Die Gartenlaube (1870)/Heft 41

Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Die Gartenlaube (1870) 669.jpg
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[669]

No. 41. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Ein Damen-Duell.
Von Sacher Masoch.
(Fortsetzung.)


Gegen Abend erschienen die beiden Officiere in voller Parade in dem Palaste der Fürstin, um über das Befinden derselben Erkundigungen einzuziehen. Nachdem man ihnen darüber die beruhigendsten Versicherungen gegeben, traten sie den Rückweg an.

„Höre,“ begann Lapinski, „wir können uns doch nicht so ohne Weiteres damit zufrieden geben, daß man uns mittheilt, die Fürstin sei so gut wie unversehrt und vollkommen wohl. Es ist anständig und klug, daß wir unserer Freude darüber, daß dieser Unfall keine ernsten Folgen gehabt hat, auf irgend eine Weise Ausdruck geben. Was hältst Du von einer Serenade?“

Kolloff brach in lautes Lachen aus. „Eine Serenade, ohne eine Kopeke im Sack zu haben!“

„Warum nicht?“ erwiderte sein ausgelassener Camerad, seine Säcke umkehrend. „Sieh mich an, ich besitze noch baare anderthalb Rubel, und doch wollen wir allen Geldsäcken zum Trotz der Fürstin heute eine Serenade bringen, wie sie das kleine Weibchen gewiß noch nicht erlebt hat.“

Während Koltoff noch den Kopf schüttelte, zählte Lapinski das Geld, ein und einen halben Rubel, in seine Hand und beauftragte ihn, Papiere in allen Farben, Oel und Unschlittkerzen einzukaufen; er selbst nahm es auf sich, die Musik, sowie ein preciöses Bouquet, wie er sich ausdrückte, herbeizuschaffen.

„Ich fange an zu glauben, daß Du mit dem Teufel im Bunde bist,“ meinte Koltoff.

„Allerdings,“ erwiderte Lapinski, „und zwar mit einem armen, aber lustigen Teufel.“

Damit trennten sich die Freunde.

Nach einer Stunde trafen sie, wie es Lapinski angeordnet hatte, in der Caserne der Preobraschenskischen Garde zusammen, Lapinski mit einem riesigen Bouquet, dessen Zusammenstellung zwar viel zu wünschen übrig ließ, das aber nichtsdestoweniger durch die Seltenheit seiner Blumen und die Pracht seiner Farben imponirte.

„Wie kommst Du dazu?“ fragte Koltoff, während er den schweren Strauß in der Hand hielt und bewundernd betrachtete.

„Auf die billigste Weise von der Welt,“ erwiderte Lapinski; „ich stieg auf dem bekannten Wege in den Garten der Fürstin und band dort höchst eigenhändig das Bouquet.“

„Du hast also die Blumen gestohlen?“

„Nehmen wir an, es wäre so,“ erwiderte der wenig bedenkliche Camerad, „so geschah es nur, um sie der Eigenthümerin wieder in kürzester Zeit zurückzustellen.“

„Du bist unverbesserlich,“ meinte Koltoff.

Lapinski hatte indeß bei sämmtlichen Wäscherinnen des Regimentes die Wäschestangen requirirt, und jetzt begannen seine Soldaten unter seiner Anleitung aus den von Koltoff eingekauften Kerzen und dem in Oel getränkten farbigen Papiere Lampions zu verfertigen und auf den Stangen zu befestigen. Das Ganze ging so militärisch rasch und genau vor sich, daß mit eingetretener Dunkelheit der Abmarsch beginnen konnte.

Vorn gingen Soldaten mit brennenden Lampen in allen Farben, dann folgten in einem Spalier von Lampions die beiden Officiere, Koltoff mit dem Bouquet, und hinter ihnen sämmtliche kleine Tambours und Pfeifer der Preobraschenskischen Garde in voller Parade, frisch gepudert, mit steifen Zöpfchen. Den Zug schlossen wieder Soldaten mit Lampions. Zahlreiche Gaffer folgten; als man vor dem Palaste der Fürstin Halt machte, war bereits eine unabsehbare Menschenmenge versammelt.

Lapinski stellte seine Leute in ein Quarré, welches, von den farbigen Lampions umgeben, gar nicht übel aussah, und postirte sich mit Koltoff unmittelbar vor der Front desselben dem Balcon des schönen weiblichen Majors gegenüber. Als Alles bereit war, hob er den Rohrstock, welchen damals jeder Officier trug, und die Tambours eröffneten die seltsame, echt soldatische Serenade mit einem höllischen Wirbel, dann fielen die Pfeifen ein und alle zusammen spielten nunmehr den originellen zierlich pedantischen Marsch, nach welchem die Rococosoldaten damals marschirten und der auch beim Gassenlaufen üblich war.

Es währte nicht lange, so klang die Glasthür des Balcons, und die schöne Lubina trat heraus im weißen Nachtgewande, eine Sammtmantille umgeworfen; sie blickte sichtlich erstaunt auf die Menge, die Tambours, die Officiere; erst als Koltoff seinen Hut abnahm und mit einem kräftigen Wurf den riesigen Blumenstrauß emporschleuderte, so daß er zu den Füßen der Fürstin niederfiel, erkannte diese den Retter ihres Lebens und verstand seine Absicht. Sie dankte mit artiger Verneigung, hob die Blumen auf und als die Tambours wieder ihren Wirbel schlugen, hielt sie sich die Ohren zu und brach in lautes Lachen aus.

Lapinski gebot Ruhe. Die Fürstin dankte nochmals mit einem bezaubernden Lächeln und zog sich zurück. Wenige Augenblicke später erschien ein Kammerdiener, welcher in ihrem Namen die beiden Officiere einlud, zu ihr zu kommen.

„Vorwärts!“ flüsterte Lapinski seinem strahlenden Cameraden zu. „Jetzt liegt Alles in Deiner Hand. Erkläre Dich ihr auf der Stelle. Ich führe indeß meine kleinen Helden nach Hause.“

[670] Während die Serenade schwenkte und abmarschirte, wobei Lapinski noch tüchtig wirbeln ließ, stieg Koltoff langsam, bei jedem Treppenabsatz anhaltend und Athem schöpfend, die Stiege empor. Der Kammerdiener führte ihn durch eine Flucht herrlich eingerichteter Säle, schlug eine Portière zurück, und im nächsten Augenblicke stand der junge Officier der reizenden Frau gegenüber, mit ihr allein in einem Boudoir, wie es nur jene Zeit so coquett und sinneverwirrend einzurichten verstand.

Die Fürstin war so tactvoll, nicht nach seinem Freunde zu fragen, sondern lud Koltoff mit der anmuthigsten Handbewegung und dem liebenswürdigsten Lächeln, als verstehe sich ihr Tête à Tête von selbst, ein, neben ihr auf dem echt türkischen Divan Platz zu nehmen.

„Vergeben Sie,“ begann Koltoff, „Fürstin, die armselige Art und Weise, in der ich meiner Freude über Ihre Rettung aus einer so ernsten Gefahr Ausdruck gegeben habe, aber –“

„Weshalb vergeben?“ unterbrach ihn die Fürstin. „Es war eine echt militärische Serenade.“

„Sie sind zu gütig,“ erwiderte der Gardelieutenant; „aber ich bitte nochmals, nicht danach meine Gefühle für Sie zu beurtheilen.“

„Ich bin von Ihren guten Gesinnungen gegen mich überzeugt,“ sagte die schöne Frau, indem sie ihre dunkle Sammetmantille fallen ließ und die Büste einer olympischen Göttin zeigte.

„O, ich wäre glücklich, wenn ich mein Blut für Sie verspritzen, mein Leben für Sie geben könnte!“ rief Koltoff leidenschaftlich erregt.

„Illusionen der Jugend!“ sprach die Fürstin; „aber Sie wählen Worte, wie man sie nur einer Frau gegenüber gebraucht, welche man liebt.“

„Und Sie finden es recht traurig, daß ein armer Lieutenant die Fürstin Mentschikoff zu lieben wagt?“

„Traurig? Nein.“

„Also lächerlich!“ rief Koltoff.

„Noch weniger,“ erwiderte die schöne Frau, mit den Spitzen ihres Deshabillés spielend. Zugleich zuckte ein muthwilliges Lächeln um ihre Mundwinkel.

„Aber Sie lachen doch,“ rief Koltoff vorwurfsvoll.

„Ueber Ihre Zaghaftigkeit,“ entgegnete die coquette Rococoschöne, „sie steht dem Soldaten schlecht an.“

„Sie ermuthigen mich also?“

„Wozu?“

„Sie zu lieben.“

„Lieben Sie mich denn?“ rief die Fürstin und schlug ein helles Lachen an.

„Aber jetzt lachen Sie doch über den armen Lieutenant!“ sagte Koltoff bitter.

„Bei Gott, nein!“ entgegnete die Fürstin auf einmal sehr ernst.

„Lachen Sie nur,“ fuhr der junge Officier fort, „verspotten Sie mich auf das Unbarmherzigste, ich liebe Sie dennoch und werde Sie immer lieben; ich bin glückselig, daß ich Ihnen nun einmal sagen darf, wie sehr, wie unaussprechlich ich Sie liebe, wenn Sie mich auch auf der Stelle für immer aus Ihrer Nähe verbannen.“

„Wer sagt Ihnen, daß ich dies thue?“ entgegnete die Fürstin, welche sich offenbar an der jugendlichen Gluth des Lieutenants ergötzte.

„Sie verbannen mich nicht?“ schrie Koltoff aus.

Die schöne Lubina legte den Finger auf den Mund, um vorerst den Ausbruch seiner Freude ein wenig zu mäßigen, und als der hübsche Officier noch einmal noch dringender, aber leise fragte, schüttelte sie den Kopf. O, wie reizend, wie verheißend war dieses Kopfschütteln für Koltoff!

„Sie lieben mich also wieder?“ flüsterte er, von der Liebenswürdigkeit seines Vorgesetzten, des Majors vom Regimente Simbirsk, fortgerissen.

„Das habe ich nicht gesagt,“ beeilte sich Lubina, seine Hoffnungen coquett vernichtend, einzufallen, „aber –“ sie lächelte wieder mit ihrem bezaubernden Lächeln, „ich erlaube Ihnen, mich zu lieben.“

„Und Sie erlauben mir, um Ihre Gunst, um Ihre Hand zu werben?“ rief der von Neuem entflammte Lieutenant.

„Wie kühn auf einmal!“ sagte die Fürstin.

„Sie verbieten es mir wenigstens nicht?“ drängte Koltoff, ihre kleine Hand ergreifend, welche sich vergebens in die weißen Spitzenwellen zu retten suchte.

„Nein, nein,“ lachte Lubina.

In demselben Augenblicke lag Koltoff zu ihren Füßen und küßte ihre Hände, und die schöne Rococodame wurde auffallend roth, trotz der weißen und rothen Schminke, mit der ihr Gesicht bemalt war.




Einige Tage später, an einem warmen Sommernachmittage, gingen die Fürstin und Koltoff in einer schmalen Allee des Mentschikoff’schen Parkes, durch die dichte grüne Taxuswand vor der Sonne geschützt, auf und ab. Sie sprachen lange nicht, sondern schienen nur damit beschäftigt, mit ihren Blicken den Faltern zu folgen, welche paarweise über die Spaliere herein- und hinausflogen und, hier und da sich auf der Ecke niederlassend, ihre farbenprächtigen Flügel auseinanderspannten. Endlich schlug die schöne Lubina einen Seitenweg ein und sie kamen zu einem reizenden Plätzchen, einer massiven Steinbank, von den Zweigen einer alten Eiche beschattet, der gegenüber ein Springbrunnen plätscherte, und hinter der riesigen Marmormuschel, in welche derselbe sein helles schäumendes Wasser warf, stand eine von einem Italiener der Antike fein nachgebildete Gruppe, Venus und Adonis. Koltoff heftete seine Augen mit einem so seltsamen Ausdrucke auf diese Gruppe, daß Lubina, ihn leicht mit dem Fächer treffend, fragte, ob er die marmorne Dame schöner finde als sie.

Koltoff gab keine Antwort. Nach einer kleinen Weile seufzte er aber und sprach: „Glauben Sie nicht, daß die Menschen damals weit glücklicher waren als jetzt?“

„Sie meinen, weil die schönen Göttinnen des Olymps damals zu den Sterblichen herabstiegen?“

„Nein, weil sie lieben konnten,“ sprach Koltoff; „es ist, als hätten Corsett und Reifrock alle natürlichen Empfindungen erstickt.“

„Warum gerade Corsett und Reifrock?“ fiel die Fürstin ein. „Glauben Sie, daß das Jabot und der Zopf dem Herzen freieren Spielraum lassen?“

Der Lieutenant zuckte die Achseln, ihm schien es doch, daß er ordentlich liebe und darin den verliebten Heroen des Alterthums in Nichts nachgebe, aber die Fürstin war anderer Ansicht.

„Sie glauben mich zu lieben,“ sprach sie, „aber was ist das, was Sie da empfinden? Ein wenig Einbildung, ein wenig Eigensinn und sehr viel – Eitelkeit. Heut zu Tage liebt man nicht mehr, sondern hat Liaisons, und nicht das Herz, nicht die Leidenschaft sind es, welche diese zarten Bande knüpfen, nur die Langeweile.“

„Und was hätte diesen Umschwung in der menschlichen Natur hervorgebracht?“

„Die Philosophie,“ erwiderte die Rococodame, „wir denken zu viel über unsere Gefühle nach, als daß dieselben tiefe Wurzeln fassen könnten, und wir haben Ideale, welche uns die Freude an der Wirklichkeit verderben, und wäre die letztere noch so schön, noch so lachend. Bleiben wir gleich bei mir selbst stehen. Sie haben mir, gleich im ersten Augenblicke, als ich nach jenem Unfall zur Besinnung kam und Sie vor mir knieen sah, sehr wohl gefallen –“

Koltoff erröthete und blickte verschämt zu Boden.

„Sie gefielen mir an jenem Abende, wo Sie mir nach der originellen Serenade Ihre Liebe gestanden,“ fuhr Lubina fort, „beinahe noch besser, und jetzt –“

„Jetzt finden Sie mich bereits unausstehlich!“ rief Koltoff.

„Nein,“ erwiderte die Fürstin, mit ihrem Fächer und jedem einzelnen Worte tändelnd, „jetzt glaube ich sogar, daß ich Sie liebe.“

„Sie lieben mich!“ schrie der junge Officier auf, und so heftig zwar, daß ein kleines Rothkehlchen, das vom Rande des Bassins aus neugierig mit seinen Edelsteinaugen das Paar betrachtet hatte, erschreckt aufflog.

„Es scheint,“ sagte die Fürstin, „oder was soll es bedeuten, daß mein Herz so heftig klopft, wenn Sie eintreten, und auch dann, wenn Sie bei mir sind, lange noch. Entscheiden Sie selbst.“ Und die coquette Schöne nahm die Hand des jungen Officiers und legte sie auf ihr Herz.

„In der That,“ stammelte Koltoff.

„Nun denn, nehmen wir an, daß ich Sie liebe,“ fuhr Lubina fort. „Wie lange werde ich Sie lieben? Ich bin so [671] unglücklich, ein sehr hohes männliches Ideal in meiner Seele zu tragen. Begegnet mir nun ein Mann im Leben, der durch einen oder den anderen oder mehrere jener Vorzüge, welche ich von einem echten Manne unzertrennlich halte, meine Phantasie erregt, so meine ich, ihn zu lieben, ja, ich liebe ihn vielleicht wirklich, ich bin begeistert von ihm, ich könnte alle die Thorheiten eines jungen Mädchens begehen, bis – bei fortgesetzter und schärferer Betrachtung – an meinem glänzenden Monde die Flecken hervortreten.“

„Wie?“

„Bis ich jene dunklen Stellen entdecke, welche jeder Mensch in seinem Wesen hat,“ fuhr die schöne Frau fort, „dann sehe ich plötzlich, wie weit der Mann, den ich liebe, von dem Manne entfernt ist, den ich mir träume, und ich bin enttäuscht, meine Neigung ist entwurzelt, ich habe kaum Mitleid, wo ich vor Kurzem noch Bewunderung hatte.“

„Das ist aber recht traurig,“ sagte Koltoff, eigentlich wußte er aber weder, was er von der Fürstin denken, noch was er sagen sollte.

„Sie sehen also,“ fuhr diese fort, „daß ich Unrecht begehe, Unrecht an mir und dem Manne, dem ich mich gebe, wenn ich eine neue Ehe eingehe.“

„Und wie ist das männliche Ideal beschaffen, das Ihnen vorschwebt?“ fragte Koltoff nach einer kleinen Pause.

„Der Mann, den ich lieben, dem ich gehören soll,“ erwiderte Lubina, „muß alle Vorzüge des Körpers mit jenen des Geistes vereinigen, er muß zu gleicher Zeit ein vollkommener Cavalier, ein tapferer Soldat und ein Philosoph von nicht gewöhnlichem Geiste sein.“

„Sie verlangen viel,“ stammelte der junge Lieutenant, ihn erschreckte vorzüglich die Philosophie.

„Gewiß finden sich alle diese Eigenschaften selten vereinigt,“ sagte Lubina, „ja vielleicht nie: Voltaire ist häßlich wie ein Affe und Moritz von Sachsen hat die Logik eines Corporals; aber wenn dies wirklich so ist, bin ich, wenn mein Geist in höheren Regionen schwebt, verpflichtet, statt meiner göttlichen Träume mit der gemeinen Wirklichkeit vorlieb zu nehmen. Beklagen Sie mich.“

Die Fürstin versank in Nachdenken.

„Werde ich je mein Ideal finden?“ sprach sie nach einiger Zeit, den Blick ihrer dunklen seelenvollen Augen schwermüthig in die Weite verloren.

Koltoff schwieg, und er schwieg auch beharrlich, als die schöne Frau, scheinbar unabsichtlich, zuerst mit ihrer Fußspitze die seine berührte, dann mit ihrem vollen warmen Arme seine Hand streifte. „Eine seltsame Frau,“ dachte er, „sollte sie wirklich unfähig sein zu lieben?“

Und die Fürstin? Die Fürstin sagte zu sich: „Ein seltener Lieutenant. Er scheint zu viel im Plato gelesen zu haben.“




Koltoff kam bald täglich zu der schönen Fürstin, ja es gab Tage, wo er dienstfrei war und sich dafür von früh bis Abends dem Dienste der launischen Göttin weihte, und Lubina verfügte in der That über ihn, wie eine Olympierin über den Erdgeborenen, wie die Gebieterin über den Sclaven. Wenn sie ausritt, war es Koltoff, welcher ihr in den Sattel helfen, welcher sie begleiten mußte, und das Reiten mit ihr war ein gefährliches Ding, denn sie setzte kühn über Gräben, Hecken und andere Hindernisse, so daß der dienende Cavalier nicht selten in die Gefahr kam, das Genick oder doch mindestens Arm und Bein zu brechen. Im Parke wurde ein Schießstand eingerichtet, Lubina schoß mit ihrem Anbeter um die Wette, und hier bewährte sich neuerdings, daß Amor blind ist, denn der gute Lieutenant fehlte regelmäßig die Scheibe, und alle die schönen alten Bäume, welche dieselbe umgaben, trugen bereits die Spuren seiner Kugeln.

