlich langen Zwischenräumen erscheinen, um das Mahl recht lange auszudehnen und Jedem Zeit und Muße zum Essen zu lassen? Fleischsuppe, ungeheure Stücke Rindfleisch, die nur vor dem wackeren Appetite der Schmausenden weichen, gewaltige Schüsseln mit Sauerkraut oder Spinat, auf dem bedeutende Stücke Schweinefleisch, umwunden mit Bratwürsten, ruhen; wohlschmeckende Markklöße. Dann kommen die Pasteten, junges Kalbfleisch oder Geflügel enthaltend, allerlei Fleisch in einer Sauce, welch’ letztere die Bauern besonders mit Brodschnitten auszutrinken lieben, wenn sie des Fleisches müde sind; mächtige Kalbs- und Schweinebraten mit Salat.

Wenn die Eßlust gestillt ist, und der Pfarrer sich wegbegeben hat, dann wird die Jugend lebendiger; die Musik läßt sich hören. Und bald geht es zur Tanzstube, wo sich auch nach und nach die nicht eingeladene männliche und weibliche Jugend einfindet.

Jetzt führt auch der Bräutigam die Braut zum Tanze. Die Musik geht voran. Der Brautführer hat die zwei Brautjungfern am Arme; die gesammte Jugend folgt. Jeder junge [662] Bursche hat eine Weinflasche mit darüber gestürztem Glase in der Hand, mancher einen Rosmarinstengel im Munde. Einige hüpfen, springen und juchheien, daß die Alten froh sind, wenn die Jugend fort ist, und sie ruhig noch beieinander sitzen und trinken können.

Auf der Tanzstube angelangt, reiht sich die ganze Gesellschaft an den Wänden hin; denn der Hochzeiter hat das Recht, mit seiner Braut allein den Vortanz zu machen. Dann wird für den Brautführer aufgespielt, der mit jeder der Brautjungfern einen besondern Tanz vollführt. Wenn diese Ehrentänze vorüber sind, dann dürfen alle Burschen ihre Begleiterinnen an den Walzern und Hopsern teilnehmen lassen.

Abends zur Nachtglockezeit begiebt sich der Brautführer zur Hochzeiterin, bittet sie zum Tanze, ergreift sie bei der Hand und, nachdem sie an der seinigen sich einige Male nach der Sitte im Kreise umgedreht, bindet er stillstehend ihr das Jungfernkrönlein von Glaskorallen und Flittergold, das sie an der Stirn trägt, ab und windet es sich mit Beihülfe der Freunde um die eigene Stirn. Der Brautführer ist ja Stellvertreter seines Freundes, und das Krönlein muß ja einmal errungen werden – ein Gebrauch, der ein Zeichen von Derbheit und wunderlichem Zartgefühl der elsässischen Sitten zugleich ist.

Jetzt wird noch einige Zeit getanzt. Dann geht es wieder im Zuge unter Vorantritt der Musik dem Hochzeitshause zu, wo die homerische Mahlzeit bereitet ist. Der Tanz hat dem jugendlichen Appetite wieder Vorschub geleistet. Reisbrei, Fleisch von allen Sorten, Kugelhopf, Torten und alle Arten Kuchen werden aufgetragen. Herz, was begehrst du noch mehr? Bald läßt sich das ländliche Musikcorps wieder hören. Aber die wackeren, tüchtig in Anspruch genommenen Musikanten wollen dafür auch ihre Gebühren. Einer derselben macht die Runde an den Tischen mit einem Teller, worauf ein mit einem Bande gezierter Rosmarinstrauß liegt. Er hält den Teller einem Jeden der Gäste mit der Bemerkung hin, daß die Hälse und Instrumente der Musikanten „verlächt“ (ausgetrocknet) wären. Jeder legt ein Geldstück darauf. Aber noch dürfen sich die Beutel der Gäste nicht schließen. Auch die Köchin tritt am Arme des Brautführers, des vielfach in Anspruch genommenen, herein mit ihrem großen Kochlöffel, woran ein Bund befestigt ist. Sie behauptet, den Löffel noch nicht bezahlt zu haben. Jeder zieht wieder den Beutel, was natürlich mit allerlei Späßen begleitet wird.

Nach dem Essen geht’s wieder zum Tanze bis zum Morgen, und was der erste Tag gebracht hat, das wird an den beiden folgenden fortgesetzt, bis endlich sogar diese Kraftnaturen es satt haben und ihr von der schweren Arbeit des Tages widerspenstiger Magen sich nach Ruhe sehnt.

Wenn obige Bilder, die mein Freund Pixis durch die drei hier bereits veröffentlichten prächtigen, wahrheitsgetreuen Zeichnungen illustrirt hat, Anklang gefunden haben sollten, überlasse ich die Schilderung des Meßti oder der Kirchweih, der Majstuben und anderer originellen Gebräuche im lieben Elsaß einer spätern Mußezeit und scheide mit freundlichen Grüßen aus dem schönen Elsaß von dem freundlichen Leser.

August Jäger.




Eine „wunderbare Erscheinung“ im Leipziger Rosenthal.


Zum hundertjährigen Gedächtniß eines alten Schwindels.


„Sie werden nicht alle, sag’ ich Dir, und wenn die schönsten ‚Diesterwege‘ alle Länder durchziehen, ‚Strauße‘ in Heerden kommen und ‚Feuerbäche‘ von allen Bergen rinnen – sie werden doch nicht alle.“ Mit diesem Zorn- und Klagerufe legte jüngst ein Freund mir ein Zeitungsblatt vor, auf welchem eine Stelle mit einem offenbar wildgewordenen Rothstift angestrichen war.

Ich las und konnte über den Inhalt jener Stelle meine aufrichtige Heiterkeit nicht verbergen. Der Spiritismus hat eine neue Entdeckung gemacht, welche für die Beweise der „Realität der Geisterwelt“ eine ganz erstaunliche Zugabe liefert. Man hat nämlich Möglichkeit und Mittel gefunden, um die Geister, mit welchen man Verkehr pflegt, sogar zu wägen, das heißt die Schwere derselben zu bestimmen. Von gewichtigen Geistern hat man schon früher gehört, dabei wohl aber weder das Apotheker- noch das neue Reichsgewicht vor Augen gehabt. Jetzt erst werden wir erfahren, wie schwer der Geist eines Moses oder wie leicht der einer Pompadour gewesen. „Und diese neue Errungenschaft der ‚Positiven Pneumatologie‘ (– denn unter dieser Firma behauptet der ,Spiritualimus aller Zeiten und Völker‘ nunmehr seine wissenschaftliche Würde –) ist im Stande, Deine alte redliche Seele so in Harnisch zu bringen? O, wie jung bist Du noch, mein alter Freund!“

„Aber, Mensch, läßt Dich denn diese Verhöhnung der gesunden Vernunft, diese Speculation auf die Dummheit und Verdummung des Volkes so ganz kühl? Siehst Du darin denn nicht die Gefahr für das, was uns so sehr am Herzen liegt, für die Volksbildung?“

„Nein, mein Lieber, diese sehe ich wirklich nicht,“ antwortete ich mit unbeirrter Gemütsruhe. „Vor Allem bedenke zu Deiner Beruhigung, daß zu solchen ,spiritistischen Arbeiten‘ Leute gehören, welche überflüssige Zeit dazu haben. Wir finden als Hauptzeugen und Mitwirkende bei all den ,Experimenten‘ zur Feststellung der ,Realität der Geisterwelt‘, sowie als Gläubige der damit zusammenhängenden Wundercuren in vorwiegender Menge vornehme Namen, Barone, Grafen, Minister und Generale a. D., alte und junge Damen der hohen und höchsten Aristokratie, kurz, lauter Leute, welche nach dem Frühstücke gleich Feierabend machen können. Das fleißige Volk hat keine Zeit für solche brodlose Künste. Und wenn wir, zweitens, mit den hochtrabenden Behauptungen und Hoffnungen die Erfolge vergleichen, welche die spiritistischen Schriftsteller bis jetzt aufzuzählen haben, so sehen wir auf den ersten Blick, daß ihre Geister sich an die Erfindungen der Menschen halten müssen, um ihre Kundgebungen (,Manifestationen‘) möglich zu machen. Erst gehörte ein besonderer ,Beschwörer‘ dazu, der die Geister citirte, unter höchst aufregenden Umständen erscheinen ließ und ihre Kundgebungen an die Betheiligten vermittelte. Dann regte sich die Lust der Geister zu directen Mittheilungen und äußerte sich durch ,Klopfen‘, und weil die Telegraphie durch Zählen der einzelnen Poche Silben und Wörter zusammensetzte, so kamen auch die Geisterverkehrer hinter das neue Geheimniß der Deutung der Klopferei. Zu einem weiteren Schritte veranlaßte die Benutzung des Storchschnabels; es begann das Schreiben, und zwar, wie bei allen Anfängern, sehr unbehülflich. Von diesem Schritte geschah der nächste große zum Schreiben mit Tinte auf Papier. Die menschliche Sitte, sich gegenseitig mit Photographien zu beschenken, fand ebenfalls bei den Geistern Anklang, und daß man sogar beim Wägen derselben angekommen sein soll, hat Dich ja eben erst zu Deiner Entrüstung veranlaßt.

Wenn wir nun aber das Kühnste, was der Mensch je wünschen konnte, diese directen schriftlichen Nachrichten aus dem Jenseits, in den Facsimilemittheilungen derselben in der ,Positiven Pneumatologie‘ des Herrn Baron von Güldenstubbe (Stuttgart, Lindemann, 1870) in der Nähe betrachten, so staunen wir, bei all diesen unsterblichen Schreibern nicht den geringsten Fortschritt, ja das Gegentheil, zu finden. Die Personen aus der Hieroglyphenzeit schämen sich nicht, noch heute in Hieroglyphen zu schreiben, diejenigen aus Zeiten, wo Schreiben noch eine Kunst war, schreiben ihre Namen, wie es kleine Kinder etwa thun. Und was erfahren wir von denen, welchen es besser von der Feder geht? Keinen Laut, keinen Schein vom geheimnißvollen Jenseits, schöne Grüße, billige Vermahnungen, ja mitunter alte Verse, wie sie Kinder sich auf die Stammbuchblättchen schreiben. Unter hundertvierundsechszig gesammelten ,Gedanken der Geister von jenseits des Grabes‘ kommen folgende vor:

Nr. 39: ,Geistige Leibeigenschaft und Unterdrückung einer Nation ist das Anzeichen des schmählichsten Verfalles.‘

Nr. 57: ,Der Thörichte beschäftigt sich nur mit unnützen und nichtigen Dingen.‘

Nr. 87: ,Die Leiden verfolgen den Menschen auf Erden von der Wiege bis zum Grabe.‘

Nr. 125 ,Die Hoffnung führt uns bis zur Schwelle der Ewigkeit.‘

[663] Nun sage, Freund, fürchtest Du von solcher Geisterweisheit noch etwas für unsere Volksbildung? Ja, trägt’s denn wirklich aus, erst zu sterben, um als Geist wieder so dumm zu werden?“

Ein recht herzliches Lachen war die Antwort. „Du bist also beruhigt?“ fragte ich. „Gut! Zum Beweise dann, daß schon ‚in der guten alten Zeit‘ auch auf diesem Felde in Leipzig sehr Beträchtliches geleistet und geglaubt wurde, erzähle ich Dir eine Geschichte, auf welche unser Gespräch mich geführt und die Dich als geborenen Leipziger ganz besonders interessiren wird, denn gerade in diesen Tagen sind es hundert Jahre, daß in Leipzig ein Geisterbeschwörer durch seine Umtriebe und sein Ende ein selbst für jene Zeit ungewöhnliches Aufsehen erregte. Der Mann hieß Johann Georg Schrepfer.

