Die Gartenlaube (1871)/Heft 19

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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1871
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[309]

No. 19.   1871.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Ein Held der Feder.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Jane verharrte inzwischen unbeweglich in ihrer Stellung. Die Hausglocke klang von Neuem, diesmal leiser als zuvor, ein Schritt kam den Hausflur entlang, sie regte sich nicht, erst als die Thür des Balconzimmers geöffnet ward, fuhr sie empor – Professor Fernow stand in derselben. – Seit jenem Abende auf dem Ruinenberge hatten sie einander nicht wieder gesehen, er hatte in der That ihren Weg nicht mehr gekreuzt und die Consequenz, mit der er die früheren zufälligen Begegnungen im Hause und Garten vermied, ward nur von der Entschiedenheit übertroffen, mit der Jane jeder Möglichkeit eines Zusammentreffens auswich. Die Beiden hatten es wirklich volle vierzehn Tage durchgesetzt, selbst des flüchtigsten Anblicks, des kältesten Grußes überhoben zu sein, und jetzt standen sie sich plötzlich gegenüber, so nahe, ganz allein, die Begegnung war nicht mehr zu ignoriren.

Jane war aufgesprungen; was sie auch vor einer Minute noch gedacht haben mochte, beim Anblick des Mannes, dem sie seinen Stolz und ihre Demüthigung noch lange nicht vergeben hatte, zerstob das Alles. Der alte feindselige Geist wallte wieder heiß und wild empor. Weshalb erschien er jetzt auf einmal in der Wohnung ihres Oheims, die er doch sonst niemals betrat, hier, wo er doch fürchten mußte, sie zu treffen? Galt dies Erscheinen ihr? Die junge Dame stand da, kampfbereit, entschlossen mit ihrer ganzen Kraft einer Macht zu trotzen, der sie sich diesmal gewiß nicht beugte.

Aber ihr Heroismus war, diesmal wenigstens, völlig überflüssig, es kam anders, als sie geglaubt. Der Professor stand noch immer auf der Schwelle, sein Blick schweifte langsam durch das ganze Zimmer, sie allein traf er nicht.

„Ich bitte um Verzeihung, ich suchte Herrn Doctor Stephan.“

„Mein Oheim ist im Garten.“

„Ich danke.“

Er zog die Thür hinter sich zu und schritt, ohne sie auch nur anzusehen, durch das Zimmer nach dem Balcon. Jane’s Stirn färbte sich dunkelroth, sie war darauf gefaßt, einem Angriff zu begegnen, und fand nun eine völlige Nichtachtung, das war mehr als sie ertragen konnte, ihre Hand umfaßte krampfhaft die Lehne des Sessels.

Der Professor stieß inzwischen schon in der Balconthür auf den soeben zurückkehrenden Doctor, der ihn sogleich in Beschlag nahm.

„Nun, da sind Sie ja endlich! Professor, was um Gotteswillen machen Sie für Streiche? Friedrich hat das ganze Haus bereits in Alarm gebracht mit seiner Schreckensbotschaft.“

Damit ergriff er ihn ohne Weiteres beim Arm und zog ihn wieder in’s Zimmer zurück. Das schien nun allerdings das Letzte zu sein, was der Professor wünschte, er folgte nur mit sichtlichem Widerstreben und blieb, die Einladung zum Niedersitzen nicht beachtend, aufrecht neben dem Stuhle stehen, den der Arzt ihm hinschob.

Ohne ein Wort zu sagen, stand Jane auf und verließ das Zimmer. Der Doctor blickte ihr verwundert und mißbilligend nach, die Unart seiner Nichte gegen den Hausgenossen fing nachgerade an, alle Grenzen zu übersteigen. Fernow’s Lippen zuckten, aber kein Blick verrieth, daß er die Bewegung überhaupt gesehen.

Miß Forest war indessen nicht weit gegangen, im Nebenzimmer lehnte sie finster und feindselig am Fenster. Sie wollte nicht in einem Zimmer mit diesem Manne bleiben, der sich erlaubte, sie und ihren Zorn zu ignoriren, aber – hören wollte sie denn doch, was er bei ihrem Oheim suchte, und durch die nur angelehnte Thür vernahm sie denn auch jede Silbe des Gesprächs, das der Doctor zuvörderst mit einer nachdrücklichen Strafpredigt einleitete.

„Und nun sagen Sie mir vor allen Dingen, hat der Friedrich den Verstand verloren, oder ist es wahr, daß Sie für diensttauglich erklärt sind, daß Sie das selber provocirt haben, daß Sie sich für gesund ausgaben, während es Sie doch nur ein Wort, ein bloßes Stillschweigen kostete, das Gegentheil zu beweisen? Ist so etwas erhört?“

Der Professor sah vor sich nieder. „Es war eine Aufwallung!“ sagte er leise. „Ich war ja so völlig sicher und gefaßt auf eine Zurückweisung, aber das achselzuckende Mitleid des Arztes raubte mir alle Besinnung. Allein als elender Schwächling nach Haus geschickt zu werden, wo Alles zum Kampfe eilt, das ertrug ich nicht! Es war eine Thorheit, ich werde sie mit dem Leben bezahlen müssen, aber – ich würde sie noch einmal begehen!“

„Sie scheinen bisweilen merkwürdige Aufwallungen zu haben,“ meinte der Doctor mit einem Blick nach der Zeitung hinüber. „Nun, davon nachher, jetzt handelt es sich vor allen Dingen darum, wie wir die Dummheit – nun, fahren Sie nur nicht gleich auf, ich meine den Oberstabsarzt – wie wir also die Dummheit des E. möglichst wieder gut machen. Ich werde ihm [310] den Text lesen! Ich fahre mit Ihnen hinüber nach H. und da soll er es mir mit seinem Einfluß und seinen Bekanntschaften durchsetzen, daß Sie zum Bureaudienst commandirt werden. Das halten Sie zur Noth noch aus, denn ganz rückgängig kann die Sache nun einmal doch nicht gemacht werden.“

In dem Antlitz des Professors stieg wieder die sturmverkündende dunkle Röthe auf, seine Stirn zog sich finster zusammen und seine Stimme klang eigenthümlich gereizt, als er erwiderte: „Ich danke Ihnen für den guten Willen, Doctor, muß aber alle und jede Einmischung Ihrerseits entschieden ablehnen. Ich bin zum Dienst mit der Waffe einberufen und werde dem Rufe folgen, genau so wie er an mich ergangen ist.“

In sprachloser Verwunderung sah der Doctor ihn an. Er war gewohnt, die unbedingteste Autorität über seinen Patienten auszuüben, war noch mehr an die stets geduldige Fügsamkeit desselben gewöhnt und jetzt auf einmal rebellirte dieser ganz offen gegen den zu seinem Besten gefaßten Beschluß. Das war dem Doctor zu viel, er wurde grob.

„Sind Sie toll?“ rief er heftig. „Sie wollen mit der Waffe dienen? Sie? Nein, das übersteigt denn doch alle Begriffe!“

Der Professor schwieg, aber er biß die Zähne zusammen, wie Friedrich es vorhin beschrieben, und schaute blutroth im ganzen Gesichte den Doctor mit einem Blicke an, daß dieser sofort einen anderen Ton anschlug.

Nennen Sie mir nur einen Grund, nur einen einzigen vernünftigen Grund für diesen Unsinn!“ sagte er fast bittend. „Können Sie dem Vaterlande nicht ebenso gut mit der Feder dienen, wenn Sie es sich nun einmal in den Kopf gesetzt haben? Warum wollen Sie nicht in die Bureaux, sagen Sie mir nur warum?“

„Ich will nicht!“

„Sie sind ein Eisenkopf!“ rief Stephan, wieder zornig werdend. „Sie haben darin eine merkwürdige Aehnlichkeit mit meiner Nichte. ‚Ich will nicht!‘ Und nun kann die ganze Welt sich dagegen setzen, es geschieht doch nicht. Genau Jane’s Manier, sogar ihr Ton, als hätten Sie es ihr abgelernt. Einer wie der Andere, ihr könntet zusammen ein Paar abgeben!“

„Doctor, ich bitte, verschonen Sie mich mit diesem albernen Scherz!“ brach der Professor in vollster Heftigkeit aus, indem er heftig mit dem Fuße stampfte.

Doctor Stephan stand einen Augenblick ganz starr vor dieser Kraftäußerung seines sanftmüthigen Patienten, dann aber sagte er in einem Tone aufrichtiger Bewunderung:

„Ich glaube, Sie können jetzt sogar grob werden.“

Fernow runzelte die Stirn und wendete sich ab.

„Nun, es war natürlich nur ein Scherz!“ entschuldigte sich Stephan, „ich weiß ja, daß Sie mit Jane so halb und halb auf dem Kriegsfuße stehen; aber Sie können jetzt merkwürdig heftig werden, Professor! Ich finde überhaupt, daß Sie seit den letzten zwei Monaten gar nicht mehr derselbe sind.“

Fernow vertheidigte sich mit keiner Silbe gegen den Vorwurf, er schwieg hartnäckig.

„Um nun wieder auf die Hauptsache zu kommen,“ begann der Doctor von neuem, diesmal aber etwas kleinlaut, „Sie wollen also meine Verwendung nicht annehmen?“

„Nein!“

„Sie wollen wirklich morgen mit ausmarschiren?“

„Auf jeden Fall.“

„Nun denn – zwingen kann ich Sie nicht, und wenn es denn durchaus nicht anders sein kann,“ hier brach auch bei dem Doctor der Patriotismus durch, er streckte ihm herzlich die Hand entgegen, „so gehen Sie in Gottes Namen. Wer weiß! Am Ende ist der Oberstabsarzt mit seinem Gewaltstreich klüger als wir Alle, und Eins wenigstens hat er Ihnen bewiesen, was Sie mir niemals glauben wollten, daß Sie weder schwindsüchtig sind, noch sonst eine ausgesprochene Krankheit haben, und ihre Nerven – erinnern Sie sich, was ich Ihnen vor vier Wochen anrieth?“

Der Professor hob langsam das Auge zu ihm empor. „Ein Gewaltmittel!“ sagte er leise.

„Richtig! Eine Radicalcur, vor der Sie sich damals entsetzten. Zu einem Tagelöhnerleben konnten Sie sich nicht entschließen, aber in’s Kriegsleben stürzen Sie sich jetzt, ohne mich zu fragen. Nun das Gewaltmittel hätte ich ihnen freilich nicht angerathen, denn damit können wir nicht aufhören, wenn die Dosis sich als zu stark erweist, da heißt es biegen oder brechen! Aber wenn Sie es einmal darauf wagen wollen – Glück zu.“

Der Professor lächelte trübe. „Ich habe wenig Vertrauen zu dieser Blut- und Eisencur,“ sagte er ruhig. „Ich werde fallen, das fühle ich, ob vor dem Feinde, ob in Folge der ungewohnten Anstrengung – gleichviel, jedenfalls schneller und besser, als nach jahrelangem Siechthum hinter dem Schreibtisch. Rauben Sie mir diese Ueberzeugung nicht, Doctor, es ist das Beste, was ich mit mir nehme, so nütze ich doch wenigstens etwas in der Welt!“

„Kommen Sie mir nicht wieder mit ihren Todesahnungen!“ rief der Doctor böse. „Sterben – Unsinn! Das werden wir uns in B. verbitten! Sie nützen also gar nichts im Leben? Sie haben kein Werk geschrieben, über das die ganze Gelehrtenwelt außer sich gerieth vor Bewunderung?“

Um die Lippen des Professors zuckte es mit schmerzlicher Bitterkeit. „Und das der gesammten übrigen Welt ein ‚todter Bücherstaub‘ bleiben wird.“

„Wirklich? und der Artikel, den Sie heut Morgen in der –zeitung losließen, war das auch bloßer Bücherstaub? Ja, entsetzen Sie sich nur, daß ich es weiß, die ganze Stadt weiß es, die Universität dito, – Professor, seit Sie das geschrieben haben, halte ich bei Ihnen alles für möglich, da verzweifle ich an nichts mehr!“

Fernow hörte kaum die letzten Worte, sein Blick war der Hand des Doctors gefolgt, die nach der erwähnten Zeitung wies, und in seinen Augen flammte es plötzlich auf, wie eine tiefe glühende Genugthuung – das Blatt lag in dem Lehnstuhl, wo Jane vorhin gesessen.

„Und Sie sollten sich schämen,“ rief Stephan, in immer größeren Eifer gerathend, „Sie sollten sich wirklich schämen, so kleinmüthig zu sein, während Sie mit ihrer Feder Tausende zu flammender Begeisterung fortreißen.“

Das Antlitz des Professors verdüsterte sich wieder, es lag ein harter bitterer Ausdruck darauf.

„Mit der Feder!“ sagte er langsam. „Die Feder hat sich noch immer die Verachtung gefallen lassen müssen, wo der Augenblick Thaten fordert. Ich stehe jetzt mit all meinem Wissen und Können hinter Friedrich zurück, der mit einem Paar kräftiger Arme für das Vaterland kämpfen kann, ich – kann höchstens sterben dafür, aber gleichviel, ich danke es dennoch ihrem Oberstabsarzte, er hat mich wenigstens losgesprochen von dem Fluche, jetzt nur ein – Federheld zu sein!“

Der Doctor schüttelte den Kopf. „Wenn ich nur wüßte, wie Sie auf einmal zu dieser furchtbaren Bitterkeit kommen! Das klingt ja, als hätte Ihnen irgend Jemand eine tödtliche Beleidigung angethan mit dem Worte. Ich sage es ja, Ihre ganze Natur ändert sich.“

Mit einem schweren gepreßten Athemzuge, als wolle er eine Last von sich werfen, richtete Fernow sich empor.

„Ich vergesse ganz, was mich zu ihnen führt!“ sagte er abbrechend. „Man läßt uns wenig Zeit, wir müssen heut Abend bereits wieder nach H. zurück, da die Ordre auf morgen früh lautet. Ich wollte Sie bitten, meine Wohnung und meine Bibliothek unter ihre Obhut zu nehmen. Im Fall meines Todes schalten Sie mit der ersteren, wie es Ihnen gut dünkt, die letztere bleibt der Universität; es ist manches Werthvolle darunter, ich habe sie zum größten Theil geerbt.“

„Ja, und wenn denn doch einmal ein förmliches Testament gemacht werden soll,“ fiel der Doctor ein, dann bitte ich um die Adresse Ihrer Verwandten, für alle möglichen Fälle. Ich mochte bisher nicht danach fragen, Sie hielten ein so strenges Geheimniß über Ihre Familienbeziehungen.“

„Geheimniß? Ich habe nichts zu verbergen. Ich besitze keine Verwandten.“

„Was, nicht einen einzigen?“

„Niemanden! Ich stehe ganz allein in der Welt!“

Es lag ein ruhiges, aber tiefes Weh in den Worten. Der Doctor schwieg theilnehmend, Fernow reichte ihm die Hand.

„Ich sage ihnen jedenfalls Lebewohl. Jetzt habe ich noch Manches zu ordnen; auf heute Abend denn!“

Er ging. Stephan begleitete ihn bis zur Thür und verabschiedete sich dann mit einem herzlichen Händedruck. Der Professor [311] trat in das Salonzimmer, das er durchschreiten mußte, um auf den Hausflur zu gelangen; seine Züge hatten ganz wieder den sanften schwermüthigen Ausdruck, der ihnen sonst eigen war; plötzlich aber zuckte er auf und wich zurück – er erblickte Miß Forest.

