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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[389]

No. 24.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Held der Feder.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


„Allerdings!“ erklärte Henry, der es für gut fand, seine völlige Unkenntnis der Sache zu verbergen und den Eingeweihten zu spielen; er erreichte auch in der That seinen Zweck. Es war ihm gelungen, in dem Alten den Franzosen aufzustacheln, sich seinen Haß gegen den Feind dienstbar zu machen. Der Hausmeister wußte am besten, was heut Nacht im Gebirge drohte, und der Umstand, daß der Fremde ohne Wissen der Deutschen und allein dorthin wollte, überzeugte ihn, daß er es mit einem Verbündeten zu thun habe. Ein Anderer war verloren bei diesem Gange, also – der Hausmeister ließ seinen Widerstand fahren.

„Es giebt einen solchen Weg,“ sagte er, die ohnehin schon leise geführte Unterhaltung noch mehr dämpfend. „Er führt über die Berge nach L. Die Deutschen kennen ihn nicht, hätten sie ihn aber auch durch Zufall entdeckt, für sie endigt er in der ersten Schlucht zur Rechten. Daß er sich jenseits derselben fortsetzt und durch den Wald mit unserem Park zusammenhängt, können sie unmöglich wissen, Aus- und Eingang sind zu sehr in Felsspalten und Gebüsch verborgen, es ist die Verbindung mit den Unsrigen.“

In Henry’s Augen blitzte eine wilde Befriedigung auf. „Gut! Und wie finde ich den Weg?“

„Sie gehen in den Park, die große Hauptallee hinauf – er ist nicht besetzt, die Posten stehen in weiterem Umkreise – zur Linken werden Sie eine Statue der Flora erblicken. An ihr vorüber und in die dicht dabei befindliche Grotte! Sie schließt sich nicht so eng an die Felswand, als es scheint, es ist ein Ausgang da nach dem Walde hinaus, dort folgen Sie dem engen Pfad durch’s Gebüsch, es ist nur einer, Sie können nicht irren, und in zehn Minuten haben Sie die Schlucht erreicht; sie mündet links in die Bergstraße, an dem Felsplateau, wo eine einzelne Tanne steht. Dort sind Sie bereits jenseits der Posten und weit genug von ihnen entfernt, um nicht mehr bemerkt zu werden.“

Henry war in athemloser Spannung gefolgt, als wolle er jedes Wort in seinem Gedächtniß festhalten, jetzt athmete er tief auf, ein Ausdruck düsteren Triumphes lag in seinen Augen, er nahm die Banknote vom Tische und reichte sie dem Franzosen.

„Ich danke Ihnen! Hier nehmen Sie!“

Der Alte zögerte. „Ich that es nicht für Geld, Monsieur!“ sagte er ernst.

„Ich weiß es! Aus Haß gegen den Feind! Sein Sie ruhig,“ um Henry’s Lippen zuckte wieder der eiskalte Hohn, „ich beschütze ihn heut Nacht sicher nicht! Aber die Auskunft ist mir mehr werth, als dies Papier, nehmen Sie es, es wird Ihr Gewissen nicht beschweren.“

Der Hausmeister warf noch einen Blick auf die Banknote, man wagte schwerlich eine solche Summe, blos um ihn zu compromittiren, und von so hohem Werthe wie dem finsteren Fremden war den Preußen der Weg sicher nicht. Er nahm das Dargebotene und murmelte einige Worte des Dankes.

Henry war im Begriff zu gehen, aber er wendete sich noch einmal um, und blickte den Alten fest und drohend an.

„Ihre Mitschuld sichert mir das Schweigen, ich brauche es Ihnen wohl nicht erst anzuempfehlen. Die Deutschen würden Sie füsiliren, wüßten sie, wer mir durch ihre Posten geholfen.“

„Ich weiß es, Monsieur!“ „Wenn ich also gegen Morgen zurückkehren sollte, so war der Eintritt in’s Gebirge unmöglich und ich habe die Nacht im Schlosse zugebracht. Sie wissen es nicht anders, Adieu!“ –

Auch in dem Zimmer Walther’s brannte helles Licht, er fand aber bei seinem Eintritt Niemand dort als Friedrich.

„Herr Doctor Behrend war die ganze Zeit hier,“ berichtete dieser, „und hat lange auf den Herrn Lieutenant gewartet, aber er wurde schnell in’s Dorf gerufen. Ich glaube, es steht sehr schlecht mit unserem Gefreiten Braun.“

Walther schien unangenehm durch die Nachricht überrascht zu werden. „Doctor Behrend ist schon fort? Ah, ich hätte ihn gern noch gesprochen!“

„Das wollte der Herr Doctor auch. Er sagte, ich sollte immer den Mantel und die Pistolen bereitlegen, Sie müßten heut’ Abend noch fort, Herr Lieutenant, und,“ es lag eine Art von Aengstlichkeit in der Stimme des Burschen, „und Sie würden mich diesmal nicht mitnehmen, wie sonst immer, wenn Sie eine Patrouille führen.“

„Nein, Friedrich, diesmal nicht!“ sagte Walther zerstreut. Er ging einige Mal auf und nieder, und blieb dann plötzlich stehen. „Es ist ja jetzt Alles eins!“ murmelte er vor sich hin. „Warum ihm nicht sagen, was ich Robert verrathen wollte! Friedrich!“

„Herr Lieutenant!“

„Es ist möglich, daß heut’ Nacht ein Ueberfall versucht wird, Ihr habt Befehl erhalten, auf einen Alarm gefaßt zu sein?“

„Ja. Ich soll von zehn Uhr ab mit noch zwei Mann im Park patrouilliren. Es wäre der Sicherheit wegen, meint der Herr Hauptmann, weil er nicht besetzt ist.“

[390] „Gut! Du siehst jedenfalls vorher noch den Doctor, es lag mir sehr viel daran, ihn noch zu sprechen, aber ich muß fort und kann nicht erst in’s Dorf hinunter. Du wirst ihm meinen Auftrag mittheilen, Wort für Wort, so wie ich ihn Dir sage, aber nur ihm allein, keinem Anderen, hörst Du?“

„Keinem Anderen!“

Die nächsten Worte schienen Walther unendlich schwer zu werden, er kämpfte erst noch einige Secunden mit sich selber. –

„Wenn es zum Kampfe kommen sollte, er ist der Einzige, der nicht daran theilzunehmen hat, und die Franctireurs hier herum sind aus dem schlimmsten Gesindel zusammengesetzt, dem nichts heilig ist – er soll Miß Forest schützen, so viel in seiner Macht steht.“

„Die amerikanische Miß?“ wiederholte Friedrich langsam.

„Ja!“ Walther zögerte wieder, dann aber brach es auf einmal voll und heiß von seinen Lippen. „Sage ihm, ich fordere es von ihm als eine letzte Freundespflicht. Miß Forest sei mir das Liebste gewesen auf der ganzen weiten Welt! Er soll sie schützen – wenn es sein muß, mit seinem Leben!“

Friedrich stand stumm in vollem Entsetzen da. Das also war die Auflösung jener räthselhaften Feindschaft zwischen seinem Herrn und der amerikanischen Miß! Der Kopf des Burschen begann zu wirbeln, er war völlig unfähig, den Zusammenhang zu begreifen.

„Du wirst das bestellen Wort für Wort?“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant!“ antwortete Friedrich mechanisch. Er stand noch immer wie festgewurzelt an seinem Platze und sah zu, wie sein Herr die Pistolen untersuchte und den Mantel umwarf; erst als dieser schon an der Thür war, stürzte er ihm auf einmal nach.

„Herr Professor!“

Walther blieb betroffen stehen und blickte sich um. Friedrich hatte ihn während des ganzen Krieges nicht so genannt, er vergaß nie den militärischen Titel seines Herrn, den mit großer Ostentation zu betonen stets seine höchste Wonne war. Wie kam er jetzt auf einmal mit dieser Erinnerung an B.? Befremdet von dem altgewohnten und doch so lange nicht gehörten Klange blickte Fernow in das Gesicht seines früheren Dieners, es war auffallend blaß, und es lag eine seltsame Ruhe in den sonst ausdruckslosen Zügen.

„Herr Professor,“ es war ein Ton flehender Angst in der Frage. „Müssen Sie denn wirklich ganz allein gehen? Können Sie mich nicht mitnehmen? Durchaus nicht?“

„Nein, ich kann nicht!“ sagte Walther ernst. „Was fällt Dir denn auf einmal ein, Friedrich? Du hast ja Dienst heut’ Nacht, und ich sollte meinen, die Aengstlichkeit hätten wir uns während des Krieges nachgerade abgewöhnt.“

Friedrich athmete schwer auf. „Ich weiß nicht, mir ist aber auch während des ganzen Krieges nicht zu Muthe gewesen, wie gerade jetzt. Vorhin spürte ich noch nichts davon, aber jetzt, wo Sie gehen wollen, überläuft es mich auf einmal eiskalt, Herr Professor!“ brach er plötzlich verzweiflungsvoll aus, „ich sehe Sie ganz gewiß nicht wieder!“

Walther blickte schweigend auf ihn hin. Seltsam! Auch diese robuste urgesunde Natur, die sonst geistigen Einflüssen wenig oder gar nicht zugänglich war, unterlag in diesem Moment einer Ahnung. War es die Liebe zu seinem Herrn, die ihm diesen Instinct gab? Dieser hütete sich wohl, irgend eine Weichheit zu zeigen, er wußte, daß das geringste Zeichen davon den riesenhaften Soldaten vor ihm um alle Fassung bringen und ihn zum schluchzenden Kinde machen würde.

„Du bist nicht gescheidt!“ sagte er halb unwillig und halb mit einem Versuche zu lachen. „Ist es denn das erste Mal, daß ich einer Gefahr entgegengehe? Schäme Dich, Friedrich, ich glaube gar, Du weinst!“

Friedrich antwortete nicht, aber er hielt die hellblauen Augen fest und unverwandt auf das Antlitz seines Herrn gerichtet, er sah mit einer in diesem Augenblick wunderbar geschärften Beobachtungsgabe, daß dessen Blick nicht mit seinen Worten übereinstimmte, er sah den Abschied darin, und fort war auf einmal alle Subordination, all die militärische Gewohnheit, die er monatelang so gewissenhaft beobachtet, er sah nur noch seinen Professor vor sich, den er so oft in all den Krankheiten gepflegt, den er behütet und bewahrt, wie eine Mutter ihr Kind, der ihm Zweck und Inhalt seines ganzen Lebens war. Er schluchzte laut auf, und ein Thränenstrom stürzte aus seinen Augen.

„Herr Professor,“ rief er schmerzlich, „wollte Gott, ich würde statt Ihrer niedergeschossen! Es giebt ein Unglück heut’ Nacht, ich weiß es! Einer von uns fällt gewiß!“

Walther lächelte traurig und sanft, er wußte, wer dieser Eine war, aber die rührende Anhänglichkeit des Burschen erzwang sich in der Abschiedsstunde ihr Recht. Er vergaß jetzt auch alles Andere, nur die langen Nächte der Krankheit nicht, in denen Friedrich an seinem Bette gesessen, mit einer Treue und Hingebung, die sich nicht bezahlen und nicht vergelten ließ, und – in solchem Augenblick fallen wohl auch höhere Schranken und füllt sich eine weitere Kluft aus – der Officier legte einen Moment lang leise seinen Arm um die Schulter des Dieners und drückte warm und innig dessen Hand.

„Gute Nacht, Friedrich!“ sagte er weich. „Was auch kommen mag, für Dich ist gesorgt, Doctor Stephan hat die betreffenden Papiere in Händen. – Und nun“ – er richtete sich schnell empor, „laß mich gehen, ich muß fort!“

Friedrich gehorchte, er ließ zögernd die Hand los, die er mit seinen beiden fest umschlossen hielt, und trat zurück. Walther winkte ihm noch einmal zum Abschiede und verließ dann rasch das Zimmer. Mit gesenktem Haupte schlich der arme Bursche zum Fenster, er sah die in den Mantel gehüllte Gestalt über die vom Monde hell beschienene Terrasse schreiten, er hörte den Schritt sich weiter und weiter entfernen, endlich ganz verhallen, und die bitteren Thränen stürzten ihm auf’s Neue aus den Augen, er fühlte es mit unumstößlicher Gewißheit, er hatte seinen Herrn zum letzten Male gesehen.




„Machen Sie auf, Jane!“ Weisen Sie mich nicht wieder unter irgend einem Vorwande zurück, es handelt sich um eine Angelegenheit von der äußersten Wichtigkeit, ich muß Sie jetzt sprechen!“

Mit diesen Worten klopfte Atkins energisch an Jane’s Zimmer und erzwang sich damit in der That den Eintritt. Der Riegel wurde zurückgeschoben und die Thür geöffnet. Es brannte auch hier Licht, und Jane war noch völlig angekleidet, ein Blick auf das Bett zeigte es noch unberührt, sie hatte wohl nicht an Schlafen gedacht. Sie trat ihm entgegen, mit einer düsteren Frage im Antlitz, die Augen waren wach und geröthet vor innerer Aufregung, aber Spuren vergossener Thränen zeigten sie nicht. Jane kannte nicht das Weinen, den so oft einzigen und unersetzlichen Trost des Weibes, sie hatte es verlernt seit ihren Kinderjahren. Das Schluchzen, mit dem sie einst am Sterbebette ihres Vaters zusammenbrach, mit dem vorhin ihre Kraft erlag, es kam über sie wild und heftig wie ein Krampf, aber thränenlos, ihre starre eiserne Natur kannte nicht einmal dies Zeichen von Weichheit, sie trug Alles, wie sie es den Vater hatte tragen sehen, wie ein Mann.

Atkins ließ ihr keine Zeit, die Frage auszusprechen, die auf ihren Lippen schwebte. „Es gilt eine Gefahr!“ sagte er hastig. „Ich dachte sie hinauszuschieben, abzuwenden, aber sie erweist sich stärker, als ich geglaubt. Meine Macht ist zu Ende, jetzt müssen Sie dazwischentreten.“

„Welche Gefahr?“ fragte Jane ahnend und athemlos. „Wovon reden Sie?“

„Von Alison und Mr. Fernow! Sie sind aneinandergerathen, Henry hat den Deutschen gefordert und dieser ihm die Genugthuung verweigert, weil er sich während des Krieges nicht schlagen kann oder darf. Henry brütet Rache – sie dürfen sich nicht zum zweiten Male treffen!“

Jane war zusammengeschreckt bei der Nachricht, aber sie faßte sich sofort wieder, eine überströmende Bitterkeit klang aus ihrer Stimme.

„Sie haben Recht! Die Beiden dürfen sich nicht zum zweiten Male gegenüberstehen, ein Kampf zwischen ihnen und um mich, das wäre mehr als Mord! Henry ist im Irrthum, es bedarf nur eines einzigen Wortes, ihn aus seiner Täuschung zu reißen, ich wollte es erst morgen thun, jetzt ist kein Augenblick mehr zu verlieren. Rufen Sie ihn sofort zu mir!“

Atkins schüttelte bedenklich den Kopf. „Das ist es eben! Henry ist nirgends zu finden, ich habe bereits das ganze Schloß vergebens nach ihm durchsucht.“

[391] „Und Walther? Um Gotteswillen, wo ist Walther?“

Atkins zog die Augenbrauen in die Höhe. Walther! Also so weit waren die Beiden doch bereits miteinander, und Henry sollte dennoch im Irrthum sein!

„Mr. Fernow ist im Gebirge,“ sagte er ernst. „In einer Dienstangelegenheit, wie er behauptet, und allein. Henry weiß das. Wenn er ihm folgte – Jane, ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, was dann zu fürchten steht.“

Jane stand einen Moment lang wie eine Bildsäule, dann aber riß sie sich gewaltsam aus der Erstarrung empor, ihre ganze Entschlossenheit kehrte zurück.

„Ich kenne Henry! Er darf nicht fort, ehe ich ihn gesprochen, wir müssen ihn zurück haben um jeden Preis. Ich glaube,“ sie legte die Hand an die Stirn, bemüht, trotz der betäubenden Angst, ihre Gedanken zu sammeln, „ich glaube, es führt nur ein einziger Paß von hier in’s Gebirge. Sagte man uns nicht so heute Morgen in P.?“

„Nur einer, und den halten die Deutschen besetzt, aber den Weg wird Henry schwerlich versuchen, er weiß, daß die Posten ihn unter allen Umständen zurückweisen würden.“

„So kann er nur im Parke sein, er ist sicher dort! ich werde ihn aufsuchen.“

Atkins bemühte sich unruhig, sie zurückzuhalten. „Um Gotteswillen,“ rief er, „bedenken Sie, wir sind im fremden Lande, mitten im Toben des Krieges, es ist Nacht, Sie können doch unmöglich allein –“

Jane hörte nicht auf ihn, sie hatte bereits ihren Reisemantel vom Tische gerissen und um die Schultern geworfen.

„Bleiben Sie hier, Mr. Atkins! Es könnte auffallen, wenn wir alle Drei das Schloß verlassen, man könnte uns zurückweisen. Sie vermögen doch nichts über Henry, Ihnen folgt er schwerlich hierher, ich muß ihn selbst sprechen.“

Sie war aus der Thür und die Treppe hinunter, noch ehe Atkins seine Einwendungen zu Ende brachte. Er ballte unwillkürlich die Hand.

