Die Gartenlaube (1870)/Heft 22

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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No. 22. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.


Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)
22. Uebergänge.

Sechs Jahre waren verstrichen seit den schwülen Tagen, in denen die giftige Frucht unnatürlicher Verhältnisse zur Reife gediehen. Die Luft war wieder rein, die giftige Frucht abgefallen, um der Blüthe einer natürlichen Entwicklung Platz zu machen. Der Candidat hatte Zürich verlassen. Er war zu wenigen Wochen Gefängniß verurtheilt worden und als er aus seiner Haft in das Salten’sche Haus zurückgekehrt war, da zeigte es sich erst, daß sein Verhältniß zu Adelheid entweder eine Trennung oder eine Verbindung nothwendig machte. Der Bann, der sie bisher in ihren Grenzen gehalten, war ja mit dem Tode des Freiherrn gebrochen. Adelheid war frei, Beide liebten sich mit ungeschwächter Gluth und doch wiesen sie den Gedanken an eine Verbindung in richtiger sittlicher Erkenntniß von sich; sie waren sich verloren, ohne für einander erkalten zu können, jeder Tag, jede Stunde des Beisammenseins nährte in den Beiden eine Qual, die sie aufreiben mußte. Alfred hatte sehr bald mit feinem Instinct herausgefunden, daß Feldheim litt und daß er nur um seinetwillen in Zürich aushielt. Er erklärte es sich aus dem Kummer um all’ das Unwürdige, das er erduldet, und fühlte, daß der edle Mensch unter diesen Verhältnissen zu Grunde gehen mußte. Da machte er der Pein selbst ein Ende. „Herr Feldheim,“ sagte er eines Tages, „gehen Sie auf meine Güter und werden Sie dort mein Stellvertreter. Mir sind jetzt viele Seelen anvertraut, für die ich sorgen muß, und ich bin noch zu jung und unwissend dazu. Thun Sie es für mich, machen Sie meine Untergebenen zu glücklichen und guten Menschen. Ich bin nur Einer, der Ihrer bedarf, dort sind Viele, die vielleicht noch dringender einen Führer brauchen, ich will meine erste Pflicht als Gutsherr erfüllen und ihnen den besten Mann abtreten, den ich habe!“

Und als Feldheim ihn prüfend ansah und ihn fragte: „Alfred, kann ich Dich schon Dir selbst überlassen?“ da hatte er standhaft die Thränen hinuntergewürgt und ein einfaches „Ja!“ gesagt, aber dem Freund war es so viel wie ein Schwur. Er ging und wurde Pfarrer auf Alfred’s Besitzthümern. Er sorgte für das geistige und materielle Wohl der kleinen Gemeinde und fand Frieden in der bescheidenen Verwirklichung der menschenfreundlichen Ideen, die ein so enges Band zwischen ihm und seinem Schüler bildeten.

Alfred war sich nicht bewußt, welch’ große That der Selbstverleugnung er vollbracht, da er das Theuerste, was er besaß, freiwillig von sich verbannt. Aber der Geist, der sie ihm eingegeben, half ihm auch aufrecht bleiben und er hielt sein „Ja!“, als wäre es ein Eid gewesen.

So wuchs er heran, sein eigener Herr und Herr seiner Selbst, zwei Dinge, die man in solcher Jugend selten beisammen findet. Niemand in seiner ganzen Umgebung hatte Macht über ihn.

Adelheid war seit der Trennung von Feldheim eine bleiche stille Frau geworden, sie litt klaglos, aber schwer und tief. Ihre üppige Gestalt verfiel, sie wurde von Tag zu Tag schlanker, mädchenhafter, und wer sie sah, den rührte ihr Anblick, denn sie glich mehr einer Braut, die um den Geliebten trauert, als der Wittwe eines durch ihre Schuld gemordeten Mannes. Es lag ein jungfräulicher Schmelz über ihrem ganzen Wesen, eine sanfte Ergebung, ein der Erde Entrücktsein, das eben nur wahre Liebe und wahre Reue verleiht. Und wie viel auch der Kummer von ihrer blühenden Fülle und Frische aufgezehrt hatte, es wurde reichlich ersetzt durch den Adel eines geläuterten Bewußtseins auf der bleichen Stirn, durch den verklärten Blick der umschatteten Augen, ein Blick, so glänzend und geisterhaft, als suche sich die Seele eine andere Heimath und als sähe sie dieselbe schon in der Ferne winken. – Sie hatte gerne eingewilligt, in Zürich zu bleiben, denn sie schämte sich nach Allem, was vorgefallen und kein Geheimniß geblieben war, in die Welt zurückzukehren, und wäre es auch nicht so gewesen, es war der Wille Alfred’s und der war ihr Gesetz. Es war ein rührendes Verhältniß geworden zwischen dieser Mutter und diesem Sohne, ein Verhältniß wie zwischen Bruder und Schwester. Namenloses hatte sie gelitten, so oft sie Alfred Aug’ in Auge gegenüber stand, und er hatte es gefühlt und hatte gelernt, Großmuth zu üben. Mit zarter Schonung suchte der heranreifende Jüngling die Schamröthe auf der Stirn der Mutter zu bannen; aber sie konnte es nicht lassen, in ihm den Zeugen ihrer Schmach, ihren Richter zu sehen, und ordnete sich ihm unter mit einer Demuth, einer Willenlosigkeit, die den Sohn zum unbedingten Herrn seiner Mutter machte. Welch’ ein weites Gebiet für Alfred, den ganzen Edelmuth seiner Seele zu entfalten! Er that es auch. Noblesse oblige – und so überboten sich die Beiden in gegenseitiger Liebe und Rücksichtsnahme. Als Alfred erwachsen war, durfte er sich in Wahrheit als das Haupt der Familie betrachten, denn selbst die [338] Tanten in der Ferne waren von seiner Großmut abhängig und er sorgte mit Umsicht und Energie für ihr Schicksal, ohne sich durch Klagen und Bitten um dies oder jenes beirren zu lassen. Er war ein Jüngling gewesen, da er noch Knabe, jetzt war er ein Mann, da er noch Jüngling war.

Mit stiller Genugthuung blickte er auf die Stunde zurück, wo Feldheim verhaftet worden und er allein hülflos mit einer ebenso hülflosen Mutter zurückgeblieben war, denn er durfte sich sagen, daß er sich redlich aufgerafft hatte aus eigener Kraft, wie sein Lehrer es ihm verheißen hatte. Und dies Abschiedswort Feldheim’s war in Wirklichkeit seine Losung geworden, seine unsichtbare Stütze in jedem Leid, der sichere Bürge für die Unabhängigkeit seines ganzen Lebens.

Sobald es seine nach des Vaters Tode geschwächte Gesundheit erlaubte, hatte er sich der furchtbaren Operation unterworfen, von der ihn die jäh hereingebrochene Katastrophe abgehalten. Der kaum sechszehnjährige Knabe, der keinen Schuß knallen hören konnte, hatte das Chloroform verschmäht und eine Standhaftigkeit im Ertragen des größten Schmerzes bewiesen, die unter den Aerzten wahres Aufsehen erregte. Von dieser Zeit entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältniß zwischen Alfred und dem Professor Zimmermann. Die Neigung, Arzt zu werden, die der kränkliche Knabe schon längst besaß, gewann im Verkehr mit dem genialen Chirurgen immer festeren Boden, und als er nach zwei Monaten zum ersten Male zwar noch hinkend, aber doch ohne die lästige Maschine durch Gottes schöne Natur hinschritt, theilte er seiner Mutter den Entschluß mit, Medicin zu studiren: „Der Arzt ist ein wahrer Wohlthäter der Menschheit, denn er rettet mit dem Körper auch die Seele,“ sagte er. „Er ist der eigentliche Vermittler zwischen dem Geist und der Natur, er muß den ewigen Kampf der beiden schlichten und das Gleichgewicht zwischen ihnen erhalten. Eine erhabene Aufgabe, wenn sie richtig erfaßt wird. Ich will sie zu lösen versuchen!“

Adelheid ließ ihn gewähren und er begann ohne Zögern seine Studien. So war er auf sich allein gestellt nach allen Richtungen und nichts fehlte ihm als die physische Stärke, die ihn auch äußerlich anderen Männern ebenbürtig gemacht hätte. Aber es ist eine alte Erfahrung, daß der Mensch gerade auf das den größten Werth legt, was ihm versagt ist. Dieser Mangel war von Kindheit auf der wunde Fleck in Alfred’s Seele. Wäre er in einer Umgebung aufgewachsen, wo nichts ihn darauf aufmerksam gemacht hätte, er wäre unbefangen geblieben. Aber er hatte beständig Gelegenheit, sich mit einem Ausbund von Muth und Kraft zu vergleichen, und dieser Ausbund beschämte ihn um so mehr, als er dem schwächeren Geschlecht angehörte und eine tiefe Neigung in der Seele des Jünglings entzündet hatte. So verfiel er auf das unglückliche Streben, sich einen Anstrich von Ritterlichkeit anzueignen, um Anna Hösli, die nichts so bewunderte als Ritterlichkeit, zu gefallen. Ein immer vergebliches Ringen, ein aufreibendes Wollen und nicht Können. Sich mit dem Streben eines Heros in der Brust als einen Krüppel zu empfinden, wem wäre das nicht qualvoll? um wie viel mehr mußte es einem Liebenden sein, der sich dadurch zum Gegenstand des Mitleids oder Spottes vor der Geliebten herabgewürdigt sah! Die Nächte durch studirte und arbeitete er, um die Tagesstunden so viel als möglich zum Turnen, Reiten und ähnlichen Beschäftigungen benützen zu können; doch was half es? Er war und blieb zart und schmächtig gewachsen, sein Gang war und blieb schleppend, seine Augen wurden von einer blauen Brille verborgen. Er eignete sich nicht für die Rolle des Helden und sie trug ihm nur Beschämungen aller Art ein.

Anna Hösli aber war eine Heldenjungfrau an Leib und Seele, Alles bewunderte sie. Sie war berühmt wegen ihres Turnens, Reitens und Schwimmens, ebenso wegen ihrer Schönheit und ihres Muthwillens. Der alte Jugendgefährte spielte, was man so sagte, eine traurige Figur neben ihr. Sie übersah ihn geflissentlich. Jedes junge Mädchen, das sich soeben entfaltet hat, begrüßt sich selbst mit einer Art stolzer Verwunderung über die eigene bisher ungeahnte Pracht und Herrlichkeit. Dies ist eine Epoche harmlosen Egoismus’, in der es die Welt nur als den Rückert’schen Garten betrachtet, den die Rose schmückt, wenn sie sich selbst schmückt. Was hat in solcher Zeit ein Verehrer zu hoffen, mit dem man sich nicht schmücken kann, dessen Nennung unter den Freundinnen höchstens ein Achselzucken hervorruft! Ein Verehrer, auf den man sich nichts einbilden darf! Und wenn man selbst etwas für denselben fühlte, man dürfte es sich doch nimmer gestehen – wie würden die Bekannten lachen, wenn sie merkten, man liebe den kleinen hinkenden Alfred Salten! Und wenn nun gar einmal dieser arme Anbeter vor allen Leuten auf dem „Hirschgraben“ vom Pferde gefallen war, während man mit allen Freundinnen vorbeiging – so war das eine Blamage, welche sich auch auf die mit übertrug, der zu Liebe er sein Pferd so ungeschickt manövriren ließ; ein solcher Ritter mußte verleugnet werden.

Diese und ähnliche Gründe waren es, welche die stolze Anna Hösli immer in einer gewissen Entfernung von Alfred hielten – sie schämte sich der Gemeinschaft mit einem Menschen, der sich lächerlich gemacht hatte. „Es sieht zu komisch aus, wenn Sie mit dem Salten gehen,“ hatte einmal ein Herr zu ihr gesagt – das saß fest und fraß weiter. Ein junges Mädchen will Alles auf der Welt eher sein als „komisch“ – in diesem Sinn!

Als Tags darauf Alfred sie bat, ihn nach Geßner’s Eichenhain zu begleiten, schlug sie es ab. Die folgenden Tage ebenso, und Alfred fühlte bald, daß sie sich nicht mehr mit ihm zeigen wollte. Er dachte, es sei eine der Veränderungen, die ihr beiderseitiges Erwachsensein mit sich brächte, und ergab sich traurig darein, aber ohne Groll – den wahren Grund ahnte er nicht. Sie sah, daß es ihn schmerzte, und nun kam es wie schon oft: sie bereute, ihm weh’ gethan zu haben, und schlug ihm einen andern, weniger belebten Weg nach Geßner’s Eichenhain vor, als den gewohnten, dort hoffte sie nicht mit ihm gesehen zu werden. Sie wußte es selbst nicht, daß sie den Spott der Leute noch mehr für Alfred als für sich selbst fürchtete, daß sie ihn noch mehr um Alfred’s willen als um ihrer selbst willen vermied.

So schritt denn das ungleiche Pärchen an einem schönen Sommernachmittage nach dem stillen wundervollen Wäldchen, dessen Wipfel das einfache Denkmal Geßner’s beschatten. Niemand war ihnen begegnet, kein boshaftes Lächeln hatte Anna’s Gefühl verletzt, sie war für einen Augenblick ganz allein mit Alfred auf der Welt. Schweigend traten sie in die grünen Hallen, welche die Natur selbst dem Andenken ihres treuen Malers erbaut zu haben schien, und in das Rauschen der dicht verschlungenen Aeste woben sich leise die kindlich rührenden Worte des entschlafenen Dichters. Ein feierlicher Geist wehte hier in dem kühlen Waldesdunkel, wie er alle die Gedächtnißstätten umgiebt, die ein dankbares Volk dem Andenken seiner Edlen geweiht. Ein leiser freundlicher Mahnruf an das verborgen schlummernde Gute und Erhabene im Menschenherzen klingt durch die Luft, es ist als ob der große Todte aus dem Munde des Abbilds spreche: „Folge meinem Beispiel – Du kannst es, wolle nur!“

So empfand es Alfred und der schwärmerische Zug, den er aus seiner verträumten Kindheit mit herübergenommen, machte sich in solchen Augenblicken geltend. Er hatte in dem mannhaften Streben nach einem hohen Beruf nichts von der Weichheit und liebenden Einfalt seines Gemüths eingebüßt.

Sie blieben vor der Büste Geßner’s stehen und Alfred lehnte müde am Sockel, sein geheilter Fuß war doch schwächer geblieben als der andere und vieles Gehen strengte ihn an. Er nahm hier im Grünen die Brille ab und seine weit ausblickenden Augen schienen eine wundervolle Erscheinung in dem Dickicht zu verfolgen, die nur ihm sichtbar war. So kam es Anna vor, als sie ihn verstohlen betrachtete. Er dachte wohl nicht an sie, er war in seine Träumereien versunken und schien sie ganz vergessen zu haben. Sie wußte nicht, warum ihr das weh that, sie wollte es ja selbst nicht besser haben. Aber der Friede des Ortes, die Stille des lauschigen Haines hatte auch auf sie gewirkt, es war ihr weich um’s Herz geworden und sie meinte, sie würde Alfred jetzt besser verstehen als sonst – und jetzt gerade redete er nicht mit ihr. Sie mußte ihn immer wieder anschauen. Wenn er die häßliche Brille nicht trüge, wie viel schöner wäre er! Er hatte viel von seiner Mutter. Das lockige seidene Haar, wenn auch mehr dunkelblond als röthlich, die classische Linie des Profils. Nur die Augen waren von unbestimmterer Farbe als die der Mutter, man wußte nicht, waren sie schwarz ober grau. Es waren seltsame Augen, so unergründlich in der Farbe, so milde und doch so durchdringend, so sehnsüchtig, als wolle er mit einem Blick die ganze Welt umfassen, und doch so stetig und ruhig, wenn sie auf einem [339] einzelnen Gegenstande hafteten. Anna gestand sich, daß er ein schöner Jüngling sei, wenn er nicht so krank aussähe – und so klein wäre! Sie hatte Unrecht, Alfred war nicht ungewöhnlich klein, Aennchen aber war ungewöhnlich groß und so überragte sie den Jüngling um eines Fingers Breite, ein Mißverhältniß, dem sich durch nichts abhelfen ließ. Und sie verglich unwillkürlich seine schmalen Schultern mit den ihren und seine zarten fast weibischen Hände ärgerten sie, weil sich ihre Brüder oft darüber lustig gemacht, daß Alfred eine kleinere Handschuhnummer trug als Aenny, deren Hände schön, aber vom vielen Turnen stark entwickelt waren. Und doch – er konnte ja nichts dafür, der arme Alfred, daß er solch ein schwächlicher Bursche war! Manchmal kam ein eigenthümliches süßes Mitleid über sie, wenn sie ihn so betrachtete, den guten kleinen Fredy.

