Vom Haarschwund

Textdaten
<<< >>>
Autor: Joseph Pohl-Pincus
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Vom Haarschwund
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 283–285
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[283]
Vom Haarschwund.


So lange der Mensch noch Haare genug auf dem Kopfe hat und Haare lassen kann, denkt er nicht an seine spätere Kahlköpfigkeit und kümmert sich um die Pflege des Haares fast gar nicht. Dies rächt sich aber; denn weit früher, als es das Alter mit sich bringt, ergrauen seine Haare und fallen aus, der Kahlkopf aber fällt in die Hände des Perrückenmachers oder der Charlatane mit Haarwuchs befördernden Pomaden. Um dem zu entgehen, ist es unerläßlich, daß man sich über die Natur der Haare unterrichten läßt, und dies soll hiermit geschehen.

Die einzelnen Kopfhaare sprossen nicht ist stetig gleicher Entfernung voneinander aus der Haut hervor, es stehen vielmehr je zwei oder drei ziemlich nahe zusammen und diese sind durch einen verhältnißmäßig breiten freien Raum von ihren Nachbarn geschieden. Diese Vertheilung des Haares beruht auf einer bestimmten architektonischen Anordnung im Gefüge der Haut, sie findet sich bei allen Constitutionen und wird durch die Altersverhältnisse nicht geändert.

Den Raum, welchen die zu einer solchen Gruppe vereinigten Haare einnehmen, nebst dem zu ihnen gehörigen Theil des freien Zwischenterrains nenne ich einen Haarkreis.

Die einzelnen Haare eines Haarkreises befinden sich nach ihrer anatomischen Anordnung und nach ihrer physiologischen Ernährung in einer gewissen Abhängigkeit voneinander; allein diese bezieht sich nur auf einzelne Seiten ihres Daseins, in vielen Beziehungen ist die Selbstständigkeit eines Jeden vollständig. Jedes Haar hat eine sehr zierlich construirte Bildungs- und Wohnstätte, die sich durch die ganze Dicke der Haut bis tief in die saftige Fettpolsterlage des Unterhautgewebes erstreckt und zum Theil aus dieser seine [284] ernährenden Blutgefäße und seine Nerven aufnimmt. Es ist ein solches Haarsäckchen die zierlichste Seilerwerkstätte, die man sich denken kann: auf dem Grunde sitzt ein kleiner Kegel (die Nährmutter, Matrix), der unermüdlich Säfte an sich zieht, aus ihnen Zellen bildet und sie sorgfältig aneinander fügt zu einer mächtigen Lage; als Ueberzug erscheint eine einfacher und derber construirte Lage dachziegelförmig übereinander geordneter Deckplatten, die mit ihrem freien Ende nach der Haarspitze gerichtet sind. Nebenbei bemerkt, weicht eben in Folge dieser Richtung der Deckplatten ein zwischen den Fingern der Länge nach hin und her geschobenes Haar stets nach seiner Wurzel hin zurück. Hat das so fertig gestellte Haar einen Theil seines Weges innerhalb seiner Mutterhülle zurückgelegt, so wird es für seinen künftigen Aufenthalt über der Haut, im Freien, zu größerem Widerstande gegen die Fährlichkeiten, welche ihm bevorstehen, vorbereitet: besondere Drüsen (Talgdrüsen) präpariren für jedes Haar ein besonderes, conservirendes Oel; damit ihm Zeit gelassen werde, sich mit diesem Oel recht vollständig zu durchtränken, ist die Einrichtung getroffen, daß das Haarsäckchen kurz vor seiner Tagesmündung eingeschnürt ist; das Haar, ohnehin durch seine nach der Spitze zu gerichteten Deckplatten in seinem Hervorwachsen aufgehalten, erfährt an dieser Einschnürungsstelle einen größeren Widerstand – es muß sich hindurchwinden und preßt in dem Engpaß das ihm zugeführte Oel tief in sein Inneres hinein. Nun ist es geschmeidig und widersteht den Zerrungen der Frisur und den Witterungseinflüssen. Es ist zu Tage und wächst.

