Die Gartenlaube (1870)/Heft 29

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[449]

No. 29. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Offenes Rundschreiben an alle Deutsche.

Es geht uns aus Constantinopel zur Veröffentlichung folgender Aufruf zu:

„Bei dem Brandunglück, das unsere Stadt am Pfingstsonntage heimsuchte und mehr als einem Viertel der deutschen Colonie Obdach und Habe, einer nicht geringen Zahl das Leben raubte, ja das grauenhafter als je ein ähnliches war durch den entsetzlichen Verlust an Menschenleben, ist es besonders eine Katastrophe, auf welche die Deutschen in aller Welt aufmerksam gemacht werden müssen. Es ist dies der Untergang des deutschen Hospitals, besser: des vom deutschen Wohlthätigkeitsverein unterhaltenen Krankenhauses.

Die Erhaltung dieses Krankenhauses, das in vielen Fällen ein Asyl selbst für Unheilbare und Altersschwache war, und in welchem nicht Wenige, deren Kraft im Kampf um’s Leben nicht voll mehr ausreichte, Brod und Trost fanden, war stets die erste und nächste Aufgabe dieses Vereins. Bei den beschränkten Mitteln desselben mußte es leider fast immer seine einzige Aufgabe bleiben. Beschränkt aber blieben diese Mittel, weil die auf das Princip der freien Brüderlichkeit Alles dessen, was deutsch spricht, gegründete Genossenschaft, die alle politischen und konfessionellen Vorrechte ausschloß, dafür auch von den confessionellen und politischen Gewalthabern ignorirt, wo nicht scheel angesehen wurde. Auf die Mittel beschränkt, welche eine nur nach Hunderten zählende Colonie zu bieten vermag, ist redlich geschehen, was eben möglich war. Nie klopfte ein mittelloser deutscher Kranker vergebens an die Thür unseres Hospitals. Vor wie nach 1851, in welchem Jahre das mit Staatshülfe fundirte confessionell-evangelische preußische Hospital aus ihm abzweigte, hat unser deutsches Krankenhaus Vielen, ja Tausenden Gutes gethan.

Viele Jahre wären wir bei der außerordentlichen Theuerung der für unsere Zwecke einigermaßen passenden Grundstücke genöthigt, in elenden Häusern ohne alle Feuersicherheit unsere dreißig Betten aufzuschlagen. Endlich, vor kaum Jahresfrist, gelang es mit großen Opfern ein passendes Gebäude zu finden; steinfest wie wenige, unter dem Dache gewölbt, mit schweren eisernen Thüren und Fensterläden, hatte es schon vier Feuersbrünsten siegreich widerstanden.

Der Pfingstmorgen hatte die halbe Bevölkerung weit hinaus in’s Grüne gelockt, ein scharfer Wind blies wohl über die Höhen, war aber in den tiefen Thälern des Bosporus zur milden Brise abgeschwächt. Keinem der vielen Tausend Pfingstfahrer ahnte etwas von dem grausigen Drama in der Stadt. Im Krankenhause ging Alles seinen gewohnten stillen Gang. Wohl war ein großes Feuer in der Stadt, aber Niemand dachte an Gefahr. Da raste der Flammenstrom auf ein benachbartes Stadtviertel zu, in welchem viele Deutsche wohnten.

Man begann zu retten; – wohin? – In’s deutsche Hospital, diese steinerne, das Feuer höhnende Burg der Barmherzigkeit. Drei zufällig in der Stadt anwesende Mitglieder des Vereins-Vorstandes eilen zu Hülfe. Alle Kranke, welche zu gehen fähig sind, werden fortgeschickt, aber fortwährend bringt man deren neue aus den brennenden Quartieren, und eine deutsche Mutter, die ihre todtkranke Tochter nicht verlassen will, bleibt, fast gewaltsam zurück. Nun dringen die Flammen bis an’s Haus; es ist nicht mehr möglich die Schwerkranken fortzuschaffen. Glühend werden die eisernen Läden, aber muthvoll arbeiten die braven drei Männer, um dem Feuer den Eintritt in’s Haus zu wehren. Da leckt tief unten im Erdgeschosse durch irgend eine vergessene Oeffnung, vielleicht auch aus glimmend geretteten Betten, die Flamme in’s Haus, rasend schnell Alles ergreifend. Den nahe der Thür Befindlichen gelingt es mit Noth zu entkommen, unter diesen ist eine der Pflegerinnen. Auch der Krankenwärter entrinnt, arg verbrannt. Aus dem ersten Stock stürzt sich über die brennende Treppe herunter einer der Braven, Herr Seefelder. Auch er gewinnt, gräßlich versengt, die Straße. Nach wenigen Minuten brechen die Stockwerke ein und begraben Alles in einen ungeheuren Pfuhl.

Zwei Tage darauf begruben wir den, der recht eigentlich der Vater der deutschen Colonie war, Herrn Seefelder. Am gleichen Tage die den Flammen entronnene Pflegerin, die den Folgen der ungeheuren Anstrengung erlegen war.

Wiederum nach zwei Tagen folgten wir dem einen Sarge, der die wenigen Ueberreste derer enthielt, die in den Flammen den Tod gefunden hatten. Es waren außer denen des Herrn Runzler, unseres verehrten Vereins-Präsidenten, und des Herrn Krebs, beide hochstehend im ehrenden Andenken der Colonie und insbesondere der Vereins-Mitglieder, die Asche der zweiten Pflegerin, der vier kranken Frauen und der bereits erwähnten Mutter. Es ist nicht sicher, ob mehr als diese acht Personen in den Flammen blieben.

In wenigen Tagen werden wir das letzte, eilfte der Opfer begraben, den armen Krankenwärter. Die drei Ehrenmänner, welche ihr Leben ließen für ihre Brüder und deren Andenken uns heilig sein wird, waren sämmtlich mehr als sechzigjährig, Familienväter und hinterlassen zahlreiche Familien, die Gott tröste.

Als wir unsere geliebten Todten begruben, in der katholischen Kirche zu St. Maria, über dem Sarge, der die Gebeine unseres Präsidenten, eines Protestanten, wie einer Klosterfrau und Aller derer umschloß, deren Confession zum Theil unbekannt war, feierte der Genius der Menschheit einen hohen Triumph. Da gab es selbst für Diplomaten kein Oesterreich und kein Preußen, für Mönche, Missionäre, für Juden und Türken keine Giauren und Ketzer, für Reich und Arm keinen Gegensatz. Da gab es nur Thränen, Thränen, die vor Gott gelten. Ehre dem wackeren Dom Antonio, dem Präfecten des Franciscanerklosters, für seinen Vorschlag: in der Kirche auf katholisch, auf dem katholischen Friedhof auf protestantisch mit unseren Geistlichen zu beten!

So ging das deutsche Krankenhaus zu Grunde und mit ihm seine Leiter, seine Pfleger und seine Kranken. Es war nicht unser Krankenhaus, es war dein Krankenhaus, du deutsches Volk! Wir, Mitglieder des deutschen Wohlthätigkeits-Vereins, bedurften seiner für uns oder unsere Familien nur wenig und selten und dann doch nur gegen Vergütung der Pflege durch unsere Beiträge und Leistungen. Aber tausend deutschen Müttern, allen Kreisen des weiten Gebietes deutscher Nation haben wir ihre hergewanderten Söhne und Töchter in Armuth und Krankheit gestützt und gepflegt; Viele danken dem deutschen Hospital in Constantinopel ein deutsches Trostwort in der Sterbestunde und ein ehrlich Begräbniß.

Deutsches Volk, wirst du dein Krankenhaus verlassen?“


 Beiträge wird, auf Wunsch, die Redaction der Gartenlaube gern annehmen und weiter befördern.



[450]
Die Thurmschwalbe.
Von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)

„Sind Sie wirklich so zorniger Natur, Herr Graf?“ fragte die junge Dame mit leiser, beinahe erschrocken lautender Stimme, ihrem Vater einen bedeutungsvollen Blick zuwerfend.

„Zornig? Nun, ich will nicht Nein sagen. Es giebt Dinge, die unser Blut in Wallung bringen, und es wäre schlimm, wenn das nicht wäre – tadelhaft wird es nur, wenn die Dinge, die diesen Einfluß auf uns üben, zu geringfügiger Natur sind. Ob das bei mir vorkommt? Vielleicht – und doch könnte Mancher bei mir auch das gerade Gegentheil finden.“

„Also statt des heißen Bluts Sanftmuth und Geduld? – ich zweifle doch daran,“ sagte lächelnd Melusine.

„Und doch könnte es der Fall sein,“ antwortete Graf Ulrich. „Im einzelnen Menschen stecken sehr viele Eigenschaften; nur hat er sie nicht gegen Alle. Dem Einen geben wir uns so, dem Andern so. Es kommt eben darauf an, wie er selbst auf uns wirkt.“

„Muß ein fester kernhafter Charakter nicht gegen Alle gleich sein?“ versetzte Melusine.

„O nein … gegen den Einen sind wir offen, gegen den Andern verschlossen. Gegen den Lustigmacher sind wir ernst und gegen den Grillenfänger laut und lustig; gegen den Weltmenschen Philosophen und gegen den Frömmler frivol. Ist das nicht eine natürliche Folge des Oppositionsgeistes in jedem Menschen?“

„Weshalb nehmen Sie an, daß ein solcher Oppositionsgeist in jedem Menschen stecke?“ fragte die junge Dame.

„Ich meine eben, er steckt in jedem starken, lebhafte Eindrücke empfangenden Menschen.“

„Diese Oppositionslust, dieser Widerspruchsdrang,“ fuhr Melusine fort, „hat doch das sehr Ueble, daß er uns am Ende zum Chamäleon macht, welches die Farben wechselt, je nachdem Blau oder Grün oder Gelb oder was sonst auf dasselbe wirkt. Man soll nicht stets den Mantel nach dem Winde hängen, ebenso wenig aber auch stets wider den Wind – es giebt just dieselbe Unstätigkeit. Weshalb sich immer in Widerstreit zu Anderen setzen? Alle Menschen haben gute Gründe, daß sie just so sind, wie sie sind. Man muß das Verständniß dafür suchen, statt ihnen zu widersprechen. Dies letztere ist viel leichter als jenes.“

„Sie halten mir da eine völlige Strafpredigt, mein Fräulein,“ sagte Graf Ulrich lachend. „Sie machen mich zu einem Chamäleon, zu einem Manne, der den Mantel wider den Wind hängt, zu einem oberflächlichen Menschen, der …“

„O bitte,“ fiel sie ein, „Sie sind furchtbar rasch in Ihren Schlüssen, Herr Graf – es liegt mir durchaus fern …“

„Wie erschrocken Sie aussehen – bah, was läge daran? Glauben Sie, ich wäre so verwundbar? Wahrhaftig, es sind mir von schönen Lippen schon ganz andere Predigten gehalten, und wenn die Ihrige viel milder lautet, so ist sie darum nicht fruchtloser. Ich will mir’s gesagt sein lassen, und Sie sollen nicht finden, daß ich ein Chamäleon bin – im Gegentheil viel zu sehr, vielleicht immer derselbe in dem Verlangen …“

Graf Ulrich, der diese Worte rasch ausgestoßen hatte, hielt plötzlich inne. „Ja so,“ sagte er. „Ich vergesse ganz, daß ich nicht die Zeit haben werde, Ihnen zu zeigen, daß Sie mir Unrecht thun, und daß ich sehr, sehr fest, beharrlich, wechsellos sein kann. Sie wollen so bald schon Ihre Reise fortsetzen und mich hier in der Einsamkeit zurücklassen … aber Herr Vicomte, so trinken Sie doch – es ist zwar nicht Ihr heimathliches Getränk, was mein Tafeldecker Ihnen vorgesetzt hat, aber ein alter feuriger Rheinwein – ich habe ihn in den Kellern des Schlosses vorgefunden als ein Fideicommißstück wie die ganze Herrschaft – zwei Stückfaß, die seit mehr als hundert Jahren, stets sorglich neu aufgefüllt, zum Familienschatz gehören!“

Der Vicomte trank, lobte das feurige dunkelgelbe Rebenblut und sagte dann: „Da Du arbeiten willst, meine Tochter, wird Dir unser gütiger Wirth gewiß die Erlaubniß geben, aufzustehen.“

„Sie haben zu befehlen,“ sagte der Graf Ulrich sich gegen die Dame verbeugend und hob die Tafel auf. „Gegen die Arbeit aber protestire ich,“ fuhr er dann fort, „ich sende zum Dorf, um einen Abschreiber suchen zu lassen.“

„Gesetzt, Sie fänden ihn, Herr Graf,“ warf Melusine sehr bestimmt ein, „so möchte er schwerlich so bald darüber instruirt werden können, was er eigentlich abschreiben soll, worauf es bei diesen Auszügen aus den Stammbäumen für uns ankommt – es wird doch besser sein, ich mache die Arbeit selbst.“

„Und werden Sie so genau wissen, worauf es dabei ankommt?“ fragte Graf Ulrich fast spöttisch.

„O, meine Tochter versteht das!“ fiel der Vicomte ein. „Sie ist sehr unterrichtet, namentlich was die Geschichte betrifft, und hat mir den Beistand eines gelehrten Amanuensis geleistet bei einer Arbeit, welche ich über die Geschichte der großen Häuser Frankreichs, die schon vor dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts als Inhaber großer Lehen und Herren von Lehenshöfen vorkommen, begonnen habe – die ich aber dann leider liegen lassen mußte, weil mir das Material zu sehr fehlte.“

„Ah, Sie sind eine Gelehrte!“ rief Graf Ulrich überrascht aus.

„Nichts weniger als das,“ erwiderte leicht erröthend Melusine. „Ich bin nur eine brauchbare, von meinem Vater für seine Absicht dressirte Arbeiterin gewesen.“

„Aber sehr brauchbar!“ bemerkte lächelnd und zärtlich die Hand auf ihre Schulter legend der Vicomte.

„Ich habe eine furchtbar gelehrt aussehende Bibliothek im Schlosse,“ fuhr Graf Ulrich fort; „vielleicht fänden Sie darin eine Menge des Materials, welches Ihnen bis jetzt fehlte. Soll ich sie Ihnen zeigen?“

Der Vicomte verbeugte sich.

Der Graf schritt voran, dem Ausgang des Saales zu, während Melusine zurückbleibend sagte:

„Unterdeß erlauben Sie mir, mir aus den Pergamenten meine Arbeit auszusuchen und sie mit auf mein Zimmer zu nehmen?“

„Ah,“ stieß der Graf fast zornig hervor, „Sie sind außerordentlich eifrig auf Ihre Arbeit – ich wünschte, Sie begleiteten uns; es wird Sie interessiren zu sehen, ob Ihr Herr Vater das Erwartete findet; Sie selbst werden suchen helfen!“

Melusine folgte trotz dieser Einladung nicht.

„Ich möchte so rasch wie möglich …“

„Sie sind nicht höflich mit Ihrem ‚so rasch wie möglich‘,“ unterbrach Graf Ulrich sie in demselben Tone; „weshalb diese Eile, das, was allein Sie in meinem Hause zurückhält, abzumachen? Ich wäre im Stande, Ihnen die Pergamente, deren Sie bedürfen, zu nehmen und Ihnen täglich nur Eines zu geben, damit Sie recht viele Tage …“

Der Vicomte fiel ihm in die Rede, er legte die Hand auf den Arm des Grafen, um ihn wegzuführen, und sagte, wie um seiner Tochter eine Antwort zu ersparen: „Kommen Sie, Herr Graf, Sie wissen, ce que femme veut, Dieu le veut, es hilft nicht, dawider sich auflehnen.“

„Freilich, dann nicht, wenn Sie Ihre Fräulein Tochter nach diesem ein wenig gefährlichen Grundsatze erzogen haben, Herr Vicomte,“ rief Graf Ulrich lachend und wandte sich dann zu gehen.




5.

Melusine blickte ihnen, als die Thür sich hinter ihnen geschlossen, mit leicht gerunzelter Braue nach.

„Wie höflich – und wie impertinent ist dieser Mensch!“ sagte sie bitter vor sich hin; „halb sind wir ihm seine Standesgenossen und Verwandte und halb – arme Teufel, die man behandelt, wie man Lust hat! Oder ist er gegen alle Menschen so?“

Sie ging in das offenstehende Nebenzimmer, suchte hier eine Anzahl der Pergamente aus der Mappe und nahm sie an sich, um damit auf die ihr und dem Vater angewiesenen Zimmer zu gehen.

