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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1873
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[447]

Der Loder.[1]

Eine Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Dickl war im Begriffe, heftig zu erwidern, und auch Th’res hielt nur mühsam an sich, um den kecken Spötter gebührend abzufertigen, aber im entscheidenden Augenblicke wurden die Streitenden durch den heranrollenden Wagen getrennt.

„Es ist gut einstweilen,“ begann der Alte ruhiger, „lassen wir’s wenigstens gut sein, bis Du wieder kommst, dann wollen wir all’ diesen Geschichten auf einmal ein Ende machen – ich seh’ wohl, es thut nimmer gut, daß die Th’res bei Dir im Hofe ist, die Schwieger vertragt sich nicht mit ihr, so wird’s das Gescheidtste sein, wenn ich sie zu mir nehm’.“

„Das wär’ nit viel besser als Teufel tauschen,“ sagte die Bäuerin giftig, indem sie in den Wagen stieg. „Wenn sie im Austraghaus’ ist, ist sie doch noch im Hofe – aber ich mag mich jetzt nimmer ärgern; wenn ich aber wieder komm’, mach’ ich der Geschicht’ ein End’, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Oder ich thu’s statt Deiner,“ sagte Dickl, indem er den Wagenschlag zumachte. „Fahr’ nur zu, Kath’rin’, Du kehrst doch im Straß’wirthshaus’ einen Augenblick beim Schwiegervater ein, ich komme bald nach und treff’ Dich dort … ich hab’ noch was zu thun. Aergere Dich aber nicht, Kath’rin’, ich sorg’ dafür, daß Dir kein Mensch mehr was zu Leid’ thut – das können sich Alle hinter die Ohren schreiben, die’s angeht,“ setzte er, während der Wagen hinwegrollte, mit erhobener Stimme hinzu. „Im Austraghaus’ leid’ ich keinen Dienstboten, der mir nit recht ist; das Austraghaus gehört so gut mein wie der Lindhamerhof; da muß gerad’ so gut geschehen, was ich will, und wem’s nit recht ist, der kann sein Bündel schnüren und sich packen. … Wer’s auch ist, ich frage nichts darnach!“

Er eilte rasch dem Hause zu. Ohne Erwiderung, langsam suchte der Alte seine Wohnung auf, von Th’res geleitet, die ihn auf die Bank in der Stube führte und dann die Cither auf den Tisch vor ihm niederlegte.

„Ich lass’ die Cither da bei Euch,“ sagte sie mit einer Stimme, deren Beben sie vergeblich zu verbergen suchte. „Drüben könnt’ ihr was geschehen, auf jeden Fall ist sie bei Euch jetzt sicherer als in meiner Kammer. … Bleibt eine Weil’ da, Lindhamer – ich schau’ im Hause nach der Arbeit, dann komm’ ich wieder!“

Der Alte antwortete nicht – er konnte es nicht; die Worte, die er eben vernommen, hatten wie ein Donnerschlag auf ihn gewirkt und gleich einem solchen das lockere Gebäude des Vertrauens erschüttert, das er gegen sein wahres Empfinden sich aufgebaut und, so oft es auch einen Stoß erhielt, immer wieder in halb unbewußter Selbsttäuschung ausgebessert hatte. Jetzt drohte es ihm über dem Kopfe zusammenzustürzen. Jetzt konnte er sich nicht mehr verhehlen, daß auf dem Lindhamerhofe nicht Alles war, wie es sein sollte, und daß der Stolz seines Lebens in argen Händen dem Verfalle entgegengehe, von dem er ihn dadurch hatte erretten wollen, daß er dafür die Freude seines Lebens zum Opfer brachte. Die Zukunft lag vor ihm wie ein in dichten Nebel gehülltes Thal; wie in diesem hier und da noch der schwache Umriß eines Baumwipfels zu erkennen ist, wollte sich manchmal noch ein Gedanke der Hoffnung gestalten; aber sie vermochte nicht durchzudringen; das Gewölk verschlang sie, und vor seinen Augen lag wie vor seiner Seele das einförmig düstere ununterbrochene Grau an sich selbst verzagender Trostlosigkeit.

Th’res war indessen in den Hof gegangen, ebenfalls in einer Bewegung, die ihr das Herz zusammenkrampfte, als ob es brechen wolle; sie war betäubt und vermochte nicht einmal zu weinen; nur die Augen waren umschleiert, daß sie durch die Thränen Alles ansah wie ein Land, über das eben ein Regen hinzuziehen beginnt. Wohl gab es in Haus und Küche zu schaffen und anzuordnen; aber sie war außer Stande, in dieser Erregung den Mägden gegenüberzutreten, und wollte erst in


  1. Vielen meiner Erzählungen (nahezu zwanzig) ist die (mitunter sehr zweifelhafte) Auszeichnung zu Theil geworden, von fremder Hand dramatisirt zu werden, meistens ohne mich, wenn auch nur Anstands halber, um Erlaubniß zu fragen, nicht selten sogar ohne Angabe der Quelle. Für den Fall daher, daß auch „Der Loder“ hierzu ausersehen werden sollte, erkläre ich hiermit, daß ich die Dramatisirung, falls sie nöthig werden sollte, selbst vornehmen werde, gegen jede solche, ohne mein Wissen und meine Genehmigung vorgenommene Bearbeitung aber protestire und mir alle Rechte ausdrücklich vorbehalte.      München, im Juni 1873.
    Herman Schmid.

[448] ihre Kammer, um in der Einsamkeit sich selbst wiederzufinden. In ihrer Hast gewahrte sie nicht, daß in der dunklen Ecke am Fuße der Stiege, wo ihre Kammer lag, eine dunkle Gestalt lehnte und sich vorsichtig an die Mauer drückte, wie um ja nicht bemerkt zu werden oder etwas auszuspähen. So war es auch in der That. Kaum war Th’res achtlos auf die Stiege gekommen, als der Mann hervorstürzte, sich so stellte, daß ihr der Rücken abgeschnitten und sie in die Ecke gedrängt war.

„Wer ist da?“ rief sie zusammenschreckend. „Du bist es, Dickl? Was hast im Sinn, daß Du Einem nachschleichst wie der Dieb in der Nacht?“

„St! schrei’ nit so!“ entgegnete Dickl mit gedämpfter Stimme. „Es trifft sich gut, daß die Dirn’ just nit in der Kuchel ist – es braucht Niemand zu hören, was wir Zwei miteinander haben …“

„Was wir Zwei miteinander zu reden haben, darf die ganze Welt hören,“ rief Th’res laut. „Was willst von mir? Wenn Du mich aus dem Haus jagen willst, so scham’ Dich nit und thu’s, daß es alle Leut’ sehn …“

„So sei doch still!“ entgegnete Dickl näher tretend, daß sein heißer Athem ihr die Wange streifte. „Es fallt mir ja nit ein, Dich aus dem Haus zu jagen, ich möcht’ ja vielmehr, daß Du’s drinn’ recht gut haben solltest, und wenn ich anders red’, so ist es ja nur wegen dem lieben Hausfrieden. Ich muß auswendig so thun; aber das weißt Du ja schon lang’, daß ich inwendig ganz anders gesinnt bin gegen Dich … Mein Weib ist immer gleich obenaus; aber wenn Du nur gescheidt sein und mit Dir vernünftig reden lassen wolltest, nachher wollt’ ich sie schon dahin bringen, daß sie nichts mehr gegen Dich hat –“

„So?“ stammelte Th’res, welcher Scham und Zorn beinahe die Sprache hemmten.

Dickl fühlte sich dadurch ermuthigt und fuhr noch kecker fort. „Gewiß!“ flüsterte er. „Weiß der Teufel, wie mein Weib es erträtscht hat, daß Du mir gefallst; da eifert sie nun in der Still’ – aber wenn Du ihr ein wenig nachgeben und schön thun wolltest, dann ließe sie sich’s schon ausreden und wir könnten –“

„Bist Du bald fertig, nichtsnutziger Mensch?“ rief Th’res in ausbrechendem Zorn. „Ist es Dir nit genug, daß Du mich aus dem Haus jagen willst? Mußt’ Du mir auch noch eine solche Schand’ anthun? Hab’ ich Dir noch nit deutlich genug gezeigt, daß ich Dich nit ausstehn kann? Was hab’ ich denn schon Unrecht’s gethan in meinem ganzen Leben, daß Du mich für Deines Gleichen zu nehmen ’traust, Du ausgeschämter Mensch?“

„Du willst also nit?“ rief Dickl doppelt wüthend, denn ihr längeres Schweigen hatte ihn mit der kühnen Hoffnung geschmeichelt, daß sie seiner Werbung nicht mehr so abgeneigt sei wie früher. „Willst auf Deinem Eigensinn bleiben?“

„Laß mich hinaus!“ rief sie wieder. „Oder ich zeig’ Dir durch die That, was Du meinen Worten nit glauben willst!“

„Oho!“ schrie Dickl, nun ebenfalls jede Rücksicht vergessend, daß das Gespräch vielleicht Zeugen gefunden haben könne. „Darauf will ich’s wohl ankommen lassen …“ Er suchte sie vollends in den Winkel zu drücken; aber Th’res, alle ihre Kraft sammelnd, hatte ihn rasch um die Mitte gefaßt und warf ihn mit solcher Gewalt von sich, daß er zu Boden gestürzt wäre, hätte nicht der Brunngraber, der unbeachtet zur Hausthür hereingekommen war, ihn mit offenen Armen aufgefangen, während Th’res in ihre Kammer schlüpfte, die Thür zuwarf und den Riegel vorschob.

„Das muß ich sagen,“ rief der Brunngraber mit rohem Gelächter, „ich hab’ schon ein eignes Glück, daß ich allemal dazu komm’, wenn’s scharf heruntergeht. Kannst es halt nit lassen,“ fuhr er dann fort, indeß Dickl sich wieder aufraffte, „mußt Dir immer wieder die Finger verbrennen bei dem Dirnl und weißt doch, daß sie nichts von Dir wissen will.“

„Weiß der Teufel, wie das ist,“ grollte Dickl, „sie muß mir’s angethan haben, aber ich will es ihr schon eintränken! Ich find’ doch schon etwas aus, daß sie klein beigiebt!“

„Bin dabei,“ sagte Sepp, „ich hab’ Dir schon gesagt, daß sie mir auch ein Dorn im Aug’ ist, und wenn Du ihr was anhängen kannst, hilf’ ich Dir dabei, wie ich Dir sonst überall geholfen hab’ – wär vielleicht gerade jetzt eine gute Gelegenheit dazu: wie ich neulich in Rosenheim war, hab’ ich gehört, daß dieselben Komödianten, die Luftspringer wieder da sind … Du weißt schon, welche … vielleicht könnt’ man da was herausbringen!“

„Sepp,“ entgegnete Dickl, indem er mit ihm durch das Fletz in die Wohnstube ging, „mach’ Dich dahinter! Wenn Du das zuwege bringen könntest, wenn Du die Th’res dahin bringen könntest, daß sie zu mir kommen und nachgeben und mich bitten müßt’ … Alles kannst von mir verlangen, was Du nur willst …“

„Ja, mit dem Versprechen bist Du leicht bei der Hand!“ entgegnete der Brunngraber. „Das Versprechen kostet nichts, aber mit dem Halten geht’s schon ein Bissel zäher! Ich werd’ schau’n, was ich zuweg’ bringen kann – aber ich bin nit deswegen zu Dir herauf … Rück’ heraus, Brüderl – ich brauch’ Vorspann!“

„Schon wieder Geld?“ rief Dickl unwillig. „Du bist der Nimmersatt! Du hast ganz recht, daß Du ein Brunngraber ’worden bist, aber Du kannst einen Brunnen auch ausschöpfen! Ich kann Dir heut’ nit helfen, ich hab’ kein Geld: die Bäu’rin ist zum Kindlmahl gefahren, da kann ich mich nit spotten lassen und hab’ ihr die letzten zehn Kronthaler zum Angebind’ mitgegeben …“

„So, so?“ entgegnete der Andere, der sich benahm, als wenn er zu Hause wäre, aus dem kleinen Mauerschränkchen die Branntweinflasche heraus nahm und sich ein Glas vollgoß. „Wenn es weiter nichts braucht, so thust Du Dir leicht auf der Welt! Aber damit ist mir nit geholfen, also schau, wo Du Geld herbekommst, oder,“ fügte er hinzu, indem er mit einem Seitenblick das Glas an den Mund setzte – „oder ich muß zu der Bäu’rin gehen und schauen, ob die kein’s für mich hat!“

„So ist’s recht, schlechter Kerl!“ schrie Dickl und schlug die Faust auf den Tisch „Zuerst bist Du überall dabei und voran, Du verführst mich und hintennach drohst Du mir mit dem Verrathen! Es ist doch kein Mensch als Du daran schuld, daß es so weit mit mir ’kommen ist … Du hast mich zum Spielen verleitet! Du hast mir die Handler und Juden in’s Haus gebracht, die mich aufgefressen haben mit ihren Wechseln! Du hast gesagt und groß gethan, daß Du das Lindenbrünnl’ fassen willst, daß es nie ausbleiben kann, und jetzt ist es über Deiner Gräberei erst ganz aus’blieben, und der Lindhamerhof ist um die Hälft’ weniger werth, als wie zuvor!“

„Dummer Teufel!“ entgegnete der Brunngraber roh. „Möchtest jetzt den Spieß umkehren, daß er mich stechen soll? Ich soll Dich zum Spielen verführt haben? Als wenn da noch was zu verführen gewesen wär’! Als wenn Du nit schon gespielt hättest wie ein Landsknecht, wie wir miteinander besser bekannt ’worden sind! … Die Juden und die Händler willst mir vorwerfen? Woher hätt’st Du denn das Geld genommen, mit dem Du Dich durchgefrettet hast bis heute, wenn ich sie nit zu Dir geführt hätt’? – Und vollends von dem Brünnl’ will ich schon gar nichts hören! Meinst, so was kann man über Nacht machen und um einen Pfifferling? Ich stell’s her, hab’ ich gesagt, und ich thu’s auch, ich lasse mich finden darum, aber Geld muß ich haben, damit ich nit mitten in der besten Arbeit aufhören muß, wie jetzt!“

„Ich soll Dir wohl jeden Schaufelstoß vergolden?“ rief Dickl. „Aber ich will mich heute nit zertragen mit Dir! In ein paar Tagen ist doch Alles anders, der Jude hat mir ein österreichisches Loos verkauft, morgen ist die Ziehung, vielleicht mach’ ich einen Treffer, dann ist mir auf einmal geholfen!“

„So? Du hast ein Loos?“ fragte Sepp lauernd. „Laß mich doch einmal sehen …“

„Der Jude hat’s in Verwahrung,“ erwiderte Dickl verlegen. „Ich mußt’ es ihm als Pfand geben zu dem letzten Wechsel, den ich ihm ausgestellt habe – damals, weißt Du, wie ich den Grauschimmel von ihm gekauft habe …“

„Der Dir nach vierzehn Tagen umgestanden ist, weil er dämpfig war und Du es nicht gekannt hast … Na, dann ist das Loos in guten Händen, das muß ich sagen … Aber wir werden ja sehen,“ fuhr er fort, indem er sich Dickl näherte und ihn auf die Achsel klopfte. „Ich hab’ eigentlich nur sehen wollen, wie Du Dich anstellst, wenn man Dir auf den Leib geht … ich bin mit Dir zufrieden! Vergiß mir nur nit, daß Du mit [449] dem Gericht Ordnung machst wegen der Klagen, die gegen Dich schon eingereicht sind – wenn Du nicht vorsorgst, verkaufen sie Dir das Haus über’m Kopf … Du mußt ja das Schreiben schon bekommen haben, der Gerichtsdiener hat mir’s im Vertrauen gesteckt!“

„Freilich, freilich …“ entgegnete Dickl zerstreut, „ich weiß nur nicht gleich, wo ich den Wisch hingelegt hab’! Was liegt auch daran – es hat immer noch seine acht Tage Zeit; bis dahin hab’ ich vielleicht mit meinem Loos gewonnen, oder wir treiben anderswo Geld auf …“

„So gefallst Du mir!“ lachte Sepp. „Und jetzt will ich Dir’s nur auch eingestehn, wegen was ich eigentlich gekommen bin – drunten im Straßwirthshause sind ungarische Ochsenhändler mit schweren Leibgurten voll Kremnitzer Ducaten … Was meinst? Wollen wir hinunter und mit ihnen paschen, daß sie nit gar so schwer zu tragen haben?“