„Das ist ja eine wahre Höllennacht! Dieser blauäugige Deutsche bringt uns noch alle Drei in Lebensgefahr! Aber Jane hat Recht, ich darf nicht auch noch hinaus, und überdies – es ist besser, sie machen das allein unter sich aus. Im Park muß sie ihn finden! Er kann nirgend anders sein!“ –

Der weitläufige, waldartige Park des Schlosses S. lag im hellsten Mondlicht und im tiefsten Schweigen, das nur von Zeit zu Zeit unterbrochen ward durch den schweren Schritt der Patrouille, die ihn auf Anordnung des Hauptmanns heute Nacht durchstreifte. Sie hatte ihre Runde durch die Hauptalleen beendigt, ohne auf irgend etwas Verdächtiges zu stoßen, und theilte sich jetzt, am Ende der Anlagen angelangt, dem erhaltenen Befehle gemäß, um einzeln den Rückweg anzutreten und auf diese Weise auch die entlegenen Gänge und Bosquets zu sondiren; Friedrich fiel der zur Linken befindliche Theil des Parkes zu, die anderen Beiden nahmen den zur Rechten und die Mitte auf sich, an der Terrasse wollten sie wieder zusammentreffen.

Langsam, sein Gewehr im Arm, schritt Friedrich auf dem ihm zugewiesenen Terrain vorwärts; er brauchte sich nicht gerade zu beeilen, es kam nicht auf die Zeit an, und besonders leise aufzutreten, was ihm jedesmal zur besondern Pein gereichte, brauchte er auch nicht; es hatte sich, wie schon erwähnt, bei der Runde nichts Verdächtiges ergeben. Der Bursche war einem Auftrage, dessen Ausführung besondere Intelligenz erforderte, nicht gewachsen; aber den einfachen Befehl, Augen und Ohren offen zu halten, die Umgebung möglichst genau zu beobachten und sich bei der geringsten Entdeckung, dem geringsten Unfall, sofort mit der Meldung davon in’s Schloß zurückzuziehen, den verstand er und erfüllte ihn pünktlich und gewissenhaft. Dieser Befehl hatte nebenbei noch das Gute, ihn von dem nutzlosen und trostlosen Grübeln über den Abschied seines Herrn abzuziehen, der Dienst erheischte die gespannteste Aufmerksamkeit und ließ ihm nicht Zeit zu trüben Ahnungen oder dergleichen.

Er hatte bereits einen Theil seines Terrains hinter sich und befand sich jetzt gerade an der Flora, deren weiße, vom Monde hell beschienene Statue sich inmitten einer weiten Rasenfläche erhob. Es war ihm noch besonders eingeschärft, an der dabei befindlichen Muschelgrotte nicht vorüberzugehen, ohne einen Blick hineinzuwerfen; er schritt also nach jener Richtung hin und hatte soeben die Statue erreicht, als er auf einmal stehen blieb und das Gewehr schußfertig hob. Aber er setzte es wieder ab, noch ehe der Anruf aus seinem Munde kam; das lange helle Gewand unter dem Mantel hatte ihn in der am Rande des Gebüsches auftauchenden Gestalt eine Frau errathen lassen, und als sie jetzt in’s Mondlicht hinaustrat und auf ihn zukam, erkannte er Miß Forest.

Friedrich’s früherer Argwohn begann sich wieder mächtig zu regen; er hielt noch immer hartnäckig an der Idee fest, daß die Fremden eigentlich Spione seien, und die „amerikanische Miß“ galt ihm dabei als die gefährlichste von allen Dreien. Daß sie eine Dame war, kam dabei wenig in Betracht; sie nahm es an Klugheit mit jedem Manne auf, und diese einsame und seltsame Begegnung gab dem Verdachte Friedrich’s nur neue Nahrung.

„Was machen Sie denn hier im Parke, Miß?“ fragte er mißtrauisch. „Sie sollten sich in Acht nehmen! Wäre Ihr Kleid nicht gewesen und hätten Sie mir vielleicht nicht die richtige Antwort geben können, ich hätte auf Sie geschossen.“

Jane beachtete die Drohung nicht, sie kam noch näher und blieb dicht vor ihm stehen. „Sie sind es, Friedrich? Gott sei Dank, daß ich wenigstens Sie finde!“

Friedrich zeigte sich wenig geneigt, in dies „Gott sei Dank!“ einzustimmen; er hätte sie in seinem Diensteifer wahrscheinlich sehr rauh angelassen, aber die Erinnerung an die Worte seines Herrn band ihm die Zunge und machte jeden herben Ton unmöglich.

„Gehen Sie zurück, Miß!“ sagte er nur. „Sie dürfen nicht hier bleiben, und ich darf es nicht leiden, daß Sie so herumstreifen.“

Jane schien sich an das Verbot so wenig zu kehren wie vorhin[WS 1] an die Drohung. „Sie haben den Park durchsucht?“ fragte sie hastig. „Sind Sie Mr. Alison nicht begegnet?“

Friedrich’s Argwohn wuchs. Mr. Alison! Nun sollte der auch hier sein! Trieb sich denn die ganze amerikanische Sippschaft hier draußen umher? Dem lag sicher etwas Besonderes zu Grunde.

„Mr. Alison ist nicht hier!“ sagte er mit großer Entschiedenheit. „Wir haben die Runde durch den Park gemacht, und wenn er da wäre, so müßten wir ihn gesehen haben. Er wird wohl anderswo sein.“

Ein jähes Entsetzen malte sich in Jane’s Zügen. „Allmächtiger Gott, ich kam zu spät! Er muß bereits einen Weg gefunden haben!“ murmelte sie verzweiflungsvoll; aber es war jetzt keine Zeit, sich der Verzweiflung hinzugeben, und die Begegnung mit Friedrich rief bereits einen neuen Hoffnungsstrahl in ihr wach.

„Wissen Sie, wohin Ihr Herr gegangen ist?“ fragte sie entschlossen.

„Nein, das weiß ich nicht!“ versetzte Friedrich störrisch, „aber ich sage Ihnen jetzt im vollen Ernste, Miß –“

„Er ist im Gebirge!“ unterbrach ihn Jane, ohne auf seine weitere Rede zu achten. „Ich muß gleichfalls dorthin, ich muß ihm folgen.“

Friedrich starrte sie im vollen Entsetzen an. „Gott steh’ mir bei, Miß, aber ich glaube, Sie haben den Verstand verloren! In’s Gebirge wollen Sie? Unter die Franctireurs wohl gar? Geben Sie sich nur zufrieden, dahin kommen Sie gewiß nicht, dafür sind unsere Posten da.“

„Ich weiß es!“ sagte Jane fest, „und doch muß ich hin. Man wird mich zurückweisen, aber Sie, Friedrich, kennen jedenfalls die Losung, Sie müssen mir durch die Posten helfen.“

Friedrich hätte im Uebermaß des Entsetzens beinahe sein Gewehr fallen lassen, dann aber richtete er sich stramm empor und blickte mit dem Ausdruck eines unendlichen Mitleides und Selbstgefühls auf die junge Dame nieder.

„Nun, Miß, man sieht es, daß Sie aus dem wilden und gottlosen Amerika kommen!“ sagte er mit großem Nachdruck. „Einem deutschen Christenmenschen fiele eine solche Sünde gar nicht bei! Ich soll Ihnen durch die Posten helfen? durch unsere Posten? soll Ihnen am Ende gar die Losung sagen? Sie haben wohl gar keinen Begriff davon, was ein Krieg und was ein Soldat eigentlich ist?“

Jane trat ihm noch einen Schritt näher, ihre Stimme sank jetzt herab bis zum Flüstern.

„Es gilt das Leben Ihres Herrn! Hören Sie, Friedrich, Ihres Herrn! Es droht ihm eine Gefahr, die nicht vom Feinde [392] kommt, von der er keine Ahnung hat und die ich nur allein kenne. Er ist verloren, wenn es mir nicht gelingt, ihn zu warnen! Begreifen Sie nun, daß ich um jeden Preis ihm nach muß?“

Eine schmerzliche Bewegung zuckte in dem breiten, treuherzigen Gesicht des Burschen. „Dacht’ ich’s doch!“ rief er kläglich. „Ich wußte es gleich, es giebt ein Unglück heute Nacht!“

„Es giebt keins,“ sagte Jane entschlossen, „wenn ich ihn rechtzeitig erreiche, und ich erreiche ihn sicher, sobald mir nur die Möglichkeit gegeben ist, ihm zu folgen. Sie wissen jetzt, um was es sich handelt, Friedrich, Sie werden mir helfen, nicht wahr?“

Friedrich schüttelte statt aller Antwort den Kopf. „Ich darf nicht!“ sagte er endlich dumpf.

Jane faßte in verzweiflungsvollem Flehen seine beiden Hände. „Aber ich sage Ihnen ja, es gilt das Leben Ihres Herren, ich sage Ihnen, er ist verloren ohne meine Warnung! Wollen Sie ihn denn sterben lassen, wo ein einziges Wort ihn retten kann? Friedrich, Gott im Himmel, Sie müssen es ja doch sehen, daß es hier keinen Verrath, keine Täuschung gilt, daß nur die Todesangst mich treibt um seinetwillen. Bei der Liebe zu Ihrem Herrn beschwöre ich Sie, helfen Sie mir durch die Posten!“

Friedrich blickte schweigend auf sie nieder, er sah und fühlte die Wahrheit ihrer Worte, das war wirklich Todesangst, die aus ihrem Antlitz redete, von ihren Lippen flehte, und diese Angst galt seinem Herrn, galt allein dessen Rettung – ein paar große, schwere Thränen rollten langsam aus den Augen des armen Burschen über seine Wangen herab, aber er faßte sein Gewehr nur fester.

„Ich darf nicht, Miß! Ich kann nicht fort von meinem Dienst hier, könnte ich’s aber auch, durch unsere Posten kommen Sie nicht und wenn – und wenn es meinem Herrn das Leben kostet. Sehen Sie mich nicht so an, bitten Sie nicht! Beim Herrgott oben, ich kann nicht anders!“

Jane wich zurück und ließ seinen Arm fahren, damit sank die letzte Hoffnung, das Gebot der Pflicht war für Friedrich stärker, als selbst die leidenschaftliche Liebe zu seinem Herrn – Atkins hatte Recht, sie waren furchtbar diese Deutschen, mit ihrem eisernen Pflichtgefühl.

„Also Walther ist verloren!“ sagte sie matt.

Friedrich machte eine heftige Bewegung. „Versuchen Sie mich nicht weiter, Miß! Friedrich Erdmann ist kein Verräther!“

Jane zuckte zusammen bei dem Worte, ihre Augen öffneten sich weit und schreckensvoll.

„Was ist das für ein Name? Wie heißen Sie?“

„Erdmann! Wußten Sie das nicht, Miß? Freilich, Sie haben mich nur immer Friedrich rufen hören.“

Jane stützte sich auf das Postament der Statue, ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, ihr Auge hing an dem vor ihr Stehenden mit einem Ausdruck, der nicht zu enträthseln war, Schmerz, Angst, Entsetzen, das alles flammte darin, und durch dies alles hindurch etwas wie die Ahnung eines unendlichen Glückes.

„Kennen Sie – kennen Sie einen jungen Handwerker, Franz Erdmann, aus M., der später nach Frankreich auswanderte, zuletzt in N. war, und jetzt im preußischen Heere dient?“

„Was werde ich den nicht kennen!“ sagte Friedrich betroffen, noch mehr durch den seltsamen Ton der Frage, als durch den Blick. „Es ist ja mein Bruder, das heißt, mein Pflegebruder, wie man das gewöhnlich so nennt.“

„Also –“ Jane’s Stimme erstickte fast in der furchtbarsten Erregung, „also Sie waren jener Knabe, den die Eltern Erdmann’s von Hamburg mitbrachten? der mit ihm in M. aufwuchs und nach dem Tode der Eltern von dem Pfarrer Hartwig aufgenommen wurde? Sprechen Sie um Gotteswillen, ja oder nein!“

„Freilich war ich es!“ bestätigte Friedrich, beunruhigt durch das seltsame Verhör gerade in diesem Augenblicke. „Aber, Miß, woher in aller Welt können Sie das wissen?“

Jane blieb ihm die Antwort schuldig, sie raffte alle ihre Kräfte zusammen, an der nächsten Frage hing für sie Tod und Leben.

„Und Mr. Fernow? Auch er wurde beim Pfarrer Hartwig erzogen, wie kam er dorthin?“

„Nun, ganz einfach, der Herr Pastor nahm uns Beide in einem und demselben Jahre in’s Haus. Mich zuerst aus Gnade und Barmherzigkeit, weil mich sonst Niemand wollte, und ein paar Monate später meinen Herrn, seinen Schwestersohn, weil ihm Vater und Mutter plötzlich gestorben waren und er sonst keine Anverwandten hatte. Ich war doch nun einmal da, er konnte mich nicht gut wieder fortschicken und so behielt er uns Beide. Gern that er es gerade nicht, und das Brod, was er uns gab, haben wir redlich abarbeiten müssen, ich im Hause, bis ich kein Glied mehr rühren konnte, und mein Herr am Schreibtisch, bis ihm die Feder aus der Hand fiel, er sollte mit Gewalt ein Gelehrter werden und im Anfange machte er doch weit lieber Verse. Nun, das hörte bald auf; der Herr Pastor verstand es, uns scharf zu halten. Gott habe ihn selig! Mir ist es erst gut gegangen, als er wirklich selig war, und als mein Herr, der sein Erbe wurde, mich bei sich behielt. Wir sind nun bald an die zwanzig Jahre zusammen gewesen.“

Jane hatte regungslos zugehört, die Hände gegen die Brust gepreßt, es war ihr, als müsse diese zerspringen, und doch war eine Felsenlast von ihr gesunken. Der Aufschrei des Glückes, der aus ihrem tiefsten Innern hervorbrach, galt er dem endlich gefundenen Bruder oder dem jetzt verlorenen, den sie so lange dafür gehalten – sie wußte es nicht, aber selbst der Gedanke an Walther’s Gefahr trat in den Hintergrund für diesen Augenblick, sie wußte nur Eins: der furchtbare Widerstreit in ihrer Seele war gelöst, der entsetzliche Kampf geendet. Was nun auch kommen mochte – die Liebe zu ihm war kein Verbrechen mehr!

„Friedrich!“ Sie legte die Hand auf seinen Arm, Friedrich aber wendete sich plötzlich von ihr ab und blickte gespannt nach der entgegengesetzten Richtung.

„Was giebt es da? Lassen Sie mich los, Miß! In der Grotte drüben ist es nicht geheuer. Wer da? Gebt Antwort!“

Es kam keine Antwort, aber Friedrich bedurfte auch ihrer nicht mehr, er wußte bereits genug. Der Mondstrahl, der schräg in den Eingang fiel, hatte es ihm verrathen, er hatte dunkle Gestalten gesehen und blitzende Flintenläufe. Die geistigen Fähigkeiten des Burschen waren im Moment der Gefahr nicht so untergeordnet, als im gewöhnlichen Leben. Was ihm an Intelligenz abging, das ersetzte er durch Instinct, und dieser leitete ihn stets richtig. Er berechnete nicht, daß seine beiden Cameraden, die nicht wie er aufgehalten waren, bereits viel näher am Schlosse sein mußten und die Meldung schneller dorthin tragen konnten, als er, daß es dort vor Allem darauf ankam, die Richtung zu wissen, aber er handelte genau so, wie es das Resultat einer solchen Berechnung gewesen wäre, und nahm alle Kraft seiner mächtigen Lunge zusammen.

„Verrath!“ donnerte seine Stimme laut durch den Park. „Ueberfall! Sie sind da! Sie kommen von der Grotte her! Achtung!“

(Fortsetzung folgt.)




Ein Blick hinter die Coulissen.[1]
Von Herbert König.
II.

Die Oper! Eine sehr reizende, aber auch sehr kostspielige Dame. Sie ist uns sehr bequem, denn wir können bei ihr viel hören und sehen, und brauchen dabei sehr wenig zu denken, woher es kommt, daß sie mehr Anbeter hat als ihre Schwester, das recitirende Schauspiel, und daß sie außerdem mit den abgelegten Kleidern derselben vorlieb nehmen muß. Daher dort Alles vornehmeren Zuschnitts, als hier. Wenn der Regisseur des Schauspiels sich nach der Probe an Erlanger Bier mit einem belegten Brödchen labt, thut es der Herr Capellmeister nicht unter Rheinwein und Austern; wo der erste Liebhaber nur unangenehm wird, ist der Tenorist schon unausstehlich;

[393]

 Der Capellmeister.  Coloratursängerin. Primadonna. Altistin.  Corps de Ballet nebst Pensionar.
     Buffo. Tenorist. Tiefer Baß.  Garderobier. Requisiteur. Theaterkind.  Dramatischer Dichter. Theateragent.

[394] bringt die erste Liebhaberin den Direktor durch allerlei Chicanen um seine Gesundheit, so ärgert ihn die Primadonna mindestens zu Tode.