Anfangs geht es mit diesem Wachsthum ziemlich schnell (nach den Beobachtungen von Berthold, Donders und mir alle zehn Tage etwa eine bis zwei Linien), aber wenn das Haar im Mittag seines Daseins angekommen ist (nach meinen Beobachtungen, wenn es etwa zwei Jahre steht und zehn bis zwölf Zoll lang geworden ist), dann verlangsamt es sein Wachsthum bis auf ein halb so rasches Tempo, und gegen das Ende seines Daseins lassen sich nur etwa alle vier Wochen bei Messungen kleine Zunahmen wahrnehmen.

Aus den Aeußerungen der meisten meiner Patienten weiß ich, daß die geläufigen Vorstellungen über die absolute Länge, welche das Haar erreicht, irrig sind. Ich habe tausende von Haaren gemessen, zum Theil von Damen mit üppigem Haarwuchs, und ich habe die Länge des Haares im Durchschnitt nur zweiundzwanzig Zoll gefunden; eine Länge von achtundzwanzig Zoll kam schon sehr selten vor.

Die natürlichen, unabänderlichen Verhältnisse des Haarwuchses bedingen es, daß jedes Haar, sobald es eine gewisse Zeit bestanden hat, seine Entwicklung abschließt, ausfällt und durch ein neues ersetzt wird (normaler Haarausfall). Welche Länge das Haar vor diesem typischen Haarwechsel erreicht, hängt hauptsächlich ab von der ursprünglichen Beschaffenheit der Hautstelle, an der es gebildet worden; andere Momente haben auf die typische Länge nur einen sehr untergeordneten Einfluß. Ich bemerke dies ausdrücklich, weil die Meinung allgemein verbreitet ist, man könne durch häufiges Schneiden des Haares die Länge desselben vermehren oder, wie man sich ausdrückt, „den ganzen Haarwuchs kräftigen“. Das Schneiden des Haares wirkt auf das Wachsthum desselben ganz anders, als die geläufige Meinung annimmt. Diese Frage ist für die ganze Pflege des Haares so wichtig, daß ich einen Theil der von mir hierüber angestellten Beobachtungen kurz erwähnen will.

Ich schnitt bei einer größeren Anzahl gesunder Männer im Kopfhaar einzelne Kreise von einem Zoll Durchmesser gleichmäßig kurz ab und verglich von Woche zu Woche die Intensität des Wachsthums an den geschorenen Stellen mit der der benachbarten; das Resultat war überraschend: in einzelnen Fällen wuchs das kurz geschorene Haar in demselben Verhältniß wie das benachbarte nicht geschorene, in den meisten Fällen trat dagegen nach dem Schneiden eine Verlangsamung des Wachsthums ein; nie habe ich eine Steigerung der Geschwindigkeit beobachtet. Ich habe seitdem dieses physiologische Gesetz bei der Krankenbehandlung oft erfolgreich verwerten können.

In der Norm findet sich unter dem täglichen Haarausfall auch bei dem üppigsten Haarwuchs eine Anzahl kurzer Haare; zuweilen sind es kurze abgerissene Stücke, in der Regel aber besitzen sie deutliche Spitze und deutliche Wurzel, haben also ihren Lebenslauf völlig abgeschlossen. Sie werden zunächst geliefert von der Randpartie des ganzen Haares; an den Stellen, an welchen der stärkere Haarwuchs aufhört, findet sich ein schmaler Uebergangsstreifen, an welchem kurzes und gewöhnlich auch feineres Haar producirt wird. Aber auch an den übrigen Theilen des Kopfes wird regelmäßig eine gewisse Menge kurzer Haare gebildet.

Es beginnt nun fast jede chronische Haarkrankheit damit, daß ein Theil des Haares an typischer Länge einbüßt; es findet sich alsdann im Haarausfall eine größere Anzahl kurzer Haare. Wie groß darf diese Zahl sein, ohne ein beginnendes Leiden anzudeuten? Ist es möglich, hier die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit festzustellen?