„Ich bin dabei,“ rief Dickl. „Du bist halt doch mein Spezi! Ich geh’ mit Dir, Bruder – aber vergiß mir nit auf die Th’res!“

„Wie werd’ ich vergessen!“ sagte Sepp, indem sie das Haus verließen. „Die bekommt eine Suppe eingebrockt, an der sie eine gute Weil’ auszulöffeln haben soll!“

Der alte Lindhamer war indessen wie versteint in seiner Stube im Brüten und Sinnen gesessen; er richtete sich horchend auf, als er die Thür gehen hörte, und ein mattes Lächeln glitt über sein vergrämtes Gesicht, als auf sein Werda Theresens freundliche Stimme antwortete. „Ich bin’s,“ sagte sie; „ich will fragen, ob es Euch recht ist, wenn ich Euch jetzt etwas auf der Cither vorspiele …“

„Setz’ Dich einmal zu mir her,“ sagte er herzlich und streckte die Hand aus, damit sie ihm die ihrige bieten sollte. „Es ist schön von Dir, daß Du kommst und mir das Citherspielen antragst; aber ich sorg’, die rechte Lust zum Spielen ist Dir heute gerad’ so gut vergangen, wie mir zum Hören; ich mein’, wir hätten gar viel mit einander zu reden …“

„Kann wohl sein,“ erwiderte Th’res und setzte sich neben ihn auf die Bank – „ich möcht’ dann wohl auch eine Frag’ stellen, wenn’s erlaubt wär’ …“

„So frag’ – was braucht’s dazu noch einen eignen Verlaub?“

Th’res sah einen Augenblick nachdenklich vor sich hin; das Reden schien ihr nicht leicht anzukommen. „Ich weiß nit, wie ich’s machen soll,“ sagte sie dann, „ich komm mir vor wie der kleine Knab’, von dem ich gelesen hab’ in dem Büchl’, der Heinrich von Eichenfels, der sein Leben lang in einer finstern Höhlen gewesen ist und nit gewußt hat, daß es draußen Himmel und Erd’ und Sonn’ und Mond drüber giebt! So ist für mich der Berg gewesen, auf dem der Lindhamerhof steht, und wie ein Hennl’, das aus dem Ei kriecht, hab’ ich’s nit anders gewußt, als daß ich daher gehör’ und da daheim bin …“

„Du gehörst auch her …“

„Ich hab’s nie anders gewußt – und wenn mir auch manchmal was besonders vor’kommen ist, es hat mich nichts gedruckt: Ihr und die Bäurin, Gott hab’ sie selig, seid’s ja alleweil’ gut gewesen mit mir! So bin ich aufgewachsen und festgewurzelt wie einer von den Bäumen da, die alle da stehen und kann doch keiner sagen, wie er her’kommen ist und wer ihn gesetzt hat … An einem Tag aber – an demselbigen Tag, an dem sich so viel umgekehrt hat auf dem Lindhamerhof, da ist auch für mich eine Aenderung geschehn – da ist ein Fremder heraufgekommen, der hat mich gefragt, als was ich denn auf dem Hofe wär’, und hat mich ausgelacht, weil ich ihm nit recht hab’ antworten können … Da ist mir’s gewesen, als wenn man mit einem Licht in ein Spinnengeweb’ fahren thät’, und das leichte Gespinnst hat aufgelodert in der Geschwindigkeit und lichterloh – seitdem schaut mich Alles um mich herum mit andern Augen an und seitdem hab’ ich’s nimmer aus dem Sinn gebracht. Ich hab’s zehnmal auf der Zung’ gehabt an dem Tag, wie wir nach Aibling hinein gefahren sind, und hab’ Euch fragen wollen, als was ich denn so eigentlich auf dem Hof bin, ich hab’s allemal wieder ’nuntergeschluckt – aber jetzt …“

„Jetzt willst doch fragen?“ sagte der Alte, da sie stockend inne hielt.

„Ja und nein,“ erwiderte sie. „Denn nach dem, was vorhin gered’t worden ist, könnt’ ich eigentlich schon wissen, als was ich da bin – als eine Magd, die man ausschändet und der man mit dem Fortjagen droht, und eigentlich bin ich noch weniger, denn die schlechteste Magd ließ sich das nit gefallen …“

„Du bist keine Magd – ich hab’ gleich …“

„Ja, Ihr habt gleich dawider geredt,“ unterbrach ihn Th’res, „das ist wahr und Ihr habt auch ganz recht gehabt und wißt selber nit, wie sehr … wie ich von Euch bin, hat mir der Dickl den Weg abgepaßt und hat mir’s ausgedeutscht, als was ich auf dem Hofe sein und bleiben könnt’, wenn ich nur wollt’.“

„So was hat er sich unterstanden?“ fuhr der Alte entrüstet auf. „Hat denn Treu’ und Ehr’ schon völlig ein End’ bei ihm, dem nichtsnutzigen Burschen, dem …“

Er sprach das Wort nicht aus, das ihm auf den Lippen schwebte, und verbarg sein gramvolles Angesicht in den Händen; Th’res that, als habe sie sein Abbrechen nicht bemerkt, und fuhr in ihrer Rede fort:

„So wird es wohl das Beste sein, ich schnüre mein Bündel; ich will der Bäurin die Freud’ nit machen, daß sie mich fortjagen kann, und will noch vorher freiwillig gehn.“

„Was? Du willst fort?“ rief der Alte überrascht.“

„Muß ich denn nit?“ entgegnete sie betrübt. „Ich kann ja mit Ehren nimmer bleiben, und dann, wer weiß, ob’s nit auch für Euch gut ist, vielleicht habt Ihr auch mehr Ruh’, wenn ich nimmer als der Störenfried im Haus bin.“

Der Alte schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein, nein, das wird nit sein,“ sagte er traurig und doch bemüht zu verbergen, wie tief ihn die Nachricht in’s Herz getroffen; „mit dem Dickl ist es weit gefehlt, ich hätt’s nie geglaubt, daß er so sein könnt’ …“ aber wenn Du gehst, nimmst Du meine letzte Freud’ mit Dir – nachher bin ich erst recht allein. Na, vielleicht hat unser Herrgott ein Einsehn und macht mir die Augen bald ganz zu.“

„Macht mir das Herz nit noch schwerer, es kommt mich ohnedem hart genug an, daß ich fort soll. Müßt mir auch kein’ Vorwurf machen! Schon vor fünf Jahren – Ihr wißt wohl, wann das gewesen ist, bin ich mit dem Gedanken umgegangen, daß ich fort soll, aber wie ich gesehn hab’, wie’s mit der neuen Wirthschaft ausschaut und wie Eure Augen alle Tag’ schlechter ’worden sind, da hab’ ich’s aufgegeben und bin da geblieben, bloß wegen Euer; aber jetzt, jetzt kann’s nimmer sein! Lassen wir’s gut sein, bis es sein muß, und reden wir nimmer davon; erzählt’s mir lieber, ob ich wem angehör’ oder ob ich so auf dem Baum gewachsen bin wie ein Holzapfel.“

„Ja, das ist eine eigene Geschicht’,“ sagte der Alte und starrte vor sich hin, als ob er die Ereignisse, deren er gedachte, in der Erinnerung an sich vorbeiziehen sehe, „eigen, aber kurz und traurig auch dazu! Ich hab’ Dir nie davon erzählen wollen, es hat’s nit nöthig gehabt und Du hast auch niemals darnach gefragt und wenn ich gestorben wär’, hättest es schon beim Herrn Pfarrer und am Landgericht erfahren, wo Alles hinterlegt und richtig gemacht ist wegen Deiner … Daß Du nit unser eigenes Kind bist, hast wohl gemerkt, denn Du bist viel zu gescheidt, aber ich mein’, wir haben’s Dich nie gespüren lassen und wenn Du einmal die Geschriften holst und brauchst, wirst sehn, daß wir Dich nit zum Spott als Kind angenommen haben. … Das ist aber so gewesen.“

Er hielt, wie um sich vorzubereiten, einen Moment inne und begann dann:

„Einmal, es war so um Johanni herum und ist ein gar heißer Jahrgang gewesen und hat Wochen lang kein Tröpfl’ geregnet, daß schier Alles verdurst’ ist, die Bäch’ sind ganz seicht geworden und viele Brunnenquellen sind ganz ausgeblieben … sogar unser Lindenbrünnl’ kam spärlicher und machte mir Angst, daß ich daran dachte, ich wollt’ einmal einen tüchtigen Mann aufsuchen, der was davon verstünde. Da bin ich mit meinem Weib selig über Land gefahren, weil ich mich ein Bissel um Vieh umschaun wollt’, und wie wir in die Gegend von Flintsbach gekommen sind, da hat Einer, den ich so weitschichtig gekannt hab’, sich draußen in der Einöd’ ein Haus gebaut; das ist, wie’s dort Brauch ist in der Gegend, schon ganz aufgezimmert gewesen und das Dach war darauf gesetzt und hat es nichts mehr gebraucht, als es mit den Steinen auszufüllen und die [450] Wänd’ aufzumauern. Daneben haben sie gerad’ angefangen, einen Brunnen zu graben, und das ist ein schweres Werk gewesen, denn sie haben einen tiefen, tiefen Schacht ausheben müssen, bis sie auf Wasser ’kommen sind, und der Brunngraber-Sepp … Du kennst ihn ja, der hat’s über sich genommen gehabt, den Brunnen fertig zu machen. Wie wir nun dahin kommen und einen Augenblick anhalten, sind sie gerad’ in großer Noth gewesen, denn der Brunnenschacht, bei dem nit drauf vorgesehn war, daß er so tief werden müßt’, wollt’ wieder eingehn und es ist die höchste Noth gewesen, ihn zu bolzen und mit Spreizen zu versehn, aber es ist kein Mensch in der Nähe gewesen und bis Einer in’s Dorf gelaufen wär und hätt’ von dort Leut’ herbeigebracht, wär’s wohl zu spät gewesen … Ich hab’ nit viel helfen können, denn mich hat erst einige Tag’ zuvor beim Getreideeinführen ein Gaul geschlagen gehabt, daß ich den Arm kaum hab’ rühren können.

Währenddem wir so beisammen stehen und sinniren, kommt auf der Straß’ ein Fuhrwerk daher, wie man’s gar oft sieht; es sind arme Leut’ aus’m Tirol – Laninger heißen sie’s, wenn mir recht ist –, so Landfahrer halt, die mit Geschirr oder Tirolerobst oder sonst in Handelschaft herumziehen. Es war ein kleiner, aber hoher zweirädriger Karren mit einer weiß-grauen zerfetzten Blache darüber – es ist kein Pferd davor gespannt gewesen, sondern der Mann und das Weib haben selber gezogen, daß ihnen, wie sie still gestanden haben, der Schweiß nur so heruntergetropft ist in den Straßenstaub –, im Wagen drinnen aber sind zwei Kinder gewesen, zwei keine Dirndln, das eine so von drei Jahren, das andere um ein paar Jahrln älter, die haben unter der schlechten Blachen und auf einer Schütt’ Stroh so gut geschlafen, als wenn sie in dem besten seidenen Himmelbett liegeten. … Mein Weib selig ist in ihrer Gutheit gleich hin zu den Leuten, hat mit der fremden Frau gered’t und ihre Freud’ an den Kindern gehabt, die sich in der Sommerhitz’ völlige rothe Röserln auf die Backen hergeschlafen hatten; der Herr von dem Neubau und der Brunngraber, die sind über den Mann her, ob er sich nicht ein paar Gulden in der Geschwindigkeit verdienen und mithelfen wollt’ bei dem Brunnenbolzen. Der Mann war von keiner starken Art, mehr auf der hagern Seiten, er ist auch wohl müd’ gewesen und abgehetzt von dem Wandern und Wagenziehen, aber das geschwind verdiente Geld hat ihn doch gelockt, und wie ihm der Bauherr noch ein Abendessen versprochen hat und daß er ein Nachtquartier haben sollt’ in dem Neubau, da hat er sich nimmer besonnen. … Na, ein Nachtquartier hat er auch ’kriegt, aber ein ganz anderes, als er sich erwartet hat. – Aber hörst mir denn auch zu?“ unterbrach sich der Erzähler, „ich hör’ Dich ja nit einmal schnaufen und weiß gar nit, ob Du da bist …“

„Wohl bin ich da und hör’ zu,“ erwiderte Th’res, „fahrt nur fort – aber es verhebt mir frei das Schnaufen bei der Geschicht’.“

„Ueberdem,“ begann der Alte wieder, „so hat sich der Mann bereden lassen, er hat seinen Karren mit den Kindern von der Straße weg nebenan auf den Anger in den Schatten gefahren, und dann haben wir uns alle Vier über den Brunnen hergemacht, die Bolzen und Spreizen, mit denen er ausgemacht war, besser zu verkeilen. … Der Fremde und der Sepp sind auf der Leiter in den Brunnen hinuntergestiegen, ich hab’ oben widergehalten und der Bauherr hat den Schlägel genommen, um den ersten Keil einzutreiben. Bei den ersten paar Schlägen hat sich nichts gerührt, nachher aber hat das Erdreich angefangen zu rieseln und ich hab’ gesehen, wie es ein Brett immer mehr und mehr herausgebogen hat, daß es am Brechen war. … ‚Macht, daß Ihr heraufkommt,‘ hab’ ich hinuntergeschrien, ‚es geht ein!‘ … Der Sepp, der oben auf der Leiter gestanden ist, war mit einem Sprunge heraus, der fremde Mann ist auch heraufgeklettert und hat schon die Hand nach den obersten Spreißeln ausgestreckt – da ist das Brett gebrochen, die Spreizen sind gewichen, das Erdreich ist nachgestürzt, es hat die Leiter abgeschlagen; auf der der Mann gestanden ist … eh’ man hätte können Amen sagen, hat’s ihn hinuntergerissen und verschütt’t.“

Er hielt aufathmend inne und hatte nicht mehr nöthig, nach der Anwesenheit seiner Zuhörerin zu fragen; ein schwerer, thränengepreßter Seufzer verrieth ihre Gegenwart.

„So war halt das Unglück fertig,“ fuhr der Lindhamer fort, „die Bäuerin ist bei der fremden Frau geblieben, die gerad’ hinausgeschrien hat vor Leidwesen und Verzweiflung, sie hat sich die Haar’ ausgerauft und sich auf dem Boden gewälzt, und hat die Erd’ über dem Brunnen mit den Händen aufscharren wollen – die Kinder sind gar nit aufgewacht und haben’s verschlafen, daß sie Waiseln ’worden sind in dem Augenblick. Ich bin gleich in’s Dorf hineingefahren, daß die Räder nur so geflogen sind, aber bis Leut’ kamen, ist doch eine Stund’ vergangen, und bis man das Graben hat anfangen können, schier noch eine … wie man ein Bissel hintergekommen ist, hat man ihm zugerufen durch die Erd’, er sollt’ nit verzagen und an der Hülf’ Gottes verzweifeln – er hat’s aber wohl nimmer gehört, denn später, wie man ihn endlich herausgebracht hat, da hat man’s gesehen: er hat nit lang’ zu leiden gehabt, das eingehende Erdreich hat ihm gleich den Garaus gemacht.“ …

Th’res war von der Bank neben dem Alten heruntergeglitten und hielt jetzt, auf den Knieen liegend, ihr thränenüberflossenes Angesicht auf die Hand des Alten, die sie bewegt ergriffen hatte, niedergebeugt.