Die Oper kostet durchschnittlich sehr viel und bringt sehr wenig ein, ihr Hofstaat ist zu groß, ihre Einnahme zu precair, so sehr die Fanatiker auch von den eklatanten Cassenerfolgen fabeln, wobei sie sich auf die stets übervollen Häuser und die doppelt oder dreifach erhöhten Preise berufen, aber vergessen, daß die ungeheuren Gagen der Opernmitglieder und die unsinnige Ausstattung Alles wieder verschlingen. So wenig wir auch sonst für eine besondere geistige Begabung seitens der Sänger einstehen wollen, indem zuviel Musiktreiben den Verstand eben nicht schärfen soll, ist es doch Thatsache, daß selbst die mittelmäßigsten Sänger mehr Vorkenntnisse zu ihrem Beruf mitbringen und ernster studiren müssen, als der Schauspieler. Ebenso werden Opern- und Orchesterproben weit sorgsamer abgehalten, als Schauspielproben, da ein musikalisches Ensemble schon von vorn herein jede Lüderlichkeit in der Behandlung ausschließt. Alle Hochachtung daher vor einem tüchtigen Operndirigenten, er heiße nun Capellmeister, Concertmeister oder Musikdirector, und wir wollen ihm dann gern die kleinen Männerchen und Mätzchen am Notenpulte verzeihen, wenn er den Tactirstock schwingt, wie ein blitzeschleudernder Jupiter, wenn er das eintretende Piano mit segenspendender Hand andeutet, wenn er den Musikern Rührblicke zuwirft, oder kühn über die Schulter sieht, als wollte er sagen: was meint Norddeutschland dazu, oder was kostet der indische Archipel?! Es gehört die ganze Begeisterung für seinen Beruf, eine Riesengeduld, ein eminentes Pflichtgefühl dazu, vierzig und noch mehr Proben (Zimmer- und Orchesterproben eingeschlossen) unter Umständen von einer Oper zu leiten, von der man bereits positiv weiß, daß sie durchfallen oder, was dasselbe ist, „nicht viel machen wird“. Trotzdem aber wird sie einstudirt und gegeben, weil man nicht wagt, hinter anderen Bühnen, obwohl sich diese bereits an dem Versuch verblutet haben, zurückzubleiben. Wir könnten ein hier drastisch einschlagendes Beispiel aus letzter Zeit anführen, leitete uns nicht wiederholt der Grundsatz, nicht eine Person, sondern nur die Sache schildern zu wollen.

Die Primadonna comme il faut, ist eine imperatorische Erscheinung vom Scheitel zur Sohle, die Etwas zuzusetzen hat. Je imposanter die Erscheinung, desto umfangreicher die Stimme – oder umgekehrt. Sie führt das Regiment auf der Bühne wie zu Hause, und selbst der Herr Capellmeister, sonst der absoluteste Monarch, der sich denken läßt, streicht vor ihr die Segel, und Director wie Intendant keuchen unter diesem Joch, jeder in seiner Weise. Eine Indisposition der Gefeierten versetzt das ganze Theater in Unruhe, eine wirkliche Heiserkeit in Verzweiflung, und die Wogen derselben dringen zuletzt bis an die Mauern der Residenz, ja überfluthen hier; und selbst Serenissimus bekommen nasse Füße. Kommt, wenn sie es zu weit getrieben hat, als letzter Bändigungsversuch eine ministerielle Verordnung, oder sogar ein Befehl, so lacht sie dazu, weil ihr ein Minister genau so lächerlich ist, wie jeder andere Erdenwurm, der nicht singen kann wie sie. Stürzt sie einmal nach einem großen Finale ab, ohne den erwarteten Applaus im Gefolge, so zittert Alles vor ihr, wie die Berliner Droschkenpferde vor einem dahersausenden Feuerwehrwagen, dem, wie bekannt, erlaubt ist, Alles niederzurennen, was ihm in den Weg tritt. Kommt sie zur Probe, so muß ihr der Regisseur den Muff abnehmen und die Hand küssen, sonst ist schlecht Wetter. Der Capellmeister fragt sie in einem Tone, so sanft, so rücksichtsvoll, als spreche er zu einer Sterbenden: ob sie auch wohl geruht habe, und der Requisiteur setzt ihr gegen alle Theaterordnung einen Lehnstuhl auf die Bühne, hart an die Lampen.

Ohne Blumen kann die Primadonna nicht existiren, und ihre Lieblingsbouquets müssen mindestens die Größe kleiner Wagenräder erreichen. Diese Blumenliebhaberei entspringt nicht etwa einem gewissen Sinn für die Natur, sondern man will sich dadurch ein mädchenhaftes Relief geben, aus dem ewige Jugend strahlt in einer Atmosphäre von Gerüchen, die sich der gewöhnliche Mensch nicht gut erzeugen kann. Ihre Garderobe muß bekränzt sein, sobald ihr Geburts- oder Namenstag ist oder sobald sie von einem ruhmgekrönten Gastspiel zurückkommt, bei welcher Gelegenheit außerdem „Familienapplaus“ befohlen wird. Wie die Stellung eines Gatten einer solchen Dame in den meisten Fällen ist, läßt sich hieraus leicht entnehmen. Der stolze Lenau wenigstens ahnte sie schon als Verlobter zu deutlich, um sie mit seiner Manneswürde vereinbar finden zu können „Lenau, meinen Hut! Lenau, meinen Mantel!“ konnte der edle Dichter nicht ertragen und löste ein Verhältniß, dem wir eins seiner schönsten Gedichte verdanken: „Weil’ auf mir, du dunkles Auge!“ Die Coloratursängerin ist fast immer ein sehr zart organisirtes Wesen, das schon seiner Nerven wegen, welche die echte Primadonna nur vom Hörensagen kennt, fügsamer Natur ist. Die Mezzosopranistin und Altistin, namentlich letztere, ist im Allgemeinen nachgiebiger, weil ihre Stimmlage eben kein allzu gesuchter Artikel ist und nur stark begehrt wird, wenn eine Zugoper wie etwa der „Prophet“ auftaucht, in der eine alte Mutter figurirt. Die geborene Altistin trägt sich gern à l’enfant, raucht Cigarettes und hat zuweilen ein Bärtchen über der Oberlippe, das den Neid eines Gymnasiasten erregt.

Der erste Tenor ist die männliche Primadonna, das heißt: er entspricht ihr in seinem Thun und Wesen bis in die feinsten Schattirungen. Ist nun nebenher, wie sich dies wohl ereignet, seine Muskelstärke der seines Geistes und seiner Bildung bedeutend überlegen, so wird er noch fürchterlicher, und der Zustand seiner Umgebung noch unbehaglicher, und er erlaubt sich das Unbegreiflichste, zumal ihm ein dumpfer Instinct sagt, daß das liebe Publicum eher ohne Constitution als ohne Tenoristen leben kann! Der „tiefe Bassist“, der stärkste Mann am Institut, ist seiner hohen Seltenheit halber nächst dem Tenor am besten bezahlt und wird von Denen besonders geschätzt, die einen Kapaunen einem Rebhuhn vorziehen. Die Tiefe seiner Stimme wird nur in Ausnahmsfällen von der Tiefe seiner Weisheit überragt; im ordonnanzmäßigen Zustande sucht er die Ungunst des Schicksals durch prätentiöses Auftreten in der Gesellschaft zu beschwichtigen. Er ist gastronomischen Freuden nicht abhold und beschäftigt sich in Mußestunden, deren er sehr viele hat, mit Domino- oder Kartenspiel. Auf eine pompöse Wohnung, die mit Möbel- und Buntdruckbildern geschmückt ist, hält er sehr viel.

Der „Buffo“ führt ein ruhiges, friedliches Dasein, thut auch nach Kräften seine Pflicht, kann aber dem Genusse ausländischer Flüssigkeiten auf die Dauer nicht immer mit Erfolg widerstehen. Außerhalb der Bühne hat er in Gang und Manieren etwas vom Cantor oder Pädagogen, denn er entstammt meist dem Seminar, und nur das joviale Weingesicht erinnert an den Matador der komischen Oper.

Das Ballet wollen wir als einen Lückenbüßer der Oper gelten lassen, eine tiefere Bedeutung kann ihm mit dem besten Willen nicht eingeräumt werden. Die Tänzergrazie ist eine sehr problematische, und ein Mann von wirklichem Kunstgeschmack kann kein Verständniß für diese Gliederverrenkungen, für dieses affectirte Gehen und Stehen, für dieses verzerrte Lächeln haben, höchstens Leute, die auf der Culturstufe eines Prudelwitz und Strudelwitz im Kladderadatsch stehen. Die Tänzergrazie, wir wiederholen das Wort, weil es uns am bezeichnendsten scheint, wird nie einen Künstler begeistern und so weit interessiren können, daß er sich dieses oder jenes tanzende Individuum zum Modell wünschte. Die wahre Grazie ist sich ihres Wesens immer unbewußt; je unbewußter, desto wahrhaftiger, desto naiver und reizender wird sie auf den Beschauer zurückwirken. Sie schließt jede Absichtlichkeit, jedes Paradiren und Coquettiren streng aus – man betrachte unsere Antiken. Es ist noch keinem großen Bildhauer jemals eingefallen, selbst die berühmteste Tänzerin zum Modell zu nehmen, er kann diesen durch alle Kunstkniffe und Ränke verdorbenen Körper unmöglich künstlerisch verwerthen. Effecthaschende Berechnung streckt ihr frivoles Gesicht aus allen Gliedern und der vielleicht sonst göttliche Leib wird seiner Würde entkleidet durch menschliche Zuthat und indem er das Gewand der Lüsternheit überstreift. Man kann uns entgegnen: „O doch! denn wie oft haben griechische Meister Tänzerinnen zum Modell genommen.“ Zugegeben aber der Tanz der Alten war, wie bekannt, ein ganz anderer und weit entfernt von dem carrikirten Wesen der modernen französischen Tanzweise, welche die einzelnen Körpertheile sogar von Krüppeln macht. Mir fällt hierbei der Gypsabguß des Beins einer berühmten Tänzerin ein, der die große Zehe gänzlich verunstaltet zeigte, indem der umgekrümmte Nagel tief in’s Fleisch eingewachsen war, eine Folge der Pirouette, dieses abgeschmacktesten aller Tänzerkunststückchen. Wenn daher morgen das ganze Ballet vom Theater gestrichen würde, der Kunst würde dadurch auch nicht um ein Tüpfelchen Eintrag [395] geschehen. Es ist ein Manöver, die Sinne zu kitzeln, das unter dem Deckmäntelchen einer Kunst mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung sein unverhülltes Spiel treibt.

Die Herren Balletmeister und Solistinnen werden allerdings Anathema über uns rufen oder in dritter Position die Nase rümpfen, aber das ändert nichts an der Sache und unserer Ansicht. Etwas Rührendes hat immer ein alter Tänzer, der auf seine letzten Tage noch in eine Löwen- oder Tigerhaut kriechen muß und höchstens zum Samiel im „Freischütz“ verwendet wird.

Noch tiefer aber ergreift uns der Anblick des unglücklichen „Theaterkindes“, das als Genius mit Flügeln und goldflitterndem Kleide hoch über der Bühne an einem Drahtseile schwebt und mit Hülfe starkaufgetragener Schminke und mit lächelndem Gesicht die blühendste Gesundheit heuchelt, während der Wurm schon längst im Kelch der Blume nagt.

Das Loos des Garderobiers und Requisiteurs ist ebenfalls kein beneidenswerthes. Jener streitet sich Jahr aus Jahr ein mit den Menschendarstellern herum, die immer in den prächtigsten Costümen umherstolziren wollen, dieser verbringt wie ein Dachs im Bau den größten Theil seines Lebens in einer dunkeln Kammer unter pappenen Schinken, Schwertern, Dokumenten mit ungeheuren Siegeln, Regenschirmen, Briefen und leeren Briefcouverts. Sein höchster Stolz ist ein echtes Schwert Wallenstein’s, das er direct von Schloß Friedland bezogen hat, das aber natürlich auch, wie Alles am Theater, unecht ist.

Wir schließen unsere Blicke hinter die Coulissen mit zwei Erscheinungen, die nicht direct, aber sehr indirect mit denselben in Verbindung stehen. Dem dramatischen Dichter von heute ist, mit wenig rühmenswerthen Ausnahmen, Schiller ein längst überwundener Standpunkt. Nach jedem noch so mittelmäßigen Erfolg geht er zur Stärkung seiner angegriffenen Gesundheit und Belebung seiner angegriffenen Phantasie regelmäßig in ein Bad und kehrt nach sechs Wochen vollständig gekräftigt und zu neuem künstlerischen Schaffen angeregt zurück, was zwar nicht mit Kanonensalven, aber unbeeinflußten Zeitungsartikeln dem europäischen Publicum angekündigt wird. Will ihn ein Bildhauer modelliren, so muß dies in ganzer Figur sein, Büste wäre gemein und gewöhnlich.

Wird er nach einem glänzenden Erfolge „hervorgejubelt“, so geschieht dies so oft, daß er zuletzt um die Dauerhaftigkeit seiner Stiefelsohlen besorgt werden muß, und der rasenden Menge nur noch durch den Regisseur seinen Dank stammeln läßt. Er debütirt gewöhnlich mit einem Stück, das mindestens tausend Jahre vor Christus spielt, und fällt gewöhnlich damit durch, weil er nicht begreift, daß die materielle Jetztzeit wenig Sympathie für dramatische Vorwürfe und Situationen aus der Stein- oder Bronzeperiode hat, ausgenommen sie werden behandelt von einem Dichter ersten Ranges. Es geht ihm genau damit wie manchen Historienmalern, die mit ihren Stoffen auch nur in die graue Vorzeit zurückgreifen um ihre Gedankenarmuth und den Mangel an jeglicher Charakterisirung hinter historischem Faltenwurf und trockenem (nach ihrer Meinung „tief empfundenes, tief kindliches“) Nazarenerthum zu verstecken.

Es giebt eine gewisse Sorte kleiner Fahrzeuge, die leicht umschlagen und den darin Sitzenden in die Fluthen stürzen und begraben, wenn eben keine rettende Hand naht. Sie heißen einfach „Seelenverkäufer“. Aber es giebt auch eine gewisse Sorte Theateragenten, die der Theatervolksmund ebenso getauft hat, und die kühn über ihre Thür die Worte aus Dante’s „Hölle“ schreiben können: „Wer hier eingeht, lasse die Hoffnung draußen!“ Der Theateragent verdankt seinen Ursprung der Bequemlichkeitsliebe der Herren Theaterdirectoren, die, anstatt selbst zu sehen, zu hören und zu prüfen, sich einfach ihren Bedarf verschreiben lassen. Daher die vielen verfehlten Gastspiele und Engagements, unter deren Streichen das arme gequälte Publicum so oft bluten muß. Der Theateragent ist nicht mehr der kleine gebückte Jude von ehemals mit abgeschabtem Rocke und fettigem Hute; er ist ein stolzer vornehmer Herr, oft mit fürstlichem Hausstand, Livréedienern und Equipage. Er zeigt weltmännische Bonhomie oder giebt sich das Ansehen eines strengfinstern Biedermannes, der nur für das Wohl seiner Pfleglinge besorgt ist, indem er keck-vertraulich die plumpen dicken Finger auf die weiße Schulter einer dringend empfohlenen Kunstjüngerin legt und dabei wie ein Prediger von der Kanzel spricht. Er nimmt mäßigen Anteil an der Kunst selbst, aber dafür hohe Procente für Gastspiel- oder Engagementsabschlüsse, er giebt ein Blatt heraus, das seine Unterthanen oder Leibeigenen halten und sehr theuer bezahlen müssen, er liegt wie ein Cerberus vor den Thüren der Theaterexpeditionen und wehe Dem, der ohne seine Vermittelung zu einem Gastspiel oder einem Engagement gelangen will! Zuweilen giebt er eine große Fête, bei der die ersten künstlerischen Kräfte ihre Mitwirkung nicht versagen dürfen, und fließt dann der Champagner und man interpellirt mit dem landläufigen „Ach, das ist wirklich zu viel!“ so sagt der gemüthliche Gastgeber lachend: „Laßt es gut sein, Kinder, Ihr müßt es doch bezahlen!“

Der Vorhang falle. Und schienen Diesem oder Jenem unsere Betrachtungen hier und da zu wenig geschminkt, so geschah dies allein um den Preis der Wahrhaftigkeit, die uns bei dem wichtigen Thema von Anfang bis Ende leitete. Uebrigens motivirte noch kürzlich ein hochberühmter Schauspieler, dem das deutsche Publicum seine Achtung als Künstler wie als Mensch nie versagen wird, sein Ausscheiden von der Bühne damit: daß die Misère des heutigen Bühnentreibens mit seinen Ansichten über die Bedeutung des Theaters im Staat zu wenig harmonire.


Die Krankheiten des Haupthaares und ihre ärztliche Behandlung.[2]
Vom Stabsarzt Dr. J. Pincus, Docent an der Universität zu Berlin.