„Aennchen, was schaust Du mich so lieb an?“ fragte Alfred plötzlich und Aenny erschrak, daß er sie darauf ertappt hatte.

„Ich denke, Du bist müde; Du siehst so bleich aus.“

„Es kann wohl sein,“ meinte Alfred, nahm den Hut ab und wischte die feuchte Stirn.

„Schau; der Hut hat eingeschnitten, Du hast einen rothen Strich auf der Stirn. Thut’s weh?“ Sie legte mitleidig ihre warme volle Hand auf die Stelle. „Wie heiß Du bist!“

Alfred drückte die theure Hand fest auf seinen Kopf. „Lieb’ Aennchen!“ So pflegte er zu sagen, wenn ihm das Herz überlief.

„Wart’, Du könntest Dich erkälten ohne Hut mit dem heißen Kopf, und dann schilt mich Deine Mutter, daß ich nicht besser Acht auf Dich gab! Laß den Hut nur weg – er thut Dir ja weh.“ Sie zog ein weißes Foulard aus der Tasche, machte es dreieckig und band es Alfred um den Kopf. „Wie herzig Du jetzt aussiehst!“ lachte sie auf, „ganz wie ein Mädchen; wenn der dumme Schnurrbart nicht wäre, kein Mensch hielte Dich für einen Mann!“.

„Ein schönes Compliment!“ sagte Alfred unangenehm berührt.

„Sei nur nicht böse, es steht Dir ja so gut. Ich kann’s Dir gar nicht sagen, wie lieb Du aussiehst, ich möchte Dir gleich einen Kuß geben, wie einem neu entdeckten Schwesterchen.“

„O Aenny, um den Preis will ich auch Deine Schwester sein!“ rief Alfred und bot ihr graziös den feinen Mund dar.

Sie erröthete jäh. „Nein, nein, Alfred, wir sind ja keine Kinder mehr!“

„Es sei denn, daß ihr werdet wie die Kinder!“ citirte Alfred und schlang den Arm um sie; „laß uns Kinder bleiben, so lange wir können, Aenny!“ Und er zog sie an sich, da half kein Sträuben, sie wunderte sich, wie stark er auf einmal war. „Aenny, warum soll denn jetzt Alles anders zwischen uns werden, und es war doch so schön?!“ sagte er, ihr fest in’s Auge sehend.

Sie wurde verlegen, sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Sie hatten sich einander von je her geküßt und nichts dabei gedacht; wenn sie es nun plötzlich weigerte, mußte er ja glauben, sie denke sich etwas dabei – und das war doch ganz und gar nicht der Fall. So nahm sie den schlanken Kopf des Jünglings in beide Hände und drückte einen herzhaften Kuß auf seine flaumigen Lippen – und noch einen – was kam denn darauf an, es war ja ihr Spielcamerad und er sah gar so herzig aus in dem glühenden Schimmer der Abendsonne oder – ihres Kusses? Sie waren beide roth geworden und wollten es sich nicht merken lassen. Sie küßten sich aus Verlegenheit zum dritten Mal, nur weil sie sich dabei gegenseitig nicht ansehen konnten, aber die dumme Röthe wich und wankte nicht, im Gegentheil, es wurde immer schlimmer. Sie mußten sich endlich doch anschauen und sie sagten wie aus einem Munde, es sei heute sehr heiß!

Aennchen wandte sich zum Gebüsch an der Seite und hob dort Etwas vom Boden auf. „O das arme süße Ding,“ sagte sie, „es ist ein Rothkehlchen!“ Sie setzte sich in das Gras und legte das Thierchen vor sich auf den Schooß. „Fredy, hol’ ihm ein wenig Wasser, es ist halb todt!“

„Hast Du Deinen Trinkbecher bei Dir?“ sagte er.

„Ja, da ist er.“

Alfred ging nach einer nahen Quelle, die von einer Anhöhe herabrieselte und zwischen moosigen Felsblöcken verschwand. Aber nach einer Weile rief er: „Aenny, ich kann das Wasser nicht erreichen, es ist hier so schlüpfrig, ich rutsche aus.“

„Ach Gott, nun kann er wieder nicht über die paar Steine klettern!“ sagte Anna verdrießlich und stand auf, um selbst hinzugehen. Sie legte das Vögelchen vorsichtig in das Gras und in wenig Schritten war sie bei Alfred, der mühsam auf dem nassen Gestein nach der Quelle zustrebte. Leicht wie eine Gemse war Anna darüber weggesprungen. Das Kleid anmuthig geschürzt, setzte sie die schönen Füßchen sicher zwischen die Spalten und bog sich zu dem murmelnden Wasser nieder, den Becher zu füllen. Alfred betrachtete sie mit Entzücken, wie sie da oben stand auf den spitzen schlüpfrigen Steinen und sich bückte, um Erquickung zu schöpfen für einen verschmachteten Vogel. Schöner konnte keine Waldfee sein als dies Mädchen in seiner keuschen Herzensherrlichkeit. Und als sie nun herabkam, das lichte Gewand mit der einen, den Becher mit der andern Hand haltend, wie sie sich vorsichtig, um das Wasser nicht zu verschütten, zwischen Gestrüpp und Gestein durchwand, daß die Zweige ihr das dunkle Haar zerzausten, da vergaß der Jüngling sein lahmes Bein und Alles, mit einem Sprung war er oben und stand an ihrer Seite. Sein Herz schwoll ihr so selig entgegen. „Aenny,“ rief er und schlang seine Arme um ihre herrliche Gestalt.

„Du wirst mir das Wasser verschütten,“ schalt Anna, „was willst Du denn?“

„Ich – ich wollte Dir herunter helfen,“ sagte er verschüchtert, „ich dachte, Du könntest gleiten.“

„Du mir helfen?“ lachte Anna. „Das wäre wohl das erste Mal!“

Alfred ließ entgeistert die Arme sinken. Anna hatte ihn verletzt. Er fühlte, wie Recht sie hatte mit diesem Spott, aber weil er ihn traf, drum that er ihm so weh.

„Lieber Fredy,“ plauderte sie gutmüthig neckend fort, „wenn ich auf Dich und Deine Hülfe warten müßte, da würde es mir wohl immer schlecht gehen. Da halt’ einmal den Becher und bleib’ stehen. Eins, zwei, drei!“ – sie sprang von dem Felsen herab. „So, nun reich’ mir das Wasser. Danke! Gieb mir jetzt die Hand, ich muß Dir ja doch wieder herunterhelfen, sonst kommst Du nicht über die steile glatte Stelle.“

Alfred that, wie ihm geheißen, und ließ sich von Aenny unterstützen. Es sah nicht gut aus, wie er so linkisch und ängstlich bei jedem Schritt ausrutschend herunterkletterte. Und dabei hatte sich auch noch das Kopftuch verschoben, daß es ihm wie einer alten Frau tief in’s Gesicht hing. Es war kein günstiges Bild für die Phantasie eines sechszehnjährigen Mädchens, das nur von kühnen Recken in blanken Harnischen träumt und für Arnold von Winkelried schwärmt.

Aenny kam so abgekühlt vom Brunnen, daß sie jetzt nimmer roth geworden wäre, hätte sie ihn auch noch so viel geküßt. Sie gingen schweigend zu der Stelle zurück, wo der sterbende Vogel lag. Anna setzte sich und nahm das Thier wieder auf den Schooß, um es zu atzen. Alfred kniete neben ihr nieder und sah sie traurig an. „Du wirst Dich erkälten,“ sagte er, nahm das Foulard ab und legte es ihr um die Schultern.

„Erkälte nur Du Dich nicht!“ wehrte sie verstimmt ab und bog sich über den kleinen Vogel, der das Wasser nicht mehr nehmen konnte, die Federchen sträubte im letzten Kampf und das Köpfchen zur Seite hängen ließ.

„Anna,“ sagte Alfred, „mit dem Vogel hast Du mehr Mitleid, als mit mir!“

„Ach, sei still – es stirbt ja, sieh nur, wie es sich quält! O Du armes, armes kleines Ding!“

Sie hielt das Vögelchen auf der flachen Hand und beobachtete mit wahrem Schmerz, wie es mit weit aufgerissenem Schnabel dalag, zuckte und die Flügelchen spreizte, bis das kleine Herz still stand. „Jetzt ist’s todt!“ sagte sie und legte es betrübt weg, „ich hätte ihm so gerne geholfen.“ Und ein paar große Thränen standen ihr im Auge.

„Einen kranken Vogel beweint und einen kranken Freund verhöhnt sie. Wie reimt sich das?“ dachte Alfred und lächelte bitter.

Sie sah es. „Thut Dir das arme Thierchen nicht leid?“ sagte sie.

„Anna,“ entgegnete er ernst, „wenn ich über den Todeskampf eines Vogels weinen könnte, was müßte ich da an den Sterbebetten meiner Mitmenschen thun, denen ich als Arzt beistehen soll?“

[340] „Daß Du das kannst, ist mir unbegreiflich,“ sagte Anna nachdenklich, „mit Deinen schwachen Nerven! Ich könnte es nicht und bin doch so viel kräftiger als Du.“

„Es giebt Dinge, zu denen die physische Kraft nicht ausreicht, die wir nur vollbringen durch die Kraft des Geistes. Hättest Du für diese mehr Verständniß, Du würdest mich vielleicht nicht mehr verspotten um eines Mangels willen, für den ich nicht kann!“

Anna war ernst geworden. Sie sah ihn theilnehmend an. Er war wieder so hübsch in dem Augenblick mit dem eisernen Willen auf der reinen Stirn und dem schmerzlich resignirten Zug um den feingezeichneten Mund.

„Sei nicht traurig, lieber Fredy,“ sagte sie. „Glaub’ mir, wenn ich Dich auch manchmal necke, bin ich Dir doch von Herzen gut!“

„Ist’s wahr?“ sagte Alfred. „Aber doch nicht so gut, wie ich Dir?“ Er schaute ihr liebevoll zweifelnd in die Augen. Es war ein Blick, der ihr tief in die Seele drang, und sie zürnte sich selbst, daß sie des Eindrucks nicht Herr ward. Sie senkte in holder Verlegenheit die langen schwarzen Wimpern.

„Anna,“ fuhr Alfred hingerissen fort, „könntest Du Dir denken, daß aus uns einmal ein Paar werden könnte?“

Sie fuhr zurück: „Nein, das kann ich mir nicht denken!“ rief sie ungestüm.

„Und warum nicht?“ fragte Alfred leise.

„Weil – weil – nun, weil wir nicht zusammen paßten, ich wäre zu groß für Dich!“

Alfred erhob sich rasch. „Eine solche Antwort hätte ich nicht von Dir erwartet,“ stieß er heraus. „Sind wir denn Gypsfiguren, die nur nach der Größe paarweise verkauft werden, oder Pferde, deren man kein ungleiches Paar vor einen Wagen spannt? Sind wir nicht Menschen, die den Schwerpunkt ihres Daseins in der Seele tragen? Wahrlich, Anna, wenn Du mir nur deshalb einst nicht angehören wolltest, weil mir die Natur einen Zoll weniger an Körperlänge verlieh, als Dir, und weil wir zusammen der Welt nicht den Anblick eines ‚schönen Paares‘ böten – dann müßte ich an Deinem Geist und Herzen verzweifeln!“

„Geh’, Alfred, wozu nur schon an’s Heirathen denken, wir sind ja kaum erwachsen und Du sagtest vorhin selbst, wir wollten noch Kinder sein!“ erwiderte Aennchen in ihrer Bedrängniß.

„Du hast Recht, Aenny, Du bist noch ein Kind und kannst Dein eigen Herz nicht verstehen. Ich will Dich nicht quälen, aber ich kann den Gedanken nicht fassen, daß wir Beide, die wir zusammen leben und denken gelernt, jemals sollten ohne einander leben können! Mir wäre eine Trennung von Dir wie der Tod.“

„Ich bitte Dich, höre nun auf davon; wenn ich nicht vor derartigen Gesprächen bei Dir sicher bin, so bleibe ich nie mehr mit Dir allein.“

„Sei ruhig, Anna, sei ruhig, Du sollst kein solches Wort mehr von mir hören. Ich verspreche es Dir, aber unter einer Bedingung!“

„Nun – welcher?“

„Daß Du mir es freiwillig sagen willst, wenn Du mir einmal gut bist. Denn es wäre ja doch möglich, daß Dein junges Herz einst für mich erwachte. Ich kann nicht von der Hoffnung lassen. Wie aber soll ich es denn erfahren, wenn ich Dich nie mehr fragen darf?“

Aennchen zögerte betreten.

„Wenn Du mir das nicht gelobst, Anna,“ beharrte er, „dann sollst Du auch keine Ruhe vor mir finden und ich werde Dir von meiner Liebe vorklagen, so oft ich Dich sehe!“

„In Gottes Namen denn, ich will Dir’s ehrlich sagen, wenn – wenn …“

„Wenn Du mich liebst!“

„Ja, aber ob Du mich bis dahin noch magst? Wenn ich – man weiß ja nicht – wenn ich Dich gern hätte und Du mich nicht?“

„Dann würde ich Dir’s ebenso ehrlich sagen, darauf verlaß Dich. Aber sei ruhig, der Fall wird nie eintreten!“

„Und der meine wohl auch nicht, guter Fredy,“ lächelte Anna. „Sollte es aber wider alle Voraussicht dennoch passiren, so hast Du mein Wort für das Deine!“ Und sie schüttelte ihm muthwillig die Hand und eilte ihm voraus auf den Heimweg.

Alfred folgte ihr langsam, aber jetzt lag eine zuversichtliche Heiterkeit auf seinem Gesicht. „Du mußt doch noch mein werden, Du wildes Kind!“ sagte er leise.

Als sie ihm eine Strecke voraus war und sah, daß er sich nicht bemühte, sie einzuholen, blieb sie von selbst stehen und erwartete ihn. „Bist Du müde?“ fragte sie und bot ihm scherzend den Arm. Er nahm es an und stützte sich auf das Mädchen. Sie führte ihn treulich durch den Hain, aber es lag doch wieder etwas in dieser Hinfälligkeit, was sie anwiderte. Als sie an den hellen Tag heraustraten, ließ sie ihn los und er setzte zum Unglück auch noch die blaue Brille auf. „Nun bist Du wieder der alte Philister,“ sagte sie und schaute ihn nicht mehr an.

(Fortsetzung folgt.)



Leid und Freude in der Naturforschung.
Vortrag gehalten im Saale der Buchhändlerbörse zu Leipzig von Prof. C. Ludwig.

Wenn die Kreise der feinen Gesellschaft den Naturforscher aus seiner stillen Werkstatt rufen und ihn nach den Ergebnissen seiner Arbeit fragen, so folgt er im Vertrauen auf die welterschütternde Mission seiner Wissenschaft willig der Ladung. Rasch blättert er im Buche seines Wissens nach einer lichten Stelle, welche die Herzen seiner Zuhörer zu erwärmen, zu ermuthigen vermag, den fremdartigen und verschlungenen Gängen zu folgen, auf welche er sie führen will. Aber je emsiger er sucht, um so weniger will es ihm glücken. Denn wo er immer seiner Wissenschaft begegnet, nirgends bietet sie ihm auch nur eins der Motive, wie sie tausendfältig dem Historiker und Philosophen zu Gebote stehen, und nirgends reicht ihm die volle Wahrheit seiner Erkenntniß das Band, mit welchem er den sittlichen und künstlerischen Sinn fesseln könnte.

Die Sonnensysteme, welche das leibliche Auge durch die Pracht ihres Lichtes und durch die Harmonie ihrer Bewegung entzücken, erscheinen dem geistigen Blick als eine unaussprechliche Zahl gleichgeformter Massen, die, wie sie jetzt sind, in pedantisch regelrechter Wiederkehr ihre einförmigen Bewegungen abspinnen; wie das Gegenwärtige langweilig, so ist das Zukünftige trostlos. Denn die Astronomie verspricht, daß die Sonnen dereinst verglühen, sich zu Planeten und Monden abkühlen und daß endlich, wenn Sonne um Sonne ausgebrannt und Alles auf gleiches Maß der Wärme gekommen, der Wechsel von Tag und Nacht, von Regen und von Sonnenschein verschwinden, daß die ungeheure Welt in todter Unbeweglichkeit erstarren soll. Wen sollte wohl dieses Wissen der Kassandra erquicken?