Im Parterre des Palastes war ein kleiner Fechtsaal eingerichtet, in welchem sich die kühne Amazone und ihr Anbeter täglich auf der Mensur gegenüberstanden, Lubina über dem weißen hochgeschürzten Gewande einen leichten Brustpanzer, Beide mit Drahtmasken und großen Stulphandschuhen, das Floret in der Hand, und dann, nachdem der Appell gegeben, gab es kaum etwas Reizenderes, als die schöne Frau, wenn sie mit schlangenähnlicher Behendigkeit die Stöße des Gegners auffing, zurücksprang und, wieder zum Angriff übergehend, ihn bis an die Wand trieb, wo sie ihn gewöhnlich durch eine Finte entwaffnete und ihm die Spitze ihrer Waffe zum Zeichen des Sieges auf die Brust setzte.

Aber es blieb nicht bei diesen Körperübungen, bei denen der Officier in seinem Elemente war; er mußte der Amazone, welche sich, wie alle vornehmen Damen ihrer Zeit, mit Philosophie, Naturwissenschaften, schöner Literatur, Geschichte beschäftigte, auch auf den geistigen Kampfplatz folgen, und so eifrig Koltoff war, in jenen Stunden, welche ihm seine Göttin frei ließ, das Versäumte nachzuholen, seinen Kopf mit den Philosophemen der Griechen, Römer und der französischen Encyclopädisten zu füllen, sich mit den herrlichen Werken eines Homer und Virgil, eines Horaz und Ovid, wenn auch nur in schlechten französischen Uebersetzungen, bekannt zu machen, die Modedichtungen Voltaire’s, Diderot’s, Lafontaine’s zu verschlingen: die Fürstin, welche mit einem wenn auch sehr oberflächlichen, doch weitschweifenden Wissen einen lebhaften, weiblich feinen Geist und eine große natürliche Beredsamkeit verband, bereitete ihm viel schwere Stunden; er gerieth endlich ganz in die Rolle eines Schülers dem gelehrten Meister gegenüber und stellte sich zu den physikalischen Experimenten und den astronomischen Beobachtungen, bei denen er Lubina beistehen mußte, so naiv an, daß die Fürstin sich an ihm noch mehr ergötzte, als an den erzielten wissenschaftlichen Ergebnissen.

Eine griechische Rotunde auf einer großen Wiese ihres weitläufigen Parkes bildete das Studio der Fürstin; es enthielt im Erdgeschoß einen chemischen Heerd und alle die mysteriösen Anstalten der damaligen noch mit der Alchymie Hand in Hand gehenden Chemie und Physik; in dem obern Stockwerk befand sich eine große Bibliothek, zwischen deren hohen Fächerkästen Globen, Büsten berühmter Männer der Wissenschaft und Thiergerippe aufgestellt waren; das oberste Geschoß mit weit durchbrochenen Fenstern und die Plattform dienten zu astronomischen Zwecken, und wenn die Fürstin, durch einen weiten schwarzen Sammttalar und eine runde Sammthaube vor der kalten Nachtluft geschützt, mit ihrem Adepten hier oben erschien und das große Sternrohr zu richten begann, machte sie den Eindruck eines weiblichen Faust.

Es schien aber der gelehrten Amazone bald nicht mehr zu genügen, daß ihr Anbeter sich ohne Groll von ihr entwaffnen ließ und – ihr mit den Retorten und Quadranten zur Hand war. Er mußte die Flöte blasen lernen, um sie zu begleiten, wenn sie auf dem Piano spielte, er nahm auf ihr Geheiß Tanzstunden bei einem Pariser Tanzmeister, welcher sich in Petersburg niedergelassen hatte, und hatte die Aufgabe, täglich nach dem Essen, während seine Göttin in dem künstlich verdunkelten Zimmer ruhte, ihre Hunde spazieren zu führen.

Endlich gab ihm Lubina förmliche Proben auf, ganz wie die Damen der Troubadours und Minnesänger es zu thun pflegten. Sie hatte in ihrem Parke unter Anderem einen großen braunen Bären, welcher in einem weiten Zwinger verwahrt war. Derselbe war sehr jung in ihren Besitz gekommen und zeigte daher nur noch geringe Spuren von Wildheit. Immerhin war jedoch eine Unterhaltung unter vier Augen mit ihm ein Wagestück.

Lubina verlangte also eines Morgens mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt von ihrem Anbeter, er möchte in den Käfig des Bären steigen und den drolligen braunen Gesellen nach der damaligen Mode frisiren.

Koltoff war im ersten Augenblicke starr, aber er besann sich nicht lange und gehorchte. Zu seinem Glücke stand er seit langem schon, ohne daß seine grausame Herrin es wußte, mit dem Bären auf gutem Fuße. Er brachte ihm täglich Obst und Honigscheiben, welche derselbe mit einem ganz besonders artigen Knurren und Brummen entgegennahm.

Auch diesmal führte der Gardelieutenant derlei Leckereien bei sich, und nachdem er noch zwei Pistolen und ein persisches Jagdmesser zu sich gesteckt und sich mit Kamm, Bürste, Pomade und Puder versehen hatte, ließ er sich von dem Gärtner den Zwinger aufschließen und trat in das Gefängniß seines gefährlichen Freundes, während die schöne Lubina, vor dem Gitter stehend, mit einem seltsamen, halb neugierigen, halb schauerlichen Reiz die eigenthümliche Scene beobachtete. Der Bär blieb anfangs vollkommen gleichgültig, er ließ seinen mächtigen Kopf auf den Vordertatzen ruhen und blinzelte nur mit den kleinen Augen nach rechts und links.

Koltoff rief ihn mit starker Stimme an. Er rührte sich nicht. Hierauf warf der kecke Lieutenant etwas von seinem Obst in die Futterschüssel des Bären und schob sie ihm hin. Der Bär schnupperte; richtete sich auf und leckte an dem Obst. Plötzlich [672] richtete er sich aber in seiner vollen imponirenden Größe auf und wollte, ein eigenthümliches Gewinsel ausstoßend, Koltoff umarmen.

Die Fürstin erschrak und schrie auf, sie hielt ihren Anbeter für verloren.

Der Bär hatte indeß durchaus nichts Uebles im Sinn, der Geruch des Honigs, den Koltoff bei sich führte, hatte ihn aus seiner süßen Ruhe geweckt, und als er sich aufrichtend seinen Freund erkannte, versuchte er nach echt täppischer Bärenart denselben zu liebkosen. Koltoff schob ihm rasch eine große Honigscheibe in den Rachen, worauf sich der Bär artig niedersetzte und die Augen wie ein echtes Leckermaul schließend zu naschen begann.

Nun war der Augenblick da, das kühne Wagniß auszuführen. Koltoff besann sich nicht lange, sondern nahm den zottigen Kumpan frisch in die Arbeit, er kämmte ihm, so gut es ging, mit Hülfe der Pomade das Kopfhaar zu einem Toupet zusammen und beeilte sich, so oft das Thier ungeduldig zu werden schien und ihm darüber brummend seine Bemerkungen machte, demselben eine neue süße, duftende Honigscheibe zuzuwerfen. In wenig Augenblicken war der große Kopf des Bären dicht eingepudert, schneeweiß gleich dem eines Elegant, und Koltoff zog sich rasch auf den Fußspitzen zurück. Als sich die Thür des Zwingers hinter ihm schloß, atmete er auf. Das gefährliche Abenteuer war überstanden.

Lubina überhäufte ihn mit schwärmerischen Lobeserhebungen, ihr Herz schien bezwungen, aber zur größten Ueberraschung des armen Lieutenants gab sie ihm noch denselben Abend eine neue Prüfung auf.

„Sie haben mir einen so großen bewunderungswürdigen Beweis von Ihrer Kaltblütigkeit und Ihrem Muthe gegeben,“ sagte sie, „daß es Ihnen gewiß selbst erwünscht sein wird, mir nun auch eine Probe von Ihrem Geiste und Ihren Kenntnissen zu geben.“

Koltoff erschrak, er fand keine Worte und verneigte sich nur stumm.

„Ich werde Ihnen eine Ihrer würdige Aufgabe stellen,“ fuhr die gelehrte Amazone fort. „Schreiben Sie ein Werk unter dem Titel ,Der Mensch und die Natur', weisen Sie in demselben alle Beziehungen nach, welche zwischen Beiden bestehen, zeigen Sie, inwieweit der Mensch von seiner großen Mutter abhängig ist, abhängig bleiben muß, worin er sich von ihr befreien, so sogar über sie stellen und auf sie einen Einfluß gewinnen kann. Aber ich vergesse, daß Sie ja selbst es sind, welcher uns über diese Materie ganz neue, ungeahnte Perspectiven eröffnen wird.“

Koltoff hatte sich noch nie so unglücklich gefühlt, nie in seinem Leben, nicht einmal in jener Nacht, wo er sich erschießen wollte, als heute, wo er die schöne Fürstin Mentschikoff als zukünftiger Verfasser des Buches „Der Mensch und die Natur“ verließ. Wo sollte er die Ideen, wo die Kenntnisse, ja wo nur das leere Papier zu diesem verwünschten Werke hernehmen? Er ließ sich den ganzen folgenden Tag im Palaste Mentschikoff nicht sehen, sondern irrte trübselig in den Straßen umher, sah auf der Wache dem Kartenspiel der Cameraden zu, und schlich endlich zu seiner Tanzstunde, und überall war es ihm, als ob ihn eine Stimme verfolgte und ihm in das Ohr raune: „Der Mensch und die Natur!“ und wie er bei der Menuette in der dritten Position stehend den ersten Geigenstrich seines Tanzmeisters Monsieur Perdrix erwartete, entfuhren ihm unwillkürlich die unseligen Worte: „Der Mensch und die Natur!“

Der kleine Franzose, welcher eben den Bogen erhoben hatte, setzte ab und sah den Lieutenant erstaunt an.

„Der Mensch und die Natur,“ wiederholte er, „was haben Sie damit?“

„Bemitleiden Sie mich,“ erwiderte Koltoff, „ich soll ein Buch schreiben über diesen Gegenstand, ein philosophisches Werk in der Art der französischen Encyclopädisten, und habe keinen Dunst davon.“

„Nun, so lassen Sie es bleiben,“ meinte der Franzose.

„Aber es hängt mein Lebensglück, ja, vielleicht mein Leben von diesem unseligen Buche ab!“ rief Koltoff.

„Ihr Leben?“ entgegnete der Tanzmeister lächelnd.

„Ich schwöre es Ihnen, mein Leben,“ rief der Russe, und dabei sah er so verzweifelt aus, daß der kleine Franzose dadurch überzeugt wurde, und mit ihm auf Rettung zu sinnen begann.

Als Koltoff ihn zum Vertrauten gemacht und in alle Umstände eingeweiht hatte, machte der kleine Franzose plötzlich einen Luftsprung und begann dann, seine alte verstimmte Geige mörderisch mit dem Bogen bearbeitend, in der Stube herumzutanzen, und zwar alle nur denkbaren Schritte und Tacte durch einander, dann schlug er eine Pirouette und sagte, vor dem erstaunten Koltoff in einer graziösen Positur stehen bleibend:

„Ich rette Sie, ich schreibe Ihnen das Werk.“

„Wie,“ schrie Koltoff, „Sie wollen, herrlicher, goldener Monsieur Perdrix?“ Er umfaßte den kleinen Mann, hob ihn in die Luft und sprang mit ihm herum. „Nun, wie aber machen wir das?“ fagte der Lieutenant, als er Monsieur Perdrix wieder der Erde zurückgegeben hatte; „denn ich für meinen Theil will lieber täglich zwei Mal den Bären frisiren und pudern, als eine Zeile daran schreiben.“

„Wie? wie ich das mache, junger Leonidas?“ schmunzelte der alte durchtriebene Tanzmeister. „Sie bekommen das Werk, parole d’honneur, aber Sie fragen mich nie, wie ich es gemacht habe.“

Es vergingen ein paar Wochen.

Koltoff kam gegen Abend, stets nur für Augenblicke, zu der Fürstin, und war auch sonst wenig zu sehen, er gab sich ganz die Mühe, in seinen Studien vergraben zu sein.

Indeß war der Tanzmeister Monsieur Perdrix in der That in einem wahren Gebirge von Büchern vergraben, er hätte Alles, was an philosophischer und naturhistorischer Literatur in der Residenz Katharina’s der Zweiten aufzutreiben war, um sich angehäuft und schrieb, auf das Gerathewohl in die Masse hineingreifend und bald den, bald jenen Band, jetzt Aristoteles, jetzt Hippokrates, dann Voltaire, Quesnay, Baco, und wieder einmal Aristoteles amputirend – denn abschreiben oder bestehlen ist kein Wort für die mörderische literarische Schlächterei, welche der Alte unter den Philosophen anrichtete – und schrieb und las und schrieb wieder, und hatte in nicht vier Wochen ein ganz stattliches Manuscript beisammen. Allerdings gehörte davon kein Gedanke, keine Phrase, kaum eine Wendung ihm, aber er hatte mit der seinem Volke eigenthümlichen Geschicklichkeit Alles klar geordnet und – was nur in einer streng entwickelten, akademischen Sprache, wie die seine, dem Halbgebildeten möglich war – in gutem klarem, ja elegantem Französisch niedergeschrieben.

(Schluß folgt.)




Freiwillige Krankenpflege auf dem Schlachtfelde.
Von Prof. A. Pagenstecher in Heidelberg.
Schlechte Nachrichten vom Schlachtfelde. – Von der Mitwirkung des freiwilligen Sanitätswesens und seiner Unentbehrlichkeit. – Ausrüstung einer Heidelberger Hülfsmannschaft. – Ihr Zug nach dem Schlachtfelde von Gravelotte. – Grobe Abweisung durch Johanniter. – Die Sehnsucht der Verwundeten, nach Hause zu kommen. – Einiges über die markzehrende Arbeit eines Spitalarztes. – Würtembergische und baierische Einladung von Verwundeten. – Lauter Concurrenten. – Nochmals die Johanniter. – Schlußwort.

Wenn ich heute Einiges über das freiwillige Sanitätswesen berichten will, wie es sich in den jüngsten Tagen der Gefahr, des Kampfes und Sieges darstellte, so soll das nur ein Scherflein zum Nutzen der Zukunft sein, und ich weiß wohl, daß ein endliches Urtheil über Manches, was jetzt von den Einzelnen mit scharfem Für und Wider besprochen wird, nur nach den Erfahrungen Vieler zu bemessen ist.

Für die ganze heimische Thätigkeit, welche sich in dieser Beziehung fast über Nacht so kolossal zu entfalten hatte, war es von unberechenbarem Vortheile, daß durch den Frauenverein wenigstens die Grundzüge einer realen Organisation gegeben und die ersten Mittel und Kräfte geboten waren. Wie wäre es sonst selbst der wärmsten patriotischen Hingebung möglich gewesen, fast gleichzeitig mit der Mobilmachung der Armee alles Nothwendige herzustellen, über fünfzigtausend Betten, viele Tausend Pfleger und Pflegerinnen, die ungeheuersten Vorräthe für Verwundete und Kranke bereit zu halten?

Konnte man in solcher Weise sich ohne Bedenken das Zeugniß

[673]
Die Gartenlaube (1870) b 673.jpg

Erste Hülfe im Sanitätsdienst nach Ankunft eines Verwundetenzugs.
Nach der Natur aufgenommen von H. Leutemann.

[674] wohl erfüllter Pflicht geben, so mußte man mit um so größerem Bedenken und um so größerem Kummer die Nachrichten entgegennehmen, welche von den Schlachtfeldern und aus deren Umgebung kamen. Als der Schlacht von Weißenburg die von Wörth folgte, zogen fast täglich Züge von Hülfsmannschaften durch Heidelberg, und so gingen auch solche von Heidelberg, theils unter Theilnahme der ausgezeichnetsten Männer der Hochschule, in jene Gegend. Sie fanden die Verhältnisse in der Nähe des Schlachtfeldes recht ungünstig. Während die Armee mit ihren geordneten Hülfsmitteln weiterzog, blieb es übrig, Tausende von Verwundeten aus Dörfern und einzelnen Häusern eines weiten Kreises des hügeligen Landes in schlechten Leiterwagen auf wenigem Stroh zur Eisenbahnstation Sulz zu verbringen. Dort gab es nur für Wenige ein Unterkommen und bei der durch das einspurige Geleise nur langsamen Abfuhr lagen die unglücklichen hungernd, zerschossen, sterbend auf faulender Streu in strömendem Regen tagelang rings um den Bahnhof, ein Jammerbild, welches nicht vergessen kann, wer es sah.

Wer von dort wiederkehrte, brachte die Ueberzeugung mit, die Mitwirkung des freiwilligen Sanitätsdienstes bis zur fechtenden Armee hin sei unentbehrlich; die Arbeit in den Tagen nach der Schlacht übersteige bei den entsetzlich mörderischen Waffen die Kräfte eines militärärztlichen Personals; dieses, in der Regel mit der Truppe abziehend, hinterlasse die Verwundeten, wo sie denn im Augenblick des Abmarsches liegen, und in welchem Zustande es auch sei, ohne nur die Möglichkeit zu haben, weitere Sorge für Behandlung, Pflege und Beförderung zu tragen.

Wir haben uns damals bemüht, die Einsetzung eines „Sanitätsetappenwesens“ zu veranlassen. Die Spitzen hätten sich bei den Hauptquartieren zu befinden, die Etappen auf den Eisenbahnknotenpunkten und an den wichtigeren Hospitalplätzen. Die Aufgabe wäre einerseits die Entlastung der Militärärzte durch Anziehen freiwilliger Kräfte für den Fall der Schlacht, Marschroutennachweis, Vertheilung, Controle und Zurücksendung oder Ablösung für dieselben, andererseits Rücksendung der Verwundeten, Leitung der Einladung, Bestimmung der Anhalte zu Erfrischung und Verband, Stellung der Begleitmannschaften aus rückkehrenden Hülfsmännern. Telegraphischer Verkehr hätte die Stationen über die Bedürfnisse an der Spitze und die Kräfte an der Basis zu unterrichten.