„Ich glaub’ wohl, daß Du weinst,“ sagte er und fuhr ihr mit der andern Hand streichelnd über Stirn und Haare, „es geht Dich ja auch nahe genug an – Du wirst es schon errathen haben: das kleinere von den beiden Dirnln bist Du gewesen, und den sie todt aus dem Brunnen heraufgewunden haben, war Dein Vater. – Wir haben der Frau,“ fuhr er, da Th’res, leise weinend, nicht antwortete, nach einer Weile fort, „gut’ Ding’ so viel gegeben, daß sie für den ersten Augenblick hat ausreichen können, und sind nachher heimgefahren. Ueber den andern Tag aber sind wir wieder’kommen, weil der Verunglückte ist ein’graben worden. Er liegt auf dem Friedhof von einem kleinen Filialkirchl’, das nit weit davon mitten in den Feldern unter lauter schönen alten Linden steht, daß man sich kein schöner’s Plätzl zum Rasten aussuchen könnt’ … da ist er an der Mauer ein’graben worden – ich will Dich einmal hinführen und Dir den Ort zeigen, ich hab’ ihm ein richtiges christliches Grabkreuz darauf setzen lassen. … Die Frau, Deine Mutter, die sich zuerst angestellt hat wie unsinnig, die hat sich in der Zeit schon wieder besonnen und zusammengeklaubt gehabt, daß wir uns darüber verwundert haben; sie hat sich schon ausgedacht gehabt, was sie thun wollt’, hat ihren Karren mitsammt dem Geschirre schon an den Kramer im nächsten Orte verkauft gehabt und hat gesagt, sie wollt’ mit ihren Kindern zu Fuß schön langsam in’s Tirol zurückgehen, wo sie ihre Mutter und ihre Heimath hätt’. Mein Weib, und – ich muß’s sagen – mich auch haben die zwei Dirnl’n gedauert, die dagestanden sind und haben nit gewußt, was ihnen geschehen ist, und die Bäuerin hat sich alleweil schon ein Mädel in’s Haus gewünscht. … ‚Wie wär’s,‘ hat sie gesagt, ‚wenn wir eines von den Kindern mit uns nehmen thäten? Die Mutter, mein’ ich, ist keine von Denen, die sich um den Todten graue Haar’ wachsen laßt, da sind die Kinderln wohl auch nit besonders aufgehoben. … Wenn wir eines bei uns behalten und es christlich aufziehen, thun wir vielleicht ein gutes Werk, wir erziehen uns eine treue Hülf’ im Haus’ und vielleicht eine brave, dankbare Tochter.‘“

Th’res schluchzte laut auf und überdeckte, noch immer knieend, die Hand des Alten mit Küssen.

„So hab’ ich halt Ja gesagt,“ fuhr der Alte fort, „wir haben uns von Deiner Mutter Alles sagen lassen, wo sie daheim ist und wer ihre Befreund’ten sind, der Schullehrer hat’s aufgeschrieben und nachher, wie Du eingeschlafen gewesen bist, haben wir Dich mitgenommen auf den Lindhamerhof. Deiner Mutter aber haben wir mit Hand und Mund versprochen, daß wir für Dich sorgen und Dich halten, wie’s recht. … Damals hab’ ich mir freilich nit denken können, daß Du einmal so von mir gehen thätest.“ …

Th’res erhob sich und trocknete sich die Thränen vom Angesicht. „Ich geh’ nit fort,“ sagte sie festen Tones, „ich bleib’ bei Euch, Vater, so lang’ Ihr mich behaltet, mag’s gehen, wie’s will, jetzt kümmr’ ich mich um nichts mehr – aber bei dem Bauern drüben, beim Dickl kann ich nit sein; Ihr müßt machen, Vater, daß ich zu Euch herüber komm’, wie Ihr schon gesagt habt … es ist doch besser, wenn Jemand um Euch ist, der Euch aufwart’t – und das will ich thun, so lang’ ich mich rühren kann, wie sich’s für ein dankbares Kind gehört, und wenn einmal da Eures Bleibens nimmer ist, ich geh’ mit Euch bis an’s End’ der Welt!“

(Fortsetzung folgt.)
[451] 

Im Jahre 1873.
Auflösung der physiognomischen Aufgabe in Nr. 25.

[452]

Ein unbekannter Bekannter.

Wenn von irgend einer Sache oder einer Institution, welche das Werk menschlicher Cultur ist, Jedermann spricht und seine Meinung von ihr für eine unbestreitbare Thatsache hält, trotzdem aber sich nachweisen läßt, daß jede solche Meinung vielfach auf Irrthum und völliger Unkenntniß der wirklichen Verhältnisse beruht, so kann man diese Sache oder Institution wohl mit Recht einen unbekannten Bekannten nennen. Dies ist der Fall mit einer über den ganzen Erdball verbreiteten Gesellschaft von humaner Tendenz; Jedermann glaubt etwas von ihr zu wissen und darüber entscheiden zu können, was an ihr sei und welches Recht zur Existenz sie noch gegenwärtig habe, ohne jedoch genau davon unterrichtet zu sein, was in ihr vorgeht, was sie bezweckt, was sie leistet und inwiefern sie daher zum Fortbestand berechtigt ist.

Die Gesellschaft, von welcher wir sprechen, gilt allgemein, aber mit Unrecht, als eine geheime, und es coursiren über sie die seltsamsten und wunderlichsten Gerüchte. Der abergläubische Bauer meint, in ihren Versammlungen sei der Teufel in Gestalt eines schwarzen Pudels anwesend. Der Freund romantischer Ritter- und Räubergeschichten stellt sich unterirdische Gewölbe mit Gerippen und Särgen, gekreuzten Schwertern, vermummten Gestalten, furchtbaren Eiden, schauerlichen Prüfungen und ähnlichem grausenhaftem Apparat vor. Der vom Schicksal Geprüfte träumt von einem Verein edler Menschenfreunde, der nach der Gelegenheit lechze, jeden leeren Geldbeutel zu füllen und jedem Unglücklichen unter die Arme zu greifen. Der Ultramontane und Jesuitenfreund schimpft auf einen Bund, der sich mit nichts angelegentlicher beschäftige, als Kirchen und Religionen zu untergraben, allgemeinen Unglauben zu verbreiten und seine eigene Herrschaft auf den Trümmern des Papstthums zu begründen. Der eingefleischte Bureaukrat wittert eine Verschwörung gegen Ordnung und Gesetz und gegen Ruhe, die erste Bürgerpflicht. Der Gebildete und Liberale endlich zuckt die Achseln und meint, die Sache habe sich überlebt und sei nur noch gut für Solche, die es wünschbar finden, auf Reisen sich überall an Vereinsgenossen wenden und mit Brüdern ein gutes Glas Wein trinken zu können.

Alles dies wird vom Bunde der Freimaurer geglaubt und behauptet; denn dieser ist es, von dem wir sprechen. Nachdem derselbe im vorigen Jahrhundert trotz mannigfacher Verirrungen, in welche er verfallen, allgemeines Ansehen genossen und die hervorragendsten Geister zu seinen Mitgliedern gezählt, ist es in neuester Zeit, obgleich jene Verirrungen bis auf unbedeutende Reste aufgegeben worden sind, zwei Parteien gelungen, ihn in der öffentlichen Meinung zu großem Theile zu discreditiren. Die eine dieser Parteien ist die ultramontan-jesuitische, die andere die radical- und social-demokratische.

Der erstern ist die im Freimaurerbunde geübte Toleranz gegen alle Glaubensbekenntnisse, der zweiten sind seine angeblichen Geheimnisse und der damit, wie man meint, verbundene Anspruch auf eine bevorzugte Stellung in der menschlichen Gesellschaft ein Dorn im Auge. Was nun den ersten Vorwurf betrifft, so ist er allerdings begründet, wenn auch noch nicht in allen Theilen des Bundes so, wie er begründet sein sollte; wäre er aber auch noch tiefer begründet, so würde dies in den Augen denkender und humaner Menschen eher ein Lob, als ein Tadel sein müssen. Bezüglich des Vorwurfs der Geheimnißsucht und Selbstüberhebung aber wollen wir gleich gestehen, daß derselbe immer noch theilweise begründet, aber auch auf dem besten Wege ist, seine Begründung ebenfalls baldigst zu verlieren. Um indessen das Bestehen von Umständen, welche diesen Vorwurf rechtfertigten, zu erklären, wollen wir einen kurzen Blick auf die Entstehung und Verfassung des Bundes werfen.

Der Freimaurerbund ist kein Orden, wie er noch oft fälschlich genannt wird; denn alle Sagen über seinen Zusammenhang mit den Tempelrittern oder anderen ritterlichen Vereinen, wie überhaupt alle Annahmen von seinem Bestehen seit uralter Zeit sind durchaus grundlos und gehören der Phantasie, nicht der wirklichen Geschichte an. In Wahrheit hat der Freimaurerbund keinen andern Ursprung als in den Gesellschaften der deutschen und englischen Bauleute (Steinmetzen und Maurer) des Mittelalters, welche unter der Zahl anderer ähnlicher Gesellschaften, wie sie damals alle Handwerke bildeten, deshalb eine hervorragende Stellung einnahmen, weil von ihnen die Kirchenbauten ausgingen, diese nach dem frommen Glauben jener Zeit wichtigsten und gottgefälligsten Menschenwerke. Jede Handwerkergesellschaft des Mittelalters, und also auch die der Maurer, hatte übrigens ihre Geheimnisse, welche jedoch keinen andern Inhalt hatten als die kunstgerechte Ausübung des betreffenden Handwerkes, und keinen andern Zweck als die Nachahmung der Kunstgriffe desselben durch Unbefugte und das Einschleichen Solcher in die Gesellschaften und Zünfte der regelrecht Gelernten zu verhindern.

So spann sich denn in den hölzernen Bauhütten, welche neben den Kirchbauplätzen errichtet wurden, ein geheimnisvollem Treiben ab, welchem der Meister vom Stuhl mit dem Schwert in der Hand vorsaß. Da wurden die Lehrlinge zu Gesellen und die Gesellen zu Meistern aufgenommen und in den Geheimnissen der Kunst der freien, d. h. privilegirten Maurer unterrichtet, ohne daß jedoch diese Geheimnisse etwas Anderes enthielten, als wie der rohe Stein behauen und mit Winkelmaß und Cirkel zur würdigen Einfügung in den Tempelbau hergerichtet werden müsse. Allerdings gab sich in diesen Versammlungen mitunter auch ein freierer keckerer Geist kund, als er sonst damals vorzuwalten pflegte. Zeugnisse davon sind die humoristischen Behandlungen kirchlicher Geheimnisse, Orden und anderer Institutionen, welche wir noch gegenwärtig in den Bildhauerarbeiten an den Portalen vieler Dome und Münster gothischen Stiles bewundern. Denn mit der Zeit hatten sich die Bauleute von der kirchlichen Vormundschaft, unter welcher sie früher gestanden, losgemacht und bildeten einen freien Bund durch das ganze deutsche Reich, an dessen Spitze die Bauhütten von Köln, Straßburg, Wien und Zürich standen. Den obersten Vorsitz führte der Meister der Hütte von Straßburg; als aber diese alte deutsche Reichsstadt durch Verrath unter französische Herrschaft gerieth, zerfiel der Bund, und gegenwärtig existiren nur noch vereinzelte schwache Reste desselben.

Die deutsche Bauhütte hatte indessen schon bei Zeiten durch die berühmte Kunstfertigkeit ihrer Mitglieder auch in anderen Ländern Eingang gefunden, so namentlich in England. Aus einem Zustande der Gedrücktheit durch die Krone, welche sie arg bevormundete, erhoben sich dort die Bauleute zu einer freien, unabhängigen und am Ende so sehr geachteten Existenz, daß sich Gelehrte und Adelige in ihre Logen (d. h. Bauhütten) drängten und diese zu einem Stelldichein aller Freunde und Beförderer der Baukunst erhoben. Es war dies besonders unter der Königin Elisabeth und Jakob dem Ersten der Fall, als die an den mittelalterlichen Katholicismus erinnernden gothischen Bauten denjenigen der Renaissance wichen, welcher Stil mit einem freiern, über confessioneller Beschränktheit erhabenen Geiste Hand in Hand ging.

Als sich der prachtvolle Bau der Paulskirche zu London erhob, war die Blüthezeit der Bauvereine eingetreten, die man schon damals allgemein „Freimaurerlogen“ nannte. Nach Beendigung jenes großartigen Tempels jedoch trat, da man nicht mehr so oft Kirchen baute wie im Mittelalter, Mangel an Arbeit ein; die wirklichen Bauleute verloren sich aus den Logen, um Verdienst zu suchen, und so blieben in denselben meist nur die Kunstfreunde zurück, die „Aufgenommenen Brüder“, wie man sie nannte. Da trat eine Umwandlung in der Vereinigung der Freimaurer ein; genau ist dieselbe nicht registriert; aber seitdem sich im Jahre 1717 die vier letzten Logen der Bauleute zu London in eine „Großloge von England“ vereinigten, arbeitete der Freimaurerbund nicht mehr im wirklichen, sondern nur noch im figürlichen Sinne mit Hammer und Kelle, mit Cirkel und Winkelmaß. Ohne daß man genau weiß, von wem diese schöne Idee gekommen, wurde seitdem nur noch am innern Menschen und an der Menschheit im Ganzen gebaut, das Winkelmaß nur noch an die Unebenheiten des menschlichen Herzens angelegt und der Cirkel um die brüderlich vereinten Menschenkinder geschlossen.

Von dieser englischen Großloge aus wurde in staunenswerth kurzer Zeit durch Apostel der Menschenliebe und Brüderlichkeit in allen Ländern Europas und in Nordamerika eine große [453] Menge von Logen gestiftet, die sich dann wieder in den einzelnen Ländern zu einer unabhängigen Stellung erhoben und eigene Großlogen bildeten.

Kunstgeheimnisse konnten nun allerdings die auf diese Weise umgewandelten Freimaurer keine mehr haben; aber es war damals eine Zeit, in welcher, wenn auch die Religionskriege vorüber waren, confessionelle Engherzigkeit bei Katholiken und Protestanten regierte und die Juden sowohl als christliche Secten und einzelne Freidenker verfolgt wurden. Eine Gesellschaft nun, welche auf dogmatische Spitzfindigkeiten keine Rücksicht nahm und allgemeine Toleranz verfocht, mußte vorsichtig zu Werke gehen, um nicht selbst verfolgt oder gar mit Gewalt aufgelöst zu werden. In der That haben trotz dieser Vorsicht zwei Päpste des achtzehnten und einer des neunzehnten Jahrhunderts, der Letztere (der noch lebende Pius der Neunte) sogar mehrere Male, die Freimaurer mit dem Bannfluch belegt und mit der ewigen Höllenstrafe bedroht und sie sowohl als ihre Freunde und Anhänger feierlich excommunicirt. In Spanien und Portugal hat die Inquisition bis auf die neueste Zeit die Bundesbrüder in ihre Kerker geworfen, auf die Galeeren gesandt, ja Mehrere sogar unter dem Schwerte verbluten lassen. Mit diesen rückschrittlichen Verfolgungen wetteiferte auf der andern Seite die Schreckenszeit der französischen Revolution und in neuester Zeit der Pöbel in den Vereinigten Staaten Nordamerikas unter dem Vorwande, daß die Demokratie keine Geheimnisse dulde.

Die Geheimnisse der Freimaurer waren aber stets und sind noch sehr harmloser Art. Kein Freimaurer erfährt, wie man Gold macht, Schätze findet, in den Sternen liest, die Quadratur des Kreises löst, das Leben verlängert, die Träume deutet, Geister citirt etc., dies Alles so wenig, als irgend etwas Anderes, was Uneingeweihte nicht ebenfalls wissen oder wissen können. Jeder seine Nebenmenschen liebende und nach dem Guten, Wahren und Schönen strebende Weltbürger weiß, was die Freimaurer wissen, nur theilweise unter anderen Namen und Redeweisen. Alle eigenthümlichen Formen und Redeweisen der Freimaurer aber bestehen lediglich in Anwendung der Bilder vom Bauen und Richten auf das moralische und geistige Leben. Weder die Geschichte, noch die Organisation, noch die Tendenzen der Freimaurerei sind ein Geheimniß; geheim gehalten werden nur ihre Formen, was deshalb nothwendig ist, damit mittelst derselben von Seite Unberufener kein Mißbrauch getrieben werde.

Diese Formen sind in ihrer ursprünglichen, einfachsten Gestalt von den Steinmetzenbrüderschaften in den Freimaurerbund übergegangen, aber in diesem letzteren mit der Zeit vielfach vermehrt und ausgeschmückt worden. In jedem Lande sind sie daher anders, und es giebt sogar in einzelnen, selbst kleinen Ländern mehrere „Systeme“, welche unter sich in den Formen abweichen. Solche eigenthümlichen Gebräuche finden bei Eröffnung und Schluß der Logen, bei Aufnahme der Lehrlinge und bei der Beförderung zu Gesellen und Meistern statt. Die Eröffnungs- und Schlußformen bestehen meist nur in passenden Sprüchen und Reden, wie dies noch gegenwärtig bei mehreren Handwerkergilden vorkommt, die Formen der Aufnahme und Beförderung in feierlicher Einführung des Candidaten in die Versammlung und in Ablegung eines Gelübdes von Seite des Letzteren, ein treues Bundesmitglied zu bleiben und seine Pflichten gewissenhaft zu erfüllen.