Das achtzehnte Jahrhundert wird das der Philosophie oder der Aufklärung genannt; aber so wenig die ‚spiriten Studien‘ der Gegenwart durch die rastlosen Fortschritte der Naturwissenschaften gestört werden, ebenso fanden neben einem Leibnitz, Wolf, Newton, Montesquieu, Friedrich dem Zweiten, Kant, Lessing etc. auch die Cagliostro, Gaßner, Schrepfer etc. ihre Wirkungskreise. Blieb doch selbst ein Goethe nicht unberührt von den ‚Geheimnissen der Mystik‘, in welche bekanntlich 1768 gleich nach seiner Heimkehr von Leipzig nach Frankfurt, das Fräulein von Klettenberg ihn einzuweihen suchte, bis er aus der Alchemie sich in die Chemie rettete. Die Netze jener Mystik waren eben nur stark genug, leichter beschwingte Geister zu fangen, nicht einen Adler von deutscher Kernkraft.

Schrepfer’s Ursprung war fern von der aristokratischen Sphäre; weil er ihr aber angehören mußte, um in seiner Weise wirken zu können, so schwindelte er sich in dieselbe hinauf. Er soll um 1730 geboren und in seiner Jugend Husar gewesen sein. Wir finden ihn zuerst als Kellner in einer Leipziger Gastwirthschaft und später, nachdem er einiges Vermögen erheirathet, im Besitze einer eigenen Schenkwirthschaft in der Klostergasse. Als dienender Bruder der ersten Freimaurerloge (Apollo), die 1741 in Leipzig eingewandert war, wurde er von dem damals aus Frankreich herüberwehenden Schwindelgeist gepackt, und er packte ihn wieder, um durch ihn sich zu erheben. Offenbar seine Wirthsstellung benutzend, wußte er in kurzer Zeit den Ruf um sich zu verbreiten, daß er die Gabe der Geisterbeschwörung und noch andere übernatürliche Fähigkeiten besitze, und als die Loge ihm derlei Unfug verwies, erklärte er, daß dieselbe ihm nichts zu befehlen habe und daß er unter einer höheren Loge und unter der Autorität des in Dresden wohnenden Herzogs Christian Joseph Karl von Kurland, eines Sohnes des Kurfürsten Friedrich August des Zweiten, stehe und handle.

An diesen Angaben war kein wahres Wort – und doch förderte diese Lüge ihn am raschesten zu seinem nächsten Ziele. Als nämlich der Herzog der Freimaurerloge erklärte, daß er mit Schrepfer in keinerlei Beziehung stehe, und dieser ihn deshalb mit einem Pasquill angriff, vergaß er sich so weit, einen Officier mit einigen Unterofficieren des Regiments Kurfürstin nach Leipzig zu beordern, die den Pasquillanten aufhoben und ihm in einer Wachtstube eine Tracht Schläge aufzählten, über deren richtigen Empfang derselbe auch noch eine Quittung ausstellen mußte. In der ersten Aufregung eilte Schrepfer auf das Rathhaus und beklagte sich beim Stadtrathe, der auch eine solche Mißhandlung eines Leipziger Einwohners sofort an den Kurfürsten (August den Dritten) berichten wollte. Sobald aber der Herzog dies erfuhr, eilte er mit dem Minister von Gutschmid, der früher selbst Bürgermeister in Leipzig gewesen war, herbei, um die leidige Sache friedlich beizulegen. Schrepfer ging darauf ein, erklärte sogar öffentlich, daß ihm keine Prügel ertheilt, sondern gegen die ausgestellte Quittung erlassen worden, ja, daß der Fürst, dessen Namen man dabei genannt, einer solchen Handlung nicht fähig sei; so viel war ihm die persönliche Berührung mit dem Herzoge und dem Minister werth, denn besonders Ersteren nicht wieder loszulassen, sondern für seine Zwecke gründlich auszubeuten, war jedenfalls sein fester Entschluß.

Dies war während der Michaelismesse 1773 geschehen. Gleich darauf verschwand Schrepfer aus Leipzig und kam erst nach der Ostermesse des nächsten Jahres zurück, aber – als königlich französischer Oberst Baron von Steinbach.

Das Wunderbarste an dieser plötzlichen Wandlung war offenbar der Glaube, den sie in Leipzig fand. Da, wo Jedermann ihn als Kellner und Wirth gekannt, wußte er durch den Aufwand, den er machte, und durch die Sicherheit, mit welcher er in seinen nunmehrigen Standeskreisen auftrat, so zu imponiren, daß er von keiner Seite eine Störung seines Gebahrens erfuhr, ja, daß er seine Geisterbeschwörungen und allen damit zusammenhängenden Schwindel abwechselnd in Leipzig und Dresden nun erst recht in’s Große treiben konnte.

Zweierlei kam ihm dabei zu Hülfe. Erstens die Klugheit, mit welcher er diejenigen Personen auswählte, welche ihm als die rechten Werkzeuge für seine Pläne erschienen, und ebenso diejenigen von seinen ‚magischen Operationen‘ ausschloß, welche ihm durch Ruhe, Urtheilsschärfe und Geistesgegenwart hätten gefährlich werden können; – und zweitens die Vorrichtungen für seine Geisterbeschwörungen. – Ueber letztere theilen wir die Auskunft mit, welche nach den ‚Denkwürdigkeiten des Barons von Gleichen‘ Friedrich der Zweite von einem Professor in Halle erhielt, der ebenfalls Geister citirte. Nach Berlin berufen und vom Könige aufgefordert, ihm einige seiner wunderbaren Erscheinungen zu zeigen, antwortete der Professor ihm: ‚Da ich nicht ganz sicher bin, daß mein Geheimniß nicht einigen nachtheiligen Einfluß auf das Gehirn üben könne, so bewahre mich Gott, davon in Bezug auf Ew. Majestät Gebrauch zu machen; aber ich will mehr thun, ich will es Ihnen erklären. Es besteht in einem Räucherwerk, welches in dem dunkeln Beschwörungszimmer verbreitet wird und welches zwei Eigenschaften hat: 1) den Neugierigen in einen Halbschlaf zu versetzen, welcher leicht genug ist, ihn Alles verstehen zu lassen, was man ihm sagt, und tief genug, ihn am Nachdenken zu verhindern; – 2) ihm das Gehirn dergestalt zu erhitzen, daß seine Einbildungskraft ihm lebhaft das Bild der Worte, die er hört, abmalt; er ist im Zustande eines Menschen, der nach den leichten Eindrücken, die er im Schlafe empfängt, einen Traum zusammensetzt. Nachdem ich in der Unterredung mit meinem Neugierigen möglichst viele Einzelheiten über die Person, die ihm erscheinen soll, kennen gelernt, lasse ich ihn in das dunkle Zimmer treten. Wenn ich glaube, daß das Räucherwerk zu wirken begonnen hat, folge ich ihm, indem ich mich gegen den Eindruck des Räucherwerks durch einen Schwamm schütze, der in Liquor getaucht ist. Dann spreche ich zu ihm: ‚Sie sehen den und den, so und so gestaltet und gekleidet?‘ worauf sich sofort seiner erregten Phantasie die Gestalt abmalt; hierauf frage ich ihn mit rauher Stimme: ‚Was willst Du?‘ Er ist überzeugt, daß der Geist zu ihm spricht; er antwortet; ich erwidere, und wenn er Muth hat, so setzt sich die Unterredung fort und schließt mit einer Ohnmacht. Diese letzte Wirkung des Räucherwerks wirft einen mysteriösen Schleier über das, was er zu sehen und zu hören geglaubt hat, verwischt die kleinen Mängel, deren er sich erinnern könnte, und hinterläßt ihm bei seinem Erwachen eine aus Furcht und Achtung gemischte Ueberzeugung, gegen die ihm kein Zweifel mehr bleibt.‘ Der König verwahrte das ihm übergebene Recept des Räucherwerkes in seiner Handschriftensammlung; es wird vermuthet, daß später Bischofswerder und Genossen es gegen Friedrich Wilhelm den Zweiten selbst angewandt haben.

Von Schrepfer weiß man, daß er zu dem Räucherwerk noch starke geistige Getränke bei seinen Gläubigen hinzufügte. Die Wirkung war die eben beschriebene. Ein Graf von Hohenthal behauptete noch lange nach Schrepfer’s Tode die Wirklichkeit der von ihm gesehenen Erscheinungen, und ein Kammerherr von Heynitz wurde davon so ergriffen, daß man für seinen Verstand fürchtete. Und doch waren die Beschwörungen für Schrepfer nur Nebensache, nur Mittel zum Zweck: d. h. zur Erwerbung großer Geldsummen.

Zum nächsten und gewichtigsten Opfer erkor er einen reichen Seidenwaarenhändler Du Bosc. Diesem theilte er vertrauensvoll eine (von ihm selbst, wie all die noch zu erwähnenden gefälschten Documente, höchst geschickt hergestellte) Vollmacht des Herzogs von Braunschweig als Großmeisters mit, die ihn beauftrage, eine Verschmelzung des Freimaurerordens mit dem damals aufgehobenen Jesuitenorden zu bewirken. Zu diesem Behufe stehe er in brieflicher Verbindung auch mit dem Herzog Ludwig Philipp von Orleans (der allerdings damals Großmeister der Großlogen aller Systeme in Frankreich war), dem er seinen französischen Oberstenrang verdanke. Da nun die Jesuiten unermeßliche [664] Schätze in Sicherheit gebracht und einen Theil derselben ihm in Verwahrung gegeben hätten, so sei er entschlossen, diese Summen zum Besten seines Vaterlandes und zur Beschämung seiner Verfolger durch außerordentliche Wohlthaten zu verwenden. Er stellte jedoch für Alle, die daran Theil haben wollten, die Bedingung auf, ihren Lebenswandel zu bessern, ihre sämmtlichen alten und neuen Sünden zu beichten und Vergebung von Allen zu erbitten, die sie je gekränkt und beleidigt. Sobald dies geschehen sei, werde er die schriftlichen Belege für seine Angaben vorlegen und die Wahrheit derselben durch Geistererscheinungen bekräftigen lassen, die jedoch nur auf die Orte beschränkt sein könnten, an welchen die zu citirenden Geister im Leben gewohnt hätten.