Sie hatte ihren Platz am Fenster nicht verlassen, aber sie war etwas vorgetreten, so daß er sie sehen mußte, und ihr Blick begegnete dem seinigen. Jane’s Augen vermochten es nicht, weich oder träumerisch zu blicken, und selbst das Feuer darin glich immer nur einem Nordlichtscheine auf dem Eisfelde; aber dennoch lag eine seltsame Gewalt in diesen dunklen Tiefen, die Macht eines stolzen unbeugsamen Willens, der nicht zu locken, aber zu zwingen verstand, und sie war sich dieser Macht im vollsten Maße bewußt. So selten sie auch angewendet ward, brauchte sie sie einmal, dann blieb ihr auch der Sieg, und kein Sieg über das Gewöhnliche. Den starken Charakter des Vaters hatte sie mit diesem Blicke gebeugt, die immer bereiten Sarkasmen Atkins’ verstummen gemacht, die kalte, gleich energische Natur Henry’s zu ihren Füßen gezwungen. Und jetzt galt es auch etwas zu erzwingen, den Schritt, mit dem ein Anderer trotz alledem ihren Weg kreuzen sollte und mußte, das Abschiedswort, das sie nun einmal von seinen Lippen hören wollte – darum strahlten diese Augen jetzt in ihrem vollen mächtigen Glanze, und tief unten, hinter all dem Eise, da flammte etwas, was wärmer war als bloßer Nordlichtschein.

Auch Fernow schien dieser räthselhaften Macht zu erliegen; wie festgebannt hing sein Blick an ihrem Antlitz; er sah es, sie wartete, wartete auf ein Lebewohl. Nur einen Schritt kostete es ihn, nur ein einziges Wort, es galt ja den Abschied, vielleicht auf Nimmerwiedersehen! In Jane’s Zügen blitzte es triumpirend auf – da verdüsterte sich auf einmal das Gesicht des Professors, jede Muskel spannte sich an zum energischen Widerstande. Langsam, als weiche er Schritt für Schritt aus dem Bereiche einer dämonischen Gewalt, so riß er das Auge los von ihrem Antlitz; seine Lippen zuckten, als sie sich aufeinanderpreßten, um das Abschiedswort zu verschließen; seine Brust hob sich krampfhaft im qualvollsten inneren Kampfe, aber der beleidigte Stolz des Mannes hielt Stand vor der Versuchung. Er wandte sich zum Gehen, eine Verbeugung, so kalt, so fremd, wie die letzte auf dem Ruinenberge, und die Thür fiel hinter ihm zu – er hatte Wort gehalten!

Jane stand da wie eine Bildsäule; das war zu viel! Sie hatte sich herabgelassen zu warten, hatte die ganze Zeit gewartet und stand nun da, entschlossen, die Hand zur Versöhnung zu bieten, bereit, ein letztes Abschiedswort zu geben und zu empfangen, und diese unglaubliche Selbstüberwindung ward so aufgenommen! Was wollte denn dieser Mann? Verlangte er etwa gar, sie solle ihm Abbitte leisten?

Abbitte! Bei dem bloßen Worte schon empörte sich das ganze Wesen der jungen Dame in Zorn und Entrüstung; das war etwas, was sie nicht kannte. Miß Forest, die Alles so klar prüfte, so ruhig überlegte, sie kam nie in den Fall, eine Aufwallung bereuen oder einen Irrthum wieder gut machen zu müssen, weil sie sich niemals hinreißen ließ; und selbst in ihren Kinderjahren war die Abbitte etwas, das ihr unmöglich schien. Sie trug jede Strafe, aber sie trotzte finster dabei, trotzte eher wochenlang, ehe das Wort „Verzeihung“ von ihren Lippen kam, und Forest fühlte in dem Kinde viel zu sehr seine eigene Natur, um bei ihm etwas zu erzwingen, was er selbst als eine Erniedrigung empfand. Der Gedanke blitzte nur auf, um sofort mit Abscheu zurückgewiesen zu werden – er wollte kein Lebewohl, nun denn, so mochte er ohne dasselbe gehen, in’s Feld, in den Tod, wie er selbst meinte.

Und was hatte ihn dazu getrieben? Sie wußte es jetzt, die bittere Genugthuung, mit der er das Lossprechen vom „Federhelden“ begrüßte, hatte es ihr verrathen. Das Wort hatte gewühlt und gewühlt in dem Manne, wochenlang; es war der Stachel, der allein ihn trieb, als er etwas unternahm, dem seine Kraft nicht gewachsen war, und wenn er nun unterlag, wenn er zu Grunde ging an dieser Aufgabe, wer trug die Schuld?

Jane begann heftig im Zimmer auf und nieder zu gehen; sie wollte den Gedanken von sich weisen, und doch kam er immer und immer wieder zurück. Sie hörte nur sein mit so düsterer Ergebung gesprochenes „Ich habe Niemanden, ich stehe ganz allein in der Welt!“ Sie preßte die Hand gegen die Brust, als habe jenes Weh dort ein Echo gefunden; hätte sie ihm jetzt gegenüber gestanden, vielleicht – da bäumte sich der alte Trotz wieder in seiner ganzen Wildheit empor, und sie preßte die Hände ineinander und stampfte außer sich mit dem Fuße. „Nein! Und nein! Und abermals nein!“

Der Nachmittag verging reißend schnell mit der Besorgung all’ des Nöthigen für die beiden Abreisenden, endlich war alles geordnet, gepackt, zugeschlossen, und mit der beginnenden Abenddämmerung stand Friedrich reisefertig vor dem Doctor und seiner Frau, um Abschied zu nehmen. Der arme Bursche sah sehr niedergeschlagen aus, um seinen breiten Mund zuckte es schmerzlich, mühsam schluckte er die aufquellenden Thränen hinunter und weder das schwere Geldpäckchen, das der Doctor ihm zusteckte, noch das Versprechen der Doctorin, auch im Felde nach Möglichkeit für ihn zu sorgen, vermochte ihn aufzuheitern.

„Schäme Dich, Friedrich!“ schalt Stephan. „Ist das eine Art in den Krieg zu gehen? Mit solcher Jammermiene, mit nassen Augen? Ich hätte Dir mehr Courage zugetraut.“

Friedrich sperrte die nassen Augen verwundert auf, es dauerte eine ganze Weile, ehe er den Vorwurf überhaupt begriff, dann aber machte auch die Niedergeschlagenheit sogleich der tiefsten Gekränktheit Platz.

„Meinen Sie etwa, Herr Doctor, daß ich mich fürchte?“ rief er entrüstet. „Mir ist es ja eine wahre Wonne, das Gewehr auf den Rücken zu nehmen und dreinzuschlagen, daß nur alles so kracht! Aber mein armer Herr Professor! dem kostet die Geschichte das Leben, noch ehe er vor den Feind kommt!“

„Nun, das ist doch noch nicht ausgemacht!“ meinte der Doctor, während Frau Stephan, in vollster Uebereinstimmung mit Friedrich, ihr Taschentuch an die Augen drückte. „Vielleicht hält er es besser aus, als wir alle denken. Ich sage es Dir noch einmal, er ist gar nicht so krank, als Du Dir einbildest, und wenigstens reißt ihn das Kriegsleben von dem Studiren los, was unter allen Umständen ein Glück ist.“

„Er geht drauf!“ beharrte Friedrich mit traurigem Kopfschütteln. „Er geht ganz gewiß drauf! Beim ersten Marsch liegt er im Lazareth, und wenn ich nicht bei ihm sein und ihn pflegen kann, so stirbt er auch. Und daran,“ hier brach die von Mr. Atkins so gefürchtete Bärennatur Friedrich’s in unbändiger Wildheit durch, „darin sind auch nur die verdammten Franzosen schuld! Mindestens ein Dutzend schlage ich todt dafür!“

„Nun, nun, warte nur wenigstens damit, bis Du in Frankreich bist!“ rief der Doctor, vor der wüthenden Pantomime retirirend, „übrigens wollen wir erst abwarten, ob Du den Manen Deines Herrn ein solches Todtenopfer zu halten brauchst. So viel ich weiß, hat er doch das ganze Freiwilligenjahr durchgemacht und ist am Leben geblieben.“

„Das war vor zehn Jahren!“ sagte Friedrich, noch immer hoffnungslos. „Damals war er noch weit gesünder und kräftiger, und beim Manöver hat er auch im Lazareth gelegen. – Nun, es hilft einmal nichts! Adieu, Herr Doctor, adieu, Frau Doctorin!“ er streckte den Beiden treuherzig seine große Hand entgegen und die hellen Thränen liefen ihm trotz alles Wehrens und Sträubens über die Backen. „Sie haben mir viel Gutes gethan in den drei Jahren; wenn ich zurückkomme, will ich’s redlich wieder gut machen, wenn nicht – vergelt’s Gott!“

Damit drückte und schüttelte er mit seiner Riesenfaust die dargereichten Hände, nahm noch eine Ermahnung und ein paar gute Rathschläge in Empfang, schwenkte die Mütze und polterte die Treppe hinab, seinem Herrn nach, der bereits von dem Ehepaare Abschied genommen hatte und noch auf einen Augenblick in den Garten gegangen war.

Der Professor stand am äußersten Ende desselben, auf die Gitterthür gestützt, und blickte träumend und unverwandt auf eine jetzt trockene Stelle des Heckenganges, der ihn von dem vorüberrauschenden Strome schied. Die Sonne war bereits untergegangen und das letzte Abendroth verglommen, am Himmel glänzten matt die ersten Sterne, zwischen den Bäumen und Gebüschen lagerten schon dämmernde Schatten, kühl strich der Nachthauch darüber hin. Von drüben her tönte das leise Murmeln und Rauschen der Wellen, die alte, liebe, vertraute Stimme flüsterte ihm den Abschiedsgruß, ob von der Heimath, ob vom ganzen Leben? gleichviel – es war der letzte, den er zu erwarten hatte.

Da rauschte es auf einmal auch von der anderen Seite, aber lauter, heftiger, wie ein seidenes Frauengewand, das den [312] Kies des Ganges streifte; Fernow wandte sich um, von einer Ahnung durchzuckt; vor ihm stand Jane, todtenbleich, den Blick zu Boden geheftet, die Hände fest ineinander geschlungen und mit einem Ausdruck, als gelte es jetzt das Furchtbarste in ihrem ganzen Leben. Die Brust hob und senkte sich krampfhaft, die Lippen zuckten, sie wollten nicht gehorchen, und endlich öffneten sie sich doch zu dem verhängnisvollen Worte:

„Ich – ich bitte um Verzeihung!“

„Miß Forest! Johanna!“ rief er in ausbrechender Leidenschaft; aber da hatte sie sich schon gewandt und floh, wie gejagt, den Gang hinauf. Er wollte ihr nachstürzen, da hallte die Stimme Friedrich’s laut durch den ganzen Garten.

„Herr Professor, wir müssen fort! Herr Professor, wo sind Sie? Wir haben keine Minute mehr Zeit!“

Fort! In diesem Augenblicke! Die neue Pflicht forderte das erste schwere Opfer, ein minutenlanger Kampf, dann war es überstanden!

„Ich komme!“ klang es in festem Tone zurück. Er eilte dem Hause zu. Unter dem Weinlaub des Balcons dunkelte es bereits, nur die Umrisse der hellen Gestalt waren noch sichtbar, die sich zur Hälfte darunter verbarg; einen Moment lang zögerte der Fuß des Professors, nur einen einzigen, und heiß und innig klang das nun endlich erzwungene Abschiedswort zu ihr hinauf:

„Lebe wohl!“




Wochen und Monate waren vergangen, seit der erste Ruf zu den Waffen erklungen, und noch immer tobte das Kriegswetter mit unverminderter Gewalt, aber der Pfeil war auf den zurückgeschnellt, der ihn abgesandt. Am Rhein reifte friedlich die Traube und färbte sich dunkler von Tag zu Tag, auf den Feldern wogte die goldene Ernte, in den Städten flatterten die Siegesbanner, aber drüben in Frankreich, da sanken die Rebenhügel, verwüstet und blutgetränkt, da zerstampften Mann und Roß die blühenden Fluren, da schlug der Brand der Dörfer in flammender Lohe zum Himmel empor. All die Schrecknisse, die den Rheinlauben zugedacht waren, sie trafen jetzt den eigenen Boden, ein spätes, aber furchtbares Strafgericht für die einst so frevelhaft verheerte Pfalz, selbst der Sieger vermochte es nicht mehr zu hemmen, das einmal entfesselte Verderben nahm seinen Lauf, hinweg über Schuldige und Unschuldige, und das zuckende Land empfand jetzt endlich selbst die ganze Schwere des Wortes, mit dem es sich oft genug von jeder Verantwortung freigesprochen – c’est la guerre!

Ununterbrochen vorwärts ging der Siegeszug der deutschen Heere, vom Rhein zur Mosel, von der Mosel zur Maas, von der Maas zur Seine, Alles niederwerfend, was ihm im Wege stand. Stadt für Stadt öffnete ihre Thore, Festung auf Festung fiel nach längerem oder kürzerem Widerstande, die heiße Augustsonne brannte nieder auf sieben Schlachtfelder, sie begrüßte ebensoviel Siegesdenkmale, und das erste kühlere Wehen des September strich über jenen Boden, wo der weichende Feind, von allen Seiten umzingelt, eingeschlossen, erdrückt, sich endlich bezwungen gab. Ein ganzes französisches Heer, das einst gefürchtete Haupt an der Spitze, hielt nun wirklich den so sicher verheißenen Einzug in Deutschland, aber – ohne Wehr und Waffen, indeß seine Ueberwinder weiter vordrangen, mit rastlos eiserner Beharrlichkeit, nach dem Herzen Frankreichs, nach Paris!

In der Departementshauptstadt N. herrschte, trotzdem die eigentliche Kriegswoge längst darüber hinaus war, ein reges militärisches Leben. Die Stadt lag als eine der Hauptstationen auf der großen Militär- und Etappenstraße, die jetzt von Deutschland in das Innere Frankreichs führte. Nachrückende Regimenter, endlose Proviant- und Munitionscolonnen kreuzten sich hier mit den rückkehrenden Transporten von Kranken und Verwundeten, mit Ambulancen und Courieren, alle Straßen waren vollgepfropft mit Menschen, Wagen und Pferden, alle Quartiere überfüllt, und die beiden Reisenden, dem Anscheine nach Amerikaner oder Engländer, welche gestern angelangt waren, konnten, obwohl sie unzweifelhaft zu den Reichen gehörten, noch von Glück sagen, in einem Hôtel zweiten Ranges ein hochgelegenes, dürftig ausgestattetes Zimmer für einen unmäßigen Preis zu erhalten.

Es war am Morgen nach ihrer Ankunft, der Fremde saß im Sopha, während seine junge Begleiterin am geöffneten Fenster stand und auf die Straße hinabblickte, wo sich auch heute wieder ein wirres Durcheinander von Fußgängern und Fuhrwerken drängte, dessen unaufhörliches Lärmen und Toben bis zu ihr hinaufdrang.

„Ich begreife nicht, wie Sie diesen betäubenden Lärm da unten noch aushalten, Miß Jane! Sind Sie denn dieses ewigen Gewoges und Getreibes nicht endlich müde?“

„Nein!“ lautete die kurze, etwas übellaunige Antwort der jungen Dame, die sich in diesem Augenblick weit vorbeugte, um einen Wagen mit Verwundeten schärfer in’s Auge zu fassen. Ihr Blick haftete unverwandt auf den bleichen Zügen der Kranken, sie sah ihnen nach, bis der Wagen um die Ecke bog.