Bei der großen Zahl von Personen, welche eifrig zu dienen wünschten, wäre es möglich gewesen, nach den ersten übeln Erfahrungen in wenigen Tagen diese Einrichtung herzustellen. Es scheint auch, als wenn die Anregung, welche an hoher Stelle vollstes Verständniß und hülfreiche Aufnahme fand, einigen Erfolg gehabt habe, wenn sie auch nicht die volle Einsetzung eines solchen Institutes bewirkte. Es war eben die Leitung der freiwilligen Krankenpflege den Händen der Johanniter- und Maltesergenossenschaft übertragen. Ich habe viel Gelegenheit gehabt zu sehen, daß diese Genossenschaft theils durch Beibringung von Wartepersonal und Hülfsmitteln, theils in den einzelnen Mitgliedern durch persönliche Hingebung unendlich viel Gutes stiftete; aber es war von Anfang an klar, daß dieselbe trotz der Erfahrungen von 1866 der Gesammtaufgabe der freiwilligen Krankenpflege beim Heere vollständig nicht gewachsen war. Wir werden darauf zurückkommen.

Es war zweckdienlich, sich selbst umzusehen, und als die Botschaft von der Schlacht vor Metz, von der von Mars la Tour ankam, eilte ich, eine Stunde nach Eingang der telegraphischen Ermächtigung des großherzoglichen Kriegsministeriums, mit einer starken Heidelberger Abtheilung zum Kampfplatze. Fünfzehn Mann standen unter Professor W., siebzehn unter mir selbst. Die Schicksale solcher Colonnen entscheiden über ihren Nutzen. So darf ich den Lesern eine Skizze unseres Zuges geben, kleine Erlebnisse inmitten der riesenhaften Ereignisse, deren die Geschichte in vielen Jahrhunderten nicht vergessen wird. –

Wir fuhren am 18. August Nachmittags ab. Jeder hatte den Ranzen voll von Binden, Tüchern, Compressen, Charpie, Heftpflaster, Oel und Carbolsäure zum Verbande; Gypsbinden und loser Gyps sorglich in Blechkapseln gepackt; die Feldflaschen, den Brodbeutel, welcher auch beim Verbinden sehr bequem ist, wohl gefüllt. Das Ganze meiner Abtheilung führte zwei Tragbahren, einige Laternen, eine Kiste mit Reserveverbandzeug; ich selbst noch ein compendiöses Amputationsbesteck, Kugelzange, mehrere Katheter, einige Arzneien und Chloroform. Wenn es sein mußte, konnten wir Alles selbst tragen. Wachstuchkappen mit Cocarde vom rothen Kreuz im weißen Felde gaben uns das Ansehen der Zusammengehörigkeit. Für gewöhnliche Verhältnisse bestritt der Einzelne seine Ausgaben, für außergewöhnliche und allgemeine Unkosten gab der Verein eine Summe mit. Wir waren gemischt aus vielen Völkern der Erde. Neben Deutschen verschiedener Provinzen hatte ich unter mir Schweizer, Nordamerikaner, Russen, einen Chilenen, den Japanesen Kinsai Akahossi, welcher bei uns Medicin studirte.

Unterwegs schon hatten wir Gelegenheit, uns bei drei begegnenden Zügen mit Verwundeten nützlich zu machen. Sie kamen von Metz und wir verbanden sie und erquickten sie mit Wein. In Remilly rieth man uns, die Richtung gegen das Schlachtfeld vom 16. August jenseits der Mosel zu nehmen und nach einigen Stunden rührigen Mitwirkens im Operiren, Verbinden und Tragen erhielten wir von dem sehr gefälligen Etappen-Commandanten zwei Leiterwagen nach Pont à Mousson und achtzehn Portionen Mundvorrath, den wir noch durch französischen Zwieback, der in ungeheuren Massen am Bahnhofe lag, verstärkten.

In Pont à Mousson traf uns die Nachricht von dem entscheidenden Sieg der deutschen Waffen bei Rézonville oder Gravelotte. Aber das Entsetzen über die schrecklichen Verluste, in zwei Tagen wohl über dreißigtausend Mann, hatte sich auch schon bis hierher verbreitet. „Sie werden sehr willkommen sein, eilen Sie,“ sagten die Officiere. Wir zählten jeden Verwundeten, der uns begegnete, für einen Gewinn; war er doch nicht todt, konnte man doch hoffen, ihn zu retten, zu versorgen, ihm zu vergelten, was er für uns gelitten.

Wir verließen am 20. August in der Frühe die Stadt, nachdem sich meine Leute militärisch pünktlich versammelt, und wir uns einen Feldkessel, einiges Geschirr, gute große Brode gekauft und Wein eingefüllt hatten. Heu erhielten wir nur mit Mühe, und Hafer erst unterwegs gegen Quittung von einem campirenden Divisionsmagazine. Wir fuhren, was die Pferde leisten konnten, die Mosel hinab nach Novéant und Ars sur Moselle. Viehtreiber, Munitionswagen, Dragoner und selbst die gestrengen Armeegensd’armen ließen das rothe Kreuz außer der Reihe vor. Sehr viele Verwundete, theils von Gorze her, theils von Ars, begegneten uns, oft zu Fuß. Einigen wurde mit Verband und Erfrischung geholfen. Wir näherten uns mehr dem Terrain vom 18. August, wo wohl noch am meisten Hülfe nöthig war.

In Ars traf ich gleich am Eingang des Ortes den mir befreundeten Stabsarzt Dr. S., der dort sein Lazareth eingerichtet hatte. An ihn gab ich Chloroform, Gypsbinden und anderes Verbandzeug ab. Seine Bitte, meine Leute möchten sich doch um die Erfrischung der zahlreich durchziehenden Verwundeten bemühen, scheiterte zunächst an grober Abweisung eines Johanniters, welcher meinte, daß der Arzt hier gar nichts zu befehlen habe. Es ist dies die eine Stelle, wo ich Mitglieder dieses Ordens herb tadeln muß. Sonst war nur die Klage, daß der Mangel eines geordneten Betriebes es meist unmöglich erscheinen ließ, von den Herren eine Auskunft zu erhalten, wo und mit was man nützen könne, während doch überall Elend herrschte, daß sie sich, während jeder, selbst der höchste Officier uns nach allen Kräften hülfreich war, ausweichend und ablehnend verhielten. Hier traf die Herren der Vorwurf, daß sie den Posten, in dem sie saßen, durchaus nicht ausfüllten. Die Verwundeten, die vom Ehrenfelde von Gravelotte herabfuhren, starben nahezu Hungers, während die Johanniter mit den höheren Officieren unbefangen plauderten. Und doch war im Gasthause Suppe, Braten, Gemüse, Wein noch in Menge fertig und zu mäßigen Preisen zu haben.

Gerade in solchen Augenblicken einer außeretatmäßigen Noth könnten Herren von hohem Namen, denen außer eigner Wohlhabenheit große Mittel der öffentlichen Freigebigkeit zur Verfügung stehen, und denen eine ganz unbeschränkte, controlelose Verwaltung nachgesehen wird, Ungemeines nützen, in die Lücken der Staatsverwaltung eintreten, und wenn sie das nicht thun, nachdem sie doch in die Ehren der Stellung eingetreten sind, trifft sie mit Recht schwere Verantwortung. Am Ausgange des Städtchens, wo unsere Wagen standen, improvisirte sich denn unsere Speisungsstätte auch ohne Johanniter. Mit größter Begierde wurden von den Verwundeten zwanzig bis dreißig Commißbrode, welche unsere Fuhrleute für die Pferde aufbewahrt hatten und die sehr gut waren, Schiffszwieback und Speck angenommen. Unsere Bohnensuppe wanderte in das [675] kleine Lazareth, in welchem selbst Officiere keinen Bissen hatten und dringend flehten, sie aus dem verfl– Neste zu erlösen.

Wir fuhren von hier den Waldweg westlich von Ars, an welchem der äußerste rechte Flügel der preußischen Armee in der Schlacht vom 18. gekämpft hatte, hinauf. An friedlichen Bivouacs vorbei kamen wir nach Gravelotte hinein gerade vor das Hauptquartier des Generals v. Steinmetz. Officiere bewillkommneten uns, und der Commandant des Hauptquartiers, Major v. Str., rieth uns freundlichst, da der General um fünf Uhr ausrücken werde, sofort in dieses Quartier einzurücken, was wir auch befolgten.

Die drei Stuben des Parterre und die große Scheune lagen voll Schwerverwundeter. Da Johanniter sich nicht finden ließen, beredete ich mich mit den Militärärzten, unter denen ich wenigstens einen alten Bekannten fand und neue gewann, und wir räumten dann, so viel wir konnten, von den Verwundeten der nächsten Nähe noch in bereitstehende Wagen.

Es ist immer das größte Verlangen der Verwundeten, wegzukommen, und es ist dem, soviel irgend möglich, zu entsprechen. Auf den Soldaten im Felde übt die Nähe der Leidenden einen ungünstigen Einfluß, die Bequemlichkeiten sind stets äußerst gering und was davon, von Personen und Mitteln zur Hülfe vorhanden ist, muß möglichst bald wieder für den neuen Bedarf frei gemacht werden. Diese Nothwendigkeit erstreckt sich von der Armee weit rückwärts bis über die Hospitäler im westlichen Deutschland. Diese müssen immer entleeren, um eine Stätte denen bieten zu können, die für den Augenblick oder überhaupt nicht weiter gesandt werden dürfen. Wohl ist der Transport auf Leiterwagen sehr anstrengend, wenn man aber reichlich Stroh auflegen kann, so geht’s schon, selbst mit nicht eingegypsten Schußfracturen der untern Glieder. Die freie Luft ist bei leidlichem Wetter weit besser als die üble Atmosphäre überfüllter Bauernstuben, in denen es auch selten etwas Besseres als eine Schütte Stroh giebt. Nach Hause, nach Deutschland, da glaubt sich so ein armer Kerl schon gerettet.

Die Uebrigen wurden trotz eingebrochener Nacht bei Laternenschein verbunden, Kugeln ausgeschnitten, Knochenstücke, Tuch- und Lederlappen aus den Wunden entfernt. Wohl die wenigsten jetzt beschäftigten Wundärzte mochten vor den Kriegen in Schleswig und Böhmen eine Kugel ausgeschnitten haben, höchstens einmal Schrote oder Posten eines unglücklichen Jägers. Jetzt war das tägliches Brod. Wunderbar, wie die Kugeln auf dem Knochen ihre Gestalt ändern, wie sie selbst Knöpfe, Portemonnaiebügel, Geldstücke zugerichtet haben. Wer auf eine Sammlung bedacht gewesen wäre! aber die Leute behalten diese Andenken gar gerne selbst.

In Gravelotte war entsetzlicher Wassermangel, selbst zum Verbinden manchmal kein Tropfen. Dabei gab es außerordentlich viel zu thun. Erst noch im eigenen Hause, dann in der Nachbarschaft, wo besonders die Schulstube etwa zwanzig schwer Verwundete barg. Man konnte dort kaum einen Mann verbinden, ohne auf einen andern zu treten. Dazwischen noch friedlich Katheder und Wandtafeln. Ich fand dort einen Mann, dem ein Granatstück das Bein im Oberschenkel ganz abgerissen hatte, nur oberflächlich verbunden. Ich übergab ihn den Militärärzten, aber er überlebte die nöthige Operation nur kurze Zeit. Eine nicht ganz leichte Operation, welche ich selbst machte (die Urethrotomie aus freier Hand wegen Schußverletzung), hatte guten Erfolg. Ich erwähne das nur, um dem liebenswürdigen und vortrefflichen Stabsarzt Dr. Vogelsang, mit welchem ich damals zusammenwirkte und den nun auch schon die fremde Erde deckt, nachzurufen. Die Kriegschirurgie ist eben eine entsetzlich anstrengende, markzehrende Arbeit.

Sonst nimmt wohl hülfreich das Messer mit kühnem Schnitte langjähriges Leid weg; man überlegt für einen Fall tagelang, man hat alle Hülfe, jedes Instrumentchen, das stille Krankenzimmer, die beste Pflege und Nahrung; hier liegen Hunderte, eben in frischester Jugendkraft, jeder ein Held, jetzt ein vernichtetes, verkrüppeltes Dasein. Kaum hat der Arzt Zeit zum Entschlusse, seine Arbeit nähert sich der einer Maschine in erschreckender Weise, dabei kein Lager, kein Wasser, kein Ersatz für ein Instrument, das zerbricht oder sich im Stroh versteckt, kaum Speise, keine freundliche Hand zur Pflege. Doch nein, wenn auch sparsam, waren schon bis hier hinauf Pflegerinnen gedrungen und außer uns auch Berliner Hülfsmannschaften, welche allerdings alsbald wieder abmarschiren zu müssen glaubten. Drei französische Aerzte, deren Aeußeres uns wenig gefiel, verwiesen wir zu ihren gefangenen und verwundeten Landsleuten, da sie doch unsere Soldaten nicht zu verstehen vermochten.

So gut ich selbst mit den Militärärzten stand, sah ich nur zu bald ein, daß wir ihnen in einer Sache im Wege waren. Unser Quartier erregte Neid, und sie hätten es gern bezogen, in dem Vertrauen, weil das Haus zum Theil noch mit ganz schwer Verwundeten belegt war, vor außerärztlichen Ansprüchen behütet zu sein. Dabei konnte unser augenblicklich sehr erwünschtes Eingreifen plötzlich ein Ende nehmen; die Verwundeten verringerten sich durch Abfuhr von Stunde zu Stunde, während das militärärztliche Personal, da der größte Theil der Armee bei Metz blieb, sich mehr und mehr heranzog. Johanniter, uns eine längere Beschäftigung zuzutheilen oder uns zu einem anderen Orte zu weisen, waren auch jetzt nicht zu finden. So kam ich denn mit den Aerzten überein, Verwundete nach Courcelles zu begleiten, und machte mich mit diesen und meinen Leuten noch am nämlichen Tage auf den Weg. Nach andauernder Fahrt übernachteten wir in Corny und kamen an Metz vorbei Nachmittags nach Courcelles.

Wir fuhren zunächst zum Bahnhofe, bekamen aber weder beim Etappencommando noch im Johanniterhospital eine befriedigende Auskunft. Obwohl man auf die Nacht große Transporte erwartete und uns sehr gut brauchen konnte, wollte sich Niemand unser annehmen, und das Personal des Spitals schlug uns bestimmt und wenig höflich die Erlaubniß ab, unser Verbandzeug und unsere Bahren bis zum Gebrauche dort, wo sie gerade am Platze waren, abzustellen. In einem Speicher über einem Stalle fanden wir endlich ein nothdürftiges Nachtquartier.

Vor fünf Uhr weckte uns das bekannte Rollen der langen Reihe von Wagen mit Verwundeten. Wir eilten zum Bahnhofe, und alle Hände konnten sich nützlich machen. Man nahm das Stroh von den Wagen, lagerte die Leute in langen Reihen darauf, verband, operirte und trug in die Waggons. Es gab Wein und Butterbrod an dem Buffet des überaus engen Bahngebäudes. Es fing an zu regnen, und da die niedrigen Hütten nur für einen kleinen Theil der Ankommenden reichten, war es doppelt nöthig, daß reichliche Hülfe thätig war. Neben uns arbeiteten Darmstädter, und die Militärärzte waren sehr dankbar für den Zuwachs an Kräften. Von den Johannitern leitete unterdessen Graf … unermüdlich die Ausladung von Liebesgaben, Graf St. schien hauptsächlich die Führung der Schwestern zu haben.

Als die Einladung beendet war, kam den Meisten von uns das Gefühl, es sei wenig gerathen, länger hier zu bleiben. Man kümmerte sich nicht darum, wo wir unser Haupt hinlegen, noch mit was für Speise wir die angestrengten Kräfte ersetzen sollten. Es lag auf mir die Sorge für achtzehn zum Theil noch sehr junge Leute, die bereits unwohl zu werden begannen. In der That wurden mehrere von der Ruhr, und nach der Heimkehr Einer vom Typhus befallen, und ich schiebe davon die Schuld hauptsächlich auf Courcelles. Es schien unsicher, ob man bei der Herstellung der Bahn zwischen Ars und Nancy weiter Verwundete hierher senden werde, und auch hier erschienen neue Hülfsmannschaften. Ich wollte es, da wir auch zu Hause nützen konnten, nicht verantworten, länger auf’s Gerathewohl hier zu bleiben, und ich erlangte, daß man uns am Abend in einem Güterwagen zunächst mit nach Remilly nahm.

Dort wurde gerade der würtembergische Sanitätszug unter Professor Bruns eingeladen, welcher in sehr guter Weise hergestellt war, indem man aus den bekannten langen würtembergischen Wagen die Sitze entfernt und an den Langwänden auf den Boden Bahren gestellt und darüber eine zweite Reihe in Gurten aufgehangen hatte. Zwischengeschobene offene Güterwagen erlaubten die Einladung, und man konnte die Bahren dann durch mehrere Wagen durchtragen. Die Fama erzählt, daß die Sanitätswagen auch noch den Vortheil boten, unzeitgemäße Minister zu stürzen.

Eine andere Einrichtung hatte Baiern getroffen, indem in kleine Güterwagen vier oder fünf Betten gestellt waren, deren Füße zuweilen auf angeschraubten Federn ruhten. Es wird nicht leicht sein, die besonderen Wagen für den ganzen Bedarf herzustellen. In den meisten Fällen werden für die Leute, welche nicht sitzen können, Strohmatratzen ausreichen. Man kann deren in ungemein kurzer Zeit, wenn man aller Orten Auftrag giebt, die nöthige Zahl herstellen, kann ihrer fünfzig in einem Wagen, also zweitausend in einem Zuge transportiren, wo es dann wegen leer zurückgehender Züge nie an Wagen zu deren Vertheilung fehlt, [676] man kann sie mit oder ohne Bahre beim Ein- und Ausladen und mit der Bahre beim Transporte der schwerst Verletzten in’s Spital benutzen, und man kann mit ihnen ein Spital sofort und überall improvisiren.