„Hülfe, Herr Doctor! Hülfe! Sie haben in Ihrem Aufsatz über den Haarschwund uns mitgetheilt, was die ärztliche Wissenschaft ergründet hat. Wir sind keine Barbaren und wir erfreuen uns daher an den Fortschritten der Wissenschaft an und für sich. Aber wir denken: das Wissen ist doch nicht immer das höchste Ziel, es soll oft ja nur die Vorstufe des Könnens sein! Und außerdem und ganz persönlich und ein ganz klein wenig egoistisch gesprochen (Sie lächeln? Sie tadeln uns doch nicht?): wir haben eine kleine Glatze, oder wir haben Grund zur Besorgniß, sie möchte kommen – also kurz herausgefragt: was vermag die ärztliche Kunst?“

Ich lache Sie nicht aus, meine verehrte Dame ober mein verehrter Herr, und ich schelte Sie nicht eitel! Und was meine Arbeit betrifft, so wissen Sie: die höchsten Entdeckungen sind den edlen Geistern vergönnt gewesen, die nach Wahrheit suchten nur um der Wahrheit willen, ohne Rücksicht auf die Lösung eines praktischen Problems – aber wir kleineren Götter, an die die Noth des Menschen in verschiedener Gestalt täglich so nah herantritt, wir praktischen Aerzte, wir vergessen der praktischen Probleme nicht. Vollends ich nicht, der ich durch mein eigenes Leiden vor vielen Jahren zu dieser Specialität geführt worden bin. Ich lächelte nur, weil es schien, als scheuten Sie sich, unbefangen über Ihr kleines Leiden zu sprechen; als fürchteten Sie, ich möchte Sie für tadelnswerth eitel halten, weil Sie von Ihrem Leiden befreit sein wollten. Keineswegs tadle ich Sie! Aber diese Scheu findet sich so häufig und verleitet die Patienten, an unrechter Stelle Hülfe zu suchen. Nun zur Sache! Was ich vermag, thue ich gern. Wie zeigt sich denn Ihr Haarleiden?

„Ich hatte ursprünglich reiches und kräftiges Haar, von hübschem Glanz, so daß ich nur selten etwas Oel oder Pomade zu nehmen [396] brauchte. Allmählich büßte das Haar an Stärke und Glanz ein; ein so massenhaftes Ausfallen hat eigentlich niemals stattgefunden und ich habe auch nirgends eine kahle Stelle; aber im Ganzen ist der Haarboden und namentlich auf dem Mittelkopf erheblich dünner als vor Jahren.“

Was vermuthen Sie als Grund Ihres Uebels?

„Ich wüßte Ihnen gar Nichts anzugeben. Ich bin im Ganzen gesund. Vor Jahren litt ich etwas an Bleichsucht und mäßigen Unterleibs-Beschwerden; es fand sich damals auch eine geringe Schüppchen-Bildung auf dem Kopfe ein. Jene Beschwerden gingen vorüber; die Schüppchen-Bildung blieb bestehen. Ab und zu trat ein mäßiger Kopfschmerz, an der Stirn oder auf dem Wirbel, auf und derselbe stellt sich auch jetzt mitunter ein, jedoch belästigt er mich niemals in solchem Grade, daß ich genöthigt wäre, mich zur Ruhe zu legen. Diese Dinge sind nicht erheblich und ich kann nicht annehmen, daß die früheren oder jetzigen so unerheblichen Beschwerden in dem Grade nachtheilig auf meinen Haarwuchs eingewirkt haben sollten.“

In dieser Voraussetzung freilich irren Sie. Die wenigsten Ihrer Leidensgefährten haben über die Entstehungsursachen der chronischen Haarkrankheiten richtige Ansichten. Es ist aber die Vorbedingung jedes vernünftigen Heilverfahrens, daß die Quellen des Leidens aufgedeckt werden.

Von je drei Patienten, die zu mir kommen, hat immer einer die Disposition zu seiner Haarkrankheit ererbt; der Vater oder die Mutter haben früh ihr Haar eingebüßt, von den älteren Geschwistern sind einige früh kahl geworden. Sind die Eltern früh gestorben, so läßt sich an einem Onkel, einer Tante, an Vettern und Basen noch die Disposition feststellen.

„Wird denn die Neigung zum vorzeitigen Haarverlust immer vererbt?“

Bewahre! Wäre dies, so hätten unsere Perrückenmacher nicht Hände genug. Finden sich in einer solchen durch Erblichkeit zu Haarkrankheiten geneigten Familie zahlreiche Geschwister, so zeigen nicht alle die frühzeitige Kahlheit. Die Beobachtung lehrt, daß, wie ich schon sagte, nur die Disposition, die Hinneigung zu der Krankheit vererbt wird. Gelingt es, in der Jugend diejenigen Schäden, welche erfahrungsgemäß das Haar angreifen, fern zu halten, so wird auch diese krankhafte Disposition getilgt.

„Es wird also in einem solchen Falle wesentlich sein, das Haar richtig zu pflegen. Aber die Meinungen, wie eine solche Pflege gehandhabt werden muß, scheinen so wenig festzustehen; man hört oft genug widersprechende Rathschläge.“

Nach meiner Ansicht sind alle wichtigen Momente klar, wenn es sich um ein Haar handelt, das etwas schwächlich ist oder zu werden droht. Es ist mit dem Haar wie mit dem Gesammtkörper: eine sehr starke Constitution kann sich Mancherlei bieten, ohne Schaden zu nehmen; ein ursprünglich sehr kräftiges Haar verträgt Vieles – das schwächliche verlangt eine sehr sorgsame Behandlung. Und diese sorgsame Behandlung muß schon sehr früh beginnen.

Zunächst müssen die Kopfausschläge in früher Kindheit aufmerksamer behandelt werden als es zu geschehen pflegt. Früher nahm man an, daß alle Kopfausschläge Ausdruck einer „Schärfe des Blutes“ seien; man hütete sich, sie zu beseitigen; man betrachtete sie als eine Art Sicherheitsventil dafür, daß die „Schärfe“ sich nicht auf edlere Organe werfe. Jetzt wissen wir, daß diese Ansicht nur für Ausnahmsfälle richtig ist, daß vielmehr in den allermeisten Fällen jene Ausschläge rein örtliche Krankheitsprocesse sind, die baldmöglichst geheilt werden sollen. Dauern sie nicht lange an, so bilden sie nur einen mäßigen Reiz für den Haarwuchs und das Haar erscheint nach einiger Zeit in noch größerer Fülle als vorher. Aber bei längerem Bestehen wird der Reiz so stark, daß eine Erschöpfung der Haut eintritt – nur zeigt sich diese Erschöpfung in ihren Erfolgen bei den complicirten Wachsthumsverhältnissen des Haares nicht sofort, sondern erst nach vielen Jahren.

Bezüglich des späteren Kindesalters bemerke ich, daß die Frisur der Mädchen, so lange sie die Schule besuchen, oft eine ungeeignete ist: die Zeit am Morgen vor dem Beginn der Schule ist knapp, es wird etwas rasch und in Folge dessen etwas rauh mit dem Kamm durch das Haar gefahren – viele Haare reißen in Folge dessen ab. Ich habe sehr häufig bei Schulmädchen aus vermögenden Ständen bei der Untersuchung des Haarausfalles fast die Hälfte der Haare abgerissen gefunden, eine solche Behandlung verträgt ein nur mittelstarkes oder gar ein schwaches Haar nicht. Reicht die Zeit, mit Sorgfalt einen Zopf zu flechten, aus, so ziehe ich diese Frisur allen anderen vor; reicht sie nicht hin, so schneide man das Haar kurz.

Diese beiden hier erwähnten Momente sind nach meinen Erfahrungen für die erste Jugend die wichtigsten, für die nun folgenden Lebensjahre hebe ich folgende Punkte hervor:

Von sehr vielen Personen wird die Kopfhaut durch zu häufiges oder zu starkes Bürsten gereizt. Fährt man täglich ein- oder zweimal leicht mit der Bürste über den Kopf hin, so thut man dem Haar keinen Schaden, aber ein Bearbeiten des Kopfes, um ein rebellisches Haar durchaus glatt zu bürsten oder um die letzten Schüppchen zu entfernen, bekommt der Haut schlecht.

Die jetzige Mode verpönt den Gebrauch des Haaröls; namentlich die Damen wünschen, daß jedes Haar einzeln dem Auge des Beschauers sich präsentire; das Haar soll rauh und damit voll aussehen – ein kräftiges Haar verträgt das, ein anderes nicht. Ein sehr starkes Haar wird von dem Oel seiner eigenen kleinen Fettdrüsen genügend durchtränkt; aber schon bei einem mittelstarken ist diese Durchtränkung keine beständige. Aufmerksame Personen wissen, daß ihr Haar an einem Tage voller erscheint als an einem anderen. Dieses Schwanken rührt zum Theil von den verschiedenen Wasserfüllungen des Haares her (je nach dem verschiedenen Füllungszustand der Kopfhaut), zum Theil aber auch von einer nicht genügenden Durchtränkung mit dem natürlichen Oel; in diesem Fall wird das lebende Haar hygroskopisch (ähnlich dem ausgekochten Haar) und verändert sich je nach der größeren oder geringeren Sättigung der atmosphärischen Luft mit Wasserdunst. Ein Haar, welches solche Schwankungen seiner eigenen Füllung oft erfährt, zeigt unter anderen unangenehmen Erscheinungen auch eine fatale: es spaltet sich. (Um Mißverständnissen vorzubeugen, bemerke ich: das Spalten kann auch noch von anderen Ursachen herrühren.) Gegen dies Uebel kann oft erfolgreich eingeschritten werden – ein wesentliches Mittel hierbei ist die reichliche Anwendung des Oeles.

„Bekommt dem Kopfhaar überhaupt besser ein flüssiges Oel oder eine mehr feste Pomade?“

Für die meisten Köpfe ist Oel und Pomade gleich zuträglich. Da das Oel dem Haare eine Weichheit giebt, welche es leicht dünner erscheinen läßt, so habe ich bei Denjenigen, welche einen solchen Schein gern vermeiden, Nichts gegen den Gebrauch einer Pomade, wenn sie gut zubereitet und frisch genug ist, d. h. wenn sie außer reinem Fett, einem unschädlichen Farbstoff und etwas wohlriechendem Oel nicht noch andere, reizende Bestandtheile enthält. Ist die Pomade sehr fest (d. h. enthält sie sehr viel Wachs), so dringt von dem Fett sehr wenig in das Innere des Haares, es bleibt an der Oberfläche und es erscheint das Haar etwas voller – will man diesen Zweck erreichen, so mag man eine wachsreiche Pomade anwenden; aber eine Durchölung des Haares und der obersten Schicht der Kopfhaut erreicht man auf diese Weise nicht.

Mein dringender Rath geht außerdem dahin, von Pomade und Oelen immer nur kleine Quantitäten anzuschaffen. Die Fette zersetzen sich oft ziemlich schnell und ein Product dieser Zersetzung (die Fettsäure, deren Gebrauch wir als ranzig bezeichnen) ist dem Haar sehr nachtheilig. Wo daher für das Haar Vorsicht geboten ist, rathe ich zur Anwendung eines thierischen oder pflanzlichen Oeles ohne jeden wohlriechenden Zusatz; man kann sich dann vor jedem jedesmaligen Gebrauch leicht überzeugen, ob der Geruch noch ganz rein oder schon ein wenig ranzig ist. Im letzteren Falle darf man es als Haaröl nicht mehr anwenden. Will man dem Oel einen wohlriechenden Zusatz geben, so füge man einen Tropfen kölnisches Wasser oder einer anderen wohlriechenden Flüssigkeit dem bereits für den sofortigen Gebrauch abgegossenen Oel bei.

„Wenn man das Haar öfter ölt, stellt sich das Bedürfniß nach häufiger Waschung des Kopfes ein. Was soll man für diesen Zweck verwenden? Seifenwasser? Honigwasser? Kamillenthee?“

Sehr viele Menschen haben eine so geringe Schweißabsonderung am Kopfe und eine so geringe Abschilferung der Oberhaut, brauchen auch so wenig Oel oder Pomade, daß das tägliche Durchkämmen des Haares für die Reinigung genügt – sie brauchen gar kein Waschmittel. Wird eine Waschung zwar [397] nöthig, aber nur selten (etwa jeden Monat einmal), so kann Seifenwasser genommen werden; hingegen ruft der häufige Gebrauch des Seifenwassers eine ziemlich starke Reizung hervor: es trat dann ein Gefühl von Spannung, von Trockenheit und nicht selten eine vermehrte Schüppchenbildung ein. Hier eignen sich nur milde Mittel: das käufliche Honigwasser und Veilchenwasser habe ich aus verschiedenen Droguerien und Parfümladen gekauft und brauchbar gefunden. Das viel angewendete Eigelb ist auch mild, nur braucht man hinterher eine zu große Menge Wasser; besser ist mit Rücksicht hierauf und sonst ganz ebensogut das Weiße des Eies. Am liebsten wende ich folgendes Waschmittel an, das jede Hausfrau für sich und die Ihrigen selbst bereiten kann und das am wenigsten reizend ist: ein Eßlöffel voll Kleie (Mandel- oder Weizen- oder Roggenkleie) wird in einen kleinen Topf kochenden Wassers geschüttet und etwa zwei bis fünf Minuten aufgekocht; das Wasser wird dann durch ein Leinentuch geseiht und lauwarm oder kalt, je nach der Gewöhnung des Kopfes oder je nach dem Wohlbehagen, als Waschmittel benutzt. Empfindliche Naturen sollen nach jeder Waschung ein bis zwei Stunden lang jede starke Abkühlung vermeiden und, sobald die Haare völlig trocken geworden sind, Haut und Haare einölen, es dringt dann das Oel am tiefsten ein und schützt vor dem Eintreten des lästigen Spannungsgefühls.

Dies sind die Momente, welche meine Erfahrung mich als die wichtigsten für die Pflege des Haares gelehrt hat, und sie gelten für gesunde wie für kranke Haare in gleicher Weise.

„Genügt die Beachtung der von Ihnen angeführten Verhaltungsmaßregeln zur dauernden Conservirung des Haares?“

Für die meisten Menschen allerdings; für diejenigen hingegen nicht, deren Haarbildungsstätte von bestimmten Krankheitsreizen getroffen wird.

„Kann man sich gegen diese Krankheitsreize schützen?“

Gegen die meisten allerdings – indeß damit betreten wir ein neues und sehr wesentliches Gebiet der Lehre von den Haarkrankheiten. Für dieses wünschte ich Ihre volle Aufmerksamkeit; diese ist aber heute schon zu sehr in Anspruch genommen worden, und wenn es Ihnen genehm ist, brechen wir daher hier die Consultation ab und beginnen bei der folgenden gleich mit diesem wichtigen Punkte.


Das gespenstige Steinewerfen.
Von Fr. Gerstäcker.

Es ist eine merkwürdige Thatsache, daß die meisten Menschen, selbst die Gebildetsten der verschiedenen Nationen nicht ausgenommen, abergläubisch sind – das heißt, daß sie irgend einen kleinen oder größeren Winkel in ihren Herzen haben, in dem der sonst so starre und unbeugsame Verstand Nichts zu suchen hat. Ob sie nun an Ahnungen oder Sympathien, an Ohrenklingen oder „Berufen“ glauben, ob sie nicht zu dreizehn an einem Tisch sitzen wollen, oder sich scheuen Nachts einen Gottesacker oder eine Kirche allein zu betreten – es liegt eben etwas in ihrem Nervensystem, das mit dem Materiellen in keinem Zusammenhang steht, und die Einwirkung einer für sie geheimnißvollen Welt nicht ausschließt.

Was ist der Traum? – wir wissen es nicht, so viele Gelehrte auch schon versucht haben, eine Erklärung desselben zu geben. Was ist Somnambulismus, was Magnetismus, was sind selbst jene Ahnungen, die im Volke leben und unleugbar ihre Berechtigung haben? Wer von uns Allen weiß da nicht merkwürdige Beispiele aus seinem eigenen Leben?

Sonderbarer Weise existiren außerdem Erscheinungen, die sich allerdings meist natürlich erklären lassen, aber das Merkwürdige trotzdem haben, daß sie unter den verschiedensten Völkern und zwar in gleicher Form auftauchen.

Nehmen wir z. B. das Steinwerfen, dem mein heutiger Aufsatz gilt, wo auf geheimnißvolle und unergründliche Weise Steine, die doch schwere, von „Geisterhand“ nicht leicht zu regierende Körper sind, fallen oder geworfen werden. Ich erinnere mich in früheren Jahren von mehreren Orten, selbst hier in unserem Vaterland gehört zu haben, wo Aehnliches vorgekommen sein soll, wenn sich auch nie Bestimmtes oder Authentisches darüber erfahren ließ. Umsomehr war ich erstaunt, als ich in Java der nämlichen Sage begegnete, und mir dort ruhige und verständige Männer versicherten, daß ihnen dergleichen einzelne Fälle bekannt seien, die, von glaubwürdigen Leuten – von gebildeten Europäern constatirt, einen Zweifel über die Thatsache kaum aufkommen ließen, und doch jeder natürlichen Erklärung spotteten.

Es gelang mir damals nicht, Näheres, das heißt von Augenzeugen Belegtes darüber zu erfahren, und erst jetzt durch einen Freund, der selber seine halbe Lebenszeit auf Java zugebracht, bin ich in den Stand gesetzt, einige solcher Fälle, die damals von der holländischen Regierung selber untersucht, aber trotzdem keineswegs aufgeklärt wurden, in ihren Einzelnheiten und selbst mit Nennung der wirklichen Namen mitzutheilen.