„Nun, dann haben Sie bessere Nerven als ich!“ sagte Atkins resignirt. „Ich bekenne, in den letzten acht Tagen vollständig mürbe geworden zu sein. Eine volle Woche zu dieser Fahrt nach N., das man sonst in vierundzwanzig Stunden erreicht, Nachquartier in den elendesten Dörfern, Essen, wie ich es in meinem Leben nicht gekostet, stunden- und tagelanges Liegenbleiben in halbzerstörten Ortschaften, gesprengte Brücken, unpassirbare Wege, und dabei immer in Gefahr, daß in unserer nächsten Nähe eine Schlacht geschlagen und wir von der Sieges- und Fluchtwoge mit fortgerissen werden – ich sollte meinen, das Alles hätte Ihnen nun endlich bewiesen, wie unmöglich es ist, Familienbeziehungen bis auf den Kriegsschauplatz verfolgen zu wollen.“

Jane hatte während dieser Rede das Fenster geschlossen und wandte sich jetzt um. „Unmöglich?“ fragte sie ruhig. „Ich dächte, wir wären trotz alledem in N. angelangt, und hier wartet unser jedenfalls eine Entscheidung.“

„Oder eine neue Enttäuschung! Diese Spur narrt uns in einer ganz empörenden Weise, kaum meinen wir sie zu haben, so springt sie plötzlich ab, und weist nach einer andern Himmelsgegend. Vorläufig sind wir in Frankreich, mich sollte es durchaus nicht wundern, wenn wir das nächste Mal nach Amerika zurückdirigirt würden, von da zur Abwechselung wieder nach dem Rhein, und so fort.“

„Gleichviel!“ erklärte Jane energisch. „Ich habe es meinem Vater gelobt, wenn mein Bruder noch am Leben ist, ihn zu finden und nur der Unmöglichkeit zu weichen. Ich werde Wort halten!“

„Wäre es wenigstens noch eine directe Spur, der wir folgen!“ hob Atkins wieder an; „aber wen suchen wir denn? Einen Menschen, der uns über die eigentliche Hauptperson möglicher Weise Auskunft geben könnte!“

„Vielmehr den Einzigen, der sie uns wirklich geben kann! Die directe Spur ging verloren; jener Geistliche war nicht aufzufinden, weder von seiner ehemaligen Pfarre aus, noch in anderer Weise; alle unsere Bemühungen nach dieser Richtung scheiterten; dafür fanden wir den Handwerker, der den anderen Knaben zu sich nahm.“

„Um von ihm die erfreuliche Nachricht zu empfangen, daß sein Neffe bereits vor vier Jahren nach Frankreich gewandert sei und augenblicklich gerade dies N., das so recht inmitten all der heillosen Kriegsoperationen liegt, zum Schauplatz seiner jedenfalls höchst achtungswerthen Leistungen an der Hobelbank gewählt habe.“

In Jane’s Augen flammte es halb unwillig auf. „Sie vergessen das Wichtigste, das Eine, was allein uns herführte, die Behauptung jenes Mannes, daß der ehemalige Gefährte des jungen Erdmann noch am Leben sei, daß die Beiden, nachdem sie jahrelang getrennt waren, sich bei Ableistung ihrer Militärpflicht wiedergefunden. Näheres vermochte er uns freilich nicht anzugeben, sein Neffe diente damals fern von ihm in einer größeren Garnisonstadt; das aber erinnerte er sich ganz bestimmt aus seinem Munde gehört zu haben. Ich weiß also jetzt, daß mein Bruder noch lebt, daß es Jemand auf der Welt giebt, der ihn kennt, der mir seinen Aufenthalt nennen kann. Scheint Ihnen dies kein Schritt, den wir vorwärts gethan haben? Es ist mehr, als ich je gehofft!“

„Aber ich bestreite ja das ganz und gar nicht!“ vertheidigte sich Atkins gegen den beinahe zürnenden Ton der jungen Dame. „Ich war nur der Ansicht, die ferneren Nachforschungen bis nach Beendigung des Krieges aufzuschieben.“

Jane hob mit einer heftigen, diesmal vollendet unwilligen Bewegung das Haupt empor.

(Fortsetzung folgt.)
[313]
Die Gartenlaube (1871) b 313.jpg

Das Ehrenthal bei Saarbrücken.
Nach der Natur aufgenommen von G. Arnould.

[314]
Von der Wiege des preußischen Liberalismus.
Von Rudolf Gottschall.
III.


Die „Albertina“, der Stammsitz der Königsberger Gelehrsamkeit, machte damals in ihren Hörsälen einen hülfeflehenden Eindruck; ihre gebrechlichen Fronten spiegelten sich in den Pregelarmen, welche hier den Kneiphof umströmten. Der an merkwürdigen Alterthümern reiche Dom überragte die alma mater, und eine Stoa Kantiana, in welcher Lehrende und Lernende lustwandelten, die aber trotz ihres stolzen Namens nichts war als ein offener Gang mit einem Regendach ohne jede bauliche und bildliche Zierde, schloß sich an die Außenmauer der Kirche mit dem hochragenden Thurm, der prächtigen Orgel und den Gräbern der Hochmeister des deutschen Ordens an.

Das ganze Gebäude hatte etwas Düsteres; die Wissenschaft mußte hier einen Faustischen Zug haben; man wurde an Staub und Moder, an Thiergeripp und Todtenbein erinnert. Doch schon damals winkte den vier Facultäten eine schönere Zukunft. Der Grundstein des neuen Universitätsgebäudes wurde im Jahre 1844 von dem König Friedrich Wilhelm dem Vierten gelegt, mit einer schwunghaften, lichtfreundlichen Rede, wie es sonst nicht in der Art des geistreichen Fürsten lag, der aber hier ausdrücklich dem „Nachtgevögel“ den Krieg erklärte. Leider! wollte das der Erde anvertraute Saatkorn lange Jahre nicht keimen und in die Höhe wachsen; ein kleines Gitter bezeichnete, ähnlich wie das Gitter des Berliner Schillerdenkmals, die der Zukunft der Musen geweihte Stätte auf dem Königsplatz, und erst 1862 erstand das neue, lichte Universitätsgebäude mit seinen Büsten und Inschriften und einer Aula, welche jetzt erst durch den geistreichen Künstler Rosenfelder und andere Mitglieder der Königsberger Kunstakademie mit allegorischen und historischen Gemälden ausgeschmückt wird, in schwungvoller und bedeutsamer Weise. Der liebenswürdige Director der Academie ist übrigens ebensogroß als Künstler, wie klein als Mensch in seiner äußeren Erscheinung, und zeigt dabei eine große Vorliebe für Bilder von gewaltigen Dimensionen. Schon damals, bald nach Gründung der Akademie, welche an den baltischen Gestaden und in der Stadt der reinen Vernunft den Sinn für Formen und Farben wecken sollte, malte Rosenfelder an einem riesigen Bilde „die Gefangennahme des Landgrafen Philipp auf der Moritzburg“, und wir sahen oft mit Andacht den genialen kleinen Künstler in seinem Atelier an seinen großen Figuren in die Höhe klettern. Auch war es damals gefährlich, ihm auf der Straße zu begegnen, wenn man im Gesicht irgend einen herausfordernden Zug, eine kühngeschwungene Nase, ein Paar feurige Augen oder sonstige Naturspiele aufzuweisen hatte; denn der Maler befand sich gerade auf der Studienjagd und wußte sich bald, durch List, Gewalt oder bittweise, jener bevorzugten Menschenexemplare zu bemächtigen, sie in sein Atelier zu locken und schonungslos als Studienköpfe an die Wand zu heften. Und in der Regel hatte man dabei nicht einmal den Genuß, sein eigenes Selbst im Bilde zu bewundern. Der dunkellockige Studentenkopf hatte sich in einen kahlköpfigen Spanier verwandelt; nur Nase und Augen erinnerten an das Original, man war geplündert, aber nicht abconterfeit worden.

Während unsere alte Albertina gleichsam unter den Fittichen der Kirche ruhte, steht die neue Universität in der Nähe des Theaters, dessen Seitenfront mit derjenigen einer großen Wirthschaftsscheune eine unleugbare Aehnlichkeit hat. Doch wird sich auch der Tempel der heitern Musen nächstens verschönern, um gegen die benachbarte lichte Halle der Wissenschaften nicht allzu traurig abzustechen.

Wir hatten uns indeß damals an die altersgrauen Räume und die oft kleinen und winkligen Auditorien der Königsberg’schen Musenherberge gewöhnt; ja die Studentenschaft hielt oft ihre Versammlungen in den größeren Hörsälen. Meinen Rastenburger Landsleuten, den Masuren, war ich früh untreu geworden; der Kneipcomment der Landsmannschaften mit den Päpsten, Cardinälen und sonstigen Trinkkunststücken ging über meine Leistungsfähigkeit hinaus. Ich hatte mich der allgemeinen Studentenverbindung angeschlossen, welche in allerlei Kränzchen, Gothen, Teutonen, Hochheimer, Borussen zerfiel, aber doch als ein Ganzes mit burschenschaftlicher Richtung den Lithauern und Masuren gegenüberstand. Der politische Geist jener Epoche erregte natürlich auch die Studentenschaft und führte zu Debatten und Demonstrationen der verschiedensten Art.

Als ich immatriculirt wurde, hatten zwei Hauptredner der Studentenschaft gerade die Universität verlassen, man sprach noch viel von ihnen; ihr Angedenken war noch frisch bei der Menge. Es waren entschiedene Gegner, der eine der Vertreter des nüchternen Verstandes, der andere derjenige eines oft exaltirten Enthusiasmus; jener ein kleines, altkluges, rechthaberisches Männchen, dessen unfehlbare Logik mit ihrer schneidenden Messerschärfe indeß nie Eindruck zu machen verfehlte; dieser eine athletische Natur, leiblich und geistig muskelstark, voll genialer Lebensäußerungen; jener ein Gegner jeder Romantik, dieser ganz Sturm und Drang. Der erste ging später unter die Literarhistoriker, mit einer kleinen kritischen Guillotine, mit welcher er besonders die Poeten heimsuchte, und machte eine Zeitlang seinen Namen zum Schrecken für alle bilderreichen Lyriker. Man schwor auf seine Autorität, und keine mildthätige Seele hob den Dichter auf, den er fallen ließ; wer kennt nicht Julian Schmidt, „den Auszug aller tödtlich feinen Kräfte“ in der Kritik, das Orakel der ewig Nüchternen, den Geist, der stets negirt oder vielmehr jetzt stets „compilirt“?

Sein Gegenpol aber war Albert Dulk, der Dichter des von feurigem Emancipationsdrang beseelten Schauspiels „Orla“, welchem er neuerdings ein interessantes Drama: „Jesus der Christ“ folgen ließ, eine jener Originalnaturen, welche sich mit dem Herkommen überwerfen und phantasievoll und willensstark nur dem eigenen Gesetze folgen. Diesen Kraftmenschen konnte man sich denken mit der Keule des Hercules gewaffnet, während sein Gegner ihm mit dem Lineal des Magisters gegenüberstand. Dulk war ein gewaltiger Turner und Schwimmer – in dem ostpreußischen Modebad Crantz sah man, wenn der Sturm die Wogen hoch aufthürmte, um dieser nüchternen und schläfrigen Sommerstation der Königsberger Beaumonde einen poetischen Reiz zu verleihen, wenn alle Badeplätze abgesperrt waren, einen einzigen kühnen Schwimmer in freier See mit den schaumspritzenden Wellen ringen; es war Albert Dulk, der später der Schwimmkunst des britischen Lords ein Paroli bog, indem er über die ganze Breite des Bodensees in dreistündiger Tour schwamm.

Doch auch andere tüchtige Kräfte, die sich später auszeichnen sollten, belebten damals die Studentenversammlungen der „Albertina“. Der berühmte Chemiker Kirchhoff, welcher die Sterne zwang, ihm die Geheimnisse ihrer Stoffe zu offenbaren, und dessen Name mit der neuen Wissenschaft der „Spectralanalyse“ unlösbar verknüpft ist; der treffliche Pädagog, Shakespeare-Erläuterer und Literarhistoriker Kreyssig, der in seinen neuern Schriften fast zu sehr dem Realismus huldigt, schon damals von lehrhaften Neigungen und bei allen Debatten lebhaft betheiligt; der Geheime Legationsrath v. Keudell, die rechte Hand Bismarck’s, ein stilgewandter Diplomat und dabei eine feine, künstlerisch gebildete Natur, ein musikalisches Talent; der Breslauer Oberbürgermeister Hobrecht, der tüchtige Wiener Publicist Walter Rogge – sie alle, wenn sie auf ihre Jugend zurückblicken, müssen der altersgrauen „Albertina“ gedenken und der Zeit, in welcher der silberne Albertus ihre Studentenmütze schmückte, in welcher die Versammlungen mit ihren Debatten und Parteiungen ein Vorbild des späteren politischen Lebens boten.

Bald traten auch Ereignisse ein, welche die Studentenschaft mit den damaligen Vorkämpfern der Opposition in nähere Berührung brachten. Georg Herwegh, der Dichter der „Lieder eines Lebendigen“, kam auf seinem Triumphzuge auch nach Königsberg; vorausgegangen war seine Audienz bei dem König von Preußen.

Selten hat ein Dichter bei der studirenden Jugend so große Sympathien gewonnen, wie damals Herwegh. Es schien überhaupt für die Poesie eine schönere Zeit anzubrechen, wo sie nicht blos in den Damenalbums der Toilettentische eine Stätte fand, sondern auch die Männer begeisterte.

Ein großer Theil der Studentenschaft betheiligte sich bei den Huldigungen, welche man für den fahrenden Sänger vorbereite. Georg Herwegh kam und wurde festlich begrüßt. Seine Persönlichkeit [315] sagte uns zu – jung, von dunkler Gesichtsfarbe, mit der Denkerstirn und dem Dichterauge machte er den Einbruch eines Poeten. Bei dem großen Festmahl im Kneiphöf’schen Junkerhof hielt ihm Justizrath Crelinger, ein fein- und scharfsinniger Jurist, die Weiherede und es machte einen besonders feierlichen Eindruck, als der lange hagere Mann seine Rechte auf des Dichters Schultern legte und ihn gleichsam festhielt für die Unsterblichkeit.

Soviel ich mich erinnere, war es auch in Königsberg, wo Herwegh jenen überflüssigen und renommistischen Brief an den König von Preußen schrieb, in Folge dessen der Dichter nachher im Geleite von Gensd’armen über die Grenze gebracht wurde. Dies tragikomische Ende des Triumphzuges begeisterte bekanntlich Heinrich Heine zu einem der witzigsten Spottgedichte.

Einige Zeit darauf versetzte ein anderer Zwischenfall die Studentenschaft in Gährung und das Universitätsgericht in Thätigkeit. Unter den Männern des Tages und den gefeierten Größen der Oppositionspartei befand sich auch ein Humorist, der neben dem ernsten Jacoby das lachende Gesicht des Liberalismus vertrat. Ludwig Walesrode, seines Zeichens englischer Sprachlehrer, nicht in Ostpreußen geboren, sondern an den Ufern der Elbe, in der bescheidenen Schwesterstadt Hamburgs, in Altona, machte damals durch humoristische Vorlesungen in Königsberg großes Aufsehen. Schon seine Erscheinung auf der Straße hatte etwas Pomphaftes – ich weiß nicht mehr zu sagen, durch welche Kunst des Faltenwurfes, durch welche Pelz- oder Mantelform dies imponirende Air erzeugt wurde. Eine selbstgewisse Haltung, welche mit Jacoby’s bescheidenem Verschwinden auffallend contrastirte, erhöhte den Eindruck der malerischen Grandezza. Dieser Oppositionsmann schien mit Fiesco zu sagen: „Die Blinden in Genua kennen meinen Tritt.“ In dieser Blüthenepoche seines Lebens und Wirkens hatte Walesrode auch eine blühende Gesichtsfarbe, volle helle Züge, unter der Brille sahen ein paar blaue Augen schalkhaft freundlich hervor; in feinen Geberden, seiner Sprechweise lag etwas Bestimmtes und Ausdrucksvolles; sein Humor hatte nichts frivol Scherzendes, nichts leichtsinnig Moussirendes; er drapirte sich bunt, farbenprächtig, bilderreich und ruhte auf der breiten Grundlage der „Gesinnungstüchtigkeit“.