Es gehörte gewiß ein starker Glaube dazu, diesen Lügenbau für einen Tempel der Wahrheit anzusehen, aber Du Bosc hatte diesen Glauben und übergab Schrepfer sogar deshalb Empfehlungsbriefe nach Dresden an seinen Schwager, den Geheimen Finanzrath Ferber, und an den Conferenzminister von Wurmb. Ersterer, ein höchst achtbarer und gebildeter Mann, wies die Sache ebenso entschieden zurück, wie Schrepfer selbst ihn aufgab, weil er sofort einen ihm gefährlichen Gegner in ihm erkannte. Dagegen zog er nicht nur Wurmb, sondern auch den Herzog von Kurland in sein Garn, nachdem Beide in allen ihnen von Schrepfer vorgelegten Briefen, Urkunden und Vollmachten nicht die geringste Fälschung entdeckt und von den Gebrüdern Bethmann in Frankfurt am Main die Bestätigung der Aussage Schrepfer’s erhalten hatten, daß bei ihnen wirklich ein wohl eingepacktes und versiegeltes Paket, das anscheinlich Papiere enthalte, aufbewahrt und gegen Rückgabe der Quittung und gegen ein eigenhändiges Schreiben des Obersten von Steinbach sofort ausgeliefert werde. Diese Papiere sollten nun den Schatz der Jesuiten, im Betrage von mehreren Millionen – und zwar an sächsischen Steuerscheinen! – enthalten.

Es versteht sich von selbst, daß bei der Aussicht auf solche Reichthümer die Cassen der Betheiligten nun Schrepfer offen standen, besonders da er auch seinen Geisterbeweis beizubringen verstand. Diese Beschwörungen fanden in dem Palais des Herzogs statt, das nach dessen Tod zum Zeughause geschlagen worden ist. Theil nahmen daran: der Herzog von Kurland, der Minister von Wurmb, der Baron Hohenthal, der Kammerherr von Bischofswerder, derselbe, welcher später Günstling, General und Minister des Königs Friedrich Wilhelm des Zweiten wurde und eine Hauptperson in dem mystischen Treiben am damaligen Berliner Hof war; ferner der Kammerherr und Geheime Kriegsrath Christian Friedrich von Hopfgarten und der Adjutant des Herzogs, Oberst von Fröden.

So geschickt wußte Schrepfer seine gefährliche Rolle zu spielen, daß alle diese hohen Herrschaften ihn mehr und mehr ihres intimsten Umgangs würdigten. Er selbst behandelte sie wie seines Gleichen, auch den Herzog nicht ausgenommen; er stand nicht vom Stuhle auf, wenn dieser ihn in seiner Wohnung im Hotel de Pologne besuchte, und winkte ihm nur herablassend, neben ihm Platz zu nehmen. Hopfgarten wurde sein ergebenster Freund und Bischofswerder machte sogar Brüderschaft mit ihm. Er stand auf der Höhe seines Glanzes, und doch nahte bereits das schwarze Verhängniß. Die ‚Freunde‘ drangen auf Theilung der Reichthümer; so hatte er denn das Millionenpaket aus Frankfurt kommen lassen, verschob die Eröffnung desselben aber von Tag zu Tag, bis eine neue Gefahr über ihn hereinbrach: der französische Geschäftsträger Marbois verlangte von ihm die Vorzeigung seiner Oberstenpatents und drohte, ihn als Betrüger verhaften zu lassen, falls diesem Verlangen nicht Folge geleistet würde. Die Freunde beschworen zwar diese Gefahr, aber nun durfte Schrepfer auch nicht länger mit der Eröffnung des Pakets zögern und setzte dazu einen Tag kurz vor der Leipziger Michaelismesse fest. Alle Genossen waren beim Minister von Wurmb in Dresden versammelt, und auf dem Tische lag die geheimnißvolle Bescheerung. Alles wartete auf Schrepfer. Da kam die Nachricht, daß dieser Postpferde genommen und wegen höchst wichtiger Geschäfte nach Leipzig gereist sei.

Trotz des nun vielleicht aufgestiegenen Verdachtes blieb das Paket an diesem Tage noch ungeöffnet, aber geöffnet wurde es, man weiß nicht wo und wann, und was fand man? Nichts als weißes Papier und dazwischen einige Zettel, welche wieder auf andere Papiere verwiesen. Wurmb und Du Bosc kannten diesen Inhalt, aber sie schwiegen, ob aus Scham oder weil sie die Hoffnung auf den selbst von den Geistern verheißenen Schatz doch noch nicht aufgaben, ist zweifelhaft.

Wurmb reiste damals auf sein thüringisches Gut Großen-Furra, ohne sich in Leipzig aufzuhalten; Bischofswerder und Hopfgarten aber begaben sich während der Messe dahin und verkehrten mit Schrepfer in der alten Vertrautheit. Dieser hatte einen der letzten Meßtage als Zahlungsfrist zur Befriedigung seiner Gläubiger festgesetzt, und dieser Tag stand nahe bevor.

Da lud er, am 7. October 1774, Bischofswerder, Hopfgarten und noch zwei andere seiner Bekannten zum Abendessen zu sich. Der Abend verging heiter, aber nach dem Essen sprach Schrepfer; ‚Diese Nacht legen wir uns nicht zu Bett, denn morgen mit dem Frühesten, noch vor Sonnenaufgang, sollen Sie ein ganz neues Schauspiel zu sehen bekommen. Bis jetzt habe ich Ihnen Verstorbene gezeigt, die in’s Leben zurückgerufen wurden; morgen aber sollen Sie einen Lebenden sehen, den Sie für todt halten werden.‘ Darauf legte er sich auf das Sopha und schlief bis fünf Uhr. Dann erhob er sich mit den Worte: ‚Nun, meine Herren, es ist Zeit, daß wir gehen.‘ Schrepfer führte sie nach dem Rosenthale, wies ihnen hier einen Platz an und sprach: ‚Rühren Sie sich nicht von der Stelle, bis ich Sie rufen werde. Ich gehe jetzt in dieses Gebüsch, wo Sie bald eine wunderbare Erscheinung sehen sollen.‘

Ruhig, wie er am ganzen Morgen gewesen, schreitet er in das von ihm bezeichnete Gebüsch. Bald darauf fällt ein Schuß. Die Harrenden beachten dies nicht und warten lange; endlich gehen sie doch besorgt in das Dickicht – und da liegt ein ‚Lebender‘ – aber er ist todt.

Auf die Anzeige des Vorfalls versiegelte der Stadtrath sofort Schrepfer’s Wohnung. Seltsamer Weise war an demselben Morgen Wurmb durch Leipzig nach Dresden gereist. Noch in Meißen erreichte ihn ein Bote, den ein Winkeladvocat und Anhänger Schrepfer’s, Dr. Teller, ihm nachgesandt, mit der Todesnachricht und bringt an Teller die Weisung des Ministers zurück, sich um jeden Preis der hinterlassenen Papiere des Todten zu bemächtigen und sie ihm nachzuschicken. Auf diesen Ministerbrief hin erbricht Teller die Siegel und besorgt den Befehl. Die Strafe blieb nicht aus, aber die Papiere waren geborgen. – So ist wohl das Geheimniß des Antheils der einzelnen Betheiligten an den Verlusten des Betrugs gerettet, aber die Kunde von dem jämmerlichen Schwindel beschämt uns noch nach hundert Jahren.“

Fr. Hfm.




Der Untergang des amerikanischen Expeditionsschiffes „Polaris“.*[1]


Ein Brief von Dr. Emil Bessels, wissenschaftlichem Chef der Polaris-Expedition.


Als der Dampfer, der mich bisher trug, zu Anfang Februar Southampton anlief, um neuen Kohlenvorrath sowie die Post an Bord zu nehmen und mir dadurch unerwarteter Weise das Vergnügen wurde, Ihnen vor meiner Abreise nochmals auf englischem Boden die Hand zu drücken, da mußte ich Ihnen versprechen, Ihnen einen langen Brief darüber zu schreiben, wie wir Schiffbruch gelitten und wie wir unsern zweiten Winter in der Polarregion zugebracht. Erst jetzt, nach beinahe sechs Monaten, komme ich dazu, mein Wort einzulösen. Vierwöchentliche Krankheit sowie die angestrengte Thätigkeit, welche mir die Herausgabe [665] der Resultate unserer Expedition auferlegt, machten es mir unmöglich, Ihnen früher zu schreiben.

Wie Sie wissen, wurde unsere Hoffnung, im zweiten Jahre von der Polarisbucht aus den Pol zu erreichen, mit einem Schlage vernichtet. Da wir zu unserer ersten Ueberwinterung keinen Hafen finden konnten, das Schiff aber um jeden Preis untergebracht werden mußte, gingen wir unter 81° 38′ n. Br. hinter einem großen Eisberge vor Anker, welcher, etwa eine viertel Seemeile von der Küste entfernt, auf Strand saß. Durch die fortwährende Bewegung des Eises wurde unser Fahrzeug schließlich derart beschädigt, daß es den größten Theil seines Vorderstevens verlor, und als der Hochsommer und damit die eigentliche Jahreszeit zum Vordringen herangekommen war, hatten wir ein leckes, seeuntüchtiges Schiff, dessen Zustand zu schleuniger Umkehr mahnte. Als wir demnach am Nachmittage des 12. August 1872 gegen Süden hin mehrere Meilen offenen Fahrwassers sahen, lichteten wir die Anker und dampften der Heimath zu. Aber nur zu bald gelangten wir zu einer Eisbarrière, die weder durchbrochen noch umgangen werden konnte, da dieselbe zu dicht war und sich, so weit sich ermitteln ließ, von einem Ufer des Kennedeycanals nach dem andern erstreckte. Während der nächsten drei Tage hatten wir abwechselnd, je nachdem sich die Richtung des Fluthstroms änderte, bald etwas freies Wasser, das uns kurze Strecken vorzudringen erlaubte, bald sahen wir uns von allen Seiten von Treibeis umgeben, sodaß wir bis zum Fünfzehnten nicht mehr als sechsundneunzig Seemeilen zurückgelegt hatten.