Graf Ulrich war unterdeß offenbar ein wenig verstimmt über einen Corridor, dann eine Treppe hinauf und endlich oben bis an eine Flügelthür gegangen, die in einen Raum führen mußte, welcher gerade über dem unteren Hauptsaale lag. Wenn man nach rechts den Corridor hinabsah, der auch hier durch das Gebäude lief, so erblickte man im Hintergrunde eine Glaswand, die den Gang hier [451] abschloß und nach der andern Seite hin mit einer weißen Gardine verhängt war; es mußte dahinter die Wohnung der Frau Wehrangel liegen, denn der große Thurm schloß sich dort an das Gebäude.

Graf Ulrich öffnete die Flügelthür und führte den Vicomte, der ihm gefolgt war, in den stattlichen Raum, der nach allen Seiten hin mit einfachen eichenen Bücherrepositorien besetzt war und eine sehr respectable Bibliothek enthielt.

„Ah,“ sagte der Vicomte mit einem leichten Ausrufe der Verwunderung, „das ist ein Bestandtheil der Herrschaft Maurach, der diesem Namen die größte Ehre macht.“

„Wie man’s nimmt,“ versetzte der Graf. „Es beweist freilich, daß es einmal einen wissenschaftlich gebildeten Mann in der Familie gegeben hat, denn sonst würden die Bücher nicht hier sein. Aber die Schande ist nun für die Nachkommen um so größer, wenn sie absolut nichts wissen von Allem dem, was in diesen Büchern steht. Dies Gefühl ist in mir leider noch das vorherrschende, sollte es wenigstens sein. Kommen Sie, sehen wir uns die Titel an, um zu erforschen, an welcher Seite wir dasjenige, was innerhalb des Bereiches Ihrer Studien liegt, finden. Hier haben wir,“ fuhr er, einem der Repositorien nahetretend und die Rückentitel lesend, fort, „die Moralisten des vorigen Jahrhunderts. Da ist Bolingbroke, Shaftesbury, Lord Chesterfield …“

Der Graf sprach die englischen Namen, wie er sie geschrieben fand.

„Sie lesen nicht englisch?“ fragte mit einem kleinen überlegenen Lächeln der Vicomte.

„Ich spreche, oder wie Sie es nennen werden, radebreche französisch. Das ist aber auch Alles, was ich kann. Ich denke: wozu Sprachen lernen? es wird Einem schon schwer genug, in der einen angeborenen das, was man fühlt und denkt, und was Einem durch den Kopf geht, auszudrücken.“

„Es kommt doch weniger darauf an, sich auszudrücken, als darauf, daß man verstehe, was Andere haben ausdrücken wollen. Wir können von den anderen Völkern Vieles lernen, wenn wir gelernt haben, sie zu verstehen.“

„Denken Sie so? Ich nicht. Ich sehe in der Sprache ein Mittel, mich verständlich zu machen. Das ist mir wichtiger, als zu erfahren, was Andere wollen. Es ist ihre Sache, ihre Wünsche zu erreichen, ihre Ueberzeugungen durchzusetzen. Aber hier kommen wir an die Geschichte – an die Geschichte Frankreichs.“

„In der That,“ sagte der Vicomte, sich zu den unten stehenden Folianten und Quartanten niederbeugend, „hier finde ich lauter Werke, welche sich mit der Geschichte Frankreichs beschäftigen – ah … und da ist auch der ‚Père Anselme‘ und hier das unvergleichliche Werk, der Montfaucon, seine ‚Monuments‘, die ich so schwer vermißt habe …“

„Vortrefflich!“ rief der Graf aus; „so verlegen Sie Ihr Arbeitscabinet in diesen Saal und bleiben Sie hier bei mir, bis Sie alle diese Werke ausgeschöpft haben.“

„Und meine Tochter?“ erwiderte lächelnd der Vicomte.

„Ich denke, Ihrer Tochter bedürften Sie als Ihres Gehülfen bei solcher Arbeit …“

Der Vicomte antwortete nicht; er sah noch einige der Rückentitel an, und dann sich erhebend, sagte er: „Sie haben mir eigentlich das Herz schwer gemacht, indem Sie mir alle diese Schätze zeigten, die mir doch verschlossen bleiben müssen.“

„Weil Sie eigensinnig sind …“

„Nichts deshalb,“ fiel der Vicomte ein. „Sie wissen, was mich zwingt, die Heimath aufzusuchen. Ich bin zu arm, um nicht zunächst darauf meine Gedanken richten zu müssen – alle, alle. Ich habe Ihnen ja offen gesagt, wie es um uns steht, Herr Graf. Lassen Sie mich,“ fuhr er erröthend und wie mit einer Anstrengung über sich selbst tief aufathmend fort, „lassen Sie mich in dieser Offenheit noch einen Schritt weiter und bis an’s Ende gehen. Ich bin gekommen in der Hoffnung, von Ihnen die Mittel zu erhalten, deren ich nothwendig bedarf, um meinen Zweck zu erreichen. Es würde, um ohne Umschweife zu reden, ein Vorschuß, ein Darlehen von tausend Thalern sein; davon, daß Sie ihn mir großmüthig gewähren, hängt die Zukunft für uns ab …“

Der Vicomte athmete wieder tief auf und sah mit verwirrten Zügen und scheuen Blicken in das Auge des Grafen.

Es war unverkennbar, wie furchtbar peinlich ihm der Augenblick war, wie sehr sein Stolz, sein Ehrgeiz darunter litt. Er war mitleidswürdig.

Und doch schien er diesen Eindruck nicht auf den Grafen Ulrich zu machen. Dieser sah ihn mit funkelnden Augen an, biß sich eine Weile, worin er nicht antwortete, auf die Lippen und vergrub dabei, wie behaglich, seine beiden Hände in die Taschen seines Jagdrocks.

„Sie fühlen selber,“ fuhr, durch dies Wesen verschüchterter, der Vicomte stotternd fort, „wie schmerzlich diese Lage für mich ist, die mich zwingt, so an Ihre Sympathie zu appelliren. Wäre es nicht der Gedanke, daß Sie selbst ein Interesse haben müßten an dem möglichen Erfolge eines Mannes, der, wenn auch sehr entfernt nur, doch Beziehungen zu Ihrer Familie hat, und etwas von Ihrem Blute in seinen Adern …“

Graf Ulrich machte eine barsch abwehrende Bewegung mit der Hand, während sein Auge mit demselben Ausdrucke auf dem mitleidswürdig aussehenden Vicomte lag. Es war wie der Blick eines Naturforschers auf ein von seinem Instrument zerquältes Insect, das ihn eine neue Entdeckung machen läßt, ein Blick voll Spannung und – Befriedigung!

„Scheint Ihnen die Summe zu groß …“ fuhr der Vicomte leiser fort, und nach seinem Tuche suchend, um sich die Stirn zu trocknen.

„Ah bah, Sie armer Mann!“ rief Graf Ulrich jetzt aus, „wie hart muß Sie das Schicksal geschüttelt haben, daß Sie so erregt sind und so viel Wesens machen um eine solche Lappalie! Sagen Sie mir, hat dies harte Schicksal, die Noth und die Leiden, die Sorge und die Demüthigungen, haben sie Sie stärker, tüchtiger, nobler und besser gemacht, oder ist es umgekehrt? Aber freilich, das ist eine indiscrete Gewissensfrage,“ setzte er auflachend hinzu. „Seien Sie mir nicht böse darum …“

Des Vicomte Züge glätteten sich und mit einem wie freudigen Erröthen sagte er, ohne auf des Grafen Rede einzugehen: „Sie nennen es eine Lappalie?“

„Nun freilich … an und für sich vielleicht nicht, aber jedenfalls im Verhältniß zu der Anstrengung, die es Sie gekostet hat, mich darum zu bitten!“

„Ihre Güte wird also so groß sein, meine Bitte zu erfüllen?“

„Nein – denn leider hängt die Größe meiner Güte von ihrer Macht ab. Ich habe keine tausend Thaler. Sie sind leider nicht in meiner Casse. Ich bin ein armer Teufel, fast wie Sie, Herr Vicomte. Alles, was in meine Rentcasse fließt, ist außer dem unumgänglich nöthigen Bedarf für mich und meinen Haushalt hier an meine Gläubiger gesandt worden. Ich habe eine ganze Schaar solch bellender Hunde, denen ich jetzt das Maul stopfen muß. Denn Sie müsten wissen, daß ich, bis ich hierher kam, ein großer Lump war. Man hat mich deshalb vom Regimente fortgejagt.“

„Ach,“ sagte mit einem sehr tiefen und schmerzlichen Seufzer der Vicomte, „das ist schlimm, sehr schlimm!“

„Nicht so schlimm, wie es aussieht. Ich glaube, mein Rentmeister hat demnächst bedeutende Geldsummen aus den im verflossenen Winter gemachten Holzschlägen einzunehmen. Die Sache ist also einfach: ich gebe dem Rentmeister Befehl, diese Zuflüsse aufzustauen, bis sie auf die Höhe von zweitausend Thalern gewachsen sind. Diesen Zeitpunkt warten Sie hier ab.“

„Ich bat nur um tausend.“

„Die werden nicht reichen – tausend würden weggeworfen sein, während zweitausend Sie eher in den Stand setzen werden, Ihr Recht in Frankreich durchzusetzen und dann mir den Vorschuß zurückzuerstatten. Ich habe Ihnen gesagt, weshalb ich darauf, auf die Rückerstattung, halten muß.“

Der Vicomte sah sehr betroffen aus.

Graf Ulrich lachte.

„Entsetzt Sie der Gedanke so, daß Sie nun einige Tage, vielleicht Wochen lang mein Gast sein müssen?“

„Es ist mir in der That peinigend, Ihre Güte so sehr in Anspruch nehmen zu müssen …“

„Ach,“ sagte Graf Ulrich fast unwillig, „beruhigen Sie sich doch darüber. Sie sehen ja, wie, sehr ich hier allein bin, wie dankbar ich Ihnen und Ihrer Tochter sein muß, wenn Sie mir ein wenig Gesellschaft leisten. Es ist ja ganz klar, daß ich Ihnen damit ein Opfer zumuthe, diese monotone Einsamkeit zu theilen. Doch hoffe ich, daß ich’s darf, ohne mir zu große Gewissensbisse machen zu müssen, da Sie selbst nicht an große gesellige und andere Lebensgenüsse gewöhnt sein können während Ihres Lebens in den letzten Jahren; und so hoffe ich, Sie werden mit Schloß [452] Maurach vorlieb nehmen. Also abgemacht! Ich gehe, meinen Rentmeister zu instruiren.“

Der Graf verbeugte sich leicht und verließ den Bibliotheksaal.

„Das heißt, Du solltest Gott danken, daß man Dich armen Vagabunden hier als Gast aufnimmt!“ flüsterte der Vicomte, von diesen letzteren Worten tief verletzt, und noch eine Weile zerstreut auf derselben Stelle stehen bleibend.

In dieser Deutung und Auslegung seiner harmlos hingeworfenen Worte hätte Graf Ulrich, wenn er sie vernommen hätte, eine Antwort finden können auf seine vorhin dem Vicomte gestellte Frage, ob das Leid und die Schicksalsschläge ihn gehoben, geläutert und besser gemacht. Sie hatten ihn jedenfalls sehr mißtrauisch und verletzlich gemacht!

Auch er verließ jetzt den Saal. Er eilte, um seine Tochter aufzusuchen und ihr den Erfolg seiner Unterredung mit dem Schloßherrn mitzutheilen, auf den sie so sehr gespannt sein mußte, und um zu hören, wie sie diesen Erfolg aufnehmen würde.




6.

Der Vicomte fand seine Tochter in einem alterthümlich aussehenden Zimmer im rechten Flügel des Hauses, der, an den großen Eckthurm angesetzt, im rechten Winkel nach vorn vorsprang; zwei Fenster gingen nach dem Hofe hinaus, ein drittes nach außen in’s Freie gehende gewährte dieselbe Aussicht, wie man sie aus dem Mittelsaale mit den chinesischen Tapeten hatte. Das machte diesen für Fremde bestimmten Raum sehr freundlich; sonst aber sah er ein wenig verstaubt und verdunkelt aus; die Möbel waren sehr schwer und sehr altfränkisch und die Ueberzüge sehr verschossen; die Fenster hatten schwere Läden, aber keine Vorhänge, und ein großer leerer Kamin gab dem Ganzen etwas Unwohnliches. Die Wände waren mit Hautelisse-Tapeten, welche im letzten Jahrhundert ihres farbenreichen Daseins auch ein wenig von ihrer Frische verloren hatten, bekleidet. Sie stellten Scenen aus der heiligen Schrift dar, und über dem Kronenräuber Ahab war ein schlechter Kupferstich gehangen, der den Großherzog Murat im ganzen Glanze seiner theatralischen Ritterlichkeit darstellte – gewiß hatte nur der wohlgemeinte Wille, die loyale Gesinnung der Schloßbewohner an den Tag zu legen, den neuen Landesvater in dem Zimmer angebracht, das als Hauptfremdenzimmer so oft durchreisenden Beamten, Inspectoren oder Officieren marschirender Truppen eingeräumt wurde.

Melusine saß an einem runden Tische in der Mitte des Zimmers; sie hatte Schreibzeug vor sich, die zu excerpirenden Urkunden lagen daneben; doch saß sie, das Kinn auf den Arm gestützt, ohne zu arbeiten – die Spannung auf das Ergebniß der Unterredung, welche sie in diesem Augenblicke zwischen ihrem Vater und dem Hausherrn voraussetzen durfte, mochte ihr nicht die Ruhe lassen, sich anderen Dingen zuzuwenden.

Als der Vicomte eintrat, sah sie ihn mit fragenden Blicken und leise erblassend an, ohne ihre Stellung zu verändern und ohne ein Wort zu sprechen.

Er warf sich tief aufathmend und wie erschöpft auf den Stuhl ihr gegenüber.

„Ich habe mit ihm geredet,“ sagte er leise. „Mein Gott, wohin kann die Noth uns bringen! Zu welchen Demüthigungen!“

„Und noch dazu umsonst!“ rief Melusine erschrocken über dieses Wesen ihres Vaters aus.

„Nicht das,“ sagte er. „Nein, nein! Beruhige Dich! – Seine Antwort war eine überraschend gütige, wenn sie nicht wieder eine überraschend schlimme gewesen.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Er behauptet die Summe, deren wir bedürfen, nicht zu besitzen.“

„Ah! In der That?“

„Aber er will uns dennoch das Doppelte hergeben; nur sollen wir warten, bis sein Rentmeister sie beschafft.“

„Wie lange soll das währen?“

„Vielleicht Wochen!“

„O mein Gott … Wochen lang soll sich für uns diese peinigende Situation, dies drückende Bewußtsein, daß wir hier eigentlich eine treulose, abscheuliche Rolle spielen, ausdehnen?“

„Können wir etwas Anderes thun, als uns darein ergeben? Ich sagte Dir, er will uns das Doppelte dessen, was ich erbat, geben …“

„O, das ist es eben, diese großmüthige Arglosigkeit in einem sonst rückhaltslosen und abstoßenden, in Egoismus verwilderten Charakter …“

Der Vicomte krampfte schmerzlich seine Hände zusammen.