Zur Beantwortung dieser Frage, welche für die möglichst frühe Erkenntniß der chronischen Haarkrankheiten von der allergrößten Wichtigkeit ist, habe ich bei sehr vielen Personen in verschiedenem Lebensalter und lange Zeit hindurch den täglichen Haarausfall untersucht. Die Verschiedenheiten, welche ich fand, waren recht erheblich; allein es ließen sich bei der großen Zahl von Untersuchungen die extremen Fälle als solche erkennen und ausscheiden, und es ließen sich sonach Mittelgruppen aufstellen. Die bezüglichen Verhältnisse sind am klarsten bei Frauen, die ihr Haar unverkürzt tragen, zu erkennen. Hier lautet das Schlußresultat: „Bei dem täglichen Haarausfall einer Dame darf in gesunder Zeit nie mehr als der vierte Theil des Haares unter sechs Zoll messen.

Bei Männern ober bei Frauen mit kurzer Haartracht ist die Entscheidung durch einfache Zählung nicht leicht zu ermöglichen; die genaue Feststellung, ob ein solches Haar gesund ist, kann (wenn es sich um die frühesten Stadien eines chronischen Haarleidens handelt – und dies sind diejenigen, in welchen am ehesten Hülfe möglich ist) nur durch Untersuchung des Haarausfalls seitens des Arztes erfolgen – doch gebe ich weiter unten auch für solche Fälle eine freilich nur summarische Durchschnittszahl.

Die ursprüngliche architektonische Anlage der in einer Haargruppe zusammenstehenden Haare ist so gefügt, daß sie ihr Wachsthum niemals zu ein und derselben Zeit beenden; die Haare, welche in einem Haarkreise sich befinden, haben nicht ein und dieselbe Dicke, nicht ein und dieselbe Geschwindigkeit des Wachsthums und erreichen nicht ein und dieselbe Länge. Dies ist die im Anfange dieses Aufsatzes erwähnte theilweise Abhängigkeit, in welcher die Einsassen eines Haarkreises von einander stehen; während der eine Einsasse nah’ am Ende seines Lebens angekommen ist, befindet sich der zweite auf der Höhe desselben und der dritte vielleicht im ersten Viertel. Diese Verschiedenheit der gleichzeitigen Lebensepochen verhindert es, daß die Einsassen eines Kreises zu gleicher Zeit ausfallen – die Momente des Ausfallens liegen in weiten Intervallen auseinander. Wäre diese Anordnung nicht getroffen, so würden wir regelmäßig wiederkehrende kleine kahle Flecke an unserem Kopfhaar wahrnehmen. Es kommen auch solche kleine Kahlheiten vor, aber in krankem Zustande – in der Norm erfolgt Ausfall und Ersatz allmählich, und viele Menschen ahnen nicht, daß jeden Tag eine gewisse Anzahl Haare ausfallen muß.

Die meisten acuten Haarkrankeiten beginnen mit einer erheblichen Zunahme des täglichen Haarausfalls; die Haare vollenden ihren ursprünglich veranlagten typischen Gang nicht, sie werden in ihrem Lebensgange vorzeitig unterbrochen.

Ein solcher krankhafter Zustand ist dem Leidenden oder seiner Umgebung so auffällig, daß rechtzeitig ärztliche Hülfe gesucht wird.

Anders ist es bei den chronischen Haarkrankheiten. Sie beginnen nicht mit einem massenhaften Ausfall, sondern mit einer sehr allmählichen Abnahme der ursprünglich veranlagten Länge der einzelnen Haare. Der neue Nachwuchs wird immer kürzer. Da aber seine bisherige Dicke nicht abnimmt, erscheint er in völlig gleicher Dichtheit wie früher. Die Folge davon ist, daß Männer bei ihrer kurzen Haartracht in den ersten Jahren nichts von dem Leiden merken; den Frauen fällt gewöhnlich die große Zahl der kurzen Haare auf, die sich in die gewohnte Frisur nicht recht wollen einreihen lassen. Allein auch sie ahnen nicht, daß dieser Verkürzung des einzelnen Haares nach einer gewissen Zeit eine Verdünnung desselben folgt. Nun erst – indeß sind zwei bis fünf Jahre vergangen – fällt dem Auge das Dünnerwerden des Haarwuchses auf, und nun wird Hülfe gesucht, in der Regel zu spät; ein Haar, das allmählich an Länge und Dicke eingebüßt hat, läßt sich nur selten in den früheren Zustand zurückbringen.

Diejenige Zeitepoche des chronischen Haarleidens, in welcher das Haar an Länge, aber nicht an Dicke einbüßt, nenne ich das [285] erste Stadium des Haarschwundes; sobald die Abnahme auch des Dickendurchmessers eintritt, beginnt das zweite Stadium.