Die reiche Welt der Pflanzen, das Vorbild des Künstlers, das Gleichniß des Dichters, der Trost des wunden Gemüths, die Labe des Hungrigen, was ist sie in der Hand der Wissenschaft geworden? Aus dem Baum vertrieb sie die Nymphe und aus der Blüthe die Elfe und setzte in ihr angestammtes Recht die Mechanik. Da offenbarten sich die geheimnißvollen Wunder der Entwickelung und des Wachsthums; die Säuren des Phosphors, Schwefels, des Stick- und Kohlenstoffs, die Oxyde des Kaliums, des Calciums, des Eisens, durch innern Zwang verbunden, lösen sich in den Säften des Keims, die Bewegungen, welche wir die Wärme und das Licht nennen, setzen das Räderwerk seiner Zellenmechanik in Bewegung, diese wählen aus einem Theil der genannten Verbindungen den Sauerstoff aus und gießen den verbrennlichen Rest in das Gepräge, das ihnen von Alters her selbst aufgedrückt war. Unleugbar, die Kühnheit und der Scharfsinn sind zu bewundern, die es wagen und denen es gelingt, die stoff- und formenreiche Pflanzenwelt als das Ergebniß einfacher mechanischer Vorgänge zu betrachten. Während der Lösung der Räthsel empfand und empfindet der Forscher die Freude, einen schöpferischen Gedanken der ewigen Naturgewalt nachgedacht zu haben, aber darum wird die zerzupfte Libelle nicht für uns Andere erfreulich.

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Zwischen Himmel und Erde.
Nach einer Romanstudie von Otto Günther.

[342] Noch herber tritt uns das Thierreich in der Wissenschaft entgegen. Nach dem Schema eines endlosen Rechenexempels, in welchem als benannte Zahlen die Spannkräfte der Stoffe und die verwickelten Formen kleinster Flächen, die Geschwindigkeiten und Bahnen bewegter Molecüle eingehen, wird aus dem Ei die vollendete Gestalt, die leider mit Empfindung und Leidenschaft, mit Willen und mit Kräften, ihn zu vollführen, begabt ist.

In ihrer Gesammtheit erscheint die Thierwelt als der zerlegte Mensch, denn was sich in uns vereint findet, vertheilt sich dort in tausendfältiger Spaltung auf viele Classen und Arten. Neben die finstern Leidenschaften, die den Menschen in schlimmen Stunden beherrschen, Blutgier mit List und Gewalt befriedigt, stellt sich auch das Abbild unserer edleren Regungen, die Treue und die Hingabe an die Familie, ja an das Gemeinwesen. Aber dieses anziehende Bild verdüstert sich rasch, seitdem die Beweggründe des Handelns offenbar wurden. So oft es gelingt, eine verderbliche oder eine hülfreiche That des Thieres auf ihren innern Grund zu verfolgen, so oft erkennen wir sie bedingt durch die Lust oder Unlust der Sinne; dieser Macht ist es zuzuschreiben, daß heute die Eltern das Kind ernähren und schützen und morgen verstoßen und berauben; und nur ein großes Gesetz beherrscht das Leben der Thierwelt, der grimmige Kampf um das Dasein. Ein jedes Wesen befriedigt rücksichtslos seine Begierden und kein Mittel bleibt unversucht, um den andern die Bedingungen des Lebens zu verkümmern, sich selbst die erjagte Beute zu sichern. Das Grausen, welches dieses Schauspiel weckt, vollendet schließlich die Erkenntniß, daß das Behagen des Stärkeren, wenn er den Ueberwundenen zerfleischt, um ein Unendliches geringer ist als der Schmerz, den seine That geweckt hat. Vergebens sucht man in diesem Kampfe Aller gegen Alle nach einem sittlichen Grundsatz, nach Edelmuth, nach Mitleid und was sonst das Herz eines Menschen bewegen könnte. Auch das wohlwollendste Auge sieht nichts Anderes als die Kette der Folgen und der zureichenden Gründe.

Schreiten wir endlich zur Wissenschaft vom leiblichen Leben des Menschen. Sie zeigt, daß der Einheit unseres Bewußtseins jene große Zahl von Werkzeugen unterworfen ist, welche unsern Leib zusammensetzen. Jedes einzelne derselben erfordert zur Entfaltung seiner Wirkung so vielfach veränderliche Bedingungen und viele von uns erwecken in uns so mannigfache Empfindungen, daß die Beherrschung und Benutzung aller Werkzeuge nur durch besondere Hülfsmittel möglich wird. Die Beachtung dieser letzteren läßt sie sogleich als mannigfach verschiedene erkennen.

Diejenigen Organe, welchen die Erhaltung der normalen Zusammensetzung unseres Körpers anvertraut ist, erfreuen sich einer fast vollkommenen Selbstständigkeit und zwar in dem Maße, daß wir von ihnen und ihrem Thun erst dann eine Nachricht erhalten, wenn ihr normaler Gang gestört wird. Und auch dann sprechen sie nicht zu uns durch bestimmte, klar umschlossene Vorstellungen, sondern durch Stimmungen und Begierden, durch ihren Hunger, ihre Athmungsnoth und ihre Herzensangst. In diese Reihe gehören z. B. die Werkzeuge der Verdauung, der Aufsaugung, des Athmens, des Blutlaufs. Ohne Weiteres leuchtet ein, daß sie gerade, weil sie so selbstständig, nur bei einem hohen Grade von innerer, man möchte sagen von sittlicher Durchbildung ihre Aufgabe lösen können. In der That, mustergültig ist die Sparsamkeit, mit welcher sie schaffen; denn zum eigenen Unterhalt verbrauchen sie wenig von der Nahrung, die wir ihnen zur Bearbeitung und Verbreitung übergeben; treu und gewissenhaft liefern sie den wohlbereiteten Stoff wieder ab, freigebig reichen sie jedem Körpertheil die Mittel zu einem vollen und ganzen Leben, aber sorgsam sammeln sie den Ueberschuß der Organwirthschaft aus allen Winkeln bis zur letzten Spur wieder auf und legen mit kluger Unterscheidung das Brauchbare zum allgemeinen Betriebscapital des Organismus, das Verdorbene aber verbrennen sie und scheiden es aus.

Solche Werkzeuge, den Verwaltungsbehörden unserer Staaten vergleichbar, haben selbstverständlich die genaueste Fühlung mit allen Theilen unseres Körpers, damit sie die Bedürfnisse jedes einzelnen erkennen, und andererseits sind sie mit einer kräftigen und wohlorganisirten Executive versehen, damit sie zur rechten Zeit, am rechten Orte und in rechtem Maße wirken. Und wie vollkommen sind sie mit Allem ausgerüstet!

Die herrliche Einfachheit ihres Baues, die Leichtigkeit ihres Ganges, das sichere Eingreifen vielfach verknüpfter Maschinenstücke, die weise Verwendung der Kräfte, sie sind der gerechte Gegenstand der Bewunderung des Technikers, denn überall offenbaren sie Uebermenschliches, sei es an Scharfsinn in der Erfindung oder an Sorgfalt in der Ausführung.

Obwohl uns noch weitaus nicht die volle Einsicht in die Wirkungen aller ihrer Theile gestattet ist, und obwohl in den meisten Fällen, wo wir diese besitzen, das volle Verständniß der Wirkung nur durch mühseliges und andauerndes Studium gewährt wird, so läßt sich doch hin und wider auch ohne diese ein Einblick in die Vorgänge thun, auf welche ich hier hingewiesen.

Beispielsweise wollen wir eine der einfachsten Lebenserscheinungen betrachten, den Durchgang der Athmungsluft durch den Kopf. Die Luft, die unsere Brust durch die Nase saugt, ist uns die nothwendigste Bedingung des Lebens, aber sie bringt uns auch große Gefahr. Denn wie sie eingesogen wird, ist sie weniger feucht als unser Inneres. Rasch würden die Luftwege des Kopfes vertrocknen, wenn nicht auf die Wände ihrer Bahn fortwährend ein feuchter Regen von Flüssigkeit ergossen würde. Die Wolken, aus denen er fließt, sind kleine Drüsen. Jede von diesen trägt in ihren Nerven einen Hygrometer, welcher den Stand der innern Feuchtigkeit mißt, und eine Kette, welche die Schleuße höher hebt, wenn am Himmel die Sonne scheint, und sie tiefer preßt, wenn es dort regnet. Aber die Luft ist nicht blos trocken, sie ist auch staubig und wäre sie die Luft des Paradieses. Im duftigen Wald und über dem frischen Grün der Wiese schwärmen, vom leichten Lufthauch gehoben, der Blüthenstaub, die Keime der Infusorien und der Pilze. Nach der geringsten Schätzung, die auf sorgfältigen Zählungen beruht, wird ein Mensch in vierundzwanzig Stunden etwa siebenzig Millionen solcher Keime, abgesehen von allem anderen Staube, einathmen. Unter diesen Sporen und Eiern sind viele Tausende, welche den feuchten und warmen Boden unserer Luftwege zur Keimung recht behaglich finden.

Wie sollten wir uns dieser Gäste erwehren, wenn die Natur nicht gesorgt hätte? Sie hat die Oberfläche unserer Luftwege mit einer beweglichen Schicht überkleidet, welche fort und fort die eingesogenen Keime durch die Mundöffnung der Nase über die abschüssige Fläche des weichen Gaumens in den Anfang der Speiseröhre treibt. Mit Speichel gemengt werden die Eier und Sporen verschluckt und in dem alles zerstörenden Magen ihrer Keimfähigkeit beraubt. Dieser bewegliche Saum, in der Wissenschaft als Flimmerhaut bekannt, setzt sich zusammen aus Härchen, so klein, daß vierhundert derselben der Länge nach aneinander gelegt, erst eine Linie rheinisch messen, und so fein und gedrängt, daß vierzigtausend auf der Fläche eines starken Nadelkopfes sitzen und noch einmal so viel auf ihm Platz hätten. Diese Härchen sind Riesen an Kraft, denn sie schieben auf der glatten Fläche der Nase das Zweihunderttausendfache ihres eigenen Gewichtes mit Leichtigkeit weiter; sie sind zähe und ausdauernd wie die Amphibien, denn fern von dem erfrischenden Blutstrom trotzen sie jedem Temperaturwechsel, und zerrissen bilden sie sich leicht von Neuem; sie sind unermüdlich, da sie, wie das Herz, niemals schlafen, und doch sind sie kunstvoller als das Herz, denn sie arbeiten ohne Beihülfe der Nerven; sie sind von staunenswerther Subordination, denn die Billionen von Härchen schlagen alle nach derselben Richtung zu immer derselben Zeit, und endlich sind sie die Bescheidenheit selbst, denn obwohl sie in der Minute viermal auf- und abgehen, so machen sie sich auch nicht durch das leichteste Kitzelgefühl bemerklich.

Dieses Kitzelgefühl hat sich die Natur zu etwas Neuem aufgespart. Wenn eine Mücke in unsere Nase summt oder der Wind das Sandkorn in sie schleudert, dann ist dieses Gefühl der Vorbote eines neuen Wunders. Durch diese Empfindung von einer Gefahr unterrichtet, welche die tapfere Armee der kleinen Härchen nicht mehr überwinden kann, schickt sie sich an schwereres Geschütz in das Feld zu stellen. Durch die Dicke ihrer Wand sendet sie einen raschen Blutstrom und giebt damit ihren Drüsen die Mittel, den fremden Körper mit glatter Flüssigkeit zu umhüllen. Indem sie so sorgt, entsendet sie zugleich eine telegraphische Botschaft zu der Stelle des Hirns, in welcher die Beherrscher der Brust thronen. Kaum haben diese vernommen, was dem treuen Diener widerfahren, so rüsten sie sich zur That; sie erweitern den Brustkorb und schleudern dann in heftigem und plötzlichem Stoße die aufgenommene Luft durch die Nase, die den gelockerten Eindringling unfehlbar hinaustreibt. – Wer, wie die meisten von uns, in [343] glücklicher Unbefangenheit das Niesen schon oft geübt und sein Behagen genossen, dem mag die pathetische Schilderung dieses landläufigen Vorgangs noch komischer erscheinen als die lustige Fratze, welche das Niesen begleitet. Aber ich denke, dieses Lächeln wird sich bald in Ernst verwandeln, wenn man die Frage stellt: wie Jemand wohl einfacher und besser den Act vollführen möchte, der hier in rascher Folge unwillkürlich abläuft? Nach stillem Denken wird er zuletzt gestehen müssen, daß kein Theil des Vorgangs zweckentsprechender hätte sein können. Ungescheut darf man behaupten, daß, wäre die menschliche Erfindungsgabe nach viel Mühe und Zeit dazu gekommen, die von der Natur gegebenen Hülfsmittel in der beschriebenen Weise zu benutzen, es wäre der Erfinder für seine bedeutenden Fortschritte in der Gesundheitslehre zu Paris gekrönt worden.

Aber auch noch jenseits der Nase droht der Luft auf ihrem Wege durch den Kopf Gefahr, insbesondere aber an dem Orte, an welchem sie die Bahn kreuzen muß, welchen der gekaute Bissen zum Magen zu nehmen hat.

Jedermann weiß, daß gegen die Wurzel der Zunge, die zum Schlingen und Sprechen zugleich dient, sich zwei Wege nach unten öffnen, die Speiseröhre, welche zum Magen, und die Luftröhre, welche zur Lunge führt. Wie leicht kann es sich treffen, daß ein Theil den rechten Weg verfehlt, und die Lunge ist hier in um so größerem Nachtheile, weil sie ihren Inhalt aufsaugt, während der Bissen kraftvoll nach unten gepreßt wird. Ein Fehlfall, und das Leben ist dahin, denn die Masse eines vollen Bissens genügt, um die Luftröhre auf immer zu verstopfen. Wären wir auf unsern Mutterwitz angewiesen, es würde sicherlich das einfachste Mahl so lange von der Todesgefahr begleitet sein, bis wir endlich die schwere Kunst des Schlingens gelernt hätten. Hier tritt nun abermals die Natur für uns ein. Ihr Scharfsinn hat rings um den Ort, wo die Luftröhre sich in den Mund öffnet, einen Nervenkranz gelegt, der gegen die Berührung der Speisen äußerst empfindlich ist; wird er getroffen, so befiehlt er den Athemwerkzeugen, die Thore zu schließen und Ruhe zu halten, die Schlingwerkzeuge aber drängt er unwiderstehlich, ihre Thätigkeit so lange zu entfalten, bis aus dem bedenklichen Kreuzweg die Stoffe weggeschafft werden, die dem Magen ein Labsal und der Lunge ein Gräuel sind.

Zuweilen jedoch sind die Nerven, welche die Speisen auf den richtigen Weg führen, schläfrig oder der Herr des Magens und der Lunge will zugleich essen und sprechen, so daß im Schlingen die Luftwege offen stehen. Dann mag es kommen, daß ein Bissen die rechte Bahn verfehlt. Ist dieses geschehen, hat ein fester Körper sich in den Kehlkopf verirrt, so wird es Ernst; eine schmerzhafte Empfindung fordert das Bewußtsein zur Aufmerksamkeit heraus, der krampfhafte Husten stellt sich ein und seinen von unserm Zuthun unterstützten Stößen gelingt es in der Regel, noch vor der Ankunft des Chirurgen die Gefahr zu beseitigen.

Wenn diese kurze Skizze unserer Vorgänge nicht allzu undeutlich war, und wenn Sie aus ihr ermessen wollen, wie viel für die übrigen verwickelteren Functionen unseres leiblichen Lebens gethan sein muß, damit sie gesund von Statten gehen, so dürfte Ihnen das, was Sie täglich an sich selbst erleben, zwar bewundernswürdig klug, aber doch sonderbar und fremd erscheinen.