„Du hast Recht,“ sagte er. „Wie arglos giebt er uns diese Documente da; wie eifrig war er, mir sein ganzes Archiv zu öffnen! – Und wir, die wir kommen, um ihm den Krieg zu bringen, und dazu als Waffen eben dieser Documente bedürfen!“

„Wir werden uns zum strengsten Gesetz machen,“ fiel Melusine ein, „nur das zu nehmen, was wir bedürfen, um unser Gut in Berry ausgeliefert zu erhalten, um uns dort als die Eigenthümer oder Erben zu legitimiren. Wir wollen seiner Güte nur das verdanken. Und, Vater, wäre es denn ein so Großes, wenn wir unsere Gedanken ganz auf diesen nächsten Zweck beschränkten? Wenn wir unser Gut in Berry zurückerhalten haben und wenn es hinreicht, uns bequem und sorgenfrei leben zu lassen – wäre es dann nicht das Weiseste und Edelste, uns zu begnügen und über unsere Ansprüche auf diese Herrschaft Maurach zu schweigen?“

„Wie … ganz zu verzichten?“

„Hatten wir denn ursprünglich Rechte darauf? Sind die Rechte dieses Grafen Ulrich nicht ältere und deshalb vielleicht auch bessere als die unsrigen?“

„O nein, nein – das Gesetz giebt uns …“

„Ein neues, ein revolutionäres Gesetz, für das wir nicht eintreten können, ohne unsere Ueberzeugungen zu verleugnen, ohne uns selbst unritterlich zu erscheinen. Wäre dies neue Gesetz, das dem alten Lehnswesen ein Ende gemacht und uns als die eigentlichen Erben berufen hat, ein Ausdruck unserer Grundsätze, dann wäre es etwas Anderes.“

„Mein Kind,“ unterbrach sie der Vicomte, „der Grundsatz eines Edelmanns, der sein Haus aufrecht erhalten oder, wenn es gefallen ist, es wieder zu Ehren bringen will, muß vor Allem sein, sein Recht zu behaupten, unbeugsam und bis zur Härte streng für sein Recht einzutreten. Ohne rücksichtloses Festhalten daran, ohne zähes Vertheidigen kommen die Menschen und vor Allem die Familien unter die Füße und gehen zu Grunde. Sprich mir nicht davon. Ich habe ja hier auch nicht allein ein Recht zu vertheidigen, sondern auch eine Pflicht zu erfüllen, die Pflicht gegen Dich und Deine Zukunft.“

„Wenn ich Dich davon frei spräche …“

„Da es eine Pflicht gegen Dich ist, darf ich auf das, was Du darüber sagst, nicht hören!“

Melusine schwieg.

„Er hat Dir nichts darüber gesagt, wann er im Stande sein würde, Deinen Wunsch zu erfüllen, wann wir ein Ende für diese peinvolle Lage hoffen dürfen?“

„Nichts Bestimmtes – als daß es Wochen lang dauern könne.“

„Und er hat Dir freiwillig zweitausend statt tausend Thaler versprochen?“

„So ist es – weil tausend nicht reichten.“

„Aber damit zweitausend Thaler beschafft werden, haben wir doppelt so lange hier zu sein, als wenn es sich blos um tausend handelte!“

„Vermutest Du eine Absicht dabei?“ fragte der Vicomte mit einem scharfen Blick in’s Auge seiner Tochter; „die Absicht gar, Dich um so länger hier zu fesseln?“

Sie zuckte gedankenvoll die Schulter, und blickte dabei zum Fenster hinaus.

„Ich denke,“ sagte sie dann, „wir können uns darein fügen, weil wir um so länger Gelegenheit erhalten, den Charakter dieses Mannes zu ergründen. Wenn er in der That so ist, wie er scheint, so werden wir am Ende weniger Gewissensscrupel dabei zu empfinden haben, daß wir darauf ausgehen, diese schöne Herrschaft mit all’ den Menschen, die davon abhängen, aus den Händen eines wilden jungen Mannes, der sie zu Grunde richten würde, zu nehmen!“

„Das ist eine sehr richtige Bemerkung, mein Kind,“ versetzte eifrig der Vicomte, sehr bereitwillig die Sache von diesem Gesichtspunkte aus anzusehen; und je mehr Beruhigendes für sein Zartgefühl in diesem Standpunkte lag, desto geneigter war er, das Urtheil seiner Tochter über den Charakter des Grafen Ulrich zu theilen und es mit jedem Tage, den er in Maurach zubringen würde, sich selber unbewußt schärfer und härter zu machen.

Gewiß war auch Melusine ganz ebenso geneigt und bereit [453] dazu, an Graf Ulrich Maurach den Maßstab einer recht strengen und hartherzigen Beurtheilung zu legen. – Sie seufzte tief auf – dann wie sich aufraffend, schob sie die Arbeit, welche sie sich vorgenommen, näher und sagte: „So könnten wir uns denn diese Auszüge mit aller wünschenswerthen Muße anfertigen.“

„Und ich hätte Muße, einen wahren Schatz kostbarer und seltener Werke auszubeuten, die ich oben in der Bibliothek fand,“ bemerkte der Vicomte und erhob sich, um zu diesem Schatze zurückzukehren.

(Fortsetzung folgt.)




Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 31. Ein Waldkleeblättchen.


Die Gartenlaube (1870) b 453.jpg

Ein Kleeblatt im Walde.
Nach der Natur gezeichnet von Guido Hammer.


Der Juni, in Bezug auf die Jagd ein recht eigentlicher Brachmonat, bietet dem Waidmann, ist er eben nicht blos ein herzloser Todtschießer, dennoch manchen Hochgenuß dar. Ist’s doch die Zeit, wann das Rothwild – hier im Gegensatz zu dem Schwarzwild, also im weitesten Sinne genommen und demnach Reh- und Damwild mit inbegriffen – Mutterfreuden erlebt und dadurch dem beobachtenden Jäger bei Betrachtung des daraus hervorgegangenen engeren Familienlebens die mannigfaltigsten und lieblichsten Bilder bietet. Wenn in dieser Beziehung speciell das Edelwild, seines Namens auch hierin würdig, bei sorglichster Zärtlichkeit und unbefangenem Frohsinn zwischen Mutter und Kind – selten giebt’s bei dieser Gattung mehr als einen Sprößling, zugleich – ein immerhin gewisses ernstes Gebahren bewahrt, so macht sich beim Reh, dem harmlos sanften, vertraulichen und doch so schüchternen, [454] ein vorzugsweise munteres Treiben bemerkbar, wenn das, ihm fast regelmäßig bescheerte Zwillingspärchen in tollster, aber immer anmuthig bleibender Ausgelassenheit die treuäugige Pflegerin umspringt; das Damwild hingegen bietet wiederum einen ganz besonderen Reiz dadurch dar, daß bei ihm zu dem nicht minder traulichen, kosenden Zusammenleben von Stammhalterin und ihren Herzblättchen – denn auch diese Wildgattung „setzt“ gewöhnlich zwei, ja zuweilen, wie auch das Reh, gar drei Kälbchen auf einmal – die abwechselndste Verschiedenartigkeit der Färbung zwischen Alt und Jung dazu kommt und dadurch den Anblick einer solchen Gruppe in hohem Grade fesselnd macht.

Da sieht man denn wohl ein sogenanntes „buntes“, durch seine regelmäßig vertheilten weißen Flecken im rothen Haar so anmuthig gezeichnetes Stück Wild mit weißem oder vielmehr isabellfarbenem Kälbchen; oder es leuchtet aus dunklem Dickicht ein schneeweißes Thier hervor, das verschiedenfarbige z. B. bunte und schwarze Nachkommenschaft umspielt. Da nun zumal das Damwild die Hauptbevölkerung von eingehegten Wildbahnen und Thiergärten bildet und dabei an und für sich – bei aller Schlauheit für den Nothfall – die frömmste Wildsorte ist, wird es, mit einiger Vorsicht, nicht schwer fallen, uns einem in weiter Ferne sichtbar werdenden Kleeblättchen oben gedachten Wildes auf so weit zu nähern, um es mit Hülfe eines guten Glases scheinbar unmittelbar an uns heranzurücken und so jede Bewegung, jeden Zug der schmucken Thiere genau betrachten zu können. Und siehe da, bald ist unser Plan gelungen! Ein weißes Stück ist es nebst zwei gefleckten Kälbchen, an die wir uns so nahe hinangepürscht haben, daß wir uns gern dem Zauber des in reizendster Umgebung gebotenen lieblichen Bildes mit ganzer Seele hingeben können.

Das alte Thier vor uns hat sich unter tief herabhängendem Fichtengezweig „niedergethan“, ebenso der eine seiner sonst so ruhelosen Schützlinge, und zwar dicht angeschmiegt an die sanftäugige milchfarbene Mutter, die ihm soeben mit graciösester Bewegung die Stirn seines niedlichen Köpfchens – küßt hätte ich bald gesagt – sanft leckend glättet. Unmittelbar daneben aber steht das brüderliche Gespons, welches, vor sich neugierig in die blaue Ferne äugend, im nächsten Augenblick schon sich ebenfalls, eng an die Schulter der ruhenden Schützerin anrückend, in’s weiche Moos bettet. So ruhen sie lange, auf’s Traulichste vereinigt, am schattig heimlichen Orte, während auf den gleich dahinter liegenden Gehauen und Brüchen die volle Gluth der Sommersonne liegt, daß die erhitzte Luft flimmernd über den von Kreuzkraut und Schmälen umwucherten alten silbergrauen Stöcken der Waldblöße, wie über den mit Wollgräsern durchwebten Semmen des weiten Moores erzittert. Draußen aber, unter dem vollen Glanze eines wolkenlosen Himmels, liegt der blaue schilfgesäumte, waldumschlossene See, über dessen spiegelnder Fluth die weißen Möven kreisen oder pfeilschnell nach der Oberfläche niederschießen, den mit schärfstem Blick erspähten Raub im Nu zu fassen.

Endlich scheinen die Fliegen, eine Hauptplage alles Wildes, der trauten Gruppe ihr erwähltes Plätzchen zu verleiden, denn plötzlich erhebt sich das alte Thier anmuthigen Schwunges, und die Kleinen folgen ihm in jugendlicher Raschheit. Alle Drei ziehen, dabei immer noch, wie im Sitzen, unaufhörlich die Gehöre hin und her bewegend und mit den „Blumen“ wedelnd, dadurch das lästige Geschmeiß, das sie auch im Weiterschreiten noch umschwirrt, möglichst abzuhalten, langsam in einen dunkelschattigen Fichtenbestand. Auch hierhin folgen wir ihnen mit den Blicken und sehen nun, wie das geschwisterliche Pärchen einander in neckischer Ungebundenheit im Kreise um die Mutter herumjagt, zuweilen auch in seiner tollen Scherzerei weit vorauseilend oder zurückbleibend. Dann eilt das sorgliche Thier trollend seinen ausgelassenen Wildfängen nach oder, ängstlich zurückblickend, ruft es sogleich die Säumigen mit fast klagend klingender Stimme an sich heran, was denn auch folgsam von den fiepend antwortenden Nachzüglern beachtet wird, die nunmehr unter dem unmittelbaren Schutze der Mutter ihr loses Spiel fort treiben.

So durchschreiten und durchspringen die Ungestörten Dick und Dünn, dabei hier und da ein saftiges Hälmchen oder Blättchen äßend, bis das Thier wieder einmal an einem einladenden Plätzchen, im kühlen Schatten einer dichten Buche, Ruhe suchend, sich von Neuem niederthut, während die Kälbchen in noch lebendiger Frische nicht aufhören, sich lustig umherzutummeln, bis auch sie endlich ermüdet der Mutter folgen, und nun Beide, die schalkhaften Köpfchen auf den Rücken der Mutter auflegend, in vollster, sorgloser Bequemlichkeit der süßen Ruhe pflegen. In solchem Wechsel von Spiel und Ruhe, wozu noch das oftmalige Trinken an der immer willigen Ernährerin kommt, geht der Tag hin, und der herannahende Abend mit seinen erquickenderen Luftströmungen veranlaßt endlich unser Trifolium aus dem stillen Düster des Waldes hinauszutreten auf die weiten Brüche am kühlen See. Denn nun wird es rege in der Thierwelt, namentlich unter dem Gevögel auf dem See. Da hört man Enten aufsteigen und schwirrend und pfeifend durch die Luft sausen, um weithin lautschallend wieder in ihr plätscherndes Element einzufallen. Oder im Geröhricht, nahe am Ufer, rudert eine alte Stockente mit ihrer Kette leise raschelnd dahin, während über ihr die Rohrsperlinge lärmend umherflattern. Auch die Reiher, die, von ihrem Anstande heimkehrend, über die weite Fluth hinwegziehen und dabei dann und wann ihren so melancholisch klingenden schrillen Schrei ertönen lassen, ehe sie auf die übergehaltenen alten hohen Föhren, ihre Forstbäume, die stellenweise den dichtgeschlossenen Wald am Ufer des Sees überragen, zu ihrer Nachtruhe aufhaken, geben dem Ganzen einen wundersamen Reiz.

Stiller und stiller wird es ringsum. Nur noch das eintönige Quaken der Frösche und das die Luft durchschwirrende Zirpen der Grillen klingt wie eine durchgehende einlullende Stimme der weiten Natur durch den im Uebrigen nun gänzlich verstummten Wald, und auch wir lassen uns dadurch an den Heimweg zum häuslichen Heerd ermahnen, dort die müdgewordenen Glieder zu strecken. Zuvor aber suchen wir noch einmal unsere Wildgruppe zwischen den Semmen und Riedgräsern, die die Kleinen freilich fast gänzlich decken, auf, und finden sie auch trotz vorgeschrittener Dunkelheit bald aus der Umgebung von anderem Wilde, Alt und Jung, das jetzt die Blößen bevölkert, heraus. Doch Alle stehen zu entfernt, um eingehenderer Beobachtung zugänglich zu sein und so wenden wir nur noch einzelnen näherstehenden starken Schauflern, die am Geröhricht sich äßen, einen Blick zu, wie nicht minder einem am Ausläufer des Sees herausgetretenen Edelhirsche, der eben eine Einbuchtung durchschreitet, wobei die von ihm gezogene silberne Wasserfurche noch deutlich zu uns herüberblinkt.

Inzwischen ist, wenn auch nicht eigentliche Finsterniß eingetreten – denn es ist ja die Zeit der kürzeste Nächte – doch die Natur mehr und mehr verschleiert worden, so daß das Auge die Ferne nicht mehr zu durchdringen vermag und deshalb unwillkürlich Ruhe sucht. Darum scheiden auch wir vom trauten, herzigen Walde, dem treuen Berger des schönen, nicht nur Waidmannsaugen erfreuenden Wildes.




Die Diätetik der Vegetarianer.
Oeffentlicher Vortrag, gehalten in der Universitäts-Aula zu Freiburg von Professor O. Funke.


Meine Damen und Herren!

So oft sich mir bisher die Gelegenheit geboten hat, vor einem solchen Kreise hochgebildeter Laien irgend eines der zahlreichen Räthsel des Lebens zu entziffern, bin ich mit wirklicher Freude an die Lösung meiner Aufgabe gegangen. Nicht so heute, wo ich es unternehme, eine neuerdings wieder einmal unter dem Unfehlbarkeitsstempel mit großem Marktgeschrei als alleinseligmachend angepriesene Diätetik, die Diätetik der sogenannten „Vegetarianer“, oder wie sie sich mit einem nur halbberechtigten Euphemismus noch lieber nennen, der „Freunde natürlicher Lebensweise“, einer physiologischen Kritik zu unterziehen und gegen die dreiste Behauptung, daß ihre Lehre auf lauterer physiologischer Wahrheit ruhe, Protest einzulegen. Ich gehe ohne die gewohnte Freudigkeit an dieses Thema, hauptsächlich, weil mir das kleinlaute Motto vor den Ohren summt:

„Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.“

Ich lese es in den prophetischen Mienen der Vegetarier, [455] welche in diesem Saale sich eingefunden haben, daß sie mit dem anderen Motto:

„Die Botschaft hör’ ich wohl,
Allein mir fehlt der Glaube,“

unbeirrt zu ihrem geliebten Kohl zurückkehren und mit gleicher souveräner Verachtung wie bisher auf die „Ritter vom Fleische“ herabschauen werden. Denn kein Vorurtheil in der Welt ist zäher, als das, welches sich Laie und Laiin auf Grund verschleppter Traditionen und eingebildeter Selbsterfahrungen über die Erfordernisse ihrer Leibeswohlfahrt groß gezogen haben, zumal wenn sich dasselbe mit einem respectablen Mäntelchen bunt zusammengeflickter, halb- oder mißverstandener, halb- oder unpassender physiologischer und pathologischer Lehrsätze herausputzen läßt.