Zeugniß für die damalige Unschuld des politischen Lebens legte die Thatsache ab, daß die ganze gebildete Gesellschaft Königsbergs, ohne Unterschied der Parteien, die Vorlesungen Walesrode’s im Kneiphöf’schen Junkerchof besuchte. Man erfreute sich an den schillernden Seifenblasen des Witzes und Humors; der oppositionelle Kitzel hatte sich aller Kreise bemächtigt – stand doch an der Spitze des Staates ein Monarch, welcher erklärte, daß er eine gesinnungsvolle Opposition liebe, und der überdies die guten Einfälle zu schätzen wußte und gelegentlich selbst eine Witzrakete in die Lüfte steigen ließ. So fanden denn auch die Vorlesungen Walesrode’s großen Beifall. Nur darüber war man nicht einig, ob der Autor mehr Aehnlichkeit mit Jean Paul oder mit Börne habe. Jedenfalls erinnerte sein schwerbeweglicher, aber glänzend ausgestatteter, bilderreicher Styl an den Ersteren, während sein Eifer, die Pointen des Tages auch zu Pointen seines Witzes zu machen, und sein feuriger Oppositionsgeist ihm eine geistige Verwandtschaft mit dem Verfasser der Pariser Briefe gaben. Walesrode ließ diese Vorlesungen später unter dem Titel „Glossen und Randzeichnungen zu Texten aus unserer Zeit“ und „Unterthänige Reden“ im Druck erscheinen, und sie machten auch in Deutschland Aufsehen, wie am Anfang der vierziger Jahre Alles, was von den baltischen Gestaden herübertönte.

Ludwig Walesrode hat später nur vereinzelte literarische Lebensäußerungen gegeben, darunter befindet sich ein reizendes Idyll „Der Storch von Nordenthal“. Doch gewöhnt an glänzenden Erfolg, getragen von dem hochgehenden Wellenschlag einer bewegten Epoche, mußte seine nicht schnell fertige Muse um so eher verstummen, je weniger die neueste, von großen Ereignissen in Anspruch genommene Zeit der Literatur und namentlich dem humoristischen Tirailleurkampf gleiche Theilnahme zu schenken geneigt war, wie jene vorbereitende Zeit, wo poetische und literarische Ereignisse zugleich für politische Thaten galten.

Walesrode wollte indeß nicht blos dem fashionabeln Publicum die Feuerwerke seines Humors vorführen, sondern auch der Jugend, welcher die Zukunft gehört. Die erste Vorlesung vor der Studentenschaft fand ohne Anstoß statt und errang sich den lebhaftesten Beifall. Doch gerade dies erregte die Bedenken der Universitätsbehörden, welche für das oppositionelle Gift eine Quarantaine nöthig fanden. Als daher am schwarzen Brett die Einladung zur zweiten Vorlesung angeheftet war, wurde den Studirenden verboten, diese Vorlesung zu besuchen.

Eine allgemeine Gährung in den Gemüthern trat nach diesem Verbote ein; man sah darin eine überflüssige Bevormundung und Beschränkung der persönlichen Freiheit. Bedenkliche vulcanische Symptome deuteten auf einen bevorstehenden Ausbruch. Von den „Stammkneipen“ der Landsmannschafter zu denen der Burschenschafter gingen Sendlinge hinüber; ein reger Verkehr zwischen den feindlichen Parteien bewies, daß eine gemeinsame That beabsichtigt wurde. Selbst bei der „Mutter Hechtschen“, wo in dämmernder Frühstunde die Nachwehen der nächtlichen Commerse durch den Genuß kräftig zubereiteter „Geschlinge“ und „Gekröse“ beseitigt und wo sonst am häufigsten die dummen Jungen aufgebrannt wurden, herrschte die Rütlistimmung allgemeiner Verbrüderung. Die verschiedenartigsten Mützen und Bänder beflissen sich der größtmöglichen Farbenharmonie; es herrschte jene Eintracht, durch welche die kleinen Dinge wachsen.

Und so begab es sich in abendlicher Stunde, da die Dämmerung ihre Fittiche breitete über Ottokar’s Schloßhügel und die Gräber der Hochmeister im Dome, über die Börsenbrücke und die Masten der Handelsschiffe und die Speicherluken der Lastadie, daß dunkle Gruppen von Studenten sich an verschiedenen Plätzen sammelten und in unheimlichen Zügen durch die Straßen bewegten, sang- und klanglos, als gälte es einem Leichenzuge. Die Königsstraße, welche wie die meisten Straße Königsbergs glänzend beginnt und kläglich endet mit Häuserchen, die kaum aus dem Boden herauswachsen, sah diese verschiedenen Trupps sich zu einer großen dunklen Masse verschmelzen, welche an der Akademie und der Bibliothek vorüberzog und endlich vor einem vom Verhängniß gezeichneten Hause Halt machte. Es war das Haus des Universitätscurators und Professors Schubert, eines bekannten Statistikers, welcher durch die studentische Vehme schuldig befunden worden war, jenes unselige Verbot erlassen zu haben. Eine durch keine Harmonielehre, durch keinen Contrapunkt und selbst durch keine Zukunftsmusik geheiligte Tonverwirrung, deren Dissonanzen vergeblich auf irgend welche Auflösung harrten, schwirrte nun durch die hundertköpfige Menge, eine Instrumentation machte sich geltend, deren Tonwerkzeuge sowie ihre Behandlung für den kundigsten Musiker ein Räthsel und Geheimniß waren. Zwar „Trommel und Pfeifen, krieg’rischer Klang“ ließen sich deutlich unterscheiden, auch invalide Leiern und defecte Blasinstrumente; dazwischen aber klirrte und krachte es, als wenn sich einige Katzen in einem Töpferladen jagten, und ein Scherbenberg, wenn auch ein bescheidenes Kind des Augenblicks, nicht ein Kind der Jahrhunderte, wie der Monte Testaccio in Rom, häufte sich vor den Pforten des Universitätscuators auf. Dafür aber, daß diese Katzenmusik auf die Höhe der modernen Programmmusik erhoben wurde, sorgte das donnernde Pereat, mit welchem die künstlerische Leistung abschloß. Der sich zurückbewegende Zug brachte noch dem beliebten Professor Lobeck, dem ehrwürdigen Nestor der Philologie, ein Lebehoch – und somit war das Tagewerk zu allseitiger Befriedigung vollbracht.

Freilich, die akademische Hermandad war in keiner Weise mit dieser Lebensäußerung der Studentenschaft zufrieden, noch weniger mit ihrer eigenen Aufgabe, unter diesen Hunderten den Schuldigen zu ermitteln. Instrumente hatten sie ja fast alle gespielt, und wie sollte man den größten Virtuosen unter ihnen entdecken? Der juristische Scharfsinn war auf einen Indicienbeweis hingewiesen, was die Anstifter des Scandals betrifft, und ich selbst fiel als Opfer einer unerbittlichen Logik. Ich war mit Walesrode bekannt; ich hatte seine Einladung an das schwarze Brett geheftet; was war natürlicher, als daß ich auch bei dem Tumult mit die Hand im Spiele haben mußte?

Hierzu kam, daß ich inzwischen meine „ Lieder der Gegenwart“ hatte erscheinen lassen; zwar halte die wohlwollende Censurscheere des Schulraths Lucas alle überwuchernden Ranken politischer Exaltation abgeschnitten, aber es war doch, neben unklarer Verherrlichung der verschiedenartigsten Persönlichkeiten, die im Kopfe des neunzehnjährigen Jünglings friedlich beieinander wohnten, ein politischer Oppositionsgeist, welcher die Grundaccorde der Sammlung bildete, und es war in diesen Gedichten weniger von Liebe und Frühling die Rede, als von „Reichsständen“, ein in Jamben [316] und Trochäen fast unscandirbares Thema, dem sogar aller poetische Duft fehlte.

Auch war ich noch in anderer Weise in Walesrode’s unliebsame Nähe gerückt worden. Unser an den „Kladderadatsch“ gewöhntes Zeitalter wird es kaum fassen können, welches Aufsehen damals eine politische Carricatur machte, wie sie jetzt das Berliner Blatt allwöchentlich liefert. Das war ein unerhörtes Ereigniß, daß selbst der Griffel des Zeichners rebellisch zu werden drohte, und kündigte mehr als alles Andere eine neue Aera an, in welcher die politische Erbweisheit Altenglands das bisherige Bevormundungssystem in Preußen zu verdrängen schien.

Das Blatt, das an einem Tage in den Händen aller Königsberger war, stellte allem Anscheine nach eine harmlose Scene aus dem Leben eines Faßbinders dar, dem es nicht gelingen wollte, ein Faß, dessen Reifen aneinander sprangen und das aus Rand und Band ging, wieder festzuhämmern. Doch der nähere Anblick zeigte alsbald die schalkhafte Bedeutung des Bildes. Der Oberpräsident der Provinz führte den Namen Böttiger und ließ sich unschwer in dem Manne erkennen, der sich vergeblich damit abmühte, das Faß wieder zusammenzuschlagen. In dem Fasse selbst aber befand sich der neueste Königsberger Ausbruch, der bereits den Deckel gesprengt hatte; da guckten Jacoby, der Privatdocent Jachmann, der in Verdacht stand, die meisten liberalen Leitartikel der Hartung’schen Zeitung verfaßt zu haben, und neben dem bärtigen Glossenschreiber zu den Texten des Jahrhunderts auch mein jugendlicher, langhaariger Kopf hervor; in der Hand hielt ich eine Champagnerflasche, aus welcher der schäumende Wein hervorsprudelte. Um das Hauptbild aber schlangen sich sinnreiche Arabesken, unter denen auch die Apostel mit ihren sinnbildlichen Thieren nicht fehlten und namentlich mein Beschützer Lucas mit seinem Apostelthier in vorderster Linie stand.

Konnte man es dem Universitätsgericht verargen, wenn es von meiner Schuld als Miturheber der Katzenmusik und des Pereats überzeugt war? Die Nachbarschaft in der Tonne war doch ein zu belastender Umstand. Selbst der damalige Prorector Burdach, der berühmte Physiologe, der die Untersuchung mit heiterem Lächeln über manche kecke Aussage der jugendlichen Verbrecher leitete, schien von meiner Mitschuld überzeugt.

Gleichwohl kann ich Mit- und Nachwelt zu Zeugen aufrufen, daß ich nicht zu den Urhebern des Skandals gehörte, daß ich mich nicht mehr als hundert Andere an demselben betheiligt hatte und daß das consilium abeundi einem Unschuldigen zuerkannt wurde. Ein neuer Beleg dafür, daß alle Wahrscheinlichkeitsbeweise trüglich sind und daß der größte juristische Scharfsinn nicht vor Justizmorden schützt!

Noch zwei Abenteuer erlebte ich vor meiner Abreise nach meiner heimathlichen Provinz Schlesien. Ich wohnte damals mit dem späteren Reichsmarinerath und Nibelungenpoeten Wilhelm Jordan zusammen, welcher ebenfalls Königsberg verlassen wollte; wir beschlossen, zum Abschied gemeinsam eine poetische Vorlesung zu geben, und trugen vor einem gewählten Publicum sehr ideenreiche und emancipationslustige Gedichte vor. Der damalige Polizeipräsident Abegg, ein liberaler und feingebildeter Mann, hielt es doch für seine Pflicht, das Manuscript unserer Vorlesung zu studiren, schon um unserem begeisterten Dichterfluge etwas mehr in der Nähe folgen zu können. Dasselbe hatte sich inzwischen glücklicherweise in die Tasche eines sehr bereitwilligen unbekannten Hörers geflüchtet – und der Präsident mußte sich mit dem allgemeinen Eindruck begnügen, den unsere genialen Dichtungen in seinem Gemüth hervorgerufen hatten.

Kurz vor der Abreise machte ich einen Besuch in der Provinz und übergab meine Sachen und den festverschlossenen Koffer mit dem Reisegelde einem befreundeten Studenten, der ein lyrischer Mediciner war, denn er besuchte die Klinik und spielte die Harfe. Noch sehe ich ihn vor mir stehen, als er mit seinem Rasirmesser den Urwald seines Bartes gelichtet hatte und mich in liebenswürdiger Naivetät frug, ob mir sein glattes Gesicht nicht besser gefalle? Als ich von meinem Ausflug zurückkam, war mein ganzes Reisegeld, meine Garberobe und der lyrische Mediciner verschwunden, der sich durch sein glattrasirtes Angesicht hatte unkenntlich machen wollen.

So verließ ich die Stadt der reinen Vernunft und die Wiege des preußischen Liberalismus mit einem doppelten Deficit, einem in meiner Casse, das freundliche Gönner rasch deckten, und einem andern in Bezug auf meinen Glauben an Treue und Zuverlässigkeit der Sterblichen, das sich weit schwerer decken ließ.




Erinnerungen aus dem heiligen Kriege.
Nr. 3. Kriegerische Abenteuer einer friedfertigen Primadonna.
(Schluß.)


Der eben eintretende Arzt beruhigte Frau Lucca jedoch mit der festen Versicherung, daß wenigstens für das Leben ihres Gatten keine Gefahr mehr vorhanden sei, und daß er unter ihrer liebevollen Pflege daheim bald wieder seine volle Kraft zurückerlangen werde.

Als Walter sich entfernt hatte, fragte Frau Lucca den Arzt: „Ist mein Mann schon erwacht?“

„Nein,“ erwiderte dieser, „er liegt noch in festem Schlaf und ich habe dem Heilgehülfen, der die Wache bei ihm hat, Befehl gegeben, Niemand zu ihm zu lassen, da ungestörte Ruhe mehr zu seiner Heilung beitragen wird, als alle Medicamente. Auch Sie, gnädige Frau, muß ich bitten, in den ersten drei bis vier Stunden dem Krankenzimmer Ihres Gemahls fern zu bleiben und ihn ganz meiner Leitung zu überlassen.“

„Ich will mich ja gern Ihren Anordnungen fügen, Herr Doctor,“ versicherte die Gnädige, „aber wissen Sie, ganz ohne Beschäftigung find’ ich’s doch sehr langweilig auf dem Kriegsschauplatze. Haben Sie mir nichts Neues mitzutheilen?“

„O doch,“ erwiderte der Arzt. „Eine Meile von hier hat gestern ein blutiges Reitergefecht stattgefunden, die Franzosen sind aber, wie immer, mit Verlust zurückgeschlagen worden.“

„Kann ich mir das Schlachtfeld nicht a Bissel anschauen? Ich hab’ keine so schwachen Nerven, wie Sie vielleicht glauben mögen.“

„Das möchte nicht gut angehen,“ lächelte der Arzt. „Erstlich läßt man da keine Frauen zu –“

„Ei, sind denn die barmherzigen Schwestern keine Frauen?“

„Das wohl, allein diese sind in ihrem Berufe als Krankenpflegerinnen thätig. Zur bloßen Befriedigung Ihrer Neugierde würden Sie schwerlich Erlaubniß bekommen.“

„Ach, lieber Herr Doctor,“ sprach jetzt Frau Lucca mit einem tiefen Seufzer, „Sie glauben gar nicht, was für ein heißes Verlangen ich hab’, mir so ein Schlachtfeld in der Nähe zu betrachten. Ich hab’ außerdem eine Wuth auf diese Franzosen, daß ich, so oft ich meinen Mann stöhnen höre, mit flammendem Schwerte mich auf sie stürzen und rufen möcht’: ‚Rache für Pont à Mousson!‘. Es sieht aber doch wohl grauslich aus auf solchem Schlachtfelde?“

„So grauslich, daß die bloße Beschreibung Sie erzittern machen wird. Todte, Verwundete und Pferdeleichen überall, zerschmetterte Waffen, Helme und Käppis säumen die Chaussee und bedecken die Felder zu beiden Seiten, die Sprengstücke unserer Granaten, wild umhergestreut, zeugen von der verheerenden Wirksamkeit unserer Batterien.“

„Etwas von dem, was Sie da erzählen, habe ich auf der Herreise gesehen,“ sagte Frau Lucca, sich ein wenig schüttelnd. „Wo gingen Sie denn aber heute Morgen mit den Soldaten hin?“

„Ich war mit den die äußersten Vorposten beziehenden Truppen hinaus auf die Höhen. Alles dort zeugte gestern noch von der Wuth des Kampfes, der hier ausgefochten wurde. Jetzt sind all die blutigen Spuren von dort entfernt. Von unseren deutschen Vorposten stehen die französischen nur ungefähr achthundert Schritte entfernt, so daß man durch einen guten Krimstecher ihre Käppis erkennen kann.“

„Ich hab’ einen Krimstecher mitgebracht von Petitpierre aus Berlin,“ fiel rasch die Lucca ein, „der hat die anerkannt besten im ganzen Reiche. Durch dieses Glas möcht’ ich mir die französischen Vorposten anschauen. Wissen Sie nicht, Herr Doctor, wo ich mir die Erlaubniß dazu holen kann?“

[317]
Die Gartenlaube (1871) b 317.jpg

Erst zum Kinde und dann –
Für die Gartenlaube componirt von Berth. Woltze.