Ich kann nur hinzufügen, daß die Glaubwürdigkeit meines Gewährsmannes, der selber eine vorzügliche Erziehung genossen hat, keinem Zweifel unterliegt, ja daß viele Leute noch leben, die alles dies bestätigen können. Ob sich diese von vielen Zeugen constatirten Thatsachen je aufklären werden, ist die Frage; ich selber maße mir kein Urtheil darüber an und will dem Leser den Bericht nur so geben, wie ich ihn selber erhalten habe, und wie er ihn in Java noch heutigen Tages bekräftigen hören kann.

„Der westliche Theil Javas hat zu allen Zeiten dem Besucher ein interessantes Feld der Beobachtung geboten. Ein wildes Gebirgsland, durchklüftet, von zahlreichen Bergströmen zerwühlt, die in tiefen Schluchten dahinstürzen und größere und kleinere Cascaden bilden. Berge und Thäler, noch heutigen Tages mit dichtem, sich meilenweit erstreckendem Urwald bedeckt, der Aufenthalt zahlreicher Tiger, Rhinozerosse und wilder Stiere. Dazu die vielen, oft in der malerischesten Waldeinsamkeit gelegenen Seen, an deren Ufern der Pelikan und Ibis melancholisch einherschreiten. Daraus aber ragen einige zwanzig theils ausgebrannte, theils noch thätige Vulcane mit ihren heißen Sprudeln, Schwefelgruben und aufquellenden Wasserdämpfen empor, die in majestätischer Ruhe und ununterbrochen ihre Rauchmassen Tausende von Fuß hoch dem blauen Aether entgegensenden, bis sie plötzlich, in erderschütternden Convulsionen, kochenden Schlamm, rothglühende Trachytmasse, Sand oder Asche speiend, nach allen Richtungen Tod und Verderben werfen.

Hier ist es, wo seit urhistorischen Zeiten der Stamm der Sundanesen[3] seinen Wohnsitz aufgeschlagen; ein Volk, in ethnographischer Hinsicht ebenso merkwürdig, wie die Topographie ihres in obigen kurzen Zügen beschriebenen Vaterlandes.

Mit unverbrüchlicher Treue am Alten hängend, einfach, friedliebend, bieder, und nur da stets kampfbereit, wo es galt, der Heimath gutes altes Recht gegen die Anmaßung der benachbarten ‚Javanen‘ zu wahren, hat sich das Bergvolk der Sundanesen von manchen Fehlern und Untugenden ihrer östlichen Stammesgenossen, der Javanen oder Manduresen, fern zu halten gewußt.

Die holländische Regierung war dabei, auf diesen Racenunterschied fußend, von jeher beflissen, ihm auch in politisch-administrativer Hinsicht Rechnung zu tragen, und wir finden noch heutzutage die Sundanesen in der sogenannten Preanger Regentschaft im Besitz und Genuß einer gewissen Willensfreiheit und Selbstbeherrschung.

Kein Wunder, wenn ein Volk, unter solchen Verhältnissen aufgewachsen, mit all seinem konservativen Sinn und von einer so wunderbaren Scenerie umgeben, auch seiner Phantasie die Zügel schießen ließ; – etwas ganz Aehnliches, unter fast gleichen Verhältnissen, finden wir ja auch bei uns in Europa bei den Schotten.

Der Glaube an eine Geisterwelt, an gute oder böse Genien ist in der Preanger Regentschaft allgemein verbreitet, und obwohl das Volk äußerlich dem Islam anhängt, giebt es dort wohl kaum einen Berggipfel, Wasserfall oder eine Felsengruppe, woran der Volksmund nicht diese oder jene Legende knüpfte. Selbst der ganze Strand der südlichen Küste, ja manch ein aus dem grünen Laubdach emporsteigender riesiger Wipfel wird davon heimgesucht.

[398] So herrscht auch in den Sundalanden allgemein, und übrigens im ganzen indischen Archipel, vorzüglich in den Molukken, der weit verbreitete Glaube an jene eigenartige Erscheinung aus dem Gebiet einer der materiellen Existenz fernstehenden Welt, welche sich selbst dem Auge des Menschen dadurch kundgiebt, daß in einen verschlossenen Raum Steine geworfen werden, oder Sand oder Kies niederfällt.

Der Name, den man dieser Erscheinung unter den Sundanesen oder Javanen, wie auf den Molukken giebt, ist Gendarúa oder Gundarua, und unter den Eingeborenen wird es als etwas ganz Selbstverständliches betrachtet. Ein Fall brachte aber auch einmal, vor längeren Jahren, die ganze europäische Bevölkerung des Sundalandes in volle Aufregung, und ihn zu schildern, der, beiläufig gesagt, nie aufgeklärt wurde, ist der Zweck dieser Zeilen.

Im Jahr 1836 oder 37 lebte in Sumadang, in den Preangern, eine Familie v. Kessinger. Herr v. Kessinger, wahrscheinlich ein Deutscher von Geburt, stand im Dienst der holländischen Regierung und war Assistent-Resident, also höchster Verwaltungsbeamter eines Districts (Sub-Residentschaft). Die Familie bestand nur aus zwei Personen, aus ihm selber und seiner Gattin, einer in Indien geborenen Dame. Kinder besaßen sie nicht, dagegen hatte – was in Indien und besonders bei kinderlosen europäischen Familien sehr häufig geschieht – ein kleines, damals etwa zehnjähriges Mädchen von eingeborenen Eltern zu allen Zeiten freien und ungehinderten Zutritt zum Hause. Der Vater der Kleinen diente als Koch bei Kessinger.

Herr v. Kessinger bewohnte, wie alle Assistent-Residenten auf Java, eine sogenannte Dienstwohnung, ein in einem Garten freistehendes, aus Holz und Brettern errichtetes, mit gewöhnlichen Dachziegeln gedecktes, einstöckiges Gebäude.

Eines Tages spielte das kleine Mädchen wie gewöhnlich im Zimmer der Frau v. Kessinger. Ihr Gatte war gerade abwesend und auf einer sogenannten Inspectionsreise begriffen. Da springt das Kind plötzlich auf, rennt weinend zu Frau v. Kessinger und jammert, daß man ihre weiße Kabaya (das gewöhnliche vorn offene und rockähnliche indische Kleidungsstück) mit rother Sirihspucke beschmutzt habe.[4]

Die Sache wurde sofort untersucht, aber ohne ein Resultat zu erzielen. Frau v. Kessinger glaubte auch natürlich, daß die Flecke von der Unart irgend eines der übrigen Dienerschaft Angehörenden herrührten. Die Kleine bekam ein reines Kleidchen, und man hielt die Sache für abgemacht.

Da springt das Kind auf’s Neue auf, ihre Kabaya ist wieder wie vorher von rothen Sirihflecken beschmutzt und zu gleicher Zeit fällt ein Stein von der Größe eines Hühnereies zu Füßen der Frau v. Kessinger nieder, als wäre er von der Decke herabgestürzt. Dieselben Erscheinungen wiederholen sich aber in kurzen Zwischenräumen mehrere Male hintereinander, so daß Frau v. Kessinger. sofort einen Diener zum gegenüberwohnenden Regenten (dem Fürsten der Eingeborenen, der aber unter holländischer Botmäßigkeit steht) schickt, und ihn bitten läßt, zu ihr herüberzukommen.

Raden Adi Pali Aria Soerio Natto Hoesoemo, als Regent im Dienst der niederländischen Regierung, die ihn an die Spitze von etwa dreihunderttausend Seelen Eingeborener des Districts Sumadang gesteckt hatte, war ein Mann von erprobter Tüchtigkeit und Treue. Sein hervorragender Antheil an den Kämpfen der vieljährigen Unruhen in der nahen Residentschaft Cheribon hatte ihm den Rang und Titel eines Prinzen (Pangéran), eine große goldene Ehrenmedaille und den ersten Rang unter den Preanger Regenten eingetragen, Schon seit 1680 war aber auch die Würde eines Regenten von Sumadang in dieser Familie erblich, wie sie es jetzt noch ist.

Der Regent eilte sofort in die Wohnung des Assistent-Residenten, fand aber selber bald Gelegenheit sich von der Wahrheit des Erzählten zu überzeugen. Er ergreift jetzt alle erdenklichen Maßregeln, um dem Unfug zu steuern. Er läßt das Haus durch sein Gefolge besetzen und nachher sämmtliche Anwesende aus dem Zimmer selber weisen, aber die Sirihflecke auf den Kleidern der Kleinen zeigen sich trotzdem immer wieder auf’s Neue. – Ab und zu fällt auch wieder ein Stein nieder, der Vorgang bleibt unerklärlich, und man beschließt zuletzt, den Oberpriester zu rufen, um gewissermaßen den Teufel durch diesen auszutreiben.

Inzwischen war die Dämmerung eingetreten, der Oberpriester erreicht das Haus, legt seine Matte zurecht und setzt sich nieder, hat aber kaum, beim Schein einer Lampe, den Koran aufgeschlagen, um daraus vorzulesen, als, wie von unsichtbarer Hand, ein Schlag geführt wird, der das heilige Buch nach rechts und die Lampe nach links hinüberschleudert.

Frau von Kessinger fürchtete sich jetzt, die Nacht in diesem unheimlichen Hause allein mit dem Kinde zu verbringen, und nahm die Einladung des Regenten an, bis zum nächsten Tage mit dem Mädchen bei seinen Frauen zu schlafen, und dort blieb das Kind unbelästigt. Unter der Zeit riefen aber Eilboten Herrn v. Kessinger herbei, und kaum waren mit ihm Frau und Kind in die Wohnung zurückgekehrt, so wiederholen sich dieselben Vorfälle.

Während der Nachtzeit fällt selten ein Stein, aber auch am Tage wird nur allein das Kind mit Sirih bespuckt, während die anderen Personen unbelästigt bleiben.

Die Mähr dieser wunderbaren Begebenheit verbreitet sich indessen rasch in all den angrenzenden größeren Ortschaften und kommt endlich auch dem General-Gouverneur in Buitenzorg zu Ohren, der sofort einen seiner Adjutanten, den Major Michiels, zur Berichterstattung absendet.

Michiels, ein erprobt unerschrockener Militär, hatte mit großer Auszeichnung den letzten Javaschen Feldzug von 1826 bis 1829 (der der Regierung nahe an zwölftausend Menschenleben und fünfundzwanzig Millionen Gulden gekostet) als Colonne-Commandant mitgemacht. Er blieb später als commandirender General im Kriege gegen Bali 1848 vor dem Feinde, und seine Tapferkeit und Ausdauer hatten ihm sogar im ganzen Archipel (er war später Gouverneur von Sumatra) den Beinamen General Matjan (Tiger) erworben.

Michiels fand bei seiner Ankunft das Ganze noch genau so vor, wie es begonnen, und traf augenblicklich seine Vorkehrung, um dem Spuk auf den Grund zu kommen. Das Haus wurde besetzt und umzingelt, und er postirte selbst Leute auf das Dach und in die nächsten Bäume. Das Zimmer, in welchem der General sich befindet, wird mittelst weißen Zeuges zu einem Zelt umgestaltet. Der General nimmt dann das Kind auf den Schooß – und es wird wieder mit Sirih bespuckt, und wieder fallen die Steine, ohne jedoch Jemanden zu schädigen. Es waren Steine ganz gewöhnlicher Art, wie sie eben überall auf den Wegen und im Garten lagen. Bei starkem Sonnenschein fühlte man die Steine wie erwärmt, bei Regen naß, also frisch aufgenommen. Es fielen fünf bis sechs von ihnen gewöhnlich rasch aufeinander, wonach dann wieder eine Pause von oft einer halben Stunde eintrat. Nirgends zeigte die gut schließende Leinwand des Zeltes ein Loch. Die Steine fielen stets in grader Richtung von oben und wurden dem Auge erst etwa sechs Fuß über dem Erdboden sichtbar. An einem Tage sammelte man von diesen Steinen eine ziemlich große Kiste voll.

Nur ein einziges Mal fiel eine Papaya-Frucht (eine melonenartige Frucht, die an einem hohen palmenartigen Baume wächst) in’s Zimmer, und als man die Nachbarschaft absuchte, fand man auch den Stamm, von dem sie gebrochen worden. Dem Blattstiel entträufelten noch große Tropfen des milchigen Saftes. Ein andermal fiel ein faustgroßes Kalkmauerstück in das Zelt, das, wie sich herausstellte, an die Ecke des Kochherdes in die Küche gehörte.

Wieder ein andermal sah man deutlich den Abdruck einer feuchten Hand über einen Wandspiegel fahren – Stühle, Gläser und Teller wurden gerückt.

Michiels blieb mehrere Tage auf Sumadang. Sein officieller Bericht an die Regierung ist aus den Archiven verschwunden. Man fand nur einen Zettel mit der Bemerkung: „de stukken door den heer Baud naar Nederland medegenomen“ – die Stücke durch den Herrn Baud nach den Niederlanden mitgenommen.

Also hat sich der Herr General-Gouverneur diese jedenfalls höchst interessanten Papiere aus den Archiven ganz einfach zu seinem speciellen Vergnügen angeeignet, und sie existiren vielleicht noch in seiner Familie.

[399] Vermuthlich war es auch Herr Baud, welcher später König Wilhelm den Zweiten über jenen mysteriösen Vorfall in Sumadang unterhielt.

In Folge dieses traf in Indien der Befehl ein, man solle nochmals versuchen, der Sache, wenn irgend möglich, auf die Spur zu kommen. Der Schreiber dieser Zeilen befand sich damals in Sumadang (1854) und bewohnte das nämliche Haus, was v. Kessinger früher bewohnt und wo die vorher beschriebenen Scenen spielten, und es lebten damals wohl noch zwanzig Augenzeugen der damaligen Vorgänge. Die Meisten waren Eingeborene; es befanden sich aber auch zwei Europäer dabei, die Herren Dikhuis und Dornseif, und aus allen deren Aussagen, die unabhängig voneinander abgegeben wurden, entstand obiger Bericht.

Die Familie von Kessinger hatte Indien schon lange verlassen, der alte Regent war gestorben, das kleine Mädchen, die Heldin der ganzen Handlung, war schon zur Großmutter geworden, und zwar im Dienste des Herrn A. Baud, Theepflanzers auf Java – aber niemals wollte sie wieder Aehnliches erlebt haben.

Die Herren setzten allerdings eine Prämie von zweihundert Gulden aus für Jeden, der ihnen Gelegenheit geben würde einer solchen Gendarúa oder Erscheinung beizuwohnen, aber es verlautete in der Zeit nichts weiter davon. Auch die jetzigen Nachforschungen blieben, wie die vorigen, ohne entscheidendes Resultat.

General Michiels vermied es geflissentlich, in späteren Jahren auf eine Erzählung des Ereignisses einzugehen oder es nur zu berühren, da er die Erfahrung gemacht, daß es die Zuhörer gewöhnlich belächelten. Im Jahr 1847 nun drang der sich in außerordentlicher Mission in Indien befindende General von Gagern (später gefallen) eines Tags bei Tisch in ihn, die Sache zu erzählen. Michiels weigerte sich zuerst und erst auf wiederholtes Bitten gab er nach. Als General von Gagern aber ebenfalls lächelte, führte dies zu einer so heftigen Scene, daß Gagern endlich gezwungen wurde, förmlich Abbitte zu thun.

In Folge des persönlichen Auftrags der Regierung ließ es sich jetzt der damalige Resident von Sumadang besonders angelegen sein, auch noch anderwärts in Bezug auf derartige Erscheinungen Erkundigungen einzuziehen. Vom Regenten von Sukapure, im südlichen Theil der Regentschaft, vernahm er auch alsbald, daß zu Lebzeiten seines Vaters ein ganz ähnlicher Fall vorgekommen sei, dem er selber persönlich beigewohnt.

Einige wenige Miles von Sukapure entfernt lebte damals die Familie Teisseire. Herr Teisseire, ein geborener Franzose, war Aufseher einer dort bestehenden und der Regierung gehörenden Indigofabrik. Obgleich nun damals (es wird im Jahr 1834 gewesen sein) die Indigocultur als ein schwerer Druck auf den Eingeborenen lastete und auch später, als unhaltbar in dortiger Gegend, aufgegeben werden mußte, so stimmen sämmtliche Berichte überein, daß Herr Teisseire selber, wie auch seine ganze Familie, als freundlich gute Leute bei Allen beliebt waren.

Eines Tages, als die Familie noch bei Tische sitzt, fallen unerwartet einige eigroße Steine mitten auf den Tisch, und von jenem Augenblick an wiederholte sich die Erscheinung regelmäßig und beinahe unausgesetzt ungefähr vierzehn Tage lang, bald in dem, bald in jenem Zimmer des Hauses. Einige Mal wurde Herr Teisseire selbst, auf offenem Felde, auf einem Büffelkarren sitzend mit Erde und Büffekoth beworfen. Dann wieder fielen Büffelknochen, ja einmal sogar ein ganzer Büffelschädel in sein Zimmer.

Diese Gegenstände fielen stets senkrecht aus der Höhe nieder und sollen genau so wie später in Sumadang immer erst fünf oder sechs Fuß über dem Boden dem Auge sichtbar geworden sein.

Den Bewohnern des Hauses geschah übrigens körperlich nichts zu Leide.