Daß ich trotz alledem das bezeichnete Thema gewählt habe, hat einen doppelten guten Grund. Einmal hielt ich es für eine Pflicht, den vielfachen Anfragen, welche an mich wie an meine Fachgenossen von Unbefangenen, aber auch mit anerkennenswerther Ehrlichkeit von Vertretern des Vegetarianismus selbst über die Stellung der Physiologie zu dieser Lehre ergangen sind, öffentlich zu antworten; zweitens – und das lassen Sie mich besonders betonen – verdient diese Lehre in mehrfacher Hinsicht eine ruhige achtungsvolle Kritik. Es ist kein gewöhnlicher Humbug, keine betrügerische Speculation von Charlatanen, kein Mesmerismus, kein Gallismus – auch kein Impfprotest. Es liegt unter ihrer Spreu manch’ Körnlein gesunder Wahrheit und vor Allem ein tiefer sittlicher Ernst, dem wir unseren Respect nicht versagen dürfen. Indem ihre Jünger in vollster Ueberzeugung einer „natürlichen Bestimmung“ des Menschen zu folgen glauben, und eine sittliche Genugthuung darin finden, ihrer Abneigung gegen die Vernichtung fremden Lebens zur Erhaltung des eigenen gerecht zu werden, machen sie am eigenen Leibe mit mancher herben Entsagung die Probe auf ihr Exempel. Nicht in den Motiven, nicht in der Art der Ausübung liegen die Schwächen des Vegetarianismus, sondern in einer unglücklichen Verschmelzung von Wahrem und Falschem und Entstellung von Wahrem zu Falschem in seinen Grundsätzen, in einer durch und durch den Dilettantismus verrathenden Einseitigkeit, Oberflächlichkeit und Mangelhaftigkeit der angestrebten Beweisführung, endlich in der praktischen Unmöglichkeit seiner allgemeinen Durchführung.

Wie lautet nun das Programm der Vegetarianer? Wenn diese Herren nichts weiter behaupteten, als etwa Folgendes: wir kleines Häuflein Sonderlinge haben in Sachen unserer Leibesnahrung für uns beschlossen, ausschließlich von Pflanzenspeise (und allenfalls Milch) zu leben, uns Alles, was vom getödteten Thiere stammt, sowie jedes sogenannte Reiz- und Genußmittel, als da sind: Kaffee, Thee, Bier, Wein, Salz, Pfeffer und dergleichen, zu versagen, weil uns speciell diese (Notabene für unseren Geldbeutel äußerst zuträgliche) Kost, wenn wir uns (mit oder ohne heimliche Ueberwindung) daran gewöhnt haben, behagt, weil uns unsere und unserer Vorgänger Erfahrung lehrt, daß wir dabei ohne merkliche Beeinträchtigung unseres leiblichen und geistigen Wohlbefindens bestehen können, weil unser Gefühl uns verbietet, Veranlassung zur Tödtung lebensberechtigter Thiere zu geben (soweit wir nicht ihrer Haut zur Bekleidung unserer Gehwerkzeuge bedürfen), – wenn, sage ich, darauf das Programm sich beschränkte, so ließe sich nicht viel dagegen einwenden. Wir hätten dann nicht einmal Veranlassung, von ihnen den schwer beizubringenden Beweis zu fordern, daß sie sich besser befinden, als ein mäßiges Menschenkind, welches mit sogenannter gemischter Kost sein Dasein fristet. Aber so zahm und bescheiden ist der Vegetarianismus nicht. Er gebietet dilatorisch: Alle Menschen auf Erden müssen zu ihm übertreten, weil die von ihm vorgeschriebene Lebensweise die einzig gesunde, von Gott und Natur für alle Kinder Eva’s bestimmte sei. Er behauptet, die Autorität Cuvier’s als Medusenhaupt vorhaltend, die ganze Organisation des Menschen, insbesondere die Einrichtung seiner Verdauungswerkzeuge, der Zähne und des Darmcanals sei unzweideutig die eines ausschließlichen Pflanzenessers, wie die des menschenähnlichsten Thieres, des Affen, welcher factisch nur von Vegetabilien sich nähre. Er behauptet, die Pflanzenkost und zwar nur die Pflanzenkost bei Vermeidung aller, auch vegetabilischer Reizmittel biete dem Menschen alle Bedingungen zu einem völlig normalen Ablauf seiner Lebensprocesse, möglichste Sicherheit vor krankhaften Störungen derselben, Garantie für ein hohes Alter in leiblicher und geistiger Gesundheit, wie einem gesunden Menschenverstand eigentlich ohne Weiteres einleuchten müsse, zum Ueberfluß aber noch durch eine bis auf Pythagoras den Weisen und weiter zurückzudatirende Erfahrung und das Experiment am eignen Leibe bewiesen werde.

Nun die Kehrseite des Programms! Der strenge Vegetarianismus verwirft absolut alle animalische Kost, der gemilderte, da das Abstellen und Verurtheilen von Milch, Butter und Käse eine äußerst mißliche Sache ist, nur Alles, was vom getödteten Thier stammt, vor Allem das Fleisch. Warum? Aus drei gewichtigen Gründen: erstens, weil es eben nicht Pflanze, d. h. nicht das Material, für welches angeblich unser Speiseapparat eingerichtet ist, zweitens, weil es „unmoralisch“, ja „kannibalisch“, ein Thier zu tödten, um es zu verzehren, und drittens, weil das Fleisch und Alles, was dazu gehört, ein furchtbares, wenn auch schleichendes Gift für Leib und Seele! Ja, meine Damen und Herren, jedes echte Haar sträubt sich zu Berge, wenn wir lesen, welche Legion scheußlicher Gespenster die Vegetarier aus dem Fleischgenuß über uns „Sarkophagen“[1] – das ist ihr Lieblingsschmeichelwort für uns – heraufbeschwören. Der erste Schluck Bouillon, den man uns als Kindern eingeflößt, war das kleine Steinchen, um welches die rollende Zeit eine Lawine verderblicher Genüsse zusammengeballt hat, welche schließlich Leib und Seele begräbt. In jedem Stückchen Fleisch lauern nicht allein Trichinen und Bandwürmer, Typhus und Schwindsucht und das ganze Heer der Menschenpestilenzen, begierig den Leib zu vernichten, den wir durch die verbotene Speise in ein „Gefäß der Fäulniß“ verwandelt haben, nein, wer Fleisch ißt, riskirt noch weit Aergeres. Ein solches „Menschenraubthier“ wird zum Gourmand, zum Schlemmer, zum Säufer, zum Wüstling, zum Verbrecher! Die Logik dieser entsetzlichen Stufenleiter klingt etwa folgendermaßen: Alle Nahrungsmittel sind Reizmittel, die natürlichen, d. h. eben die, welche die Vegetarier so nennen, gesunde, nützliche, die „unnatürlichen“, in erster Reihe das Fleisch, ungesunde, – von den Beweisversuchen dafür später!

Wer einmal ein Reizmittel genießt, dem geht es, wie bei jeder Sünde, er bleibt dabei nicht stehen, er greift nach weiteren, immer kräftigeren, immer verderblicheren. Er greift zum Salz und zum Pfeffer, und da wir weder als Seekrebse noch als Pfefferfresser organisirt sind, werden diese harmlosen Gewürze, zu denen der „Instinct“ alle naturwüchsigen Völker treibt, selbst in mäßiger Gabe zum Gift. Er greift weiter zum Essig, zum Thee, zum Kaffee, zum Tabak und endlich, indem er sich vom letzten Rest natürlicher Menschlichkeit häutet, – zum Spiritus. Das gesalzene und gepfefferte Fleisch, drastisch durch eine Portion „Gulasch“ repräsentirt, macht Durst; solchen Durst löscht nicht mehr Wasser, Limonade und Mandelmilch, nur Wein, Bier, Schnaps! Und nun verlassen den verpesteten Leib, wie die Ratte das sinkende Schiff, alle guten Geister, nun ziehen sie ein in die verfallende Ruine, die Siechthümer, Blödsinn, wilde Leidenschaften, „carnivore Rohheit“, Irreligiosität und die ganze bunte Sippe der Laster. Daher alle die schwere Noth der Zeit, die mit dem Aufblühen der Cultur wachsende körperliche und moralische Verkommniß, die steigende Hochfluth der Verbrechen, die Zunahme des Wahnsinns, der Selbstmorde etc. etc. „Es ist noch lange nicht vorüber, ich kenn’ es wohl, so klingt das ganze Buch!“ Und woher das Heil? Woher die Abwehr des allgemeinen Menschenbankerotts, die Erlösung für die „verweichlichte, lasterzerfressenen Völker“? Nur in der Rückkehr zur natürlichen Lebensweise, zum Vegetarianismus!

Wer da meinen sollte, ich habe übertrieben oder entstellt, der lese einmal die Tractätchen des Herrn Th. Hahn, und er wird meine Skizze matt und farblos finden gegen die blendenden, saftigen Knalleffecte, mit welchen dieser „Naturarzt“ zu malen versteht. Ueberall findet er bis zum Ueberdruß dem engelreinen Mustervegetarianer gegenüber die ekelhafte Carricatur eines wüsten Schlemmers auf die Wage geworfen, was allerdings wohlfeiler und weit effectvoller ist, als eine objective Abwägung der Vegetarier gegen die Millionen schlichter Menschenkinder, welche mäßig von gemischter Kost leben, und von den verpönten Reizmitteln die wirklich schädlichen entweder meiden oder in bescheidener Dosis genießen. Und Angesichts solchen Gebahrens der Vorkämpfer des Vegetarianismus müssen wir, die wir mit gerechtem wissenschaftlichen Maße messen wollen, es uns bieten lassen, daß ein anderer Prophet dieser Confession uns zuruft: „Wer bei leidlich gesunden Sinnen den Inhalt der Hahn’schen Schriften durchdenken kann und im Wesentlichen nicht von der Richtigkeit (d. h. der ausschließlichen Richtigkeit) der [456] natürlichen Diät überzeugt ist, der entschuldige, wenn ich an seiner Denkfähigkeit oder aber an seiner Wahrheitsliebe zweifle.“ In der That, meine Damen und Herren, eine ganz abscheuliche Alternative, zwischen welche ich mich leichtsinnig begebe. Hier die Scylla der Dummheit, dort die Charybdis der Heuchelei. Sie mögen richten, welche mein gebrechliches Fahrzeug verschlingt! Also zur Sache!

Zur richtigen Würdigung irgend einer diätetischen Lehre gehört streng genommen ein möglichst genaues Verständniß des ganzen Ernährungsprocesses, soweit derselbe von der Wissenschaft erschlossen ist. Ein solches Verständniß müßte ich eigentlich bei Ihnen voraussetzen, oder einleitungsweise zu geben versuchen; ersteres darf ich nicht, letzteres kann ich in der kurzgemessenen Frist nicht, und darin liegt eine gefährlichere Scylla und Charybdis für mich, als die vorhin angedrohte. Zum Glück bewegt sich nur ein Theil der Discussion auf dem Boden der strengen Ernährungsphysiologie, während ein anderer Theil derselben neutrales Gebiet ist, auf welchem der Vegetarianer in schönster Harmonie dem Physiologen die Hände reicht. Immerhin muß ich Sie bitten, einige wissenschaftliche Angaben ohne ausführliche Begründung mit dem guten Glauben, daß ich keinen Schmuggel mit unechter oder zweifelhafter Waare treibe, von mir hinzunehmen.

Um Sie aber doch einigermaßen auf den allgemeinen Standpunkt zu stellen, von welchem aus der Physiolog an eine diätetische Kritik geht, und um Ihnen eine wenn auch flüchtige, doch stellenweise unappetitliche Wanderung durch Küche und Keller unseres Leibes zu ersparen, will ich Ihnen in einem durchweg saubern Bilde, welches ein geistvoller Fachgenosse bis in’s kleinste Detail der Stoff- und Kraftökonomie des Lebens angepaßt hat, die Grundzüge derselben in Kürze anschaulich machen.

Der lebende Körper des Menschen oder Thieres gleicht einem Hause, in welchem eine Dampfmaschine aufgestellt ist, bestimmt, außer gewissen Nebendiensten im Hause selbst, eine äußere Arbeit zu verrichten, z. B. Wasser aus einem Schacht zu heben. Für eine längere Betriebszeit, in welcher Alles in gleichem Stande bleibt, muß gerade wie bei unserem Körper, wenn derselbe z. B. im Verlauf eines Jahres an Gewicht weder zu- noch abnimmt, die Quantität der von außen in das Haus eingeführten Stoffe genau der Quantität der in gleicher Zeit aus demselben ausgeführten Stoffe gleich sein. Ebenso muß, was ich hier nicht näher ausführen kann, die Summe der als Wärme und Arbeit von dem Hause verausgabten Kräfte genau die Summe der eingeführten Kraftvorräthe decken. Was wird in das Haus eingeführt? Erstens Sauerstoff der atmosphärischen Luft, welche durch Thüren und Fenster eindringt, zweitens Wasser zur Speisung des Kessels, drittens das Brennmaterial, sei es Holz, Kohle, Torf, Gas etc., welches bei seiner Verbrennung durch den Sauerstoff die von der Maschine als Wärme und als mechanische Arbeit entwickelte Kraft liefert, ferner Oel oder Fett zum Schmieren des Mechanismus, endlich Eisen und andere Metalle zur Reparatur der abgenutzten Maschinentheile. Die stoffliche Ausfuhr aus dem Hause besteht in Luft, Wasserdampf, den gasförmigen Verbrennungsproducten, unter denen Kohlensäure die Hauptmenge ausmacht, unverbrannten oder halbverbrannten oder unverbrennlichen Resten des Heizmaterials, welche mit Rauch und Asche entfernt werden, endlich den Producten der Abnutzung der Maschinentheile und der Schmiere. Ganz entsprechend gestalten sich die stofflichen Einnahmen und Ausgaben unseres Körpers, ihre Wege und ihre Verwendung.

Wir führen durch die Thore des Mundes und der Nase den Sauerstoff der Luft in unsere Lungen und durch sie in unser Blut ein; wir nehmen Wasser, unvermischt, oder mit Kaffee, Alkohol etc. verunreinigt ein, und endlich verleiben wir uns mit unserer Nahrung dasjenige Stoffgemisch ein, welches dem Brenn- und Reparaturmaterial entspricht. Unsere Nahrung muß uns vor Allem die beträchtliche Menge von Heizstoffen bieten, welche, durch den eingesogenen Sauerstoff verbrannt, die einzige Quelle aller lebendigen Kräfte, welche der lebende Organismus entwickelt und verausgabt, bilden, die einzige Quelle der veränderlichen Kraftmenge, welche durch unsere thätigen Muskeln als mechanische Arbeit zur Erscheinung kommt, sei es als innere Arbeit im Hause, wie die Pumpthätigkeit unseres rastlosen Herzens, sei es als äußere Arbeit, durch welche wir eine Last, z. B. die Last des eigenen Körpers, auf eine bestimmte Höhe erheben, die einzige Quelle der ungleich größeren Kraftsumme, welche in Form von Wärme in stetigem Strome dem lebendigen Maschinenhause entweicht, jedenfalls auch die einzige Quelle der lebendigen Kräfte, welche in unserem Seelenapparate als geistige Arbeit frei werden. Ja, meine Damen und Herren, unsere Seele stehe ihrem eigenen Wesen nach so hoch, wie sie wolle, sie sei das selbstständige immaterielle, unsterbliche Princip, als welches sie definirt wird: so lange sie in dieser irdischen Behausung residirt, ist sie mit der in ihrem unmittelbaren Dienst stehenden Hirnmaschine so sclavisch wie das Stückchen Fleisch, das auf ihr Geheiß arbeitet, dem einen, Alles umfassenden Gesetzbuch der Natur unterthan, vor Allem dem obersten unbeugsamen Paragraphen, den wir das Gesetz der Erhaltung der Kraft nennen, so lange muß sie sich jedes Maß von Kraft, welches sie in ihren herrlichen Erscheinungsformen, Empfindungen, Gedanken, Willensäußerungen entfaltet, von den gemeinen Kräften borgen, welche in der materiellen Speise unseres Hauses schlummern.

Zweitens muß unsere Nahrung das Reparaturmaterial bieten, welches die im Hause aufgestellten Mechanismen immer im dienstfähigen Zustande erhält, die im Dienst abgenutzten Bestandtheile der Gewebe und Säfte des Körpers immer wieder ersetzt.

Drittens endlich soll sie auch Bestandtheile enthalten, welche die Rolle der Schmiere spielen, den Ablauf gewisser Lebensvorgänge, z. B. die Absonderung der Verdauungssäfte, erleichtern, die Abnutzung von Maschinentheilen vermindern.