Vielleicht, so könnten Sie denken, ist es anders mit den Sinnen und den Gliedmaßen, die uns die Eigenschaften der Dinge klar erkennen lassen oder unmittelbar dem bewußten Befehle des Willens gehorchen. Nun wird uns allerdings die unbedingte Herrschaft unseres Ichs sogleich verdächtig, wenn wir bedenken, daß wir zugleich auf das Auge, das Ohr, die Haut, auf Hände und Füße und zuweilen auch noch auf den Geruch, den Geschmack und die Stimme zu achten haben, trotzdem daß der Entschluß und die Vorstellung zum Entstehen einer merklichen Zeit bedürfen. Jedenfalls muß also den Sinnen und den Gliedmaßen die Befähigung zukommen, die Eindrücke, welche sie empfangen, festzuhalten. Aber kaum ist dieses Zugeständniß gemacht, so verlangt die Erfahrung des täglichen Lebens, auch schon wieder neue. So ist zum Beispiel unser Auge ein Werkzeug von höchster Präcision, sein optischer Apparat stellt sich ein für Objecte von verschiedenster Entfernung, seine Achse richtet sich ohne Fehl und Schwanken mit größter Geschwindigkeit auf den gewünschten Punkt, und seinen Bildern giebt es eine von den Objecten unabhängige Lichtstärke. Reichte man einem geschickten Manne, zum Beispiel einem Astronomen, ein Opernglas oder eine Camera obscura und verlangte von ihm, er solle mit derselben Schnelle und Sicherheit wie das Auge Bilder auf der Glastafel des Instrumentes von Gegenständen entwerfen, die bald hier, bald da, bald näher, bald ferner liegen, und stellte man dabei noch die Aufgabe, daß trotz der verschiedensten Helligkeit der Objecte die Lichtstärke des Bildes in sehr engen Grenzen eingeschlossen bliebe, so würde er lächelnd eine solche Forderung von sich weisen, und doch vermag sein Auge geschickter als sein Besitzer alles dieses spielend zu lösen.

Aber das Auge thut noch weit mehr; während es ruhend in den Raum hinaus blickt, und sein Bild auf der mikrometrisch eingetheilten Sehfläche aufnimmt, notirt es genau, welchen Antheil an der Gesammtheit des Geschehenen jedes besonders beleuchtete Stück besitzt, und es schätzt mit Sicherheit ab, um wie viel der entferntere Gegenstand im Bilde wachsen würde, wenn er auf den Abstand der näher liegenden heranrückte. Wird aber gar das Auge während des Sehens bewegt, so mißt es auch noch die Winkel, um die es sich dreht, und wenn der Kopf zugleich seine Lage verändert, so zieht der Gesichtssinn auch noch die Größe und Richtung dieses Vorgangs in Betracht. Dann bildet er aus diesen ebenso zahlreichen als genauen Operationen ein Resultat und übersetzt es in eine für unser Bewußtsein verständliche Sprache, so daß wir die Größe und Lage der Gegenstände unverfänglich sehen, nicht aber erst mühsam erschließen. Wollten sie durchaus zweifeln, daß unser Sehorgan den Raum unabhängig von unserem Bewußtsein ausmißt, so bitte ich zu bedenken, daß dieses letztere so ohne Weiteres gar nicht einmal die Maßstäbe kennt, mit denen die Messung vorgenommen wird. Wir können mit Sicherheit beweisen, daß zu diesen unter andern auch die Zusammenziehungen der Augenmuskeln gehören. Diese können wir selbst aber schon darum nicht in Rechnung bringen, weil wir ohne die anatomische Untersuchung nicht einmal von der Anwesenheit der genannten Muskeln unterrichtet wären. Hätten wir aber die Kenntniß der Bewegung und würde uns nun zugemuthet, wir sollten aus dem Umfang und der Richtung derselben die Größe und Entfernung des gesehenen Gegenstandes ableiten, so würden wir dieses erst dann vermögen, wenn wir mit den nothwendigen Rechnungs-Operationen vertraut wären; gesetzt auch, diese seien uns geläufig, so würde ein geübter Kopfrechner längere Zeit bedürfen, bevor er das Facit gezogen. Alles dieses übernimmt also das Sehwerkzeug selbst; wir geben ihm nur den Auftrag, einen Gegenstand aufzufassen, und alsbald hat es nicht nur den nächsten Befehl vollbracht, sondern auch die vollführten Bewegungen und die empfangenen Eindrücke in logischer Weise zu einem Schluß verarbeitet, und diesen mit solcher Selbstverleugnung dem Bewußtsein dargeboten, daß das letztere der Ueberzeugung lebt, die nächste Ursache der Empfindung liege nicht innerhalb, sondern außerhalb unserer Sehwerkzeuge.

Diese unwillkürlichen und unbewußten Lösungen schwieriger mathematischer Probleme erinnern lebhaft an die Leistungen unserer Rechenmaschinen, die durch rein mechanische Veranstaltungen sehr verwickelte Aufgaben in kürzester Zeit zu bewältigen wissen.

Einrichtungen von der geschilderten Befähigung besitzt nicht allein das Auge, sondern jeder Sinn, namentlich aber der des Gehörs und der des Tastgefühls, und nicht minder schieben sie sich zwischen den Willen und die Werkzeuge zum Gehen, Greifen und Sprechen ein.

Diese Mittelglieder zwischen den äußeren Sinnen und unserem Bewußtsein gehen aber in ihrer Selbstständigkeit noch einen Schritt weiter, sie wirken durch ihre Zustände nicht blos auf unsere Seele, sondern zwei benachbarte, gleichwerthige, an verschiedene Sinne oder Muskelorgane angeknüpfte verständigen sich untereinander und leisten, so lange sie gutwillig sind, durch diese gegenseitige Regulirung die besten Dienste. So bestimmen unter Andern die Hirnorgane, welche die Schwingungen unserer Gehörnerven zählen und in Tonempfindungen umsetzen, die Muskeln unserer Stimmwerkzeuge zu den Spannungen, die zur Erzeugung der Tonhöhe nothwendig sind, welche wir gerade hervorzubringen wünschen. Als ein sicher gestelltes Ergebniß der physiologischen Forschung ist es kurzweg anzusehen, daß alle unsere Sinne und unsere Glieder nirgends eine unmittelbare Beziehung zu unserm Bewußtsein gewinnen. Unsere Seele ist rings umgeben von wohlgegliederten geheimnißvollen Apparaten, die das Ergebniß ihrer innern Thätigkeit unserem Bewußtsein als die Grundlage unseres Denkens dictatorisch aufdrängen.

[344] Diese Einrichtung, welche durch die beschränkten Fähigkeiten unseres Geistes bedingt ist, dieser Mechanismus, welcher so segensreich für uns wirkt, so lange er im Dienste und für die Zwecke unseres Geistes wirkt, gestaltet sich jedoch für uns zu einer entsetzlichen Qual, wenn er von seiner Selbstständigkeit den falschen Gebrauch macht, wenn er das, was ihm im Traume gestattet ist, auch im Wachen übt, indem er unserem Bewußtsein seine eigenen nicht durch die Eindrücke der Sinne empfangenen Bilder überliefert. Diese Möglichkeit braucht nur angedeutet zu werden, um uns zurück zu drängen von einer genaueren Betrachtung dieser bald ergebenen und bald gewaltthätigen Organe. Welcher gesunde Mensch möchte hier nicht die Unbefangenheit dem Wissen vorziehen?

Und doch, wie viel des Unheimlichen diese Einrichtungen bergen, man kann sich mit ihnen versöhnen, denn unbestritten ohne diese angeborenen Automaten wären wir noch hülfloser, als wir sind; vielleicht giebt es kein anderes Mittel, um unsrer Ohnmacht zu begegnen, und so mußten wir das Böse mit dem Guten in den Kauf nehmen. Aber wie nun, wenn das, was unsrem Ich zur Seite steht, gar nicht unser Eigenthum wäre, wenn auch dieser beste Theil unseres Leibes dem unbeschränkten Communismus der organischen Masse verfiele, wenn wir fänden, daß nicht blos der Keim des zukünftigen Baumes, sondern auch der gehorsame Muskel, der Botschaft bringende Nerv, das seelenvolle Auge, im lebenden Leibe den Parasiten nährt, und wenn wir gar gewahren, daß die Natur dem blinden, hülflosen Wurm den Weg mit der wunderbarsten Sorgfalt gebahnt und dessen ganzes Sein gerade so wie das unsere auf die Organe gebaut hat, die wir seit Jahren als rechtmäßiges Eigenthum beanspruchen? Wie verrucht ist diese Doppelzüngigkeit, wie schauderhaft ist eine Zweckmäßigkeit, der die Achtung vor den eigenen Werken fehlt, die das Höchste, was sie erzeugt, dem niedrigsten ihrer Geschöpfe vorwirft!

(Schluß folgt.)




Pavillon Nummer Zwölf.
Von Ludwig Kalisch.

Die Stadt Paris ist ein Ungeheuer, deren fünfundfünfzig Eingänge die Rachen bilden, mit denen es die an’s Fabelhafte grenzenden Vorräthe verschlingt. Von allen Enden der Umgegend, der Provinzen und des entferntesten Auslandes werden der Stadt täglich die Nahrungsmittel zugeführt, und dennoch hat sie niemals Ueberfluß. Es fallen in Paris jeden Tag achthundert Ochsen, fünfhundert Kälber, an vierhundert Dutzend Hammel und ich weiß nicht wie viel hundert Schweine deren Bewohnern zum Opfer, und nur die Statistiker können sagen, wie viel Geflügel, wie viel Fische, wie viel Wildpret jahraus, jahrein die Tafelfreuden der Lutetia vermehren. Die Statistiker mögen auch sagen, wie viel Gänseleber- und andere Pasteten, wie viel Schinken und Würste, wie viel Häringe und Stockfische von Sonnenaufgang bis Mitternacht innerhalb der Pariser Festungsmauern der Verdauung überliefert werden, und wie viel Saatfelder und Gemüsegärten ihren Ertrag hergeben müssen, um die Unersättlichkeit der Hauptstadt Frankreichs nur auf eine Woche hin zu befriedigen. Die Statistiker können aber gewiß nicht sagen, wie viel Sterbliche trotz aller ungeheuren Vorräthe in Paris darben müssen und wie sich die Zahl der Glücklichen, die sich aus Ueberfluß den Magen verderben, zu der Zahl der Unglücklichen verhält, deren Magen aus Mangel an Beschäftigung zu Grunde geht. Dem sei aber wie ihm wolle, es läßt sich leicht denken, daß für die vielen Mundvorräthe, die täglich nach Paris kommen, ein Mittelpunkt, ein Entrepôt, bestehen müsse, von welchem aus dieselben, durch den Detailhandel auf die kleineren Märkte gebracht, nach den verschiedensten Stadtteilen gelangen können.

Diesen Mittelpunkt bilden die Hallen.

Die Hallen befinden sich auf dem Marché des Innocents. Sie sind, wie die Eisenbahnhöfe, in Gußeisen aufgeführt und bestehen aus zwölf großen Abtheilungen, Pavillons genannt, von denen jede ihre Specialität hat. Es giebt Fleisch-, Fisch-, Butter- und Gemüsepavillons. Außerdem werden aber auch auf dem Platze vor den Hallen sehr viele Vegetabilien unter freiem Himmel verkauft. Jedem Verkäufer ist in den Hallen sein numerirter Platz angewiesen, und die Einrichtung datirt von der Regierung Franz des Ersten, der, von der großen Wichtigkeit der Pariser Speisemärkte durchdrungen, denselben seine besondere Aufmerksamkeit schenkte.

Das Leben und Treiben auf diesem Centralmarkte erleidet nur eine sehr kurze Unterbrechung. Es beginnt schon um zwei Uhr Morgens. Um diese Zeit nämlich kommen die Vorräthe auf schweren Karren von allen Seiten auf den Markt, und sogleich setzen sich tausend Arme, tausend Beine in Bewegung. Da wird abgeladen und ausgepackt, geordnet und gesichtet, gehandelt und gefeilscht, geschrieen und geflucht. Ich kann mich rühmen, die größten Märkte Londons zu jeder Stunde des Tages und der Nacht gesehen zu haben. Ich habe Coventgarden, den größten Gemüsemarkt, und Smithfield, vor zwanzig Jahren der größte Viehmarkt Londons, unzählige Male und zu allen Jahreszeiten besucht; aber wie sehr stehen diese Märkte Londons, was dramatisches Interesse betrifft, hinter dem Marché des Innocents zurück! Der Engländer ist gewöhnlich bei der Arbeit düster, mürrisch und schweigsam. Man hört ihn niemals singen; man sieht ihn selten lachen. Der Franzose hingegen erheitert sich jede Arbeit durch Gesang, durch Gespräche, durch Scherze aller Art. Er thut nichts schweigend, und es hat mir immer als die größte Merkwürdigkeit geschienen, daß eine Franzose den Trappistenorden gründen konnte. Die Scherze, die aus dem Marché des Innocents gemacht werden, sind nicht immer rosenfarbig, und die Witze, die man dort hört, kommen selten direct von Attika; doch verrathen die Unterhaltungen dieser Leute eine außerordentliche geistige Frische, so daß man nicht leicht müde wird, ihnen zuzuhören. Es versteht sich von selbst, daß bei Streitigkeiten, die während des Abladens zuweilen entstehen, die Faust manchmal Lust bekommt, das Richteramt zu übernehmen; dergleichen Scenen werden aber durch die beständige Anwesenheit der Diener der Gerechtigkeit, durch die Sergeants de Ville, verhindert. Diese schwertumgürteten Rächer der beleidigten öffentlichen Ordnung halten strenge Wacht und verlassen keinen Augenblick den Markt, den sie auch vor dem langfingerigen Gesindel zu schützen haben.

Nach einigen Stunden sind die Lebensmittel in die Hallen gebracht, und der Markt beginnt, d. h. Paris kommt, um sich für den nächsten Mittagstisch zu versorgen. Das ist ein Drängen und Drücken, ein Stoßen und Schieben; ein Rennen und Jagen! Die Zeit ist so kostbar; die Wege sind so weit und der Kauflustigen so viele, daß der Einzelne von dem Strome der Massen fortgerissen wird. In den Vormittagsstunden ist natürlich der Markt am lebhaftesten, weil um diese Zeit die Lebensmittel frischer und noch in größerer Menge vorhanden. Aber nicht alle Leute haben das Glück, nach Korinth gehen zu können. Es ist verhältnißmäßig nur Wenigen gegönnt, die Ankäufe am frühen Morgen zu machen und aus dem Guten das Beste zu wählen. Die Reichen haben die Wahl; die Armen haben die Qual und müssen sich mit dem begnügen, was der heikele Geschmack der Wohlhabenden übrig gelassen.

Um ein recht lebhaftes Bild von der ungeheuren Menge der Lebensmittel zu bekommen, die von dem Marché des Innocents täglich nach allen Theilen der Stadt Paris geschickt werden, braucht man nur in den Butter-Pavillon zu gehen. Hier sind jeden Morgen wahrhafte Gebirgsketten von Butter zu sehen, Butter-Himalayas, deren gelbe Häupter stolz emporragen. Wenn man diese Kolosse betrachtet, sollte man glauben, sie müßten für den Bedarf von ganz Frankreich ausreichen; aber schon lange vor der Abenddämmerung sind diese Gebirge zu unansehnlichen Hügeln zusammengeschmolzen. Man wird sich darüber nicht wundern, wenn man bedenkt, daß es in Paris an vierundzwanzigtausend Speisewirthschaften giebt. In den meisten derselben wird leider der Magen auf’s Grausamste hintergangen. In den Hallen selbst aber und zwar im Pavillon Nummer Zwölf, wo die Butter verkauft wird, werden Gerichte feilgeboten, die einst auf den verschiedensten Tafeln geprangt und, nachdem sie mehrere Metamorphosen durchgemacht, für ein paar Sous den Muth des Appetits auf die Probe stellen, ehe sie für immer vom Schauplatz

[345] verschwinden. Unter denselben figuriren besonders die „Arlequins“. Sie tragen diesen Namen, weil sie wie eine Hanswurstjacke aus den kunterbuntesten Fleischlappen zusammengesetzt sind. Die Arlequinsverkäufer haben ihre Beziehungen zu der Küche der Diplomatie und der Finanz und holen regelmäßig in kleinen verschlossenen und mit Luftlöchern versehenen Wagen den Tafelabhub aus den großen Häusern. Diese Wagen fahren dann mit Ruinen von Braten, mit Fragmenten von Schöpsenkeulen, mit Gerippen von welschen Hähnen in die Hallen zurück, wo dies Alles assortirt, geputzt und aufgestutzt wird. Das Schönste und Beste prunkt dann, malerisch geordnet, auf sauberen Tellern. Auf einer Reihe derselben sieht man Macaronis aufgehäuft. Die verschiedenen Farbenschattirungen der Macaronis auf einem und demselben Teller verrathen, daß der Inhalt nicht aus einer und derselben Küche gekommen. Auf dem Gipfel jeder dieser Mehlspeisen prangt ein aus sechs Brodschnittchen gebildeter Stern. Diese ausgestirnten Macaronis sollen durch ihre pittoreske Eigenthümlichkeit die Kauflust erwecken. Zwischen diesen Tellern ragt eine Pastetenkruste hervor. Der Käufer, der dies gebackene leere Futteral kauft, kann sich die getrüffelten Feldhühner, oder die Gänselebern hinzudenken, denen es einst Obdach gegeben, oder hineinlegen was er will, wenn er etwas hineinzulegen hat. Neben daran sieht man eine Schüssel mit Salmen-, Karpfen- und Hechtköpfen, zwischen welchen die Schwänze von Steinbutten, Aalen und Kabeljaus symmetrisch geordnet sind. Die Symmetrie befriedigt zwar den Appetit nicht, lockt aber die Kauflust an. Ein Teller mit den eben beschriebenen Gerichten kostet zwischen fünf bis acht Sous.