Wir trafen in regnerischer Nacht in Remilly ein, und es war Glück, daß wir in Villa Roland, in welcher Johanniter mit ihrem Personal eingezogen waren, ein Obdach fanden. Die Herren halfen uns auch bestens, daß wir vom Bahnhofe etwas Stroh geliehen bekamen. Uebrigens konnten wir auch hier leicht merken, daß man uns für überflüssig ansah und als Concurrenten um die wenigen Bequemlichkeiten betrachtete, welche das überfüllte und ausgesogene Oertchen noch bot. Klarer wurde das in der Frühe am Bahnhofe; es wimmelte jetzt so von männlichen und weiblichen Hülfsleuten aller Art, daß mir auf jeden Verwundeten mindestens eine solche Person zu kommen schien. Ich ließ also noch einige Zeit beim Verbinden und Einladen helfen, gab das Meiste von Arzneien und Verband, was wir noch hatten, ab und benutzte dann die freundlichst von Generallieutenant von Tiedemann gewährte Erlaubniß, in einem Extrazug nach Saarbrücken mitzufahren. Wir speisten dort an einem gedeckten Tisch, sahen die Zerstörungen durch Brand und Geschützkugeln, kamen Abends bis Neunkirchen und anderen Tages, genau eine Woche nach unserer Abfahrt, nach Heidelberg zurück.


Meine nun gesammelten Erfahrungen konnten die Vorstellungen, die ich mir nach fremden Berichten gebildet hatte, im Wesentlichen nur bestätigen. Es sind alle nöthigen Hülfsmittel vorhanden, welche im freiwilligen Sanitätsdienst die militärärztliche Thätigkeit und die militärische Pflege ergänzen können; aber die Art ihrer Verwendung hat sehr zu wünschen übrig gelassen und wird das stets thun, wenn nicht eine bestimmte Ordnung herrscht. Diese ist nicht denkbar ohne ein Sanitäts-Etappenwesen, welches zwar an kleinen Orten von dem gewöhnlichen militärischen Commando mit besorgt werden kann, an den wichtigeren aber besondere eifrige und einsichtige Personen verlangt, in deren Thätigkeit nicht eine Concurrenz der Pflichten eintritt. Die Johanniter und Malteserritter würden die betreffenden Stellen in den meisten Punkten ausfüllen können; aber auf unserem Zuge habe ich nirgends gesehen, daß sie das eingerichtet hätten, was dazu zunächst nothwendig ist, Sanitätsbehörden an Bahnhöfen und an den Plätzen, wohin nach der Schlacht die Verwundeten zunächst kommen, in welcher Jeder die nöthige Auskunft und Anweisung erhalten kann. Ich weiß nicht, ob es nur im Gebiete der dritten Armee geschah, daß die Hülfscolonnen so ganz auf eigene Hand ihren Weg gehen mußten und so an allen möglichen Hindernissen scheiterten, um, wenn es ihnen selbst, zum Theil durch persönliche Beziehungen, besonders glücklich ging, doch das Gefühl mitzunehmen, das, was sie hatten thun können, entspreche nicht den eigenen Opfern, vielleicht nicht einmal der Mühe und den Kosten, die dem Staate und der Armee durch ihre Beförderung und Verproviantirung erwachsen waren.

Anderen ging es ganz schlecht; ein ausgerüsteter Zug von Karlsruhe und Heidelberg fuhr, um Verwundete zu holen, nach Remilly und Courcelles, wo man ihm ungern ein paar Mann abgab, und kam unverrichteter Sache mit allem Material zurück, während zugleich Tausende von Sedan gegen Nancy gingen und dort die Hülfe, die Matratzen, die Erfrischungen, das Verbandzeug dringend begehrten. Wie leicht wäre eine Depesche gewesen: „Alle Hülfsmannschaften sind über Nancy zu leiten,“ wenn nur Jemand dagewesen wäre, der sich mit dem Hinterlande darüber in Beziehung zu setzen die tägliche Pflicht gehabt hätte. Und das fast zwei Monate nach der Kriegserklärung!

Außer dem Mangel an genügender oberer Leitung hat sich im Kleinen eine Art von Concurrenz zwischen dem von den Rittern beigeführten Personal und anderen freiwilligen Hülfsmannschaften ausgebildet, welche zum Theil eine Fortsetzung von dem Kriege ist, welcher mehr oder weniger versteckt überall da entsteht, wo specifische Genossenschaften die Krankenpflege übernehmen. Hier trat sie noch etwas stärker auf, wo es sich nicht allein darum handelte, die mühsame Pflege einander streitig zu machen, mit dem zum großen Theile idealen, darin liegenden Gewinn, sondern auch häufig um reale Dinge, entweder sehr nothwendige Erfordernisse der Existenz, als ein Bett, ein Stück Brod und selbst Wasser, oder gewisse außerordentliche Genüsse aus Liebesgaben, deren Werth bei sonstigen Entbehrungen sehr steigt, als eine Flasche Portwein, ein Glas Cognac, eine Tafel Chocolade, eine feine Cigarre. Indem die Herren Ritter häufig mehr im Besitz dieser Vortheile erachtet werden mögen, als sie es sind, jedenfalls aber stets am besten daran sind und ihr Personal einen gewissen Egoismus ausgebildet, allen Besitz hartnäckig zu vertheidigen sich gewöhnt hat, sind sie nicht allein in Kriegszustand mit den „Schlachtenbummlern“ gerathen, die sie selbst durch den Mangel an geordneter Verwendung groß gezogen, sondern noch viel mehr mit den Militärärzten, namentlich den niederen, als deren Gehülfen und Lieferanten sie sich zu betrachten gehabt hätten, und deren bittere Klagen kein Ende finden. Das könnte nicht so allgemein sein, wenn nicht viel Wahres daran wäre, und kann nicht ausgeglichen erscheinen, wenn an einzelnen Stellen, so von mir selbst und mehr vom Professor Billroth, das beste Zeugniß gegeben werden kann.

Die wichtigsten Personen sind auch im freiwilligen Sanitätsdienste die Aerzte, sie müssen den Mittelpunkt der Thätigkeit bilden. Sollen sie in ihrem Thun abhängen von Gunst und Gnade, so gehen sie davon. Die freiwilligen Aerzte haben sich, so lange Militärärzte an der Stelle sind, diesen anzuschließen und durch sie ihre Verwendung zu finden. Es ist sehr nützlich, wenn sie die nöthigen Hülfsmannschaften mit sich bringen, sonst sind ihnen solche zuzuweisen, sei es von den Leuten der Johanniter, sei es aus anderen freiwilligen Corps. Hülfsmannschaften ohne verantwortliche Führer sind nirgends zuzulassen. Geht die Truppe mit ihren Aerzten ab, so sind die freiwilligen Aerzte und ihre Hülfsleute, soweit nöthig, ohne militärärztliche Leitung an den Nothspitälern und den Einladeorten zurückzuhalten, im Nothfalle zu ersetzen und je nachdem zu Hause oder vorwärts zu dirigiren. Man muß ihnen stets das Gefühl wach halten, daß sie ein nützliches Glied sind, und sie unterstützen und für sie sorgen. Das Alles muß in scharfem Dienste geschäftsmäßig von bestimmt dazu eingesetzten, findbaren Personen betrieben werden, nicht von solchen, die das Schlachtfeld bereiten oder überall gute Freunde haben, nach denen sie sich persönlich umsehen müssen.

Nur wenn eine ebenso geordnete Thätigkeit sich rückwärts gegen die Reservespitäler entfaltet, in welchen so viel Hingebung und so große finanzielle Opfer der Nation niedergelegt sind, wird es nicht vorkommen, daß eine Stadt jammert, weil man ihr keine Verwundeten sendet, während eine andere rathlos die Anzeige empfängt, daß sie in einer Stunde zweihundert erhalten werde, während sie kein Bett frei hat; daß wir wohl einen fünftägigen, einen zehntägigen und einen fünfzehntägigen Rapport über die Bestände machen müssen, aber nie erfahren, ob wir unsere Betten noch vermehren sollen, ob wir sie verringern dürfen.

In einer Zeit, in welcher der Patriotismus die Empfindung abstumpft gegen die Noth, die aus so vielen Quellen fließt, sind ferner nicht allein die Mittel des Staates, sondern auch die der freiwilligen Gabe auf das Gewissenhafteste zu verwenden. Was aus Unordnung unnütz daliegt, schadet noch mehr durch den schlechten Eindruck als durch den directen Verlust.

Das Sanitätsetappenwesen muß im Centrum des Staates und bei den Hauptquartieren durch Personen vertreten sein, denen man einen bedeutenden Einfluß einräumt. Sie müssen auf den Zwischenstationen über bestimmt instruirte Personen gebieten, welche an den Orten selbst gewählt werden können und in Verbindung mit den Militär- und Civilbehörden stehen. Es darf nicht Princip sein, diese Stellen ausschließlich einem Orden zu übertragen oder alle Mitglieder des Ordens als von vornherein nach Herz und Kopf dafür geeignet zu achten. Die wirklich tüchtigen Mitglieder dieses Ordens leiden in der That dadurch am meisten. Solche mögen gern ihre Stelle finden, sie werden sich am wenigsten gegen andere Helfer abschließen und das, was ihnen ihr persönlicher Einfluß und der Glanz ihres Namens möglich macht, für das heilige Werk ausnutzen, welches auch nur ein weiteres Band für das gesammte Deutschland und für Arm und Reich sein soll!




[677]

Aus den Kämpfen der Schlacht und des Lazareths.
Vom Verfasser des Artikels: „Bei den Kanonen“.

Am Morgen des 16. August um sieben Uhr verließ die Artillerie des dritten Armeecorps ihr Bivouac bei Vandiers und trat den Marsch über Pagny, Arnaville, Onville nach Mars la Tour an. Wir hatten uns die Nacht vorher eines trefflichen Bivouacs erfreut, denn es war ausgezeichnet, erstens fand sich gutes Trinkwasser in der Nähe, zweitens lieferten etliche Zäune gutes, trockenes Holz, und drittens lagen wir auf einem Haferfelde, dessen Hafer schon zusammengebunden war. Da konnten sich unsere Pferde ordentlich satt fressen, und wir für die Nacht, ein seltener Luxus, uns weich betten.


Die Gartenlaube (1870) b 677.jpg

„Und gebe Dir seinen Frieden!“
Originalzeichnung von Prof. Paul Thumann.


Unser Marsch stockte oft; wahrscheinlich kreuzten sich Truppen. So machten wir mitten im Städtchen Pagny einen längeren Halt und saßen ab. Ich redete einen anständig aussehenden Bürger an und gerieth bald mit ihm in eine lebhafte Unterhaltung. Schließlich bat mich der Mann, in sein Haus einzutreten und ein Glas Wein anzunehmen; aber ich wollte meine Batterie nicht verlassen. Als er aber von einer Tasse warmen Kaffee sprach, konnte ich nicht widerstehen. In einer Stube zu ebener Erde credenzten mir zwei junge, wirklich bildhübsche Französinnen eine Schale mit Kaffee und Brod. Auffallend war mir die Sitte, daß auch selbst in diesem Hause, für dessen Wohlhabenheit das städtische Meublement und die schweren silbernen Löffel sprachen, der Kaffee nicht aus Tassen, sondern aus Schalen genossen wurde. Diese Schalen standen in einem Suppenteller, und statt des Kaffeelöffels gab es Suppenlöffel. Ich war nicht der Einzige, der von den guten Leuten erquickt wurde, sie gaben mit vollen Händen an die Kanoniere Brod, bei uns ein schon sehr seltener Artikel.

Der Marsch ging weiter, und Niemand ahnte, welche heiße

[678] Arbeit der Tag noch bringen sollte. Kurz hinter Arnaville ertönte plötzlich das Signal „Trab“ an der Spitze, und alle sechs Batterien trabten an, eine Colonne von sechsmal sechszehn Fahrzeugen, eins hinter dem andern. Vorn mußte ein Engagement sein, dem wir zueilten. So ging es abwechselnd Schritt und Trab bergauf und bergab, weißer Schaum bedeckte die Pferde; Krankenträgercolonnen überholten wir, aber noch wurde kein Schuß gehört.

In der Nähe des Vionviller Kirchhofs endlich traten wir in die Gefechtslinie. Uns gegenüber standen in langen Reihen und dahinter in Colonnen die Franzosen, uns mit einem Kugelregen überschüttend. Auf den ersten Angriff unserer braven Infanterie wichen die Franzosen zurück, es war ihr linker Flügel.

Während hier das Gefecht so günstig stand, erhielt unsere Batterie – die dritte leichte des brandenburgischen Feldregiments – den Befehl, durch Vionville hindurch zu gehen, dann auf der andern Seite des Dorfes Position zu nehmen und den Angriff auf den französischen rechten Flügel zu unterstützen.

Als wir aus dem Dorfe, das von der feindlichen Artillerie beschossen wurde, herauskamen, marschirte die Batterie auf; der Batterieführer ritt mit einem Trompeter zum Recognosciren vorauf. Unzählige kleine Staubwölkchen des trockenen Bodens kennzeichneten die Aufschläge der wie ein Hagelwetter einfallenden Infanteriegeschosse. Da fiel an der Seite des Batterieführers der Trompeter; die Batterie folgte im Trabe. „Batterie halt! Im Avanciren protzt ab! Mit Granaten geladen – geradeaus – tausend Schritt auf die feindliche Infanterie!“ – und der erste Schuß donnerte gegen die feindlichen Reihen. Das feindliche Feuer concentrirte sich auf die Batterie, und erschreckend vermehrten sich die Verluste. Ein Zugführer, ein alter braver Sergeant, fiel; von den sechs Geschützführern waren nur noch zwei im Gefechte; die Fahrer fast zum großen Theile todt oder verwundet, und die Pferde decimirt. Neben uns lag Infanterie. Der Feind drang vor, die Infanterie zog sich vor der feindlichen Uebermacht zurück. Schon konnten wir die rothen Hosen und die Bärte der Franzosen, die uns auf vierhundert Schritte nahe gekommen waren, erkennen, da mußten wir schweren Herzens unsere Position inmitten des französischen Lagers aufgeben. Wir waren in Gefahr, abgeschnitten zu werden, und schickten die Franzosen jetzt eine Schwadron vor, so wehrten wir uns unserer Haut, so gut es gehen wollte, aber der Ausgang war zweifelhaft.

Die Batterie protzte auf und ging im Schritt zurück. Die Zugpferde wurden aus Mangel an Fahrern geführt. Die Absicht war, die westlich von Vionville gelegene Höhe, auf der schon Batterieen des zehnten Regiments standen, zu erreichen.

Des moralischen Eindruckes wegen wurden auf dem Wege dahin noch zwei Aufstellungen genommen und trotzdem, daß vom Feinde wenig zu sehen war, einige Schüsse abgegeben. Bei der ersten dieser Positionen konnte aus Mangel an Leuten und Pferden das zweite Geschütz nicht aufgeprotzt werden und blieb stehen, bis es einem Officier, der mit einigen Leuten zurückgeblieben war, gelang, zwei Pferde vor die Kanonen zu legen und selbige nachzubringen. Es war wirklich eine schöne That, dieses Herausholen des Geschützes aus dem feindlichen Feuer.

Die Officierspferde waren alle todt oder schwer verwundet, so daß alle Officiere zu Fuße gingen.

Einer Scene, die mich tief ergriff, muß ich hier gedenken. Vor der zurückgehenden Batterie lagen sieben bis acht anscheinend todte Cameraden der Infanterie. Als die Batterie auf fünf bis sechs Schritt an diese herangekommen war, erhoben einzelne von ihnen den Arm und winkten, wahrscheinlich in der Todesangst, daß wir sie überfahren würden. Natürlich wurde um die Verwundeten herumgefahren.

Ehe wir den Berg vor Vionville erreichten, schlugen außer den feindlichen Kugeln noch die Sprengstücke einer zu früh crepirten Granate unserer Batterie bei uns ein, glücklicher Weise ohne Verluste zu verursachen. Oben auf dem Berge nahmen wir Position und eröffneten ein heftiges Feuer auf feindliche Massen. Wir wurden hier von der feindlichen Artillerie, Achtpfünder, mit einem Granatregen überschüttet. Die Franzosen kannten die Distancen genau und schossen sehr gut. Aber ebenso wie bei Speicheren schützte uns der französische Zünder vor noch größeren Verlusten. Fiel eine Granate in die Batterie; so dauerte es noch eine Weile, ehe sie crepirte. Das hatten unsere Leute bald gemerkt und auf den Ruf „Granate“ warf sich Alles nieder, die Granate crepirte dann, ohne großen Schaden zu thun. Das Alles war Sache zweier Secunden.

Nach unseren Beobachtungen schossen wir gut und gegen vier Uhr zogen sich die französischen Truppen, zuletzt die Artillerie, zurück. – Wir bekamen Lust, und riefen Victoria! Indessen war dies nur eine Gefechtspause, die uns aber um so willkommener war, als unsere heiß gewordenen Rohre sich abkühlen und wir Ersatz an Munition, Pferden und Leuten heranziehen konnten, was dringend nöthig war, um die Batterie wieder bewegungsfähig zu machen.

Gerade als wir dieses Geschäft beendet hatten, erhielten wir von der linken Flanke Mitrailleusen- und Infanteriefeuer, zugleich beschoß uns feindliche Artillerie in der Front, jedoch auf große Entfernung. Die Batterie war eben im Begriff, eine Front-Veränderung und einen Positionswechsel vorzunehmen, als der Erzähler dieses einen Schuß in den Fuß erhielt. Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, als wäre mir ein Stein scharf gegen das Fußgelenk geschleudert, aber als ich herunterblickte, sah ich, daß eine Kugel durchgegangen war. Zugleich flimmerte es mir so vor den Augen, daß ich niederfiel; doch hatte ich Bewußtsein genug, in den Chausseegraben zu kriechen. Die Batterie fuhr in diesem Augenblick ab, und hat nachher, wie ich hörte, noch bis gegen neun Uhr im Gefecht gestanden und ihren Theil zum Erfolge des Tags beigetragen.

Unsere Verluste waren enorm gewesen; von den siebenundvierzig Pferden der Batterie von sechs Geschützen waren fünfundzwanzig todt und fünfzehn verwundet, von den neunundfünfzig Mann inclusive Officier siebenzehn verwundet und fünf todt.

Um wieder auf mich zurückzukommen, so hatte ich das große Glück; einige Minuten nach meiner Verwundung verbunden zu werden. Ein Ober-Lazarethgehülfe und mehrere Leute waren bei mir geblieben, als die Batterie abrückte. Die feindlichen Granaten fielen noch in ungeminderter Zahl neben uns nieder, und jedes Mal warf sich die ganze verbindende Gesellschaft ohne Rücksicht auf den kranken Fuß auf mich, aber merkwürdiger Weise wurden mir dadurch gar keine Schmerzen verursacht. Als aber die herbeieilenden Kanoniere in der besten Absicht mir den Stiefel ausziehen wollten, schrie ich und schlug sie mit der Säbelscheide auf die Finger, bis sie von diesem Beginnen abließen; Stiefel und Strumpf wurden mir vom Fuße geschnitten und mir von dem Verbandzeug, das ich bei mir hatte, ein nothdürftiger Verband angelegt.