Es wäre leicht zu zeigen, daß sich auch die stoffliche Ausgabe des Organismus, die Ausfuhr der Verbrennungs- und Abnutzungsproducte, der unverbrauchten und unverbrennlichen Reste des eingeführten Materials etc. vollkommen analog der Ausfuhr des Maschinenhauses gestaltet; es wäre von höchstem Interesse zu zeigen, daß auch die Kräfteabwägung des einen mit der des anderen bis auf’s Kleinste übereinstimmt. Allein, so verlockend die weitere Durchführung des Bildes, so würde sie uns doch zu weit von der Hauptstraße entfernen; unser Thema berührt ja nur die Einfuhr in unser Lebensgebäude und zwar nur denjenigen Theil, den wir soeben als Brenn- und Reparaturmaterial und Schmiere bezeichnet haben. Welche chemischen Stoffe im Allgemeinen den in diesem Sinne zu stellenden Anforderungen Genüge leisten und dadurch die Bedeutung von „Nahrungsstoffen“ erhalten, ist längst festgestellt. Wir kennen auch ziemlich sicher die speciellen Rollen, welche die verschiedenen Arten jener Stoffe spielen, wie weit sie als Brenn- oder Baumaterial dienen; wir haben auf dem Wege der Erfahrung die Mengenverhältnisse ermittelt, in denen der eine und der andere eingeführt werden muß, um unsere Maschine in regelrechtem Gange zu erhalten. Hierüber sind glücklicher Weise auch die Herren Vegetarianer in der Hauptsache wenigstens eines Sinnes mit uns. Soweit sie sich überhaupt um solches physiologisches Detail kümmern und es verstehen, beten sie uns Namen und Charaktere der nothwendigen Nahrungsstoffe nach. Unsere Discussion mit ihnen dreht sich nicht um die Nahrungsstoffe, sondern um die Nahrungsmittel, genauer ausgedrückt, um die Frage, welcher natürlichen Bezugsquelle der Mensch die geeignete Mischung jener nothwendigen Nährstoffe entnehmen soll, gerade so, wie wir auch bei einer bestimmten Dampfmaschine, welche ihre Wärmebildner ja ebenfalls in sehr verschiedener Form, als Holz, Kohlen, Torf, Leuchtgas, beziehen kann, die Fragen stellen: Welches Heizmaterial ist das zweckmäßigste bei der gegebenen Einrichtung der Maschine und der Feuerung insbesondere? Welches giebt am besten aus? Und wenn mehrere im Heizwerth gleich stehen, welches ist das billigste, am leichtesten zu beschaffende? Bringt etwa das eine oder das andere durch besondere Eigenthümlichkeiten oder Beimischungen der Maschine Nachtheil? – Sehen wir also zu, ob in der That der Mensch zur ausschließlichen Vegetarierkost verurtheilt ist.

Ueberblicken wir den Haushalt der Thierwelt im Großen, so tritt uns in ausnahmsloser Gültigkeit der oberste Grundsatz: Leben um Leben, oder Leben durch Tod entgegen. Es ist unleugbare Thatsache, daß die Natur, welche nach der gang und gäben teleologischen Anschauung einen zweckmäßigen Haushaltsplan von Anfang der Dinge an vorschrieb, Mensch und Thier darauf angewiesen hat, das zur Erhaltung des individuellen Lebens erforderliche Material von anderen Trägern des Lebens, Thieren oder Pflanzen, und zwar meistens unter Vernichtung ihrer Existenz, zu entlehnen. Dazu gab sie, wie Sie Alle aus dem Elementarunterricht in der Naturgeschichte wissen, jeder Thierform ihre specifische Organisation, ihre eigenthümliche Ausrüstung mit Mordwerkzeugen und sogenannten Instincten, dem Tiger seine Klauen, sein gewaltiges Gebiß und seinen Blutdurst par excellence, der Spinne ihre Spinndrüsen und den wunderbaren [457] Weberinstinct, der Viper ihre Giftzähne etc. Sie wies, wie das teleologische Raisonnement weiter lautet, in gerechter Vertheilung der durch diesen Grundsatz bedingten Calamität, zur thunlichst gleichmäßigen Sicherung aller Lebensformen vor gänzlicher Vertilgung den verschiedenen Thierarten verschiedene Lebenssphären zum Fouragiren an und sorgte umgekehrt dafür, daß jede Art ihren Tribut an den allgemeinen Haushalt, wenn auch in verschiedenem Betrage, zahlt. Sie gab jedem Thiere seine natürlichen Feinde, aber auch Schutzmittel gegen dieselben, oft in demselben Werkzeuge Angriffs- und Vertheidigungswaffe zugleich, und wenn sie eines ihrer Geschöpfe in letzterer Beziehung stiefmütterlich bedachte und ihm ein unverhältnißmäßig hohes Contingent von Schlachtopfern für die große Speisekammer aufbürdete, so entschädigte sie dasselbe durch eine entsprechend gesegnete Fruchtbarkeit.

Nun, das ist abgedroschene Schulweisheit, mit deren Wiederkäuung ich Sie nicht behelligen will. Ich verwahre mich auch ausdrücklich, daß ich der teleologischen Form, in welcher ich gesprochen, eine höhere wissenschaftliche Berechtigung zuerkenne. Ich habe sie gewählt, weil sie dem Laien am geläufigsten ist und am plausibelsten klingt; ich durfte sie gebrauchen, weil auch das Lehrgebäude der Vegetarianer wesentlich auf teleologischem Fundament ruht. Jedenfalls drängen uns solche Betrachtungen die Ueberzeugung auf, daß die Natur bei der Aufstellung und Durchführung des obersten thierischen Haushaltsprincips keine sentimentalen Rücksichten genommen hat. Die Auferlegung des Zwanges, in dem unvermeidlichen Kampfe um’s Dasein fremdes Leben zu vernichten, hat nach menschlichen Begriffen etwas Grausames, und wer die Gesetzgebung der Natur nach dem Gemüthsmaßstab richtet, legt begreiflicher Weise den Schwerpunkt der Anklage in die Anordnung so massenhafter Opfer thierischen Lebens, während die Vertilgung der seelenlosen Pflanzen höchstens dem zartestbesaiteten Frauengemüth nach der Lectüre von Fechner’s „Nanna“ Kummer erregt. Dieser Standpunkt ist im Allgemeinen ebenso erklärlich als harmlos; der Trieb zu anthropomorphosiren, Alles nach menschlichem Maße zu messen und Allem ein menschliches Gepräge aufzudrücken, zieht sich als rother Faden durch alle unsere Anschauungen von dem, was außer uns ist und gedacht wird. Wenn wir ihn aber auch nicht verdammen wollen, müssen wir uns doch hüten, alle seine naiven Consequenzen zu Recht bestehen zu lassen.

Es ist gewiß naiv, wenn wir den Tiger grausam nennen und es ihm als Charakterfehler anrechnen, wenn er ein Menschenleben nicht respectirt, welches doch sicher auf der ihm aufgezwungenen Speisekarte steht. Aber noch naiver ist es, zu behaupten, es sei sündhaft, zu glauben, daß die Natur auch den Menschen angewiesen haben könne, sein Dasein auf Kosten thierischen Lebens zu fristen, es stehe irgendwo in jenem Urgesetzbuch ein Paragraph, welcher dem Menschen als etwas „Unnatürliches, Unmenschliches“ verbiete, Thiere zu anderen Zwecken als zu seiner Vertheidigung zu tödten. Wahrlich, wenn die Natur die Grille gehabt hätte, dieses Verbot auszusprechen, wenn sie, gleichviel aus welchem Grunde, den Menschen zum reinen Pflanzenfresser bestimmt hätte, sie hätte ihrem Meisterstück einen schlechten Dienst geleistet. Nur dadurch, daß sie den Menschen als Omnivoren (Allesesser) schuf, ihn so organisirte, daß er ebensowohl bei reiner Pflanzennahrung, als bei animalischer, als bei gemischter Kost in voller Gesundheit leben kann und seinen Instinct auf Thiere und Pflanzen aller Art leitete, nur dadurch machte sie es ihm möglich, den Kampf um’s Dasein so glänzend zu bestehen, daß sein Geschlecht die ganze Erde überwucherte, in allen Zonen, den gegebenen Verhältnissen sich anpassend, heimisch wurde und so die vielgepriesene Mission als Herr der gesammten Schöpfung erfüllte. Derselbe natürliche Zwang, welcher die Bewohner der Tropengegend zu vorherrschender Pflanzenkost treibt, gebietet den Bewohnern der kalten Zonen ausschließliche oder überwiegende animalische Kost. Wollen die Vegetarianer etwa behaupten, der Eskimo habe die Grenzpfähle des natürlichen Menschenterritoriums überschritten, oder bilden sie sich selbst ein, sie können ihn noch zum „Freund der natürlichen Lebensweise“ heranziehen und er könne als solcher existiren? Wollen sie ihn lehren, wie er dem mörderischen Klima Getreidefelder und Gemüsegärten abtrotzen kann? Oder wollen sie ihn aus unserem Brodkorb, der ohnehin bei dem geringsten Mißwachs für uns schon hoch genug hängt, speisen? Wollen sie ihn, da er nun einmal nothwendig Fett als bestes Heizmittel verzehren muß, um die enormen Wärmeverluste seines Körpers zu decken, wie jeder Nordpolfahrer an sich erprobt, wollen sie ihn mit Olivenöl versorgen, um ihm den wohlfeilen Thran seiner Fische entbehrlich zu machen? In der That findet man in den Schriften der Vegetarianer schwache Versuche, zu beweisen, daß man auch in nördlichen Ländern bei ihrer Diät bestehen könne. Sie berufen sich auf die ackerbautreibenden Finnen, welche bei Brod und Milch gesund leben. Sie citiren nach Virchow die Arbeiter auf den Hochebenen Norwegens, welche sich von Flachbrod und trockenem Käse nähren. Erstens aber ist z. B. gerade bei den Finnen ein hoher Fleischconsum eine notorische Thatsache, und zweitens sind Milch und Käse eben doch animalische Nahrungsmittel – aber, sagt der Vegetarianer, solche, die wir ohne das sündhafte Morden von Thieren gewinnen! Die Sophistik dieser Ausrede ist wirklich äußerst komisch! Weil die Vegetarianer zugeben müssen, daß es ohne Milch auch bei uns schon nicht wohl angeht, haben sie sich in Betreff der Moralität des Milchgenusses einen Ablaßzettel ausgestellt. Sie tödten kein Thier für ihre Küche, aber sie stehlen consequent aus dem Haushalt des Rindviehs das kostbare Material, welches die Natur den mütterlichen Organismus aus seinen individuellen Einnahmen sich abdarben heißt, um es zur Bestreitung neuen kindlichen Lebens seiner Art zu verwerthen. Die weniger Strengen essen sogar Eier und entlasten ihr Gewissen mit der raffinirten Entschuldigung, es sei keine Sünde, ein Leben im Keime zu zerstören, wie wenn der Dieb, welcher aus der Münze die Silberbarren stiehlt, sich damit rechtfertigen wollte, daß es kein geprägtes Geld sei.

Kehren wir wieder zu unserer ökonomischen Betrachtung zurück und überlegen wir einmal ernstlich, was im Laufe der Zeit wohl werden würde, wenn wir, geblendet von seinen goldenen Verheißungen, uns Alle zum Vegetarianismus bekehrten. Wir tödten keine Schweine mehr, wir geben sie frei, lassen sie wieder verwildern und mit ihrem reichen Familiensegen in ungestörter Gemüthlichkeit von unseren Aeckern sich mästen. Wir schlachten keinen Ochsen und kein Kalb mehr und strapaziren unsern Boden, ihren steigenden Futterbedarf zu erschwingen. Wir geben den Schafen und Ziegen und ihren Kindern und Kindeskindern die freie Weide, wir schießen keine Hirsche, Rehe und Hasen mehr und theilen brüderlich mit ihnen die gemeinschaftliche vegetabilische Vorrathskammer – so lange es ausreicht. Ja, so lange es ausreicht! Es bedarf keiner Sehergabe, um zu prophezeien, daß wir sehr bald verzweifelt fragen müßten: Wo bleiben wir? Lassen Sie es sich von Landwirthen und Nationalökonomen ausrechnen, in welchem Zeitraume etwa, trotz möglichst gesteigerter Productionskraft, trotz ängstlichster Verwerthung jeder brauchbaren Scholle, unser Boden für die an ihn gestellten Anforderungen insolvent werden müßte, noch dazu, wenn über die ganze dichte Bevölkerung Europas das Heil der „natürlichen Lebensweise“ ausgegossen wäre, wenn wir Alle in Urgesundheit Methusalem’s Alter erreichten. Sollen wir dann, weil sie uns zuviel von der ihnen angewiesenen Nahrung fressen, die harmlosen Thiere plötzlich als unsere natürlichen Feinde erklären, die Jäger und Metzger als nothwendiges Uebel wieder zu ehren bringen und wieder zu morden anfangen, ohne jedoch das edle Material unserer Opfer zu verwerthen, in neuem höheren Leben wieder auferstehen zu lassen? Das hieße der Natur in’s Gesicht schlagen, nicht aber ihre Gebote ehren.

(Schluß folgt.)




Federzeichnungen aus einem Berliner Skizzenbuche.
1. Mutter Kranzlern.

Flackerndes Laternenlicht, Sturm, Regen, Schnee, Alles in wechselnd schrägen Linien wild durcheinander gepeitscht; die Fußgänger vorn übergelegt dagegen ankämpfend, ihre Hüte haltend und die Falten ihrer Mäntel und Havelocks zwischen den Füßen; die Regenschirme ächzend und seltsame, melonenartige Gestalten annehmend, die Droschkenpferde sogar mit flatternden Mähnen und Schweifen das schwankende Gefährt ruckweise hinter sich herreißend – und das Ganze sich spiegelnd auf Trottoirs und Fahrdämmen [458] in tausend glitzernden, schwarzgesäumten Pfützen. – Keine angenehme Abkühlung für durcheinander strömende Menschen, die mit erregten Sinnen aus dem Theater kommen, wo die Unschuld, wie immer, nach langen und harten Kämpfen triumphirte. Der fallende Vorhang verschloß das süße Mysterium der Bühne, das Stück war da drinnen aus – um hier in Sturm und Regen von Neuem zu beginnen. – Da steht die arme Unschuld rathlos, während der Intriguant und das geschminkte Laster, das sie abgethan glaubte, in die sammetsitzige Kutsche steigen. Sie will eben daran vorüber, als die Pferde anziehen und die sich schnell in Bewegung setzenden Räder mit den Guttaperchabändern sie höhnisch mit Koth bespritzen. – Ein paar Thränen treten wohl der Armen in die Augen, die noch vor fünf Minuten so glücklich lächelten – aber sie schüttelt sie trotzig hinweg, denn in dem Herzen wogt es noch so wonnig zitternd auf und nieder. Noch steht sie einen Augenblick furchtsam überlegend da, dann rafft sie sich erröthend auf, und läßt sich von Sturm und Regen nach Hause peitschen, wo sie in ihrem kleinen Dachstübchen die wonnigen Träume von Neuem hervorzaubert, mit so festem Willen, daß diese gehorsam in ihren Schlummer hinübergleiten.

Dieses Bild flog an meinem Geiste vorüber, als auch ich an solch’ einem Tage aus dem Friedrich-Wilhelmsstädter Theater kam, und ich sah nachdenkend darauf hin, als ein junger Mann mit langem blonden Haar an mich herantrat und mit bescheidenem Gruß sagte: „Gehen Sie in das Brauhaus, Herr Doctor? würden Sie mir gestatten Sie zu begleiten? … ich möchte Ihren Rath in einer wichtigen Sache erbitten!“ – Es war ein junger Musiker, den ich fast nur vom Ansehen kannte, und so war ich ein wenig verwundert. Aber sein seltsam nervöses und aufgeregtes Wesen hatte meine Blicke zuweilen auf ihn gelenkt, und die wenigen Worte, die wir ein paar Mal ausgetauscht (er kannte mich, ohne daß ich wußte wovon), hatten mir gezeigt, daß er zu den Tausenden junger Leute gehörte, welche in der großen Stadt ihr Dasein kümmerlich fristen und dabei träumen von kommendem Ruhm, Reichthum und Größe. – Die Armen! – So ließ ich ihn gewähren, und wir saßen bald in dem großen Saal des Brauhauses an einem kleinen Tisch in der Ecke, und der wüste Lärm der klappernden Seidel und das Gewirr von tausend durcheinander schallenden Stimmen hinderte nicht, daß er sein Anliegen hastig und mit zuckender Lippe hervorbrachte. – Es war, wie ich mir gedacht hatte. Es duldete ihn nicht länger – er wollte hinaus in die Oeffentlichkeit. Das Theater – er war Componist – lockte ihn mit seinem verführerischen falschen Schein; er träumte von einer Oper, die hundert Mal gegeben würde.