Der Regent von Sukapure, mit der Familie Teisseire befreundet, eilte sofort herbei, und es wurde für ihn, wie gewöhnlich, eines der Gemächer zum Wohnzimmer hergerichtet. Kaum aber hat er sich Abends zur Ruhe begeben, so ward – wie sein Sohn, der junge Regent von Sukapure, versichert – vor des Letzteren Auge an dem Bette erst gerüttelt und dann das ganze Bett einige Mal in die Höhe gehoben. Es brannte dabei Licht in dem Zimmer, und es befanden sich auch noch einige Personen von des Regenten Gefolge darin. Der Regent sprang übrigens erschreckt vom Lager auf und verließ sogleich das Haus.

Das Gebäude selber stand hart am Rand des sehr steil abfallenden Ufers eines Bergstromes Tjitandoog, der etwa hundertfünfzig Fuß tief unter ihnen dahinsprudelte. Der Regent versichert, daß sie mehrere Male einen der gefallenen Steine mit einem Strich oder Kreuz von weißem Sirihkalk gezeichnet und dann in den Strom geworfen hätten; derselbe Stein sei aber mit demselben Zeichen, und zwar naß vom Wasser, immer wieder gekommen und oft kaum eine Minute später, als man ihn hinunter geworfen.

Wie in Sumadang verlief die Erscheinung auch hier ganz harmlos, nur dauerte sie in Sukapure bedeutend länger.

Der Resident Ament versicherte, ebenfalls Augenzeuge eines solchen Auftrittes gewesen zu sein.

Er befand sich als Inspecteur der Kaffeecultur in den Preanger Regentschaften auf Reisen, und hörte in Bandong von einer derartigen Gendarúa in einem kleinem Hause, das von einer alten Sundanesin bewohnt wurde und hinter den Gebäuden des Assistent-Residenten von Bandong lag. Der Assistent-Resident hieß Nagel. Mit diesem und dem Regenten von Bandong (dem eingeborenen Fürsten) wird verabredet, der Sache sofort auf den Grund zu kommen. Die eingeborene Miliz wird mitgenommen und das Haus, wie auch in Sumadang, selbst im Innern besetzt. Es hatte, wie alle diese Wohnungen der Eingeborenen, nur einen einzigen Wohnraum. Die alte Frau schreitet voran – unmittelbar hinter ihr der Resident Ament, dann der Assistent-Resident und der Regent mit seinem Gefolge. Es führte nur ein schmaler Pfad zum Hause.

Sowie die Alte die Schwelle der Wohnung betritt, wird sie wie von unsichtbarer Hand bei den Füßen ergriffen und einige Schritte weit fortgeschleppt, während sie zugleich laut um Hülfe ruft.

Das Haus ist, wie gesagt, gänzlich umzingelt, das Zimmer, wie alle diese kleinen Bambushäuser, ohne Plafond und offen bis zum Dach, darunter die ausgespannte Leinwand. Der Inspecteur Ament tritt zuerst hinein, setzt aber kaum den Fuß über die Schwelle als ihm mit voller Kraft eine Hand voll groben Sandes gegen die Brust geschleudert wird.

Herr Ament, ein durchaus unerschrockener Mann, der jetzt noch in Batavia lebt, versicherte später, nie im Leben Lust verspürt zu haben, die Probe noch einmal zu versuchen. Uebrigens führten auch hier sämmtliche und genaueste Nachforschungen zu keinem Resultate.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren ist die Gendarúa seltener geworden, ja hat gänzlich aufgehört, oder wird auch vielleicht von den Eingeborenen verheimlicht, um nicht deshalb verspottet zu werden

Vor zwölf Jahren etwa fiel allerdings wieder etwas Aehnliches und zwar ebenfalls in Bandong vor, und der damalige Assistent-Resident Visscher van Gaasbeek begab sich augenblicklich in das Haus, ohne daß aber die Erscheinung wiedergekehrt wäre.

Mit den mehr unbefangenen und schon einigermaßen gebildeten Regenten und Häuptlingen des Landes kann man ruhig über diese räthselhafte Erscheinung sprechen. Sie leugnen dabei keineswegs ab, daß sie an die Wirklichkeit derselben fest glauben, gestehen aber auch ein, daß sie sich nicht im Stande sehen, sie zu erklären. Der wirklich hochgebildete Regent von Tjamis erklärte sogar: ‚Ich nehme an, daß es Geschlechter giebt, in denen die geheimnißvolle Macht, sich unsichtbar zu machen, erblich ist und daß in Folge des Aussterbens dieser Familien die Erscheinung jetzt weniger häufig zu Tage tritt als früher.‘“

Soweit der Bericht, der von zuverlässigen Leuten stammt, bei denen kein Zweifel obwalten kann, daß sie von dem, was sie gesehen und worüber sie aussagten auch fest überzeugt waren. Interessant bleibt es immer, und wie weit dabei an eine Selbsttäuschung des Betreffenden zu glauben ist, muß ich dem Urtheil der Leser selbst überlassen.[5]

[400]
Unter Allen die Giftigste.
Von Brehm.

Ein Theil des Fluches, welchen nach der morgenländischen Schöpfungssage der Schöpfer auf sein eigenes Geschöpf schleuderte, wirkt heute noch fort: die Feindschaft nämlich, welche gesetzt worden sein soll „zwischen der Schlange und dem Weibe und ihrem und des Weibes Samen“. Noch immer erregt „die Schlange“ im Herzen des Weibes Entsetzen oder Schaudern und in des Weibes Samen die Lust, ihr „den Kopf zu zertreten“, auch wenn sie vollkommen unfähig sein sollte, „in die Ferse zu stechen.“

Ich bin weit entfernt, den Unkundigen oder Aengstlichen deshalb verurtheilen zu wollen, weil er in jeder Schlange einen Feind sieht, welchen er seiner Meinung nach vernichten muß, denn ich weiß, daß die Aengstlichkeit eben nur in der Unkunde ihren Grund hat, und mag es demjenigen nicht verargen, welcher, um von sich und Anderen Angst und Schrecken abzuwenden, die unschuldige Natter wegen der schuldigen Viper leiden läßt; wohl aber verüble ich es den Lehrern und Denen, welche die Lehrer beeinflussen, daß sie nicht alljährlich einige Stunden daran wenden, um ihren Schülern die drei Vipern Europas oder wenigstens die einzige Giftschlange Deutschlands kennen zu lehren, selbst auf die Gefahr hin, daß diese Schüler einige Kernlieder weniger auswendig lernen. Denn unzweifelhaft würde man den Schülern mit einer genauen Einprägung der Merkmale besagter Schlangen mehr nützen, als mit gedachten Kernliedern: man würde sie dadurch am wirksamsten schützen vor der Gefahr, welche solche Schlangen bringen können; man würde auch den Schlangen mehr gerecht werden, als dies bisher geschieht.

Freilich trägt die Schlange die Last jenes Fluches ungefähr mit derselben Unempfindlichkeit, wie Ketzer meines Schlages die Verwünschungen aller Pfaffen des Erdenrundes. Sie geht zwar „auf dem Bauche“, sicherlich aber ohne alle und jede Beschwerde, hat sich auch bis heute noch nicht dazu bequemt, „Erde zu essen“, wie sie dies, laut der mosaischen Erzählung, thun soll „ihr Leben lang“, ist überhaupt ein ganz anderes Wesen, als die Ueberlieferer der morgenländischen Sage, welche überall Engel und Dämonen witterten, mit Göttern und Teufeln auf dem vertrautesten Fuße standen, darüber aber nicht selten die Thatsächlichkeit aus dem Auge ließen, schildern und beschreiben. Selbst die zwischen ihrem und des Weibes Samen gesetzte Feindschaft ist nicht unüberwindlich. Ganz abgesehen von den Indiern, welche keine Schlangen tödten, oder westafrikanischen Negerstämmen, welche einzelne Schlangen verehren, als ob sie mit Haut und Knochen vom Unfehlbaren heilig gesprochen worden wären, giebt es auch unter uns nicht Wenige, welche die Schlangen insgesammt durchaus nicht mit Feindschaft, sondern mit reger Theilnahme betrachten, weil – sie dieselben kennen gelernt haben.

Dies gilt auch für diejenigen Arten, welche mit Recht gefürchtet werden, weil sie, wenn schon nicht vor, so doch von allem Vieh und von allen Thieren auf dem Felde verflucht sind: den Giftschlangen; es wäre sonst, meines Erachtens, undenkbar, daß man sie, welche bei Gelegenheit wirklich „in die Ferse stechen“, einfängt und in Gefangenschaft hält, anstatt ihnen ohne Weiteres „den Kopf zu zertreten“. Und zwar sind es keineswegs allein und ausschließlich die Naturforscher unserer Tage, welche sich mit dem „giftigen Gewürm“ abgeben, sondern auch Leute, welche in unserem Sinne nicht das geringste Verständnis für Naturwissenschaft haben, wie die indischen und ägyptischen Schlangenbeschwörer zur Genüge beweisen. Mit derselben Schlange, welche Moses zu seinen „Wundern“ vor Pharao benutzte, gaukelt der Haui Aegyptens oder der Psylle Ostindiens heute noch vor dem unverständigen Volk. Es liegt eben ein eigener Reiz in dem möglichst vertrauten Umgange mit den gefährlichen Thieren.

Im Berliner Aquarium sind den Schlangen eine Anzahl von zweckmäßig eingerichteten Käfigen eingeräumt und diese reich besetzt worden, mit giftigen wie mit harmlosen Arten. Die einen wie die anderen üben die vollste Anziehung auf die Besucher aus, sogar auf diejenigen unter ihnen, welche sich anfangs mit Abscheu von den gewohnheitsmäßig gehaßten Geschöpfen abwenden. Am meisten fesseln, wie leicht erklärlich, die größeren Arten, und unter ihnen in’s Besondere die giftigen. Die Kreuzotter, als einzige Giftschlange Deutschlands, und die Hornviper, als letzte Freundin der liebeskranken Kleopatra, erregen zwar auch eine gewisse Aufmerksamkeit; mehr aber wendet sich diese den Riesen unter den Giftschlangen zu: der berüchtigten Klapperschlange oder der erzleibigen Mokassinviper und vor allen der gewaltigen Puffotter, in welcher auch der Laie sofort das Urbild, gleichsam die Giftschlange in ihrer Vollendung sieht. Gerade sie ist im Aquarium durch zwei ausgezeichnete Stücke, ein Pärchen, vertreten, und verdient, ihrer keineswegs ansprechenden Eigenschaften ungeachtet, in weiteren Kreisen bekannt zu werden, schon weil sie unbedingt als die gefährlichste Schlange Afrikas und als eine der giftigsten, wenn nicht als die giftigste der Erde bezeichnet werden muß.

Ueber ihr Freileben ist wenig bekannt, vielleicht auch wenig zu berichten. Ich habe erst durch Gustav Fritsch, den Verfasser des trefflichen Werkes: „Drei Jahre in Südafrika“, ein Lebensbild der Schlange erhalten. „In Südafrika,“ so berichtet mein verehrter Freund, „ist die Puffotter am eigentlichen Cap selten, häufiger kommt sie in den östlichen Provinzen vor, am häufigsten in den Freistaaten und weiter im Innern. Sie zeichnet sich auch im Freien durch ihre Trägheit aus, bewegt sich äußerst langsam und schnellt sich nur beim Beißen blitzartig auf ihre Beute, wobei sie sich meist mehr oder weniger um ihre Achse zu drehen pflegt. Die Leute behaupten, daß sie so hoch vom Boden emporspringen könne, um einen Reiter zu Pferde noch zu erreichen. Bei Tage liegt sie gewöhnlich still in Büschen oder unter Grasbüscheln versteckt. Nachts kriecht sie umher und kommt dann, der Mäuse wegen, gern in die Nähe der Wohnungen, richtet hier auch nicht selten Unheil an. Eine Frau in Transvaal trat beim Verlassen ihres Hauses im Dunkeln auf eine vor der Thür liegende Puffotter, wurde gebissen und starb im Verlaufe des nächsten Tages. Noch gefährlicher wird die Schlange dem weidenden Kleinvieh oder den Jagdhunden, da sie sich, wenn ihr Sträucher Deckung gewähren, fest- und zur Wehre setzt. Ein Herr in Bloemfontein büßte durch sie gleichzeitig zwei seiner Hunde ein, und zwar starb der eine innerhalb zehn Minuten, der andere einige Stunden nach dem Bisse.

Ein sehr zuverlässiger Beobachter ging, wie er mir selbst erzählte, im Felde spazieren und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß eine der großen südafrikanischen Feldmäuse wie festgewurzelt in geringer Entfernung vor ihm sitzen blieb. Als er sich verwundert nach der Ursache umschaute, welche das scheue Thier abhielt, vor ihm die Flucht zu ergreifen, erblickte er dicht vor sich eine große Puffotter, welche die Maus zu ihrer Beute ausersehen hatte und nicht aus dem Auge ließ. Einige Zeit später machte die Schlange plötzlich einen Sprung auf die Beute, ergriff sie und war mit ihr in einem dicht daneben befindlichen Loche verschwunden, ehe der überraschte Zuschauer im Stande war, seinen Stock mit Erfolg zu gebrauchen. Es scheint, daß die Schlange ihren Feind wohl gesehen hatte, aber nicht gewillt war, von ihrer Beute abzulassen, weshalb sie dieselbe mit sich wegnahm, anstatt zu beißen und den Tod nach dem Bisse abzuwarten. Der letzte Act des kleinen Trauerspiels spielte sich sehr schnell ab, und die sonst so träge Puffotter führte eine Reihe rascher Bewegungen aus, um zu ihrem Ziele zu gelangen.

Eine derartige Regsamkeit des Thieres gehört übrigens zu den seltenen Ausnahmen. Ich selbst habe einmal im Beschuanenlande neben einer halbwüchsigen Puffotter, welche sich unter hohem Grase zusammengerollt hatte, über eine halbe Stunde gelegen, ohne daß sie sich rührte. Als ich, um der Sonne zu entgehen, mich etwas weiterschieben wollte und gerade im Begriff war, den Ellenbogen auf sie zu stemmen, bemerkte ich sie. Ich erhob mich vorsichtig, um mich meines zolldicken Zjamboks zu bemächtigen, und auch jetzt noch blieb die Schlange regungslos liegen. Ein kräftig geführter Schlag mit dem umgekehrten Zjambok machte sie für immer unschädlich.“

So weit mein Gewährsmann.

Die beiden Puffottern des Berliner Aquariums erkaufte ich von einem eifrigen Schlangenliebhaber in Berlin, welcher sie schon seit geraumer Zeit gefangen gehalten und bis zu einem gewissen Grade gewöhnt hatte. Von einer eigentlichen Zähmung war natürlich nichts zu bemerken. Die blinde Wuth, welche so viele

[401]

Die Puffotter und ihr Opfer.
Nach der Natur aufgenommen von Emil Schmidt.

[402] Giftschlangen an den Tag legen, äußerte sich, sobald man sich dem Käfig näherte, durch Pfauchen und Blasen, doch unterließen die Thiere es wenigstens, wie sie früher gethan, nach dem sich ihnen Nahenden zu beißen. Ihre Ueberführung in den für sie bestimmten Käfig des Schlangenganges war ein schweres Stück Arbeit. Mit eisernen Zangen konnten die riesigen Thiere nicht sicher genug gepackt werden. Netze anzuwenden, erschien zu gefährlich: es bliebe also nichts Anderes übrig, als sie von ihrem Kasten aus in den Käfig zu treiben. Dies aber erregte den höchstem Zorn der Schlangen und ihr entsetzliches Pfauchen wiederum nicht geringe Unbehaglichkeit im Herzen der beauftragten Wärter. Milde Maßregeln führten endlich zum Ziele: die Puffottern wurden so lange mit einem starken Drahte gekitzelt und mit einem Blasebalge so hartnäckig angeblasen, bis sie sich entschlossen, freiwillig den gewohnten Raum zu verlassen.

Ob sie jemals zu der Erkenntniß gekommen sind, daß sie sich durch Besitznahme des netten Käfigs wesentlich verbessert, lasse ich unentschieden, so viel aber scheint mir sicher zu sein, daß sie sich in dem ununterbrochen geheizten Raume bald behaglich und heimisch fühlten. Eine gewisse, allerdings sehr beschränkte Neugier machte sich bemerklich. Sie krochen auf dem Boden langsam hin und her, betasteten alle Ecken und Winkel mit der Zunge, entdeckten dabei das Wasserbecken, benutzten es sogleich, indem sie gierig tranken, setzten hierauf ihre Entdeckungsreise fort und nahmen endlich von einer sie bergenden Steingrotte Besitz. Im Verlaufe der ersten Nacht hatten sie sich mit allen Oertlichkeiten des Käfigs vertraut gemacht und damit eingerichtet.

Wenn man diesen Schlangen menschliche Tugenden zusprechen will, muß man sagen, daß sie deren zwei im ausgeprägtesten Grade besitzen: Genügsamkeit und Enthaltsamkeit. Beide sind freilich in der hervorragendsten ihrer Eigenschaften, der für so hochstehende Wirbelthiere fast beispiellosen Trägheit, begründet.