Was man oft von furchtbaren Eiden bei dieser Gelegenheit erzählt, und von grausamer Bestrafung der Verletzung dieses Eides, sind entweder lächerliche Fabeln oder Mißverstand der bisweilen pompösen, aber harmlos gemeinten Ausdrücke des Gelübdes. Mit den freimaurerischen Gebräuchen werden in Logenversammlungen auch wissenschaftliche und künstlerische (musikalische) Vorträge verbunden, welche die Brüder in ihren guten Vorsätzen zu bestärken bestimmt sind. Zu den Formen gehören schließlich die Erkennungszeichen, welche für jeden der allgemein anerkannten drei Grade (Lehrling, Gesell, Meister) verschieden sind und in einem Worte, einem Zeichen und einer besondern Art des Händedrucks bestehen.

Wie die Formen, so weichen auch die Ansichten über den Zweck des Bundes und über die Mittel, denselben zu erreichen, in den verschiedenen Theilen der Maurerei sehr voneinander ab. Im Allgemeinen und nach den ältesten Urkunden soll der Zweck der sein, im Schooße der Menschheit die religiösen und nationalen Besonderheiten dem allgemeinen Gefühle der Menschenliebe und Humanität unterzuordnen. Es ist klar, daß hierdurch jede confessionelle und staatliche Engherzigkeit ausgeschlossen wird, und daher werden auch alle religiösen und politischen Debatten im Freimaurerbunde grundsätzlich nicht geduldet. Die Feinde des Bundes wittern oft, daß die hervorragenden Führer der religiösen und politischen, ja sogar socialen Fortschrittsparteien Freimaurer seien, und daß daher der Bund einen mächtigen Einfluß auf die Tagesereignisse ausübe. Es ist Dies durchaus nicht der Fall. Die Freimaurer sind vielmehr meist sehr ruhige Leute, und es ist uns unter ihnen gegenwärtig kein hervorragender Bewegungsmann bekannt.

Es kann indeß nicht geleugnet werden, daß die Tendenzen der Freimaurerei ziemlich vag sind, und daß daher den einzelnen Organen des Bundes ein ziemlich weiter Spielraum zur Verfolgung derselben offen steht. Im Ganzen kann gesagt werden, daß gegenwärtig in den meisten Freimaurerkreisen thatsächlich das einzige Mittel zur Erreichung der Bundeszwecke die praktische Wohlthätigkeit ist. Dieselbe wird aber bekanntlich auch von unzähligen anderen Vereinen und von Privaten geübt, welche nicht Freimaurer sind, so daß factisch der Bund sich von anderen in ähnlicher Weise strebenden Menschen nur noch durch seine hergebrachten Formen unterscheidet.

Man könnte nun glauben, gerade weil sich der Unterschied zwischen der Freimaurerei und der übrigen gebildeten und nach Höherem strebenden Menschheit nur auf Formen bezieht, sei die erstere überflüssig geworden, und in der That, wie die Radicalen sagen, ein überwundener Standpunkt. Dem stehen aber Thatsachen entgegen, und zwar sehr gewichtige: einmal die überraschendste fortwährende Verbreitung der Freimaurerei noch in unseren Tagen und ihr Ansehen in hohen, maßgebenden Kreisen, und zweitens ein in ihrem Schooße erwachendes neues thatkräftiges Leben. Die Freimaurerei ist gegenwärtig über die gesammte Erde verbreitet; ohne einheitlich organisiert zu sein, ohne gemeinsame Oberhäupter oder gar, wie man gefabelt hat, unbekannte Obere zu besitzen, hat sie ihre Pflanzschulen in sämmtlichen Ländern der fünf Erdtheile. Verboten ist sie zur Zeit nur noch im russischen Reiche und in – Deutsch-Oesterreich (in Ungarn nicht)!

Es giebt gegen hundert Großlogen, gegen zehntausend Logen, und jedenfalls über eine Million Freimaurer. Sobald in unseren Tagen Italien frei wurde, entstanden sofort Logen in Menge, und jenes Land mag solcher jetzt nahe an zweihundert zählen. Dasselbe war nach Einführung der neuen Verfassung in Ungarn der Fall, dasselbe nach der Vertreibung Isabella’s aus Spanien. Und seitdem das deutsche Reich entstanden, bilden die acht deutschen Großlogen einen festen Bund unter dem Schutze des Kaisers Wilhelm, welcher, ebenso wie sein Sohn, der vielgeliebte Kronprinz, schon seit längerer Zeit Freimaurer ist. In den drei Königreichen Schweden, Dänemark und der Niederlande ist der König selbst Großmeister. In England gehört der Prinz von Wales mit dem höchsten Adel dem Bunde an. Von vielen bedeutenden Staatsmännern, Kriegsführern, Gelehrten und Künstlern verschiedener Nationen ist dies ebenfalls zu sagen.

Das Land, in welchem gegenwärtig für neue Belebung des allerdings einige Zeit in Unthätigkeit versunken gewesenen Freimaurerbundes das Meiste und Zweckmäßigste geschieht, ist Deutschland, wo dies allerdings noth that; denn hier war der Bund bis vor verhältnißmäßig kurzer Zeit mehr zersplittert und mehr von oben herab bevormundet, als anderswo. In neuester Zeit ist hiergegen rege Opposition entstanden, welche sich in der maurerischen Presse geltend macht. Zwei Zeitschriften: die von Zille gegründete „Freimaurerzeitung“, namentlich aber die Findel’sche „Bauhütte“ vertreten die Freimaurerei in der Presse, außerdem hat sich noch ein besonderer „Verein deutscher Maurer“ gebildet, an dessen Spitze ebenfalls Findel steht. Diese Organe der reformatorisch gesinnten Freimaurerei sind seit mehr als zwölf Jahren rastlos thätig gewesen, im Sinne des Fortschritts und der wahren Humanität auf Abschaffung aller veralteten Reste unberechtigter Anschauungen, Einrichtungen und Gewohnheiten und auf Nutzbarmachung der im Bunde vorhandenen Kräfte zum Besten der Menschheit anregend und fördernd einzuwirken, und zugleich eine wahre, von allen im Laufe der Zeit eingeschlichenen Fabeln gereinigte [454] Geschichte des Bundes herzustellen. Und diese Anregungen sind nicht erfolglos geblieben. Allgemein ist in den deutschen Logen statt der Formen das Wirken im Geiste des Bundes in den Vordergrund getreten. Wo noch aus dem geheimbundsüchtigen vorigen Jahrhundert Auswüchse vorhanden waren, die an fabelhaften Zusammenhang mit Templern und Rosenkreuzern erinnerten, sind sie entweder aufgegeben oder entbehren alles Ansehens und aller ernsten Berücksichtigung. Wo man noch aus Gründen, die auf einem durchaus irrig angenommenen Zusammenhange zwischen der Maurerei und dem positiven Christenthum beruhten, die Israeliten und freigeistig gesinnten Christen von der Aufnahme fern halten zu müssen glaubte, hat man dies bereits aufgegeben, oder ist nahe daran, es zu thun. Ebenso ist schon viel geschehen, um die einzelnen Logen gegenüber der Bevormundung durch die Großlogen unabhängiger zu stellen. Ja, der Verein deutscher Freimaurer ist auch über die Grenzen Deutschlands hinausgegangen; er hat Mitglieder in Oesterreich, der Schweiz und den übrigen europäischen Staaten, sowie in Amerika, und im Jahre 1867 hat er ein Manifest an alle Logen der Erde erlassen, um ein allgemeines freisinniges Grundgesetz des Bundes, welches er entworfen, zur Anerkennung in allen Ländern zu bringen und die Stiftung einer Universalgroßloge für die ganze Menschheit zu veranlassen.

Die seitherigen kriegerischen Ereignisse haben allerdings den Fortgang dieses Unternehmens unterbrochen. Indessen hat sich der Verein mehr praktischen Aufgaben zugewandt und die „maurerische Werkthätigkeit“ auf seine Fahne geschrieben. Er konnte dies um so mehr, als er durchaus mit eigener Anstrengung eine Centralhülfscasse angelegt hat, welche bei verschiedenen Nothständen ihre Dienste gethan, aber auch die Grundlage bildet für Werke, die, vom Vereine und seinen Gesinnungsgenossen angeregt, noch in der Vorbereitung begriffen sind und weitgehende Zwecke verfolgen, zum Besten der leidenden Menschheit sowohl, als der Volksbildung und der Erziehung des Volkes zur Erfüllung höherer, idealer Aufgaben, wie sie die fortschreitende Veredelung und Vervollkommnung der Menschheit erfordert. So ist denn der Freimaurerbund, in Deutschland wenigstens, in einem regen und seiner Ziele klaren Aufstreben begriffen und dürfte sich daher nach und nach auch da Sympathien erwerben, wo man ihn bisher ungünstig angesehen und als einen „überwundenen Standpunkt“ zu den Todten geworfen hat.

Schließlich wollen wir noch ausdrücklich betonen, daß wir mit diesen Zeilen keinerlei Propaganda für den Freimaurerbund, sondern lediglich eine Aufklärung des Publicums über dessen Wesen beabsichtigen. Es ist dem Bunde weder mit blos quantitativer Vermehrung, noch jedem Einzelnen mit Aufnahme in den Bund gedient. Jeder humane Mensch kann, wie oben bereits bemerkt, auch für eigene Rechnung wohlthätig sein, zudem paßt der Bund nicht für Jeden und nicht Jeder für den Bund. Letzterer hat sich in seinen Gliedern und diese in ihm schon oft bitter getäuscht gesehen. Daher verhalte sich hierin Jeder, wie er es mit seinem Gewissen vereinbar findet.
A. St.




Galerie historischer Enthüllungen.
3. Agnes Bernauer.


Zu denjenigen deutschen Städten, deren bloßer Klang eine Fülle großer und kostbarer Erinnerungen in uns wachruft, gehört in erster Reihe das an der Grenze Baierns und Schwabens breit und mächtig hingelagerte uralte Augsburg.

Agnes Bernauer.

Schon zur Zeit der Römerherrschaft ragte die Stadt weit über die benachbarten Römersitze hervor, so daß der große Geschichtsschreiber unseres germanischen Alterthums nicht ansteht, sie „Rhätiens glänzendste Colonie“ zu nennen. Und als später in den Stürmen der Völkerwanderung das Römerreich und mit ihm die stolze Augusta in Trümmer sank, war es das Christenthum und die Kirche, welche in der letzten Ruhestätte der heiligen Afra einen festen Mittelpunkt ihrer Thätigkeit fanden und neues Leben in die verödeten Ruinen brachten. Diese Periode kirchlicher Machtentfaltung erreichte ihren Höhepunkt in Bischof Ulrich dem Heiligen, jenem deutschesten unter den deutschen Kirchenfürsten des ottonischen Zeitalters, welcher, nachdem er drei Tage und Nächte lang in eigener Person die Mauern der schlechtvertheidigten Stadt gegen die wie Hagelgeschosse heranstürmenden Schaaren der Ungarn geschützt hatte, am Morgen des vierten Tages an der Spitze des Reichsheeres, das Kreuz in der erhobenen Rechten, durch die schäumenden Wogen des Lechs setzte und Tod und Verderben in die Reihen der Feinde brachte. Auch das spätere Mittelalter, die Zeit der reichsfreien Selbstherrlichkeit unserer Städte, zeigt uns Augsburg in der vordersten Reihe derselben. Die höchste Blüthe erreichte indeß die Stadt im sechszehnten Jahrhundert. Die größte nationale That unserer Geschichte, die Losringung deutschen Geistes aus den Fesseln römischen Geisteszwangs, bleibt für ewige Zeiten mit Augsburgs Namen verbunden.

Vielleicht noch bekannter, als durch seine Theilnahme an der politischen Geschichte unseres Volkes ist Augsburg als Heimath mehrerer durch Geschichtschreibung und Poesie vielfach gefeierter Frauen. Zwei Namen sind es vorzugsweise, welche in den Kreisen namentlich unserer Leserinnen die höchste Popularität besitzen: Agnes Bernauer und Philippine Welser. Nach Herkunft und Lebensgang äußerst verschieden, haben diese beiden Frauen nur das Gemeinsame, daß ihr Schicksal auf’s Engste mit dem zweier deutscher Fürstensöhne verknüpft war. Philippine Welser war die Tochter einer alteingesessenen Patrizierfamilie, die an Reichthum und Ansehen so hoch gestiegen war, daß Kaiser und Fürsten auf freundschaftlichem [455] Fuße mit ihr verkehrten. Agnes Bernauer dagegen war von niederer Herkunft, und noch ist es nicht gelungen, ihre eigentliche Heimathsstätte mit Sicherheit nachzuweisen. Philippine war dem Kaisersohn Ferdinand durch eheliche Bande angetraut, von ihren Söhnen begründete der eine die Linie der souveränen Markgrafen von Burgau, während der andere im Dienst der Kirche die höchste Rangstufe erreichte; die Verbindung zwischen Agnes und Herzog Albrecht war höchst wahrscheinlich nicht einmal die einer heimlichen Ehe. Philippine lebte, nachdem sie bald ihren Frieden mit dem Kaiser gemacht hatte, an der Seite des Gatten ein ruhiges und glückliches Dasein, während die Bernauerin nach kurzen Jahren genossenen Liebesglückes diese ihr von dem grausamen Zeitalter als Verbrechen angerechnete Liebe mit jähem Tode büßen mußte.

Dieser ungleiche Lebensgang der beiden Frauen äußert seine Wirkung auch in der Art der über sie erhaltenen Nachrichten. Die hohe Stellung, welche die Familie Welser innerhalb der Augsburger Bürgerschaft einnahm, brachte es mit sich, daß die gleichzeitigen Geschichtsschreiber uns eine Menge Notizen über dieselbe aufbewahrt haben. Dazu kam, daß die Patrizier selbst, auf’s Engste unter einander verbunden, sogenannte Geschlechter- und Ehrenbücher, Hochzeitsregister etc. anlegten, in denen oft die unbedeutendsten Familienereignisse mit umständlicher Sorgfalt vorgetragen sind.

Straubing und die Donaubrücke zur Zeit der Agnes Bernauer.

Sodann dürfen wir auch nicht vergessen, daß Philippine Welser in einer Zeit lebte, die sich, gegen das fünfzehnte Jahrhundert – das Zeitalter der Agnes Bernauer – gehalten, durch größere Regsamkeit auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft auszeichnete. Merkwürdige Ereignisse – und ein solches war damals wenigstens die Heirath zwischen einem Kaisersohn und einer Bürgerlichen – gelangten rasch zur Kenntniß auch der fernst liegenden Schichten der Bevölkerung und wurden von Dichtern und Künstlern auf’s Mannigfaltigste verarbeitet.

Nicht so bei Agnes Bernauer! Die gleichzeitigen Augsburger Geschichtsschreiber gehen mit vollständigem Stillschweigen über sie hinweg; die ersten Nachrichten über sie datiren aus der zweiten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts und rühren von bairischen Chronisten her, deren Angaben wiederum die späteren Augsburger Quellen vorzugsweise gefolgt zu sein scheinen. Eine Geschichte der Agnes Bernauer zu schreiben, ist daher mit großen Schwierigkeiten verknüpft, und daraus erklärt sich die Verschwommenheit des Urtheils, die auch heutzutage noch über ihre Person beliebt ist. Ich habe mich, um ein möglichst unparteiisches Urtheil zu gewinnen, bemüht, alle erhaltenen Nachrichten zusammenzustellen und unter einander zu vergleichen; insbesondere habe ich versucht, aus dem Schweigen der gleichzeitigen Augsburger Geschichtsquellen den einen und andern Aufschluß zu erhalten. Wenn ich dabei zu Resultaten gelange, die von der bisherigen Auffassung scharf abweichen, so muß ich mir im Voraus die Verzeihung meiner Leserinnen erbitten; die Geschichte ist leider oft gezwungen, die Träume poetischer Gemüther mit rauher Hand zu zerstören.

Zuvörderst muß ich der allgemein verbreiteten Annahme, als ob Agnes Bernauer eine Augsburgerin gewesen sei, entgegentreten. Die von mir angestellten Untersuchungen haben es mir bis zur Evidenz klar gemacht, daß dies nicht der Fall ist. Der Name Bernauer – oder, wie ein späterer Chronikenschreiber den Namen der unglücklichen Frau angiebt, Leichtlin – begegnet uns in keinem der zahlreichen Bürger-, Steuer- und anderer statistischer Tabellen jener Jahre. Die bairischen Geschichtsschreiber, von denen wir oben gesagt haben, daß sie die ältesten Nachrichten der Bernauerin enthalten, schweigen denn auch entweder ganz über ihre Heimath oder bezeichnen als solche die alte Reichsstadt Biberach im heutigen Königreich Würtemberg. So lange also ein Gegenbeweis nicht vorliegt, steht es mir wenigstens fest, daß Agnes keine Augsburgerin gewesen ist.

