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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[273]

No. 18. 1865.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.


Der bairische Hiesel.
Volkserzählung aus Baiern
Von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)

An einem heißen Junimorgen war wieder eine größere Streife gegen den Wildschützen ausgezogen. Die Sonne brannte so schwül hernieder, als habe sie ihre Lust daran, den Streifern das mühselige Geschäft auch ihrerseits zu verleiden. Müd’, matt und verdrossen zog die bewaffnete Schaar einen Hügel hinan, über welchem die Landstraße steil emporstieg, um an der andern Seite eben so steil in die Ebene hinabzuführen, welche sich nach drei Seiten hin weit ausbreitete. Auf dem Hügel stand eine kleine nischenartige Feldcapelle, hinter welcher ein Waldstreifen hinzog; die Ebene bestand aus halbreifen Saatfeldern, nach allen Seiten von Wäldern, wie von einem weiten dunklen Rahmen, umfaßt.

Die Schaar hatte die Höhe ziemlich ordnungslos erreicht und es sich droben, ohne erst ein Commando abzuwarten, möglichst bequem gemacht. Die flinksten hatten sich im Schatten der Capellen-Nische einquartiert. Einige saßen am Rande des Straßengrabens. Andere hatten ihre Musketen an einander gelehnt und sich auf dem weichen Grasboden gelagert. Die dreieckigen Hüte wurden abgenommen und die Röcke aufgeknöpft, um sich den Schweiß abzutrocknen und Kühlung zu verschaffen. Jetzt, im Zustande der Zerstreuung und Ruhe, trat es erst recht hervor, welch bunten Anblick die ganze Schaar darbot. Sie bestand aus etwa zwanzig Mann, aber nur sechs davon schienen zu einander zu gehören: sie trugen auf den blauen aufgeschlagenen Röcken breite rothe Aermelklappen, kurze rothe Büsche auf den Hüten und über der Brust gekreuzte weiße Lederriemen für Patrontasche und Säbel. Von den übrigen waren immer höchstens zwei oder drei einander ähnlich: sie hatten verschiedene Röcke von allerlei Zuschnitt, Hutbüsche und Aufschläge von den schönsten Farben, hellgrün, rosenroth und himmelblau. Der Rest bestand aus einigen Jägern und einem Förster, die sich aber seitwärts und zusammen hielten, als läge ihnen daran, nicht zu der übrigen Mannschaft gerechnet zu werden.

„Das wird wohl die Capelle sein, die als Sammelpunkt bezeichnet ist?“ sagte der Anführer der sechs Gleichartigen, ein altgedienter Feldwebel mit ungeheurem Schnurrbart und bärbeißigem Gesichte. „Nicht so, Herr Förster?“

„Ja,“ erwiderte dieser, ein schöner stämmiger Mann von dunkler Gesichtsfarbe, dunklem Haare und noch dunkleren entschlossenen Augen, „das ist die Achatius-Capelle, und was da vor uns liegt, ist der Hartwald, in welchem der Hiesel jetzt seinen Unfug treibt.“

Der Feldwebel warf einen musternden Blick auf die von aller Disciplin gelöste Schaar. „Es sind noch nicht alle Mannschaften da,“ sagte er dann, „wir müssen auf sie warten und darüber versäumen wir am Ende die beste Zeit und Gelegenheit!“

„Dort unten beim Bach,“ sagte, mit vollen Backen kauend, Einer der Hellgrünen, der am weitesten umhersehen konnte und aus seiner Patrontasche Wurst und Brod hervorgeholt halte, „da ist gerade Einer durchs Wasser gewatet; jetzt sitzt er auf dem Markstein und zieht Schuh und Strümpfe wieder an. Er hat eine Muskete und einen Federbusch … wird also wohl auch ein Soldat sein.“

„Was? Ein einziger Mann?“ rief der Feldwebel und trat diensteifrig vor: „wo mag er herkommen? Er muß von seinen Corps versprengt worden sein … Soldat Blümelhuber,“ fuhr er dann, zu Einem seiner Mannschaft gewendet, fort, „stell Er sich da hinaus auf die Straß’ als Schildwach’ und ruf Er den Soldaten an; er kommt richtig auf uns zu.“

Der Aufgerufene war eben im Begriff gewesen, ein bischen einzunicken, er war daher von dem Commando nicht sehr erbaut und bezog seinen Posten mit einer Miene, als ob er einem Kampfe auf Leben und Tod entgegengehe. Der Ankömmling mußte seinen Aerger entgelten, denn mit einer Bärenstimme, die im fernen Walde nachhallte, brüllte er demselben sein „Halt! Wer da?“ entgegen.