Die Trümmer, die sich nicht mehr malerisch ordnen lassen, werden kunterbunt durch einander geworfen und von den Dürftigsten gekauft, denen der Inhalt aus dem Teller in ein Zeitungsblatt gelegt wird, um sofort auf einer der steinernen Bänke verzehrt zu werden, welche das Innere der Hallen umgeben. Nicht selten werden die assortirten Ueberreste selbst von bemittelten, aber geizigen Leuten gekauft. Die unassortirten – der Abfall des Abfalls – bilden für manchen Hungrigen noch ein Leckermahl. Nach dieser unassortirten Sorte aber kommt ein unerklärliches, undefinirbares Durcheinander, das für vornehme Hunde oder vielmehr für Hunde vornehmer Herrschaften gekauft wird. Auch die Knochen in diesen Ueberresten finden ihre Verwendung. Sie werden nämlich den Bouillontafelfabrikanten verkauft, von denen sie nach vollendeter Ausbeutung an die Beinschwärzefabriken losgeschlagen werden. Was die Bouillontafeln betrifft, so werden sie, mit heißem Wasser übergossen, in den Gargottes, in den engen, dumpfen, finsteren Sudelküchen, als Kraftbrühen verabreicht. Solche Kraftbrühen haben zwar nichts Appetitliches; sie können indessen doch in der rauhen Jahreszeit die fröstelnden Eingeweide der Hungerleidenden erquicken.

Man braut aber vor den Pariser Barrièren auch Kraftsuppen, von denen die Philosophie der deutschen Küche sich nichts träumen läßt. Dieselben werden von einem Künstler fabricirt, der den Titel „Employé aux yeux de bouillon“, zu deutsch „Suppenaugen-Beamter“ führt. Dieses Individuum befindet sich vor einem großen, mit siedendem Wasser gefüllten Kessel, in welchem einige Dutzend Zwiebelschnitze verzweiflungsvoll herumschwimmen. Die Zwiebeln dienen dazu, der magern Flüssigkeit eine bräunliche Bouillonfarbe zu geben. Ist das Colorit zu Stande gebracht, so nimmt der Künstler einen Löffel voll Oel in den Mund, paust seine Backen wie Aeolus und schießt dann durch die zusammengepreßten Lippen einen feinen Oelstaub über die Oberfläche des brodelnden Wassers, das nun von kleinen zierlichen Aeuglein bedeckt ist und das Entzücken der armen getäuschten Consumenten erregt. Ein solcher Suppenophthalmolog wird gut bezahlt; denn es gehört ein natürliches Talent, eine große Uebung dazu, dem Zwiebelwasser die künstlichen Augen so geschickt einzusetzen, daß die Augen der Kunden es nicht merken.

Bevor Herr Haußmann den Verjüngungsproceß mit der Hauptstadt Frankreichs vorgenommen, befanden sich derartige Speisewirthschaften auf dem „Marché des Innocents“ unter freiem Himmel. Blecherne trommelförmige Kessel standen über dem Feuer und kochten die Speisen gar, an denen Lucull gewiß sehr viel auszusetzen gehabt hätte. Um diese Küchen befanden sich hölzerne Bänke und über dieselben waren kolossale baumwollene mit allerlei bunten Fetzen zusammengestickte Schirme ausgespannt, um die Gäste vor den heißen Strahlen der Sonne oder vor dem nassen Unwillen der Wolken zu schützen. Sobald ein Gast kam und ein Gericht verlangte, ward ihm dasselbe aus dem Kessel geholt und auf den Teller gelegt. Ein Teller rother Bohnen, die das Volk politisch anspielend „Montagnards“ nennt, kostete einen Sou; ein Gericht „Arlequins“ kostete das Doppelte.

Neben jeder dieser Speise-Anstalten befand sich eine Kaffeesiederei und zwar ebenfalls unter freiem Himmel. Daß dieser Kaffee nicht direct von Mokka bezogen wurde, braucht wohl nicht erst besonders erwähnt zu werden. Eine große Tasse dieses braunen sehr problematischen Getränkes kostete einen Sou, und ebenso viel, oder vielmehr ebenso wenig kostete ein Glas „Coco“, auf deutsch „Süßholzwasser“. Nichts war interessanter, als diesen öffentlichen Mahlzeiten beizuwohnen und die Physiognomien der Gäste zu studiren. Die prachtvollen Hallen haben die Restaurationen unter freiem Himmel verdrängt. Der „Marché des Innocents“ ist nun freilich schöner, aber minder interessant. Ueberhaupt hat die Seinestadt seit ihrer Verschönerung sehr viel von ihrem eigenthümlichen Charakter eingebüßt.

Wir haben gesehen, welche Verwandlungen die Ueberreste der Speisen auf den reichen Tafeln durchmachen. Nun, die Brodüberreste erleiden noch mehr und noch sonderbarere Schicksale. Der Franzose ist bekanntlich ein starker Brodesser; besonders aber wird der lieben Jugend in den Pensionaten und Erziehungsanstalten sehr viel Brod verabreicht. Ein großer Theil dieser Gottesgabe wird nun vergeudet und verschleudert und findet sich auf dem Boden der Lehrsäle und in den Höfen herumgestreut. Diese zertretenen, schmutzigen, verschimmelten Brodkrumen und Brodkrusten werden von dem Gesinde aufgelesen und den sogenannten „Boulangers en vieux“ verkauft, welche sie mit großer Gewandtheit assortiren. Die größeren und ansehnlicheren Stücke werden in den Ofen geschoben und schmücken dann, durch das Reibeisen sehr sauber geputzt, die Erbsenbreisuppen. Was zu schlecht für diese Verwendung ist, dient als Weckenmehl zur Bestreuung der Cotelettes und der gekochten Schinken; die allerkleinsten und unscheinbarsten Reste aber, die unter keiner Gestalt mehr zur Nahrung dienen können, werden verkohlt, zerrieben, und das gewonnene schwarze Pulver, mit Honig und irgend einer wohlriechenden Substanz vermischt, prangt dann unter mehr oder minder stolzen Namen in den Schaltern der Parfümeurs als probates Mittel zur Erhaltung der Zähne. Das hat sich wahrlich die Weizenähre nicht träumen lassen, daß ihre goldenen Körner so vielerlei Rollen spielen würden.

Diese Verwandlungen der Nahrungsmittel sind indessen noch ziemlich unschuldig. Es kommen aber auch viele Fälschungen der Victualien vor und fordern die Polizei zu unablässiger Wachsamkeit auf. So wird die Milch sehr stark mit Wasser verdünnt, das Olivenöl mit Raps-, Sesam- und andern wohlfeilen Oelen versetzt und durch unzählige Geheimmittel schmackhaft gemacht. Der gemahlene Kaffee wird mit gebrannten Weizenkörnern, mit gelben Rüben, Eicheln, Cichorien, Kastanien und tausend anderen Dingen vermengt, so daß in solchem Kaffee alle Substanzen eher vertreten sind als der Kaffee selbst. Der ungebrannte wird mit Kaffeekörnern aus Lehm vermischt. Durch eigens dafür gemachte Formen werden diese künstlichen Kaffeekörner so täuschend ähnlich hervorgebracht, daß sie der gewöhnliche Kunde unmöglich von den natürlichen zu unterscheiden vermag. Wenn nun diese Fälscher ertappt werden, entgehen sie freilich der Strafe nicht. Es wird dann die polizeiliche Verurtheilung mit großen Lettern gedruckt an den Laden des Betrügers angeklebt und von allen Vorübergehenden gelesen. Gar Mancher aber weiß sich den Händen der rächenden Justiz zu entziehen. So ist vor einigen Jahren ein Charcutier bei einem eigenthümlichen Betruge ertappt worden. Er hatte im Auslagefenster getrüffelte Schweinsfüße ausgestellt. Die Trüffeln aber, mit denen besagte Füße gespickt waren, bestanden nicht aus den kleinen Bruchstücken von Trüffeln, sondern aus Schnitzeln von schwarzem Merino. Man kann sich leicht den Unwillen des Publicums denken, als es zu der traurigen Ueberzeugung gelangte, statt der duftenden Kryptogamen Fragmente alter Frauenkleider oder zersetztes Paletotfutter verspeist zu haben. Der Charcutier indessen behauptete, daß er die genannten Extremitäten nur als Schild in den Schalter gethan und daß er das Corpus delicti gewiß nicht zur Schau ausgestellt haben würde, wenn er das Publicum hätte hintergehen wollen. Die Polizei war mit diesem Vertheidigungsgrunde zufrieden, nicht so aber das Publicum, das [346] in solchen Dingen um so weniger Spaß versteht, als es den schnöden Betrug zu verdauen hat.

Die meisten Verfälschungen werden mit dem Weine vorgenommen, und zwar weniger in Bercy, wo sich die großen Weinniederlagen befinden, als von den Detailhändlern. Diese werden daher sorgfältig überwacht, und die Strafe folgt dem Vergehen auf dem Fuße. Die mit dem verfälschten Weine gefüllten Fässer werden an das Seine-Ufer gefahren und dort unter dem Hallo der Bevölkerung geöffnet, welche sich mit offenen Mäulern herbeidrängt, um die scheußliche rothe Brühe auf deren Wege vom Spundloch in den Fluß aufzufangen. Die Polizeidiener haben unsägliche Mühe, den Hans Hagel zurückzudrängen. Was aber die armen Fische betrifft, denen so unerwartet ihr Element getrübt wird, so suchen sie sich schleunigst davon zu machen oder werden von der widerwärtigen Jauche vergiftet. –

Wie viel Menschen gehen in Paris herum, die Morgens nicht wissen, ob sie Mittags essen werden, und wie Viele, die mit Ach und Krach die paar Sous aufgetrieben, um den Hunger zu stillen, wissen nicht, mit was sie ihn eigentlich gestillt! Allein die Unglücklichen, die ihren Magen mit dem von einem Dutzend Tafeln zusammengerafften und vermengten Abhub hintergehen, werden doch von den noch Unglücklichern beneidet, die nicht einmal die Mittel besitzen, mit solchem Abhub den Hunger zu beschwichtigen. In großen Städten ist Niemand so arm, daß er nicht noch Aermern begegnet; denn nur das Glück, aber nicht das Elend der Menschen hat seine Grenzen.




Literaturbriefe an eine Dame.
Von Rudolf Gottschall.
V.


Ich sehe Sie, Madame, mit des Geistes Augen durch den Buchenhain schreiten, durch dessen schlanke Säulenhallen hindurch der Blick auf die unbegrenzte Ostsee fällt. Es ist Frühling in den Lüften, bald grünen die Wipfel und die ungedruckten und unrecensirten Sänger des Waldes singen in glücklicher Freiheit.

Und wie die anmuthig erregte Phantasie ein freundliches Bild an das andere reiht, so muß ich jetzt einer andern Strandgegend gedenken, die ich in meiner Jugend mit einem befreundeten Genossen durchwanderte, des bäderreichen samländischen Ostseegestades, welches freilich keine stattlichen Buchenwälder schmücken, welches aber durchaus nicht eigenthümlichen Reizes entbehrt. Hier sind keine Modebäder, in denen die Weltfahrer und Weltfahrerinnen verweilen und deren Heldinnen das „Journal amusant“ mit grotesken Situationsbildern bereichern; hier sind nur Stationen friedlicher Naturfrische, und mag auch in Cranz und Neukuhren das fashionable Königsberg den Glanz seiner Toiletten zur Schau stellen, so überwiegt doch die Idylle; man sieht nicht blos die mit wohlangebrachtem Chignon herumflatternden Modekupfer; man sieht ebenso oft „des Nordens Barbarinnen“ das paradiesisch gelöste Haar, das der Meergott in Verwirrung gebracht hat, in der Sonne trocknen.

Durch diese oft melancholischen Sanddünen und mit Haidekraut und Wachholder bewachsenen „Palven“ Samlands, welche aber ebenso oft durch waldige Thalschluchten mit köstlichem Baumwuchs unterbrochen werden, bin ich als Student gewandert, an der Mütze den silbernen Albertus, das stolze Zeichen der Königsberger Studentenschaft, und mit mir wanderte Wilhelm Jordan, der schon die Promotionskosten für einen höheren Grad der Gelehrsamkeit bezahlt hatte. Wir hatten beide sehr früh unsere poetischen Erstlinge in die Welt gesendet; es war damals die goldene Aera des Königsberger Liberalismus, und was unter dieser Flagge in See stach, durfte auf günstigen Fahrwind hoffen. Wir wohnten zusammen, wir dichteten zusammen, wir hielten zusammen poetische Vorlesungen; er goß „Glocke und Kanone“ und träumte „Irdische Phantasmen“; ich ließ „Lieder der Gegenwart“ und „Censurflüchtlinge“ in die Welt flattern. Ja, wir waren jung, aber „berühmt“ von den Ufern des Pregels bis zu den Sanddünen von Cranz und selbst in den Spalten der deutschen Journale blühten die schüchternen Primeln unseres Dichterruhms. Mit dem Ruhm ist es nicht, wie mit dem Wein, Madame! Nicht der alte, abgelagerte, nur der junge Ruhm berauscht. Später wird man mißtrauisch gegen den Ruhm; man bemerkt, daß er oft künstlich in Ruhmesfabriken zubereitet wird, daß er bisweilen mit dem Papier die bedenkliche Aehnlichkeit hat, aus Lumpen fabricirt zu werden, und wie Maculatur rasch dem Loos irdischer Vergänglichkeit verfällt.

Doch ein junges Gemüth, das zuerst von seinem Strahl berührt wird oder berührt zu werden glaubt, sieht die ganze Welt verklärt. Flüsterte nicht diese oder jene Strandnixe unsere Namen, als wir vorübergingen? Das war ja für uns das Sirenenlied dichterischer Unsterblichkeit!

Und wir waren als wandernde Sänger unseres Amtes eingedenk. Kaum hatten wir, im Schatten hundertjähriger Eichen, von der „Fuchsspitze“ des romantischen Warnicken aus das unermeßliche Meer betrachtet, kaum waren wir durch die laubreiche, bachdurchrauschte „Wolfsschlucht“ in den Garten des Gasthauses zurückgekehrt, als wir uns auch gleich an den schlichten Holztisch setzten, um die empfangenen Eindrücke in scandirbarer Form zu verewigen und ganz Deutschland mit unseren Empfindungen zu beglücken. Denn mit Geringerem nicht wäre unsere Muse zufrieden gewesen; sie rief mit Stolz aus: „Das ganze Deutschland muß es sein!“

Ob Wilhelm Jordan damals eine Ahnung davon hatte, daß er zu dem „hochaufrauschenden heiligen“ Meer, welches er im daktylischen Wogenschlag seiner Verse widerspiegelte, noch einmal in officielle Beziehung treten werde? Gewiß nicht! Er mochte von Dichterlorbeern träumen, aber der künftige „Marinerath“ warf noch keinen Schatten in seine Seele. Wir zweifeln, daß die Najaden und Tritonen der Ost- und Nordsee dem Dichter eine Vertrauensadresse votirten, als er aus den Parteistürmen des Frankfurter Parlaments an das Steuerruder der „deutschen Flotte“ flüchtete, die freilich! damals selbst einen sagenhaft poetischen Zug hatte. Glücklicherweise wurde mit dem letzten Kriegsschiff die Muse des Dichters nicht mitverauctionirt; sie überlebte die seemännische Episode, und die Pension des Marinerathes wurde eine deutsche Dichterpension. So hat sich das Meer dankbar gezeigt für die Verherrlichung, welche der junge Dichter ihm zu Theil werden ließ, als er im Garten von Warnicken sein poetisches „Strandrecht“ übte und alle Gedanken und Gefühle zusammentrug, welche die Meeresfluth ihm ans Ufer geworfen hatte.