Man hat mir entgegengehalten, daß ja die Volkstradition noch heutzutage ihr Wohnhaus in Augsburg zu bezeichnen wisse. Darauf entgegne ich, daß die Volkstradition ein sehr trügerisches Beweismittel ist. Zum Beweis dessen möge hier nur das dienen, daß die Tradition das Wohnhaus der Philippine Welser in die heutzutage nach ihr benannte Straße hinter dem großen Rathhausplatz verlegt, während sie nachweisbar in der jetzigen Ludwigsstraße gewohnt hat.

Es giebt Leute, die eine jede geschichtliche That mit einer Menge kleinlichen Beiwerks ausgestattet wissen wollen, an das sich, da ihnen jede höhere Auffassungsgabe mangelt, ihre kümmerliche Phantasie anklammert. Diese Art von Geschichtsfreunden weiß noch heutzutage den Pflasterstein zu bezeichnen, über welchen das Pferd des jugendlichen Erzherzogs strauchelte und dadurch die Aufmerksamkeit der am Fenster stehenden schönen Welserin erregte. Betreffs der Wohnstätte der Bernauerin gerathen sich übrigens mehrere Traditionen in die Haare, ein Umstand, der keineswegs geeignet ist, besonderes Vertrauen zu erwecken; der eine Führer weist den nach der schönen Baderstochter fragenden Fremden mit der nöthigen Zuversicht in diese Straße, ein anderer in jene etc. Doch lassen wir den Neugierigen ihr Vergnügen und fragen dafür, wie es möglich wurde, daß mehrere Augsburger Chronisten Agnes Bernauer eine Augsburger[WS 1] Bürgerstochter nennen. Ich vermuthe, daß hierbei eine sehr gewöhnliche Verwechselung vorliegt. Denn wenn ich auch ihre Augsburger Abstammung leugnen muß, so ist dadurch nicht ausgeschlossen, daß sie sich zeitweilig und zwar gerade in den letzten Jahren vor ihrer Verbindung mit Herzog Albrecht in Augsburg aufgehalten habe.

Die Tradition berichtet, sie sei die Tochter eines Augsburger Baders mit Namen Kaspar Bernauer gewesen; ich wende dies dahin, daß sie wohl die Tochter eines Baders Bernauer gewesen sein mag, daß dieser aber nicht in Augsburg, sondern in Biberach gewohnt hat. In welcher Eigenschaft Agnes in der fraglichen Zeit (ungefähr 1430–32) in Augsburg gewesen, kann ich mit Sicherheit nicht angeben. Wenn eine Vermuthung gestattet ist, so geht dieselbe dahin, daß Agnes in dem Dienst eines Baders stand und hierbei die Bekanntschaft des jungen Baiernherzogs machte. Die Tradition weiß natürlich, ähnlich wie bei der Liebesgeschichte der Philippine Welser, ein Breites über die ersten Anfänge des zarten Verhältnisses zu erzählen: Herzog Albrecht sei zu einem großen, von der Reichsstadt veranstalteten Turnier nach Augsburg gekommen, habe sich hier mit den jungen Schwaben herumgestochen und bei einem von dem Stadtrath ihm zu Ehren gegebenen Tanzfeste die Bekanntschaft des schönen Bürgermädchens gemacht. In heißer Liebe zu ihr entflammt, habe er ihr sodann, da sie andern Zumuthungen einen festen Widerstand entgegengesetzt, die Ehe versprochen. Wenige Tage später sei Agnes aus dem väterlichen Hause entflohen, in der Nachbarstadt Friedberg von Albrecht in Empfang genommen und nach Schloß Vohburg gebracht worden. Diese ganze Erzählung ist die Ausgeburt eines müßigen Kopfes, dem es um eine detaillirte Liebesgeschichte zu thun war und der daher die Mängel der wirklichen Geschichte nach seinem Gutdünken ergänzte.

Vorerst constatire ich, daß während des ganzen Zeitraums, [456] innerhalb dessen möglicher Weise die Verbindung zwischen Albrecht und Agnes angeknüpft worden ist, kein Turnier in Augsburg abgehalten wurde. Noch weniger Glauben verdient die andere Angabe, Herzog Albrecht habe die Bekanntschaft der Bernauer bei einem Tanzfest gemacht, das man ihm zu Ehren veranstaltet. Wer auch nur einen oberflächlichen Einblick in die gesellschaftlichen Verhältnisse des fünfzehnten Jahrhunderts gewonnen hat, weiß, daß eine Baderstochter oder gar eine Magd keinen Zutritt zu den Festlichkeiten des Stadtadels hatte. Die Bader zählten zudem zu den verachteten Gewerben; so sehr sich unsere Altväter die Pflege und Reinigung ihres Körpers angelegen sein ließen, so glaubten sie doch diejenigen verachten zu müssen, welche diesem Geschäfte gewerbsmäßig oblagen. Die Badstuben wurden daher fast nur von Fremden besucht, während die Bürger meist eigene Badstübchen in ihren Häusern hatten. Jene öffentlichen Bäder vertraten im Mittelalter die Stelle unserer heutigen Kaffeehäuser. Auch Herzog Albrecht mag öfters von der benachbarten Grenzstadt Friedberg aus nach Augsburg gekommen sein und hier nach der Sitte der Zeit die Badstuben besucht haben. Wenn also Agnes Bernauer eine Bademagd war – und darauf deutet eine Stelle bei einem der hervorragendsten bairischen Chronisten hin – so hat meine Vermuthung, Agnes habe die Bekanntschaft des Herzogs in dem Hause ihres Dienstherrn gemacht, jedenfalls mehr Wahrscheinlichkeit für sich, als die traditionelle Auffassung, welche die Anfänge des Liebesverhältnisses in die Geschlechterstube der Augsburger Patrizier verlegt.

Hält man nun fest, daß die Stellung der Bernauer vor ihrer Verbindung mit Herzog Albrecht eine sehr untergeordnete war, so wird man auch gerechte Zweifel an der traditionell angenommenen Ehe der Beiden hegen müssen. Die Quellen sprechen sich über die Art der zwischen ihnen eingegangenen Verbindung nicht mit der nöthigen Klarheit aus. Die bairischen Chronisten bezeichnen Agnes durchgehends nur als Geliebte des Herzog; die Augsburger hingegen schweigen entweder über diesen Punkt, oder bekennen sich als nicht genügend unterrichtet. So schreibt der Benedictinermönch Clemens Sender, der bedeutendste unter den späteren Chronikenschreibern: „Hertzog Albrecht von Bayern zu München hat aines Baders tochter mit namen Agnes, ain fast schönes mensch, aufs höchst lieb gehabt, also daß man sagt, der Hertzog hatte sie zu der ee genommen und die ee versprochen, aber doch nit zur Kirchen gefiert.“

Meine Ansicht geht dahin, daß das Verhältniß zwischen Albrecht und Agnes über eine Liebschaft gewöhnlichen Schlags hinausgegangen ist, ohne daß man jedoch sofort an eine heimliche Ehe denken darf. Hätte diese stattgehabt, so würde Albrecht nicht unterlassen haben, nach der Aussöhnung mit seinem Vater auf dem Grabdenkmale der Gemordeten dieses ehrende Beiwort zu geben, wie dies beispielsweise Erzherzog Ferdinand seiner Gemahlin Philippine auf dem Grabmonumente in der Innsbrucker Hofkirche gegeben hat. Jedenfalls aber war das Band so fest, daß sich Albrecht an der Eingehung einer standesmäßigen Ehe hindern ließ. Zum Unglück für Agnes war er der einzige Sohn seines Vaters, dem Alles daran gelegen sein mußte, die oberbairischen Lande seiner Linie zu erhalten. Zwar lebte noch ein Bruderssohn des alten Herzogs; allein derselbe war so kränklich, daß man an seinem Aufkommen zweifelte. So lange der Vater glauben konnte, daß das Verhältniß zwischen Albrecht und Agnes eine gewöhnliche Liebeständelei sei, ließ er Beide ruhig gewähren. Im fünfzehnten Jahrhundert war man in derlei Dingen viel weniger rigoros als heutzutage. Sobald Herzog Ernst, der selbst außer der Ehe drei Kinder auszustatten gehabt hatte, wahrnehmen mußte, daß der Sohn, von heftiger Leidenschaft geblendet, seinen Standespflichten nachzukommen sich weigere, mußte die der Dynastie und dem Lande drohende Gefahr jede andere Rücksicht verstummen machen. Vorerst machte Herzog Ernst noch den Versuch, auf die Eitelkeit und den Ehrgeiz seines Sohnes zu wirken. Auf einem Turnier zu Regensburg ließ er Albrecht auf schmähliche Weise von den Turnierschranken zurückweisen, weil diese einem Ritter, der in den Armen seiner „Buhldirne“ seiner Ehrenpflichten vergäße, verschlossen bleiben müßten. Die Wirkung dieser Behandlung war jedoch eine der Absicht des alten Herzogs schnurstracks entgegengesetzte. Wuthentbrannt verläßt Albrecht Regensburg, eilt nach Schloß Vohburg, wo er Agnes geborgen hatte, und bringt sie, da er vielleicht schon jetzt Gewaltthätigkeiten des Vaters fürchtet, nach dem festen Straubing an der Donau. Hier umgiebt er sie mit fürstlichem Gepränge, hält ihr einen Hofstaat und läßt sie als Herzogin von Baiern ehren. Nun kennt auch der Zorn Herzog Ernst’s keine Grenze mehr. Eine Abwesenheit des Sohnes benutzend, eilt er nach Straubing, bemächtigt sich des Schlosses, in dem Agnes Hof hält, und läßt dieselbe gefangen setzen.

Näheres über die gegen die Unglückliche jedenfalls in sehr summarischer Weise geführte Untersuchung ist uns nicht überliefert; aus einem später von Herzog Ernst an Kaiser Sigismund gerichteten Briefe erfahren wir jedoch, daß sie der Zauberei angeklagt wurde. Das Urtheil der willfährigen Richter lautete auf Tod durch Ertränken. Es war dies während des ganzen Mittelalters die bei Frauen angewandte Hinrichtungsart. Die Hinrichtung wird von den Chronisten mit seltener Uebereinstimmung geschildert. Von der Donaubrücke in den reißenden Strom hinuntergestürzt, gelang es der Unglücklichen, den einen Fuß aus den Banden loszumachen, an das Ufer zu schwimmen und mit vor Angst erstickter Stimme um Hülfe zu rufen. Da ergriff der Henker, den Zorn des alten Herzogs fürchtend, eine Stange, umwickelte damit ihr langes, goldglänzendes Haar und stieß sie in die Fluthen zurück.

Als Albrecht zurückkam, war sein Schmerz grenzenlos; wütend schwur er, das unschuldige Opfer an seinem Vater, an dessen Rathgebern und Helfershelfern zu rächen. Sofort verband er sich mit Herzog Ludwig von Ingolstadt, dem alten Feinde seines Vaters, zu gemeinsamer, offener Fehde. Vergebens waren Ernst’s Mahnungen und Bitten, vergebens die Vorstellungen des Markgrafen Friedrich von Brandenburg und des Pfalzgrafen Johann. Im Frühjahr 1436 fiel Albrecht in das Gebiet seines Vaters ein, plünderte Städte und Dörfer, führte die Einwohner in die Gefangenschaft weg und zündete die verlassenen Wohnstätten an. In seiner Verzweiflung wandte sich Herzog Ernst an Kaiser Sigismund und beschwor ihn, den Rasenden zu beschwichtigen. Agnes wäre ein böses Weib gewesen – so sucht er die grausame Tödtung zu entschuldigen – so hart und streng gegen Albrecht, daß es sich mit Worten nicht aussprechen lasse. Seit drei Jahren habe er keinen fröhlichen Tag gehabt. Auch habe er erfahren, daß sie damit umgegangen, seinen Bruderssohn mit Gift aus dem Wege zu räumen. Da sie nun, obgleich öfters angegangen, von Albrecht nicht abgelassen, habe er sie ersäufen lassen.

Aber erst den Mahnungen des Baseler Concils gelang es, den Sohn versöhnlich zu stimmen. Am 17. Juli 1436 machten Vater und Sohn Frieden. Zur Sühne seiner Handlung stiftete der erstere in einer von ihm auf dem Kirchhof zu St. Peter in Straubing eigens erbauten Capelle der Gemordeten eine tägliche Messe und einen ewigen Jahrestag. Agnes selbst hatte noch bei Lebzeiten gewünscht, im Kloster der Carmeliterinnen beigesetzt zu werden. Vorläufig stiftete Albrecht auch an dieser Stelle Messe und Jahrestag; im Jahre 1447 sodann, am Agnesen-Tag, ließ er ihre Gebeine aus dem St. Peters-Friedhof erheben und zu den Carmeliterinnen überführen. Es geht dies mit Sicherheit auch daraus hervor, daß man, als auf Veranlassung der kurbaierischen Akademie im Jahre 1785 der Grabstein in der Friedhofcapelle vom Fußboden weg in die Mauer eingefügt wurde, nicht die mindeste Spur eines Sarges oder andere Ueberreste fand. Dieser Grabstein gehört daher der Zeit von 1436 bis 1447 an, innerhalb deren Agnes Bernauer in der Capelle zu St. Peter begraben war. Wahrscheinlich ist er auf Veranlassung Herzog Ernst’s gefertigt worden, der damit die grausame Tödtung sühnen zu können glaubte. Diese versöhnliche Stimmung zeigt sich auch in der Behandlung des Costümes und mehrerer anderer Beigaben. Das Haupt der Todten ruht auf einem Kissen; milder Friede lagert sich über das Antlitz, das einer Schlafenden mehr als einer Todten anzugehören scheint. Ein kostbarer Schleier, der nach der Sitte der damaligen Zeit nur Frauen vornehmen Standes zukam, umhüllt züchtig Kopf und Hals; ein langer, mit Hermelin ausgeschlagener Mantel wallt zu den Füßen herab, an denen ein Hund und eine Eidechse, die Sinnbilder häuslicher Treue und Geselligkeit, angebracht sind. Die Umschrift des Steines meldet einfach Jahr und Tag des Todes nebst dem Namen der Entschlafenen: anno domini millesimo quadrigentesimo tricesimo [457] quinto duodecimo die Octobris obiit Agnes Bernauerin. Requiescat in pace. (Im Jahre des Herrn 1435 am 12. Oct. starb Agnes Bernauer. Sie ruhe in Frieden.)

Wenn nun auch das geschichtliche Bild der Bernauerin in wesentlichen Punkten von der hergebrachten Auffassung abweicht, unsere volle Theilnahme darf die Unglückliche schon um ihres grausamen unverdienten Endes willen in Anspruch nehmen. Die Geschichtsschreiber haben es versäumt, über die Eigenschaften ihres Geistes und Herzens Nachricht zu geben. Eines Lobes voll sind sie dagegen über ihre körperliche Schönheit. Man wußte nicht, was man mehr an ihr bewundern sollte, den hohen Liebreiz ihrer ganzen Erscheinung, das vollendete Ebenmaß ihres Körperbaues oder die zarte Feinheit ihres Antlitzes. Eine Fülle goldglänzenden Haares wallte ihr fast bis zu den Füßen herab. Daß diesen äußeren Vorzügen auch der innere Gehalt entsprach, dürfen wir daraus abnehmen, daß es ihr gelang, den gefeierten jungen Herzog mehrere Jahre auf’s Engste an sich zu fesseln. Ein idealer Heroismus – wenn wir anders der Angabe des Benedictiners Sender Glauben beimessen dürfen – liegt darin, daß sie, im Angesicht des Todes aufgefordert, sich durch Verzichtleistung auf Albrecht zu retten, den Tod in den Wellen einem Leben ohne den Geliebten vorzog.