Der Herankommende war eine sonderbare Erscheinung: ein alter Kerl mit verschrumpftem Gesicht und einem halblahmen Bein, das ihn etwas zu hinken nöthigte. Das Körperchen steckte in einem Soldatenrocke wie ein vertrockneter lockerer Nußkern in der Schale; aber auf dem Hute nickte ein mächtiger citrongelber Federbusch. Die Aermel und Rockklappen waren von gleicher Farbe und über der Brust baumelten zierliche citrongelbe Quastenschnüre.

Auf den kriegerischen Anruf versuchte der Mann sich ebenfalls ein soldatisches Ansehen zu geben und krähte dem Wachposten mit aller Anstrengung seiner dürren Kehle und in der blühendsten Mundart eines Stockschwaben zu: „Ich bin das Reichscontingent vom Stift Wetterhausen!“ Damit stand er schon mitten unter den Uebrigen und fuhr, ohne sich um Commando, Meldung oder Feldwebel zu bekümmern, in der heitersten Laune fort: „Grüß’ Gott bei einander, grüß Gott, Männer! Hän’t Ihr scho’ ebbes gfange’? Ich bin auch da zum Streife!“

„Wer ist Er?“ schnauzte ihn der Feldwebel im Gefühl seiner verletzten Würde an. „Was ist die Parole?“

[274] „Wer ich bin?“ erwiderte der Soldat. „Ich han’s scho’ gseit – ich bin das Reichscontingent von Wetterhause’. Es ischt ä Zettel ’rumgegange’, daß die Reichsständ’ sollen ihre Mannschaften stellen, um den bairischen Hiesel zu fangen, den Wilddieb, den gottsverdächtigen! Guck, hätt der Reichsprälat g’seit, da werd nix übrig bleibe’, als daß wir unser Contingent au’ marschire’ lasse’. Nachtwächter Jäckele, hätt er g’seit, ganget in die Rumpelkammer und ziechet das Soldate’röckli a’, es hängt drobe’ beim alte’ Eise’ und bei die Fußschelle’! Ziech’s a’, Jäckele, hätt er g’seit, und gang au’ mit streife’!“

Der Feldwebel, ein alter Soldat, wandte sich in stummer verachtender Entrüstung ab. Der Hellgrüne mit der wurstgefüllten Patrontasche übernahm die Erwiderung in einer nicht sehr wesentlich verschiedenen Mundart. „Aelles guet,“ erwiderte er und theilte dem Citrongelben brüderlich von seinem Vorrath mit, „aber wir warte’ scho’ lang’ auf Euch, Nachbar! Wir sind von Münsterhausen und haben einen viel weiteren Weg – Ihr habt ja kaum ein Stündle und kommt doch so viel spater!“

„Ich bin ebe’ aufg’halte’ worde!“ erwiderte wichtig der Soldat von Wetterhausen. „Wie ich an die Wurzachische Grenz’ gekommen bin und hab’ passiren wollen, da habe’ se mich aufgehalten und haben geseit, se’ hätte’ kein’ Vertrag mit uns von wege’ de’ bewaffnete Durchmärsch’, do könnte sie’s nit verlaube’ und müßten erst ’n Bericht mache’ und anfrage’. Da hab’ ich gedenkt, es könnt a’ bißle spät wer’e auf die Weis’, und bin lieber draußen herumgegange. Der Umweg ist schuld, daß ich so spät komm’, es ist fast eine halbe Stund’, bis man herum kommt um das Ländle!“

Der Feldwebel hatte sich inzwischen mit dem Förster berathen. „Es hat nicht den Anschein, daß wir noch Verstärkung erhalten,“ sagte er, „wir wollen weiter keine Zeit verlieren. Was meint der Herr Förster?“