Von da trug man mich auf einer Trage nach dem achthundert Schritt entfernten Vionville. Als ich auf dieser so hülflos lag, und die Granaten noch immer vor und hinter uns einschlugen, da hatte ich – ich will es ruhig gestehen – eine wirkliche Angst, in diesem Zustande noch einmal getroffen zu werden. Doch es ging Alles glücklich ab. Eine Cigarre, die ich mir anzündete, schmeckte sehr gut.

In Vionville wiesen zwei französische Aerzte uns nach einem Hause hin, in welchem noch Platz sein sollte; sonst war Alles überfüllt, Kirche, Schule und alle Häuser.

Ein entsetzlicher Anblick bot sich uns. Die Tenne des uns angewiesenen Hauses lag voller Verwundeten, gewiß sechszig bis achtzig Mann; leichter Verwundete kauerten auf der Straße, ein besserer Aufenthalt als jene Tenne. Auch ich war schon im Begriff, mich letzteren anzuschließen, als einer meiner Träger sagte, daß neben der Tenne noch eine Stube mit einer Bettstelle und Strohsack sei; eben wäre ein Verwundeter dort gestorben und der Platz würde für mich frei gemacht. Wer war froher als ich! Das war ja ein beneidenswerthes Unterkommen. Man legte mich auf das Bett. In der kleinen Stube lagen außer mir noch acht Schwerverwundete, Cavalleristen und Infanteristen, und fast alle noch ebenso wie ich nur mit einem oberflächlichen Verbande, mehrere selbst ohne einen solchen. Von der Tenne her, von der nebenliegenden Stube, von überall ertönten herzzerreißende Jammertöne. Acht Officiere und einige siebzig Mann lagen in dem kleinen Häuschen, und der Garten dahinter lag ebenfalls voll. Dabei war Mangel an Aerzten und kein Wasser zum Trinken da. Wir waren auf das angewiesen, was wir bei uns hatten, und ich, der ich noch zwölf Cigarren besaß, wurde als ein Crösus angesehen, und mancher warme Dank ward mir für meine Spenden gebracht. –

Da endlich trat die Erlösung in Gestalt eines mir befreundeten Arztes ein! Aller Augen leuchteten ihm entgegen, und mit Recht. Wasser wurde herbeigeschafft, die Verwundeten gelagert und verbunden. [679] Man sah Hülfe! Zwei Stunden nach meiner Verwundung war mir bereits ein Gipsverband angelegt, ein seltenes Glück!

Meine Krankenträger gingen nun zur Batterie zurück, bis auf einen, der bei mir blieb, bis mein Bursche kam. Kaum hatte letzterer gehört, daß ich getroffen sei, so machte er sich auf, mich zu finden, was ihm auch bald gelang. Glücklicherweise hatte er noch etwas Wein und Brod bei sich; in kurzer Zeit war der kleine Vorrath aufgezehrt, und mit welchem Appetit! Seit Morgens sechs Uhr hatten wir nichts genossen und wahrhaftig Anstrengungen jeglicher Art gehabt.

Mein Bursche erzählte mir, während er an meinem Bette saß, daß er in der Nähe des Dorfes mein Pferd gesehen hätte. Sofort schickte ich ihn ab, dasselbe zu suchen. Trotzdem er ziemlich lange blieb, hatte er es nicht gefunden, brachte aber dafür folgende Sachen mit: Cigarren, Brod, eine große Blechkanne voll Schmalz, eine blecherne Büchse, deren Inhalt – Straßburger Gänseleberpastete war! Seiner Erzählung nach war er, um mein Pferd zu suchen, über das Schlachtfeld gegangen und so in das verlassene französische Lager gekommen. Hier habe er einen offenen Koffer gefunden. Da wir in der That gar nichts hatten, so habe er die ihm brauchbar erscheinenden Sachen daraus mitgenommen. Einen Revolver habe er ebenfalls mitnehmen wollen, aber gerade wie er danach habe greifen wollen, sei von einem unbekannten Schützen eine Kugel einen halben Zoll von seiner Hand entfernt in die Erde gefahren; da habe er das Ding liegen lassen, schnell nach dem Brode gegriffen, und sei wieder in das Dorf zurückgekehrt. Auf meine Frage, woher er die Blechbüchse habe, erzählte er mir, daß dort eine Kiste mit fünfzig bis sechszig solcher Büchsen stände. – Ich hätte mir nicht träumen lassen, daß es Jemandem einfallen würde, Terrinen mit Straßburger Gänseleber in’s Feld mitzunehmen! Später, als ich noch einmal hinausschickte, war die Kiste leer. Unsere Truppen werden diese französische Delicatesse auch zu würdigen gewußt haben. – Natürlich waren wir über diese Vorräthe sehr erfreut, und haben noch lange von ihnen gezehrt. Die Frage des Essens und Trinkens wurde nachher eine so wichtige, daß ich noch oft darauf zurückkommen werde.

Am Abend ziemlich spät brachte mein Diener auch mein Pferd. Das arme Thier hatte vier Kugeln, und dennoch lebte es; das vorgesetzte Futter hat es jedoch stehen lassen und nur etwas Wasser gesoffen. Mein Sattelzeug nahm ich an mich; aber leider hatte man die Satteltaschen ihres Inhaltes entleert, so daß ich mich rein dem Nichts gegenüber sah. Eine nochmalige Razzia meines Burschen, der durch einen schriftlichen Befehl dazu legitimirt wurde, verschaffte uns Lichter und mir eine Decke aus dem französischen Lager. Gräßlich soll es nach seiner Erzählung auf dem französischen Theile des Schlachtfeldes ausgesehen haben; so sagte er, daß in der Nähe der Chaussee wohl fünfzig feindliche Schützen in einer Reihe gelegen hätten, die aufrechtstehenden Tornister, welche sie als Deckung gebraucht hätten, vor sich, fast alle seien durch den Kopf oder Hals geschossen und die Tornister vielfach durchlöchert. Wahrlich ein Beweis für das ruhige und kaltblütige Schießen unserer Infanterie.


Mit der Decke ausgerüstet, glaubte ich die Nacht ruhig erwarten zu können, aber sie wurde fürchterlich. Die Fenster der Stube standen offen, um frische Luft im Zimmer zu erhalten. Jedes Wort, welches auf der Dorfgasse gesprochen wurde, konnte man hören. Jetzt marschirten Truppen durch; nachher wurden Compagnien und Bataillone von ihren Führern gesammelt; dann kam Cavallerie oder Artillerie mit Pferden, um dieselben zu tränken. Kurz und gut, es war ein Höllenlärm, und dazu das Jammern der Verwundeten, das Herein- und Hinausgelauf leicht Verwundeter, welche nach Bekannten suchten, und das Unterbringen neuer Verwundeter. Wie gern hätte ich geschlafen!

(Schluß folgt.)




Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)

Alfred zog, ohne daß er weiter zu beachten schien, wie Anna und Victor in Uebermuth und Ausgelassenheit neben ihm scherzten, ein Blatt Papier heraus.

„Joseph,“ sagte er zu seinem ehemaligen Patienten, „der Krankenwärter fand heute, nachdem Du fort warst, zwischen der Wand und dem Bette eingeklemmt, diese Zeichnung, die nur von Dir herstammen kann, da die Unterschrift ‚der Doctor-Baron‘ von Deiner Hand ist. Dieses Portrait ist aber so merkwürdig ähnlich, trotz der mangelhaften Ausführung, daß ich Dich ernstlich bitte, falls Du noch mehr Derartiges gemacht hast, es mir zu zeigen, denn solch’ ein Talent verdient Beachtung.“

Joseph wurde höchlich verlegen und blickte auf Alfred’s Begleiter und die übrigen Umstehenden. „Ich habe wohl noch mehr solche Bilder, aber ich möchte sie nur Ihnen zeigen, Herr Doctor-Baron,“ bat er leise, „die Anderen lachen mich aus oder werden böse.“

„Nun, so zeige sie mir zuerst allein,“ sagte Alfred und gab den Uebrigen einen Wink zurückzubleiben.

„Die Mutter weiß auch nichts davon,“ erzählte Joseph, während er Alfred eine kleine Hühnertreppe empor auf den Speicher führte. „Sie hat mich immer gescholten, wenn sie mich beim Zeichnen erwischte, und gemeint, es sei Zeitverderb und ich solle lieber arbeiten. Da habe ich nun Angst, sie wird böse werden, wenn sie hört, daß ich doch heimlich gezeichnet und gemalt habe.“

„Gemalt hast Du auch?“ fragte Alfred und kroch gebückt unter dem Gebälk des niedrigen Speichers Joseph nach, der einen Haufen dürrer Hanfbüschel bei Seite räumte und eine alte schmutzige Schulmappe hervorzog.

„Je nun, wenn man das malen nennen kann! Ich hatte eben keine Farben und keinen Pinsel. Die Farben machte ich mir aus dem Saft von Blumenblättern, Obst oder Rüben und die Pinsel von meinen eigenen Haaren!“

Alfred sah den Burschen lächelnd an. „Ich liebe solche Menschen,“ sagte er, „die sich selbst zu helfen wissen.“

Joseph reichte ihm die Mappe. Sie enthielt eine Menge loser Blätter und schmutziger Papierfetzen, aus alten Schul- und Notenheften gerissen, Stücke gebrauchter Kaffeetüten, leere Rückseiten von Briefen und dergleichen mehr, alle vollgezeichnet und gemalt. Alfred betrachtete die vielen Versuche mit großer Aufmerksamkeit, die, je mehr er sah, in Staunen überging. Da waren ganze Blätter voll Nasen, Copien alter Kalenderbilder, Carricaturen, endlich unverkennbare Portraits, mit der Brühe von rothen Rüben oder Kirschen geschminkt und mit blauen Augen von Malvensaft.

„Das sind merkwürdige Versuche,“ sagte Alfred. „In Dir liegt ein großes Talent, Joseph, denn nur das Talent tritt so ohne jede Anleitung und Unterstützung zu Tage. Aber unbegreiflich ist es doch, wie Du gerade auf diese Kunst verfielst, von welcher Du in Deinem Dorfe gewiß keinerlei Anregung empfingst!“

„Ja, sehen Sie,“ erklärte Joseph, „das kommt eben daher, weil ich keine Nase hatte. Ach, lieber Herr, Jemand, der sein Lebtag eine Nase hatte, kann sich gar nicht vorstellen, wie es dem ist, der so lange keine hatte, wie ich! Von Klein auf wurde ich verhöhnt und verspottet wegen meiner Mißgestalt. Ich konnte gar nichts wünschen und um nichts beten, als ‚wenn ich nur eine Nase hätte‘. Da fing ich an, mir Nasen von Lehm zu machen und sie mir in’s Gesicht zu kleben, aber sie hielten ja nicht. Alle Tage besah ich mich im Brunnentrog und verglich mich mit anderen Menschen und fand alle, die eine Nase hatten, so viel schöner als mich und hatte solchen Respect vor ihnen. Und dann fing ich an, unter ihren Nasen auszusuchen, was für eine ich wohl haben möchte, wenn mir der liebe Gott vielleicht doch eine schenken wollte, und da gefiel mir die des Pfarrers und die von Schulmeisters Regeli am besten, und ich schaute sie immer wieder drum an, bis

[680]
Die Gartenlaube (1870) b 680.jpg

Der Kampf um die Höhen von Speicheren vom Stiringer Walde aus gesehen.
Originalzeichnung von Chr. Sell.

[681] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [682] ich sie förmlich auswendig wußte, so daß ich sie ganz genau sah, auch wenn ich sie nicht sah!“

Joseph unterbrach sich einen Augenblick in seiner schlichten Erzählung; es war, wie wenn bei dieser Erinnerung ein anderer Geist über ihn käme; seine Augen leuchteten als er fortfuhr:

„Wenn ich auf dem Anger das Vieh hütete, dachte ich an nichts als an des Pfarrers und Regeli’s Nase und versuchte sie mit einem Stecken in die Erde zu zeichnen. Das war meine liebste Beschäftigung, und ich ruhte nicht, bis ich’s wirklich dahin brachte, daß die Nase im Sande so aussah, wie ich sie im Kopfe hatte. Aber wenn ich mir so viel Mühe gegeben hatte, dann that mir’s auch leid, daß der Regen meine Zeichnung immer wieder wegspülte. Ich nahm mir eine Kohle mit und malte die Nasen auf einen geschützten Stein, wo der Regen nicht hinschlug, und endlich malte ich dann zu den Nasen auch noch Gesichter, und sie wurden dem Pfarrer und dem Regeli immer ähnlicher. Zuletzt mochte ich gar nichts mehr thun als zeichnen, und als ich die Gesichter, die mir gefielen, oft genug gezeichnet hatte, da zeichnete ich auch die, die mir nicht gefielen, und zuletzt kam es mir bei, daß ich die Bilder gerne bei mir zu Hause haben und aufheben möchte, und daß ich sie ja auf ein Stück Papier machen könnte. So sammelte ich mir denn jeden Fetzen Papier, weil ich zu arm war, um mir zu kaufen, und meine Schulbücher durfte ich nicht vollschmieren, das hätte mir der Lehrer ausgetrieben! Ach, Herr Doctor-Baron, ich muß es gerade gestehen, ich stahl dem guten Lehrer ein Stückchen Bleistift – aber der Diebstahl drückte mich so, daß ich es ihm heulend wiederbrachte. Der brave Mann ließ mir’s und verzieh mir, er gab mir sogar, als er hörte, wozu ich’s wollte, ein wenig Anleitung zum Zeichnen, soviel er eben selber konnte, und schenkte mir Papier und einen alten Kalender mit Bildern.“

„Und nun hast Du erst recht nicht mehr davon lassen können?“ fragte Alfred lächelnd.

„Jetzt gar nicht mehr, lieber Herr, jeden Rappen, den mir die Mutter ließ, verwendete ich auf Papier und Bleistift, – zu Farben langte es nie. Ich hatte ja kein Vergnügen, ich hatte keinen Schatz – ich hatte nichts als mein Zeichnen, und das ließ ich nicht, wieviel Ohrfeigen ich auch von der Mutter bekam, so oft sie mich dabei erwischte. Wenn mich die Bursche auf der Kegelbahn oder beim Tanze mit Spott und Hohn fortjagten, da heulte ich nicht und fluchte nicht, ich schlich mich sachte bei Seite, wo ich sie noch Alle von Weitem sehen konnte, langte meinen Stift und Papier heraus und zeichnete sie ab, und machte ihnen aus Bosheit recht abscheuliche Fratzen. Was häßlich an ihnen war, machte ich noch häßlicher, dicke Nasen noch dicker, große Mäuler noch größer, – ich that ihnen, wie sie mir, ich verspottete sie, – nur nicht, wie sie mich, in Worten, sondern in Bildern. So entstanden die garstigen Gesichter, die Sie da in der Hand haben.“ Er zeigte auf die Carricaturen, welche Alfred sinnend betrachtete, und schwieg.

„Die Contouren sind unsicher,“ sagte Alfred, „von Schattirung hast Du natürlich keinen Begriff, und dennoch trugen alle diese mit wenig Strichen hingeworfenen Köpfe ein so charakteristisches Gepräge, daß ich wetten möchte, sie seien ähnlich.“

„Aber nicht wahr, Herr Doctor-Baron, Sie sagen Niemand etwas von dem Allem?“ flehte Joseph ängstlich. „Ich bin gewiß nicht feige, es ist mir nur um meine Nase! Denken Sie nur, wenn die Leute böse würden über die Fratzen und es gäbe eine Schlägerei, so könnte ich ja um meine Nase kommen, denn auf die würden sie’s doch zuerst absehen. Denken Sie, wie schrecklich das wäre!“

„Das wäre allerdings ganz entsetzlich,“ sagte Alfred unwillkürlich lachend, „und darf nicht geschehen, denn zu einer zweiten wäre kein Zeug mehr da, wenn die erste verunglückte – aber ich habe trotzdem die Absicht, die Bilder im Dorfe zu zeigen.“

Joseph sah ihn erschrocken an.

„Sei ruhig – ich garantire Dir Deine Nase,“ sprach Alfred mit Humor weiter, – „denkst Du denn, ich wäre weniger besorgt um sie, als Du selber? Sie ist ja mein eigenes mühsames Werk, und das eigene Werk liebt man. Sie ist die erste Nase, die ich gemacht habe, – ich bin so stolz auf sie wie Du und werde ihr nichts geschehen lassen!“

Er schloß die Mappe und winkte dem besorgten Joseph, ihm zu folgen. Als er mit ihm herabkam, fand er seine Mutter bei der kranken Frau, die ihr soeben zeigte, daß ihr Lager und ihre Decke nur aus Säcken dürren Laubes bestand, welches ihr Sohn für sie gesammelt hatte, und Alfred erzählte ihr, wie lange Joseph in der Klinik behauptet hatte, er könne auf nichts Anderem als auf Laub schlafen.

„Jetzt,“ meinte Joseph, „werde ich mich am Ende schwer wieder daran gewöhnen.“

„Das sollst Du auch nicht,“ sagte Alfred, „und Deine kränkliche Mutter soll auch ein besseres Bett bekommen.“

Seine Augen schweiften, während er sprach, umher nach Anna. Sie war wieder mit Victor bei den Pferden. Sie hatte den Arm auf den Rücken ihres Schimmels gestützt und lehnte nachlässig an dem schönen Thiere, welches so ruhig stand, als wäre es von Stein. Victor redete lebhaft und eindringlich, während sie mit glänzenden Augen zu ihm aufblickte. Es war ein herrliches Paar – Alfred gestand es sich ehrlich; er war immer ehrlich gegen sich wie gegen Andere –; sie paßten zusammen, wie wenn sie von Künstlerhand für einander geschaffen wären, das heißt äußerlich! Aber ob auch innerlich? Ob sie etwas anderes verband als das ästhetische Behagen, welches sie sich gegenseitig bereiteten, und das gemeinsame Gefühl ebenbürtiger Kraft? Er konnte es nicht glauben. Wie aber, wenn das unerfahrene junge Mädchenherz eben diese auf Aeußerlichkeiten beruhenden Empfindungen für Liebe hielt – wenn Anna eine Uebereilung beging, bevor sie über sich selbst klar war? Victor hatte ernste Pläne mit ihr, denn sie war ja so schön, daß er sie lieben mußte, und hätte er sie auch nicht geliebt – sie war ja die „reiche Frau“, die Victor als Entschädigung vom Schicksal zu erwarten schien. Alfred litt namenlos, aber Niemand sollte es ahnen, denn er war zu stolz, um vor irgend einem Auge die Rolle des Liebesmärtyrers zu spielen.