[318] „Die Erlaubniß zum Besuch der Vorposten kann Ihnen nur der Ulanen-Rittmeister St…, der hier das Etappen-Commando führt, ertheilen.“

„Ist das der Geheime Commerzienrath St…, dem die großen Eisen- und Kohlenwerke bei Saarbrücken gehören?“

„Derselbe.“

„Das ist ja ein doppelter Millionär!“

„Im Frieden, ganz recht; im Kriege ist er einfacher Ulanen-Rittmeister und gegenwärtig zugleich Etappen-Commandant.“

„Wo ist sein Quartier?“ fragte sie dringend weiter.

„In dem Hause auf dem Hügel hat er sein Hauptquartier aufgeschlagen.“

„Herr Doctor, tragen Sie freundlichst Sorgfalt für meinen Mann; bevor er aufwacht, habe ich mir von unseren Vorposten aus die Franzosen-Käppis besehen. Meine Kammerjungfer mag hier bleiben, die hat ein furchtsames Gemüth. Also dort auf dem Hügel ist das Quartier des Herrn Rittmeisters? Den bitte ich, daß er mir einen Passirschein und vielleicht auch Bedeckung mitgiebt.“

„Ich bezweifle,“ fiel der Doctor ein.

„Ach, ich werd’ ihn schon herumkriegen. Auf Wiedersehen, Doctorchen! Sagen Sie nichts meinem Mann, damit er sich nicht ängstigt. Zum Kaffee bin ich wieder zurück, die Kammerjungfer soll ihn fertig halten. Sie werden mir dann auf eine Tasse Gesellschaft leisten. Addio, Signore Dottore!“

Und mit der Behendigkeit eines flüchtigen Rehes eilte sie hinaus, dem vorher erwähnten Quartier des Rittmeisters zu. Der Arzt sah ihr kopfschüttelnd nach, und sprach lächelnd vor sich hin: „Ein wahrhaft kindliches Gemüth, aber zugleich ein kleiner Trotzkopf.“

Der Rittmeister hatte eben von einer Ulanen-Patrouille den Rapport entgegengenommen, dem gemäß eine Schlacht rings um Sedan in Vorbereitung war. Ein Adjutant hatte ihm den Befehl überbracht, die Höhen bei Pont à Mousson durch Vorposten scharf beobachten zu lassen, und das Sammeln der versprengten Franzosen an diesem Puncte so viel als möglich zu hindern.

Da trat eine Ordonnanz ein und meldete: „Herr Rittmeister, eine Dame aus Berlin wünscht Sie zu sprechen.“

„Damenbesuch?“ fragte der Rittmeister verwundert, „in dieser verpulverten Gegend? Hat die Dame nicht ihren Namen genannt?“

„Frau v. Rhaden, auch bekannt, wie sie sagt, unter dem einfacheren Namen ‚Pauline‘.“

„Die Lucca!“ rief der Rittmeister, schnell aufspringend, um die Thür selbst zu öffnen.

„Madame,“ begrüßte er die Eintretende, „ich bin erstaunt und zugleich erfreut, Sie in meinem Hauptquartier empfangen zu dürfen. Gemeldet wurde mir schon vor mehreren Tagen, daß Sie von Berlin gekommen seien in der löblichen Absicht, Ihren schwerverwundeten Herrn Gemahl nach Hause zu holen; leider hatte ich noch nicht Zeit, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“ Mit diesen Worten präsentirte der Rittmeister einen Stuhl.

„Wenn der Berg nicht zu mir kommt, geh’ ich zu dem Berge, hat Muhamed g’sagt, und so mache ich’s auch einmal türkisch,“ erwiderte heiter die Sängerin, dabei sich setzend.

„Vor allen Dingen, wie befindet sich Ihr Herr Gemahl?“

„Dank der gütigen Nachfrage, er bessert sich mit jedem Tage; doch ist er noch nicht so weit hergestellt, daß er die Reise nach Haus ertragen könnt’, das wird aber nach dem Ausspruch des Arztes in wenigen Tagen der Fall sein, und dann fahr’ ich mit ihm ab.“

„Madame – doch zuvor erlaube ich mir die Frage, wie darf ich Sie nach Ihrer Vermählung tituliren? Frau v. Rhaden? Frau Lieutenant? Frau Baronin oder gnädige Frau?“

„Nennen Sie mich,“ erwiderte sie mit komischer Grandezza, „einfach und kurzweg ‚gnädige Frau‘. Das klingt gut und ’s liegt auch was drin. Auf dem Theaterzettel bleibt’s bei der Frau Lucca.“

„Wie Sie befehlen, meine Gnädige! Was machen denn die lieben Berliner?“

„Die trinken Kaffee, dinnen, soupiren und schlafen vor den Litfaß-Säulen, um die Secunde nicht zu versäumen, wo eine neue Siegesdepesche angeschlagen wird. Um Sie aber nicht lange aufzuhalten, Herr Rittmeister, erfahren Sie gleich, daß ich mit einer Bitte zu Ihnen komme.“

„Wenn die Erfüllung derselben in meiner Macht steht, so ist sie gewährt. Darf ich also fragen?“

„Ich möcht’ nur die Vorposten ein Bischen besuchen und mir von da die Franzosen grad’über betrachten.“

Der Rittmeister glaubte nicht recht gehört zu haben.

„Zu den Vorposten wollen Sie?“ fragte er mit gespannter Miene.

„Ja blos auf so lang’, wie mein Mann der nöthigen Ruh’ genießt.“

„Gnädige Frau, das kann Ihr Ernst nicht sein. Das Kriegstheater ist wesentlich verschieden von einem Operntheater.“

„Weiß ich wohl! Auf dem Kriegstheater singen die Chassepotkugeln den Sopran, die Mitrailleusen gurgeln Bariton, und die Bomben brummen den Baß dazu. So ein Concert möcht’ ich gern einmal hören, Beethoven’sche Symphonien kann ich halt z’ Haus alle Tage haben.“

„Und wenn eine Kugel Sie träfe?“

„Ei, das thut sie nicht, dazu sind die französischen Kugeln zu galant. Bitt’ schön, Herr Rittmeister, geben S’ mir einen Passirschein und ’n paar Ulanen mit. Wollt’ ich den Kriegsschauplatz verlassen, ohne des Feind’s ansichtig geworden zu sein, da wär’ ich, wie Einer, der in Rom gewesen ist und den Papst nicht gesehen hat. – Bitte, bitte! Ich hab’ nicht lange Zeit, um vier Uhr werde ich zum Kaffee erwartet, und dann wird auch mein Mann nach mir fragen.“

„Gnädige Frau, so leid es mir thut, diese Bitte kann ich nicht erfüllen. Nimmermehr werde ich die Verantwortung für einen so gefährlichen Schritt Ihrerseits übernehmen.“

„Wenn’s weiter nix ist! – Ich werd’s Ihnen schriftlich geben, daß ich jede Verantwortung auf mein eigenes Haupt nehme.“

Und ohne weiter zu fragen, ergriff sie ein auf dem Tische liegendes Blatt Papier und schrieb, wie sie verheißen, dann reichte sie die Schrift dem Rittmeister mit den Worten:

„Hier haben S’ einen Ablaßzettel, und wenn Ihnen das noch nicht genügt, so ist hier auch mein Paß, worin der Herr Minister alle Behörden ersucht, meinen Wünschen möglichst nachzukommen.“

„Auch ich werde diesem Ersuchen gern Folge leisten, im Uebrigen weiche ich mehr der Gewalt –“

„Der Gewalt?“

„Ihrer Liebenswürdigkeit.“

„Bitte, hat nichts zu sagen. Ziehen wir denn auf Feldwache!“

Nachdem der Rittmeister der Sängerin einen Passirschein durch die Vorposten überreicht, beorderte er einen Wachtmeister mit zehn Ulanen als Bedeckung für die Primadonna, worauf sich die Karawane in Bewegung setzte, den Höhen zu, wo die Vorposten standen.

Es war am dreißigsten August, die Sonne sandte der Erde ihre feurigsten Strahlen; Frau Lucca, den En-tout-cas in der rechten, den Krimstecher in der linken Hand, schritt rüstig voran, vor sich hin die Arie aus „Figaro’s Hochzeit“ trällernd:

„Dort vergiß leises Flehn, süßes Wimmern,
Da wo Lanzen und Schwerter dir schimmern.“

Die Ulanen trabten munter hinterdrein, und so gelangte der Zug nach ohngefähr einer halben Stunde, durch Gräben und Hecken zur ersten Vorpostenlinie, wo die Feldwachen sich wie Maulwürfe in die Erde eingegraben hatten, um gegen die feindlichen Kugeln einigermaßen geschützt zu sein.

In der ersten Erdhöhle, in deren Nähe der „Vergnügungszug“ Halt machte, waren Sachsen postirt. Einer derselben betrachtete die feine Dame, die nach seiner Meinung ihren Sonnenschirm für einen Kugelfang halten mußte, mit großer Neugierde, dann brach er in die dithyrambischen Worte aus:

„Gott Strambach! Wenn die Weibsen in Breißen so couragirt sein, da ist’s kee Wunder nich, wenn die Franzosen von den Männern dieser Amazonen immerfurt Keile besähn.“

Die Sängerin antwortete im reinsten Wienerisch:

„Ihr habt’s nit recht g’troffen, Held aus Berne, i bin ka Preußin nit, i bin halt a g’borne Oest’reicherin, aus Neigung allerdings auch Preußin, Alles in Allem aber eine echte und rechte Deutsche.“

Schon auf dem Wege hierher waren einzelne Kugeln „von [319] drüben herüber“ geflogen gekommen, die aber alle hoch über den Köpfen weggegangen waren. Jetzt, wo das Häuflein stehen blieb, schienen die Franzosen einen festeren Zielpunkt gewonnen zu haben, denn die Kugeln kamen zahlreicher und dichter, und eines der Ulanenfähnlein wurde sogar von der Lanze weggeputzt. Die Pferde der Reiter fingen an unruhig zu werden.

„Was geht denn vor?“ fragte die Lucca.

Der Wachtmeister sprengte heran, grüßte militärisch und rapportirte:

„Frau Baronin, wenn ich mit meinen Ulanen noch ein Viertelstündchen hier halte, bringe ich keinen Mann gesund nach Hause. Alles können die Franzosen ruhig mit ansehen, nur kein Ulanenfähnchen, wo sich ein solches zeigt, entwickeln sie eine riesenhafte Munitionsverschwendung.“

Hier bäumte sich sein Fuchs, denn eine Kugel war ihm dicht beim Ohr vorbeigepfiffen.

„Um Gotteswillen!“ rief die Sängerin[WS 1] erschrocken, „nur kein Menschenleben meinetwegen in Gefahr bringen. Machen Sie Kehrt, meine Herren, und reiten Sie im Galopp nach Haus. Ich lasse mich beim Herrn Rittmeister schönstens bedanken.“

Sie hatte nicht nöthig ihr Commando zu wiederholen. Die Ulanen, die vom Rittmeister Befehl erhalten hatten, der Dame in Allem zu gehorchen, stoben davon wie Windsbräute und waren bald Aller Blicken entschwunden. Nach ihrer Entfernung hörte auch bald das Schießen auf.

Frau Lucca flanirte nun, sich nach rechts und links umschauend, furchtlos weiter und gelangte bald zu einer der äußersten Feldwachen. Hier sah sie einen vereinsamten, von Kugeln zerrissenen Baumstumpf, den sie, etwas ermüdet, als Fauteuil benutzte. Von hier aus konnte sie durch ihr Glas wirklich das Blitzen der französischen Bajonnete in nicht allzugroßer Entfernung sehen. Das Terrain zwischen den deutschen und französischen Vorposten war vollständig rasirt.

Ein hier stationirter Achtundvierziger, echtes Berliner Vollblut, hatte schon mehrere Minuten in großer Verwunderung die Einsame betrachtet, ohne sich „einen Vers“ auf ihre Erscheinung machen zu können. Jetzt verließ er den ihn schützenden Erdwall und trat der nur mit dem Fernglas Bewaffneten näher.

„Madamchen,“ begann er seine Anrede, „wat wollen Sie denn hier?“

„Ich möcht’ das Kriegshandwerk einmal in der Nähe kennen lernen,“ antwortete sie ohne die geringste Verlegenheit.

„Hm,“ brummte der Soldat und sprach dann weiter: „Betrachten Sie ’mal den Boomstamm, auf dem Sie sitzen.“

„Hab’ ich bereits gethan, ehe ich mich setzte.“

„Wovon denken Sie, daß der so zerrissen ist?“

„Ich denk’ mir, das wird von den feindlichen Kugeln sein,“ gab sie ganz unbefangen zur Antwort.

„Und Sie haben sich dennoch darauf gesetzt?“

„Wenn ein Sopha zur Hand gewesen, hätte ich es vorgezogen.“

Das imponirte dem Achtundvierziger.

„Wenn Sie so couragirt sind,“ sagte er in kräftigstem Soldatentone, „denn sollen Sie ooch Pflaumen haben!“

Bei diesen Worten griff er in seinen frisch gewaschenen Brodbeutel und holte eine Hand voll der schönsten gelben Pflaumen daraus hervor, die er der Sängerin in den Schooß schüttete.

„Dank’ schön!“ sagte lachend die Beschenkte und wollte eben eine der Pflaumen versuchen, als der Soldat schrie:

„Bombe! – Bücken!“

Statt sich aber zu bücken, blickte die Gewarnte in die Luft und fragte neugierig: „Wo denn?“

In dem Augenblick crepirte eine Granate vielleicht hundert Schritte vor ihrem Sitze.

„Jetzt würde ich Ihnen aber doch rathen,“ sagte der Soldat in nachdrücklichem Tone, „sich schleunigst von hier fortzumachen; die Franzosen scheinen mit Ihnen Fühlung zu suchen, wahrscheinlich um Revanche zu nehmen für die von unseren Husaren molestirten Honneurdamen des Herzogs von Magenta.“

Während er dies sprach, zog er sich schleunigst wieder hinter seinen Erdwall zurück und auf seine eindringliche Bitte folgte ihm Frau Lucca, wenn auch zögernd, dorthin. Sie wartete eine Viertelstunde, es erfolgte aber kein Schuß weiter.

„Die Parlewus haben sich, wie es scheint, wieder beruhigt,“ sagte der Soldat; „Sie würden aber doch gut thun, Madamchen, die Zeit der Beruhigung wahrzunehmen und sich rückwärts zu concentriren, denn in die Bouquets, die uns die von da drüben schicken, sind keene Kaffeenelken und keene Theerosen.“

„Ich habe auch genug vom Kriegshandwerk kennen gelernt und will zurück nach dem Dorfe,“ erwiderte die Sängerin; „aber eine Bitte müssen Sie mir noch zuvor erfüllen.“

„Und worin besteht diese Bitte?“

„Ich möcht’ ein paar Splitter von der Granate haben, die in meiner Nähe geplatzt ist, um sie als Andenken an diese Stunde mit nach Hause zu nehmen.“

„Granatsplitter? Die sollen Sie haben!“ sagte der Achtundvierziger und wirklich brachte er nach kaum zehn Minuten einige vorsichtig zusammengesuchte Granatsplitter, die er der harrenden Dame in einer Bonbondüte mit ritterlichem Anstande präsentirte und die Frau Lucca auch dem Schreiber dieser Zeilen mit triumphirender Miene zeigte.