„Ich denke,“ erwiderte dieser, „es wird am Besten sein, wenn wir drei Abtheilungen formiren. Der Wald bildet nach der andern Seite hin einen großen Bogen, so ziemlich in der Mitte liegt das Dorf, dessen Kirchthurm dort über die Buchen herüber sieht. Die drei Abtheilungen sollen nun von Bach, Straße und Hügel gegen Westen vordringen; sie werden dann so ziemlich bei dem Dorfe zusammentreffen und es wird keine Hauptpartie des Forstes unberührt geblieben sein. Ist der Hiesel im Wald, müssen wir ihn aufstöbern und bei dem Dorfe soll die Treffung sein!“

Der Feldwebel nickte zustimmend und ließ sein „Angetreten“ mit solcher Wichtigkeit erschallen, daß die Mannschaften sich neben die sechs Gleichförmigen, die noch am meisten den Eindruck wirklicher Soldaten machten, aufstellten und sich nach Rotten mustern ließen. „Hat der Herr Förster keine Nachricht,“ sagte der Feldwebel, sich unterbrechend, „in welcher Richtung wir dem Hiesel am Wahrscheinlichsten begegnen werden?“

„Das ist schwer zu sagen,“ erwiderte der Förster, „der Wilddieb setzt seine Stärke darein, nie lang an einem Ort zu bleiben! Vorgestern hat er dort’ gegen die Niederungen gejagt, also wird er jetzt vermuthlich in der Mitte des Waldes hausen – dort, wo die Eichen sich zu einem Büschel zusammendrängen …“

„Gut,“ begann der Feldwebel wieder, „dann gehe ich mit meinen Leuten auf die Eichen los; den Herrn Förster nehmen die zwei Mann von Türkheim und die drei von Roggenburg und gehen links nach der Ebene vor; die zwei von Münsterhausen und Wurzach und der Mann von Wetterhausen marschiren nach den Niederungen. Also … ’tAchtung! Bei dem Dorfe da drüben hinterm Wald ist die Treffung! Immer nach Sonnenuntergang vorgerückt! Was Verdächtiges getroffen wird, wird angehalten! Wer mit den Wildschützen zusammentrifft, giebt das Zeichen mit einem Schuß, dann zieht sich Alles seitwärts nach der Richtung, in welcher der Schuß gefallen ist! Vorwärts – Marsch!“

Zwei Abtheilungen setzten sich auf das Commando in Bewegung, die vereinigte dritte wich nicht vom Platze. „Donnerwetter!“ schrie der Feldwebel, zurück eilend. „Warum steht Ihr stille? Warum marschirt Ihr nicht?“

„Weil ich nicht einsehe,“ sagte ein Hellgrüner, „warum gerade wir in die Niederungen marschiren sollen, wo die Spitzbuben ganz gewiß schon gewesen sind und sich also noch aufhalten können! Wir sollen eine gemeinsame Streif’ machen, also sollen wir auch gemeinsam beisammen bleiben!“

„Und dann,“ sagte ein Rosenrother, „dann weiß auch kein Mensch, wer bei unserem Corps das Commando haben soll. Wenn wir Wurzach’schen nicht commandiren dürfen, gehen wir nicht mit… der Herr Amtmann hat’s uns auf die Seel’ gebunden, daß wir dem Herrn Reichsgrafen ja nichts an seinen Rechten und Privilegien vergeben sollen!“

„Das ischt Aelles wahr,“ rief der Citrongelbe, „aber ich darf dem Herrn Prälate’ au’ nit zu weh geschehe’ lasse’… Ich werd’ das Commandire au’ zuwege bringe, für was wär ich dann das Reichscontingent von Wetterhause’“?“

„Nun, so bleibt wo Ihr wollt!“ rief der Feldwebel zornig. „Wir werden auch ohne Euch zurecht kommen!“ Er wollte fort, aber der kühne Wetterhauser war ihm nachgesprungen und rief: „Noi, noi, Herrle, so geht’s nit! Wir sollen die Streif’ miteinander machen, also müssen wir auch dabei sein, und was Ihr allein thut, gilt nicht!“

Da krachte im Walde aus der Ebene ein Schuß und endete den Streit.