„Was wollen alle die Leute?“ fragte er, sich aus seinem Sinnen aufraffend. Der Schwarm von Männern, Weibern und Kindern vor der Thür war mittlerweile noch angewachsen und Alle schienen sein Herauskommen zu erwarten.

„Herr, das sind lauter Leute, die curirt sein wollen,“ sagte Joseph’s Mutter, denn sie hatte gehört, während Alfred auf dem Speicher war, wie die Bauern alle ihre Bresthaften herbeigeholt hatten, um sie Alfred vorzuführen und seine Hülfe zu erbitten – denn „der that es ja umsonst!“

Alfred trat unter sie hinaus und augenblicklich entstand ein Gedränge um ihn her, dessen er sich kaum zu erwehren wußte. Jeder wollte der Erste sein, Jeder berichtete eine fabelhafte Leidensgeschichte; Jeder wollte den Andern überschreien, Weiber mit Kröpfen, Mütter, kranke Kinder, Männer, halblahme Eltern nach sich zerrend – es war ein Tumult, daß selbst Anna’s Interesse bei der komischen Scene rege wurde, und sie rief lachend:

„Aber Fredy, Du hast ja mehr Zulauf als unser Herr Jesus, da er die Kranken und Lahmen heilte!“

„Das ist natürlich, Fräulein Anna,“ lächelte Victor „unser Herr Jesus hat den Leuten auch keine Nasen gemacht, so viel ich weiß!“

Anna erwiderte nichts, Victor’s frivoler Scherz hatte ihr nicht gefallen. Alfred bemerkte es.

„Seid ruhig, Ihr Leute,“ sagte er streng, aber nicht unfreundlich. „Ich bin nicht hierher gekommen, um ärztliche Curen zu machen, aber wenn Ihr mich in Zürich aufsuchen wollt, so sollt Ihr mir willkommen sein und ich werde Euch helfen, so gut ich kann. Nun aber beantwortet mir, was ich Euch frage“ – er zog die Mappe mit den Bildern hervor und winkte ein paar der anständigsten Leute zu sich heran. „Sagt einmal, wer ist das, kennt Ihr Den?“

Die Gefragten streckten neugierig die Hälse und betrachteten die Zeichnung, die ihnen Alfred zum Schrecken Joseph’s hinhielt.

„Das ist ja der Herr Pfarrer!“ riefen sie. „Aber seht nur, wie ’s ihm vergleicht!“ Es war des Wunderns kein Ende.

„Und das ist Schulmeisters Regeli!“

Wieder Staunen und Händezusammenschlagen.

Jetzt zeigte Alfred eine der Carricaturen.

„Kennt Ihr auch Den?“

Da ertönte ein schallendes Gelächter.

„Das ist ja Lochhabers Ulli!“

„Ja bi Gott, er ist’s!“

„Und was er für eine Nase hat – und das Maul – und die Warze mit den Borsten!“

[683] So ging es von Mund zu Mund und das Blatt wanderte von Hand zu Hand unter dem lustigsten Gelächter, bis es an den Ge- und Betroffenen selbst kam. Der aber schwor hoch und heilig, wenn er den erwischen könne, der das gemacht habe, dann wolle er ihm alle Knochen zerschlagen.

Alfred überließ den Neugierigen die Mappe und drehte sich lächelnd zu Joseph um. „Sieh einmal, Du theilst bereits das Schicksal aller Künstler, welche nicht schmeicheln: von denen angefeindet zu werden, die sich getroffen fühlen.“

Die Leute steckten indessen die Köpfe zusammen und plünderten den Inhalt der Mappe. Aber die allgemeine Schadenfreude ging in allgemeine Wuth über, als immer mehr solcher Spottgesichter zum Vorschein kamen und kaum Einer verschont blieb!

Jetzt begann der arme Joseph wirklich zu zittern, denn einer von den Beleidigten fand unglücklicherweise eine Zeichnung, welche Joseph auf die Rückseite eines alten Briefes gemacht. Der Brief war an seine Mutter gerichtet, die Anonymität des Künstlers somit aufgehoben.

„Wart, Du vermaledeiter Ketzer, hab’ ich so einen Buckel?“ schrie Einer.

„Hab’ ich so einen Kropf?“ ein Anderer.

„Mir solch ein Pferdegebiß hinzumalen!“ ein Dritter.

So schalten und tadelten sie die Bilder, und dennoch erkannte sich ein Jeder darin. Das eben hatte Alfred wissen wollen, ob die Portraits erkennbar seien, und das Ergebniß übertraf seine Erwartungen. Joseph sah bleich vor Aufregung dem Schwarme zu, wie er seine lieben, so lange und heimlich bewahrten Zeichnungen schwatzend und schimpfend herumriß. Das Herz schlug ihm so seltsam und bange, der junge Dorfkünstler hatte, ohne es zu wissen und zu wollen, den ersten Schritt auf dem dornenvollen Pfad der Oeffentlichkeit gethan!

„Lieben Leute!“ sagte Alfred freundlich, „Ihr müßt es nicht mit dem Joseph verderben, wenn Ihr klug sein wollt, denn seht, der Joseph kann noch ein reicher und berühmter Mann werden. Ich nehme ihn jetzt gleich mit mir in die Stadt zurück, lasse ihn was Tüchtiges lernen und mache einen Maler aus ihm, dann wird er vielleicht nach Jahren in einer schönen Kutsche in sein Heimathdorf kommen und Gutes – wie Böses vergelten.“

Die Leute starrten Alfred mit offenem Munde an. So etwas war denn doch seit Menschengedenken im Dorfe nicht erhört. Der Joseph aber war wie betäubt von alle dem Glück, denn der Gedanke, malen – nichts als malen und immer nur malen zu dürfen, der Gedanke erschloß ihm einen ganzen Himmel.

„Mutter,“ sagte Alfred, „ich nehme Euch Euren Sohn schon wieder weg, aber Euch wird daraus großes Glück erblühen und Ihr werdet noch einen sonnigen Lebensabend haben. Einstweilen werde ich für eine kleine Verbesserung Eurer Lage sorgen, und der Joseph soll Euch täglich besuchen. Nun aber vorwärts! Raff’ Deine Bilder zusammen, Joseph, wir fahren nach Hause.“

Ein allgemeiner Jubel erhob sich. „Das ist einmal ein Doctor! Den loben wir uns!“ hieß es weit und breit, und der Joseph war von Stund’ an der angesehenste Mann im Ort, weil er einen solchen Protector hatte. Jeder beeilte sich, ihn noch „zu guter Letzt“ der herzlichsten Gesinnung zu versichern.

Da kam von der Straße her in athemlosem Lauf ein reizendes Mädchen von etwa fünfzehn Jahren, noch ein halbes Kind.

„Ist’s denn wahr?“ schrie sie schon von weitem. „Der Sephi ist wieder da und hat eine Nase mitgebracht?“

„Regeli, lieb’s Regeli!“ schrie Joseph außer sich vor Freude und stürzte dem Schulmeisterstöchterlein entgegen.

„Herr Jesus,“ rief das Kind und schlug die Hände zusammen, „Joseph, Du bist ja ganz hübsch geworden; o, jetzt können sie Dich nicht mehr verspotten, jetzt bist Du ein Mensch wie alle anderen. O Gott sei Lob und Dank!“ Und dem Mädchen liefen die hellen Freudenthränen über die runden Wangen, und der Joseph weinte auch zum ersten Male mit seiner neuen Nase. Das Regeli war das einzige Mädchen im Dorfe gewesen, das sich nicht vor dem Joseph gefürchtet oder geekelt hatte, das einzige Herz, das Erbarmen für ihn gefühlt und ihm manch’ Trosteswort und manche kleine Hülfe gewährt hatte. Drum war jetzt auch die Freude doppelt groß und der Joseph sagte leise:

„Regeli, die Nase hast Du für mich herabgebetet, denn Dir konnte der liebe Gott keinen Wunsch abschlagen!“ –

Als die kleine Gesellschaft endlich mit Joseph auf dem Heimwege war, sagte Alfred zu Anna, die still neben dem Wagen herritt: „Nun, Anna, hat der Flickschneider seine Sache gut gemacht?“

„Ja!“ erwiderte sie ernst. „Du hast ein zerstörtes Lebensglück wieder hergestellt. Ich hätte nicht gedacht, daß man mit den kleinen Messerchen und Scheerchen so tief in das Schicksal eines Menschen hineinschneiden kann. Jetzt weiß ich, was Dein Beruf bedeutet!“ Sie bot ihm vom Pferde herunter die Hand. Er drückte sie inbrünstig an die Lippen und Hoffnung, süße berauschende Hoffnung dämmerte neu in ihm.

(Fortsetzung folgt.)




Im Lager unserer Heere.
Von A. v. Corvin.
Fünfter Brief. Vor Bitsch.

Als ich in den letzten Wochen wieder nach Frankreich zurückkehrte, wollte ich zunächst die belagerte Felsenfestung Bitche (Bitsch) sehen. Der Zufall fügte es, daß ich in Weißenburg einen Kutscher aus jener Gegend fand, der es unternahm, mich nach Niederbronn zu bringen, welches etwa anderthalb Stunden von der Festung entfernt ist. Wir fuhren am 16. September Morgens halb acht Uhr ab. Es fing an zu regnen; allein trotzdem erschien die Gegend schön. Die Formation der Berge und Thäler ist dieselbe wie in der Pfalz und die Menschen sind auch nicht anders. Wer behauptet, daß das Elsaß nicht deutsch sei, ist nicht dort gewesen. Bis dreißig Stunden westwärts von Weißenburg wenigstens ist Alles deutsch. Die Dörfer haben ein durchaus deutsches Ansehen und die herrschende Sprache ist die deutsche. Der größte Theil der Landleute versteht kein Französisch und nur eine kleine Anzahl reden es. Daß die Kinder deutsch reden, ist der beste Beweis, daß das Land deutsch geblieben ist. Von den Bewohnern werden die Franzosen welsch genannt; sie betrachten sich keineswegs als Franzosen. In Städten und in Fabrikorten ist das etwas verschieden und man merkt mehr französischen Einfluß.

Mein Kutscher war ein sehr intelligenter und munterer Mann aus Illwiller bei Savern, der gegen seinen Willen die Schlacht bei Wörth mit angesehen hatte. Ein Pariser Zeitungsredacteur oder Correspondent hatte ihn für vierzehn Tage gemiethet und er kam gerade auf der Höhe vor Wörth an, als die Schlacht begann. Der Pariser Zeitungsmensch wurde sehr blaß und aufgeregt und rannte davon. Der Kutscher ließ Wagen und Pferde stehen und drückte sich hinter einem Meilenstein in der Grube neben der Chaussee, wo alle Kugeln über ihn hinwegflogen und er die Schlacht mit ansehen konnte. Er sprach mit wenig Liebe von den Franzosen und äußerte, daß die deutschen Soldaten ganz andere Leute seien, weit höflicher und nicht so versoffen. Die französischen Soldaten hätten den ganzen Tag getrunken und betrunken am Wege auf dem Felde gelegen. Er wollte sich halb todt lachen, als er daran dachte, wie die Franzosen gelaufen seien. Sie hätten Alles im Stich gelassen, seien wie verrückt zurückgerannt und hatten geschrieen: „Rettet euch, rettet euch! die Preußen kommen!“ Die erschreckten Einwohner der Dörfer wären alle mit ihnen geflohen und Weiber und Kinder und Vieh hätten sich in die Wälder geflüchtet. Man hätte die Artilleriepferde abgestellt und auf jedem hätten zwei, drei und vier Franzosen gesessen und manchmal hatte sich noch einer an den Schwanz gehängt. Seinem Wagen habe man sieben Verwundete aufgeladen. Der Kutscher behauptet, daß die Franzosen bedeutende Reserven gehabt hätten, welche gar nicht in’s Feuer gekommen, sondern von dem panischen Schrecken des ersten Treffens angesteckt und mitgelaufen wären.

In Niederbronn angekommen, war ich sehr erstaunt, einen [684] ganz bedeutenden Ort mit allem Comfort eines Bades ausgerüstet zu finden. Das Städtchen liegt auf der Straße von Hagenau nach Bitsch ungefähr in der Mitte, einige zwanzig Kilometer von jedem entfernt. Durch die Eisenbahn steht es in Verbindung mit Weißenburg, Straßburg, Nancy, Paris, Saargemünd, Thionville, Metz etc., Verbindungen, von denen ich gegenwärtig in nur äußerst beschränktem Maße Gebrauch machen konnte. Niederbronn hat dreitausendvierhundert Einwohner und wird jährlich von zwei- bis dreitausend Badegästen besucht. Die Umgegend ist zauberhaft schön, wie fast bei keinem anderen Bade, welches ich kenne, und ich bin versichert, daß es im nächsten Jahr außerordentlich viel von Fremden besucht werden wird, welche die Schlachtfelder von Wörth und Weißenburg und Bitsch sehen wollen.

Jetzt waren freilich keine Gäste da. Im Curgarten hielt eine Colonne eines Feldlazareths und die hervorstechendsten Figuren im Orte waren bairische Soldaten, Doctoren und Leute vom Sanitätscorps.

Bei Tisch im Hôtel fand ich den neuangestellten Unterpräfecten, der in Weißenburg seinen Sitz hat, und bei ihm war der ebenfalls neuangestellte Polizei-Commissar, beide Badenser. Maire des Ortes ist der reichste und angesehenste Bürger des Ortes, Herr von Dietrich, der dort einen wunderschönen Garten hat, welcher mit den seltensten Pflanzen geschmückt ist.

Die Gartenlaube (1870) b 684.jpg

Die Festung Bitsch im Elsaß.
Nach der Natur aufgenommen.

Ich machte ebenfalls die Bekanntschaft einiger Doctoren, von denen einer sehr humoristische Schilderungen aus dem in Niederbronn befindlichen Lazareth gab, in welchem auch eine Anzahl Franzosen lagen. Diese sind immer unzufrieden, unverschämt und erschrecklich empfindlich gegen Schmerz. Ein durch einen Kugelschuß im Bein verwundeter Turco machte dem Doctor, schien es, viel Spaß. Wenn er beim Verband Schmerz empfand, schrie der Kerl aus Leibeskräften „Jaudeldieh!“ und der Doctor gestand, daß er ihn, um das zu hören, manchmal ein wenig mehr als nöthig drückte. Da die Wunde im Bein ihn am Schlafen verhinderte, so machte der Doctor hin und wieder Einspritzungen von Morphium in den Arm, worüber der Sohn der Wildniß sich stets äußerst empört zeigte, denn er sah keinen Zusammenhang zwischen Bein und Arm, und glaubte, der Doctor quäle ihn nur zu seinem Vergnügen. Die Art, wie die altbairischen Krankenwärter sich mit den Franzosen verständigten, gewährte den Doctoren ebenfalls viel Stoff zum Lachen.

Der Etappencommandant von Niederbronn war ein nicht mehr junger bairischer Artilleriehauptmann, dessen Namensunterschrift ich leider nicht entziffern kann, aus dessen gutem freundlichem Gesicht sich der herzliche Charakter des Mannes jedoch leicht herauslesen ließ. Er war sehr krank gewesen und aus Gesundheitsrücksichten hatte man ihm diesen „ruhigen“ Posten gegeben, der indessen nichts weniger als eine Sinecure war. Kaum hörte der Hauptmann von meinem Wunsch, Bitsch zu besuchen, als er sogleich auf Mittel dachte, denselben zu befriedigen. Er hatte am andern Morgen zwei Krankenwärter nach Lemberg zu senden, welche von dort einige Verwundete abholen sollten, und bot mir mit höflichen, aber unnöthigen Entschuldigungen einen Platz auf einem Leiterwagen an, den annehmen zu können, ich ganz glücklich war.

Der nächste Morgen war sehr kalt, aber herrlich und die Fahrt nach Lemberg eine der schönsten, die ich in meinem Leben gemacht habe, und das will allerdings etwas sagen denn ich bin ziemlich weit in der Welt herumgekommen, wenn auch nicht so weit wie Freund Sindbad-Gerstäcker. – Wald und Wiesen begleiten zu beiden Seiten den Weg. Dahinter dehnen sich rechts und links hohe, bewaldete, schön geformte Berge mit höchst wunderlich gestalteten Felsen, die hin und wieder von sehr alten Ruinen gekrönt sind, an welchen manche Legende haftet.

Was mich in Erstaunen setzte, war die überall herrschende Ruhe und Sicherheit. Die Leute waren auf den Wiesen beim Heumachen beschäftigt und nichts erinnerte uns daran, daß wir uns in Feindesland befanden. Die uns auf der Straße begegnenden Leute grüßten alle freundlich in deutscher Sprache und nur die in Gruppen zusammenstehenden Arbeiter der mit schwachen Zügen athmenden Fabriken sahen uns stumm und mürrisch von der Seite an.

In Lemberg stiegen die Krankenwärter ab, ich aber fuhr weiter nach Reyerswiller, wo ich Mittags ankam. Vor mir rechts lag ein hoher Berg, und man sagte mir, daß ich vom Gipfel desselben Bitsch ganz bequem sehen könne. Eine bairische Feldwache, die mich anhielt, veranlaßte mich zunächst den im Dorfe befehligenden Major aufzusuchen. Auf meine Frage nach seiner Wohnung wies mich eine Frau in eine Mühle. Ich trat ein und fand einen Oberlieutenant von der Artillerie in einem wunderhübschen lauschigen Zimmer bei einem sehr appetitlich aussehenden Mittagsessen. Trotz all’ meiner ernstlichen Protestationen bestand Oberlieutenant Herrmann darauf, sein Diner zu unterbrechen und mich zu dem Major zu begleiten. Wir fanden Major Pfeiffer vom achten bairischen Infanterieregiment in einem ebenfalls reizend behaglichen Zimmer mit drei seiner Officiere beim Mittagsessen. Der Major und alle die Herren beschämten mich förmlich durch ihre Artigkeit, aber was mir daran wohl that, war die ehrlich gemeinte Herzlichkeit, die ihnen dabei aus den offenen Gesichtern leuchtete. Hätte ich Zeit gehabt, so hätte ich gern die Einladung zum Mittagsessen angenommen, so aber begnügte ich mich, auf die Gesundheit der freundlichen Officiere und auf deren guten Erfolg ein Glas zu leeren.