Alle Krankheitszustände gehen die durch die normalen Verhältnisse vorgezeichneten Wege: das gesunde Haar zeigt in der letzten Hälfte seines Wachsthums eine allmähliche, aber stetige Abnahme seines Dickendurchmessers, jedoch nur bis zu dreifünftel seiner normalen Stärke; die Verdünnung, welche im zweiten Stadium des Haarschwundes eintritt, erfolgt in derselben Weise, nur bis zu einem viel höheren Grade. Fällt dieses schon so verdünnte Haar aus, so zeigt der Nachwuchs schon an keiner Stelle seines Daseins mehr die ursprüngliche Kräftigung, und allmählich bekommt der weitere Nachwuchs den Charakter des ganz dünnen, des Wollhaares.

Die chronischen Haarkrankheiten haben einen fortschreitenden Charakter; dies Fortschreiten kann in doppelter Weise erfolgen. In dem einen Fall wird ein großer Theil der ganzen Kopfhaut (gewöhnlich der Mittelkopf) in der Weise ergriffen, daß in einer jeden Haargruppe je ein Haar an Dicke einbüßt, während die anderen Einsassen desselben Kreises noch ihre früheren Durchmesser behalten haben. Im Ganzen erscheint ein solcher Kopf noch wohl behaart, nur etwas weniger dicht bestanden, als früher. Im Lauf weniger Jahre werden dann die anderen Einsassen der Haarkreise in den Krankheitsproceß hineingezogen – es bildet sich eine „Platte“ aus. In dem anderen Fall ergreift das Leiden eine verhältnißmäßig kleine Stelle von der Ausdehnung eines Zehngroschenstückes, entweder auf der Höhe des Scheitels oder einen Zoll hinter dem vorderen Rande des Haarwuchses, selten an einer anderen Region; an dieser erkrankten Stelle büßen im Zeitraum eines Jahres fast alle Haare ihre normale Länge und Dicke ein. Das allgemeine Aussehen eines solchen Kopfes giebt den Eindruck einer Tonsur in einem kräftigen Haarwuchs. Erst wenn eine solche kleine Platte sich gebildet hat, schreitet das Leiden zu den benachbarten Haarkreisen weiter.

Im Allgemeinen kann man sagen: die erste Art des Fortschreitens (bei welchem ein großer Theil der Kopfhaut auf Einmal ergriffen ist, aber so, daß die Einsassen ein und desselben Kreises die verschiedenen Stadien der Krankheit gleichzeitig neben einander zeigen) findet sich mehr in jüngeren Jahren; die zweite Art (die Tonsur) mehr bei älteren Leuten.

Daß das erste Stadium der chronischen Haarleiden die Dicke des Haares gar nicht und damit auch die Stärke des ganzen Haarwuchses nicht auffällig angreift – dieser Umstand ist schuld, daß die Patienten von dem Bestehen der Krankheit keine Ahnung haben. Die Verkürzung des Haares bemerken sie nicht und sie wissen auch nicht, daß auf diese Verkürzung nach einer gewissen Frist eine Verdünnung des einzelnen Haares folgt. Das Uebel kommt ihnen erst zur Erkenntniß, wenn das zweite Stadium eingetreten ist. Dann ist es, wie bereits erwähnt, meist zu spät, der beginnenden Kahlköpfigkeit Einhalt zu thun. Auf frühe Erkenntniß des Uebels kommt es also an.

Das bequemste Mittel zu dieser möglichst frühen Erkenntniß habe ich bereits im Eingange dieses Aufsatzes angedeutet: man sammle an drei aufeinander folgenden Tagen sorgfältig den Haarausfall beim Morgen- und Abendfrisiren und sondere (bei langer Haartracht) die Haare über sechs Zoll von den kürzeren; findet sich, daß die Zahl der kürzeren ein Drittel des Gesammtausfalls beträgt, so liegt ein beginnendes Haarleiden vor, welches ärztliches Einschreiten erfordert. Bei kurzer Haartracht (Männer, Frauen mit kurzgeschnittenem Haar) sondere man diejenigen Haare, welche die Spur der Scheere zeigen, von denjenigen, welche noch ihre natürliche Spitze haben (ich nenne diese der kurzen Bezeichnung halber Spitzenhaare); die Zahl dieser Spitzenhaare darf bei einer Länge der Haartracht von fünf Zoll nur ein Viertel des Gesammtausfalls betragen.