Im Augenblick brach ein Hirsch, ein stattlicher Sechzehnender aus den Bäumen und flog in mächtigen Sätzen längs des Waldrandes dahin.

„Seht,“ rief der Förster, vor Zorn stampfend, „dort sind die Wilddiebe! Dort jagen sie! Ist solche Frechheit jemals erhört worden … sie müssen uns hier sehen und uns zum Spott jagen sie vor unsern Augen!“

„Ja, es ischt merkwürdig,“ sagte der Citrongelbe, „es ischt als wenn sie uns kä bissele fürchta thäte’.“

Ein zweiter Schuß knallte dazwischen, am Waldrande hatte der Hirsch seinen letzten Sprung gethan, brach in die Vorderläufe zusammen und legte sich verendend auf die Seite. Im nämlichen Augenblick trat ein Mann aus dem Walde, die noch rauchende Büchse in der Hand; er legte sie achtlos neben sich hin auf den Boden, kniete neben dem Thiere nieder, gab ihm dem Genickfang und machte sich bereit, es nach allen Regeln der Waidmannskunst zu zerwirken.

„Gucket ämol,“ rief der Reichssoldat von Wetterhausen wieder, „da habe’ mer uns doch geirrt und hätten ein schön’s Unglück anrichten können! Des ischt ja gar koa Wilddieb, des ischt ja a Jäger, er zieht ja eb’n das Jägerröckle aus!“

„Nein, nein,“ rief der Förster noch grimmiger. „Es ist ein Wildschütz und Niemand anders, als der verfluchte Hiesel selbst! Der Kerl erfrecht sich, sich als Jäger zu kleiden, und hat in den letzten Wochen auch allen seinen Hauptgenossen grüne Röcke und gelbe Lederhosen machen lassen, daß sie aussehen wie reichsfürstliche Förster! – Meinetwegen thut Ihr Alle, was Ihr wollt. Ich gehe hinunter und stelle den Burschen und wenn’s mein Tod sein sollte! Dem Anschein nach ist er allein und Mann gegen Mann fürcht’ ich mich vor Niemand!“

Raschen Schritts eilte er den Hügel hinab und die Streifer sahen ihm neugierig nach. „Ich habb immer g’seit,“ sagte der Wetterhauser, „der Herr Förster ist ein curagirter Mann – mer wöllet doch seha’, ob er den Hiesel fangt!“

Der Jäger hatte sich in die Kornfelder geduckt und eine Hecke erreicht, die sich wie ein Saum an den Feldrain hinzog, so daß er dahinter bis auf Schußweite an den Waldrand und an den Wilddieb herankommen konnte. Der Feldwebel gab oben Befehl, sich unter die Bäume zurück zu ziehen, und diesmal wurde ihm ohne Widerrede gehorcht, denn der Platz war durch Gebüsch vollkommen gedeckt und doch so gelegen, daß man die ganze Flur übersehen konnte.

Inzwischen war der Förster an das Ende der Hecke gekommen, untersuchte sein Gewehr und sah nochmal forschend nach dem Wildschützen hinüber; dieser schien ihn nicht zu bemerken und auch gar keine Gefahr zu ahnen, er hatte die Hemdärmel aufgestülpt und war mit dem Aufbrechen des Hirsches so sorglos und ruhig beschäftigt, als sei er der Herr des Waldes, dem Niemand etwas einzureden habe.

Jetzt trat der Jäger aus dem Gesträuch; das Gewehr schußfertig an die Hüfte haltend, rief er mit lauter Stimme: „Halt, Wilddieb! Nicht gerührt! Du bist mein Arrestant!“

Der Angerufene hob, ohne sich stören zu lassen, den Kopf nur leicht in die Höhe. „Eilt es stark?“ fragte er. „Es wäre mir schon recht lieb, wenn ich zuvor meine Arbeit fertig machen könnt!“

„Keine Umstände, Kerl!“ rief der Jäger wieder. „Jetzt ist es aus mit dem Uebermuth, Du bist in meiner Hand. Augenblicklich [275] steh’ auf und geh ruhig vor mir her, oder Du bist des Todes! Hast ja oft gesagt, wir Jäger könnten nicht schießen; jetzt sollst Du sehen, daß ich Dich nicht verfehle!“

Hiesel hatte sich auf ein Knie empor gerichtet und deutete lächelnd mit dem Daumen über seine Schulter nach dem Walde zu. „Ich will’s wohl glauben, daß Du gut schießen kannst, Förster,“ sagte er, „aber die da können’s doch noch besser!“

Dem Jäger schlug es wie ein Blitz in den Leib; er blickte gegen den Wald und sah, während er selbst noch das Gewehr an der Hüfte hatte, drei oder vier Schützen im Anschlag liegen und die Mündungen ihrer Büchsen auf sich gerichtet.