Ich will Ihnen hier, Madame, nichts von Jordan’s kurzer politischer Laufbahn berichten. Dichter sind als Politiker nicht in ihrem Element, so berechtigt auch die politische Dichtung ist. Das Beispiel Lamartine’s und Victor Hugo’s, welche von der Verherrlichung der Legitimität zur Feier der Socialrepublik übergingen, zeigt zur Genüge, zu welchen politischen Wandlungen dichterische Gemüther neigen. Jordan ging von der äußersten Linken des Frankfurter Parlaments zum Centrum über. So sehr ihm diese plötzliche Schwenkung verdacht wurde, so mußten doch selbst seine Gegner das bedeutende rednerische Talent anerkennen, welches Jordan sowohl im Parlament als auch bei naheliegenden Veranlassungen entfaltete. Die Leichenrede, die er dem ermordeten Fürsten Felix Lichnowski hielt, war in ihrer Art ein oratorisches Meisterstück, keine akademische oraison funèbre, in welcher jede Periode schwarz ausgeschlagen und mit Trauerfloren drapirt ist, nein, schwunghaft markig den tragischen Ernst der Situation erfassend und vorgetragen mit der hinreißenden Kraft des Volksredners.

Nachdem das Frankfurter Parlament zersprengt und die deutsche Flotte unter den Hammer gekommen war, verschwand auch der Marinerath von der Weltbühne und ergab sich wieder dem stillen Cultus der Musen. Hier und dort erschien auf den Bühnen ein Lustspiel von ihm, welches, zu der seltenen Gattung der poetischem Lustspiele gehörig, in den melodischen und feinzugespitzten Reimversen an „Donna Diana“ erinnerte. Daneben aber studirte der Dichter die Edda und vertiefte sich in die Runen des [347] germanischen Altertums. Die Frucht dieser Studien war ein modernes Nibelungenepos. Nach langem Zwischenraum tauchte der Parlamentsredner als „Rhapsode“ auf und wanderte von Stadt zu Stadt, von einem deutschen Gau zum andern, in der Reisetasche die blonde Chriemhild und die wilde Brunhild, und erweckte durch sein lebendiges Wort die Theilnahme der Hörer für seine dichterische Schöpfung.

Sie wundern sich, Madame, über dies neue umherziehende Rhapsodenthum? Sie meinen, die Jünger Homers und die alten Barden mochten selbst ihre Gesänge vortragen, weil sie kein anderes Mittel hatten, um sie bekannt zu machen; aber seitdem die Kunst Gutenberg’s besteht, bedürfe es solcher Auskunftsmittel nicht mehr. Wie engbeschränkt erscheine der Kreis, den der mündliche Vortrag beherrscht, gegenüber der weltumfassenden Verbreitung durch die schwarze Kunst!

Ach, wenn doch die herrlichsten Erfindungen des Menschengeistes sich nicht abstumpften, oder nicht den Stachel gegen sich selbst kehrten! Johannes Gutenberg möge uns verzeihen, wenn wir behaupten, daß gegenwärtig seine Kunst ebenso oft dazu dient, die Werke des Geistes zu verbergen als zu verbreiten. Sie glauben nicht, Madame, in welch’ tiefer Vergessenheit ein Band gedruckter Gedichte schlummern kann! Versteckter waren sie nicht im Schreibpulte des Dichters, als sie es sind in den obern Fächern der Buchläden, auf den Dachböden und in den Lagerhäusern der Verleger. Es ist ein trauriges Loos, als Maculatur das Licht der Welt zu erblicken – aber bei den vielen hundert schönwissenschaftlichen Werken, die alljährlich erscheinen, ist dies Loos das unvermeidliche Verhängniß der großen Mehrzahl. Darf man es da den Dichtern verargen, wenn sie dies Schicksal zu verbessern und durch das lebendige Wort den todten Buchstaben zu galvanisiren suchen? Hat nicht der Verkehr zwischen Dichter und Hörern durch den Eindruck der Persönlichkeit, durch die Macht der Rede einen erfrischenden Reiz?

Sie lächeln, Madame – ich errathe Ihre Gedanken. Vor Ihrer Seele schwebt das Bild der beiden Poeten, welche Sie einst bei sich auf Ihrem Schlosse sahen und welche einer auserlesenen Gesellschaft ihre Gedichte vorlasen, der eine stotternd, der andere näselnd, und jeder mit so mörderischer Virtuosität, daß kein Gedicht Schiller’s oder Goethe’s diese Execution überlebt haben würde.

Sie haben Recht! Es bedarf einer gewissen Gunst der Natur, wenn ein Dichter als Rhapsode auftreten will, und außerdem eine Kunst des Vortrags, welche indeß nie in theatralische Declamation ausarten darf. Wilhelm Jordan ist durch seine Persönlichkeit wie durch sein Organ begünstigt, er besitzt die Gabe eines episch ruhigen, sinnig verweilenden, hier und dort machtvoll anschwellenden Vortrags und weiß so die Hörer anzuziehn und zu fesseln. So fand er auch die Theilnahme der Leser für seine, bereits in zwei Auflagen vorliegende Dichtung: „Nibelungen. Erstes Lied: Siegfridsage in einundzwanzig Gesängen. Zwei Theile. (Frankfurt a. M.)“

Sie kennen, Madame, unser Nibelungenepos, jenen Kranz, zu welchem ritterliche Sangeskunst die alten Sagen sinnig gewunden hat. Jordan denkt gering von diesem in Sammt und Seide einherstolzirenden Rittergedicht; er sucht die echte Volkspoesie in den tieferen, älteren Schichten der Ueberlieferung, in der „Edda“ und „Völsungasage“. Dort findet er, wie ich es einmal in den „Blättern für literarische Unterhaltung“ aussprach, die reckenhafte Größe, das unverfälschte germanische Heidenthum; er gräbt die poetischen Mammuthknochen der ultima Thule hervor, die gleichsam in den Eispalästen des Nordens conservirten Götter- und Heldensagen, und seine Muse kommt mit Gigantenschritt, reich beladen mit flimmernden, seltenen Schätzen, von dieser Polarexpedition zurück, Eisreif und Schneenebel in den wallenden Locken.

Eine Gestalt, die Brunhild der alten Sage, hat Jordan mächtiger hingestellt, als unser deutsches Nibelungengedicht und seine Nachdichtungen; mächtiger noch, als der Dramatiker Hebbel, der sie bereits mit greller Magie durch die vulcanischen Flammen des nordischen Feuereilands beleuchtet hat und ihr visionäre Verzückungen einer gleichsam im Eisespanzer erstarrten Jungfräulichkeit, geheimnißvolle Orakelsprüche voll tiefsinniger Weisheit in den Mund legt. Doch Hebbel läßt seine dämonische Heldin plötzlich aus dem Verlaufe seines Trauerspiels entschwinden, während Jordan’s Brunhild mit urwüchsiger Gewaltigkeit von Anfang bis zu Ende die Dichtung beherrscht. Und wenn wir ihrem unheimlich majestätischen Gang folgen, so finden wir gerade auf ihrem Wege die bedeutsamsten Schönheiten des Gedichts erblüht. Ihre Entzauberung im vierten Gesang ist von großartig phantastischem Reiz; die Räthselrunen, welche die nordische Turandot aufgiebt, haben zwar nichts mit Schiller’s durchsichtigen, krystallschönen Räthseln gemein, noch weniger mit unsern modernen Familienrebus; sie haben etwas Aufgebauschtes, Verschnörkeltes und gleichen grotesken Nebelbildern; aber gerade dies giebt ihnen einen alterthümlichen Reiz.

Im elften Gesange sehen wir die wilde Jungfrau auf dem meerumschäumten Felsen sitzen und mit den Elementen Zwiesprache halten, nicht in weitausgesponnenen Allegorien, sondern in schlaghaften Selbstbetrachtungen voll kühnen Zweifels und mächtigen Trotzes, wie sie die weltstürmenden Gedankenhelden der Neuzeit lieben. Die Poesie bleibt doch immer ein Kind ihrer Zeit, mag sie auch ihre Stoffe aus dem grauesten Alterthume wählen. Diese verwitterten Sagenheldinnen, deren Kolossalbilder uralte Ueberlieferung gleichsam in den Felsen gehauen hat, schmücken in Jordan’s Dichtung ihre Stirn mit einem Kranze von Gedankenblüthen, die in den Gärten der neuen Philosophie gewachsen sind; der Meeresfelsen der Brunhild verwandelt sich in den Katheder von Jena und Berlin, wo einst Fichte die weltschöpferische Macht des „Ich“ verkündete; ja das prächtig schöne Nornenlied, ein Juwel der Jordan’schen Dichtung, ist doch nur eine Feier der dunkelwaltenden Nothwendigkeit, wie sie der einsame glasschleifende Denker von Amsterdam als die Seele des Weltalls und das Band der Dinge erkannte.

Ja, Madame, und wenn unsere Dichter noch weiter in die Urzeit zurückgingen und eine Heldin aus der Zeit der Pfahlbauten wählten und sie Zwiesprache halten ließen mit dem Monde, der in ihrem heimathlichen See sich spiegelt, oder ein Lied singen zum Preise der „Steinbohrer“, von denen der schönste Jüngling ihr Herz gewonnen hat, so würde unser Denken und Empfinden auch diese altersgraueste Cultur ankränkeln und die Dichtung uns vielfach gemahnen wie eine neueste Dorfgeschichte, die nicht auf dem Schwarzwalde, sondern auf den Pfahlbauten spielt. Darum sollen unsere Dichter nur Stoffe der Neuzeit wählen; ältere Stoffe werden entweder „modernisirt“, das heißt ihre Façon wird umgebogen und ihre Farbe oft ausgewaschen – oder sie verlieren, bei treu alterthümlicher Haltung, die Sympathien der Gegenwart.

Jordan’s Brunhild zeigt sich uns noch einmal in ihrer dämonischen Schönheit in der Badescene, welche der Dichter mit künstlerischem Auge belauscht hat, und in ihrem Flammentod, einem jedenfalls großartigen, für die gewaltige Walkyre geeigneten Abschluß.

Wenn die wildschönen Partieen des Gedichtes sich an die Schicksale der Brunhild knüpfen, so verbreitet die sanfte Chriemhild einen milden Reiz über die Gesänge, deren Heldin sie ist. Wie anmuthig dargestellt ist Siegfried’s Brautwerbung, wie rührend sein Abschied! In diesen Schilderungen mischt sich deutsche Innigkeit mit jener antiken Naivetät, wie sie der Vater der Dichtkunst, der Grieche Homer, seinen unsterblichen Gesängen eingehaucht hat.

Doch neben diesen Glanzstellen der Dichtung im großartig Gewaltigen und lieblich Zarten findet sich auch viel Unbedeutendes und Ermüdendes von epischer Breitspurigkeit, ohne Anziehungskraft, Nachdichtungen eines sagenhaften Stoffes, der für uns in vielen Hauptzügen ungenießbar ist. Was soll uns der Prolog im Himmel, was der Congreß der altdeutschen Götter, deren Eingriffe in das Menschengeschick ja nur die freie Entfaltung der Charaktere stören können? Selbst unser Nibelungenepos hat diese himmlische Ouverture verschmäht. Der ganze Knäuel altnordischer Sagen mit ihrer unschönen und oft bedeutungslosen Bildlichkeit entwirrt und verwirrt sich wieder in mehreren langathmigen Gesängen der Dichtung, während die Schilderung altgermanischer Sitten, wie der Kampf- und Ringspiele, in ihrer Aeußerlichkeit doch nur Interesse für den Alterthumsforscher hat. Denn wo das culturhistorische Museum anfängt, hört die Poesie auf.

Eigenthümlich ist auch die Form der Dichtung; ich müßte einen sehr gelehrten Vortrag halten, Madame, wenn ich Ihnen diese originelle Gewandung auseinanderhefteln wollte. Ihr Schnitt ist zwar ein urdeutscher, aber desto fremdartiger für die Gegenwart. Sie müssen alles vergessen, Madame, was Sie von deutscher Verskunst gelernt haben, am wenigsten aber „Füße“ zählen wollen; denn [348] diese altgermanischen Verse sind nur ein insectenartiges Durcheinanderkrabbeln. Auch mit der Elle lassen sich diese Verszeilen nicht messen; denn die Einen sind noch einmal so lang als die Anderen. Und doch sind es immer vier Hebungen und vier Senkungen; doch in den Senkungen – da wimmelt’s durcheinander von Silben und Wörtern.

Ach, Wellen und Wolken sind Wahngebilde –

so lautet das uns verständliche und allerdings vorherrschende Versschema. Daneben finden sich aber auch Versungeheuer, wie das folgende:

Plätscherten mit den Schweifen und plauderten geschwätzig,

und dieser wie Gummi Elasticum ausgedehnte Vers soll in dasselbe Schema zusammenschnurren, wie der vorausgehende! Das rhythmische Gefühl läßt sich durch die malerischen Wirkungen nicht bestechen, die durch die ausnehmende Freiheit der metrischen Bewegung erreicht werden können. Statt des volltönenden Reims aber sollen wir uns mit einem altgermanischen Ersatz begnügen, mit dem Antönen gleichlautender Consonanten, welches doch nur als ein flüsterndes Suchen des Wohlklangs erscheint.

Die Gartenlaube (1870) b 348.jpg

Nach einer Concilsitzung.
Nach der Natur aufgenommen von Julius Jury in Rom.


Jordan beherrscht diese erneuerten urwüchsigen Formen mit seltenem Talent und entlockt ihrer Sprödheit manche anmuthende Wirkung. Noch bedeutender zeigt sich seine dichterische Gabe in der Darstellungsweise selbst, welche fast immer das ruhige Gleichmaß erzählender Dichtung wahrt und durch Vergleichungen von großer Klarheit und Schönheit gehoben wird. Ein beträchtlicher Theil dieser behaglich ausgeführten Bilder ist dem Naturleben entnommen und verräth eine scharfe Beobachtung und genaue Kunde der Vorgänge in der Thier- und Pflanzenwelt, wie der Erscheinungen, die das Spiel der elementarischen Gewalten darbietet. Dies Leben, das dem ewig gleichen Gesetz gehorcht, verbindet auch über die Kluft der Zeiten hinüber die anders redenden und denkenden Menschengeschlechter.

So sind Jordan’s „Nibelungen“ eine talentvolle Erneuerung urzeitlicher Dichtung; nimmer aber ist die Wiedergeburt fertiger Sagen die preiswürdigste Aufgabe der Poeten. Mögen sie aus dem Geiste ihres Jahrhunderts herausdichten! So haben Dante, Shakespeare, ja selbst die alten Skalden gedichtet. Aus den alten Hünengräbern werden nur rostige Schwerter herausgewühlt; aber im Sonnenschein funkeln die guten Schwerter, welche die Ritter des Geistes schwingen im Dienste der Freiheit und Humanität, der erhabenen Ideale der Neuzeit.



[349]
Aus deutschen Gerichtssälen.
Nur ein Ballgespräch.

Auf dem Aushange am schwarzen Brette war nur eine Untersuchung und nur eine Angeklagte verzeichnet. Bei einem größeren Gericht mußte das auffallen. Man mußte sich unwillkürlich fragen, weshalb diese eine Untersuchung abgesondert von anderen Sachen verhandelt und entschieden werden sollte. Aber noch eine andere Frage drängte sich auf.

Die Gartenlaube (1870) b 349.jpg

Armenische Kirchenfürsten auf dem Monte Pincio.
Originalzeichnung nach der Natur von Julius Jury in Rom.

Der Terminstag ward auf einen Sonnabend bestimmt, während die Sitzungen der Criminalabtheilung regelmäßig am Donnerstag abgehalten wurden. Worauf gründete sich diese Ausnahme von der Regel? Hatte das Object der Untersuchung oder die Person der Angeklagten die Veranlassung dazu gegeben? Mir wurde es schwer, auf diese Fragen eine zureichende Antwort zu finden. Das Object der Untersuchung war von keiner besonderen Erheblichkeit. Auf dem Aushange war kurz angegeben: „wegen öffentlicher Verleumdung“. Eine so gewöhnliche und oft wiederkehrende Beschuldigung konnte die Ausnahme nicht rechtfertigen. Der Grund hierzu mußte also in der Persönlichkeit der Angeklagten gefunden worden sein. Das wollte mir aber wiederum nicht mit den Bestimmungen der Verfassung zusammenpassen, denn nach diesen Bestimmungen sollte da jede Standesbevorzugung für immer aufgehoben und beseitigt sein. Genug, das Unfindbare reizte und veranlaßte mich, schon vor dem Beginn der Verhandlung in den gerade nicht sehr geräumigen Sitzungssaal einzutreten und mir hier einen Platz zu sichern, von welchem aus es mir möglich war, ungestört sehen und hören zu können.