Auf ihrem Rückzuge nach Pont à Mousson hörte sie einen Soldaten halblaut sagen: „Die ist kugelfest! das ist ’ne Hexe!“

Ihr inzwischen erwachter Gemahl hatte sie mit fieberhafter Angst erwartet.

„Bist Du schon munter, Männchen?“ fragte sie ihn bei ihrem Eintritt mit kindlicher Unbefangenheit.

„Aber Pauline,“ begann der Kranke seinen Sermon; sie unterbrach ihn jedoch schnell:

„Lieber Adolph, Deine Zunge lallt noch immer, Du sollst sie ja schonen, hat der Doctor g’sagt, nicht wahr, Herr Doctor?“

„Ja, ja,“ erwiderte dieser lächelnd. „Bedenken Sie aber, Madame, welcher Jubel in Paris ausbrechen würde, wenn eine Depesche erschiene, des Inhalts: Die deutschen Barbaren haben keine Lucca und die Berliner emballeurs de meubles keine ‚Pauline‘ mehr; wir haben sie ihnen aus Rache todtgeschossen!“ –

„Ja, Linchen,“ setzte von Rhaden hinzu –

Sie fiel ihm wieder rasch in’s Wort: „Du wirst Zahnschmerzen bekommen, Adolph, schone Dich! – Die Jungfer soll gleich den Kaffee bringen. Editha, den Mokka!“ rief sie hinaus und der Kranke machte keine Versuche weiter seine Epistel fortzusetzen, umsomehr als er im Voraus wußte, doch nur in den Wind zu reden, denn was „Paulinchen“ sich einmal vorgenommen hat, das setzt sie durch, und wenn Kopf und Kragen dabei auf dem Spiele ständen.

Einige Tage nach der Schlacht von Sedan finden wir den Lieutenant von Rhaden wohl eingehüllt und sorgfältig verbunden nebst seiner Frau und deren Kammerjungfer auf der Rückreise nach Berlin begriffen. Das comprimirte Gemüse war glücklich in Pont à Mousson verbraucht und die Kiste, welche es enthalten, zu Asche verbrannt.

Ein Berliner Banquier, der Frau Lucca in Neundorf bei Mannheim fragte, was sie in so gefahrvoller Zeit hierher geführt, erhielt von ihr zur Antwort:

„Ich hab’ mir mein’n Alten selber vom Kriegsschauplatze g’holt, um ihn z’ Haus als barmherzige Schwester schneller g’sund machen zu helfen.“ – –

Vier Monate nach der hier mitgetheilten Begebenheit war Frau Lucca die glückliche Mutter eines lieblichen Töchterleins, das nach den wenn auch nur passiv mit durchlebten Kriegsabenteuern wohl etwas von dem Charakter einer Kriegsgöttin mit auf die Welt gebracht haben wird.
A. Hopf.




Des Wehrmanns Heimkehr.
1. Mich grüßt mein Kind.

Mich grüßt mein Kind! Gott segne Dich!
Zwei Engelsäuglein grüßen mich!
Es streckt die Aermchen nach mir aus –
Gottlob, ein Engel weiht mein Haus!

O Wiedersehens Freudenstrahl!
Und seh’ Dich doch zum ersten Mal!
Derweil ich stand im schlimmen Feld
Des Kriegs, da kamst Du auf die Welt. –

[320]

Des Vaters Sehnsucht all’ die Zeit,
Der Mutter Trost der Einsamkeit,
Hast Du in Deines Lebens Nacht
Und Dämm’rung schon so viel vollbracht.

Und Deine Händchen, drall und rund,
Das kecke Näschen und der Mund,
Und Deine Aeuglein, weißt Du, Kind,
Daß es der Mutter Augen sind?

Der Mutter Abbild ganz und gar
In Näschen, Mund und Augenpaar
O Doppelglück, Hurrah, Hurrah
Geliebte, komm’! Ich bin ja da!

Da eilen Schritte rasch heran,
Wo vor der Wiege kniet der Mann.
Glückselig, wer mit einem Blick
So sehen kann sein ganzes Glück!

2. Heil Dir, Du treue Mutterhand!

Heil dir, du treue Mutterhand !
Dich fühlte ich im Feindesland
Auf meinem Herzen früh und spät,
Im Schlachtensturm und im Gebet.

Wenn ich von Kampfnoth und Gefahr
Des wilden Kriegs umrungen war,
Drückt’ ich die Mutterhand im Geist
Und ward getrost und stark und dreist.

Die in der Wiege uns gepflegt,
Uns an die Mutterbrust gelegt,
Die uns belohnte und bezwang
Und führte jeden guten Gang –

Die tausend starre Nacken bog
Und tausend starke Männer zog,
Der treuen deutschen Mutterhand
Dankt seinen Sieg das Vaterland!

Da glänzt ihr Aug’ vom Mutterglück:
Ihr kehrt’ im Sohn ein Held zurück!
Sie fasset seine Hände beid’
Und ruft, in heller Seligkeit:

„Die durch den Sieg die Mutter ehrt,
Die tapfre Hand ist goldeswerth
Wo solche Söhne kämpfend stehn,
Das Reich kann nimmer untergehn!“

Friedrich Hofmann.

Deutschland auf der andern Hälfte der Erdkugel.

San Francisco, Ende März 1871.

Gewiß wird es Manchem in der alten Heimath eine Freude sein, zu erfahren, wie die Deutschen auf der anderen Seite der Erdkugel ein Fest zu Stande gebracht haben, das den herrlichen, ruhmreichen Friedensschluß dieses Jahres feiern sollte, und so sei denn hier der Versuch gemacht, eine gedrängte und doch anschauliche Beschreibung desselben zu geben. Begangen wurde die Feier in San Francisco am 22. März, und die Hiesigen Deutschen hatten zum würdigen Verlauf des Festes – es sollte etwas Großartiges, in Califorien nie Dagewesenes werden – wochenlang umfassende Vorbereitungen getroffen.

Wie bekannt, haben die in Californien und namentlich die in San Francisco ansässigen Deutschen schon während der Dauer des Krieges einen wahren Feuereifer für die deutsche Sache gezeigt und sind allen Städten des Auslands im Verhältniß zur Einwohnerzahl mit Geldsammlungen zum Besten der Verwundeten, der Wittwen und Waisen unserer gefallenen Krieger weit vorangegangen. Diesmal sollte es aber nicht nur ein Fest als Mittel zum Herbeischaffen von Beiträgen für den genannten schönen Zweck werden, man wollte bei der Feier des wieder hergestellten, schon lange ersehnten, glorreichen Friedens zugleich den Amerikanern zeigen, was das vereinigte Deutschthum in diesem Lande zu bedeuten habe. Seit mehreren Wochen waren denn auch die Deutschen San Francisco’s in fieberhafter Aufregung erhalten. General-Versammlungen, Comité-Sitzungen und dergl. gab es fast an jedem Tage; begeisterte Aufrufe in den Zeitungen entflammten die Gemüther und es wurde fast von Nichts gesprochen, als von dem bevorstehenden großen Friedensfeste.

Am Abende des 21. März ward denn dasselbe durch eine allgemeine Illumination aller deutschen Geschäfts- und Privathäuser sowie aller deutschen Clublocale etc. eingeleitet, an vielen Straßenecken brannten Freudenfeuer, die Amerikaner aber wurden gleichzeitig durch einen von sämmtlichen Tambours und Pfeifern der Stadt veranstalteten gewaltigen Zapfenstreich – hier etwas ganz Neues – nicht wenig in Erstaunen gesetzt. Bereits seit mehreren Tagen hatten die Zeitungen auf den großen bevorstehenden „Zapfenstreich“ aufmerksam gemacht, und die Amerikaner, die sich keinen rechten Begriff davon machen konnten, was das für sie unaussprechbare Wort zu bedeuten habe, waren massenweise in den Straßen versammelt, um ihre Neugierde zu befriedigen. Nie, seit San Francisco steht, war eine solche Trommelei hier vernommen worden. Von Marschällen geleitet, bewegte sich der riesige rasselnde Tambourzug bei Fackelbeleuchtung durch, die Hauptstraßen, gefolgt von einem starken Musikchor, dem wie die Wogen eines schwellenden Flusses eine sich militärisch ordnende Menschenmenge nachbrauste, aus deren tausend und abertausend Kehlen die „Wacht am Rhein“ in der stillen Sternennacht zum Himmel emporstieg. Die Erwartung auf die Hauptfeier ward durch diesen famosen Zapfenstreich und durch die großartige Illumination bei allen Bewohnern der großen Goldstadt unendlich gesteigert.

Am Morgen des 22. März war die ganze Stadt auf den Beinen. Schon bei Tagesanbruch sprengten berittene Trompeter durch die Straßen und bliesen in schmetternden Fanfaren Reveille, um alle Langschläfer aufzuwecken. Von Geschäften war an diesem Tage in der Stadt keine Rede; alle deutschen Kaufleute hatten sich bereits vorher schriftlich verpflichtet, am Tage der Friedensfeier ihre Geschäftslocale zu schließen, und viele der bedeutendsten amerikanischen Häuser kamen unaufgefordert diesem Beispiele nach; sogar mehrere Banken, die Gerichtssäle und die meisten Schulen waren geschlossen.

Das herrlichste Wetter begünstigte das schöne Fest. Jeder Deutsche hatte es als einen Ehrenpunkt angesehen, das Seinige zur Verherrlichung des Tages beizutragen, und nach den Landstädten Californiens waren Masseneinladungen an die dort wohnenden Landsleute ergangen, sich uns anzuschließen. Excursionszüge brachten viele Hunderte auf allen Eisenbahnen nach der Stadt; Wagen und Pferde waren dermaßen in Bedarf, daß für erstere zwanzig, fünfzig und gar hundert Dollars, und für Pferde zehn, fünfzehn bis zu fünfundzwanzig Dollars für den Festtag gezahlt wurden. Es wurden sogar Carossen aus Landstädten aus hundert und mehr englischen Meilen Entfernung herbeigeschäfft. Hatten doch die hiesigen Deutschen über hunderttausend Dollars ausgegeben, um das Fest würdig auszustatten.

Ein Massenumzug bildete die Krone des Festtags. Unter dem Donner von hundertundein Kanonenschüssen setzte sich derselbe Schlag zehn Uhr in Bewegung. In zehn Hauptdivisionen war der Festzug militärisch geordnet; voran der Großmarschall J. A. Bauer mit seinem Stabe und jede der Divisionen von mehreren berittenen Untermarschällen, angeführt. Jeder Division war selbstverständlich ein starkes Musikchor zugetheilt worden.

Die Marschälle, mit reichen Schärpen geziert, ritten die prächtigsten Rosse; – und wie herrliche Pferde giebt es in Californien! Mit fünf Trompetern zu Pferde und vier Ulanen nebst Stabstrompeter voran setzte sich der Zug in Bewegung. Alle Uniformen waren neu angeschafft worden, und man hatte weder Geld noch Mühe gespart, um sie getreu herzustellen.

[321]
Die Gartenlaube (1871) b 321.jpg

– zur Mutter!
Für die Gartenlaube componirt von Berth. Woltze.

[322] Wir wollten den Amerikanern einmal zeigen, wie diese weltberühmten Ulanen (die englischen Zeitungen nennen sie Uhlands, Uhlars, Hulards, Ulans, Hulans, Ullands etc.) naturgetreu aussähen.

Die erste Division bestand ganz aus Cavallerie. Zuerst die „San Francisco-Husaren“, dann die „leichten Dragoner“, dann die „neue deutsche Cavallerie“, über fünfhundert Mann stark, die Escadrons nach der Farbe der Pferde geordnet; alle Reiter trugen deutsche Schärpen (schwarz-weiß-roth) und schwarze Kossuthhüte, die eine Seite aufgeschlagen und mit der deutschen Cocarde befestigt; die Escadronschefs Schärpen in Orange mit Silber. Ein solcher Reiterzug war in San Francisco noch nie gesehen worden. Ein nicht enden wollender Jubel empfing die Reiterei überall, wo sie durch die festlich geschmückten Straßen defilirte. Was aber das zuschauende Publicum anbetrifft, so war eben Jeder, der nicht krank und zu Bett lag, darunter vertreten. Fast alle Schiffe im Hafen flaggten. Die Straßen, durch welche sich der Zug bewegte, waren zu beiden Seiten schwarz von Menschen; an den bunt mit deutschen und amerikanischen Fahnen geschmückten Häusern waren alle Fenster von Damen umdrängt; Tücher flatterten frohen Gruß zu und Blumen fielen aus den Fenstern; Jungamerika aber hatte die Dächer und Laternenpfähle besetzt.

In den folgenden Divisionen marschirten in nicht enden wollender Abwechslung von Uniformen und Costümen Bürgermilitärcompagnien, Turner und Vereine aller Art. Die Irländer, welche sich hier zu Lande durch militärischen Pomp auszeichnen, waren nicht dabei, und die Franzosen waren alle auf’s Land gegangen; aber die Deutschen allein stellen auch eine imposante Heeresmacht in San Francisco vor und hatten während der letzten Wochen alle Schneider der Stadt in Arbeit gesetzt, um sich in Gala für diesen Ehrentag herauszuputzen. Die Amerikaner hatten sich durch mehrere Cadetten- und Militärcompagnien vertreten lassen, worunter die „National Guard“, die eleganteste Bürgermilitärcompagnie in der Stadt, welche blaue Beinkleider, hellrothe Waffenröcke und hohe weiße Bärenmützen trägt – eine imposante Truppe.

Eine Anzahl riesiger Triumphwagen, von je sechs reich aufgeschirrten und mit Schabracken bedeckten Pferden gezogen, zierte den Zug. Der erste derselben stellte „Die Wacht am Rhein“ vor. Der Rheinstrom mit seinen Schlössern und epheuumrankten Burgen war darauf dargestellt; Fahnen umflatterten ihn und oben saß auf einem Felsen Germania, das gesenkte bloße Schwert in der einen, die andere Hand auf einen prächtigen Schild gestützt. Sie trug ein mit Gold verbrämtes weißes Gewand, welches die Arme bloß ließ, und einen Goldhelm mit rothem Federbusch. Im zweiten großen Triumphwagen war die „Vereinigung Deutschlands“ dargestellt. In drei Etagen war derselbe aufgebaut und mit Weiß und Roth decorirt. Fasces, von breiten rothen Bändern zusammengehalten, standen an den vier Ecken; über ihnen wehten Banner mit den Inschriften: „Preußen, Schleswig-Holstein, Hannover, Baden, Hessen, Sachsen, Baiern, Württemberg.“ Die verschiedenen Flaggenstäbe waren durch Guirlanden, die sich kreuzten, verbunden. Alle vereinigten sich in dem schwarz-weiß-rothen Wappenschilde, worauf die Worte standen: „Einigkeit macht stark.“ Oben auf dem Wagen hatte auf einem rothen Thronsessel eine zweite Germania Platz genommen, mit Schwert, Schild, Lorbeerkranz und deutscher Tricolore, Goldhelm mit Eichenkranz, weißem Gewand und einer Art Brustharnisch aus Goldplättchen. Kleine Mädchen, die als Engel reizend verkleidet waren, saßen an den vier Ecken des Wagens und personificirten Glaube, Hoffnung, Wahrheit und Liebe. Der dritte, der Haupttriumphwagen, stellte den „Frieden“ vor. Im Friedenstempel, mit blauer Kuppel und Friedenssternen und inwendig rosa ausgeschmückt, der von vier Säulen getragen war, saß die Friedensgöttin in antikem Costüm, in einer Hand einen Oelzweig haltend und in der anderen einen mit schwarz-weiß-rothen Bändern gezierten Stab. Der Wagen war mit passenden Inschriften geschmückt und zeigte auch die verschiedenen Attribute von Ackerbau, Handel, Gewerbe, Schifffahrt, Bergbau etc. Die Herstellung dieser drei Triumphwagen, welche selbst einer Stadt wie Berlin Ehre gemacht haben würden, kostete nicht weniger als fünfzehnhundert Dollars. Ein anderer Wagen, der inmitten der Turner fuhr, zeigte Vater Jahn in Costüm; ein anderer Nachbildungen der Victorien von Rauch.