An genanntem Tage wurden wir unter 80° 2′ n. Br. von dichten Packeismassen besetzt, um nicht wieder frei zu werden, bis der definitive Verlust des Schiffes erfolgte. Langsam und ununterbrochen trieben wir den Smithsund herab, zwischen aufreibenden Zweifeln urd froher Hoffnung schwebend. Die Bedenklichkeit unserer Lage war Jedermann an Bord des kleinen Fahrzeugs klar, aber trotzdem hofften wir zuweilen noch, frei zu werden, unserem Eisgefängnisse zu entrinnen und nach der Heimath, nach den dänischen Niederlassungen Grönlands oder überhaupt nach irgend einem sichern Ankerplatze gelangen zu können.

Von phantastisch geformten, hoch aufgeworfenen Eismassen umschlossen, bewegte sich die „Polaris“ mit einer mittleren Geschwindigkeit von einhalb bis fünf Meilen per vierundzwanzig Stunden gegen Süden, und Tag und Nacht mußte mit den Pumpen gearbeitet werden, um das Fahrzeug lenz zu halten. Unser unfreiwilliger Weg folgte in seinen einzelnen Krümmungen beinahe vollständig der wildzerklüfteten Küste Grinnell-Lands, die, nur wenige Seemeilen entfernt, einen wunderbar schönen, malerisches Anblick darbot. Während das gegenüberliegende Ufer Grönlands mehr oder weniger Plateaucharakter trägt, sehen wir dort schneeige Spitzen, schroffe Hörner und steile, kühn in die See ragende Vorgebirge, welche Schutz versprechende Buchten flankiren. Allein so gern wir es auch gethan hätten, so waren wir doch nicht im Stande, einen dieser Häfen zu erreichen. Eine dichte Packeismasse von sechs bis acht Seemeilen Breite trennte uns von der Küste, deren blau-violette Felsschroffen von dunkelm Landwasser bespült waren, welches in den Strahlen der tiefstehenden Sonne wie ein Spiegel glänzte. Wir litten wahre Tantalusqualen. Hier lag das Wasser vor uns, aber es blieb uns unerreichbar.

Willenlos mußten wir der Strömung und der See folgen, welche uns Ende August mehr nach Osten, gegen Grönlands Westküste trieben, der wir am 2. October so nahe kamen, daß wir von Deck aus, ohne Fernrohr, jede einzelne Schlucht, jeden Schneezug des Landes in voller Deutlichkeit zu erkennen vermochten. Da wir uns keinen Augenblick in Sicherheit wähnen konnten und beständig darauf gefaßt sein mußen, das Schiff zu verlieren, hatten wir auf dem Eisfelde, an welchem wir festlagen, ein Zelt aus Bootmasten und altem Segeltuche errichtet, in welchem wir im Falle der Noth Unterkommen zu finden hofften. Nachdem wir am 9. October Rensselaer-Hafen passirt hatten, an welchen sich, als Kane’s Winterquartier, historische Bedeutung knüpft, fingen wir an, schneller zu treiben und uns der grönländischen Küste bis auf fünf Meilen zu nähern. Beinahe an derselben Stelle wie das Jahr zuvor passirten wir Cap Isabella und Cap Alexander und waren somit dem gefürchteten Eise des Smith-Sundes entronnen. Die Stimmung an Bord war eine frohe, denn wir konnten jetzt ziemlich sicher sein, das sogenannte Nordwasser der Walfischfänger zu erreichen und vielleicht einen der grönländischen Hafen anlaufen zu können.

Allein wir jubelten zu früh. Gerade als wir uns am sichersten glaubten, brach die Katastrophe über uns herein.

Während wir bisher beinahe beständig Windstillen oder nur leichte Brisen aus verschiedenen Compaßrichtungen hatten, begann es am Nachmittage des 15. October steif aus Südwest zu wehen, so daß wir statt nach Süden nordöstlich trieben. Gegen sechs Uhr des Abends – Einzelne saßen vergnügt in der Cajüte bei eine Partie Whist – wurde plötzlich Meldung gemacht, das Eis am Hintertheile des Schiffes sei im Auseinanderweichen begriffen. Wir begaben uns rasch auf Deck und bemerkten, daß das Eis von einer etwa vierzig Fuß langen Spalte durchsetzt war, die man ohne Mühe noch hätte überspringen können. Im Laufe weniger Minuten hatte die Breite derselben wohl schon um das Zehnfache zugenommen urd kurz darauf trieb die ganze Eismasse, welche an der Steuerbordseite des Schiffes festgelegen hatte, mit bedeutender Geschwindigkeit nach Osten. Es war nicht schwer zu erkennen, daß die ganze Bewegung, deren Richtung nicht mit derjenigen des Windes zusammenfiel, von dem einsetzenden Fluthstrome herbeigeführt wurde. Wir hatten Vollmond, also Springfluth, und dadurch, daß die uns schützende Eismasse von der einen Seite des Schiffes weggetrieben war, wurde unsere Lage offenbar bedenklicher, als sie seither gewesen. Plötzlich hörte das Eis auf sich ostwärts zu drängen und wurde ruhig. Aber nur wenige Minuten dauerte dieser Stillstand, denn alsbald kamen die starren Massen mit Windesschnelle wieder auf uns zu, thürmten sich bis zur Höhe der Regling empor, und nach Verlauf von wenigen Secunden holte das Fahrzeug unter einem sehr beträchtlichen Winkel nach seiner Backbordseite über. Stärker und stärker wurde die Pressung; die Masten ächzten; die Deckplanken dröhnten und krachten, und so laut heulte der Sturm, daß er das Commando völlig übertönte. Es herrschte große Verwirrung an Bord. Instinctmäßig ergriff Jedermann, was ihm am nächsten war, und warf es auf das große Eisfeld, an welchem wir festlagen und dessen scharfe Kante unser Schiff jeden Augenblick zu durchschneiden drohte. Zuerst kamen die Kleidersäcke an die Reihe, die schon längst gepackt waren, dann folgten Matratzen, Koch-Utensilien, Gewehre und Munition. An Flaschenzügen wurden größere Fässer, sowie Kohlenstücke auf die Eiskante hinabgelassen, woselbst sie von der Mannschaft, deren größerer Theil sich schon auf dem Eise befand, nach der Mitte des Feldes, in die Nähe der Nothhütte gebracht wurden. Mancher werthvolle Proviant fiel in’s Wasser und ging verloren, allein bei der wilden Hast, mit der gearbeitet wurde, war dies unvermeidlich. Eile that Noth; denn das Wasser im Schiffsraume wuchs rasch und das Fahrzeug war seinem Untergange nahe. Der Schnee wurde von dem zum Orkan gesteigerten Winde in dichten Fluthen einhergewirbelt, so daß es oft unmöglich war, auf halbe Schiffslänge zu sehen, und nur mit großer Mühe konnten die Laternen brennend erhalten werden.

Plötzlich rissen mit dumpfem Klange die beiden Leinen, die uns an dem Eisfelde festhielten. Das Fahrzeug richtete sich auf und trieb mit rasender Geschwindigkeit von der Scholle hinweg, auf welcher sich die Mannschaft, der größte Theil des Proviantes, sowie die sämmtlichen Boote befanden.

„Lebewohl, Polaris!“ rief wehmüthig einer der Leute vom Eise her.

Der Anblick, der sich uns jetzt darbot, war grauenerregend. Das scheinbare solide Eisfeld war in mehrere Stücke geborsten, auf welchen unsere Leute, laut um Hülfe rufend, zertrennt waren. Schauerlich mischten sich diese Stimmen mit dem Geheul der Hunde, dem Rauschen des Windes und dem Getöse der Brandung, die sich zischend an den Eiskanten brach, deren gigantische Formen uns aus dem Dunkel der Nacht gespensterhaft entgegenschimmerten. Im Laufe weniger Secunden hatten wir unsere armen Cameraden aus den Augen verloren und wurden von dem orkanartigen Sturme auf einem wilden, aufgeregten Meere zwischen Verderben drohenden Eisklippen umhergeworfen.

Das Wasser im Schiffsraume war mittlerweile so hoch gestiegen, daß es die Feuer unter dem kleinen Dampfkessel zu verlöschen drohte. Wir versuchten, mit den Deckpumpen zu arbeiten. Aber vergebens! Sie waren eingefroren, und die kleine Dampfpumpe, deren wir uns vorher bedient hatten, war nicht mehr [666] genügend, um dem immer rascher eindringenden Schwall Einhalt zu gebieten. Unser Schicksal schien besiegelt. Das Fahrzeug unter unseren Füßen sank zusehends, und wir hatten nicht ein einziges Boot zu einem letzten Rettungsversuche übrig; nicht einmal ein Eisfeld, auf welches wir hätten flüchten können, war zu erblicken, als sich die Strahlen des Vollmondes kurze Zeit durch die schwarzen Wolken Bahn brachen. Nur wüste Trümmer schwammen in unserer Nähe, zu klein, um Zuflucht zu gewähren, und wären sie auch größer gewesen, so hätte dies wenig genützt, denn ohne Boote blieben sie uns unerreichbar.

Jetzt erfolgte ein zweiter Versuch, die Deckpumpen vermittelst siedenden Wassers in Gang zu bringen, was zu unserer Freude gelang. Es wurde mit beinahe übermenschlicher Anstrengung gearbeitet. Das Wasser floß in Strömen, gefror aber sofort, sobald es auf Deck gelangte, da die stark vereisten Seitenlöcher jeglichen Abzug nach außen verhinderten. Die Leute an den Pumpen standen bis zu den Knieen in dem kalten, schlüpfrigen Gemenge aus Seewasser und Eis. Allein wen kümmerte dies! Die Pumpen entfernten ebenso viel Wasser, wie durch das Leck eindrang, und wir halten Hoffnung, das Schiff noch kurze Zeit, wenn auch nur bis Tagesanbruch, zu erhalten. Da augenblicklich wenig Gefahr drohte, den Feuerraum überschwemmt zu sehen, galt es, den großen Kessel zu heizen, um mit seiner Hülfe dem Feinde zu begegnen. Um so rasch als möglich Dampf zu erhalten, zertrümmerten wir Thüren, hieben Theile der Takelage ab und Alles, nebst zwei Fässern Seehundsspeck, wanderte in den Maschinenraum, die Feuer zu nähren. Nach Verlauf einiger Stunden hatten wir die große Genugthuung, das rhythmische Klappern des Dampfwerks zu vernehmen und die Pumpen, ohne längern Verbrauch unserer eigenen Kräfte, in Gang zu sehen.