Fast alle Giftschlangen – so viel mir bekannt, nur die Brillen- und Seeschlangen nicht – sind vollkommene Nachtthiere. Dies beweist ihr Auge mit dem gespaltenen Stern, dies ebenso ihre Trägheit während der Tages- und ihre verhältnißmäßige Regsamkeit während der Nachtstunden, dies beweist jede schärfere Beobachtung der Thiere überhaupt. Einige Naturforscher haben das Nachtleben der Giftschlangen mehr geahnt als erkannt, ich bin meines Wissens der Erste gewesen, welcher, Dank meiner in Afrika gesammelten Beobachtungen, dieses Nachtleben als unzweifelhaft hingestellt hat. Die nächtlichen Besuche der Hornvipern am Lagerfeuer oder im Innern der Wohnungen belehrten mich über die Zeit der Thätigkeit gedachter Schlangen zur Genüge, und die in Afrika gesammelten Erfahrungen wurden später entsprechend vermehrt. Das nächtliche Treiben der Vipern und Lochottern (Klapperschlangen und Verwandten) erklärt auch die im Verhältniß zur Häufigkeit der Giftschlange seltenen Unglücksfälle; die Thiere liegen eben während des Tages meist gut verborgen im Schlafe und kommen mit Menschen und anderen größeren Säugethieren nur dann in Berührung, wenn diese sich zufällig ihrem Schlafplatze nähern.

Unter allen mir bekannten Giftschlangen nun ist die Puffotter wohl die trägste. Ohne Veranlassung, um nicht zu sagen ohne Noth, verläßt sie den mit Anbruch des Tages gewählten Schlafplatz nicht. Unsere Gefangenen liegen oft vom Morgen bis zum Abend regungslos in irgend einer Lage auf einer und derselben Stelle. Nachts dagegen kriechen sie langsam in ihrem Käfige hin und her und zwar mit einer gewissen Ausdauer, wie wir unter Anderem daran erkennen können, daß sie frisch aufgeschütteten Sand schon in der ersten Nacht an allen Stellen glatt gedrückt haben. Um die Schlangen in den Nebenkäfigen, welche sie durch die Glaswände der letzteren sehen können, bekümmern sie sich nicht im Geringsten, lassen es sich ebenso gefallen, wenn man ihnen eine andersartige Schlange in ihren Käfig setzt und diese unmittelbar vor ihnen sich bewegt oder über sie wegkriecht, ohne auch nur Miene zu machen, die ihnen aufgedrungene Gesellschaft zu befehden. In gleicher Weise sind sie abgestumpft worden gegen die vor dem Käfige sich befindenden Beschauer, ja sogar gegen manche ihnen doch entschieden lästige Vornahmen der Wärter, beispielsweise gegen gewaltsame Nöthigungen vermittelst eines langen Stockes, um sie zum Verlassen eines bestimmten Platzes oder das Vertauschen ihres Käfigs mit dem zur Absperrung dienenden Nebenraume zu bewegen. Noch mehr: sie haben mit der Schlange Afrikas, „die jedes Thier ohn’ Ursach’ biß,“ nichts gemeint denn sie beißen die ihnen zur Nahrung gereichten Kaninchen, Meerschweinchen und Ratten blos dann, wenn sie wirklich hungrig sind. Nur ein oder zwei Mal haben wir das Gegentheil beobachtet, dann aber auch stets gesehen, daß sie sich unmittelbar nach erfolgtem Tode des gebissenen Opfers auf die Beute stürzten und sie gierig verschlangen. Gerade die Enthaltsamkeit, welche sie ihrem Opfer gegenüber an den Tag legen, macht ihre Fütterung zu einem ungemein anlegenden Schauspiele.

Wir haben erfahrungsmäßig festgestellt, daß ein halbwüchsiges Kaninchen wöchentlich zur Ernährung einer vollkommen ausgewachsenen, sechs Fuß langen und fast mannsschenkeldicken Puffotter ausreicht. Nicht selten vergehen zwei bis drei Wochen, ohne daß eine unserer Schlangen frißt; zuweilen nimmt sie zwei Kaninchen nacheinander. Früher fand die Fütterung nach Schluß des Aquariums statt, auf allgemein angesprochenen Wunsch lasse ich jetzt jeden Mittwoch Nachmittags vor den Augen der Besucher Nahrung reichen. Das zum Opfer bestimmte Kaninchen wird in einem Netzsacke, sogenanntem Kätscher, von oben herab in den Käfig gebracht und hier freigelassen. Ein oder zwei Mal ist es bis jetzt vorgekommen, daß die Schlange nach ihrer Beute biß, noch bevor sie den Boden des Käfigs erreicht hatte; in der Regel benimmt sie sich anders. Ihre Trägheit scheint auch jetzt noch nicht sogleich überwunden werden zu können.

Das Kaninchen hat von der ihm drohenden Gefahr keine Ahnung. Besäße es „Instinct“, ein nicht zum Bewußtsein kommendes Vorgefühl von seinem Schicksale, wie es nach Versicherung gewisser Naturerklärer ja doch besitzen soll: es würde sich anders benehmen. Die „höhere Kraft“, die „Einwirkung von außen“ müßte sich jetzt bemerklich machen, müßte dem unschuldigen Nager es eingeben, daß von jetzt an sein Leben ungleich mehr bedroht ist, als angesichts des vierfüßigen Raubthieres, vor welchem es flüchtet. Wahrhaftig, jetzt wäre Gelegenheit für den Instinct, sich zu äußern. Er soll ja doch dem Thiere anstatt des Verstandes, der Vernunft des Menschen verliehen worden sein um ihm die rechten Wege für sein Leben zu zeigen, es vor Gefahren zu behüten. Jetzt droht Gefahr, die äußerste, furchtbarste. Es handelt sich um ein fußweites Vorschnellen des Kopfes der Schlange, um ein linientiefes Einhauen der Gifthaken: und der Lebensfaden ist durchschnitten. Das Opfer hat von all’ dem keine Ahnung, sein „Instinct“ läßt es unverantwortlicher Weise vollständig im Stiche.

Es nähert sich neugierig der Schlange. Niemals hat es eine solche gesehen; die Neugier ist erklärlich, ist zu entschuldigen. Es beschnuppert seinen Feind. Noch weiß es nicht, daß es mit einem solchen zu thun hat. Die Schlange erhebt den dreieckigen Kopf, beugt den Hals zurück, nimmt eine schauerlich schöne Angriffsstellung an: das Kaninchen ahnt nichts. Es wird höchste Zeit für die „höhere Kraft“, vermittelnd einzuschreiten. Nichts von alledem. Das Kaninchen schnuppert nochmals, erschnuppert nichts, wird dreister, nähert sich dem Schlangenkopfe. Die Schlange züngelt tastend. Ihre Zunge und die Schnurrhaare berühren sich. Das Kaninchen, ein Bild der Arglosigkeit, steht noch immer ahnungslos vor dem entsetzlichen Räuber. Die Schlange wird mehr und mehr erregt. Sie athmet in tiefen Zügen, so daß sich der Leib bebt und senkt, weitet und verengert; sie pfaucht zwar nicht eigentlich, aber sie schnauft, hörbar genug für das Kaninchen, gleichsam als wollte sie es warnen. Aber auch diese Drohung ist vergeblich; der Nager achtet ihrer nicht.

Die Schlange läßt das Haupt wieder sinken, um eine andere Stellung einzunehmen. Ihre Rippen stemmen sich gegen den Boden, diese, Hunderte von Fußpaaren, arbeiten sie gleitet langsam über den Boden weg. Das Kaninchen wird stutzig, springt zur Seite, richtet die Augen scharf auf den ihm unbekannten Gegenstand, spitzt die Ohren und stellt sie nach vorn, schnuppert, dreht die Schnurrhaare nach allen Richtungen und – beruhigt sich wieder. Sein unerfahrenes Hirn ist nicht im Stande, die ersprießliche Gedankenreihe zu bilden. Wiederum liegt die Schlange regungslos, wiederum nähert sich das neugierige Opfer, wiederum erhebt jene angriffsfertig das Haupt, züngelt, droht, wiederum verläuft die Begegnung wie früher. Jetzt findet der Nager das Wasserbecken und trinkt; hierauf macht er es sich behaglich, streckt sich auf dem warmem Sande, frißt wohl auch ein wenig von einer ihm zugeworfenen Rübe. Es scheint ihm in dem Käfig zu gefallen: er wird übermüthig, springt auf und nieder, über die [403] Schlange weg, ihr auf den Rücken. Sie, über die Dreistigkeit entrüstet, schnellt wüthend auf und pfaucht mit voller Lunge. Das Kaninchen stutzt von Neuem, setzt alle Sinneswerkzeuge in Bewegung, ahnt noch immer nichts und beginnt seine gefährlichen Untersuchungen nochmals.

So kann es stundenlang währen, und je länger es dauert, um so dreister wird das Kaninchen, um so lebhafter die Schlange, um so erregter der Zuschauer. Ich vernehme die verschiedensten Äußerungen. „Höchst interessant und spannend!“ sagt ein Naturforscher, welcher beobachtend vor dem Käfig steht. „Aufregend im höchsten Grade!“ versichert ein übersättigter Lebemann. „Entsetzlich und grausam!“ läßt sich mit der Geberde des tiefsten Abscheues eine Dame vernehmen; „daß der Thierschutzverein auch so etwas dulden kann!“ Sie bleibt aber ebensogut stehen als alle übrigen Zuschauer.

Das Trauerspiel nähert sich seinem Ende. Die schwerfällige Schlange hat sich besonnen, daß sie hungrig ist, und kriecht auf ihre Beute zu. Das Kaninchen erwartet sie wie früher, geht ihr entgegen. Hoch hebt sie den Kopf, der Hals dahinter scheint sich zusammenzuschnüren, die Giftdrüse zu jeder Seite des Kopfes ihre Hülle sprengen zu wollen, die gespaltene Zunge tastet noch einmal und – blitzartig schnellt der Kopf zurück und wieder vor, im Vorwerfen öffnet sich der Rachen, richten sich die bisher in ihrer Muskelscheide zurückgelegten zolllangen Gifthaken auf, dringen tief ein in den Leib des Opfers – ein Schrei aus dem Maule des Kaninchens, ein anderer kaum eine Secunde später aus dem Munde einiger Zuschauerinnen, und der Todesstreich ist gefallen. Ebenso schnell, als die Schlange vorgeschnellt war, ist sie wieder zurückgezuckt; legt ruhig das Haupt auf den Boden, faßt ihr Opfer scharf in’s Auge und erwartet dessen Verenden. Das leichte Bewegen der Schwanzspitze nur verräth, wie lebhaft sie den sicheren Ausgang verfolgt.

Einen einzigen Schrei hat das Kaninchen ausgestoßen, einen oder einige Sätze gemacht, dann aber still sich hingesetzt. Die Ohren werden schlaff, die Augenlider fallen herab, es schüttelt ein-, zweimal mit dem Kopfe, dann hat es das Bewußtsein verloren. Langsam neigt es sich auf die Seite, bewegungslos liegt es zehn, zwanzig, hundert Secunden lang, plötzlich schnellt es noch einmal zuckend auf, und eine Leiche fällt zurück. Der höllische Tropfen hat seine Wirkung gethan.

Blätter und Blüthen.

Ein Excommunicirter. Als ich zum ersten Male die Schwelle überschritt, welche mich in die Wohnungsräume des großen Gelehrten Ignaz v. Döllinger, des unermüdlichen und unerschrockenen Kämpfers für die Gewissensfreiheit, führte, betrat ich zunächst ein Empfangszimmer, das sich von andern Zimmern nur durch hohe Glasschränke voll Bücher unterschied. Mir klopfte das Herz in banger Erwartung: es war das erste persönliche Zusammentreffen mit dem längst hochverehrten Manne, bis heute hatte ich nur im brieflichen Verkehr mit ihm gestanden. Seine Schwester meldete mich und alsbald erschien der greise Ajax gegen die Unfehlbarkeit, und nach der ersten Begrüßung lud er mich freundlich ein, sein Studirzimmer zu betreten.

Döllinger – Sie haben ein vortreffliches Portrait von ihm in Nr. 9 Ihres vorigen Jahrgangs gebracht – ist eine mittelgroße, schlanke Gestalt, eine ehrfurchtgebietende und doch herzgewinnende Erscheinung. Niemand wird sein Antlitz für schön erklären und doch flößt es dem denkenden Beschauer unwillkürlich fesselndes Interesse ein; es ist die durchgeistigte Schönheit des Gedankens. Sein Haar – Döllinger ist bekanntlich schon im Jahre 1799 als der Sohn des berühmten Professors und Obermedicinalraths Ignaz Döllinger zu Bamberg geboren – ist nicht ergraut, sein ganzes Wesen macht überhaupt sofort den Eindruck, daß er bestimmt sei, das höchste Alter zu erreichen.

Man sagt, sein Auge habe etwas Kaltes, Steinernes. Ich habe das nicht gefunden. Wohl schaut er, während des Sprechens, oft lange vor sich hin, als ob er ferne, ferne etwas sehe, das nur ihm sichtbar ist; wendet sich aber dann sein Blick wieder lächelnd her, so wird Jedermann von dem Gefühl aufrichtigster und wärmster Verehrung erfüllt. Es ist eine große Liebenswürdigkeit in dem großen Gelehrten, der so enorme Gebiete des Wissens durcheilt und sich zu eigen gemacht hat. Und dennoch altert er nicht bei seinem Studium, er bleibt geistig jung und frisch, weil er arbeitet, nicht obgleich er arbeitet. Kosmopolit in jeder Richtung, weitläufig im Verkehr, modern in der Gelehrsamkeit ist er nur antik in der Bedürfnißlosigkeit. Er wollte möglichst frei sein, sagte er mir, und habe sich deshalb bemüht, sich keine Bedürfnisse anzugewöhnen, weil nur ohne sie der Mensch wahrhaft frei sei. Gern hätte er in frühem Jahren einen Hund gehabt, habe sich aber den Wunsch versagt, um schließlich nicht zum Diener des Hundes zu werden. „Ein mir befreundeter Professor,“ erzählte er lächelnd, „wäre oft gern zu Hause geblieben, mußte aber ausgehen, weil sein Hund es wollte.“ Und so hat Döllinger kein Hausthier, nicht einmal ein Vögelchen, er schnupft nicht, er raucht nicht, er trinkt weder Wein noch Bier. Um vier Uhr Morgens erhebt er sich, um neun Uhr Abends begiebt er sich zur Ruhe. Um ein Uhr genießt er sein einfaches Mahl, dann wird, mit Ausnahme eines Glases Wasser des Abends, nichts mehr genommen bis zum nächsten Morgen.

Diese Regelmäßigkeit und Enthaltsamkeit sichert die außerordentliche Arbeitskraft des greisen Gelehrten. Sein demantreiner Charakter, an den selbst in diesen Tagen die Verleumdung sich nicht wagt, seine wohlwollende Leutseligkeit, die jedem Besucher freundlich entgegenkommt, das bescheidene herzliche Wesen des Mannes, der alt geworden in Kämpfen und stolz in Siegen, all das ist’s, was seine Nähe so wohlthuend macht.

Döllinger’s Wohnung ist hoch und geräumig, die schönsten Zimmer aber bewohnt seine Bibliothek, die mehr denn dreißigtausend Bände zählt, und die er scherzend seine bessere Hälfte nennt.

Sein Studirzimmer, das nämliche Zimmer, das seit mehr denn dreißig Jahren Zeuge war all der Eindrücke und Erlebnisse, all der erschütternden Gegensätze, die sich in dem Leben dieses Mannes drängten, ist nicht sehr geräumig; am Fenster steht ein großer Schreibtisch, vor diesem ein schwarzer Lehnstuhl. Rechts in der Ecke befindet sich ein breites Sopha, auf dem wohl oft das Haupt ruhte, müde, sorgen- und gedankenschwer seit jenen, einen Wendepunkt seines Lebens bildenden Tagen im Jahre 1861, da er die sogenannte Odeonsvorträge hielt, sich über die Möglichkeit des Verlustes der weltlichen Macht des Papstes aussprach und Reformvorschläge für die Regierung des Kirchenstaates machen zu dürfen glaubte. Von damals an wurde er, der bisher für das Haupt der Ultramontanen galt, der Gegenstand des Angriffes vieler Katholiken, besonders der in Rom gebildeten Geistlichen Deutschlands. Hauptsächlich machte sich die Civiltà cattolica zur Aufgabe, Döllinger zu verkleinern. Einmal auf ihn erbittert, konnte man sich’s nicht versagen, all sein Thun zu bekämpfen, was die schon vorhandene Spannung in der katholischen Welt noch erhöhte und so zu sagen den Boden befruchtete für die großen Ereignisse der neuesten Zeit.

Die Wände des Studirzimmers sind eingefaßt mit Bücherständen, die bis zur Decke reichen, einzelne einfache Bilder in Goldleisten, eine Uhr, deren leiser weicher Schlag ebenfalls sympathisch berührt und die stille Ruhe dieser Räume nicht stört, sondern nur um so deutlicher fühlen läßt.

Unvergeßliche Minuten erlebte ich in der Nähe des großen Mannes, sowohl in seinem Hause, als in unserm eigenen Daheim, das er bald mit einem Besuche beehrte. Auf die Frage, ob all die Erfahrungen der jüngsten Vergangenheit sein Herz nicht erbitterten, entgegnete er ruhig und groß: „Ich habe es seit zwei Jahren kommen sehen, und auf was man gefaßt ist, trifft weniger schwer.“ Und doch sind so Viele an ihm zum Judas geworden, hat er so viel Undank geerntet!

Ein halb wehmüthiger, halb verächtlicher Zug schien über sein Antlitz zu gleiten, als er sagte: „Nun wollen sie selbst Jene excommuniciren, die mit diesen Personen verkehren.“ „Mit diesen Personen,“ das heißt: auch mit ihm!