Ein Unterofficier erhielt die Weisung, mich zu dem beiden Batterien befehligenden Hauptmann zu führen und diesen von Seiten des Majors zu ersuchen, mir Alles zu zeigen, was ich zu sehen wünsche.

Der Weg den Berg hinauf war ziemlich steil; und es muß sehr beschwerlich gewesen sein, die Belagerungsgeschütze dort hinaufzubringen. Wir fanden nahe dem Kamme des Berges, rechts vom Wege, im Walde, ein Bivouac und dabei Hauptmann Sartor, den wir suchten. Er war sogleich bereit, mit mir zu gehen, und der Unterofficier kehrte in das Thal zurück.

Der Hauptmann und ich stiegen den Berg vollends hinauf, und als wir aus dem Walde hervor auf den kahlen Abhang

[685]
Die Gartenlaube (1870) b 685.jpg

Das 105. Regiment im Hohlweg vor Daigny, bei Sedan.
Nach der Natur aufgenommen von unserem Specialartisten F. W. Heine.

[686] traten, lag die Landschaft, deren Mittelpunkt Bitsch ist, zauberisch schön vor uns.

Das Fort Bitche wurde auf Anrathen Turenne’s im Jahre 1679 von Vauban gebaut und bildet ein Glied der Festungskette, welche, wie Lichtenberg, Petite Pierre und Pfalzburg, die Grenze zu schützen bestimmt ist. Während des spanischen Successionskrieges (1710) wurden die Werke geschleift, allein 1740 unter Ludwig dem Fünfzehnten wurde das Fort wieder aufgebaut, wie es heute ist, mit einem Geldaufwand von drei Millionen Franken.

Das Fort, das bis heute noch nie genommen worden ist, liegt auf einem mäßig hohen Felsen (fünfzig Metres), der von Gallerien, Casematten und Gängen durchschnitten ist. Es befindet sich hier ein siebenundachtzig Metres tiefer Brunnen, eine Mühle, ein Pferdestall, Backöfen und Quartier für tausend bis zwölfhundert Mann. Wenn die Gebäude auf dem Felsen zerstört sind, kann sich die Garnison in den Felsen zurückziehen oder diesen sprengen, nachdem sie sich durch weit hinausführende Minengänge gerettet hat. Die kleine Stadt Bitsch, welche dreitausend Einwohner hat, liegt dicht am Fuße des sie überragenden Felsens. Ein bequemer Weg führt nach dem Fort hinauf, allein dieses ist auch durch in Felsen gehauene Gallerien mit der Stadt in Verbindung gesetzt.

Die Batterien der Baiern, die aus fünfzehnzölligen Mörsern und schweren Zwölfpfündern bestehen, sind am Abhange eines Bitsch in südwestlicher Richtung gegenüberliegenden Berges errichtet, der das Fort dominirt und nach meiner Schätzung gegen zwölf- bis fünfzehnhundert Schritte davon entfernt ist. Die Vorposten sind am Fuße des Berges vorgeschoben. – Von der Höhe hat man eine wunderschöne und äußerst malerische Ansicht von Bitsch. Man sieht das Fort von der schmalen Seite, wodurch die auf dem Felsen befindlichen Gebäude burgartig zusammengedrängt erscheinen. Am Fuße des Berges, auf dieser Seite, sieht man das Städtchen Bitsch. Hinter dem Fort zieht sich die Eisenbahn hin, auf der noch ein Zug steht. Den Hintergrund des Gemäldes bilden die schönen Linien der Vogesen, die hoch über die Festung, obwohl ziemlich weit entfernt, herüberragen. Auf einer Höhe links von Bitsch liegt ein Außenwerk, welches aber, wie auch ein kleineres weiterhin, unbesetzt ist.

Man hatte mir gesagt, daß die Stadt Bitsch ganz zerstört sei. Das ist nicht wahr. Es sind nur einige Häuser darin abgebrannt. Die Gebäude des Forts sind indessen schon ziemlich zerschossen, die beiden Hauptgebäude, das Arsenal und die Caserne, waren niedergebrannt, und der Rauch stieg noch aus den Trümmern heraus. Major Pfeiffer behauptete, daß der Brand nicht durch die baierischen Geschütze entstanden, sondern absichtlich von der Besatzung veranlaßt sei. Er habe in der Nacht in den Gebäuden zuerst ganz ruhige Lichter gesehen, welche allmählich immer größer geworden seien, bis endlich Flammen aus dem Dache brachen.

Von Einwohnern, denen es gelang, sich Nachts zwischen den Vogesen hindurchzuschleichen, erfuhr man, daß der Commandant und Befehlshaber der Artillerie entschlossen sein, das Fort zu halten und sich lieber in die Luft zu sprengen, als sich zu ergeben. Wenn er die Gefälligkeit haben wollte, das bald zu thun, wäre es sehr nützlich, auf der andern Seite, glaube ich, würden die Baiern gern ein Auge zudrücken, wenn er die unterirdischen Passagen benutzte und sich davon machen wollte. Ich sehe nicht wohl ein, wie sie sonst das Nest nehmen wollen, welches keinen anderen Werth hat, als daß es die Eisenbahn nach Saargemünd versperrt. – Die Einwohner von Bitsch haben den Commandanten ersucht, sich zu ergeben. Er sagte, er habe nichts dagegen, daß sie es thäten, allein in diesem Falle werde er ihr Städtchen in Brand schießen.

Während ich mit dem Hauptmann auf dem kahlen Abhange im Angesicht von Bitsch spazieren ging und die schöne Landschaft bewunderte, feuerten die Mörser in kurzen Zwischenräumen fortwährend auf das Fort. Die Elevation der Mörser war ziemlich bedeutend, und es dauerte eine ganze Weile, ehe man den eigenthümlich dumpfen Knall der im Fort crepirenden Bomben vernahm. Durch Soldaten, welche sehr vorsichtig über den Raum krabbelten, auf dem wir promenirten, wurde ich erst darauf aufmerksam, daß eine solche Promenade gefährlich sei. Man beehrte uns indessen weder mit einer Granate noch mit Chassepotkugeln, worauf der Hauptmann schloß, daß die Besatzung Mangel an Munition leiden müsse; am ganzen Tage sei noch kein Schuß aus dem Fort geschehen und sonst durfte sich kein einzelner Mann zeigen, ohne daß man eine Granate nach ihm aussandte.

Wie viel Schuß die Baiern gethan haben etc., weiß ich nicht; ich hatte leider gar zu wenig Zeit; doch hörte ich, daß die Zahl der Todten und Verwundeten sehr unbedeutend war, während sie in Bitsch ziemlich groß sein soll.

Sehr zufrieden mit der Benutzung der mir so knapp zugemessene Zeit, empfahl ich mich dem Hauptmann und stieg den Berg hinunter. Wenn ich die Ruhe des Thales und das hübsche Dorf Reyerswiller betrachtete und an die gemüthliche und behagliche Lage der baierischen Officiere und Soldaten dort dachte und diese mit der der preußischem Soldaten vor Metz verglich, dann thaten mir die letzteren doppelt leid. Wenn die Preußen an den Erfolgen dieses Krieges den Löwenantheil beanspruchen, so haben sie denselben auch wirklich dadurch verdient, daß sie überall vorn stehen und mehr Strapazen erdulden als irgend welche andere deutsche Truppen. Man muß es übrigens den Baiern wie anderen Bundesgenossen nachsagen, daß sie den Preußen volle Anerkennung widerfahren lassen und sich dieselbe zum Muster nehmen.

Mein Rückzug nach Niederbronn bot nichts Bemerkenswertes. Am nächsten Morgen fuhr ich nach Bendenheim, um von dort unter strömendem Regen nach dem vor Straßburg liegenden Mundolsheim zu marschiren.

Diese Fußpartie war erschrecklich melancholisch. Es regnete leise, und der Boden war so aufgeweicht, daß man bei jedem Schritte ausglitschte. Mundolsheim, eines der reichsten Dörfer des Elsaß, sah trübselig und schmutzig aus. Der Münster stand noch, wie er seit Jahrhunderten gestanden, aber der Regen ließ ihn wie eine Nebelsäule erscheinen. Dabei bummte es fortwährend von Straßburg her.

Von allen kriegerischen Operationen ist eine Belagerung für mich die langweiligste und uninteressanteste, besonders die einer Festung nach Vauban’schem System, die niedrig liegt, – und vollends bei schlechtem Wetter. Das geht seinen ruhigen, schmutzigen Zickzackgang von Parallele zu Parallele; die Batterieen werden errichtet, wie wir es in der Schule gelernt, und die dummen Kugeln schlagen gegen die noch dümmeren Wälle, bis sie zerbröckeln und Bresche geschossen ist. Diese hilft auch noch nichts, denn ehe sie gestürmt werden kann, muß man über ein oder zwei schändlich breite und tiefe „nasse“ – das heißt mit Wasser gefüllte – Gräben.

Nachdem ich deßhalb die Ueberzeugung gewonnen, daß die Katastrophe noch auf sich warten lassen würde, so beschloß ich des lieben Briefschreibens halber für zwei, drei Tage per Dampf an einen ganz vom Kriegsgetümmel entfernten Ort zu fliehen. Zu diesem Zweck trabte ich gegen Abend wieder durch den Schmutz nach Bendenheim zurück, wo man eben eine Bretterbude mit der Aufschrift „Officier-Casino“ einrichtete, deren feuchte Pracht mich so wenig anlockte, daß ich mit dem nächsten Zuge vielmehr nach Weißenburg abdampfte, das ich am anderen Morgen um fünf Uhr verließ, um bei Maxau über den Rhein zu fahren; oder vielmehr hinüber zu gehen, denn der Zug hielt vor der Brücke und man mußte seine Sachen auf das andere Ufer schleppen.

Auf dem Wege an verschiedenen Stationen traf ich eine Menge Straßburger Flüchtlinge, die alle in sehr freudiger Aufregung waren. Die einer jungen schönen Dame, die mit mir im Coupé war und ein Haus in Straßburg besaß, war fast noch größer, denn wenn sie eine Bekannte sah, jauchzte sie laut auf, und eine Frage und eine Exclamation jagte die andere. Ihr Haus war unversehrt, und überhaupt schien die Angst in der Stadt größer als der Schaden zu sein und die im Publicum davon verbreitete Erzählungen sind übertrieben.

An einer Station stiegen ein junges Ehepaar nebst strammen Säugling mit ausgezeichneten Lungen ein. Es war ein ehemaliger preußischer Officier, der eine reiche Französin geheirathet hatte und ein schönes Gut bei Paris besaß. Er hatte Alles im Stich lassen und fliehen müssen. Anderwärts traf ich deutsche Flüchtlinge aus Lyon, alle natürlich empört über die gegen sie verübte Nichtswürdigkeit.

Ich hoffe, daß die Deutschen durch ihre Sentimentalität und Principienreiterei den eisernen Grafen nicht beirren werden, und daß er mit den Franzosen verfährt, wie er es für recht hält. Zu große Milde gegen die Franzosen wäre Grausamkeit gegen die Deutschen. Die Franzosen müssen radical curirt werden, halbe Mittel sind bei ihnen wirkungslos; „Narren muß man mit Kolben lausen“.

[687]
Blätter und Blüthen.


 Straßburgs Fall und Heimkehr.[1]

Straßburg ist unser! – jubelt’s durch die Lande.
Heil diesem Tag! Noch gestern sah zum Hohn
Der Thurm Erwin’s auf uns vom andern Strande,
Und heut’ ist er des deutschen Banners Thron!
Zweihundertjähr’ge Schmach, du bist gerochen!
Deutsch bist du wieder, „wunderschöne Stadt!“
Und ganz wie einst: bezwungen und gebrochen,
So, wie die Mutter dich verloren hat. –
Das ist zur Lust, Germania, dein Schmerz:
Dort steht ein fremdgewordnes Kindesherz!

Dein war die Schuld, daß fremd es dir geworden.
Ja, treuer war kein Arm, der dich umschlang;
Du überließest den Verrätherhorden
Das treu’ste Kind – und ach, nur allzulang’!
Verbittert wandte sich seit jenen Stunden
Sein Herz dem wälschen Ruhmesleuchten zu,
Dort hat es Größe, Glück und Glanz gefunden, –
Und – eine Fremde warst ihm endlich du!
Und öffnest du die Arme jetzt zum Gruße –
Dein Kind – es tritt nach dir mit trotz’gem Fuße!

Dein ist die Schuld! Nun gilt es, zu versöhnen!
Nun gilt’s, in Lieb’ ertränken all den Haß!
Du hast so viel des Guten, Großen, Schönen –
So reiche dar ein vollgerüttelt Maß!
Doch merke, was die höchste deiner Sorgen
Für all die Wiederheimgekehrten sei:
Sie fühlen heimathfroh sich nur geborgen
In einem Vaterlande groß und frei!
Und nie und nimmer kann die Macht allein
Der Siegeslohn des deutschen Volkes sein!

Die Freiheit nur ist solchen Kampfes werth!
Ein Heimathland der Menschenrechte werde,
Was deutscher Muth errungen mit dem Schwert!
Der Erde Ehre sei die deutsche Erde!
Dann wird das eigne Blut dir, Straßburg, sagen,
Daß deutsch du bist, daheim und überall!
Deutsch werden deine Herzen wieder schlagen
Und als Erhebung preisen deinen Fall!
Ja, uns auch, Alle wird dein Fall erheben
Und so Glückauf zum neuen deutschen Leben!

 Friedrich Hofmann.



  1. Als Siegesprolog am 28. September zu Leipzig im alten Theater vom Oberregisseur Grans, im neuen Theater vom Regisseur Mittell gesprochen.




Ueber die Erstürmung der Speicherer Höhen haben wir bereits in Nr. 34 und 36 der Gartenlaube eingehende Berichte aus der Feder unserer Specialberichterstatter vom Kriegsschauplatze gebracht. Beide haben das Terrain der überaus blutigen und erbitterten Schlacht, sowie deren fortschreitenden Gang mit so klaren und sicheren Strichen gezeichnet, daß wir unserer heutigen Illustration nur wenige Worte beizugeben brauchen.

Es ist bekannt, daß die Franzosen ihre Position für geradezu uneinnehmbar hielten, wie es schien mit Recht, denn die Höhen, welche sie besetzt hatten, bildeten schon durch Gestalt und Form eine natürliche Festung, deren Unbezwingbarkeit durch vier kluftartige Einschnitte und durch die Steilheit des Abfalls wirklich verbürgt erscheinen mußte. Zu allem Ueberfluß hatte die weit übermächtige französische Besatzung – es standen zehntausend Deutsche gegen dreißigtausend Franzosen – die Höhen durch künstliche Ringverschanzungen noch befestigt, Laufgräbengürtel zogen sich rings um den Berg und lange Reihen eherner Geschütze, auf den Abhängen neben und über einander aufgestellt, spieen Tod und Verderben auf die anstürmenden Preußen. Und dennoch erklommen diese mit einer Todesverachtung, welche unsere ganze Bewunderung verdient, die Höhen, stürmten sie viermal, um sie, viermal zurückgeworfen, das fünfte Mal siegreich zu behaupten, nahmen die Geschütze, erbeuteten das Zeltlager einer ganzen Division, machten nahezu ein Tausend unverwundete Franzosen zu Gefangenen und schlugen die Uebrigen in alle Winde.

Unsere Illustration, von der Meisterhand Chr. Sell’s, stellt den Augenblick der Schlacht dar, in welchem das dritte Bataillon des neununddreißigsten Regiments und Abtheilungen des vierundsiebenzigsten und siebenundsiebenzigsten Regiments zum Sturm gegen die Speicherer Höhen vorgehen, nachdem sie den Feind aus dem Stiringer Walde vertrieben. Nur die heldenmüthige Tapferkeit, die unerschrockene, durch Nichts zu erschütternde Ausdauer unserer Truppen kam dem Ernste der Lage gleich; denn wenn auch links der bewaldete Theil der Hügelkette bereits von zwei Bataillonen des neununddreißigsten Regiments und vom zwölften Regiment genommen waren, so befanden sich doch die eigentlichen Höhen noch im Besitze der Franzosen; von dem Kamme schleuderte die feindliche Artillerie unter brüllendem Donner in weiter Linie einen tödtlichen Hagel von Geschossen auf die Anstürmenden und dreimal, bis weit herunter an den Fuß der Höhen, waren Gräben mit Brustwehren rings herum aufgeworfen, aus deren geschützter Stellung die französischen Schützen ein unaufhörliches knatterndes, rasselndes Feuer unterhielten. Die äußerste Position der Franzosen bildete in dem Augenblicke, da die oben genannten Regimenter in den Kampf um die Speicherer Höhen eingriffen, die mit Pappelbäumen besetzte Chaussee, welche von Forbach nach Saarbrücken führt und an der das Zollhaus liegt, dessen Steuerbeamte bekanntlich gleich zu Anfange des Krieges von den tapferen Franzosen in dunkler Nacht aus den warmen Betten geholt und über die Grenze geschleppt wurden.

Der Verlust der deutschen Truppen an dieser Stelle war enorm. Das zweite Bataillon des siebenundsiebenzigsten Regiments – Hannoveraner – verlor allein in sechsstündigem Kampfe zwölf Officiere und zweihundertzwanzig Mann; das Regiment im Ganzen büßte fünfundzwanzig Officiere und sechshundertzwanzig Mann [WS 1].

Es ist begreiflich, daß das Ziel des Kampfes bei solchen Schwierigkeiten, wie wir sie eben schilderten, nur erreicht werden konnte, indem jeder Soldat vom jüngsten Tambour bis zum commandirenden General seine äußerste Pflicht that. Wie sehr das der Fall, beweist folgende Episode aus der Schlacht, welche wir der Mittheilung eines Augenzeugen vom neununddreißigsten Regimente verdanken.

Als der Brigade-Commandeur General von François sah, daß nur die höchste Entschlossenheit es möglich machen werde, einen vor ihm liegenden, von den Franzosen besetzten Terrainabschnitt zu nehmen, zog er den Degen und rief mit lauter Stimme: „Die Officiere der neunten Compagnie!“

Die Gerufenen traten vor, der General aber befahl einem Hornisten: „Zum Avanciren blasen!“

Der wackere Hornist hatte vor wenigen Minuten das Gewehr eines gefallenen Cameraden aufgelesen, sprang damit vier bis fünf Schritte aus seiner gedeckten Stellung vor, legte ruhig an, zielte, schoß und zog sich dann immer wieder in seine Stellung zurück.

Der Befehl des Generals traf ihn, als er eben mit dem fertigen Gewehr wieder vortreten wollte.