Vorerst waren wir gerettet, aber unser kleiner Kohlenvorrath mußte unter solchen Umständen in kurzer Zeit zu Ende sein. Die matte Mondscheibe trat schwach leuchtend hinter den rasch dahinjagenden Wolkenmassen hervor und ließ uns die dunkeln Umrisse der nahen Küste erblicken, deren Formen uns aber zu wenig Anhalt gaben, um den Punkt bestimmen zu können, an dem wir uns befanden. Der Sturm hatte aufgehört, und leise plätschernd und murmelnd machte das ruhiger gewordene Meer seinem rasch verrauschenden Unmuthe Luft. Wir legten uns abwechselnd nieder, um uns etwas Schlaf zu gönnen. Aber wie ganz anders war Alles, denn Tags zuvor! Neunzehn der Kojen standen leer, und Diejenigen, die noch am vergangenen Abend Ruhe in denselben gefunden, waren dem Doppeltode des Verhungerns und Erfrierens machtlos preisgegeben. Unter ihnen befanden sich zwei Frauen und ein Säugling von kaum drei Monaten. Unser kleines Häufchen an Bord des Wracks zählte, als die Musterrolle verlesen wurde, nur noch vierzehn Mann.

Ein trüber Polartag begann zu dämmern, und die Sonne stand noch tief unter dem Horizonte, als wir uns die letzten Reste eines unruhigen, wenig erquickenden Schlummers aus den Augen wischten und uns auf das Verdeck begaben. Nach und nach, als es etwas heller geworden, konnten wir uns einigermaßen orientiren, und die Karte zeigte, daß wir uns etwa vierzig Meilen nördlich von unserer letzten, mit Bestimmtheit festgelegten Position befanden. Mehrere stiegen in den Mastkorb, um sich nach unseren Gefährten umzuschauen, ohne indeß ihre Bemühungen von dem geringsten Erfolge begleitet zu sehen. Der erste Steuermann glaubte durch das Fernrohr auf einer treibenden Scholle dunkle Gegenstände wahrzunehmen, die er für Proviantsäcke hielt, allein die Ansichten hierüber waren getheilt. Da keine Hoffnung vorhanden war, die Vermißten aufzufinden, da wir nicht einmal vermuthen konnten, in welcher Richtung dieselben zu suchen seien, dachten wir zunächst an unsere eigene Sicherheit. Wir durchspähten die ganze eisumgürtete Küste, um eine Fahrstraße nach dem Lande zu entdecken, welches nicht mehr als etwa acht Meilen von uns entfernt war. Ein leichter Nordostwind brachte das uns umgebende Eis in Gang und öffnete einen schmalen Canal nach dem Ufer hin. Dieser Wendung des Schicksals verdankten wir unsere Rettung. Rasch wurden die Feuer mit frischen Kohlen beschickt, und das Schiff durch die beweglichen Packeismassen hindurchquälend, kamen wir der Küste allmählich näher. Es war ein schweres Stück Arbeit, denn manche große Scholle mußte aus dem Wege geräumt werden, und wir hatten kein einziges Boot zu Hülfe. Die dienstthuenden Matrosen sprangen auf kleine Eisstücke, die sie vermittelst eines Bootshakens von einer Stelle zur andern bewegten, und warfen auf den größeren Feldern Eisanker aus, an welchen das Schiff durch die engeren Passagen bugsirt wurde. Oft dauerte es eine Viertelstunde, ehe wir zehn Fuß Weges zurücklegen konnten, aber wir kamen vorwärts, und dieses langsame Vorwärtskommen war Sporn genug, unsere Hoffnung rege zu erhalten.

Wenige Minuten vor zwölf Uhr, als sich die Sonne zum letzten Male im Jahre 1873 über die Bergesgipfel im Süden erhob, hatten wir die Küste erreicht, und das Fahrzeug wurde auf Strand gesetzt – wir waren in Sicherheit. Sogleich machten wir uns an die Arbeit, die letzten Reste der Ladung zu löschen und das Wrack in Stücke zu hauen, welche uns als Baumaterial zu einer Hütte diesen sollten, deren Grund der Steuermann auch alsbald zu legen begann. Erst bei hereinbrechender Nacht stellten wir unsere Thätigkeit ein und suchten unsere Lagerstätten auf. Die Gefühle, die wir empfanden, lassen sich schwer in Worte fassen. Hätten wir den Rest unserer Gefährten in unserer Mitte gehabt, so wären wir völlig glücklich gewesen und hätten die schrecklichen Erlebnisse von gestern als bösen Traum betrachtet. So aber sagte uns die traurige Wirklichkeit nur zu deutlich, was geschehen war.

Am folgenden Morgen wurden wir durch den Besuch mehrerer Eskimos erfreut, die uns mit ihren Hundeschlitten behülflich waren, die Schiffstrümmer an’s Land zu bringen. Durch die Gefälligkeit dieser gutmüthigen Wilden wurde unsere Arbeit so erheblich gefördert, daß das Wohnhaus schon nach zwei Tagen fertig war und bezogen werden konnte. Aus dünnen Brettern aufgeführt und statt eines Daches mit altem Segeltuche überspannt, war dasselbe weit entfernt davon, einen wohnlichen Eindruck zu machen. Es war etwa dreißig Fuß lang und in zwei ungleich große Abtheilungen geschieden, wovon die eine, deren Thür unmittelbar in’s Freie führte, als Küche und zur Aufnahme von Proviant diente, während die andere Wohn-, Arbeits- und Schlafgemach in sich vereinigte. Um drei der Wände zogen sich in Doppelreihen vierzehn Kojen hin, während die vierte von der Thür durchsetzt war. Rechts von derselben befand sich ein rohes Gestell, zur Aufnahme unserer sehr defecten Küchen-Utensilien bestimmt, und in der linken Ecke stand mein kleines Schreibpult, auf dessen oberstem Fache die vier übrig gebliebenen Chronometer Platz fanden. Fenster anzubringen wurde als überflüssig betrachtet, denn wir hatten täglich nur noch wenige Stunden Dämmerung. Etwa hundert Schritte von der Hütte entfernt erbauten wir in der Nähe des Strandes ein kleines Observatorium, in welchem die stündlichen Beobachtungen so weit fortgesetzt wurden, wie es der mangelhafte Vorrath an Instrumenten gestattete.

Gegen Ende October war die Dämmerung bereits so schwach geworden, daß zur Mittagszeit Sterne von geringer Größe deutlich wahrgenommen werden konnten. Der Winter war über uns hereingebrochen, ehe wir es uns versahen. – Ein überwältigendes Gefühl beschleicht uns, wenn wir am Vorabende einer viermonatlichen Nacht stehen. Das Fremdartige der Situation wirkt drückend; wir fühlen tief in unserm Innern, daß wir nicht in diese Welt gehören, in die wir uns gewaltsam hineingedrängt, und deren starre, kolossale Großartigkeit mit einem anderen Maßstabe gemessen werden muß, als mit demjenigen, den wir gewohnt sind an gewöhnliche Verhältnisse anzulegen. Aber selbst noch jetzt versucht sie es, ihre düsteren Reize zu entfalten, diese dämonisch geheimnißvolle Welt, wenn der Winter die letzten kärglichen Schmucksachen von ihren stiefmütterlichen Brüsten hinweggerissen hat, wenn selbst die Sonne es verschmäht, diese starren Gebilde eines liebenden Blickes zu würdigen, und sich die Nacht finster und kalt auf sie herabsenkt, um monatelang eisig, undurchdringlich auf ihr zu lasten. Schließlich muß sie doch erliegen. Unwillig unterwirft sie sich dem Zwange der dunklen Herrscherin; schwächer und schwächer werden ihre Pulse, und

„Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.“

Alles, Alles wendet sich von ihr ab. Das Meer hat der ersterbenden, kümmerlichen Pflanzenwelt noch ein letztes wehmüthig brausendes Schlummerlied gesungen und ist dann selbst entschlafen. Was zu fliehen vermochte, hat das Weite gesucht.

[667]
Die Gartenlaube (1874) b 667.jpg

Bock’s Ruhestätte auf dem Friedhofe zu Wiesbaden.
Nach der Natur aufgenommen von E. Reichmann in Wiesbaden.

[668] Angespornt von Sehnsuchtsgefühlen folgten die befiederten Gäste ihrem Wandertriebe und zogen nach wirthlicheren Regionen. Lummen und Alken putzten sich auf ihren alten Nistplätzen nochmals das weiche Fiederkleid und eröffneten den Zug. Ihnen schloß sich lärmend das Heer der Gänse an, nach den Geschlechtern in dichte, die Luft verfinsternde Schaaren geordnet. Der Sturmvogel umkreist nochmals die Klippe, auf der er das Licht der Welt erblickt, und nimmt dann kreischend Abschied. Das sanfte Gezwitscher des Schneefinken ist längst verstummt, und wenn sich die wenigen offenen Stellen des Meeres gleichfalls mit einer Eiskruste überziehen, dann hält es selbst die genügsame Möve nicht länger aus; auch sie zieht südwärts.

Dem Beispiele der Vögel folgen die Vierfüßer. Nur selten noch hört man das heisere Bellen einzelner Polarfüchse oder das wilde Schnauben und Blöken des Walrosses. Rennthiere sowie Moschusochsen sind entflohen, und der Eisbär hat die nahen Felsenhöhlen aufgesucht, um in todesähnlichem Schlummer die Zeit der Finsterniß zu überleben. Der Mensch allein ist geblieben; er will es versuchen, den Unbilden des Winters Trotz zu bieten.

Und ein harter, freudenleerer Winter war es, den wir durchlebten, in einem elenden, von einer rußenden Thranlampe schwach beleuchteten Gemache zusammengepfercht, an dessen Decke sich große Eiszapfen bildeten, von welchen beständig Wasser herabtroff, sobald bei Windstille die Temperatur im Innern der Hütte etwas höher stieg als gewöhnlich. Am 2. März sahen wir zum ersten Male die Sonne wieder, deren Anblick wir hundertfünfunddreißig Tage hatten entbehren müssen. Lauter Jubelruf begrüßte das Erscheinen der Himmelskönigin, als sie sich langsam, fast zaghaft, über die nahen Gebirgsrücken erhob, zuerst ein kleines Kreissegment darstellend, dann aber bis zum stattlichen Halbkreis wachsend, bis wir schließlich die ganze Scheibe zu Gesicht bekamen, deren unterer Rand auf einer anmuthig beleuchteten Stratuswolke ruhte. Beinahe fremdartig erschien es, die alte Freundin wiederzusehen, deren Strahlen sich allmählich über die öde weiße Landschaft stahlen, das Dach unserer Hütte vergoldeten und ihr Licht durch das mittlerweile angebrachte kleine Fensterchen in unser Zimmer sandten. Aber nicht lange dauerte der Genuß. Rastlos ihre Bahn verfolgend, nahm sie schon nach wenigen Minuten wieder Abschied von uns, um andere Stellen in Licht und Schatten spielen zu lassen.