Es kann nicht meine Aufgabe sein, hier näher einzugehen auf die große Frage der Gegenwart. Unwillkürlich aber wird man gerade in Döllinger’s Nähe wieder an jene Prophezeiung der heiligen Katharina von Siena und der heiligen Brigitta erinnert, die ja selbst bei den Gläubigsten unter den Gläubigen einen guten Klang haben, die bei diesen im größten Ansehen stehen und es doch fast unverhüllt aussprechen, daß die Erneuerung der Kirche nicht durch den heiligen Stuhl in Rom kommen werde. Auch die Germanen beschäftigen sich viel mit Weissagungen von einem in Deutschland zu erhebenden Papst, und so ist es begreiflich, wie die Herzen der ihrer Kirche treuen, aber vor dem Wahnsinn der Römlinge zurückschreckenden Katholiken wieder zu jenen Erwartungen flüchten, welche die Seher des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts belebten.

L. v. B.

Aus Thüringen. Wer von den landschaftlichen Schönheiten Thüringens spricht, hat zunächst immer den von Eisenach bis Schwarzburg hingestreckten Gebirgszug im Sinne. Wie sehr aber auch der mehr flache, nordöstliche Theil von Thüringen reich an romantischen Punkten und historischen Erinnerungen ist, beweist uns ein kleiner Bericht über das in neuerer Zeit vielfach besuchte, Bad Rastenberg, dem wir folgende Schilderung der Umgebung entnehmen:

In Entfernungen von einer bis acht Stunden laden uns Apolda, das liliputische Manchester, die Bäder Sulza und Kösen mit der durch seinen Samiel berühmten Rudelsburg dazwischen, Eckartsberga, Buttstädt, Cölleda, Wiehe, Roßleben, Memleben, Wendelstein, Allstädt, Burgscheidungen, Steinburg und endlich sogar der Kyffhäuser, aus welchem jetzt der alte Barbarossa mit des Reiches Herrlichkeit als Weißbart wiedergekommen ist, zu Ausflügen ein.

Manchem dieser Orte werden zwar übertriebene Ansprüche den einladenden Charakter ableugnen; aber in jedem ist irgend etwas Schönes oder Merkwürdiges zu bewundern, und die zahlreichen Dorfschaften dazwischen erquicken uns durch ihren behäbigen Wohlstand und durch verschiedene Classen von reichen und adeligen Rittergutsbesitzern, welche von Concerttagen Rastenberg’s hierher gelockt werden, wo sie sich freilich gern auf einer besondern Terrasse vor dem Curhause absondern. Wiehe ist der Geburtsort der drei gelehrten Brüder Ranke, und auf dem stattlichen Schlosse wohnt der Freiherr von Werther. Buttstädt rühmt sich nicht nur des berühmtesten Pferdemarktes, sondern auch eines juristischen und parlamentarischen Demosthenes für das Großherzogthum Weimar. Auf dem lieblichen Rittersitze der Steinburg leben die Münchhausen in freiherrlicher Ueberlegenheit. Buchenwälder voller Trappen, Wasser- und Waldvögel und von dem sanften Klange der Herdenglocken auf den Feldern durchklingen, umgeben das einsame Landgut Marienroda mit herrlichem See und Park. Auch Cölleda kann nicht so nüchtern sein, wie es mir von meinem einseitigen Gesichtspunkte aus der Ferne erschien, denn hier ist dem [404] Gartenlaubendichter Albert Traeger manches rührende und kräftige Lied gelungen. Die Eckhardtsburg hat sich seit beinahe einem Jahrtausend gut erhalten und sieht von dem Wachthügel gar stattlich, wenn auch ohne Stolz, auf das Schlachtfeld von Auerstädt herab.

Durch die Finner Eichen- und Buchenwälder gelangen wir von Rastenberg aus plötzlich auf die Höhen von Wolmirstädt, wo sich das prachtvollste Panorama blühender Städte und Dörfer mit großen Fabrikgebäuden auf grünen üppigen, vom Silberbande der Unstrut durchzogenen welligen Feldern, Fluren und Obstgärten weithin eröffnet. Fern im Westen ragt der verwitterte Thurm des Kyffhäusers und rechts der Brocken aus blau-dämmeriger Ferne empor. Lernt hier sehen, mit freudiger Andacht sehen und genießen, denn das ist die güldene Aue Thüringens mit unsterblichen, versteinerten Erinnerungen an die große, lebensbunte Kaiserzeit des alten deutschen Reiches! Hier ist der Boden und gleichsam ein Museum der besondern thüringischen und großen deutschen Geschichte.

Seht da Burgscheidungen, von Fröhlich sehr treffend „das berühmte Troja Thüringens“ genannt. Hier unterlag die letzte Königin des thüringer Reiches, Amalaberga, 531 im Vernichtungskampfe gegen die Franken, aber erst nachdem die Unstrut so mit Leichen ausgefüllt war, daß die Franken trockenen Fußes darüber hinwegschreiten konnten. Die waldigen Höhen hinter Memleben bergen den denkwürdigen Vogelherd, wo Heinrich der Erste sich den Namen „der Vogelsteller“ erworben hatte, um sich von hier aus 919 auf den deutschen Kaiserthron berufen und endlich, wie ebenfalls seinen großen kaiserlichen Sohn, Otto den Ersten mit seiner geliebten Frau, begraben zu lassen. Die Klosterkirche bei Memleben ist eine stolze, classische Ruine der schönen Griechin Theophania, der Gemahlin Otto des Zweiten. Die deutsch-kaiserlichen Otto’s leben groß und unsterblich in der deutschen Geschichte fort, und hier zwischen den steinernen Pfeilern sieht sie die historische Phantasie ohne Mühe wie hingehauchte Schattengestalten mit ihren geisterbleichen Gemahlinnen dahingleiten.

Nun noch eine Wallfahrt weiter und wir besteigen den Kyffhäuser, den alten Sagenberg, in welchem der greise Rothbart sechshundertachtzig Jahre geschlafen und geträumt hat. Im vorigen Jahre feierte Alldeutschland sein lang und schmerzlich ersehntes Erwachen; von dem morschen Thurme des Kyffhäuser aber flatterte deß zum Zeichen eine riesige deutsche Reichsfahne, mit Lebensgefahr aufgepflanzt und von den unten harrenden Schaaren mit jauchzendem Zuruf begrüßt.
H. B.


Des Sees Opfer.
Ein Reise-Abenteuer.

Ein Gastfreund weilte ich in liebem Kreise,
Wo meines langentbehrten Vaterhauses
Vertraute Sitte mir entgegenkam;
Wo mir, dem Fremdling, der von ohngefähr.
Fußwandernd durch’s Gebirg, dorthin verschlagen,
Ein hold Willkommen ward bei lieben Menschen.
Es war ein Abend, sonnig, still und klar;
Und rings am Tische unter duft’ger Linde,
Da saßen wir, des goldnen Abends froh.
In leichten Wolken schwebte um den Baum
Der Mücken wimmelnd Volk mit leisem Summen.
Zuweilen drang vom fernen Dorf herüber
Ein Hundebellen oder Sensendengeln,
Gesang und Lachen, Feierabendklänge,
Gedämpften Schalles durch den Abendduft.
Umher die Kinder – froh in Busch und Hecken –
Versteckten sich und haschten sich mit Jubel.
Doch jezuweilen stahl ein Blick zum Tisch sich,
Zum bärt’gen Fremdling – öfter noch zur Mutter:
Ob sie nicht bald zum Tische freundlich winke,
Austheilend weisen Maßes Brod und Früchte.
Wir saßen so in traulichem Gespräche,
Gedenkend froh der eignen Kinderzeit,
Und dann – wie sich Gespräche manchmal fügen –
So mancher Sage, die der Volksmund kündet;
Wie sie an einen Fels, an einen Quell,
Ein dornumranktes altes Hünengrab
Aus märchengrauer Zeit Erinn’rung knüpft;
Ja, wie noch jetzt das sagenliebe Volk
Mit so geheimnißvollen Schauerreizen
Des Zufalls Walten zu umkleiden liebt.
Da zeigte denn, wo nah in Busch und Baum,
Von alten Uferweiden überhangen,
Ein See im Abendsonnenglanze ruhte,
Der alte Hausherr auf den klaren Spiegel.
„Das Wasser,“ sprach er, „ist der Weidensee,
Der fordert sich ein Opfer jedes Jahr.
So sagt das Landvolk, und ein Jeder glaubt es.
Im vor’gen Sommer – kaum verging ein Jahr –
Da zog man einen Greis aus seiner Fluth,
Der von des steilen Ufers losem Rand
Bei’m Fische-Angeln war hinabgeglitten.
Und weiter spinnt die Sage, daß im Jahr
Vorher ein junges Opfer ihm verfallen.
So manche Mutter hütet d’rum ihr Kind
Und hält es fern von seinen blum’gen Ufern.“
Fast ängstlich schaut die Hausfrau jetzt hinaus,
Das Auge schattend vor der Sonne Blendung. –
Da plötzlich zuckt ihr die erhob’ne Hand,
Ein Todesschrecken auf erblaßter Wange.
Wir, schnell der Richtung folgend ihres Blicks,
Wir sehen schaudernd dort: – in heller Luft
Sich schaukelnd auf dem schwanken Weidenast,
Der weit sich neigte über jenen See,
Das jüngste Kind, ein lieblich holdes Mädchen!
„Hedwig!“ – So ruft die Mutter, in der Angst
Besinnungslos, die Klugheit nicht bewahrend.
Das Kind erschrickt – es wendet sich – es taumelt –
Greift in die Luft – ein Schrei und lautes Plätschern.
„Des Sees Opfer!“ schreit der Alte ahnend.
Fort stürzen wir, von Sorg’ und Angst beflügelt.
Ich eilte schnell voran, und in die Fluth
Mich werfend, wo der Kleider lichter Schein
Durch’s Wasser schimmerte, erfaßt’ ich glücklich
Des Röckchens Saum und ruderte empor
Und schwamm zum Ufer mit der zarten Last.
Voll Angst und Zittern standen Eltern – Kinder.
Die Mutter riß den Liebling mir vom Arm
Mit todesbleichem Antlitz – ängstlich lauschend,
Ob es noch athme, – athemlose Spannung. –
Da hebt sich sanft die kleine Brust und langsam
Schlägt es die Augen auf und schließt sie wieder.
Und stürmisch brach der Jubel aus, doch mich
Erstickte fast das Küssen und Umarmen. –

*          *

*

Am andern Morgen – heimlich in der Frühe –
Nahm Tasche ich und Stab und schlich mich fort
Und zog von dannen, weiter in die Welt.
Dort lag der blaue See im Morgenduft
Gar klar und freundlich. – In der blauen Luft
Dem Blick verloren schmetterte die Lerche
Ihr fröhlich Lied und sang und jubelte.
Am Ufer aber hob und senkte sich,
Der leichten Wellen Spiel, ein Sommerhütchen …
Und zur Erinn’rung löste ich von ihm
Das blaue Band – und lustig mir am Hut
Im Winde flog es, als ich zog von dannen.

Heinrich Seidel.

Die Industrie im Waldbache. (Nachtrag.) Die unter diesem Titel in der Gartenlaube geschilderte künstliche Forellenzucht zwischen Sayda und Kämmerswalde im Erzgebirge (nicht in Schlesien, wie in einem Theile der Auflage fälschlich gedruckt stand) ist von Dr. Brehm, Director des Berliner Aquariums, begründet und stets wissenschaftlich geleitet worden. Herr Stahlschmidt hat dagegen das Verdienst, die Hälfte des Capitals dazu gezahlt zu haben. Der Lehrer Maier, von Brehm vorbereitet und angestellt, hat bereits Tausende von Eiern befruchtet, resp. verkauft, und die Anstalt mit den jungen Fischchen gedeiht zu einer immer lohnenderen Wirksamkeit. Daß Forellen erst vom vierten Jahre an ein guter Verkaufsartikel werden, hält nur solche Capitalisten von Betheiligung zurück, welche nicht nur gleich nach der Saat, sondern überhaupt ohne Saat und That ernten wollen. Wegen Bezugs befruchteter Forelleneier wolle man sich an Herrn Maier, Lehrer in Neuwernsdorf (bei Sayda) wenden.
H. B.

Eingesandt. Dem hochherzigen unbekannten Freunde unserer Anstalt, dem Leser der Gartenlaube in Dortmund Y. herzlichen Dank für seine wiederholte reiche Gabe an arme Schnitzschüler. Die Sendung traf am 30. April, dem Tage der feierlichen Grundsteinlegung zur großen Arbeiterhalle und Fournirsäge, ein und trug wesentlich zur Erhöhung der freudigen Stimmung an dem für den Amtsbezirk Werdenfels so bedeutungsvollen Tage bei.

Für die nunmehr sechsunddreißig Schüler der Anstalt:

Hochachtungsvollst

Partenkirchen, Mai 1871.
Michael Sachs.

Berichtigung. In der ersten Strophe des Gedichtes „Die unfehlbare Bowle“ (Nr. 22 der Gartenlaube) ist in einem kleinen Theile der Auflage ein unliebsamer Druckfehler stehen geblieben. Es muß statt: „Pfingsten, das geliebte Fest“ selbstverständlich heißen: „Pfingsten, das liebliche Fest“. Wir bitten unsere Leser, dieses Vorkommniß freundlichst zu entschuldigen; erklärlich ist es nur dadurch, daß der Text der Gartenlaube bei der Höhe unserer Auflage gleichzeitig drei Mal im Satze hergestellt werden muß und daß sich trotz der sorgfältigsten Aufmerksamkeit leicht genug ein Satzfehler einschleichen kann.


Kleiner Briefkasten.

Fl. in W. Ueber die Stellung der neuesten Philosophie zur Unsterblichkeitsfrage finden Sie eine vortreffliche Arbeit in Rudolf Gottschall’sPortraits und Studien“, einem erst vor Kurzem (bei Brockhaus) erschienenen zweibändigen Werke, auf dessen gediegenen, vielseitigen und interessanten Inhalt die gebildete deutsche Leserwelt bereits in unserer literarisch-politischen Beilage „Deutsche Blätter“ ausführlicher verwiesen wurde. So elegant und lebendig gehaltene Essays, wie sie Gottschall in diesem reichhaltigen Buche über die verschiedensten Persönlichkeiten und Bewegungen der neuesten Dichtung, Literatur und Forschung nebeneinander gestellt hat, bieten dem Leser neben dem Genusse einer anregenden Lectüre auch einen besonderen Nutzen für seine gründliche Orientirung. Die einzelnen Fragen und Erscheinungen werden hier eingehender beleuchtet, treten in der Schilderung schärfer und charakteristischer aus ihren Zusammenhängen hervor, als dies in zusammenfassenden Darstellungen ganzer Perioden geschehen kann.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Der erste Artikel Herbert König’s über die „Bretter, welche die Welt bedeuten“, fiel gerade in die Zeit, da sich hinter den Coulissen der Weltbühne eine der blutigsten und größten Tragödien vorbereitete. Wir hielten es darum für angemessen, die Veröffentlichung der Artikel König’s zu unterbrechen, lassen aber nunmehr heute den zweiten und letzten folgen, nachdem wir uns nach Abschluß des Friedens den Freuden der Künste wieder hingeben können.
    Die Redaction.
  2. Den massenhaften Anfragen, welche uns in Folge des Artikels „Vom Haarschwund“ in Nr. 17 der Gartenlaube, theilweise zur weiteren Bestellung an Dr. Pincus, zugegangen sind, und die wir unmöglich alle direct beantworten konnten, glaubten wir nicht besser zu begegnen, als durch eine Aufforderung an den Verfasser, das einmal angeregte Thema, namentlich aber das Capitel von der eigentlichen ärztlichen Behandlung der Haarkrankheiten noch eingehender und ausführlicher zu behandeln. Wir freuen uns, den Wünschen so vieler unserer Leser auf solche Weise heute schon entsprechen zu können: ein weiterer, dritter Artikel wird der Zusage des Verfassers gemäß demnächst folgen.
    D. Red.
  3. Die große Insel Java, die wenigstens von Ost nach West eine bedeutende Ausdehnung hat, wird im Westen Sunda und im Osten eigentlich erst Djava genannt.
  4. Das Sirih- oder Betel-Kauen ist in Indien allgemein: der Stoff besteht aus kleinen Stücken der sonst eigentlich geschmacklosen Arekanuß, etwas Kalk und den frischen Blättern der Sirih-Pflanze, eines Rankengewächses der Pfefferart. Der Speichel des Kauenden bekommt eine hochziegelrothe Färbung, die sich auch gewöhnlich schon an seinen Lippen zeigt.
  5. Obiger interessante Artikel Gerstäcker’s wurde von uns um so lieber zum Abdruck gebracht, als wir dadurch dem großen Leserkreis unseres Blattes Gelegenheit bieten möchten, ihre Erfahrungen zur Aufklärung ähnlicher scheinbar mysteriöser Vorfälle beizutragen. Wir erinnern dabei an ein Ereigniß in Zittau, das vor einigen Jahren in der Presse vielfach besprochen wurde und bei dem das so geschickt gehandhabte Steinwerfen gleichfalls eine Hauptrolle spielte. D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: verhin