„Einen Text,“ sagte er, mit den langen dünnen Fingern auf der Tischplatte concertirend, „einen guten praktischen Text von einem namhaften Autor, und ich bin ein gemachter Mann!“

Ich wußte aus Erfahrung, daß es unnütz sei, meine abmahnende Stimme ertönen zu lassen, und ich versprach deshalb an ihn zu denken, wenn ich etwas hören würde. Dann ließ ich ihn seine Luftschlösser aufbauen, und sah mit müden Augen in das wirre Durcheinander des großen Locals, während er ununterbrochen sprach, von sich – und sich – und seinen hochtrabenden Plänen, wie es Alle thun, die jung und ehrgeizig sind. – Sturm und Regen schienen ihr Spiel draußen noch unverdrossen zu treiben, denn die neu Eintretenden schüttelten sich, wischten mit blöden Augen umherstierend ihre Brillengläser ab, oder spritzten ihre Hüte an dem Fußboden aus. – Unter ihnen war eine alte Frau, die sich ein Weilchen in dem Winkel am Eingang aufhielt, wo sie ihr nasses Tuch ablegte, und sich dann bückte, um einen großen Korb von seiner schützenden Hülle zu befreien. Es war eine von den unzähligen umherwandernden Kuchenfrauen, denen das Volk den Gattungsnamen „Mutter Kranzlern“ gegeben hat, auf den sie Alle gleich willig hören. Ich kannte sie seit Jahren, und hatte sie oft, vielleicht bei schlechterem Wetter in irgend ein Local treten sehen – warum kam mir gerade heute der Gedanke, daß es grausam sei, eine offenbar leidende alte Frau in solchem Wetter hinauszujagen? – Sie machte, ihren großen Korb mühsam vor sich hertragend, ihre Runde und fand reichlichen Absatz. Ich war einer ihrer treuesten Kunden für ein den englischen Biscuits ähnliches Gebäck, das zum Bier gut mundete. Warum steuerte sie nicht heute wie immer mit ihrem traurigen Lächeln auf mich zu? – Hatte sie mich nicht gesehen? – Ich mußte sie rufen und sie drängte sich endlich nach unserer Richtung hindurch, da auch an einem Nebentisch nach ihr verlangt wurde.

„Wollen Sie mir nichts mehr verkaufen, Mutter Kranzlern?“ sagte ich lächelnd.

„Ach! Herr Doctor, ich habe Sie man blos nicht gesehen!“ antwortete sie verlegen.

„Wissen Sie übrigens, daß es sehr unklug von Ihnen ist, bei solchem Wetter nicht lieber zu Hause zu bleiben – in Ihrem Alter!“

Sie zuckte nur mit den Achseln und sagte einfach: „Ach, Herr Doctor – Sie wissen wohl!“

Was lag Alles in diesen wenigen Worten! Ich sah nach dem jungen Musiker hin, als müßte ich sehen, welchen Eindruck sie auf ihn machten. Er las in der Neuen Preußischen, deren großes Format ihn ganz meinen Blicken entzog.

„Ist Ihr Sohn noch immer nicht so weit etwas für Sie thun zu können?“ fragte ich weiter, während sie mir kleines Geld herausgab.

Sie schüttelte mit dem Kopf und antwortete: „Noch nicht!“

„Nun,“ fuhr ich fort, „er kann doch aber kein Kind mehr sein?“

Sie nahm den Korb auf und sagte im Begriff weiterzugehen: „Ja, Herr Doctor, er ist noch immer … mein Kind!“ und während sie sich umwandte, hatte ich einen Blick aufgefangen, der mit einer eigenthümlichen Milde auf dem mächtigen Blatt der edlen Junkerpartei ruhte.

Ich sah ihr einen Augenblick sinnend nach und sagte dann halblaut: „Die alte Frau, bei solchem Wetter … es ist ein Elend!“

Der junge Componist mußte meine Worte verstanden haben, denn er legte die Zeitung zusammen, fuhr sich hastig ein paar Mal durch die langen Haare und sagte dann ohne mich anzusehen: „Ja – es ist ein Elend! – Einen guten praktischen Text von einem namhaften Autor, und – ich bin ein gemachter Mann!“


Es war mir an jenem Abend nicht eingefallen, daß ich des jungen Mannes Sache in der Hand hatte, und noch einen zweiten Ehrgeizigen damit verbinden konnte. – Ein ebenfalls noch unbekannter Autor suchte einen namhaften Componisten für einen Text. Ich brachte sie zusammen, und es war komisch mit anzusehen, wie jeder von Beiden nur schlecht die Ueberzeugung verhehlte, daß er dem Anderen ein großes Opfer bringe. Aber sie konnten Beide nicht mehr warten, deshalb einigten sie sich, und kamen von da an zu bestimmten Stunden zusammen, um sich – zu zanken. – Ich hatte die Sache fast vergessen, als ich durch das Wiedererscheinen der alten Kuchenfrau, die ich lange nicht gesehen, daran erinnert wurde.

„Wo haben Sie gesteckt, Mutter Kranzlern?“ fragte ich; „Sie waren doch nicht krank?“

„Nicht ich, Herr Doctor,“ antwortete sie mit ihrem traurigen Lächeln; „aber mein Sohn wäre mir beinah’ gestorben!“

„O!“ antwortete ich theilnehmend, „was hat er gemacht?“

„Er hat zu viel gearbeitet, und verfiel in ein heftiges Nervenfieber; vier Wochen habe ich an seinem Bett gesessen, und es war schrecklich ihn anzuhören, wie er phantasirte!“

„Was arbeitet er eigentlich, Mutter Kranzlern?“

„Sie wissen ja – er macht was für’s Theater!“ antwortete die Alte nach einem kleinen Zögern.

„Ist’s möglich?“ sagte ich erstaunt, und ich sah plötzlich die Kreuzzeitung vor meinen Augen, ohne daß sie da war – „jener junge Mann war Ihr Sohn?“

Die alte Frau nickte und ihre Augen leuchteten stolz auf, während die meinen im Begriff waren sich zu trüben. – „Er spricht fortwährend von Ihnen, Herr Doctor,“ fuhr die Alte fort, nachdem sie mir Zeit gelassen, mich von meinem Erstaunen zu erholen; „und Sie waren immer so … freundlich zu mir! Vielleicht erfüllten Sie den Wunsch einer armen Mutter … und besuchten ihn einmal!?“

Ich gab meine stumme Zustimmung und fragte dann noch: „Ist es Ihr Wunsch, Mutter – oder der seine?“

Sie schien mich zu verstehen, denn sie antwortete ruhig lächelnd: „Der seine, und Sie würden mir einen so großen Gefallen thun!“

Am anderen Tage nach Tische war ich da. Die kleine Wohnung war einfach, aber nicht ärmlich ausgestattet, und in einem sehr weißen Bett lag der junge Componist, den seine übertriebene Sehnsucht nach Ruhm bald in das Reich der Schatten hinübergeführt hätte. Er glich fast einem solchen, so durchsichtig war sein schon sonst blasser Teint. Seine Hände concertirten wie damals unruhig auf [459] dem Deckbett hin und her, als er auf meine Frage nach seiner Oper antwortete: „O, sie wird! – ich habe während meiner Krankheit immer daran gearbeitet, sie wird – wenn nur der Text besser wäre !“

Ich mußte wider Willen lächeln, als ich antwortete: „Nun, vielleicht erlaubt der Autor, daß wir kleine Aenderungen damit vornehmen !“

„Ach, Herr Doctor, wenn Sie das wollten!“ und sein Gesicht verklärte sich, „so bliebe mir ... nichts zu wünschen übrig!“ Er schloß dann wie müde seine Augen und mein Blick durchflog schnell das Zimmer, um gleich darauf wieder zu ihm zurückzukehren.

„Ich weiß, was Sie denken,“ fuhr er dann plötzlich sich ein wenig aufrichtend fort. „Die Menschen sind so grausam, und haben mich so oft ... mit ihrem Spott darüber gekränkt – und meine alte Mutter wußte es – und es war ihr Wunsch – ihr Wunsch, daß wir uns in ... öffentlichen Localen nicht kennen sollten!“

Ich schwieg eine Zeit lang, nicht einmal verwundert, daß er meine Gedanken errathen hatte. Dann sagte ich theilnehmend: „Und sie trabte in Wind und Wetter durch die Locale und holte dreierweise zusammen, was Ihre Ausbildung kostete!?“

„Ja,“ stimmte er mit einem schwermüthigen Kopfnicken zu, „und sie litt es nicht, daß ich zum Tanz spielte, weil ich zu schwächlich sei, und schaffte Alles, Alles was ich brauchte, und ich – kannte sie nicht, wenn wir uns vor fremden Menschen sahen! Da kam meine Krankheit, die Gott mir schickte, ich weiß es! Es wurde mir klar, aus ihrer unermüdlichen Pflege, was – Mutterliebe ist; und ich schämte mich! Verdammen Sie mich nicht! Wenn ich wieder gesund bin, soll es anders werden, und ich schwöre Ihnen, wenn meine Oper gefällt, was Gott geben mag, dann will ich sie an meinem Arm im Triumph in’s Brauhaus führen, und will ihr vor allen Leuten um den Hals fallen, und sie soll nicht mehr hinaus in Wind und Wetter, ich schwöre es Ihnen!“

„Halten Sie diesen Schwur, Berger,“ sagte ich, ihm gerührt die Hand reichend, „und es wird Ihnen kein Unglück bringen!“

Zwei Monate darauf war die kleine Oper fertig und der junge Componist that selbstbewußte Schritte, um sie zur Aufführung zu bringen. Hangen und Bangen, in der Zwischenzeit durchwebt mit goldenen Träumen; dann die Enttäuschungen. Zwei Directionen hatten das kleine Werk kalt zurückgewiesen. Wer kennt nicht die Schwierigkeit des ersten Schritts in jeder künstlerischen Laufbahn? – Verzweifelt und aus all’ seinen Himmeln gestürzt kam Julius Berger zu mir und bat mich um Unterstützung; es traf sich wieder, daß ein beliebter Schauspieler ein paar kleine Sachen für sein Benefiz brauchte; und ich sagte dem Componisten, daß dies die leichteste Art für unbekannte Autoren sei, das ersehnte Licht der Lampen zu erblicken. Der Schauspieler, mit dem ich befreundet war, legte sich dahinter, die Operette wurde geprüft und zur Aufführung angenommen. Es kamen die Proben mit ihren großen Kränkungen und den kleinen aufregenden angenehmen Momenten, und hinter ihnen der langersehnte und nun so gefürchtete Tag der ersten Aufführung. Das Haus war überfüllt, und die erste der vier kleinen Novitäten, die im Verein mit der Beliebtheit des Benefizianten die Menge herbeigezogen hatten – ward ausgepfiffen. Ich traf während des zweiten Stücks, dem ein gleiches Schicksal bevorzustehen schien, auf der Bühne mit dem jungen Componisten zusammen und ich freute mich zu sehen, daß sein sonst ziemlich starkes Selbstbewußtsein ihn vollständig verlassen hatte. Er war im Voraus halbtodt und lehnte zitternd an einer Seitendecoration.

„Es fällt durch, es muß durchfallen; ich weiß es – der Text!“ jammerte er und zitterte vor Erregung. Er that mir leid und ich sagte deshalb tröstend zu ihm:

„Haben Sie Ihre Schuldigkeit ganz und vollständig bei der Sache gethan, Berger?“

„Ich habe mein Herzblut gegeben, Herr Doctor!“ sagte er betheuernd.

„Nun,“ erwiderte ich, „so lassen Sie es gehen; Sie können mit Ihrer Angst nichts ändern; vertrauen Sie auf Gott und denken Sie an das, was Sie ihm versprochen!“

Ein Arbeiter fuhr mit einem staubigen Rosenstrauch (von Pappe mit Latten aufgesteift und hübsch ausgezackt) zwischen uns durch und trennte uns. Ich ging wieder in den Zuschauerraum, aus dem immer stärker das Begehren laut wurde, daß der Vorhang fallen solle. Es war eine sehr bedenkliche Stimmung im Hause und ich fing an, für den Sohn der Mutter Kranzlern zu fürchten. Aber wer will das Publicum einer großen Stadt und einer ersten Aufführung berechnen? Es hatte soeben ein Strafgericht an zwei gar nicht unbekannten Autoren statuirt, denen es manche frohe Stunde verdankte. Nun kam es zu der dritten Pièce, der kleinen Operette. Der Zettel wurde zum zwanzigsten Mal gelesen: „Hübscher Titel ! – Aber wer ist Berger? – Wie heißt Berger?“ – Niemand kannte ihn. – Hatte dieses vielköpfige Ungeheuer einen Instinct? ahnte es, daß hier das Lebensglück eines jungen talentvollen Burschen durch ein freundliches Lachen, durch ein paar gut ausgeführte Beifallssalven zu gründen sei? – Gleich bei den ersten Nummern merkte man deutlich, daß auf allen Plätzen der Wunsch vorhanden war, sich nun auch ein Bischen zu amüsirem. – „Bravo!“ „da capo!“ tönte es hier und da, und die Gesichter klärten sich mehr und mehr auf. Nun kam die erste Sängerin, der ausgesprochene Liebling des Publicums, mit einem lustigen, aufgeweckten Liede, das außerordentlich gefiel. Das Schicksal des kleinen Werkes war entschieden, und ich ging erfreut auf die Bühne, nach meinem Schützling zu sehen. Er fürchtete noch immer, daß es anders kommen könne. Aber Trost kam jetzt von allen Seiten.

Der Tenorist sagte im Vorübergehen: „Kopf hoch – wir sind nun über den Berg fort!“

Der Director trat einen Augenblick zu uns heran und sagte neckend: „Haben Sie auch einen Frack an, Herr Berger? Sobald nach Ihnen gerufen wird, stoße ich Sie hinaus und lasse hochziehen!“

Der glückliche Junge strahlte.

„Ist Ihre Mutter im Theater?“ fragte ich ihn gleich darauf.

„Ich weiß es nicht,“ antwortete er, immer ängstlich nach dem Zuschauerraum hinhorchend; „sie wollte um keinen Preis der Welt her; aber ich glaube dennoch, daß sie da ist – heimlich!“

Das Finale hatte begonnen und ging glänzend zu Ende. Die Sänger wurden gerufen, und gleich darauf erhoben sich ein paar Stimmen, die nach dem Componisten verlangten; die Menge fiel augenblicklich ein und es wirbelte in allen Tonarten durcheinander: „Berger! Componist! – Componist! Berger!“ – Der Tenorist und die erste Sängerin nahmen den Zitternden in ihre Mitte und zogen ihn hinaus. Während der Vorhang emporrauschte, lehnte ich mich unerlaubt weit vor, um zu sehen, ob ich aus der dunkeln Menge nicht den Punkt herausfinden könne, wo nächst seinem jungen ein altes treues Herz am lautesten unter den Tausenden klopfte.

Eine halbe Stunde später verließen die letzten Nachzügler das Theater, während der Director noch mit einigen Recensenten und Kunstfreunden plaudernd im Corridor vor der Casse stand. Ich befand mich in der kleinen Gruppe, als Julius Berger strahlend vor Glück grüßend daran vorübergehen wollte. Der Director bemerkte ihn und rief ihn freundlich heran. „Ich werde thun, was ich kann,“ sagte er, ihm die Hand reichend. „Es ist ein hübscher Anfang; machen Sie sich bald an etwas Größeres. Ihre Tantième können Sie am Tage nach jeder Aufführung erheben!“ Auch die anderen Herren sagten ihm verbindliche Worte, die er jedoch nur halb zu hören schien, denn sein Auge durchirrte den großen, nur noch spärlich erhellten Gang.

Ja, ja! da steht sie ja in ihrer alten unmodischen Enveloppe mit der schlichten Kappe auf dem grauen Haupte in dem dunkelsten Winkel, so bescheiden, als wäre sie eine Magd, die auf ihre Herrschaft wartet! Ich beobachtete ihn scharf. Jetzt sah er sie – und Gott sei Dank! muthig stürzte er auf sie zu, zog sie an’s Licht und warf sich schluchzend in ihre Arme. Auch sie weinte und strich ihm das lange Haar glatt, durch das der Zugwind nach der Straße hinausfuhr.