Nur wenige Minuten vor dem Eintritt der Terminsstunde erschien die Angeklagte. Sie kam in Begleitung zweier Herren. Der Eine führte sie am Arme bis zur schwarzen Bank und blieb dann neben dieser stehen, der Andere, in einfachem schwarzem Anzuge, nahm den Sitz des Vertheidigers ein. Die Angeklagte war eine schöne Frau, eine imposante Erscheinung, und ihre Toilette an diesem Orte überraschend. Die schwarze Bank mochte Aehnliches gewiß noch niemals zu tragen gehabt haben. Auch das Auftreten war nicht gewöhnlich, nicht so, wie Angeklagte auf der schwarzen Bank sich sonst präsentiren. Die Dame zeigte sich vollkommen unbefangen, der Ausdruck des Gesichts verrieth sogar eine muthwillige Lustigkeit.

Während der Blick aus den großen dunkeln Augen lachend im Zuhörerraum des Saales umherlief und bei einzelnen Anwesenden freundlich grüßend verweilte, spielten die mit feinen Handschuhen bekleideten Hände abwechselnd mit einem schön gemalten, kostbaren Elfenbein-Fächer oder mit den Spitzen der schweren Sammt-Mantille, welche durch eine Brillantnadel auf den Schultern festgehalten wurde. Jede Sorge, jeder Kummer schien der Dame fern zu sein, sie erkannte nicht einmal den Ernst der Situation. Auf mich machte dies Verhalten auf der schwarzen Bank keinen günstigen Eindruck; ich fand darin eine übermüthige Geringschätzung der durch das Gesetz geheiligten Förmlichkeiten des gerichtlichen Strafverfahrens und diese selbst in dem Falle ungehörig, wenn die Entscheidung des Gerichts nicht zu fürchten sein sollte. Und doch konnte ich den Wunsch nicht unterdrücken, daß dieser Uebermuth nicht gestraft, das schöne lachende Auge, nicht getrübt werden möchte.

Der Herr, der neben der schwarzen Bank stehen blieb, war der Gatte der Angeklagten, eine im Orte allgemein bekannte Persönlichkeit, die gewöhnlich mit „Herr Geheimrath“ angeredet wurde. Diesem schien es unbequem zu sein, an diesem Orte verweilen zu müssen; er blickte ernst, fast finster vor sich hin. Der finstere Ernst milderte sich nur in den Augenblicken, in welchen der Blick auf der Angeklagten ruhen blieb.

Etwa fünf Minuten später traten die Mitglieder des Gerichts in den Saal, und unmittelbar darauf auch der öffentliche Ankläger, [350] der Staatsanwalt. Der Vorsitzende des Gerichts, ein schon bejahrter Herr, beseitigte von Anfang an jede Illusion einer Bevorzugung. Die Art und Weise, wie er die Verhandlung eröffnete, ließ es keinen Augenblick zweifelhaft, daß er auf die gesellschaftliche Stellung der Angeklagten keinen Werth legte, daß er an dieser Stelle ausschließlich gebieten wolle und gebieten werde, und daß diesem Gebote jeder Anwesende sich willig fügen müsse. Nachdem er sich durch einen raschen Blick überzeugt hatte, daß jeder Betheiligte den ihm angewiesenen Platz eingenommen hatte, sagte er laut und scharf: „Ich ersuche den Herrn Staatsanwalt, die Anklage vorzutragen, und die Angeklagte fordere ich auf, sich von ihrem Sitze zu erheben, und dem Vortrage des Herrn Staatsanwalts aufmerksam zu folgen.“

Die Angeklagte blieb sitzen. Ich bemerkte aber, daß ihr Gesicht sich entfärbte, daß alles Blut daraus verschwand, um wenige Secunden später in größerer Menge dahin zurückzukehren. Auch der Vorsitzende mußte dies wahrgenommen haben. Sein nach der schwarzen Bank gerichteter Blick wurde stechend. Die Mißachtung seiner Aufforderung erregte ihn. Er unterbrach den Staatsanwalt und sagte mit noch schärferer Stimme: „Ich habe die Angeklagte aufgefordert, sich von ihrem Sitze zu erheben. Wenn nicht besondere Gründe vorhanden sein sollten, die anzugeben sein würden und bezüglich der Erheblichkeit ausschließlich meiner Beurtheilung unterliegen, muß ich auf Befolgung meiner Anordnung bestehen. Ueberhaupt mache ich im Voraus darauf aufmerksam, daß jede Forderung, welche von dieser Stelle aus an die Angeklagte gestellt wird, reiflich erwogen und willig zu befolgen ist.“

Die Angeklagte erhob sich, aber zögernd und erst dann, als ihr der Gatte leise einige Worte zugeflüstert hatte. Ihr Gesicht hatte mit einem Male einen andern Ausdruck erhalten. Die Augen lachten nicht mehr, der Blick haftete auf der Lehne, welche die Grenze bildete zwischen Angeklagte und Vertheidiger, der schön geformte Mund war fest geschlossen, die Lippen fest aneinander gepreßt, und beide Hände umschlossen den Fächer, als ob dieser unter dem Drucke zerbrechen solle.

Die Worte des Vorsitzenden mußten die Angeklagte tief verletzt und eine Erregung hervorgerufen haben, welche in Bezug auf die Vertheidigung leicht schlimme Folgen haben konnte. Allem Anschein nach fühlte die Angeklagte sich in ihren Erwartungen bitter getäuscht. Es war die Einleitung zu einer Buße von schwerem Gewicht. Auf den Vortrag des Staatsanwalts schien die Angeklagte gar nicht zu achten. Sie starrte vor sich hin, und nur von Zeit zu Zeit machte sich die Brust durch ein tieferes Athemholen von dem auflastenden Drucke frei. Der Vortrag des Staatsanwalts war beendigt, die Angeklagte hatte auf die Frage des Vorsitzenden: „ob sie sich schuldig bekenne,“ ein „Nein“ herausgestoßen, es begann das specielle Verhör.

Die Anklage gründete sich auf eine Bestimmung des Strafgesetzbuchs, welche mit bloßen Augen kaum zu erkennen ist, die erst durch Zuhülfenahme der Lupe klar wird, auf eine Bestimmung, die im Laufe eines Tages von Arm und Reich, Vornehm und Gering in gutem Glauben unzählige Male übertreten wird, und die, wenn die Uebertretung in jedem einzelnen Falle gerügt und mit Gefängnißstrafe geahndet werden sollte, die Gefangenenanstalten in kurzer Zeit überfüllen und als unzureichend darstellen würde. Diese Bestimmung lautet:

„Wer in Beziehung auf einen Anderen unwahre Thatsachen behauptet oder verbreitet, welche denselben in der öffentlichen Meinung dem Hasse oder der Verachtung aussetzen, macht sich der Verleumdung schuldig.“

Also nicht allein der Erfinder, sondern auch der Wiedererzähler einer solchen unwahren Thatsache ist ein Verleumder, und unterliegt dem Strafgesetze. –

„Angeklagte,“ begann der Vorsitzende das Verhör, „Sie befanden sich am Abend des 11. Januar in dem großen Saale des Ressourcengebäudes, in welchem die Gesellschaft einen Ball veranstaltet hatte. Mit Ihnen waren dort noch eine große Zahl Herren und Damen anwesend. Gestehen Sie dies zu?“

„Ja!“

„Sie machten dort einigen Damen laut und in lebhafter Sprechweise Mittheilungen. Erinnern Sie sich dessen und wollen Sie diese hier wiederholen?“

Es erfolgte keine Antwort.

„Ihr Schweigen,“ erklärte der Vorsitzende nach einer kleinen Pause,. „nöthigt mich, Ihnen specielle Fragen zur Beantwortung vorzulegen. Ist Ihnen der Gerichtsassessor B. bekannt?“

„Ja.“

„Sie haben gewiß auch davon gehört, vielleicht auch gelesen, daß der Gerichtsassessor B. mit Fräulein M. verlobt ist. Die Verlobung ist ja von den Betreffenden öffentlich bekannt gemacht. Nicht wahr, Sie haben davon Kenntniß gehabt?“

„Ja.“

„Die Mittheilungen, welche Ihnen zum Vorwurf gemacht werden, stehen mit der Person des Gerichtsassessors B. in genauester Verbindung. Mit diesen Andeutungen glaube ich Ihrem Gedächtnisse zu Hülfe gekommen zu sein, und ich erwarte nun von Ihnen die Wiederholung Ihrer Mittheilungen.“

Die Angeklagte schwieg, aber ihr Kopf hob sich hoch und der Blick richtete sich nach dem Vorsitzenden. Dieser Blick war äußerst beredt. Er bat um Zurücknahme der Aufforderung, um Erlaß der Wiederholung der früher gemachten Mittheilungen.

Der Vorsitzende beachtete die stumme Bitte nicht; er durfte das nicht. Als die Angeklagte in ihrem Schweigen verharrte, sagte er:

„Ich muß die Angeklagte noch damit bekannt machen, daß an dieser Stelle ein offenes, ein unumwundenes Eingestehen der Schuld in der Regel zur Milderung gereicht, das geflissentliche Verheimlichen derselben dagegen jede Milde auszuschließen pflegt.“

Diese Mahnung, die gewöhnlich ist, weil sie jedem Beschuldigten gemacht wird, versetzte die Angeklagte in eine unbeschreibliche Aufregung.

„O mein Gott, mein Gott,“ rief sie, indem sie beide Hände vor das Gesicht schlug, „was habe ich denn Böses gethan?“

Der Vorsitzende blieb auch bei diesem Ausrufe kalt. Er wartete nur einige Minuten, und als nach dieser Zeit keine weitere Erklärung folgte, nahm er das Verhör wieder auf.

„Sie hatten sich am Ballabend verspätet und wurden deshalb von Ihren Freundinnen mit Vorwürfen empfangen. Sie entschuldigten sich damit, daß die Nähterin Sie habe warten lassen, und bemerkten dabei, daß Ihnen die Zeit gar nicht lang geworden sei, weil ‚Marie‘ – so wird ja wohl die Nähterin gewöhnlich genannt – Ihnen, wie Sie gesagt haben sollen, ‚pikante‘ Geschichten erzählt habe. Nun wurden Sie bestürmt, diese Geschichten wieder zu geben. Ist dies Alles wahr?“

„Ja!“ hauchte die Angeklagte kaum vernehmbar.

„Sie ließen sich auch erbitten. Sie erzählten, natürlich weitläufiger, als ich dies wiederzugeben für gut finde, ungefähr Folgendes: Der Gerichtsassessor B. pflege Orte zu besuchen, an welchen heimlich und versteckt Hasardspiele getrieben würden. Er habe an diesen Orten erhebliche Verluste erlitten und sei in Folge dessen arm wie eine Kirchenmaus. Seine zahlreichen Gläubiger ließen ihn gar nicht mehr zur Ruhe kommen, er vertröste sie sämmtlich auf die Mitgift seiner zukünftigen Frau. Ist dies so richtig?“

„Ja! Marie,“ fügte die Angeklagte hinzu, „hatte mir das kurz vorher als eine Neuigkeit erzählt.“

„Aber Sie sagten noch mehr,“ fuhr der Vorsitzende fort. „Sie erzählten, wiederum sehr weitläufig: am Tage vorher habe der Gerichtsassessor B. unerwartet Besuch erhalten. Eine Dame aus Berlin, wo B. sich früher aufgehalten, habe sich bei ihm eingefunden und unter Hinweis auf die Nothwendigkeit die Verwirklichung gegebener und bindender Versprechungen gefordert. Ist das auch richtig?“

„Ich erzählte nur, was ich vorher von der Marie erfahren hatte –“

„Danach habe ich nicht gefragt,“ unterbrach der Vorsitzende hart und scharf. „Ich muß Auskunft darüber haben, ob Sie meinen Vorhalt in seinem ganzen Umfange anerkennen, oder ob und was Sie davon berichtigen wollen. Sie sagten allerdings noch weit mehr. Sie beschrieben namentlich drastisch die Persönlichkeit der fremden Dame, ihren augenblicklichen Zustand und die Art der Versprechungen, welche der Gerichtsassessor B. gemacht haben sollte und nun nicht erfüllen wolle. Auf diese Einzelnheiten will ich indeß gar nicht zurückkommen; ich lege darauf keinen Werth, weil sie bei der Feststellung des objectiven Thatbestandes entbehrlich sind. Es genügt mir, wenn Sie auf meine erste Frage mit Ja oder Nein antworten. Nun?“

[351] „Ich habe,“ versetzte die Angeklagte stammelnd, „davon gesprochen, aber –“

„Das, was Sie Ihrer Erklärung hinzufügen wollen,“ fiel der Vorsitzende hier ein, „werden Sie später, wenn es sich um die Vertheidigung handelt, auszusprechen Gelegenheit finden. Hier sind diese Bemerkungen nicht am Orte. Ich habe nur noch zwei Fragen zu stellen, die auf die Entscheidung Einfluß äußern werden. Angeklagte, haben Sie die Wahrhaftigkeit Ihrer Mittheilungen, bevor Sie diese machten, einer Prüfung unterzogen?“

„Nein, ich hatte dazu keine Zeit.“

„Angeklagte, erkennen Sie an, daß der Ort, an welchem die Mittheilungen von Ihnen gemacht wurden, ein öffentlicher war?“

„Nein, das erkenne ich nicht an.“

„Dies Nein befremdet mich,“ versetzte der Vorsitzende. „Ich gestehe offen, daß ich auch hier ein Ja erwartete, und sehe mich nun genöthigt, Sie mit noch weiteren Fragen zu belästigen. Sie haben bereits zugegeben, daß zur Zeit der Mittheilungen schon eine Anzahl Herren und Damen im Saale anwesend waren. Sie werden gewiß auch nicht in Abrede stellen wollen, daß jedes Mitglied der Gesellschaft Ressource das Recht hatte, unbehindert dort einzutreten?“

„Es ist, wie bekannt, eine geschlossene Gesellschaft,“ sagte zum ersten Male das Wort ergreifend der Geheimrath.

„Meine Frage,“ fiel der Vorsitzende hier unterbrechend ein, „ist an die Angeklagte gerichtet. Ich habe es nur mit dieser zu thun und muß jede Einmischung eines Dritten als unberechtigt zurückweisen.“

Der alte Herr gefiel mir; er ging auf geradem Wege nach dem Ziele und stieß, was ihn hier aufhalten und hindern wollte, rücksichtslos bei Seite.

„Angeklagte,“ wandte er sich an diese, „gestehen Sie zu, daß jedes Mitglied der Gesellschaft berechtigt war, in den Saal einzutreten?“

„Gewiß; es war aber eine geschlossene Gesellschaft, und die Damen, denen ich meine Mittheilungen machte, waren meine vertrautesten Freundinnen.“

Ueber das Gesicht des Vorsitzenden glitt ein feines Lächeln. Dies Lächeln galt den „vertrautesten Freundinnen“. Sie hatten sich ja als solche bewährt, sie hatten, indem sie die empfangene Mittheilung rasch weiter verbreiteten, das Vertrauen der Freundin glänzend gerechtfertigt.

„Angeklagte,“ fragte er noch immer lächelnd, „hielten Sie derartige Mittheilungen an vertraute Freundinnen für erlaubt?“

„Ich habe kein Unrecht darin gefunden, es geschieht ja so häufig, daß –“

„Leider, leider! Sie hätte aber doch wohl bedenken müssen, daß durch Ihre Erzählungen einem allgemein geachteten Manne Handlungen schuld gegeben wurden, welche diese Achtung aufzuheben geeignet waren. Haben Sie nicht daran gedacht?“

„Nein.“

„Diese Sorglosigkeit, ich finde keine gelindere Bezeichnung, hat, wie Sie erfahren haben werden, unsägliches Unheil angestiftet. Sie hat Menschen, die vereint durch’s Leben gehen wollten, auseinander gerissen, sie hat Hoffnungen unerfüllbar gemacht, sie hat Menschenherzen unendlich tief betrübt. – Ich würde keine Veranlassung genommen haben, hierüber zu sprechen, wenn die Angeklagte sich nicht darauf berufen hätte, daß unter vertrauten Freundinnen solche Erzählungen ‚häufig‘ gemacht würden. Wenn dies wahr sein sollte, und ich hege in dieser Beziehung nicht den geringsten Zweifel, so muß ich bemerken, daß das Strafgesetz einer solchen Unsitte Grenzen setzt.“

Das Verhör der Angeklagten war hiermit geschlossen. Es folgte das Verhör der Zeugen. Als solche traten auf: die Nähterin Marie und vier zur haute volée des Ortes gehörige Damen.