Obschon es noch grimmig kalt und das Quecksilber oft noch tagelang gefroren war, begann der energische Steuermann, ohne dessen Hülfe es schlecht um uns bestellt gewesen wäre, dennoch das Zimmern der Boote. Es wurden Jagdpartieen ausgeschickt, die den Tisch mit Wild versorgten, und das Leben nahm eine etwas freundlichere Färbung an. Mitte April fand ein erneuter Versuch zu Schlitten statt, um womöglich eine höhere Breite zu erreichen, als das Jahr zuvor, aber derselbe scheiterte an der Ungunst der Verhältnisse.

Als es nach und nach etwas wärmer wurde und sich auf den dunkeln Felsen der Umgebung kleine Rinnsale zu bilden begannen, so daß wir nicht mehr nöthig hatten, Eis zu schmelzen, um Trinkwasser zu erhalten, waren unsere Boote nahezu fertig. Um dieselben völlig in Stand zu setzen, mußte die Hütte theilweise abgebrochen werden, da es an Holz fehlte. Willig gaben wir die Bretter unserer Kojen hin, um Böden für die Fahrzeuge zu liefern, denn eine süße Stimme flüsterte: Es geht der Heimath zu. Am 3. Juni sagten wir dem öden Felsgestade Lebewohl und stachen auf unseren gebrechlichen Kähnen in See. Nach Mißgeschicken aller Art wurden wir drei Wochen später von einem wohlwollenden Walfischfänger aufgenommen, der uns Ende September in Schottland landete – und diese in ihrer Art denkwürdige Reise gehörte dem Reiche der Erinnerung an.




Amerikanische Gladiatoren.


Ein Beitrag zur Humanität des neunzehnten Jahrhunderts.


Es giebt im amerikanischen National-Charakter manche Punkte, die für den eingewanderten Deutschen geradezu unbegreiflich sind und die dennoch einen großen Theil des acclimatisirten Deutschthums ebenso beherrschen wie den Anglo-Amerikaner; denn wir haben es nicht selten erlebt, daß Deutsche nach ihrer Ankunft in diesem Lande diese oder jene amerikanische Sitte oder Gewohnheit mit Verachtung betrachteten und in Zeit von wenigen Jahren selbst große Bewunderer und Vertreter des früher von ihnen geschmähten Unfugs wurden.

Einer dieser tadelnswerthen Züge des amerikanischen Lebens ist das Wohlgefallen an grausamen Spielen und Kämpfen. Was jedoch unter diesen rohen Vergnügungen den Menschen am meisten entwürdigt, ist unzweifelhaft der „Faustkampf um’s Geld“.

Deutsch-Amerikaner, die dem Faustkampfe Gefallen abgewonnen haben, pflegen denselben gern mit dem Fechten und Duelliren deutscher Studenten zu vergleichen und Beides auf denselben Culturgrad zu stellen. Ein guter Deutscher aber muß sich gegen eine derartige Anschauung verwahren. Sind die Paukereien deutscher Studenten zwar auch roh und nicht mehr zeitgemäß, so haben sie doch den Vortheil, daß durch sie die akademische Jugend waffenkundig wird – eine Fähigkeit, die, wenn es Noth thut, dem Vaterlande zu Gute kommt. Ueberdies kennzeichnen diese Paukereien nur den Uebermuth einer genialen Jugend und bekunden ein Streben nach Ritterlichkeit, während sich der Faustkämpfer hier zu Lande seiner barbarischen Kunst ausschließlich zur Fristung eines nutzlosen Lebens bedient.

Bewacht von einer oft nach Tausenden zählenden Menge von Zuschauern, unter denen alle Classen der männlichen, aber nur eine der weiblichen Gesellschaft vertreten, stehen sich die beiden Faustkämpfer blutdürstig gegenüber. Mit gespannter Aufmerksamkeit ruht jedes Auge auf den Fäusten der zwei menschlichen Bestien, die sich mit Tigerblicken beliebäugeln und nur auf den Augenblick warten, wo Einer sich anschickt, dem Andern den Unterkiefer zu zerschlagen oder ihm den Augapfel in’s Gehirn zu treiben. Mit scheußlichem Geschrei begrüßt die Menge jeden Hieb und ungeheure Summen Geldes werden auf den Ausgang des Kampfes gewettet. Jeder Fetzen Fleisch, der von den Gesichtern der Kämpfer herabhängt, erzeugt ein Jubelgeheul oder auch ein Grunzen und Murren, je nachdem das Publicum für den Kämpfer Partei genommen hat.

„Aber,“ wird mancher Leser fragen, „giebt es denn kein Gesetz, das diese Rohheit verbietet?“ Natürlich! In Amerika giebt es bekanntlich gegen alle socialen Uebel unzählige Gesetze, aber leider sind die meisten für die Ausführung ganz unpraktisch, oder das Uebel erfreut sich der nationalen Sympathie, und in diesem Falle ist die Bestrafung der Missethäter beinahe unmöglich, und daß das Letztere auf den Faustkampf Anwendung findet, beweist deutlich das Verhalten der respectabeln amerikanischen Presse.

Der vor Kurzem im Staate West-Virginien stattgehabte Preiskampf zwischen Billy Edwards und Sam Collier veranlaßt mich, den Lesern der Gartenlaube dieses nationale Vergnügen zu beschreiben und ihnen zu veranschaulichen, wie überhaupt eine solche Paukerei in Scene gesetzt wird.

Zuvor aber noch ein Wort über die Ausbildung und das Verhalten dieser Gladiatoren.

Alle Faustkämpfer werden in zwei Classen getheilt, in reguläre Boxer und in Boxer des leichten Gewichts. Zu den letzteren zählen alle, deren körperliche Schwere nicht über hundertvierzig Pfund beträgt, während das Gewicht der regulären Boxer über diese Zahl hinausgeht.

Ehe ein Faustkämpfer öffentlich in die Schranken tritt, muß er einen regulären Cursus in der Fechtkunst durchmachen, und die alten Veteranen der faustkämpferischen Brüderschaft übernehmen es gerne, einem vielversprechenden Talente unentgeltlich seine Ausbildung zu Theil werden zu lassen. Wenn ein Kampf stattfinden soll, bei dem sich das Preisgeld manchmal auf Tausende von Dollars beläuft, müssen sich selbst alte erprobte Kämpfer noch einer zwei- bis dreimonatlichen Vorbereitungszeit unterziehen. Während dieser Zeit hat sich der Boxer genau nach den folgenden Regeln zu richten. Um sechs Uhr Morgens muß er aufstehn und ein Kleibad nehmen. Nachdem der Körper mit groben Handtüchern gut abgerieben, macht er einen Spaziergang von anderthalb Meilen. Dann folgen Ruhe und Frühstück. Das letztere besteht aus bestem Beefsteak, rohem oder leicht angebratenem, aus [669] Hammelcotelettes oder derartigem, nebst Zwieback oder ungesäuertem Brode und leichtem Thee. Kein Kaffee, kein Fett, sehr wenig Gewürz und nur ein Minimum von Gemüse wird erlaubt. Dem Frühstück folgt etwas Fechtübung und hierauf ein Spaziergang von acht bis neun englischen Meilen. Nach Beendigung desselben wird der Körper wieder abgerieben, aber diesmal mit Handschuhen, die an der innern Handfläche mit den schärfsten Bürsten versehen sind. Das Reiben wird fortgesetzt, bis der Körper glüht wie ein gekochter Krebs. Das Mittagsmahl ist dem Frühstück ähnlich und besteht aus vielem Fleisch und wenigem Zubehör, wahrscheinlich nach dem Satz, daß, wenn man Hunden viel Fleisch giebt, sich die Wuth und Kraft gebenden Zellen gut entwickeln. Als Getränk wird, obgleich diese Classe von Leuten gewöhnlich stark trinkt, während der Vorbereitungszeit nur englisches Ale erlaubt, weil der Genuß von stärkeren Liqueuren den Kämpfer nervös machen könnte.

Am Nachmittage folgen einige Stunden Siesta und dann große Fechtübungen. Nach dem Abendessen wird noch ein kurzer Spaziergang gemacht, und um neun Uhr dreißig Minuten begiebt sich der Boxer zu Bett und schläft so ruhig wie irgend ein Anderer, der den ganzen Tag zum Wohle der Menschheit hart gearbeitet hat. Ein gerbsäurehaltiges Präparat, bekannt unter dem Namen „Pickle“, wird täglich mehrere Male in Anwendung gebracht, um die Außenhaut der Hände zu härten. Der hier beschriebenen Procedur unterzieht sich der Faustkämpfer einen Tag wie den andern mit solcher Pünktlichkeit und Willigkeit, als ob das Wohl und Wehe der Völker davon abhinge, und doch thut er Alles nur, um fähig zu sein, seinen Nebenmenschen der ihn nie beleidigt, kunstgerecht zum Krüppel verhauen zu können.

Sobald ein Faustkämpfer irgend ein hervorragendes Mitglied der Gesellschaft gefordert hat, sich zu einer bestimmten Zeit mit ihm zu schlagen, was gewöhnlich durch Veröffentlichung in dem Blatte „New-York Clipper“, einem Organ für Preisfechter, geschieht, geräth das halbe Land sofort in eine fieberische Aufregung. Fast alle englischen Blätter beeilen sich, die Forderung und den Accept sogleich zu copiren, und keine würde es sich je verzeihen, mit dieser höchstwichtigen Neuigkeit auch nur um einen Tag zu spät zu kommen. Berichterstatter werden abgesandt, die Gladiatoren, sowie auch die Verhältnisse, unter denen sie ihre Vorbereitung durchmachen, selbst in Augenschein zu nehmen, um dem Publicum eine genaue Schilderung der beiden Kämpfer liefern zu können. Nach dieser Schilderung bildet sich dann die Bevölkerung ein Urtheil, und sofort beginnt das Wetten. Unzählige einleitende Prügeleien kommen vor, die häufig von Messerstichen und Revolverschüssen begleitet sind. Ein Verehrer Tom Allen’s, der vor einem Jahre Mike Mc Coole im Faustkampf besiegte, wagte es, den Letzteren zu verhöhnen, wofür ihn Mc Coole durch einen Schuß über den Acheron beförderte. Der Mörder befindet sich noch jetzt in Untersuchungshaft (oder genießt vielmehr gegen einige hundert Dollars Bürgschaft die Freiheit), ein Zeichen, daß er schließlich freigesprochen werden, oder doch mit einer gelinden Strafe davon kommen wird. Eine englische Zeitung bringt über den vor Kurzem stattgehabten und schon oben erwähnten Preiskampf folgende charakteristische Mittheilung, die hier in einer Uebersetzung einen Platz finden möge:

„Beim Einschiffen der Zuschauer ereignete es sich, daß durch Meinungsverschiedenheit in Bezug auf die Kämpfer auf dem Dampfboote eine allgemeine Schlägerei ausbrach, wobei ein Unbekannter erschossen und B. Aaron, einer der Secundanten von Edwards, gefährlich verwundet wurde. Im Uebrigen ging Alles herrlich von Statten.“

Ist die Vorbereitung vorbei, so wird der Ort des Kampfes bestimmt, jedoch nur annähernd. Es ist dies ein nothwendiges Manöver zur Umgehung etwaiger „naseweiser Polizeibeamten“, die sich durch „lächerlichen Diensteifer“ veranlaßt fühlen könnten, den Kampf zu verhindern. Sobald der Kampfplatz bestimmt, machen sich die Kampfliebhaber aus allen Theilen der Union auf, um ja zur rechten Zeit die Boote zu erreichen, die zuvor schon von den Agenten der Preisfechter gemiethet worden sind. Der Preis für ein Billet beträgt gewöhnlich fünf bis zehn Dollars, ein Umstand, der es verhindert, viel Polizei mit einzuschiffen, denn keine Autorität will das Fahrgeld für dieselbe bezahlen. Die Boote vorher mit Beschlag zu belegen, ist nicht möglich, denn der Capitain giebt an, daß die Boote zu einem gewöhnlichen Ausfluge gemiethet sind, und so lange kein Kampf stattgefunden, ist natürlich auch kein Grund zur Beschlagnahme vorhanden.

Gewöhnlich findet der Kampf in einer Gegend statt, wo zwei Staaten durch einen großen Fluß getrennt sind. Es wird dann, wenn sich die Boote außer dem Bereiche der Polizei glauben, schnell gelandet; der Kampf geht vor sich; eiligst erfolgt die Einschiffung, und im Jubel geht es nach dem gegenüberliegenden Ufer. Der Staat, in welchem die Boxer landen, hat nichts zu rügen, denn es wurde nicht innerhalb seiner Grenzen gefochten; bis aber der andere Staat die nöthigen Schritte zur Verhaftung thut (was niemals geschieht), sind die Uebelthäter längst nach allen Gegenden des Landes entflohen; oder es wird auf einer der vielen unbewohnten Inseln unserer großen Flüsse gefochten (wie zuletzt geschehen), von denen keiner der angrenzenden Staaten eigentlich weiß oder wissen will, wer die Gerichtsbarkeit über dieselbe hat.

Der Hergang des Preiskampfes ist etwa folgender: sobald die Boote gelandet, wird auf einem dazu geeigneten Platze durch ein über rohe Pfähle gespanntes Tau ein Kreis gebildet. Dieser Kreis heißt „der Preisring“. Schon während der Bildung des Preisrings drängen, hauen und balgen sich die Zuschauer, um so nahe wie möglich an den Ring zu kommen. Dieser allgemeine Kampf wird als Vorspiel zur eigentlichen Vorstellung betrachtet. Wenn Jeder seinen Platz erobert hat und die Ruhe einigermaßen hergestellt worden ist, betreten die Faustkämpfer nebst ihren Secundanten (welcher Letzteren gewöhnlich vier sind) den Preisring. Die Kämpfer sind mit leichten Kniehosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidet; der ganze Oberkörper ist entblößt. Nachdem Alles in Ordnung, schreiten die vier Secundanten in Quadrilleform vorwärts bis an das Centrum des Ringes, geben sich dort kreuzweis die männliche Rechte und treten mit effectvoller Grazie zurück bis an die Schranken des Kreises. Nun treten die Kämpfer vor, schütteln sich zuerst äußerst freundlich die Hände und treten dann in Stellung. Lautlose Stille rings umher. Der Vorsitzende ruft nun mit lauter, vernehmlicher Stimme: „Time“ (es ist Zeit), und Beide legen aus. Erst werden eine Zeitlang graziöse Boxfiguren gemacht; auf einmal läßt Einer einen Hieb sitzen, der sofort erwidert wird. Das Blut rieselt in Strömen über die nackten Schultern, und die Menge heult und jauchzt vor Vergnügen. Die Wetten gehen hoch; die Aufregung ist kolossal, bis der eine der Kämpfer von seinem Gegner zu Boden gefällt wird. Dies beendigt den ersten Gang. Während der nun eintretenden Pause werden die Kämpfer von den Secundanten mit in Essig getauchten Schwämmen gewaschen. Branntwein wird ihnen eingeflößt, und wenn sich die „Menschen“ etwas erholt haben, so wird der zweite Gang in derselben Weise wie der erste in Scene gesetzt. Solcher Gänge werden manchmal dreißig bis vierzig aufgeführt, bis die Gesichter der Kämpfer mehr einem Hamburger Beefsteak als dem Ebenbilde Gottes ähnlich sehen. Aber selbst wenn die Gegner vor Ermattung und Wunden nicht mehr aufrecht stehen können und von den Secundanten gehalten werden müssen, wird noch gefochten, bis schließlich der Eine mit zerschmetterter Kinnlade und heraushängendem Auge niedersinkt. Erst dann wird seinem Gegner der Preis und der Sieg zugesprochen. Eigentlich sind Beide besiegt, denn Keiner ist nach so einem Kampfe Monate lang zu etwas tauglich.

In den nächsten Tagen strotzen die Zeitungen von spaltenlangen glühenden Berichten über den „Prize-Fight“ (Preiskampf): wie sich das Ganze entwickelt, wie sich das Publicum so herrlich amüsirt hat, wie schön und angenehm die Kämpfer aussahen, und wie sie glänzend gefochten. Jeder Faustschlag und sein gräßliches Resultat werden haarklein beschrieben; dem Sieger zu Ehren wird ein Bankett veranstaltet (wie es heute hier in St. Louis zu Ehren Edwards’ abgehalten wird), und alle Welt freut sich, daß die Geschichte bald wieder losgehen kann.

Wir Deutsche aber, die wir uns zu einem großen Theile von diesem rohen Halbmord mit Abscheu erfüllt fühlen, wir wollen hoffen, daß wir durch eigenes Bemühen und durch den Einfluß unsrer Presse im Stande sein werden, nach und nach in dem betreffenden Theil der amerikanischen Gesellschaft den herrschenden Geschmack zu veredeln, damit so der stets nach Aufregung haschende Amerikaner lernt, sich mit weniger unmenschlichen Belustigungen zu begnügen.

H–g.


Hierzu die „Allgemeinen Anzeigen zur Gartenlaube“, Verlag von G. L. Daube & Comp.
[670]
Blätter und Blüthen.


Bock’s Ruhestätte. (Mit Abbildung, S. 667.) Auf dem neuen Friedhofe zu Wiesbaden hat man, nach seinem ausdrücklich und wiederholt ausgesprochenen Willen, am 23. Februar 1874 Carl Ernst Bock zur letzten Ruhe bestattet. Die in seinem Sinne einfach gewählte Ausschmückung des Grabes ist vollendet. Bereits seit Monaten bekleidet Epheu den Hügel. An einem moos- und epheubewachsenen Felsblocke, welcher von Freundeshand mit vieler Mühe in den Wäldern, die Wiesbaden umgeben, ausgesucht wurde, lehnt eine weiße Marmortafel mit der Inschrift:

Dr. med.
Carl Ernst Bock,
Professor aus Leipzig
† 19. Febr. 1874.

Das Grab befindet sich im neuen Theile des sehr schön auf einer mäßigen Erhöhung gelegenen Friedhofs, welcher geschmackvoll angelegt ist und dessen Gräber reich mit Blumen geschmückt sind. Am Fuße der Anhöhe beginnt das reizende Nerothal, wo Bock in einer dem Friedhofe gegenüber gelegenen Villa entschlafen ist. Jenseits erhebt sich der mit Wald und Reben bekränzte Neroberg mit seinem eine hübsche Rundschau gewährenden Säulentempel (welchen Bock zu Anfang seines Aufenthaltes in Wiesbaden mit Vorliebe besuchte, da er für Höhenaussichten schwärmte). Etwas weiter nach links leuchten aus Waldesgrün die fünf vergoldeten Kuppeln der griechischen Capelle (Ruhestätte der 1845 verstorbenen Herzogin von Nassau, geborenen Großfürstin von Rußland) hervor.

So ruht er nun auf der Höhe, wo zu wohnen im Leben sein unerreichter Wunsch war, inmitten einer reizenden Natur, unter Blumen und Bäumen, in deren Zweigen zahlreiche Singvögel nisten. Die Aussicht, welche Bock während seiner Leidenszeit vom Balcon seiner Wohnung aus oft erquickt hat, öffnet sich den Blicken des Besuchers seines Grabes. Der Verstorbene ruht zwar, wie man es engherzig nennt, in der Fremde, allein zahlreiche Blumenspenden von unbekannter Hand, mit welchen man den Hügel geschmückt fand, beweisen, daß er dort nicht vergessen ist. Wer das Glück hatte, Bock näher zu stehen und seine Gesinnungen genauer zu kennen, dem erscheint das stille prunklose Begräbniß, wie es nur am fremden Orte zu ermöglichen war, und der Grabhügel in der anmuthigen Natur als eine Gunst des Schicksals.




Auch eine Eisenbahnfrage. Es geht uns folgender Brief mit der Bitte um Veröffentlichung zu:

„Wie ich aus Ihrem Blatte ersehe, werden in ihm oft Mißstände gerügt, die schließlich, nachdem sie der eingehendsten Besprechung unterzogen sind, abgestellt werden. Wenn Sie erlauben, will ich Sie auf einen Uebelstand aufmerksam machen, der sich durch ganz Deutschland fühlbar macht.