„Es ist seine Mutter,“ sagte ich, zum Director gewandt, ich fühlte, dieser Augenblick konnte ihm nützlicher sein als irgend eine andere Empfehlung; „seine Mutter, eine alte brave Frau, die Tag und Nacht für ihn gearbeitet hat!“

„Freut mich,“ antwortete der Director, „so ist er auch ein braver Sohn und wir wollen ihm auf die Beine helfen!“

Die kleine Oper ist in einem Jahre vierzehn Mal gegeben worden und hat ihrem Componisten eine Anstellung als Dirigent einer andern Theatercapelle eingetragen. Mutter Kranzlern trägt keinen Kuchen mehr aus; sie hat jetzt die langverdiente Ruhe. Aber sie scheut heute noch nicht Wind und Wetter, um zu sehen, wie ihr Sohn den kleinen schwarzen Dirigentenstock führt. Denn das ist für sie die Hauptsache bei der ganzen Geschichte.

Max Alt.


[460]
Die Gartenlaube (1870) b 460.jpg

Klett’s Fabrik      Laufer-Schlagthurm.   Vestner Thor.       Die Burg.       Spitalkirche.       Rathhaus.       Theater. Frauenthor. Bahnhof.   Karthäuser Klosterkirche.     
Aegidienkirche.  Katholische Frauenkirche.   St. Sebalduskirche. Lorenzkirche.   (jetzt Germanisches Museum). 
     Der fünfeckige Thurm.
     Nürnberg aus der Vogelschau von Norden gesehen.       Nach der Natur gezeichnet von Adolf Eltzner.      Neues Thor.

[461] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.

[462]
Der Bergwirth.
Geschichte aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)


Der Bahnwärter hatte den Zug nach Vorschrift salutirt, dann ließ er die Signalarme herab, aber er machte noch immer keine Anstalt, seinen Posten zu verlassen, sondern blieb stehen, als ob er noch einen Theil seines Dienstes zu verrichten übrig habe … und bald erklangen die lieben bekannten Töne des Posthornes an Juli’s harrendes Ohr …

„Bartel …“ rief sie freudig und eilte zu ihm, während er ebenfalls beim ersten Laut ihrer Stimme sich umwandte und ihr dann entgegengesprungen kam. „Postbartel … bist Du es denn wirklich? Also bei Dir bin ich die Nacht über gewesen? Du hast Dich um mich angenommen, Du braver Bursch …“

„Mein, laß es die Jungfer gut sein, wegen der Bravheit,“ erwiderte Bartel fröhlich, indem er die ihm gebotene Hand ergriff und in seiner Herzensfreude derb schüttelte. „Ich hab’ Euch doch nicht so liegen lassen können … Ihr wärt ganz gewiß zu Grund’ gegangen, und Ihr seid immer so gut gewesen mit mir und so freundlich, schon damals, wie Ihr noch ein kleines Mädel gewesen seid und ich Euch immer auf dem Schimmel reiten lassen mußte. Ihr wißt wohl noch? Ist ein gar gutes lammfrommes Thier gewesen, der Schimmel, und wenn ich mit ihm geredet hab’, hat er jedes Wort verstanden, justement wie ein Mensch … Aber weil die Jungfer nur wieder frisch und wohlauf ist! Ich hab’ gestern recht Angst gehabt um sie, sie hat gar kein Zeichen von sich gegeben …“

„Wie kann ich Dir danken, Bartel!“ sagte Juli, indem sie zu dem Häuschen traten und sich auf der Bank davor niedersetzten ... „ich wußte gar nicht, wo Du hingekommen warst; es ist Vieles geschehen, seit Du mit der Post nicht mehr vorbeigekommen bist am Bergwirthshaus …“

„Denkt nicht daran; davon können wir ein andermal reden, ich fürcht’, es thät’ Euch jetzt traurig machen, und ich möcht, daß Ihr bei mir recht vergnügt wärt, so vergnügt, wie ich selber bin! Ihr müßt nicht verzagen; es geht Manches in der Welt anders, als man denkt … das hab’ ich am besten erfahren. Wer hat mehr Angst gehabt vor der neuen Einrichtung da, vor der Eisenbahn, als ich, und wie ich das letzte Mal von Euch weggeritten bin und hab’ den blauen Stutzfrack ausgezogen, so hab’ ich gemeint, ich müßt’ mich der Läng’ nach hinlegen und sterben, vor lauter Sorge und Kümmerniß! … ‚Was wird aus Dir altem Kerl werden?‘ hab’ ich mir gedacht; ‚gelernt hast Du weiter nichts als Reiten und mit den Rossen umgehn, einer harten Arbeit kannst Du auch nicht mehr vorstehn … jetzt kann es Dir in den Garten wachsen, daß Du in Deinen alten Tagen noch hungern und betteln gehn mußt …‘ und wenn ich an meine bald achtzigjährige halbblinde Mutter gedacht hab’, die drüben in dem alten Haus sitzt und Niemand hat als mich, so hätt’ ich gleich weinen können wie ein Schulbub’ Und jetzt ist es so ganz anders worden! – Jetzt sitz’ ich wie der Vogel im Hanfsamen; hab’ einen Dienst, den ich leicht und noch lang’ versehen kann, ich hab’ mein Bahnwärterhäusel, das so nett und so proper ist wie das von einem Schnecken, hab’ mein gewisses Salari, und was das Kraut erst fett macht, ich hab’ gerad’ die Station kriegt, die sie da hergebaut haben, keine fünfzig Schritte von meinem Heimathl, wo mein Vater gehaust hat, wo ich auf die Welt ’kommen und aufgewachsen bin und wo meine alte Mutter sitzt, daß sie mich erschreien und ich sie alle Finger lang heimsuchen kann … Ich komm’ mir manchmal vor, als ob ich schon auf der Welt in den Himmel ’kommen wär’! … Oder auch wie ich oft von den Klausnern und Einsiedeln gehört hab’, die sich auch so ein schönes stilles Plätzl ausgesucht haben; ich bin auch ein solcher, ein neuer Einsiedel, und Alles das verdank’ ich der Eisenbahn; d’rum hab’ ich mir’s auch fest vorgenommen, so oft ein Zug vorbei ist, nimm ich mein liebs Posthörnl und blas’ ihm nach, daß es eine Freude ist …“

„Guter Bursch,“ sagte Juli herzlich, „ich gönn’ Dir Dein Glück!“

„Aber wie hab’ ich gesagt?“ rief er wieder. „Wem verdank’ ich mein Glück? … Der Eisenbahn? … Nein, die Eisenbahn ist wohl die Veranlassung zu meinem Glück, aber verdanken thu’ ich’s niemand Anderm als dem kreuzbraven Herrn, dem Geometer … Na, die Jungfer weiß schon, wen ich mein’.“

„Doch nicht …“ erwiderte Juli, aber ihr Erröthen zeigte, daß sie wenigstens errieth, wer gemeint war.

„Mein – stell’ sich die Jungfer nit so an,“ rief Bartel lachend, „wenn ich auch ein alter Kerl bin, hab’ ich doch noch ganz junge Augen … Die Jungfer weiß recht gut, daß ich von Niemand Anderm red’ als von dem Herrn Falkner, der die Bahn vermessen hat! … Der hat sich um mich angenommen, weil er mir einmal auf dem Westerberg begegnet ist und ich mit ihm geplaudert hab’, wie mir der Schnabel gewachsen ist; er hat gesagt, ich wär’ ein Kerl, auf den man sich verlassen könnt’, hat sich für mich verwendet und mir den Platz verschafft. Aber er hat auch Recht gehabt; er kann sich auch auf mich verlassen, wann und wo er will … Hoch, der Herr Falkner soll leben und die Eisenbahn daneben!“ Er rief es mit erhöhter Stimme, dann riß er sein Posthorn hervor, trommelte mit den Füßen und blies einen Tusch, daß es lustig in die Berge schmetterte.

Juli blieb einige Tage – das Vergangene wurde nicht erwähnt; der alte Postillon und neue Einsiedel hätte es nicht über’s Herz gebracht, sie zu fragen, und dem Mädchen selbst war es ein Trost, nicht daran zu denken; sie kam sich vor, als wäre sie auf einer glücklichen Insel, durch ein unzugängliches Meer von der harten Welt und den feindseligen Menschen geschieden, allein in einer harmlosen Kinderwelt, die keine Erinnerung kannte und eben darum weder Wunsch noch Hoffnung hatte. Der Gedanke, die stille Zuflucht verlassen zu müssen, tauchte wie ein Schreckbild in ihr auf, und sie vernahm es mit inniger Freude, als Bartel in seiner treuherzigen Weise mit dem Vorschlage herausgerückt kam, sie solle ganz bei ihm bleiben, so lang’ sie wolle und wie sie wolle. „Ich mein’, es wär’ uns allen Zweien damit geholfen,“ sagte er, „ich für meinen Theil gäb’ ich weiß nicht was darum, wenn ich eine solche Gesellschaft und Hülfe haben könnte, zumal wegen meiner blinden Mutter, der es sehr wohl thäte, wenn sich Jemand freundlich um sie annehmen möchte … was ich verdiene, das reicht vollauf für uns Alle; der Jungfer aber, mein’ ich, müßt’ es angenehm sein, wenn sie den Leuten auf eine Weil’ ganz aus dem Gesicht käm’ und aus dem Gerede; in dem Bahnwärterhäuschen da sieht und sucht sie Niemand, und sie kann ja immer thun, was sie will, wenn es ihr einmal gar nicht mehr gefällt … Von mir aus, das versprech’ ich ihr, soll kein sterblicher Mensch erfahren, wo sie ist! Ueberlege sich’s die Jungfer, und mache sie mir die Freude, und sage sie Ja!“

Juli bedurfte keiner langen Ueberlegung, sie nahm das Anerbieten des neuen Einsiedels und die Zusage des Schweigens an und blieb. Sie bereute es auch nicht; es that ihr unendlich wohl, so von der Welt abgeschlossen zu sein und nichts von Allem zu hören, was draußen vorging. Sie besorgte den kleinen Haushalt des Bahnwärters und richtete sich im Nebenhäuschen bei der blinden Alten ein, die den freundlichen liebevollen Umgang bald lieb gewann und an ihr hing, wie an einer Tochter. Juli erholte sich Tag für Tag mehr von dem ausgestandenen Ungemach, und wenn ihr manchmal mahnende Gedanken kamen, drängte sie dieselben mit Gewalt zurück – die an den Vater, weil sie bei dem unvermeidlichen Loose, das ihn getroffen, ihm doch nichts sein und nicht helfen konnte; die an Franz, weil sie ihr doch vergeblich dünkten. Die Erinnerungen an ihn trug sie wie Kleinode im Schatzkästlein ihres Herzens verschlossen – aber sie scheute sich, den Deckel zu lüften und die gefährlichen Geister zu befreien; galt es doch vor Allem, die ganze alte Thatkraft und Festigkeit und sich selber wieder zu finden.

Sie blieb auch ungestört in ihrem Versteck und wagte es allmählich, sich in dem nahen Walde zu ergehen eine schöne sonnige Halde mit einem mächtigen wilden Apfelbaume war ihr bald ein Lieblingsplätzchen geworden, zu dem sie fast täglich lustwandelte,

[463] um, mit einer leichten Arbeit beschäftigt, sich des sie umgebenden Friedens und der schönen Aussicht zu freuen, die sich von dort in die lieben Berge aufthat.

Aber – so ganz genau mußte es der neue Einsiedel mit dem Versprechen doch nicht genommen haben, denn als sie eines Abends wieder unter dem Apfelbaume saß, rauschte es im Walde von eiligen Schritten und mit einem Ausruf freudigen Schreckens sprang sie empor, als sie den Kommenden gewahrte. Es war Falkner. Ihr erster Gedanke war zu entfliehen, aber sie vermochte es nicht, denn die Ueberraschung hatte ihr alle Kraft benommen und im nächsten Augenblick stand Franz schon neben ihr, hatte ihre Hand ergriffen und sah ihr mit den ernsten männlichen Augen so recht innig bittend in’s Gesicht.

„Sie sind’s, Herr Falkner,“ flüsterte sie, „das ist nicht recht von Ihnen – Sie hätten nicht zu mir kommen sollen …“

„Nicht so, Juli,“ entgegnete Franz herzlich, „Du fühlst gewiß mit mir, daß es zwischen uns nicht so bleiben kann – daß ich kommen mußte. Ich wäre schon lange gekommen, wenn ich Deinen Aufenthalt gekannt hätte …“

„Was wollen Sie noch bei mir?“ fragte sie und ihre Augen füllten sich mit Thränen. „Sie wissen ja doch, daß es aus ist mit uns – daß es aus sein muß …“

„Ich weiß das nicht, Juli, und vermag auch nicht es einzusehen,“ entgegnete er sanft. „Du wirst von dem Widerwillen, dem Verbote Deines Vaters sprechen; das ist es eben, was mich zu Dir führt. Juli – dieser Widerwille ist grundlos, Du weißt es; das Verbot ist kraftlos – Du stehst allein in der Welt und bist Herr über Dich selbst … ich wiederhole meine Werbung: folge mir, Juli – werde mein Weib …“

„Ich kann nicht,“ sagte sie dumpf.

„Du kannst, wenn Du willst. … Sieh, es steht bei mir, das Bergwirthshaus zu erwerben – ich will es, wenn Du Ja sagst … ich führe Dich in Dein väterliches Haus zurück, in Deine Heimath – theures, innig geliebtes Mädchen, sage Ja!“

Sie weinte stärker und schüttelte heftig den Kopf.

„Ich werde den Widerwillen Deines Vaters besiegen, ich bin davon überzeugt,“ fuhr er dringender fort. „Auch er wird anders denken, wenn er wieder kommt …“

Juli blickte auf und hob das thränenüberströmte Gesicht zu ihm empor. „Du bist ein braver Mann,“ sagte sie, mit dem eigenen Herzen kämpfend, „Dein Herz ist wie lauteres Gold – aber ich kann nicht! Du sollst glücklich sein Franz – ein Mann wie Du darf zur Frau nicht die Tochter eines Zuchthäuslers haben …“

„Juli,“ rief er außer sich, „welch ein Wort …“ aber sie hörte ihn nicht; mit einem herzhaften Ruck hatte sie ihm die Hand entwunden und floh die Halde hinab.

Eine herbe Thräne im Auge zerdrückend sah er ihr nach und kehrte, als sie verschwunden war, in den Wald zurück.

Drunten im dichtesten Gebüsch warf sich Juli auf den Boden hin und barg, ihres Schmerzes nicht mehr Herr, das glühende Angesicht im kühlen Moos – drunten sauste wieder ein Bahnzug vorüber und in ihr Schluchzen klang das sehnsüchtige Posthorn herauf und blies die alte Weise:

„… Die Bäume thun ausschlagen –
Mein Schatz, ich will dich fragen:
Wann soll die Hochzeit sein?“




4. Der Beißwurm.

Schwer und brütend lag die Mittagsschwüle über dem Garten; auf dem breiten Rasenstück, das nach französischem Muster in der Mitte angebracht war, umdrängte reiches schwellendes Grün die graue Steineinfassung des Springbrunnens, als ob es Kühle und Anfeuchtung von der steigenden Wassersäule suche, die auf dem Gipfel sich überbeugend einen Regenschauer blitzender Tropfen und feuchter Funken von sich sprühte. Rings am Wege standen Obstbäume, die anfänglich niedrig gehalten, seit geraumer Zeit aber der Scheere entwachsen die natürliche Form ihrer Wipfel wiedergefunden hatten und, wie darob erfreut, sich über und über mit Blüthen bedeckten. An den Ecken des Rasens waren Beete mit jenen Frühlingsblumen angebracht, deren Entfaltung meist mit der Obstblüthe zusammentrifft; Hyacinthen streckten die duftigen Dolden empor, Narcisse und Schwertel wiegten sich auf den hohen schlanken Stengeln, während Kränze von Immergrün sich zur Einfassung herumschlangen, oder der Crocus seine goldgelben Kelche in einen Rahmen zusammendrängte. Auf einem der Beete waren verschiedene Arten der Fuchsie zu reichem Farbenspiel zusammengestellt und begannen eben die bunten Glockenhütchen zu entfalten, während ein anderes mit schönen Blattpflanzen zwischen künstlich übereinandergelegten Steinen prangte, aus denen sich das Piedestal einer Urne erhob, von welcher die zartbeblätterten Ranken des Frauenhaars schleierartig niederhingen. Der Geschmack der Anlage trat um so schöner hervor, als über dem ganzen Garten unverkennbar ein sorgfältig wachendes Auge und eine rastlos säubernde Hand waltete und ebensowenig in den Beeten einen wilden Halm aufkommen ließ, als sie auf den blanken feinbekiesten Wegen ein Zweiglein oder abgefallenes Blatt duldete.