„Hast im Ernst gemeint, der Hiesel wär so dumm?“ rief dieser lautlachend. „Dafür gehört Dir schon eine ordentliche Straf – Jetzt ist die Reih an mir. Halt Jäger! Hahn in Ruh! Nicht gerührt. Du bist mein Arrestant! Du gehst schnurgerad, als wenn gar nichts passirt wär, in den Wald, und wenn Du an mir vorbeigehst, da thust Du den Hut herunter, wie man einen Bekannten grüßt. Die Soldaten da droben am Hügel müssen glauben, daß wir zusammen gehören, und müssen herunter kommen … ich möcht’ sie mir in der Näh anschauen!“

Der Jäger stand betroffen; ein so entschlossener Mann er auch war, erkannte er doch, daß er in eine Falle gegangen, aus der es keinen Ausweg gab; Widerstand wäre zwecklos und tollkühn gewesen, also that er knirschend, wie ihm befohlen war, und schritt in den Wald.

Die Streifmannschaft hatte indessen von fern mit gereckten Hälsen zugesehen und das Reichscontingent von Wetterhausen ergriff wieder das Wort. „Ich hab doch Recht gehabt,“ sagte er, „daß es kein Wilddieb ist, sondern ein Jäger! Es wäre auch gar zu frech, uns so vor der Nase so herum zu hantiren! Für was ständen wir denn da?“

„Ich glaub es jetzt selbst,“ erwiderte der Feldwebel und drehte seinen Schnurrbart. „Es scheint, der Herr Förster ist in den Wald gegangen etwas zu recognosciren; bis er wieder kommt, wollen wir in das Thal vorrücken, damit wir gleich zur Hand sind!“ Die Mannschaft fand sich diesmal bewogen, dem Commando Folge zu leisten, und marschirte in ziemlich schwankenden Wellenlinien den Hügel hinunter. Durch die Senkung am Heckensaume wand sich ein kleines Bächlein unter den Erlen- und Haselwurzeln hin; an dem für ein kleines Brückchen freigelassenen Raum hielt der Feldwebel für geeignet, in’s Blachfeld vorzurücken und sich zu theilen. Diese Bewegung ging schon etwas zögernder von statten, doch gelang sie, weil die Tapfern das Gebüsch hinter sich wußten, das sie jeden Augenblick in raschem Rückzüge erreichen konnten.

Hiesel hatte sich angestellt, als ob er die Herankommenden gar nicht bemerke; jetzt hatte er seine Arbeit vollendet, stand auf und blickte wie verwundert um sich. „Hallo, was giebt’s da?“ rief er. „Was wollen denn die Mannschaften?“

Ehe der Feldwebel als Anführer zu antworten vermochte, hatte ihn der Soldat von Wetterhausen schon der Mühe überhoben. „Mer sind ä Streif,“ sagte er. „Wir solle’ den Spitzbube’ fange’, den bairischen Hiesel. Kann uns der Herr vielleicht saga, wo wir ihn finde’?“

„Freilich! Damit kann ich schon aufwarten!“ erwiderte Hiesel und rief lachend in den Wald: „He da, Ihr da drinnen, die Herren wollen den bairischen Hiesel sehen!“

Als Antwort krachte von allen Seiten eine Salve von mehr als zwanzig Schüssen aus dem Wald, und wie der Pulverrauch sich verzogen hatte, war von der ganzen Mannschaft nichts mehr zu sehen, als der Feldwebel, der sich verwundert umblickte und dann ebenfalls die Retirade nach der Hecke antrat. Jenseits derselben aber ging’s an ein Laufen, als ob es eine Wette zu gewinnen gelte; die Soldaten hatten nicht beachtet, daß die Schüsse absichtlich in die Luft gefeuert worden waren, der Knall hatte hingereicht, sie zu zerstreuen; trotz des lahmen Beines aber hatte das Reichscontingent von Wetterhausen Allen weitaus den Vorsprung abgewonnen. Schallendes Gelächter des Wildschützen-Hauptmanns und seiner Genossen gab ihnen das Geleit.