Auf den Personenzügen der deutschen Eisenbahnen befindet sich der für die Bagage bestimmte Conducteur während der Fahrt im Gepäckwagen. Das ist eine Anordnung des deutschen Eisenbahnreglements, die der Dieberei Thor und Thür öffnet; denn wie in jedem Stande, so giebt es wohl auch unter den Conducteuren hier und da Diebe, welche die Zeit der Fahrt auf die ungestörteste Weise benutzen können, die Koffer zu öffnen und daraus zu entwenden, was ihnen ansteht, und gewöhnlich werden bei dieser Gelegenheit nicht alte Schuhe und Strümpfe, sondern die werthvollsten Dinge genommen. Beim Rücknehmen der Effecten auf der Ankunftsstation ist selbstverständlich im ersten Augenblicke der Diebstahl nicht ersichtlich und später die Eisenbahn außer aller und jeder Verantwortung. So lange in Deutschland die Eisenbahnen bestehen, sind derartige Diebereien ausgeführt worden; sie mehren sich aber in der letzten Zeit in einer so erschreckenden Weise, daß durch die Presse Anregung zur Abhülfe geboten erscheint. Zu helfen ist hier leicht: man nehme auf jeder Station die betreffenden Effecten aus dem Packwagen heraus und thue hinein, was mitgenommen werden soll, alsdann verschließe man mit einem Schlüssel, der auf der Station verbleibt, den Packwagen, und während der Fahrt darf unter keinem Vorwande eine Person bei den Effecten verbleiben. Jede Station muß selbstredend einen Packwagenschlüssel haben. Vor etwa zehn Jahren bereiste ich Frankreich in verschiedenen Richtungen; schon damals lernte ich die vorgeschlagene Behandlungsweise bei französischen Packwagen für Passagier-Effecten kennen. Die Franzosen werden wohl ihre Gründe gehabt haben, dieselbe einzuführen. Ob dieses Verfahren noch in jenem Lande in Anwendung gebracht wird, weiß ich nicht; wenn es verbesserungsfähig ist, mögen die Fachleute es verbessern, aber von diesem Raubsysteme, vor dem sich kein Reisender schützen kann, muß abgegangen werden.

Mir selbst sind zu wiederholten Malen die Koffer geöffnet und Gegenstände daraus entwendet worden; aus meiner Verwandt- und Bekanntschaft sind über zweitausend Thaler an Werthsachen auf diese Weise fortgekommen. Beispielsweise hier ein Fall: am 8. dieses Monats fuhr ich mit meiner Familie des Morgens acht Uhr von Cassel nach Coblenz, woselbst ich etwa um vier und ein halb Uhr Abends ankam. Meiner Frau wurden unterwegs (Cassel–Gießen, Gießen–Lahnstein, Lahnstein–Coblenz) die Koffer geöffnet und ihr eine goldene Uhr (Damenuhr à remontoir, 13 lignes, glattpolirtes Gehäuse mit Nr. 16364 gestempelt, Nr. 3222 gekratzt) nebst einer goldenen Kette (Ankerkette), ein Paar Ohrringe mit Diamanten in schwarzer Email, ein goldenes Herz mit Diamanten auf einer Seite, in deren Mitte ein Rubin, nebst Halskettchen daraus entwendet, welche Gegenstände, wenn ich sie jetzt wieder kaufen sollte, einen ungefähren Werth von achthundert Thalern haben würden. – Das sind traurige Zustände. Wenn Sie in dieser Angelegenheit durch Ihr Blatt günstig wirken können, so leisten Sie dem eisenbahnfahrenden Publicum diesen großen Dienst! –

 Ergebenst

Rheinböllerhütte. Herm. Puricelli.




Eine sehr nothwendige Bekanntschaft für jeden Menschen ist ohne Zweifel die mit solchen Thieren, welche zu Freud’ und Aerger, Nutzen und Schaden uns zunächst stehen, ja unzertrennlich uns umgeben, und in diese Bekanntschaft uns einzuführen, hat das unsern Lesern längst bekannte natur- und jagdfrohe Brüderpaar Adolf und Carl Müller sich zusammengethan, und selbst der Neid muß ihnen nachsagen: sie haben Tüchtiges geleistet. In dem Buche „Die einheimischen Säugethiere und Vögel nach ihrem Nutzen und Schaden in der Land- und Forstwirthschaft“ suchen die beiden Herren Verfasser, welche – der eine Pfarrer und „ornithologischer Dzierzon“, der andere Oberförster von Amt und Beruf – Theorie und Praxis brüderlich vereinen, auf Grund eigener Beobachtungen und Untersuchungen der Kauwerkzeuge und des Mageninhalts der Thiere namentlich richtige Begriffe über die Nützlichkeit und Schädlichkeit der bei uns vorkommenden Thierarten zu verbreiten, und wer da weiß, mit wie viel irrthümlichen Vorstellungen und Vorurtheilen selbst wissenschaftlich gebildete Leute sich oft noch tragen, der wird dieses Unternehmen nur preisen können. Das Buch kämpft nicht nur für anerkannte und verleumdete Thiere, sondern es bekämpft auch die allzu große Hätschelei, welche manchen Thieren zu Theil wird, und namentlich die Behauptungen vieler Ornithologen über den unbedingten Nutzen der Vögel etc. Zugleich zeichnet sich dieses Buch durch ebenso klare wie warme, ja oft poetisch anmuthende und reizende Darstellung aus.




Kleiner Briefkasten.

Sch..... in Fürth. Auf Ihre Anfrage bezüglich eines guten Respirators diene Ihnen Folgendes zur Antwort:

Der in der Luft enthaltene Staub und Schmutz in Verbindung mit dem durch das Ein- und Ausathmen erzeugten Hauchniederschlage giebt dem Respirator selbst bei der größten Reinlichkeit nach längerem Tragen ein mehr oder weniger unsauberes Aussehen; es ist daher nothwendig, alljährlich wenigstens einmal eine Reinigung desselben vorzunehmen, umsomehr, als durch die sich ansetzenden Unreinigkeiten der Zweck des Respirators, die einzuathmende Luft zu erwärmen, beeinträchtigt wird. Diese Reinigung übernimmt auch Herr Joh. Reichel in Leipzig, der bekannte Verfertiger der Respiratoren, sehr gern; allerdings nur, wenn es wirkliche nach Jeffrey’schem Princip, mit vielen feinen Metallstäbchen construirte Respiratoren sind, nicht Nachahmungen, aus Siebgeflecht oder schwer zu erwärmenden Blechplatten bestehend, die wohl das Aussehen und die Form, aber nicht den segensreichen Nutzen der Respiratoren haben.

M. v. M. in H–s. Wegen des Bildes „Vor der Pforte“ in Nr. 38 unseres Blattes haben wir uns bereits an den Zeichner desselben gewandt und werden Ihnen Nachricht zukommen lassen, sobald die Antwort eingegangen.




Für die Abgebrannten in Meiningen


gingen bis heute (den 28. September) wieder ein: Schw. A. in Groß-Breitenbach 3 Thlr. 24½ Ngr.; aus frohem Herzen, Schlieben 8 Thlr. 11 Ngr. 7 Pf.; Sammelbüchse der Bahnhofsrestauration Staubitz (erste Rate) 3 Thlr.; C. P. in Bremen 2 Thlr.; K. v. S. in Zwickau 6 Thlr. 20 Ngr.; Karl Eggerß in Marseille 2 Thlr.; M. Friedländer in Wilhelmsthal 5 Thlr.; Theob. Grieben in Berlin 5 Thlr.; von einem Deutschen in Oestreich 2 Thlr.; C. H. in Berlin 5 Thlr.; Bach’scher Gesangverein in Berlin 5 Thlr.; C. A. W. in Geyer 1 Thlr. (abzüglich des Portos 26 Ngr.); Ertrag eines vom Musikdir. Schumann in Königsstein gegebenen Concerts 11 Thlr. 6 Ngr.; Bertha S. in Herischdorf 2 Thlr.; fidele Kegel-Gesellschaft in Neuenburg 5 Thlr. 11½ Ngr.; Sammlung in der Schule zu Forsbach 3 Thlr. 8 Ngr.; C. St. in Cönnern 6 Thlr.; G. Prym in Stollberg 5 Thlr.; J. Erlenbach in Hagenau 1 Thlr.; aus Lupow 1 Thlr. 10 Ngr.; W. G. in Ritzeburg 1 Thlr.; Sammlung der Primaner des Gymnasiums in Neu-Brandenburg 15 Thlr. 4 Ngr.; C. F. in Schwednitz 1 Thlr.; W. A. und O. R. in O.-Ramstedt 6 Thlr.; Scat-Kränzchen F. L. M. W. Limbach 4 Thlr.; M. B. 2 Thlr.; Gabe der in Wasquehal bei Roubaix lebenden Deutschen 8 Thlr.; C. Sterne 1 Thlr.; aus der Sparbüchse von Johanne Mohnhardt in Bohnstedt 1 Thlr.; aus dem Mädchen-Institut von H. Schwerdt in Waltershausen 5 Thlr. 20 Ngr.; H. R. in S. 3 Thlr. 14 Ngr. 4 Pf.; Student G. P. 1 Thlr.; C. St. in Harzburg 1 Thlr.; F. Marsch in Schivelbein 1 Thlr.; Leontine, Hugo und Richard Diller in Dresden 3 Thlr.; Sammlung des Musikvereins in Waldenburg 10 Thlr. 14 Ngr.; aus Gretchen’s und Ludwig’s Sparbüchse (aus Köpenik) 3 Thlr. 1 Ngr.; Schlunkes 1 Thlr.; eine Whist-Gesellschaft in Ferrikoi bei Constantinopel 25 Thlr. (Bravo!); aus London von Brästlin (Klein’s Hôtel) 6 Thlr.; von Ernestine Brästlin 2 Thlr.; von A. Werner daselbst 1 Thlr.; aus Schkeuditz 2 Thlr.; aus der Oberpfalz 4 Thlr.; M. R. in Laufach 2 Thlr.; Fuchs in Sebnitz 1 Thlr.; aus Olbernhau 3 Thlr.; Ungenannt aus Kitzingen 4 Thlr. und 1 fl. rh.; Schmidt aus Neustadt am Rennsteig 2 Thlr.; E. H. 1 fl. ö. W.; J Götzger in Wien 5 fl.; aus Oestreich 2 fl.; A. R. in Triest. 5 fl.; Gesangverein „Arion“ in Markneukirchen 10 Thlr.; B. Beer in Berlin 1 Thlr.; ein sich glücklich fühlender Commis 2 Thlr.; R. S. in Rheda 2 Thlr.; Th. Langguth in Temesvar 5 Thlr.; M. S. in London 5 Pfd. St. (34 Thlr. 4 Ngr.)

Die Redaction der Gartenlaube. (E. K.)


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. * Bei dem erhöhten Interesse, welches in Folge der österreichischen Expedition jetzt die Polargegenden und ihre Erforschung in Anspruch nehmen, gewährt es uns eine besondere Freude, unseren Lesern den obigen Brief des wissenschaftlichen Leiters der im Jahre 1872 von Amerika ausgegangenen Halls’schen Polar-Expedition mittheilen zu können. Es geschieht dies mit Genehmigung des Briefschreibers, welcher augenblicklich als Mitglied der bekannten Smithsonian Institution in Washington mit den Ausrüstungen zu einer kurzen Recognoscirungsfahrt nach den Polargegenden beschäftigt ist, die er im nächsten März zu unternehmen gedenkt.
    D. Red.