Der „Eureka Turnverein“ trat in Trachten des deutschen Volkes auf, von Hermann’s Zeit bis auf die unsrige. Sechs Studenten in Burschentracht, mit Kanonenstiefeln und Schlägern, eröffneten denselben; dann kam ein Trompeter in altdeutscher Tracht, darauf ein Herold des fünften Jahrhunderts, mit langem weißem Bart und Eichenkranz, hoch zu Roß. Ihnen folgten Teutonen in Bärenhäuten, mit Ochsenhörnern am Kopf und mit Keulen, Steinäxten, Bogen und Pfeilen bewaffnet, – grimmig aussehende Gesellen, welche dem neugierigen Jungamerika finstere Blicke nach rechts und nach links zuwarfen. Ein Herold des neunten Jahrhunderts schritt vier prachtvollen Rittern in blanken Schuppenpanzern und mit gewaltigen langen zweihändigen Schwertern und kolossalen Streitäxten voran. Das Jahr 1500 ward wieder von einem Herold zu Pferde und in den deutschen Reichsfarben eingeführt; zwei Rittern in schwarzer Turnierrüstung folgte ein dritter, dessen Rüstung nicht weniger als hundert Pfund wog; darauf Landsknechte und Arquebusiere in voller Bewaffnung. Hierauf kam „der alte Fritz“, vorzüglich ähnlich, hoch zu Roß, mit vier Gardisten seiner Zeit; ein Officier mit einer Abtheilung preußischer Soldaten, die schwarz-weiß-rothe Fahne und Bismarck, treffend in Kürassieruniform copirt, schlossen die Division. Man kann sich die Aufregung unter den Zuschauern kaum vorstellen, als sie diese imposante Gruppe durch die Straßen defiliren sahen. Ritter des Mittelalters, Cimbern und Teutonen, Friedrich der Große, Bismarck und preußisches Militär in San Francisco – so etwas war noch nicht dagewesen! – Meine auswärtigen Leser aber mögen sich dabei erinnern, daß es in San Francisco keine Rüstkammern und keine alte Waffenstücke giebt, und daß deshalb alles hier Nöthige neu angeschafft werden mußte.

Die vierte Division bestand fast ganz aus zwei-, vier- und sechsspännigen Wagen, in welchen Ehrengäste und die Mitglieder des „San Francisco Vereins“ (der angesehenste der hiesigen deutschen Vereine) Platz genommen hatten. Die oben erwähnte prächtig uniformirte „National Guard“ (Amerikaner) escortirte diese Division. Außerdem befanden sich im Zuge elegante Kutschen und Carossen in nicht enden wollender Reihe. Nie war ein solcher Reichthum von Gefährten bei einem Umzuge in San Francisco gesehen worden. Die Bierbrauer waren en masse auf ihren riesigen, reich decorirten Bierwagen ausgerückt. Eine starke Abtheilung von Goldjägern, in ihrer charakteristischen Tracht und mit allen Werkzeugen zum Minenbau versehen, erregte ungeheures Interesse. Die kräftigen Gestalten mit den bärtigen, sonnverbrannten Gesichtern, Pistolen und Messer im Gürtel, mit den Wolldecken, schlotterigen, breitkrämpigen Hüten, verwahrlosten, stückweise mit Sackleinwand geflickten Hosen, hohen Stiefeln, Schaufeln und Picken, und mit kurzen Thonpfeifen im Mund, waren so naturgetreu, als ob sie just auf dem Marsche nach z. B. Goldhill, Hangtown oder sonst einem reichen „Digging“ unterwegs wären. An passenden Mottos fehlte es selbstverständlich nicht, und auch ein Packesel trabte mit, der offenbar schon „manchen Sturm erlebt“ hatte und mißtrauisch die ihm zujubelnde Menge ansah. Auch ein Trapper, in Thierfelle gekleidet, hatte sich eingestellt. Die hiesige deutsche Zeitung aber, „der California Demokrat“, hatte sich durch eine Presse auf einem großen Wagen vertreten lassen und druckte unterwegs Festgedichte, die zu Tausenden in den Straßen gratis vertheilt wurden.

Der Festzug, in dem etwa achttausend Theilnehmer waren, machte in der breiten Marketstraße einen mehrere Meilen langen wohlausgeführten Contremarsch, so daß die verschiedenen Divisionen Gelegenheit bekamen, sich gegenseitig zu bewundern. In gestrecktem Galopp sprengten die Ulanen, die Marschälle und Adjutanten an den Colonnen auf und ab, und Hurrahs erschütterten die Luft. In musterhafter Ordnung langte der Zug, der etwa zwei Stunden gebrauchte, um einen gegebenen Punkt zu passiren, um ein Uhr Mittags im „City Garden“ an, wo ein Volksfest stattfinden sollte. Nachdem hier zuerst „Nun danket Alle Gott“ von den Musikchören gespielt war, wurde das Festgedicht vorgetragen, mehrere Festredner ließen sich hören, und nun begann die weit über zehntausend Köpfe zählende Menge, sich, bis die Sonne unterging, nach Herzenslust zu amüsiren, wie es in Amerika eben nur Deutsche verstehen. Nicht die geringste Unordnung oder Mißstimmung störte die Freude des Tages.

Die Turner gaben Wettspiele zum Besten, die Männerchöre sangen vaterländische Lieder, die Musik trug Concertstücke vor; dabei spielten kleine Mädchen Wettlaufen und die Knaben amüsirten sich mit Topfschlagen, Sacklaufen etc. Der deutsch-patriotische

[323] Frauenverein hatte seine Mitglieder an den Erfrischungsständen placirt und die schönsten Heben credenzten der stets durstigen Menge die Getränke; Gedenkmünzen an das Friedensfest wurden zu Tausenden von jungen Mädchen verkauft; im geräumigen Ballsaal wurde getanzt wie auf einer deutschen Kirmeß.

Als die Sonne unterging, kehrte Jedermann zurück nach der Stadt; wer Lust hatte, konnte bis an den hellen Morgen auf einem großen, in der „Platt’s Halle“ arrangirten Festball tanzen; – und als die Zeitungen am nächsten Morgen bewundernde Berichte der amerikanischen Presse über das große deutsche Fest brachten und als man beim Kaffee las, daß volle dreizehntausend Dollars eingenommen und wohl sieben- bis achttausend Dollars für die Verwundeten, Wittwen und Waisen Ueberschuß geblieben seien, da war die Freude über dieses schöne gelungene deutsche Friedensfest doppelt groß.

Die Deutschen in den californischen Landstädten haben sich San Francisco als Muster genommen und veranstalten jetzt ebenfalls Friedensfeste. Schon sind die Triumphwagen nach der fünfzig englische Meilen entfernten Stadt San José unterwegs und die Ulanen, die Ritter und Teutonen etc, sind in hohem Bedarf. Die Deutschen in San José stellten an das hiesige Generalcomité die Anfrage, ob dieses die Ulanen, das heißt deren Uniformen, nicht verkaufen oder vermiethen wollten? wir haben sie unseren patriotischen Landsleuten in der californischen Gartenstadt umsonst geborgt. San Francisco aber wird den Tag des großen Friedensfestes als einen der glänzendsten in seinen Annalen eintragen. Die hiesigen Deutschen haben den Amerikanern durch diese prächtige Feier dermaßen imponirt, daß selbst der Neid stumm geworden ist.

Die „Alta California“, das bedeutendste der hiesigen englischen Blätter, zum Beispiel sagt wörtlich, nachdem sie bereits eine sechs Columnen (größer als die der „London Times“) lange Beschreibung des Festes gegeben, in einem auf das Friedensfest bezüglichen, eine ganze Spalte langen Leitartikel:

„Welch ein Unterschied zwischen den amerikanischen Processionen, mit ihren unvermeidlichen von Bändern umflatterten Ochsen, den gemeinen Anzeigewagen und rohen Emblemen, und den Kutschen voll von schwarzgekleideten „nobodys“, und den Festzügen dieser Deutschen voll von Poesie und herrlichen geschichtlichen Darstellungen! Keine beleidigenden Mottos und Bilder gegen den gefallenen Feind waren da, nichts war zu sehen von dem niedrigen amerikanischen Malerialismus etc. Die ganze Procession war so zu sagen voll von lebendig gewordenen Gedanken, herrlich ausgeführt; die Liebe für das geehrte Vaterland, geschmückt von Kunst und Poesie, zog mit den blitzenden Colonnen durch die festlichen Straßen unserer Stadt. Wir haben anmaßendere Aufzüge in San Francisco erlebt, worin mehr Spectakel gemacht und vielleicht mehr Glanz entfaltet wurde, aber nie einen, der sich auch nur annähernd so durch Kunst und Bildung wie dieser unserer deutschen Mitbürger ausgezeichnet hat etc. etc.“
Theodor Kirchhoff.




Blätter und Blüthen.


Die belagerte Köchin. Als Nachzügler des sehr umfänglichen Schriftenthums, welches unser letzter großer Kampf um den Rhein in Deutschland, Frankreich, England, selbst in Schweden und Rußland hervorgerufen hat, erscheint soeben ein Büchlein von wenigen Bogen nur, aber von so charakteristischem und jedenfalls bis jetzt in seiner Art einzigem Inhalt, daß wir uns gedrungen fühlen, mit einigen Worten von der literarischen Curiosität Notiz zu nehmen.

Eine Pariser Hausfrau hat sich nämlich, für etwa vorkommende ähnliche Eventualitäten, veranlaßt gesehen, unter dem Titel „Die belagerte Köchin“La Cuisinière assiégée – eine Anleitung zu veröffentlichen über „die Kunst in Belagerungszeiten zu leben“ und darin eine Anzahl von Speiserecepten mitzutheilen, wie sie wohl noch in keinem Kochbuche gestanden haben.

Daß die Verfasserin – „eine intelligente und praktische Haushälterin“, heißt es in der Vorrede – als gute Französin die phrasenhafte Selbstüberhebung ihrer kämpfenden und nicht kämpfenden Landsleute theilt, „der heroischen Vertheidigung von Paris, der ganz Europa voller Bewunderung zugesehen habe,“ den erforderlichen Weihrauch streut und die „heldenmüthige Resignation“, mit welcher der verwöhnte Pariser die seltsamen Schüsseln hingenommen, und das „erstaunliche Talent, mit dem er das ungenießbarste Material zu neuen Triumphen seiner weltberühmten Kochkunst umgeschaffen habe,“ nicht genug zu preisen weiß, darf uns nicht befremden, kommt auch hier nicht in Betracht.

Uns interessiren allein die absonderlichen Belagerungsschüsseln und was die „belagerte Köchin“ über deren Trefflichkeit oder Verdienstlichkeit anführt, behauptend, daß viele der von der Noth gebotenen Gerichte einer Einbürgerung auch in die nicht belagerte Küche werth seien. Zugleich erfahren wir, daß die Vertheilung von Rind-, Hammel-, Schweinefleisch nur bis zum 22. November möglich geworden und daß von da ab das Pferd – „unser energischer und kühner Verbündeter auf dem Schlachtfelde und unsere substantiellste und wohlschmeckendste Nahrung während der Cernirung“ – der Hauptbestandtheil in der gewaltigen Hekatombe gewesen sei, „welche man auf dem Altar des Vaterlandes geopfert habe.“

Die Anordnung des Stoffes ist eine alphabetische, und so kommt zuerst der EselL’âne – an die Reihe, der sich „durch die Zartheit seines Fleisches“ zu einem Festgerichte für die reichste Tafel eignet. Das Eselfleisch ist, nach der Verfasserin, „weit feiner als das des Rindes und verträgt gleich dem des Maulthiers, das ebenfalls in permanentem Gebrauche zu bleiben verdient, jedwede Art von Behandlung.“

Von der Katze wird gesagt: „Dieses Hausthier, die Zierde und der Trost der Dachstube und der glückliche Liebling des eleganten Salons, ist eines der gesuchtesten und darum seltenen Belagerungsgerichte geworden. Das Fleisch der Katze ist weiß, fein und zart, nur muß es, bevor es auf die Tafel kommt, achtundvierzig Stunden lang gebeizt werden. Man kann es wie den Hasen als Ragout oder Pfefferfleisch oder als Braten zubereiten.“

Das Pferdefleisch „sieht aus und schmeckt völlig wie Rindfleisch; gut gekocht, ist es von dem letztern nicht nur kaum zu unterscheiden, sondern demselben sogar vorzuziehen. Nur muß es gleich dem der Katze vorher gebeizt, am besten sechsunddreißig Stunden lang in Essig, Oel, Salz und Pfeffer gelegt werden.“ Nun folgt eine ganze Speisekarte voller Pferdegerichte: Pferde-pot-au-feu, gekochtes Pferdefleisch, Pferdeschmorbraten, Cheval à la Parisienne, Cheval à la Mode, Pferderagout, Pferdehaché, Pferdesteak, Pferdegehirn u. m. a., zu welchen appetitlichen Speisen unsere belagerte Köchin die detaillirtesten Recepte enthüllt, auf die wir unsere deutschen Hausfrauen hierdurch aufmerksam zu machen uns erlauben.

Das Hundefleisch, wenn es zuvor achtundvierzig Stunden hindurch gebrüht worden ist, ähnelt in Aussehen und Geschmack dem Hammelfleische ungemein; ebenso lange marinirt, kann es als Reh passiren. Leider, meint die Verfasserin des merkwürdigen Büchleins, sei man bei der Vertheilung des Hundefleisches nicht rationell zu Werke gegangen, so daß dasselbe nicht die Ressourcen dargeboten habe, die man von ihm erwarten durfte. Von den verschiedenen Hundefleischzubereitungen, welche die „Belagerte“ aufzählt, erwähnen wir blos Hundecoteletten, Hundefilet mit Gemüse, Hundemilz und Hundeschnitzel.

Vom Maulthier gilt dasselbe wie vom Esel; nur ist es nicht ganz so zart wie dieser letztere; „unter allen Umständen indeß steht sein Fleisch keinem der in unserer gewöhnlichen Küche üblichen nach.“

Endlich wird auch die Ratte nicht vergessen, indeß bemerkt, daß man sich derselben nur mit großer Vorsicht als Nahrungsmittel bedienen dürfe, obwohl ihr Fleisch höchst wohlschmeckend sei. Sie enthalte eine Menge Würmer und trichinenartiges Ungeziefer, welche die Gesundheit des Menschen in hohem Grade gefährden können. Ganz vortrefflich hingegen sei in jeder Beziehung das Fleisch der Antilopen – was sich leicht begreifen läßt – und der Kameele; da jedoch dergleichen Thiere kaum jemals anders als unter so ungewöhnlichen Umständen wie die jüngste Belagerung von Paris für unsern Küchenbedarf in Requisition gesetzt werden dürften, so kann von einer Mittheilung von Recepten zu ihrer Zubereitung füglich abgesehen werden.

Ob die Verfasserin des Werkchens ihre Absicht erreichen wird: „die Küche durch eine Anzahl von Gerichten dauernd zu bereichern, welche die Noth improvisiren ließ,“ vermögen wir nicht zu entscheiden. Sonder Zweifel aber hat das Schriftchen als ein bezeichnendes Andenken an eine hochbedeutsame Zeit auch jenseits der Kochherd- und Bratofenkreise Anspruch auf Interesse.
H. Sch.