Härter dagegen muß sich das Urtheil über Albrecht gestalten. Daß die Ermordung der Jugendgeliebten ihn zur blinden, Alles zerstörenden Raserei fortriß, dürfen wir ihm allerdings bei der ausgesprochenen Leidenschaftlichkeit seines Charakters nicht allzuhoch anrechnen; wohl aber muß es befremden, daß er, im geraden Gegensatz zu seiner bisherigen Handlungsweise, noch vor Jahresfrist die Heirath mit Anna von Braunschweig einging. Uebereinstimmend melden uns die Geschichtsschreiber seine stark ausgeprägte Neigung zum schönen Geschlecht. Schon vor der Verbindung mir Agnes hatte ihn Elisabeth von Würtemberg ausgeschlagen, „weil ihr zu Ohren gekommen, daß er ein allzu großer Weiberfreund sei“. Noch in seinen späteren Jahren finden wir ihn in mannigfache Liebesverhältnisse verstrickt. So lange er jung war, konnte er das Urtheil über seine Person durch eine Reihe ihm zu Gebote stehender ritterlicher Künste und Vorzüge irre führen; als diese mehr und mehr schwanden, traten die schweren Gebrechen seines Charakters unverhüllt zu Tage. Wir dürfen daher nicht verwundert sein, wenn wir ihn später ganz in den Händen der Pfaffen finden. Von heftigem Podagra gequält, suchte er in der Stiftung von Kirchen und Klöstern, in der Aufrechthaltung strengster kirchlicher Zucht und Moralität, in der Verfolgung und Austreibung der in seinem Lande zahlreich angesiedelten Juden Ersatz für sein verlornes Leben.

Agnes Bernauer aber lebte im Munde des Volkes fort. Schon bald nach ihrem Tode entstanden Lieder, die ihre Liebe und ihr grausames Ende besangen. Wie das Rechtsgefühl des gemeinen Mannes auch heute noch bei der alten Geschichte erregt zu werden vermag, hat Fr. von Kobell in seinen oberbaierischen Gedichten drastisch geschildert. Von den zahlreichen dramatischen Bearbeitungen will ich hier nur auf die drei jüngsten von Melchior Meyr, Fr. Hebbel und Otto Ludwig aufmerksam machen. Am längsten und eingehendsten beschäftigte sich der Letztgenannte mit der Gestalt der Bernauerin. In vier vollständigen Tragödien und zwei Fragmenten suchte er den spröden Stoff dichterisch zu bewältigen. Sein eigenes Verhältniß zu der Gestalt der unglücklichen Frau hat er in ergreifender Weise in einem Liede ausgesprochen, das aus seinem Nachlaß in dem Album „Deutsche Kunst in Bild und Schrift“ veröffentlicht worden ist.
Achivar Dr. Chr. Meyer.




Felix Mendelsohn-Bartholdy im Flügelkleide.


„Die Stätte, die ein edler Mensch betrat, sie ist geweiht für alle Zeiten,“ und auf der Stätte, welche ausgezeichneten Menschen in den Herzen geweiht ist, blühen immer neue Blumen der Poesie auf. Je mehr das Nivelliren des Verehrungswürdigen, der Nihilismus der Jetztzeit um sich greift, desto mehr muß man die Verehrung großer Männer, edler Charaktere, erhabener Geister festhalten und fördern. Sie ist der Urquell der nachfolgenden Begeisterung, jenes Idealismus der Jugend, dem zu allen Zeiten die Erhebung zum Wahren, Guten und Schönen heiliger Beruf war, und der vorzüglich im deutschen Volke stets anregend, positiv und productiv geblieben ist.

Einer der productivsten deutschen Idealisten und einer der edelsten Künstler war Felix Mendelssohn-Bartholdy. Schlagen nicht noch jetzt bei der Nennung dieses Namens viele Herzen, denen er ewig theuer, höher? Wirken nicht noch jetzt seine herrlichen Tonschöpfungen echte Andacht als Weiheklänge, die jeden Mißton aus der Seele bannen? Werden nicht noch jetzt seine Oratorien mit demselben frischen Eifer geübt und gesungen, als würden sie noch von ihm selbst dirigirt? Was war es nur, das dem Einzigen, dem wirklich glücklichen, also eigentlichen Felix so unvergänglichen Reiz verlieh? Wie bei Gesangsvorträgen ein gemüthvoller Sänger mit einem herzigen, schlichten Liede eindringlicher wirkt, als der anspruchsvolle Virtuos mit großen Arien, so muß auch der deutsche Componist, der das deutsche Wesen in der Innerlichkeit und Keuschheit der Empfindung erkannte und ausprägte, der Liebling aller wahren Verehrer deutscher Kunst bleiben. Wohl sind vor und nach Mendelssohn genialere Tonschöpfer hervorgetreten. Es hat zum Beispiel Robert Schumann eine Fülle poetischen Tiefsinns, wonniger Gluth und geistreich charakteristischer Reize in seinen Compositionen geboten, wie sie vorher und nachher keinem Componisten erreichbar war. Richard Wagner hat mit seinen prunkhaften Schöpfungen alles Dagewesene überboten. Sein Makart’sches Colorit, der Pomp seiner Instrumentation, seine leidenschaftliche Gluth, die dämonische Ekstase fanatischer Einseitigkeit reißt Alles mit sich fort und berauscht die Köpfe, während das Herz leer ausgeht. Was Mendelssohn nie erstrebte, das verblendete Anstaunen, die Vergötterung Derer, die berauscht sein wollen, – sie hätte ihm niemals genügen können, denn er rang nach höheren Preisen und erreichte tiefere, nachhaltigere Erfolge.

Der in seiner Vielseitigkeit bewunderungswürdige, aber stets sich selbst getreue Mendelssohn wurde der liebreiche und geliebte Pflegevater einer ganzen Künstlergeneration von der gediegensten und edelsten Richtung. Mag die pietätlose Menge ihre Götzen umtaumeln, der Friede dieses Heiligthums bleibt davon unberührt und wird es ferner bleiben.

Gewährt es dem Musikkenner und Kunstfreunde große Genugthuung, sich das Gesammtbild des Componisten und Künstlers Mendelssohn zu vergegenwärtigen, so gehört dazu das liebenswürdige Bild des edeln Menschen, das mehr noch als sein Künstlerruhm eine wahre Herzensfreude bereitet. Die schöne Harmonie dieses kurzen, aber segensreichen Menschenlebens muß Jeden mit jener Weihestimmung erfüllen, die der gedankenvollen Einsamkeit so hohen Reiz verleiht. Von wenigen Künstlern sind uns so reichhaltige Documente oder selbstbiographische Reliquien überliefert worden, als von Mendelssohn. Seine allbekannten Briefe werden gewiß von Unzähligen wieder und wieder durchgelesen. Stets von Neuem erbaut man sich an dem schmucklosen, aber warmen Ausdrucke seiner Gefühle und Gedanken. Sind in diesen Briefen auch manche gleichgültige Dinge enthalten, manche bedeutungsarme Momente seines Lebens wiedergegeben, so ist wohl in allen Briefsammlungen dergleichen zu finden. Mendelssohn pflegte nicht, wie manche selbstbewußtere Künstler, schon von Unsterblichkeitsgefühls in Briefen zu orakeln, sondern gab sich stets in voller Wahrheit und Natürlichkeit. So sind seine Briefe reizvolle Zeichnungen von Stimmungen, die nur für die Nächsten, nicht für das große Publicum bestimmt waren, ohne Phrasenaufputz und ebenso naiv, wie die Federzeichnung der Schweizerlandschaften, die er, sich selbst belächelnd, in Mußestunden producirte. Den pietätvollen Lesern dieser Briefe können wir nun eine Art Vorspiel dazu, das zur Vervollständigung des geliebten Bildes beitragen kann, in einem noch nicht veröffentlichten Jugendbriefe Mendelssohn’s, der viele Jahre lang als theures Andenken verborgen gehalten wurde, darbieten.

[458] Der Brief führt uns den zehnjährigen Felix im köstlichen Uebermuthe der Flegeljahre und mit dem anmuthigen Lächeln des Schalkes vor die Seele und gewährt uns einen Einblick in das kunstbelebte Treiben und Walten im Vaterhause. Dort wurden in seinen jugendlichen Geist schon alle die vortrefflichen Triebe und Keime gelegt, die dann so glücklich emporsproßten und durch Fleiß, Sorgfalt und die Sonne des Glückes zu so reicher Blüthe gediehen.

Mein lieber Signore Rudolph!

„Ich weiß gar nicht was ich von dir denken soll“ – – du hältst mich für einen Lump einen Liedrian, und du, du Schlingel, was bist denn du? ? – – “ „– – Ich schreibe ihm zweimal ohne Antwort soll ich mich nicht rächen? und Vorwürfe! unwürdiger Freund! Na! Pace! das war Spas Na! Pace! jetzt kommt Ernst Ich denke noch oft an

Wie der große Bengel dastand und pustete, auf einem Horn welches noch einmal so groß als er selbst war.

Aber wirklich! ich habe dir darum nicht geantwortet weil ich dieser Tage so viel zu thun gehabt habe, daß ich selbst vom Latein französisch und Rechnen zusammengebaut war. Eine Doppelsonate, die ich componierte, kam dazu und so wurde ich selten vor halb 9 Uhr fertig. Freilich, du hast bei deinem Onkel gute Tage

.... le cor et la paresse se disputent mon con

Und glaube mir wärst du noch hier geblieben (und auch mein Freund) ich wäre zu weilen mit einer Hand voll Arbeit so gekommen wie du damals mit einer Hand voll Arbeit gekommen wärst, hättest du so viel zu thun gehabt.

Zu den zahlreichen Musikgenies und Weltreisenden, die in dem Musik-Eldorado des Banquiers Mendelssohn in Berlin gastfreie Aufnahme fanden, gehörte auch ein damals berühmtes Waldhornisten-Brüderpaar, das auf seinen großen Kunstreisen gern in Berlin Station machte. Joseph und Heinrich Gugel, jener 1770, dieser zehn Jahre später in Stuttgart geboren und Beide Schüler ihres Oheims Schöll in Wien, waren noch als Kinder von ihrem Vater, nur wenige Kreuzer in der Tasche und ihre Instrumente unterm Arm, mutterseelenallein zum Geldverdienen in die Welt geschickt worden. So kamen sie 1795 nach Hildburghausen, wo sie sofort als Kammermusici angestellt wurden und zehn Jahre lebten. Hier stand damals die musikalische Kunst in hoher Blüthe, die Herzogin (Charlotte, Schwester der Königin Louise von Preußen) galt als eine der größten Sängerinnen jener Zeit, von der selbst ein Reichardt sagte, daß sie allein im Stande sei, eine Marchetti (damals berühmteste italienische Sängerin in München) zu ersetzen; es lag also nahe, daß in den zum nicht geringen Theil sehr tüchtigen Mitgliedern der Capelle ein Wetteifer lebte, mit ihren Leistungen nicht zu tief unter ihrer Herzogin zu stehen. Und Das war die wahre Schule für beide Gugel. Vom achtbarsten Ehrgeiz getrieben, strengten auch sie alle Kraft an, auf ihrem Instrumente das Höchste zu leisten, – und sie erreichten dieses Ziel. Dieses Höchste suchten sie in einem sanften und seelenvollen Vortrag, einem leichten und sehr präcisen Ton, obgleich sie auch in dem, was man gewöhnlich unter Virtuosität versteht, keinem Waldhornisten ihrer Zeit nachstanden. Es war natürlich, daß sie sich auch als Künstler fühlten und sich nicht zum alltäglichen Gebrauch hergaben. Deshalb verweigerten sie entschieden den Gehorsam, als ihnen einmal zugemuthet wurde, bei einem Hofballe mit zum Tanz zu blasen, und da ihre Weigerung ihnen Arrest zuzog, so verließen sie den herzoglichen Dienst und trennten sich dann. Joseph reiste noch einige Zeit in Deutschland umher, ging dann nach Paris und ist seitdem verschollen. Heinrich wandte sich nach Petersburg, wurde erster Hornist am kaiserlichen Theaterorchester, und er ist es, der mit seinem damals zwölfjährigen Sohne sich im Winter 1818 wieder einmal im Mendelssohn’schen Hause aufhielt. Mit diesem Sohne Gugel, der damals schon ebenfalls als Waldhornvirtuos in Concerten mitwirkte und später auch als wirklicher Künstler Ruhm und Ehren davongetragen hat, schloß der für Freundschaft hochempfängliche Felix sofort einen ewigen Bund, und es entspann sich daraus ein fröhlich animirter Briefwechsel zweier gleichartiger Wunderkinder. Zu einer von Vater Mendelssohn veranstalteten Soirée; zu welcher eine glänzende Gesellschaft größerer oder geringerer Capacitäten geladen war, spielte Felix in einem Trio für Piano und zwei Hörner (letztere durch die erwähnten Virtuosen, Vater und Sohn, vertreten) seine Partie, trotz der Schwierigkeiten, welche in der Composition für seine kleinen Finger lagen, so überraschend schön, daß es dem Zurathen des gewissenhaften Lehrers Berger und dem Ansturme der Bewunderer gelang, dem widerstrebenden Künstlervater Mendelssohn die Erlaubniß abzulocken, daß Felix auch in [459] einem folgenden öffentlichen Waldhornconcerte mitwirken durfte. Das Concert hatte, wie zu erwarten, den glänzendsten Erfolg, und es ist deshalb ebenso natürlich als verzeihlich, daß die Erinnerung daran in Felix jubelnde Accorde weckte, die auch in seinem spätern Briefe noch lebhaft nachklingen. Wir theilen denselben, um unsern Lesern zugleich die damalige Handschrift Mendelssohn’s zu zeigen, als autographirtes Facsimile mit.

Das schelmische Lächeln dieses kindlichen Humors in trockenen

Ich lese so eben deinen Brief durch und sehe daß du Ende Octobers von Kaiserslautern reist. Ich habe Dir schon gesagt, warum ich nicht früher geschrieben; sehr leid aber würde mir es thun, wenn Du diesen Brief nicht erhieltest, Du hättest Ursache, böse auf mich zu sein. Unser Sophrihan befindet sich sehr wohl, und läßt dich grüßen, Herr Lerger auch; Dieter hat mir gesagt, ihr würdet bald wieder nach Berlin reisen; schreibe mir doch, ob sich dies bestätigt. Dieser Brief ist Abends 7 Uhr beendigt und ich lasse

deinen Vater durch ihn grüßen. Vergiß nicht mein Rudolphchen, meine nassen Küße; ich schreibe Dir hier trockenere, und bleibe ganz gewiß


dein Freund 
F. Mendelssohn


Da ich deinen
Brief erst den 28sten Dez.
erhalten habe so
datire ich
Berlin den 1sten November.
1819.

Küssen wirkt wahrhaft erquickend. Der Humor ist denn auch im Jünglinge nie vertrocknet, und wer seine Reisebriefe durchblättert, findet darin volle Sträuße humoristischer Blüthen. Wie viel Humor der gereiste Componist in seinen Capriccios, Scherzos, besonders aber im „Sommernachtstraum“ und in der „Walpurgisnacht“ herausgesprudelt hat, kennt jeder mit Mendelssohn’s Genius nur einigermaßen Vertraute. Sollte aber nicht in Mendelssohn die Erinnerung an das so folgereich für ihn gewordene Zusammenspiel mit den beiden Gugel in dem Waldhorntrio noch in späteren Jahren Nachwirkungen gehabt haben, daß vielleicht seine Vorliebe für süße und weiche Hornaccorde, denen wir in vielen seiner reizvollsten Compositionen begegnen, aus jenen tiefen Eindrücken der Kinderzeit gekommen und verblieben ist? Wie es auch sei, jedenfalls haben wir dem Waldhornfreunde Mendelssohn’s für gütige Ueberlassung des „trockenen Kusses“ in Briefgestalt unsern Dank auszusprechen.
B. S.

Zur Naturgeschichte des deutschen Komödianten.
3. Der Graf Hahn. Von Adolf Meyer.

Die Romantik der deutschen Bühne ist dahin. Mit Hendrich’s Tode schloß sie das Thor ihrer Wundergärten und stieg mit ihrem letzten Repräsentanten in’s Grab. Nach und nach folgten ihr die treuen Trabanten, die sogenannten Bühnenoriginale. Sie nahm sie mit sich in’s Reich der Vergessenheit. Das Leben dieser Bühnen-Trabanten war ein Stück Poesie, ein Stück jener duftigen, zauberhaften Romantik, die sich über das ganze damalige Theaterleben gleichsam ergoß.