Trotz aller Schönheit aber war etwas, was mit der Schwüle drückend auf dem Garten lastete und ihm ein schwermüthiges Ansehen gab; das unter den Bäumen über die Beete oder durch die Wipfel streifende Auge vermochte nirgends weiter zu dringen; keine anstoßende Wiese lockte in’s Freie, keine Zaunspalte ließ die Straße erblicken und verrieth die Nähe von Menschen und ihren Wohnungen; eine hohe Mauer schloß den Raum nackt und kahl an allen vier Seiten ein, denn die an deren Fuß gepflanzten Reben und Spalierbäume stiegen nicht bis zum Rande hinauf, den nur ein hoher dachloser Giebelbau mit stark vergitterten Fenstern übersah, wie ein finsterer, auf einem hohen Posten aufgestellter Wächter.

Es war der Garten des Zuchthauses.

Jetzt kam ein Mann unter den Bäumen hervor, einen Rechen über der Schulter, der den Gärtner kennzeichnen mußte, denn der Anzug that es nicht; sogar die freundliche grüne Schürze fehlte, der Mann war ganz in grobes grauschwarzes Tuch gekleidet, eine gleiche Mütze ohne Schirm saß auf dem kurzgeschorenen silberweißen Haar; selbst ein bekanntes wohlwollendes Auge hätte Mühe gehabt, in der hagern Gestalt, deren Nacken sich unter einer unsichtbaren Last zu beugen begann, den Bergwirth zu erkennen, der vor nicht sehr langer Zeit so aufrecht einhergeschritten war, als wisse er gar nicht, was es heiße, sich zu bücken. Auch die frühere rasche Hastigkeit seiner Bewegung war verschwunden, dagegen hatte die Schärfe der Züge sich noch mehr ausgebildet, und nur in dem Auge, das spähend umherflog, als suche es einen Anlaß, irgend etwas rügen zu können, war ein Funke des Feuers übrig geblieben, das in diesem trotzigen Gemüthe so wild gelodert hatte.

Unbekümmert um die Schwüle nahm er den Rechen herab und zog ihn leicht durch den Rasen; er wollte die Blüthenblätter davon entfernen, die von den Bäumen immer neu herniedergaukelten; dann musterte er die Blumenbeete und kniete an den Felsstücken unter der Urne hin. Kopfschüttelnd betrachtete er die breiten braun überhauchten Blätter des Schönlaubs, an welchem weiße klebrige Schaumtropfen hingen, die er abstreifte und dann eine Gerte zurechtbog, die wie eine Schlinge in den Steinen befestigt war. „Schau’ einmal an,“ rief er mit halblautem höhnischen Lachen vor sich hin, „der Beißwurm ist glücklich durchgerutscht, mit sammt der Wespe, die ich ihm als Köder aufgestellt hatte … daß er dagewesen ist, erkenn’ ich an dem Schleim auf den Blättern, aber er hat sich die Speis’ geholt und die Schlinge hat ihn doch nicht erwischt … es ist halt ein kluges Vieh, thut mir fast leid, daß ich ihm an’s Leben soll … aber der Herr Inspector hat es befohlen, und was der befiehlt, muß ich thun; ich bin ja kein Mensch mehr, der seinen eigenen Willen hat; ich bin ein Auswürfling und auch nicht viel besser, als so ein Vieh …“

Er war so sehr mit seiner Arbeit beschäftigt, daß er darüber den Genannten nicht bemerkte, der, seine Frau am Arme, in den Garten getreten war und an der Mauer lustwandelte, wo dieselbe eben ihren Schatten auf den Weg breitete. „Da ist er schon wieder,“ sagte innehaltend die Frau, „der Mann ist wirklich unermüdet, sogar jetzt, zur Essenszeit, in der allgemeinen Feierstunde, läßt ihn sein Arbeitsgeist nicht ruhen; mit solcher Sorgfalt und Sauberkeit hat noch Keiner den Garten besorgt … ich muß wirklich darauf denken, ihm ein Zeichen der Zufriedenheit, eine kleine Belohnung zu geben.“

„Ich bitte Dich, das zur Zeit noch zu unterlassen,“ entgegnete der Inspector. „Es ist nun mehr als ein Jahr, daß der Mann sich hier befindet; die Eigenthümlichkeit des Vorfalls, der ihn hierher gebracht, veranlaßte mich, ihn besonders im Auge zu halten; ich bin auch kein Neuling in solchen Beobachtungen, aber ich muß gestehn, daß es bis zur Stunde mir nicht gelang, den eigentlichen [464] Grund seiner Gemüthsart zu erkennen. Ich weiß noch nicht bestimmt zu sagen, ob Güte oder Strenge hier mehr am Platze ist; ein rückhältiges, grimmiges, verbissenes Wesen ist bis jetzt das Einzige, worüber ich mir klar geworden …“

„Auch ich gestehe,“ unterbrach ihn die Frau, „daß ich die Scheu, mit der ich ihn anfangs betrachtete, noch immer nicht ganz überwunden habe. Seine That hat etwas so Wildes und Furchtbares, daß es mich anfangs Wunder nahm, als ich sah, daß Du ihn zur Gartenarbeit bestimmtest …“

„Ich konnte nicht anders, wenn er nicht sofort verloren sein sollte,“ sagte der Inspector. „Er war körperlich im höchsten Grade angegriffen, und die gewöhnliche Arbeit der Sträflinge, die Beschäftigung an der Spule und Kardätsche brachte ihn in eine so aufgereizte Gemüthsstimmung, steigerte sein wildes, störriges Wesen in einem solchen Grade, daß kein anderer Ausweg übrig blieb, sollte nicht sogleich zu den stärksten körperlichen Zwangsmitteln gegriffen werden, die mir überhaupt verhaßt und dennoch von zweifelhaftem Erfolge sind. Da wir keinen Landbau in der Anstalt haben, verfiel ich darauf, ihm eine Beschäftigung zu geben, welche damit doch einige Verwandtschaft hat …“

„Der Erfolg scheint Dir vollkommen Recht zu geben: die Störrigkeit ist ganz verschwunden; soviel ich gewahr werden konnte, ist er unermüdet fleißig, dabei aber immer so ruhig und gelassen, daß ich nicht begreife, wie er zu einem solchen Verbrechen kam …“

„Ich irre kaum, wenn ich dieser Ruhe nicht recht traue!“ erwiderte der Inspector. „Sie kommt mir vor, wie die Rinde über einem Vulcan, unter der es heimlich ohne Unterlaß weiter gährt und kocht. Wäre sie echt, so müßte ihr die Erkenntniß des begangenen Unrechts vorausgegangen sein; dieser aber kommt mir vor, als ob er sogar noch in der Strafe eine Fortsetzung, eine Steigerung des Unrechts erkenne, das ihm zugefügt wurde; wäre sie echt, wiederhole ich, so müßte sie ununterbrochen sein, während hier die scheinbare Gutmüthigkeit und Ruhe mit Zügen von Härte und Bosheit gemischt ist, wie Flammen, die durch eine dichte Rauchwolke lodern … Du magst Dich selbst überzeugen,“ fuhr er fort, indem er sie leise näher führte, daß sie unbemerkt hinter dem Gärtner standen. „Nun, Bergwirth, habt Ihr die Glocke zum Mittagessen überhört?“

Der Sträfling war bei der unerwarteten Anrede aus seiner gebückten Stellung emporgeschnellt, als ob das giftige Thier, nach dem er fahndete; plötzlich auf ihn losgefahren wäre; dunkle Gluth stieg ihm in’s Gesicht bis an die Schläfen unter das weiße Haar, mit sichtlichem Widerstreben und innerem Kampfe griff er langsam nach der Mütze und athmete erleichtert auf, als der Inspector abwinkte.

„Es kann wohl sein, daß ich das Mittagläuten überhört hab’,“ sagte er, indem er den Blick an den Boden heftete, „mich hungert nicht …“

„Gleichwohl ist es Hausordnung,“ entgegnete der Inspector leichthin und doch mit einem Tone, der an Strenge streifte, „das giebt Störungen und Anlaß zu Beschwerden.“

„Ja, ja … ich weiß schon, Herr Inspector,“ rief der Wirth hastig und abermals erröthend entgegen. „Ich weiß schon, in dem Haus muß man Alles thun, was befohlen wird. … Ich hab’ mich nur noch nicht recht daran gewöhnt, aber ich will mir’s merken,“ setzte er mit unverhehlter Bosheit hinzu, „ … in Zukunft will ich mich allemal hungern lassen, wenn ich muß!“

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.


Deutschlands Schmuckkästchen. So hat man Nürnberg mit Recht genannt, und Jedermann stimmt freudig mit ein in den allbekannten Lobspruch:

„Wenn Einer Deutschland kennen
Und Deutschland lieben soll,
Wird man ihm Nürnberg nennen,
Der edlen Künste voll.“

Und wie voll der gediegensten Kunstschätze ist diese altehrwürdige Stadt! Nicht blos die öffentlichen Gebäude, die Kirchen und Capellen, Rathhaus und Museen bewahren unvergleichliche Meisterwerke der Malerei, der Bildhauerei und aller Kunstgewerbe: ein nicht geringerer Schatz steht in den Bürgerhäusern, ist Familienbesitz, wie ihn mancher Fürst nicht reicher aufzuweisen hat. Und nicht blos im Innern der Paläste und Kirchen, der Gottes- und der Bürgerhäuser hat jede Kunst ihren Thron erhöht, die Stadt selbst ist ein Prachtstück keckster und sinnigster Architectur. Man mag eine Straße oder Gasse Nürnbergs abbilden, welche man will, es ist nirgends nöthig, den Namen der Stadt darunter zu setzen, man erkennt’s auf den ersten Blick: das ist ein Stück von Nürnberg. So ureigenthümlich tritt uns hier die mittelalterliche und freireichsstädtische Physiognomie der Bürgerburg entgegen.

Unsere Illustration zeigt uns die Stadt von der Burg aus, die mit Recht die alte Burg genannt wird. Kaiser Konrad der Zweite hat sie erbaut, der große Franke, welcher um das Jahr 1030 den Gottesfrieden stiftete. Aelter als die Burg noch soll der sogenannte Heidenthurm sein, dessen Götzenbilder der Zahn der Zeit fast bis zur Unkenntlichkeit zernagt hat. Und dort ist der Brunnen von grausiger Tiefe; man kann bis dreißig zählen, ehe ein hinabgeworfener Stein den Wasserspiegel erreicht. Und wenn wir oberhalb des Himmelsthors zur innern Freiung gelangt sind, stehen wir voll Entzücken vor dem originellsten Stadtbild, das zu unseren Füßen aufgerollt ist. Ein zweites Thor führt in den Hof, in welchem die Linde der Kaiserin Kunigunde ihre neunthalbhundertjährige Krone trägt; diese Kaiserin ist eine der wenigen deutschen Heiligen und liegt neben ihrem ebenfalls heiligen Gemahl, dem Kaiser Heinrich dem Zweiten, im Dome zu Bamberg begraben.

Welche Bedeutung Nürnberg als freie Reichsstadt hatte, davon zeugen noch heute die großen majestätischen Bauwerke und die noch musterhaft erhaltene alte Stadtbefestigung. Welche gediegene Kraft drückt sich in den großen runden Dürer’schen Thorthürmen aus! Die Wälle, Gräben mit üppigstem Gartenschmuck und die Basteien, welch’ eine Mauermasse! Und neben dieser Kraft die lachende Zierlichkeit von Dachgiebelchen bis zum Thürdrücker und Kellerfenstergitter. Nirgends opfert man hier dem kalten rohen Bedürfniß, überall dringt die Lust an schöner Form durch und veredelt die einfachste Handelsthätigkeit.

Deshalb gehört aber auch Nürnberg zu den Orten, nach denen man sich immer wieder zurücksehnt, die man mit Freude begrüßt und ungern verläßt und aus denen man sich manch’ liebes Andenken mitnimmt, um sich daheim daran zu erquicken. Möge dazu auch unsere Illustration gehören, welcher wir später einen ausführlichen Artikel werden nachfolgen lassen.




Jeder hat seinen Preis. Man schreibt uns aus Rock Island, Ills.: „Eine Kunstreiter- und Akrobatengesellschaft, genannt ‚de Haven’s Sensations Circus‘, die den Westen Nordamerikas bereist, läßt, um ein großes Publicum heranzuziehen, durch riesenhafte Placate ankündigen, daß vor jeder Vorstellung die einzige Aëronautin der Welt, Miß Lottie St. Clair, in einem großen Ballon aufsteigen wird. – Am 17. Mai gab diese Gesellschaft in der Stadt Rock Island in Illinois Vorstellungen. Um vier Uhr Nachmittags soll der Ballon aufgehen. Eine ungeheure Menschenmasse hat sich am bestimmten Platze versammelt. Der Ballon ist mit heißer Luft gefüllt, fertig zur Auffahrt. Wo aber ist die Miß? Niemand hat sie gesehen. Die Leute beginnen zu toben, der Director flucht und schwört: „Fünfundzwanzig Dollars die Woche und nicht zur Zeit am Platze!“ – Endlich nach langem Suchen wird die größte Luftschifferin der Welt in Gestalt eines Mannes in vollständig betrunkenem Zustande in einer Restauration entdeckt. – Es ist nicht mehr Zeit, das Costum der Aëronautin anzulegen, da die Menge immer ungeduldiger wird. Ohne Umstände wird er zur Gondel geschleift, hineingesetzt, und der Ballon schießt mit einer ungeheuren Schnelligkeit in die Lüfte. Der Wind treibt ihn hoch über den Mississippi gen Iowa nach der Nachbarstadt Davenport hinüber, wo er an Bäumen und Häusern zerrissen wird. Der unglückliche Insasse wird herausgeschleudert, bricht zwei Rippen und wird innerlich schwer verletzt, kommt jedoch mit dem Leben davon. – Die ganze Presse war entrüstet über den Unfug. Jedoch wer wagt nicht sein Leben für einen Wochenlohn von fünfundzwanzig Dollars. Kaum acht Tage sind vergangen, de Haven hat nördlich von hier in dem Städtchen Mc. Gregor in Iowa seinen Circus aufgeschlagen. Wieder steigt sein Ballon in die Luft; diesmal ist der Insasse ein Deutscher, Max Becker mit Namen. Der Ballon wird vom Winde nach Osten getrieben, und als er über die Mitte des Stromes ankommt, fällt er plötzlich herunter in die Wellen. Ehe einige Boote, die in der Nähe liegen, ihn erreichen können, ist Max Becker ertrunken. – Armer Landsmann! – Wer wird der Nächste sein?“




Proclamation des Kaisers Norton des Ersten. Aus San Francisco erhalten wir nachfolgende Mittheilung: Es möchte vielleicht manchem Leser der Gartenlaube interessant sein, zu erfahren, daß Lady Franklin, die Gattin des berühmten Nordpolfahrers, auf ihrer Reise nach Vancouver Island, hier angekommen ist. Es lebt dort ein Ansiedler, welcher vorgiebt, einen Brief von ihrem Gatten an sie in seinem Besitz zu haben, den er nur ihr persönlich übergeben will. Sie ist hoch bejahrt, fast achtzig Jahre alt. Auf Anlaß dieses erließ Norton der Erste, Kaiser der Vereinigten Staaten und Protector von Mexico, eine Proclamation, welche ich hier beifüge:

Proclamation!

Norton der Erste commandirt alle seine Freunde und Anhänger, die Lady Franklin in ihren Nachforschungen zu unterstützen, und er ist sicher, daß jede Aufmerksamkeit, welche jener Dame geschenkt wird, die Anerkennung der wissenschaftlichen Welt, für deren Sache ihr Mann das Leben verlor, finden wird.

Norton der Erste.

     Gegeben San Francisco, den 22. April 1870.“

Am 25. April verfolgte Lady Franklin ihre Mission weiter, welche als eines der schönsten Beispiele weiblicher Treue und Hochherzigkeit erscheint. Der Regierungsdampfer Newbern ist an dem genannten Tage von hier nach Alaska abgegangen, woselbst General George P. Ihrie zum letzten Male die dortigen Truppen abzubezahlen hat, da das Departement aufgelöst und der District dem Departement von Columbia zuerteilt worden ist. Unter den Passagieren nach dort befinden sich Lady Franklin und ihre Nichte.


Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Wörtlich: „Fleischfresser“