Jetzt trat auch Hiesel in den Wald, wo seine Leute sich in weitem Ring um ihn versammelten, in der Mitte stand der gefangene Förster, von dem Rothen und vom Sattler mit gespannten Gewehren bewacht. Der Mann war etwas bleich geworden, aber er erwartete gefaßt was kommen sollte. „Jetzt ist die Reihe an Dir!“ rief ihm Hiesel zu. „Knie nieder und wirf Dein Gewehr auf den Boden! Auf die Knie’!“ rief er wild, als der Jäger etwas zögerte. „Mach Reu’ und Leid, Dein letztes Stündel ist da! Sag’ ein Stoßgebet her, denn in den nächsten Minuten bist Du in der Ewigkeit!“

Er legte an und zielte nach der Brust des Jägers. Dieser war noch bleicher geworden, aber seine Stimme zitterte nur wenig, als er, sich auf ein Knie niederlassend, erwiderte: „Warum wollt Ihr mich erschießen? Ich hab Euch doch mein Lebtag nichts Leides gethan!“

„Nicht?“ schrie Hiesel. „Hast Du mich nicht angegriffen und zuerst mit dem Tode bedroht? Und wenn das auch nicht wäre – Ihr Jäger haltet zusammen und steht Einer für den Andern, darum machen wir es auch so und lassen Einen für den Andern büßen.“

„Es ist wahr,“ sagte der Jäger, „ich würde Euch nicht schonen, also darf ich auch von Euch keine Schonung hoffen … In Gottes Namen denn. Schießt zu … ich bin bereit! …“ Er faltete die Hände und begann ein halblautes Vater Unser zu sprechen, aber schon nach den ersten Worten versagte ihm die Stimme. „O Gott, o Gott, mein Weib und meine Kinder!“ seufzte er schmerzlich und die Augen des starken Mannes füllten sich mit Thränen. „Was wird aus den Kindern werden … Armes Weib, wie wirst Du das ertragen … Und nicht einmal einen letzten Gruß kann ich Dir schicken!“

Den Gewehrkolben an der Wange und unverrückt zielend betrachtete Hiesel den Mann nicht ohne Theilnahme, aber er verbarg sie hinter gesteigerter Wildheit. „Den Gruß will ich bestellen!“ rief er rasch. „Also nicht gezaudert und sich bereit gemacht! Ich zähle – und bei Drei mach’ Dich reisefertig!“

Der Jäger faltete wieder die Hände und hob die Augen gen Himmel: „Eins … zwei …“ zählte Hiesel, als aber die verhängnißvolle Drei gesprochen werden sollte, setzte er das Gewehr ab und rief: „Dein Weib dauert mich nicht, denn die Weiber sind falsch – aber Deine Kinder will ich nicht zu Waisen machen – ich schenk’ Dir das Leben, damit Du von einem Wildschützen Barmherzigkeit lernst! Die Todesangst hast Du jetzt ausgestanden, vielleicht merkst Du Dir’s und lässest uns in Zukunft in Ruh – wenn wir uns wieder begegnen, ist es Dein Letztes, so gewiß ich Hiesel heiß’!“

Der Jäger wollte sich erheben, aber Tiras, an solche Auftritte gewöhnt, hatte ihn schon am Genick gefaßt und zu Boden geworfen. „Dein Gewehr und Hirschfänger und was Du an Pulver und Blei bei Dir hast, gehört uns … Gebt ihm einen Denkzettel, das ist Eure Sache,“ rief Hiesel, sich abwendend, seinen Gefährten zu, „aber schädigt ihn nicht am Leben!“ Mit rohem Geschrei fielen der Rothe, der Sattler und einige Andere über den Wehrlosen her, der Hund schüttelte und zerrte ihn hin und wieder; Hiesel aber mit dem Buben, der ihm niemals von der Seite wich, und mit dem Tiroler, seinem Vertrauten, wandte sich tiefer in den Wald. „Ihr wißt, wo wir uns treffen!“ rief er noch zurück. „Der Sternputzer soll voraus ins Dorf und soll uns im Wirthshaus ansagen; der hat’s noch von Ingolstadt her, daß er sich am Besten auf die Küche und auf den Schnabel versteht!“