Das Ehrenthal bei Saarbrücken. (Mit Abbildung.) Den Einwohnern von Saarbrücken war es mit beschieden, die größten Schrecknisse des Krieges auszustehen. Wir haben in Nr. 36 des vorigen Jahrgangs unter dem Titel „Die Franzosen drei Tage auf deutscher Erde“ eingehend davon erzählt und geschildert, wie der Kampf unter den Mauern von Saarbrücken in den ersten Tagen des Krieges getobt, wie heldenmüthig Oberstlieutenant Pessel mit seiner kleinen Schaar sich vertheidigt, wie die Uebermacht der Franzosen endlich doch in die Stadt drängte und dieselbe bis zum Abend des 5. August besetzt hielt, um schon am nächsten Tage die fürchterliche Niederlage auf den Höhen von Spichern zu erfahren. Die Einwohner von Saarbrücken waren Augenzeugen jenes schrecklichen Kampfes, der sich bei der Erstürmung der berühmten Höhen entspann; mit jubelndem Herzen sahen sie die deutschen Truppen todesmuthig Schritt vor Schritt vorwärts dringen – was Wunder, daß die braven Leute bald der gleiche Heldenmuth begeisterte. Ohne an die Gefahr für das eigene Leben zu denken, folgten sie den Kämpfenden nach, nicht einzeln, nein, in Massen strömte die Bevölkerung auf das Schlachtfeld, um beim Einholen der verwundeten Brüder thätig zu sein: Jeder wollte einen Tapferen haben und ihn pflegen.

Aber auch der Todten gedachten sie. In dem Thale, das hinter dem für Saarbrücken so verhängnißvollen Exercirplatz und vor dem eigentlichen Spichererberg liegt, haben sie den für das Vaterland Gefallenen einen gemeinsamen Grabhügel gestiftet und der melancholischen Stätte, die fortan jedem Deutschen heilig sein wird, den schönen Namen „Ehrenthal“ gegeben. Ja, es ist ein Thal der Ehren, in welchem die Helden ruhen, die so treu und brav bis zum letzten Athemzuge die Wacht am Rhein gehalten [324] haben. Wohl an vierhundert Todte schlummern hier, in Wahrheit unter Blumen gebettet; denn die Liebe und die Dankbarkeit haben so viele Kränze um die Kreuze geschlungen und so viele Sträucher und Buschwerk hingepflanzt, daß man von Erde nicht die leiseste Spur sieht. Von den Vielen, welche im „Ehrenthal“ die letzte Ruhestätte gefunden haben, nennen wir: General von François und dessen Neffen, den Premierlieutenant Hermann von François, vom zweiten brandenburgischen Grenadierregiment Nr. 12, Graf Reventlow, vom zweiten brandenburgischen Landwehrregiment Nr. 12, Major Jahow, vom zweiten brandenburgischen Grenadierregiment, Major von Wichmann, vom Infanterieregiment Nr. 39, u. A. Auch einige französische Officiere sind hier gebettet; die sich im Leben so schonungslos bekämpft, ruhen friedlich neben einander, – und mit Recht, denn der Tod löscht alle Leidenschaften aus und versöhnt Alles.


Ein guter und schöner Gedanke. Ein Leser der Gartenlaube wendet sich mit einem Wunsche an uns, den wir gern der Oeffentlichkeit vorlegen, wenn wir auch die Verpflichtung nicht auf uns nehmen können, die derselbe uns auf die schon schwer genug beladenen Schultern legen will. Er meint, die Gartenlaube solle eine fortlaufende Liste (Namen, Alter, Wohnort etc.) derjenigen Waisen unserer gefallenen Krieger bringen, welche einer Hülfe bedürftig seien. „Die glücklichen Eltern, die keine Kinder, die glücklichen Kinder, die keinen Vater verloren haben,“ sagt er, „sind gewiß geneigt, Etwas für die Waisen zu thun. Es ist nicht nöthig, sie gleich zu adoptiren; es ist nicht nöthig, große Opfer zu bringen; aber so manche Familie wird sich ein Kind auswählen, das sie zu ihrem besondern Schützling macht, etwa wie man für ein Pathchen zuweilen ein Kleidungsstück arbeitet oder kauft, ihm vielleicht das Schulgeld bezahlt und ihm, wenn es in’s Geschäftsleben eintreten will, hülfreiche Hand leistet durch Einführungen, Empfehlungen, Rath und That. Solch ein Kind braucht nicht von der Mutter entfernt zu werden, hat aber doch durch den Opfertod seines Vaters einen treuen Freund oder eine liebevolle Freundin erworben, die eine Genugthuung darin finden, auf solche Weise die am längsten blutenden Wunden des Vaterlandes heilen zu helfen.“

Gewiß – ein trefflicher Gedanke, der in vielen braven deutschen Herzen Anklang finden wird und nicht rasch genug ausgeführt werden kann, – aber die „fortlaufende vollständige Liste aller hilfsbedürftigen Kinder“ – an und für sich schon ein Riesenunternehmen! – ist dazu nicht nöthig. Solche „deutsche Kriegs-Pathchen“ muß jede wohlthätige Familie oder Person an ihrem Wohnorte selbst oder wenigstens in solcher Nähe finden, daß Pathchen und Wohlthäter sich kennen lernen und an einander freuen können. Dieses gegenseitige Herzerwärmen macht ja das neue Verhältniß erst zu einem so schönen und sicher das Leben veredelnden!

Ausnahmen jedoch sind möglich und für diese öffnet die „Gartenlaube“ ihre wenn auch sehr in Anspruch genommenen Spalten doch gern. Wir haben in armen Gebirgsgegenden Städte und Dörfer, in welchen die Zahl der hülfsbedürftigen Kinder weit größer ist, als die der wohlhabenden hülfefähigen Familien – und wiederum haben wir reiche Städte, wo viele Familien vergeblich nach einer armen Wehrmannswaise suchen würden. Hier bedarf’s eines Ausgleichs und für die nöthige Vermittelung in solchen Fällen wird die Gartenlaube sich niemals verschließen; möchten nur vor Allen die Wohlthäter sich recht zahlreich melden, an „Pathchen“ fehlt es dann gewiß nicht.



Für die Verwundeten und die Frauen und Kinder unserer unbemittelten Wehrleute

gingen ferner ein: Reinertrag einer Privatlotterie, durch Frau Rosalie Hirsch in Leipzig 63 Thlr. 26 Ngr. 7 Pf.; Schulverein Concordia in Moline, Ills. (Amerika), bei Gelegenheit des Geburtstags Washingtons 184 Thlr.; Cleveland, Gesangverein in Cleveland (Ohio) 217 Thlr. (Die Gabe fließt nur den Familien armer Wehrleute zu); Verloosung, veranstaltet von deutschen Bürgern von Sabula (Iowa) 250 Thlr.; vom deutsch-patriotischen Unterstützungsverein in Alexandria (Iowa) 121 Thlr. 10 Ngr.; Frau Bäckermeisterin A. Cnobloch in Moskau 25 Thlr.; Daniel Rahter in Petersburg 15 Thlr. und Madame Delapree 2 Thlr. 15 Ngr.; Strafgelder des Damenkränzchens in Essen (bei Osnabrück) 5 Thlr.; verlorene Wette des Herrn Joseph Zerka in Kharkoff 10 Rubel und Gewinn einiger Whistpartien daselbst 7 Rubel; die vier Frauen B., H., P., N. in Sebnitz 4 Thlr.; Theatergesellschaft in Davos (Graubünden) 20 Thlr.; ein Coswiger 1 Thlr.; Frau Dürr in Genf 6 Thlr; S. in S. 10 fl. rhein.; Henry Sieler in Chicago 1 Thlr. 23½ Ngr.;. L. Th. in Oberursel 10 fl. rhein.; Emma U. in Plauen 1 Thlr.; Wittwe Günel in Amsterdam 5 Thlr.; beim Geburtsfest des Kaisers gesammelt von einer Abonnentin in Waldkappel (Hessen) 4 Thlr. 15 Ngr.; Collecte bei einem Abendessen von einigen Deutschen in Antwerpen 57 Francs 50 Ctm.; C. A. 1 Thlr.; ein unbekannter Herr von Neusalza 1 Thlr. 10 Ngr.; vom Vorstand des Consumvereins in Pforzheim 14 Thlr.; L. H. B. in Plauen 1 Thlr.; S. H. in Ohrdruff 1 Thlr.; E. L. in Wilna 9 Thlr.; F. M. in Bochum 3 Thlr.; Frau Math. Riedel 20 Francs; Ferd. Richter in Hamburg 5 Thlr.; H. H. 1 Thlr.; Simon Meyer in Speyer 3 fl. rhein.; A. G. in Altenburg 4 Thlr.; durch Zeigen einer mit Brunnenkresse bewachsenen Weinflasche von Br. Bachmann in Rötha 4 Thlr. 20 Ngr.; Wilhelm Meyrich in Herwigsdorf 8 Thlr.; N. N. in Bützow 3 Thlr.; N. N. in Borna 10 Thlr.; Johann Maraison in Berlin 5 Thlr.; Burschenschaft Germania des Polytechnicums in Braunschweig 40 Thlr.; Hedwig Heinecke in Chatteris 5 Thlr.; M. K. C. in Crimmitzschau 2 Thlr. 10 Ngr.; zwei deutsche Beamte in St. Avold 2 Thlr. 10 Ngr.; zwei deutsche Knaben in Cedar Fall (Iowa) 1 Dollar; Al. Wiede, siebenter Beitrag 20 Thlr.; von einer Deutschen in St. Gallen 6 Thlr. 22 Ngr.; von einem Deutschen in Riga, bei der glücklichen Geburt eines zukünftigen deutschen Kriegers 5 Rubel; von Wilhelmine verwittwete Rus 16 Thlr.; August Daum 4 Thlr.; eine Mutter 5 Thlr.; von einer Whistpartie in Bothmer 1 Thlr 5 Ngr.; gesammelt in Petersburg bei der Feier des Friedensfestes in einer kleinen, aber echtdeutschen Gesellschaft junger Kaufleute 50 Rubel; Gesangverein in Ober-Tirschheim 2 Thlr.; H X in Mücheln 4 Thlr.; Carl Zipser in Siedliszcze Bramowe 2 Thlr. 18 Ngr.; eine deutsche Lehrerin in England 34 Thlr. 5 Ngr.; von einer Patriotin M. 5 Thlr.; L. Ot. in Taborow (Rußland) 12 Rubel; von den Deutschen in Osarno (Chile), als Ertrag eines von dem deutschen Musikverein daselbst abgehaltenen Concertes 380 Mark Bco. u. 1 Thlr. 26 Ngr. von einer Wittwe daselbst; Clemens Walther in Sawidowa (Rußland) 25 Rubel; von einer Spielpartie in Gotenburg 10 Thlr.; Szederob in Gr. Mühlingen 2 Thlr.; Maria K. in Berlin 2 Thlr.; Ergebniß einer Sammlung bei der Taufe der kleinen E. W. Fr. 10 Thlr.; zur Bitte des Arbeiters A. B. in B. (Gartenlaube Nr. 8) von S. in Petersburg 5 Thlr.; Reinertrag eines Concerts mit Ball in Indianola (Texas) beim Abschluß des Friedens 151 Thlr. 31 Grot Gold.

Aus Oesterreich gingen ferner ein: durch Johann Gött in Kronstadt 353 fl. und zwar: in einem kleinen Kreis gesammelt von Freunden durch J. D. 103 fl., von einer Gesellschaft im Markte Zwiden 26 fl., Friedrich Jeckel, Apotheker 2 fl., von der dritten Volksschul-Parallelclasse 3 fl. 5 kr., Julius Jeckel, Advocat 4 fl., Wilh. Nemeth 1 fl., von der fünften Mädchenschule und ihrem Lehrer A. Rheindt 5 fl., Friedrich Scheffler 6 fl., L. v. B. 5 fl., Carl Thieß, Prediger 2 fl., aus der dritten evang. Volksschule, Hauptclasse und ihrem Lehrer 4 fl., von den Schülerinnen der vierten Mädchenclasse 3 fl. 58 kr., Stengel, Tuchscheerer 1 fl., der Ertrag einer Sammlung durch R. Th. 100 fl., aus der ersten evang. Volksschule 2 fl., aus der zweiten evang. Mädchenschule 6 fl. 89 kr., von den Geistlichen, Lehrern und Amtsmitgliedern in der Gemeinde Brenndorf 16 fl., von einer Großmutter und ihren Enkeln als Christgeschenk 15 fl., von einem Tarokkränzchen 14 fl., Auguste, Moritz und Rudolph Lassel 2 fl. 50 kr., Dr. med. Eduard Gutsbeth 10 fl., Michael Tartler, Tuchmacher 5 fl., Karl Riemer, Pfarrer in Helsdorf 5 fl., Josef Trausch, Magistrats-Secretair 10 fl.; von einem in Wien lebenden Siebenbürger Sachsen[1] 25 fl. mit nachstehenden im Jahre 1859 geschriebenen Zeilen:

Dort, wo Abends rosig glühend
Der Karpathen Gipfel strahlt,
Dort auch zeigt sich reich erblühend
Deutschen Sinnes Allgewalt;
Fern im Land der sieben Burgen
Wird, o Deutschland, dein gedacht,
Und bei edlem Feuerweine
Dir manch’ jauchzend Hoch gebracht.

Denn wir Siebenbürger Sachsen
Nennen stolz dich Vaterland,
Innig ja mit dir verwachsen
Durch ein unauflöslich Band:
Deutsche Sprache, deutsche Sitte,
Hohe Ziele, ernsten Geist,
Durch die Liebe, die mit Jubeln
Alle Menschen Brüder heißt.

Von der Jungschaar der Hällgässer Nachbarschaft in Schäßburg 8 fl. 20 kr.; von den Geschwistern Friedrich und Selma Schreiber in Hermannstadt 6 fl.; Sammlung der Siebenbürger deutschen Studenten in Graz 14 fl.; gesammelt in Mühlbach bei einem Frühschoppen 13 fl. und bei einem Schlachtfeste 24 fl.; B. und M. L. in Prag 12 fl., von von einer Tischgesellschaft in Landskron 9 fl.; Goetzger in Wien wiederum 5 fl.; O. P. in Tiefengrün 3 fl.; aus Hamersdorf bei Hermannstadt 37 fl.; ein Deutschböhme in Prag 2 fl.; aus der Gemeinde Groß-Alisch bei Schäßburg 15 fl.; aus Graz mit der Widmung „Fortitudini“ 28 fl.; Edm. Courpée in Brünn nachträglich 1 fl.; Reinertrag von fünf populär-wissenschaftlichen Vorträgen in Schäßburg durch Gymnasial-Director Haltrich 125 fl. 14 kr. und 1 Species (1 Thlr. 10 Ngr.).

Allen Siebenbürger Sachsen für ihre warme Theilnahme und ihre reichen Gaben im Namen aller durch den Krieg unglücklich Gewordenen nochmals herzlichen Dank!

Gesammtbetrag der bis jetzt eingegangenen Beiträge 28,535 Thlr. 7 Ngr. 5 Pf., wovon bis Ende März bereits 20,252 Thlr. 29 Ngr. verausgabt wurden.
Ernst Keil.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Von dem Einsender werden wir ferner ersucht, davon Notiz zu nehmen, daß der „deutsche Verein“ in Wien – nicht zu verwechseln mit dem deutschen Volksverein – welcher sich gleich nach Beginn des Krieges in entschiedenster Weise gegen eine etwaige, damals vielfach ventilirte Allianz zwischen Oesterreich und Frankreich, die er für einen Verrath an Deutschland erklärte, aussprach, die Beobachtung einer Deutschland wohlwollenden Neutralität und die Anbahnung eines engen Freundschaftsbündnisses zwischen Deutschland und Oesterreich verlangte, – gleichzeitig auch ein Hülfscomité für die deutschen Verwundeten bestellte, welches vor Kurzem die tausendste Kiste mit Charpie, Verbandzeug, chirurgischen Instrumenten, Decken, Leib- und Bettwäsche, Wein, Zwieback etc. an die deutschen Spitäler abgesandt hat, und dessen Sammlungen außer den in natura geschenkten Gegenständen, jedoch mit Inbegriff des bei einem von demselben im December vorigen Jahres veranstalteten Weihnachtsbazar erzielten Reinerträgnisses von über zehntausend Gulden ö. W. – Anfang Februar 1871 laut eines uns vorliegenden Ausweises in Baarem mehr als vierzigtausend Gulden ö. W ergaben.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: „Sangerin“