Die Vernehmung dieser Zeugen erfolgte mit einer außerordentlichen Genauigkeit. Kein Umstand, der belasten oder entschuldigen konnte, blieb unbeachtet, mit unendlicher Sorgfalt wurde auch das scheinbar Unbedeutende klar und zweifellos gemacht. Die Leitung ließ aber eine Schärfe erkennen, welche ohne jede Rücksicht sich nur die unparteiische Feststellung des zur Beurtheilung der Schuldfrage vorhandenen Materials zur Aufgabe gestellt hatte. Die Person der Angeklagten war dem Vorsitzenden hierbei völlig werthlos; er gab nichts auf ihre Schönheit, auf ihren Stand, auf ihren Reichthum, auf ihre Verbindungen, es schien sogar, als ob gerade das Vorhandensein dieser Vorzüge ihn dazu bestimmte, recht anschaulich zu machen, daß vor ihm kein Ansehen der Person gelte.

Das Resultat der Beweisaufnahme war insofern von Bedeutung, als sich herausstellte, daß die Angeklagte zu den Mittheilungen, welche ihr gemacht worden waren, verschiedenes Wesentliche hinzugefügt, daß sie dieselben somit gewissermaßen entstellt wiedergegeben hatte.

Die Quelle, aus welcher die Nähterin Marie geschöpft, blieb Geheimniß. Diese Zeugin hatte übrigens eine schweren Stand. Der Vorsitzende machte ihr über ihr leichtfertiges Verhalten die eindringlichsten Vorhaltungen. Er sagte ihr geradezu, daß sie eigentlich auf die Bank der Angeklagten gehöre, und daß, wenn ihr ein anderer Platz angewiesen sei, sie dies nur dem Umstande zu danken habe, daß der Ort, an welchem sie die bedauerlichen Mittheilungen gemacht, kein öffentlicher gewesen sei, sie daher nur durch die Civilklage zur Rechenschaft gezogen werden könne.

Endlich erklärte der Vorsitzende die Beweisaufnahme für geschlossen.

Der Staatsanwalt hielt die Schuld der Angeklagten für unbedenklich festgestellt. Er führte aus, daß er in der Verhandlung keinen Milderungsgrund aufgefunden habe, daß ihm deshalb die Anwendung einer Geldbuße unthunlich erscheine, und er beantragen müsse, die Angeklagte zu einer vierzehntägigen Gefängnißstrafe zu verurtheilen.

Der Antrag des Staatsanwalts mußte die Angeklagte überrascht und erschreckt haben. Sie erhob sich rasch von ihrem Sitze und versuchte zu sprechen. Der Mund war geöffnet, die Lippen zuckten, aber kein Laut kam darüber hinweg. Es war still geworden im Saale, ganz still; Aller Augen ruhten erwartungsvoll auf der Angeklagten. Diese schien entsetzlich zu leiden; sie stand unbeweglich aufrecht, aber ihr Gesicht spiegelte eine namenlose Angst, einen tiefempfundenen Schmerz wieder. Die lautlose Stille steigerte die Angst, die Angeklagte erzitterte unter dem gewaltigen Drucke und fiel mit einem lauten Schrei auf die schwarze Bank zurück. Sie bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und weinte laut, oft krampfhaft schluchzend. Der Zuspruch des Gatten und des Vertheidigers vermochten nicht, sie zu beruhigen, sie weinte fort.

Der Vertheidiger stellte die Schuld gar nicht in Abrede, er versuchte nur, diese zu mildern, und gab sich die größte Mühe, anschaulich zu machen, daß eine „öffentliche“ Verleumdung nicht angenommen werden könne, der Angeklagten aber in jedem Falle mildernde Umstände zu statten kommen müßten und auf eine Geldbuße, deren Höhe dem Arbitrium des Gerichtshofes anheimgegeben werde, zu erkennen sei.

Die Angeklagte selbst vermochte nicht zu sprechen, das fortdauernde Weinen erstickte die Sprache, und ihrem Gatten, der noch zu sprechen versuchte, wurde das Wort entzogen, weil nur die Angeklagte und deren Vertheidiger, sonst aber Niemand zur Vertheidigung sprechen dürfe.

Die Mitglieder des Gerichts verließen den Saal, um das Urtheil zu berathen.

Ich fürchtete für die Angeklagte einen harten Urtheilsspruch. Die Schärfe, mit welcher die Verhandlung geführt worden war, ließ annehmen, daß dieselbe auch bei der Abmessung der Strafe sich Geltung verschaffen werde. Der Vorsitzende hatte von einer Unsitte gesprochen. Er hatte dies mit erhobener Stimme gethan und dabei die innere Erregung nicht unterdrücken können. Vielleicht sollte dieser Fall gar eclatant gemacht werden, um ein Exempel zu statuiren, zur Vorsicht zu mahnen und vor der Theilnahme an dieser Unsitte zurückzuschrecken. War denn die öffentliche Demüthigung dieser schönen, hochgestellten Frau nicht schon eine schmerzliche Strafe? Die That selbst konnte damit und mit Auferlegung einer Geldbuße recht gut für gesühnt angenommen werden, die Freiheitsstrafe vermochte ja nicht tiefer zu demüthigen, sie konnte nur für lange Zeit unglücklicher machen und ein glückliches Familienleben zerreißen.

Ich suchte noch nach Entschuldigungsgründen, als die Mitglieder des Gerichts in den Saal zurückkehrten. Die Berathung hatte nicht viel Zeit in Anspruch genommen, es konnten weder sachliche noch rechtliche Bedenken zu beseitigen gewesen sein.

„Angeklagte,“ sagte der Vorsitzende, „stehen Sie auf. Es ist erkannt: Im Namen des Königs, daß die Angeklagte wegen öffentlicher Verleumdung mit einer vierzehntägigen Gefängnißstrafe zu belegen und zu den Kosten zu verurteilen.“

[352] Ich erwartete, daß die Angeklagte sich nicht werde aufrecht erhalten können, aber sie blieb unbeweglich stehen und hörte die Verkündung des Urtheils bis zu Ende. Sie schien die Fassung wiedergewonnen zu haben und das Unabwendbare ruhig tragen zu wollen.

Festen Fußes schritt sie zur Thüre. Kaum aber hatte sie die Schwelle hinter sich, so brach sie zusammen und sank halb ohnmächtig in die Arme ihres Gatten. Dieser kam schon am folgenden Tage um seine Versetzung in eine entfernte Provinzialstadt ein.




Blätter und Blüthen.

Aus der Stadt des Concils. Noch immer sind Aller Augen nach der Tiberstadt gerichtet, wo unter den Auspicien eines Papstes, dem die katholische Welt bereits das Dogma von der unbefleckten Empfängniß Maria’s dankt, von einer Versammlung hoher Kirchenfürsten der Versuch gemacht wird, alle geistigen Errungenschaften der letzten und namentlich des neunzehnten Jahrhunderts als ungeschehen hinzustellen, und die finsteren, liebelosen, fanatischen Anschauungen des Mittelalters wieder auf den Schild zu heben. Als der Gipfelpunkt dieser Bestrebungen gilt bekanntlich die Verkündigung des Unfehlbarkeitsdogma’s, nach welcher, wie man sagt, Pius der Neunte in den Berathungen des Concils eine Unterbrechung anordnen und dessen ehrwürdige Glieder auf geraume Zeit in ihre Heimath entlassen wird, dort im Sinne der zu Rom gewonnenen und befestigten Anschauungen weiter zu wirken. Ein erfreulicher Blick, der sich uns hier für die Zukunft eröffnet! Da römisches Leben und Treiben unter solchen Verhältnissen erneutes Interesse gewonnen, hat die Gartenlaube schon wiederholt anregende Berichte und Bilder aus der Stadt des Concils gebracht; heute sind es zwei Illustrationen von der Hand des in Rom lebenden begabten Künstlers Julius Jury, deren eine die Abfahrt der ehrwürdigen Kirchenväter nach Schluß einer Sitzung darstellt. Zwei Cardinäle begleiten sich, der Statue des heiligen Peter vorbei, zu dem vom Diener geöffneten, oben mit goldenen Verzierungen geschmückten Wagen. Der Eine in hellem Gewand und Mantel, mit langem, weißen Bart ist der Patriarch von Jerusalem, der Andere in dem schwarzen, vornherunter mit kleinen Knöpfen besetzten Rocke ist der Cardinal Antonelli. Um den Leib trägt er eine breite Schärpe und um den Hals ein großes, goldenes, mit Steinen besetztes Kreuz an gleicher Kette. Der Hut ist von drei Seiten ein wenig aufgeschlagen und mit einer reichen Borte versehen. Hinter den beiden Cardinälen schreiten noch zwei Kirchenherren und drei Diener, von denen zwei ihren Platz links und rechts am Kutschenschlage finden, indeß der dritte hinten folgt. Im Hintergrunde des Bildes drängen sich Dominicaner, Griechen und Andere, während die Gruppe vornen Landleute aus Frosinone darstellt. – Die andere Illustration zeigt uns einen armenischen Kirchenfürsten, vor welchem die Wache auf dem Monte Pincio präsentirt – eine militärische Auszeichnung, die schon manchen der geistlichen Herren in Verlegenheit gesetzt haben soll. Vor den höheren Kirchenfürsten (denn auch die Diener Gottes sehen in so weltlichen Dingen auf strenge Rangordnung) tritt die Wache in’s Gewehr; vor Anderen präsentirt sie; vor Anderen wieder zieht sie das Gewehr an und vor den Geringsten unter ihnen wird, wie man uns schreibt, „blos salutirt“. Der Obelisk steht vor der Kirche Trinita de Monte, im Hintergrunde ist der Monte Mario sichtbar.


Ehrengabe für einen deutschen Dichter!

Roderich Benedix, unser vaterländischer Lustspieldichter, vollendet im Januar 1871 sein sechzigstes Lebensjahr. Dreißig Jahre hat er für die deutsche Bühne gewirkt, mehr als neunzig Stücke hat er geschrieben und mit seinen Stücken ist er überall willkommene Grundlage des jetzigen deutschen Theater-Repertoires geworden.

Roderich Benedix vertritt eine kerndeutsche Richtung in seinen Dramen, und wirkt dadurch gesund und wohlthätig auf den Geschmack unserer Nation. Der Grund seiner Arbeiten ist sittlich rein, Form und Ausdruck derselben sind allgemein verständlich, bei Hoch wie Niedrig wirksam. Darum sind auch seine Stücke auf den ersten Theatern heimisch, wie auf den kleinsten Bühnen, ja selbst für die Darstellung in Familienkreisen sind sie gesucht. So ist Benedix im wahren Sinne des Wortes ein dramatischer Volksdichter.

Das deutsche Volk hat das überall anerkannt, denn eine große Anzahl der Benedix’schen Stücke, obschon in ihren Mitteln von der größten Einfachheit, sind Zug- und Cassestücke geworden, und die Nation, welcher er angehört, hat wohl die Verpflichtung, solch’ einem, auch von allen Nachbarvölkern übersetzten, weil auch dort hochgeschätzten Dichter einen Ausdruck des Dankes zu bieten.

Es ist in Deutschland leider nicht wie in anderen Ländern Brauch, daß der Staat Sorge trage für verdiente Schriftsteller, namentlich dann für dieselben Sorge trage, wenn das Alter ihre Erwerbskraft verringert. Wir haben auch keine Akademieen, welche verdienstvollen Schriftstellern Preise und Gehalte zuerkennen. Ergänzen wir darum diesen Mangel durch freie Sammlung, erfüllen wir eine Ehrenpflicht, indem wir das Alter eines unserer beliebtesten dramatischen Dichter zu erleichtern und sorgenfrei zu machen suchen.

Roderich Benedix ist nicht gesegnet mit den Gütern dieser Erde, er lebte und lebt nur von seiner Feder, und diese ist in Deutschland, und noch dazu bei vorgerücktem Alter des Schriftstellers, nicht eben ein Gold bringendes Instrument.

Die Unterzeichneten sind zusammengetreten, die Sammlungen für eine Ehrengabe an Roderich Benedix zu vermitteln, welche ihm zu seinem sechzigsten Geburtstage überreicht werden soll. Wir wenden uns hiermit an das deutsche Volk, an Hoch und Gering, an Alle, welche eingedenk sind, daß ihnen der Lustspieldichter Benedix so oft Freude gemacht; wir fordern sie auf, auch ihm eine Freude zu machen, und zwar eine dauernde, wir wenden uns an sie mit der herzlichen Bitte, unser Unternehmen durch Beiträge zu unterstützen.

Die Redactionen der „Gartenlaube“ und der „Leipziger Illustrirten Zeitung“ sind bereit, jeden Beitrag in Empfang zu nehmen.

Leipzig, im Mai 1870.

General-Director Dr. Eduard Devrient in Carlsruhe. Alphons Dürr. Adolph Focke. Stadtrath Dr. Günther. Hofrath Dr. Hoffmann, Ritter etc. Ernst Keil. Bürgermeister Dr. Koch, Ritter etc. Director Dr. Heinrich Laube. General-Intendant Baron von Münch-Bellinghausen in Wien. Hugo Scharff. Geheimrath Prof. Dr. von Wächter, Comthur etc. Stadtrath Franz Wagner. Consul J. J. Weber.

Es bedarf wohl nicht einer besonderen Versicherung unsererseits, daß wir den ehrenvollen Auftrag des eben genannten Comité’s mit großer Freude erfüllen werden.

Ueberzeugt von der Opferwilligkeit unserer deutschen Hof- und Stadttheater, die gewiß diese Gelegenheit gern ergreifen werden, der Ehrenpflicht der Dankbarkeit gegen den dramatischen Volksdichter durch Benefiz-Vorstellungen nachzukommen, wenden wir uns zuvörderst an alle die einzelnen Theaterbesucher, welche seit langen Jahren sich an den lebensfrohen Gestalten der Benedix’schen Muse erfreuen und unter Thränen echten Humors das helle Lachen fröhlicher Heiterkeit aufschlagen konnten. Mögen sie, wie es das Comité will, dem alternden unbemittelten Dichter, der ihnen so oft eine Freude gemacht, durch Beisteuern zu der Ehrengabe nun auch eine Freude zu bereiten suchen.

Daß auch die deutschen Sänger und Sängervereine, deren Ehrenpräsident unser Benedix ist, und die er so oft durch seine markigen Reden zur Begeisterung hingerissen, nicht zögern werden, ihren stürmischen Zustimmungen und Becherklängen jetzt auch die That folgen zu lassen, jetzt, wo es gilt, dem sechszigjährigen Greise zu den Lorbeeren vergangener Tage nun auch die Rosen eines sorgenfreien Lebensabends hinzuzufügen – das darf von uns mit Sicherheit vorausgesetzt werden. Deutsche Sänger haben ja nie gefehlt, wo es sich darum handelte, die beunruhigende Sorge von der Thüre zu scheuchen – die Lieder zu Ehren ihres Präsidenten werden doppelt kräftig zum Himmel auftönen.

Und schließlich wenden wir uns an alle die Dilettanten- und Liebhabertheater, deren theatralischen Zwecke ja vorzugsweise die poetischen Schöpfungen unseres Dichters gedient haben; mögen sie durch Aufführungen und Festvorstellungen zu Gunsten des Dichters in Etwas den Lohn abzutragen suchen, den die Verhältnisse in Deutschland dem schaffenden Bühnendichter versagen. Sie erfüllen damit nur eine Pflicht der Anerkennung und des Dankes.

Die Redaction der Gartenlaube sieht in freudiger Hoffnung den Resultaten obigen Aufrufs entgegen und wird Dotationsbeiträge gern annehmen und öffentlich quittiren.

Die Redaction der Gartenlaube 
Ernst Keil. 

Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.