Die originellste Erscheinung, die mir auf meinem Bühne-Wanderpfade begegnete, war der Graf Karl Hahn-Neuhaus. Nie wird diese Begegnung aus meiner Erinnerung schwinden. Graf Hahn-Neuhaus verdient es, der Vergessenheit entrissen zu werden, um bei dem jungen Nachwuchs der deutschen Bühnenwelt in frischem Andenken fortzuleben; denn Keiner wohl hat wie er dem Theater so ungeheure Opfer gebracht, Keiner ist der Bühne bis zu seinem letzten Stündlein so treu geblieben, wie er. Ich will es versuchen, dem geneigten Leser aus dem so vielbewegten Leben dieses seltenen Mannes interessante Ereignisse mitzutheilen, die ich theils selbst mit ihm erlebte, theils der Mittheilung meiner Collegen, die früher als ich dem originellen Greise nahe gestanden, verdanke.

Graf Karl Hahn-Neuhaus erblickte das Licht der Welt auf dem Gute Remplin in Mecklenburg im Jahre 1782. Das Schicksal bettete den kleinen Grafensohn in den Schooß eines [460] ungeheuren Reichthums. Sein Vater besaß zur Zeit seiner Geburt neunundneunzig Rittergüter in Mecklenburg-Schwerin, war demnach der größte Grundbesitzer des nördlichen Deutschlands.

Das zarte Alter des keinen Grafen hütete eine sogenannte Bonne bis zu seinem achten Jahre, dann aber schickte ihn sein Herr Papa nach Stockholm zu einem Onkel, der dort ein Regiment commandirte, um ihn den Pagen des Königs Gustav des Dritten einzureihen. Die Prachtliebe und der hohe Kunstsinn des Schwedenkönigs legten die ersten Keime zu der nachherigen überschwenglichen Pracht- und Theaterliebe in die Seele des kleinen Grafen; gar oft sprach er als hochbetagter Greis mit jugendlichem Feuer von jener Zeit, die er als Kind in Stockholm verlebt hatte. Oft erzählte er uns von den prachtvollen Ausstattungen der Opern und Ballets, welchen er damals mit beigewohnt. Ganz deutlich erinnerte er sich jener Ballnacht im Opernhause, wo König Gustav der Dritte durch die Hand Ankarström’s fiel. Ich werde später Gelegenheit finden, den Grafen selbst jene so verhängnißvolle Katastrophe erzählen zu lassen.

Nach dem Tode des Königs Gustav des Dritten wurde der junge Graf von seinem Vater nach Schloß Remplin zurückgerufen, um unter Obhut eines Hofmeisters an den Hof nach Schwerin zu gehen, wo er später mit dem jungen Erbgroßherzog Franz innig befreundet wurde. In Schwerin erhielt der kleine Cavalier von seinem Vater einen förmlichen Hofstaat, um es womöglich dem jungen Erbgroßherzog gleich zu thun. Der damals erst zehnjährige Knabe hatte Jäger, Bediente, die kostbarsten Pferde und Equipagen zu seiner Disposition. Nebenbei erhielt der kleine Graf Hahn von seinem Herrn Papa ein sehr bedeutendes Taschengeld, das wohl mit dazu beitrug, daß er nie den Werth des Geldes zu schätzen verstand. Schon damals gab er davon ein eclatantes Beispiel.

Einst spielte er mit dem jungen Erbgroßherzog auf dem heiligen Damm bei Doberan am Strande der Ostsee das sogenannte Wasserhüpfen, indem die munteren Knaben die spiegelglatte Oberfläche der See mit eigens dazu ausgesuchten flachen Steinen bewarfen. Als der kleine Erbgroßherzog gewahrte, daß die Würfe seines Freundes besser gelangen als die seinigen, sagte er zu seinem Freund: „Karl, wie machst Du’s, daß Deine Steine viel öfter aufschlagen und weiter hüpfen als die meinen?“ „Ja,“ antwortete der kleine Hahn, „ich werfe nicht wie Du mit Steinen, sondern mit Dritteln.“[1]

Im Jahre 1799 lebte Graf Hahn mit einem älteren Bruder längere Zeit in Hamburg, wo eine französische Schauspielertruppe, die im Apollotheater auf der großen Drehbahn Vorstellungen gab, seine höchste Aufmerksamkeit erregte. Eben so interessierte das Stadttheater unter Schröder’s Leitung ihn ausnehmend.

Drei Jahre später finden wir den theaterliebenden Grafen als flotten Studenten auf der Universität Greifswalde, um allda Cameralia zu studiren. Dort beschäftigte er sich mehr mit der damals in Greifswalde spielenden Klos’schen Schauspielertruppe, als mit dem Studium. Klos benutzte die Schwäche des jungen Grafen, indem er von demselben bedeutende Summen lieh, die er mit schwarzer Kreide in den Schornstein schrieb.

Durch rasch hintereinander folgende Todesfälle in seiner Familie gelangte Graf Hahn 1803, in seinem kaum vollendeten einundzwanzigsten Jahre in den Vollbesitz eines kolossalen Vermögens, über welches ihm jedoch schon nach fünf Jahren, seiner ungeheuren Verschwendungssucht wegen, auf Antrag seiner Verwandten, die freie Disposition entzogen wurde. Man setzte ihm eine Jahresrente von achttausend Thalern aus.

Aus jener Zeit, wo dem Grafen Hahn vergönnt war über sein Vermögen frei zu disponiren, erzählt man sich die unerhörtesten Dinge von seiner maßlosen Verschwendung. So ließ er zum Beispiel in seinem Schlosse Remplin ein Theater bauen, das nahe an 60,000 Thaler gekostet haben soll. Als die Königin Louise von Preußen im Jahre 1805 ihre hohen Verwandten in Mecklenburg-Strelitz besuchte, führte sie ihr Weg über Remplin. Der galante junge Graf ließ es sich nicht nehmen, die vom Volke fast angebetete Fürstin auf seinem Grund und Boden mit wahrhaft königlichen Ehren zu empfangen. Die große Allee, die zum Schlosse führte, krönte eine Ehrenpforte, die durch die kostbarsten und seltensten Gewächse geschmückt war. Die Königin weilte bis zur einbrechenden Nacht in Remplin. Kaum hatte die eintretende Dunkelheit den mächtigen Park des Schlosses nach und nach in Nacht gehüllt, so ließ der Graf der Königin zu Ehren ein prachtvolles Feuerwerk abbrennen. Die hohe Frau nahm dasselbe von einem Zelte aus in Augenschein, das zu diesem Zwecke aus den kostbarsten orientalischen Stoffen in der Mitte des Parks errichtet war.

Als das Feuerwerk beendet, erhob sich die Königin, um in der bereits harrenden Equipage ihre Reise fortzusetzen. Galant bot Graf Hahn der wunderbar schönen, gefeierten Frau den Arm, um sie durch den Park zum Wagen zu geleiten. Kaum hatte die Königin die Allee betreten, die zum Ausgang führte, so verbreitete sich über den ganzen Park ein heller Feuerschein. Erschrocken blickte sich die Fürstin um und sah zu ihrem Schrecken das kostbare Zelt in hellen Flammen stehen. Graf Hahn, der das Erstaunen der hohen Frau sofort bemerkte, sagte mit ritterlicher Galanterie, indem er sich tief verneigte: „Nach Preußens angebeteter Monarchin soll kein Sterblicher mehr unter diesem Zelte weilen.“

Nicht sehr lange nach dieser theuren Brandstiftung gastirte Iffland, damals Generaldirector der königlichen Bühnen in Berlin, auf besonderen Wunsch des Großherzogs in Schwerin. Es versteht sich von selbst, daß Graf Hahn keinen Augenblick säumte nach Schwerin zu reisen, um den Darstellungen des berühmten Mimen beizuwohnen. Er war entzückt von der eminenten Künstlerschaft Iffland’s und ruhte nicht eher, bis Iffland ihm das Versprechen gab, auf seinem Schloßtheater zu spielen. Nach drei Wochen erschien der große Künstler wirklich als Gast des überglücklichen Grafen in Remplin. Der Graf schwamm in einem Meere von Seligkeit, und Iffland war entzückt über seine Aufnahme; er ließ es sich gefallen, dem Verlangen des Grafen nachzukommen, in Kotzebue’s Ritterkomödie „Die Kreuzfahrer“ den Balduin von Eichenhorst zu spielen. Graf Hahn selbst spielte den Emir. Die übrigen Rollen waren durch die Noblesse der Nachbarschaft vertreten, so daß Iffland sich in der ausgewähltesten Gesellschaft auf der Bühne befand.

Das Publicum, welches das Ritterstück mit anschauen sollte, war durchaus nicht so exclusiv, wie die Darsteller desselben. Die ersten Plätze im Theater waren der Noblesse vorbehalten, die übrigen – nahm eine sehr gemischte Gesellschaft ein. Kurz vor Beginn der Vorstellung trat Graf Hahn im kostbaren Costüm des Emirs auf die Bühne. Mit Kennerauge überflog er das Arrangement der Decorationen und versicherte sich, daß sämmtliche Requisiten vorhanden wären. Da bemerkte er, als er durch das Loch im Vorhange sah, daß die ganze Galerie unbesetzt geblieben. Sofort befahl er seinen Bedienten, die schon als Knappen und Türken costümiert waren, die vor dem Theater gaffenden Bauern in aller Eile auf die Galerie zu treiben. „Schafft mir die Tölpel in’s Theater! Iffland soll nicht bei mir vor leerem Hause spielen. Und daß mir die Lümmel tüchtig in die groben Hände schlagen, wenn Herr Iffland auf die Bühne kommt! Einer von Euch giebt den Tölpeln das Zeichen, wenn Herr Iffland auftritt!“

Nachdem er diesen Befehl ertheilt und noch einmal auf der Bühne eine strenge Musterung gehalten, führte er seinen gefeierten Gast in die Garderobe. Bei seinem Eintritt bemerkt Iffland auf einem sogenannten Garderobeständer eine prachtvolle, vollständige Ritterrüstung von gediegenem Silber. Erstaunt fragt der Künstler den vor Wonne strahlenden Grafen: „Soll ich in dieser kostbaren Rüstung den Balduin spielen?“ Indem er sich vor dem Künstler tief verneigt, erwidert der Graf: „Der König der Schauspielkunst möge diese Waffen als sein Eigen betrachten und solche auch zu anderen Rollen anlegen!“ Iffland verweilte, vom Grafen hochgefeiert, volle drei Wochen in Remplin; dann ließ der Graf mit den schönsten Pferden seines Marstalls ihm bis Berlin Relais legen. Als nun Iffland in Berlin anlangte, übergab ihm der Kutscher einen Brief des Grafen, der die Bitte enthielt: Wagen und Pferde als sein Eigen zu betrachten.

Nachdem ein Iffland auf seiner Schloßbühne gespielt, war Alles für den Grafen fader Dilettantenkram. Verstimmt rief er: „All’ die Herren Grafen, Barone und Baronessen, die Komödie spielen wollen, haben nicht den geringsten Schauspielerpli; sie sind steif wie die Latten und zieren sich. Von nun an will ich mit wirklichen Schauspielern und Schauspielerinnen von Fach verkehren.“ Diesem Entschlusse folgte die That.

Schnell reiste er nach Schwerin; denn dort, glaubte er, [461] würde sein Verlangen am ersten gestillt. Allein er täuschte sich. Lange schon hatte sein Jugendgespiele, der inzwischen Großherzog von Mecklenburg-Schwerin geworden war, die von Tage zu Tage wachsende Leidenschaft des Grafen für die Bühne und die Opfer, die er derselben brachte, sehr mißbilligend bemerkt. Er erklärte dem Grafen rundheraus, es ferner nicht dulden zu wollen, daß ein Graf Hahn-Neuhaus, Landmarschall von Mecklenburg-Schwerin, auf seiner Hofbühne dem Theatermeister in’s Handwerk pfusche. Zugleich verbot er sämmtlichen Mitgliedern seines Hoftheaters bei Strafe der Entlassung, von dem Grafen Hahn Geschenke anzunehmen oder ihm Geld abzuborgen. Ueber diesen kategorischen Imperativ war Graf Hahn außer sich, doch konnte er dagegen nichts machen; er kannte den energischen Charakter seines Fürsten zu gut, um nicht zu wissen, daß er von Dem, was er einmal beschlossen, nie abging.

An einem Orte zu leben, wo es ein Theater gab, und mit demselben nicht verkehren zu dürfen, war für den Grafen Hahn ein Ding der Unmöglichkeit. Augenblicklich erbat er sich vom Großherzog einen unbestimmten Urlaub. Die Antwort auf sein Gesuch war kurz und bündig: „Graf Hahn mag gehen und fortbleiben, so lange er will. Franz.“

Nun waren die Fesseln der Convenienz gefallen. Graf Hahn war frei, ungebunden. Schnell reiste er nach Altona, wo das dortige Stadttheater von einem Doctor Albrecht geleitet wurde. Dort angelangt, ergötzte sich unser Graf nach Herzenslust; hier konnte der Großherzog von Schwerin seinem Landmarschall nicht verbieten, mit Schauspielern und Schauspielerinnen zu verkehren, ihnen Präsente zu machen und sich nach Herzenslust anpumpen zu lassen. Doch diese Herrlichkeit dauerte nicht lange. Der Oberpräsident von Holstein, Graf Blücher, legte auf Veranlassung des Großherzogs von Schwerin dem Grafen Hahn das Handwerk, indem er bei Entziehung der Concession dem Director Albrecht verbot, den Grafen Hahn die Bühne betreten zu lassen. Darüber empört, verließ Graf Hahn Altona und trat im Jahre 1813 in russische Dienste. Als Adjutant des Generals Tettenborn zog er mit diesem 1814 in Hamburg ein.

Zu dieser Zeit war Altona mit Truppen der Verbündeten außerordentlich gefüllt, so daß sich der Graf Blücher veranlaßt sah, die durch den Tod ihres Directors Albrecht verwaiste Truppe zu bestimmen, für eigene Rechnung in Altona theatralische Vorstellungen zu geben. Die kleine Künstlerrepublik kam dem Wunsche des Oberpräsidenten nach und stand sich sehr gut dabei. Das Theater war Abend für Abend überfüllt. Und dennoch drohte dem Unternehmen ein schnelles Ende. Intriguen aller Art verursachten in der Leitung des Ganzen eine chaotische Verwirrung. Jeder wollte herrschen, befehlen, anordnen. Den Ruin vor Augen sehend, wählte das Künstlervölkchen sich aus seiner Mitte einen Director, dem es das Steuer des lecken Schiffes anvertraute. Der Gewählte war ein Schauspieler Ruhland. Als Graf Hahn dies vernommen, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als seinen Abschied zu nehmen, nach Altona zu eilen und sich dem neuen Director unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit als stiller Teilnehmer bei seinem Unternehmen anzubieten. Ruhland, der es voraussah, daß seine Directionsführung über kurz oder lang dennoch aus dem Leime gehen würde, wenn er sie selbstständig und allein fortführe, fand sich durch das Anerbieten des Grafen sehr geehrt und nahm dasselbe sofort an. Er ging auf alle Bedingungen, die ihm sein erlauchter Compagnon stellte, ein, die so ziemlich alle darin gipfelten, daß er sich um das Cassenwesen, der Graf aber unbeschränkt sich um die artistische Leitung des Unternehmens zu bekümmern habe.

Jetzt begann für das Altonaer Stadttheater eine Periode, die es wohl nie wieder erleben wird. Graf Hahn war nun in seinem Elemente. Die besten Künstler und Künstlerinnen von Ruf ließ er in Altona gastiren oder engagirte sie sogar mit großen Gagen. Eine kostbare Garderobe wurde nagelneu angefertigt. Von dem berühmten Decorationsmaler Qualio, der gerade zur Zeit in Hamburg war, ließ er die schönsten Decorationen malen, die allgemeine Bewunderung erregten, entführte seinem Großherzoge das ganze damals sehr berühmte Balletpersonal und brachte so den Altonaern wie den Hamburgern den ersten Begriff von einem Ballete bei. Auch das Orchester verstärkte er bedeutend und stellte an dessen Spitze den vortrefflichen Musikdirector Suck; kurz, wo er seine Prunk- und Verschwendungssucht walten lassen konnte, geschah es in reichem Maße.