„Excellenz,“ entgegnete er trocken, „die Kugel muß erst noch aus dem Laufe sein.“

Sprach’s, machte noch ein paar Schritte nach vorwärts, hob das Gewehr an die Wange und gab seinen Schuß ab, der – im Pulverdampfe waren Einzelnheiten kaum zu erkennen – seinen Mann nicht gefehlt haben wird. Nachdem dies geschehen, trat er wieder zurück, griff zum Horn und gab das befohlene Signal zum Avanciren.

Der General fand Gefallen an dem Braven; später meinte man, er habe ihm wohl eine Auszeichnung zugedacht. Denn der General frug ihn nach seinem Namen.

„Hasselhorst, Excellenz.“

Dann schwang der General seinen Degen und ging, von dem Hornisten, der auch jetzt noch von seinem Gewehr nicht ließ, gefolgt, der hurrahrufenden Mannschaft voran, zum Sturme vor.

Er hatte kaum ein paar Schritte gethan, als er, von sechs Kugeln durchbohrt, niederstürzte. Wenige Schritte von ihm fiel fast gleichzeitig sein tapferer Hornist, von einer Kugel in den Kopf getroffen. Der General v. François aber hatte noch so viel Kraft, Orden und Degen abzugeben, dann schloß auch er die Augen für immer.


Aus der Schlacht bei Sedan. Der Maler des heutigen Bildes berichtet uns über den von ihm dargestellten Sturm der Sachsen auf das Dorf Daigny Folgendes: „Aus dem Briefe des Königs Wilhelm an die Königin Augusta sind Sie unterrichtet, daß das zwölfte (königlich sächsische) Armeecorps am 1. September früh seine Stellung den stattlichen Dörfern Daigny und Moncelle gegenüber genommen hatte, hinter denen die Hauptmacht Mac Mahon’s, welche die Festung Sedan im Rücken hatte, aufgestellt war. Wenn jener Brief ganz besonders hindeutet auf ‚die sehr tief eingeschnittenen Schluchten mit Wäldern, welche das Vordringen der Infanterie erschwerten und die Vertheidigung begünstigten‘, so bekam ich von dieser Terrain- und Vertheidigungsweise das überzeugendste Beispiel vor Augen.

Zur Erstürmung des Hohlwegs, hinter welchem wir Thurm und Häuser von Daigny hervorragen sehen, war das Regiment Nr. 105 befehligt, dessen fünfte Compagnie dabei besonders stark im Feuer war. In nächster Nähe desselben kämpften die Regimenter Nr. 103 und 104. Im Hintergrunde unseres Bildes zur Rechten sehen wir Mannschaft vom 13. Jägerbataillon über die Felder herbei eilen. Den Unseren gegenüber standen hauptsächlich Zuaven. Um sich gegen den unaufhörlichen Kugelregen derselben zu decken, suchten auch die Unsrigen Deckung, wo und wie sie dieselbe eben finden konnten, Baum, Fels, Graben, Wagen- und Geschütztrümmer, Alles mußte dazu herhalten. Den Jägern kam ein Winzerhäuschen am Berge zu statten. Hier und in der nächsten Nähe mußten sie, wie die Infanterie, in der Hohlgasse des Vordergrundes über zwei Stunden lang Stand halten, weil sie noch nicht stark genug waren, um einen Angriff auf das Dorf selbst wagen zu können.

An diesem Winzerhäuschen fiel der Hauptmann v. Welck vom 13. Jägerbataillon; und als der Premierlieutenant v. Schönberg die Meldung davon an den Major v. Golz bringen wollte, streckte auch ihn ein Schuß durch die Schläfe todt zu Boden. Beide liegen auf dem Kirchhofe zu Daigny begraben; von diesem Grabe sächsischer Helden in fremder Erde nahm ich eine Zeichnung auf.

Im Hohlweg stieß man auf einige von unsern Granaten in Brand geschossene Munitionswagen von der berühmten Kugelspritze; todte und verwundete Pferde lagen auf und neben verwundeten und todten Soldaten, und über all’ die Leichen und Trümmer drangen die Hundertfünfer hinüber zu immer neuen Angriffen auf den Feind. Nachdem sie ihn endlich aus dem Dorfe vertrieben hatten, nahm derselbe von Neuem feste Stellung auf den gegenüberliegenden Höhen ein; der Tapferkeit des Regiments Nr. 101 mußte er auch hier weichen. In diesem Gefecht fielen die Hauptleute v. Mengersen und v. Berlepsch, Secondelieutenant v. Altrock und Vicefeldwebel Battmann. Auch ihr gemeinsames Grab in Daigny nahm ich zum Andenken im Bilde mit.

[688] Gegen halb sechs kam auch ich in das eroberte Dorf, aber offenbar noch zu früh für einen friedlichen Künstler, denn plötzlich sausten unzählige Flintenkugeln mir über dem Kopfe weg; doch dauerte diese Ueberraschung nicht lange, auch die Nachzügler räumten den Ort und uns war endlich verstattet, des gewissen Sieges uns zu freuen. Die dreizehner Jäger hatten außer vielem Kriegsmaterial und Munition auch eine Mitrailleuse erbeutet, die nun einmal noch immer zu den geschätztesten Beutestücken dieses Kriegs gehören. Groß war der Sieg, aber der Verlust an deutschen Menschenleben ist nicht kleiner und dämpft die Freude, so oft man daran denkt. Nächstens mehr.“[1]


Ein Standhafter. Es war am Tage der Schlacht von Mars la Tour und Vionville. Leider hatte meine Abtheilung statt in den Kampf eintreten zu dürfen, den Auftrag erhalten, die Wagencolonne von Pont à Mousson nach Thiaucourt zu begleiten. Als wir das kleine Städtchen im Thale mit seiner schmalen, abschüssigen Bergstraße erreicht hatten, langten bereits die ersten Wagen mit Verwundeten an. Wir fragten nicht erst nach dem Ausgange der Schlacht, nach unseren Verlusten, sondern griffen wacker zu, trugen die Verwundeten behutsam von den Wagen in das Lazareth und theilten ihnen aus Brodbeutel und Tornister unaufgefordert alle unsere Schätze mit. Nicht lange, so waren die Schule neben der Kirche und der Saal in der Mairie, der als Bureau für das Hauptquartier bestimmt war, mit Verwundeten überfüllt, und die Aerzte konnten ihre Operationen beginnen.

Ganz zuletzt, weit nach Mitternacht, bot Dr. Ritterfeld aus Berlin, Arzt bei der freiwilligen Krankenpflegercompagnie der Johanniter, seine geschickte Hand in der Kirche von Thiaucourt einem originellen, braven Verwundeten, dem Gefreiten Stert der 5. Compagnie des 20. Regiments. Dieser hatte einen Schuß durch den linken Nasenflügel und den Oberkiefer derselben Seite, von dort in den rechten Oberkiefer und dann in den rechten Unterkiefer erhalten. Die benannten Knochenpartien waren sämmtlich zerschmettert und die in dem Unterkiefer festsitzende Chassepotkugel wurde von Dr. Ritterfeld herausgeholt. Bei der Untersuchung fand der Arzt, daß die vorderen Seiten der Oberkiefer und die Gaumenknochen, sowie sämmtliche obere Zähne fehlten. Er konnte mit dem Finger bis an die untere Augenfläche reichen; die Zähne des linken Unterkiefers schlotterten im Munde umher. Auf die Frage des Arztes, wo denn die fehlenden Knochen geblieben seien, griff Stert in einer Anwandlung von Humor in die Rocktaschen und holte die vermißten hervor. „Sie baumelten,“ sagte er, „mir gar so widerwärtig im Munde herum, und da habe ich sie mir mit dem Taschenmesser ganz abgeschnitten.“ Stert, der den dargereichten Wein nur mit größter Mühe durch die Halsmuskeln in seinen Magen brachte, sprach natürlich höchst unverständlich. Er erzählte:

„Ich bin von Vionville bis hierher ganz allein gegangen. Wenn ich umfallen wollte, dann sagte ich im Stillen zu mir: Hundsfott, willst du weiter! So bin ich denn bis in diese Kirche gekommen. Ach, was wird nun meine Braut sagen! Ob ich sie wohl wieder ordentlich küssen kann? Aber die Franzosen soll das Donnerwetter holen! Herr Doctor, kann ich denn wohl in vierzehn Tagen wieder mit?“

Der Arzt war über diese Standhaftigkeit und diesen Muth so gerührt, daß er erwiderte: „Komm’, Stert, Du sollst einen Kuß haben!“ Dann legten sie sich auf’s Stroh und schliefen Beide auf den Stufen des geweihten Altars.

Als ich am Morgen des Siebenzehnten ganz früh die kleine Kirche betrat, schliefen die Verwundeten alle so fest und sanft, daß ich leise zurücktrat und den jungen Geistlichen fast mit Gewalt hinausführte, der über die Entweihung seines Gotteshauses ein sehr entrüstetes Gesicht zeigte. W. P.


„Und gebe Dir seinen Frieden!“ Das sind die letzten Worte des Segens, die wir aus dem Munde des Geistlichen auf unserem Bilde aus dem Kriege vernehmen. So wirft die eiserne Faust des „Schlachtengottes“, den der gefährlichste Wahn anbetet, Freund und Feind auf einen Karren, einen Strohhaufen zusammen; die sich gehaßt und gewürgt, da kauern und liegen sie, alle still und fromm geworden.

„Diesen Leiterwagen,“ schreibt Freund Paul Thumann, dem wir die schöne Illustration verdanken, „sah ich während der Schlacht bei Wörth aus der Gefechtslinie rückwärts in Sicherheit bringen. Baiern und Preußen lagen, alle drei betend, um einen Cameraden, dem soeben der Tod das Auge brach. Selbst der abseits sitzende Turco faltete wenigstens die Hände. Das letzte Stündlein war ihm rasch gekommen. Der Wagen hielt plötzlich, eiliger Hülfe gewärtig; aber kein Arzt, sondern der Feldpater bestieg ihn zu einem raschen Gottesdienste, wie’s der Krieg befiehlt. Ein kurzes Gebet und den Segen – nun stirb, Soldat, und laß dich ruhig betten! – Die treuen wunden Cameraden hören seinen Athem und drücken dem Todten die Augen zu. Gott tröste die Seinen!“


Für die Verwundeten und die Frauen und Kinder unserer unbemittelten Wehrleute

gingen wieder ein: Montagsgesellschaft in Mutzschen 10 Thlr.; A. in X. 8 Thlr.; Albert Schulz in Leipzig, zweiter Beitrag 10 Thlr.; zweiter Beitrag der Deutschen in Venedig, durch Fischer u. Rechsteiner 73 Thlr. 5 Ngr.; Schule in Kützkow 1 Thlr.; Erlös für Arbeiten von den Zöglingen des Kindergartens in Aschersleben 12 Thlr. 10 Ngr.; B. S. in Dresden 3 Thlr.; drei Deutsche aus Schlüchtern 3 Thlr.; collectirt in St. Petersburg an einem Geburtstage 21 Thlr. 20 Ngr.; aus Apolda von Gretchen und Helene für verkaufte Champignons 1 Thlr.; Sammlung bei den Arbeitern, Schachtmeistern und Beamten auf meiner Entreprise der Elm-Gmündner Bahn, der Bauunternehmer Rehorst 40 Thlr.; mit dem Motto:

Du wohnst so ruhig, Bürger, Tag und Nacht,
Gedenk’ des Kriegers auch in ferner Schlacht.

1 Thlr.; drei Prediger in Hermannstadt 2 Thlr.; Gesangverein Liederkranz in Falkenstein i. V. durch J. Gessinger 20 Thlr.; Ertrag einer Lotterie von den Schülerinnen von O. u. J. Hahmann 10 Thlr.; Comtoirist Peters in Rendsburg 10 Ngr.; aus Zürich, mit dem Motto: Sieg des Rechtes und der Wahrheit über Anmaßung und Trug 50 Thlr.; ein deutsches Mädchen in Brüssel 1 Thlr.; Capellmeister M. Riccius in Beschetzk (Gouvernement Twer) 5 Thlr.; von den Deutschen einer russischen Stadt zusammen 64 Thlr., und zwar: von E. Th. L. 3, N. N. 10, E. A. 3, J. E. 4, H. S. 5, Egs. 8, J. L. 2, L. F. 3, Joh. F. H. 5, F. St. 2, G. E. 5, A. u. M. 2, W. W. u. F. K. 6, F. A. E. 5, P. A. 3, C. A. 10, M. A. 3 Rubel; R. S. in Sebnitz 3 Thlr.; Jeanette Gottschall 3 Thlr.; B. Schiffner in Stettin 2 Thlr.; achter und neunter Wochenbeitrag des Personals von Schelter u. Giesecke 51 Thlr. 22 Ngr.; C. Bocke in St. Petersburg 25 Thlr.; sechste u. siebente Wochensammlung der Klinckhardt’schen Buchdruckerei 12 Thlr. 2 Ngr.; siebente und achte Wochensammlung der Drugulin’schen Buchdruckerei 4 Thlr. 26½ Ngr.; von einem Artillerieofficier, der die Schlachten von Forbach, Pange und Gravelotte mitgekämpft 2 Thlr.; von einem deutschen Holländer in Haag 10 fl. holl.; zweiter Beitrag von F. Nitsche in Moskau 10 Rubel; Inspector Andersen in Moskau 5 Rubel und von dessen Kindern Toni u. Otto 3 Rubel; die in Kutais (im Kaukasus) ansässigen Deutschen 100 Rubel; aus Zürich, mit dem Motto: So lang’ es Tag ist, wirk’! 1[?]0 Francs; B. B. in Moskau 25 Rubel; aus der Sparbüchse der Kinder des Doctor Röber in Strehla 1 Kr.-Thlr.; ein Deutscher in Bradford 8 Thlr. 11 Ngr.; einige Deutsche in Wilna, durch F. Kl. 31 Rubel; Verein junger Kaufleute in Buchholz 10 Thlr.; von drei Soldaten in Sangerhausen, Wehner, Braun und Tettenborn, denen es nicht vergönnt ist mitzufechten, 3 Thlr., mit den Worten:

„Zwar wenig ist’s, doch wird’s mit Liebe
Aus treuem Herzen dargebracht.
Wenn Rothschild unser Vetter wäre,
Dann hätten wir’s vertausendfacht.“


Aus Oesterreich an weiteren reichen Gaben: Zweiter Beitrag von Dr. Goebbel in Kronstadt 10 fl.; Wiener Tischgesellschaft die „Höhle“ 50 Frcs. Pap.; aus Schäßburg, durch die Herren J. Mütz, Franz Wultschner und Karl Gleim laut Liste 234 fl.; nur Deutsch, aus Wien 3 fl. und 1 Thlr.; Fräulein L. H. aus Hermannstadt, „den Hütern des Rheins“ 10 fl.; ein guter Deutscher O. Hr. aus Roßbach 2 fl.; im Auftrage einiger Landleute aus Weißkirch und Dürrbach (Siebenbürgen) 9 fl.; Sammlung aus Hohenelbe (Böhmen) 43 fl. 40 kr. und der Leseverein in Hohenelbe nachträglich 3 fl. 90 kr.; S. in Rchbg. 2 fl.; vom Asch-Neuhausner Bier-Club 44 fl. 80 kr. und 15 fl. 22½ kr. rhein.; vom Männergesangverein in Asch, nachträglich 2 fl.; von drei Schwestern in Siebenbürgen 3 fl.; von P. P. Pf. B. K. R. S. Ti. in Wien 10 fl.; Sammlung in Rudnik, bei Nisko in Galizien, durch den k. k. Oberlieutenant Graf Kielmannsegge 235 fl.; kleine Tischgesellschaft in Falkenau, durch Dr. Friedl 4 fl.; eine Liebesgabe der deutschen Oesterreicher in Horn (Niederösterreich) 51 fl.; aus Wien von Frau R. Schiske 20 Frcs., W. Heckel 20 Frcs., H. Prager 20 Frcs., Ferd. Schmertosch 20 Frcs.; Fr. Kollmann in Temeswar 5 fl.; H. Schneider in Wien 5 fl.; Turnverein in Bregenz 16 fl.; erster Krankenunterstützungsverein in Roßbach 16 fl.; die deutsch-technische Burschenschaft Teutonia in Brünn 20 fl.; Deutsche aus Rebs in Siebenbürgen, durch Apotheker J. Melas 115 fl. 30 kr.; Reinertrag einer Männergesangsproduction in Hermannstadt 160 fl.; eine deutsche Tischgesellschaft in Breßler’s Gasthaus in Hermannstadt, mit dem Motto: „Deines Geistes habe ich einen Hauch verspürt“ 240 fl.; von den deutschen Bewohnern in Broos (Siebenbürgen), durch A. Amlacher 336 fl. 40 kr., 3 Thlr., und 10 Frcs.

Gott lohne den braven Siebenbürgern ihre Anhänglichkeit an Deutschland und ihre treue Opferwilligkeit für ihre kämpfenden Brüder. Deutschland wird den fernen Landsleuten das niemals vergessen!

Nachträgliches Ergebniß einer Privatsammlung in Salzburg 301 fl. 30 kr., 2 fl. rhein. und 1 Thlr. mit dem Bemerken:

„Wollen Sie hierin zugleich den vollgültigen Beweis sehen, daß im Kronlande Salzburg das Herz noch warm für die deutsche Sache schlägt und daß nur Böswilligkeit und Gehässigkeit eine solche Lüge (nämlich Illumination in Folge eines vermeintlichen französischen Sieges), wie sie in Nr. 35 Ihres Blattes zu lesen war, verbreiten konnte.[2] Um einem derartigen Gebahren nun entschieden zu begegnen, knüpfen die Unterzeichneten, als Comitémitglieder und als Bürgen für die wahrhaft deutsche Gesinnung des Kerns der Bevölkerung, an die Abgabe obigen Betrages die Bedingung, daß Sie diese Zuschrift wörtlich verlautbaren.

Salzburg, den 16. September 1870.

Ascan Conrad. Aug. Hartmann. Theodor Klein. Bruno Wahl. August Höcker.“

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Unser Künstler, Herr F. W. Heine aus Leipzig, hat, durch besondere Verhältnisse dazu bewogen, fast allen Schlachten und Gefechten des königl. sächsischen (zwölften) Armeecorps beigewohnt und war deshalb in der Lage uns mit eigenen Augen Gesehenes bildlich mitzutheilen. Das vorliegende Bild zeigt auch dem Laien, daß er hier keine zu Hause gemachte Waare, sondern die Wahrheit des Erlebten vor sich hat.
  2. Der Wochen-Chronist hat eben nur berichtet, was in allen deutschen Zeitungen zu lesen war. Die Redaction.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: en