Die Aerzte haben früher das vorzeilige Ausgehen der Haare als Folge einer allgemeinen oder örtlichen Schwäche angesehen. Man kam zu dieser Anschauung, weil man sah, daß nach schwächenden Einflüssen (schweren Erkrankungen) ein acutes Haarleiden (massenhafter Haarausfall) eintrat, und weil man nun nach Analogie eine solche Schwäche auch bei chronischen Haarkrankheiten voraussetzte. Seit Simson hat ein kräftiger Haarwuchs für das Zeichen einer kraftvollen Constitution gegolten: es lag der Schluß nahe, daß die Abnahme der ursprünglichen Kräftigkeit des Haarwuchses ein Reflex der Abnahme der Gesammtkräftigkeit sei. Bei diesem Schluß übersah man gänzlich, daß eine große Anzahl robuster, völlig gesunder Menschen, mit sehr solider Lebensweise, früh kahlköpfig wurden. Man hielt fest an der Vormeinung der Schwäche und erwartete daher Hülfe von den „Stärkungsmitteln“ oder, was in einer gewissen Epoche der Entwicklung der Medicin dasselbe bedeutete, von den „Reizmitteln“.

Diese Anschauung der Aerzte früherer Zeit ist damals ins Publicum übertragen worden und hat sich hier eingebürgert. Fast alle meine Patienten haben, bevor sie zu mir kamen, Monate hindurch solche Reizmittel (Spiritus, Franzbranntwein, Eau de Cologne, Ricinusöl) gebraucht. Sehr zu ihrem Schaden! Alle diese Reizmittel verkürzen die Lebensdauer des Haares, oder, um mich einer geläufigen Vorstellung, eines Bildes zu bedienen: sie erschöpfen den Haarboden.

Ich muß des Allerdringendsten vor dem Gebrauch solcher „Stärkungsmittel“ warnen. Die erkrankte Kopfhaut erträgt sie nicht. Nicht eine Schwäche liegt vor, sondern ein Krankheitsreiz: diesen zu beseitigen oder, wenn die völlige Beseitigung nicht mehr möglich, zu verringern – das ist die Aufgabe. Und diese Aufgabe läßt sich oft lösen. Aber nicht mit einem „Generalmittel“. Nicht wenige Patienten kommen zu mir in der Voraussetzung, als ob ich ein bestimmtes „Haarmittel“ hätte. Solche „Haarmittel“ giebt es nicht. Es giebt nur gewisse Medicamente, welche den Ursachen des vorzeitigen Haarschwundes, der Verkürzung und der Verdünnung des Haares entgegenwirken; aber diese Medicamente müssen je nach der Natur und dem Verlauf des Falles, je nach dem Stadium des Leidens, nach den Ursachen, nach der Gesammtconstitution ausgewählt und in ihrer Dosis bestimmt, respective verändert werden. Ein Mittel, das heut paßt, ist schon nach vier Wochen ungeeignet, oder ist in der früher angewendeten Dosis nicht mehr passend. Und dem nachdenkenden Laien kann das nicht auffällig sein, er braucht sich nur seiner eigenen Erfahrungen bei anderen Krankheitszuständen zu erinnern: bei einem acuten Uebel, welches ab und zu wieder auftritt (Magenkatarrh, Luftröhrenkatarrh), oder bei einem chronischen, welches ab und zu Anfälle macht (Migräne, Asthma) – da bringt wohl ein und dasselbe Medicament, das in diesem Fall schon früher erprobt worden, nun wiederum Hülfe der Linderung; wer aber ein stetiges chronisches Leiden hat (z. B. einen chronischen Hautausschlag, eine chronische Augenentzündung), der weiß, daß eine Arznei, welche in einem gewissen Stadium dieses Uebels Linderung brachte, später gar nicht mehr wirkte oder geradezu schadete.

Ein chronisches Haarleiden muß in derselben Weise wie irgend eine andere, sehr chronische Krankheit vom Arzt beobachtet und behandelt werden.
Dr. Pincus.