Das Stadttheater in Hamburg vermochte mit dem Altonaer nicht zu rivalisiren. Altona sah eine Sophie Schröder in all’ ihren Glanzrollen und hörte den berühmten Tenor Gärstecker in seiner Blüthezeit. Jede damals lebende Bühnengröße Deutschlands veranlaßte Graf Hahn gegen große Honorare in Altona zu gastiren. Das Altonaer Publicum, an eine solche Pracht nicht gewöhnt, wurde verblüfft und stutzig; es fühlte sich nicht mehr behaglich in seinem Theater und ließ es nach und nach leer, wenn der Graf seine Prachtstücke und seinen Zauberspectakel losließ. Hamburg hätte wer weiß was darum gegeben, wären solche Opern und solche Pracht entwickelnde Spectakelstücke unter den damaligen Verhältnissen zu ermöglichen gewesen. Die Altonaer besuchten ihr Theater nur dann, wenn das Repertoire desselben sogenannte Rührstücke, wie „Menschenhaß und Reue“, „Das Kind der Liebe“, „Johanna von Montsaucon“ brachte. Ganz besonders machte damals der Klingemann’sche „Faust“ in Altona Furore. Dieses Schauder- und Zauberstück gab dem Grafen Gelegenheit, seinen ganzen Zauberapparat und Teufelsspectakel auf das Glänzendste loszulassen. Feuerregen, bengalische Flammen, Teufelsfratzen und Teufelslärmen wurde angebracht, wo es nur im Geringsten zu motiviren war. Innig vergnügt und munter tummelte Graf Hahn bei diesem Stücke sein Steckenpferd. Er nahm dem Stücke den einfachen Titel „Faust“ und nannte es auf seinem Theaterzettel bombastisch „Doctor Faust’s Thaten und Höllenfahrt“. Darob ergrimmte der Dr. Klingemann ganz gewaltig, schrieb dem Grafen einen groben Brief, worin er verlangte, sein Stück unter dem einfachen Titel „Faust“ in Scene gehen zu sehen. Graf Hahn antwortete dem wuthschnaubenden Dichter:

„Ihr Titel ‚Faust‘ behagt mir nicht; der meinige – zieht besser. Sie haben Ihr Honorar; ich habe Ihr Stück. Kaufen Sie sich für Ihr Honorar, was Sie wollen. Ich mache mit meinem Stück, was ich will.“

Die Altonaer Theaterherrlichkeit nahm ein sehr trauriges Ende. Der Herr Director Ruhland hielt es für angemessen, sich mit der Casse, ohne seinem erlauchten Compagnon Lebewohl zu sagen, aus dem Dunstkreise seiner vielen Gläubiger zurückzuziehen, und überließ es dem hochherzigen kunstliebenden Grafen, den Mitgliedern die letzte Monatsgage zu zahlen, die er, obgleich in Casse, zu anderen Zwecken zu verwenden gedachte.

Nach dieser so traurigen Katastrophe kehrte der Graf nach Schwerin zurück, um dem Großherzoge ein „pater peccavi“ zuzurufen. Der Großherzog empfing den Grafen Hahn sehr gnädig und erlaubte ihm sogar ganz nach Behagen sein Steckenpferd zu reiten, weil er einsah, daß es eine Unmöglichkeit sei, den Grafen von seiner Theaterleidenschaft zu heilen. In Schwerin selbst mußte sich der Graf doch einigermaßen Zwang anthun. Kaum aber tauchte irgendwo in der Nähe eine Schauspielertruppe auf, flugs war der Herr Landmarschall von Mecklenburg-Schwerin verschwunden, um mit dem Völkchen herumzigeunern zu können. Machte solche Truppe Schulden, so bezahlte er sie großmüthig; dafür hatte er dann das Recht, die Bühne aufschlagen zu dürfen, auf derselben zu hämmern und Decorationen zu befestigen, Abends die Schauspieler und Schauspielerinnen zu costümiren, zu schminken etc. Trat Ebbe in die Casse des Herrn Theaterprincipals, so brachte der Graf die Fluth hinein; konnte er es nicht, so sang er dem trauernden Director mit der heitersten Miene aus der Zauberflöte vor: „Ich kann nichts thun als Euch beklagen, weil ich zu schwach zu helfen bin.“

So trieb es dieser originelle Kunstmäcen bis zum Jahre 1835. Ruhelos wanderte er von Ort zu Ort, um Direction zu führen. Zu dieser Zeit war es mir vergönnt, diesen so seltenen Mann als hochbetagten Greis von Angesicht zu Angesicht zu sehen und kennen zu lernen. Sein Erscheinen wird mir zeitlebens unvergeßlich bleiben. An einem heiteren Septembermorgen des Jahres 1835 wanderte ich, von Mannheim kommend, wo ich meine Gesangsstudien bei Friedrich Diez gemacht, in Leipzig ein. Kaum hatte ich mich ein wenig restaurirt und etwas Toilette gemacht, so suchte ich das Hotel de Bavière auf, in welchem sich hinten auf dem Hofe, zwei Treppen hoch, das damals einzig existirende Theateragenturbüreau befand. Ein Herr von Alvensleben, der auch zugleich Redacteur der Theaterchronik von Sturm und [462] Koppe war, leitete das Theateragenturbüreau; er sollte mir ein Engagement für lyrische Tenorpartieen vermitteln. In derselben Etage, wo sich das Büreau des Herrn von Alvensleben befand, war auch die Buchdruckerei der Herren Sturm u. Koppe. Alles trug die Spuren der Druckerschwärze, selbst die Thür, die in das Heiligthum des Theatergeschäftsbüreaus führte. Auf derselben prangte in großen schwarzen Lettern: „Theatergeschäftsbüreau von Sturm u. Koppe“.

Nachdem ich durch einige Druckpapierballen, die ungenirt umherlagen, glücklich mich durchgewunden – ich war so unvorsichtig und leichtsinnig, ein weißes Beinkleid anzulegen, das, wäre es mit den Ballen in Berührung gekommen, zebraartig geworden wäre – zog ich vorsichtig meinen weißen Handschuh aus und klopfte leise an die Thüre des Büreaus. Ein sonores „Herein!“ tönte mir entgegen. Vor einem Pulte stand ein hagerer, noch junger Mann mit einem intelligenten Gesicht. Mit feiner Manier hieß er mich willkommen und fragte mich nach meinem Begehren. Der junge, liebenswürdige Mann war Herr von Alvensleben. Ganz ungenirt kippte er einen Stuhl um, auf dem ein Wust von Papieren, Büchern etc. lag, und lud mich zum Sitzen ein. Nachdem ich dem liebenswürdigen Agenten, an dem sich seine jetzigen Herren Collegen ein Beispiel nehmen können, wie man Engagement suchende Bühnenmitglieder zu behandeln und zu empfangen hat, mein Anliegen mitgetheilt, rief er sehr heiter aus. „Ah! Das paßt ja ganz vortrefflich. Der Graf Hahn, gegenwärtig in Altenburg, sucht einen lyrischen Tenor. – Sie haben, soviel ich weiß, dergleichen Partien inne, denn Sie sind in dem mir übersandten Repertoire verzeichnet. Hier liegt Contract, Vorschuß und Reisegeld zu Ihrer Disposition. Wollen Sie zum Grafen Hahn gehen? Die Gage ist nicht sonderlich; doch rathe ich, das Engagement zu acceptiren.“

Als Herr von Alvensleben den Grafen Hahn nannte, war mein Entschluß gefaßt. Ohne weiter den Contract einzusehen, unterschrieb ich denselben, quittirte Vorschuß und Reisegeld und empfahl mich dem liebenswürdigsten aller Theateragenten, die ich später zu meinem Schrecken von einer ganz anderen Seite kennen lernen sollte. –

Mit einem Vermögen von zwölf Thalern in der Tasche bestieg ich ein Lohnfuhrwerk, das mich à la Schnecke nach Altenburg beförderte, um mich allda vor dem Hôtel Gotha rippenerschüttert und todtmüde abzusetzen. Kaum graute der Morgen, so trieb mich die Ungeduld, den Grafen zu sehen, aus dem Bette. Im Zimmer stand ein Fortepiano; schnell öffnete ich es und sang zum Aerger der noch schlafenden Gäste meine Scala. Nachdem ich sorgsam Toilette gemacht, wanderte ich gegen neun Uhr Morgens dem herzoglichen Schlosse zu, welchem gegenüber Graf Hahn in einem Hôtel wohnen sollte.

Der zum Schlosse führenden Rampe gegenüber befand sich wohl eine Herberge, aber keineswegs ein Hôtel; so ärmlich schien mir das Haus, daß ich unmöglich annehmen konnte, daß der Mann, der über Paläste verfügen konnte, je darin wohnen könne. Es stieg in mir ein gelinder Zweifel auf, ob ich den Kellner der Stadt Gotha auch recht verstanden, als er mir die Wohnung des Grafen Hahn beschrieb. Es schien mir unmöglich, daß der Graf in einer solchen Spelunke hausen könnte; ich fragte daher ein Mädchen, das aus dem Thorweg jenes Hauses trat, ob hier der Graf Hahn wohne. „Graf Hahn?“ fragte das verwunderte Mädchen. „Ah, mein gutes Herrchen, Sie meenen wohl den alten Komödiantenherrn? Ja, mein Lieber, der wohnt auf Nummer 13, eine Treppe hoch links.“

Da stand ich wie erstarrt. Die ominöse Zahl 13 frappirte mich. Doch ich entschloß mich, meinem Geschick zu folgen, und erstieg muthig die wacklige, nicht sehr saubere Treppe, wo mir auf eine Thür gemalt, die 13 entgegenstarrte. Tiefathmend blieb ich ein Weilchen vor der Thür stehen, um mich einigermaßen von meinem Erstaunen zu erholen; dann erst klopfte ich leise, worauf sogleich ein à la Recitativ gesungenes „Herein!“ ertönte. Ich trat schüchtern ein. Eine imposante, hohe Gestalt, in einen alten sehr defecten Schlafrock gehüllt, tauchte aus einer ungeheuren Tabakswolke, die einem großen, rohen Meerschaumkopfe entquoll, vor mir auf und zeigte mir, gleichsam von Tabakswolken eingerahmt, den schönsten Kopf eines Greises, den ich je gesehen. Ein Kranz von lockigen, silberweißen Haaren umschloß bis zu den Schläfen den kahlen Schädel, auf dessen Stirn eine in die Höhe geschobene schwarze Hornbrille ruhte. Das Gesicht des Greises zeigte noch jugendliche Spuren; es war freundlich und rosig frisch; ein prachtvoller schneeweißer Schnurrbart zierte den intelligenten Mund. Jeder Flicken auf dem mit künstlerischer Gewandtheit drapirten Schlafrock dünke mir das Wappenschild eines alten Ritters. Jede Bewegung des alten Herrn war elegant, hocharistokratisch.

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.

Zur „Auflösung der physiognomischen Aufgabe.“ (Mit Portrait. Seite 451.) Es freut uns, berichten zu können, daß auch diese physiognomische Aufgabe lebhaftes Interesse in allen Kreisen unserer Leser gefunden hat. Schon jetzt, wo erst die Hälfte der Auflage der Gartenlaube in den Händen der Besteller ist, beträgt die Zahl der Briefe, welche die Aufgabe zu lösen suchten, mehrere Hunderte; sie kann also noch bedeutend wachsen, ehe die vorliegende Nummer zu den Abnehmern gelangt ist. Die zwei Portraits aus früheren Jahren sind Meisterwerke des ausgezeichneten Künstlers A. Bürde in Berlin. An der Aehnlichkeit derselben mit ihrem Originale ist nicht im Geringsten zu zweifeln, und doch haben nicht wenige unserer Freunde durch unsere Fragestellung und Motivirung auf Seite 414 sich irre führen lassen und auf Krupp, Minister Falck und Andere gerathen. Eine Frau war es, die uns das Auskunftsmittel schrieb: man brauche mit den Fingern oder zwei Papierstreifen nur Haupt- und Barthaar des Portraits Nr. 2 zu bedecken, so trete die Auflösung unverkennbar von selbst heraus.


Schlegel oder Schopenhauer? Es giebt Persönlichkeiten, deren Charakterbild sich allmählich mit einem mythischen Legendenkreis umzieht. Eine solche scheint Arthur Schopenhauer zu sein. Schon in einem frühern Jahrgang der „Gartenlaube“ (1868, Nr. 35) wurde eine Anekdote erwähnt, die ebenso von Schopenhauer, wie von einem Capitain R. erzählt wird.

Kürzlich wurden nun in der Wiener „Deutschen Zeitung“ einige Briefe Schopenhauer’s veröffentlicht, und in der Einleitung erzählt der Herausgeber dieser Briefe, Dr. Karl Freiherr du Prel, Folgendes. „Schopenhauer sei ein Meister in der Erzählungskunst gewesen. Unter Anderm habe er irgend eine gewisse komische Geschichte gar trefflich und effectreich zu erzählen gewußt. Einer seiner täglichen Tischgenossen gerieth auf den sonderbaren Einfall, sich in den Besitz des Erzählungsrechtes jener Geschichte zu setzen. Eigenthümer einer irgendwie merkwürdigen Dose, welche Schopenhauer früher, jedoch vergeblich, zu erwerben getrachtet hatte, bot er nun dieselbe dem Philosophen gegen Abtretung des Erzählungsrechtes an. Der Tausch kam in’s Reine, und es währte nicht lange, so regte sich in dem Mann die Lust, von seinem erworbenen Recht Gebrauch zu machen. Aber dies geschah nicht nur insofern in der ungeschicktesten Weise, als er hierzu den passenden Anlaß nicht abwartete, und die Geschichte förmlich bei den Haaren herbeizog; sondern auch im Vortrag selbst gab er eine solche Unbeholfenheit kund, daß die Pointe der Erzählung ganz verloren ging und der Effect völlig abgeschwächt wurde. Unser Philosoph, schon bei den ersten Worten des Erzählers ärgerlich geworden, rückte im Verlauf derselben immer unruhiger auf seinem Stuhle hin und her, bis er schließlich, ehe noch der Andere ausgeredet hatte, mit Lebhaftigkeit in die Tasche fuhr und, hastig die Dose auf den Tisch setzend, unter allgemeinem Gelächter in die Worte ausbrach: ‚Da haben Sie Ihre Dose. Meine Geschichte will ich wieder haben.‘ Von dem Tage an trug Schopenhauer seine Erzählung wieder selbst vor, wenn sie dem Gespräch Würze zu geben vermochte. – Soweit Dr. du Prel. Nun vergleiche man damit: Auerbach, „Deutsche Abende“, neue Folge, S. 143, abgedruckt aus der „Gartenlaube“, 1860, wo ganz dieselbe Geschichte von den Brüdern Schlegel erzählt wird.

Sollte die Geschichte wirklich zweimal, zuerst den beiden Schlegel und dann Schopenhauer, so ganz in derselben Weise passirt sein?
R. Ph.

Wieder eine sprachliche Unart. Zu den in Nr. 1 und 3 der Gartenlaube gerügten falschen Ausdrucksweisen, die sich hier und da bereits eingebürgert haben, möchte auch die zu rechnen sein, daß das Particip des Passiv häufig in activer Bedeutung und mit einem näheren Objecte verbunden gebraucht wird. So liest man sehr oft in Zeitungsannoncen: „Das mich betroffene Unglück“ statt: „Das mich betroffen habende Unglück“, oder besser: „Das Unglück, welches mich betroffen hat“. In einer gewissen Zeitung las man kürzlich sogar: „Die Eigenthümer des die ‚Nordfleet‘ in den Grund gebohrten ‚Murillo‘ statt: „Die Eigenthümer des ‚Murillo‘, welcher die ‚Nordfleet‘ in den Grund gebohrt hat“: Sonst wäre ja der ‚Murillo‘ in den Grund gebohrt worden. Mit gleichem Rechte konnte man sagen: „Der den Knaben geschlagene Lehrer“, „Der den Bauer gestoßene Ochse“, etc. Da wäre ja aber der Lehrer der geschlagene, der Ochse der gestoßene, mit einem Worte: Das Particip des Passiv kann nie ein Object im Accusativ bei sich haben; das können nur die activen Formen des Zeitwortes. Somit ist auch die Redeweise: „Das mich betroffene Unglück“, welche namentlich ihrer Kürze wegen so Manchem plausibel erscheint, völlig falsch und unzulässig.
H. S.

Zur Beachtung. Den seit dem 1. Juli neu hinzugetretenen Abonnenten der Gartenlaube die Mittheilung, daß die Nummern 22–26, welche die Anfangs-Capitel der Herman Schmid’schen Novelle „Der Loder“ enthalten, gegen Vergütung von 7½ Ngr. zu ihrer Verfügung stehen.
Die Verlagshandlung.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Zwanzig Silbergroschen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ausburger