In der heitersten Laune schritten sie durch den Wald, die Vögel sangen aus allen Büschen und die Sonne brach durch die Zweige, um den moosgrünen Waldteppich mit ihrem Golde zu durchweben. Auch Hiesel ward heiter, während meist eine düstere und gereizte Verstimmung auf ihm lag. Daß Monika sich von ihm gewendet, hatte einen Schatten in sein Gemüth geworfen, der es umdüsterte und nur in Aufregung oder Thätigkeit zu verschwinden schien, in der Ruhe aber und in der Einsamkeit um so dunkler wiederkehrte, begleitet von vergeblichem Sinnen, wie es wohl gekommen sein möchte, wenn er dem Mädchen gefolgt, und von schnell unterdrückten, kaum sich selbst eingestandenen Regungen der Reue. Immer seltener kam die leichtsinnige Heiterkeit zum Durchbruch, die den Grund seines Wesens bildete, und am Oeftersten geschah es noch in der vollen Schönheit des vertrauten Waldes nach Vollendung eines kühnen Streichs oder wenn er sich keine Vorwürfe über das Vorgefallene machte, denn es kam wohl vor, daß Manches anders ausging, als man es bedacht und begonnen hatte, und nicht immer gelang es ihm, die wilde Schaar, die ihm diente, auch vollständig nach seinem Willen zu lenken. Heute schallte sein Gesang fröhlich durch den Wald, denn er hatte [276] eine kräftig Stimme von seltenem Klang und gebrauchte sie gern, besonders seit der Bube bei ihm war, denn dieser besaß auch eine frische glockenhelle Knabenstimme und gutes Gehör, und wenn sie Abends im Walde oder in einer Schenke sangen, lauschte die ganze Schaar und die Gäste tranken aus Behagen einen Krug mehr als gewöhnlich. Es war ein munteres Jägerlied, das sie sangen: es schilderte Waidmannslust im grünen Forst; als aber der Absatz an die Reihe kam, in welchem des Liebchens gedacht war, übersprang es Hiesel und fing gleich den letzten Absatz zu singen an. „Das kommt ja noch nicht,“ rief der Bub’, aber Hiesel sang zu Ende, ohne darauf zu achten, und eilte dann wieder stumm und in sich gekehrt den Andern voran.

Nach einiger Zeit gesellte sich Studele zu ihm, der seines gesetzten Wesens halber viel bei ihm galt und sich wohl ein vertrauteres Wort herausnehmen durfte. „Ich hab’s wohl gemerkt,“ sagte er, „Du hast das Gesätzl von des Jägers Schatz mit Fleiß ausgelassen, und kann mir wohl auch einbilden, warum Du’s gethan hast … wer sich mit den Weibern einläßt, hat’s allemal zu bereuen! Wirst wohl auch so was hinter Dir haben – aber sie ist schon wieder da gewesen …“

„Wer?“ fragte Hiesel staunend.

„Nun, das Mädel,“ erwiderter Studele, „das nun schon ein paarmal dahin gekommen ist, wo wi gelagert waren, und verlangt hat mit Dir zu reden … Du hast nichts wissen wollen davon, so hab’ ich sie allemal fortgejagt, – aber gestern hab’ ich sie wieder geseh’n, wie sie von fern um unser Lager herumgeschlichen ist …“

„Es wird eine Kundschafterin sein, die uns ausspioniren will …“

„Nein,“ lachte Studele, „es steht wohl was Anderes in dem Gesicht: sie will durchaus nicht sagen, wer sie ist, aber sauber ist sie, wie ich nicht leicht ‘was gesehen hab’!“

Hiesel erwiderte nichts; so oft von diesen geheimnißvollen Besuchen die Rede war, stieg der Gedanke in ihm auf, es könnte Monika sein, welche ihre Härte bereute und wieder zu ihm käme, aber dann strahlten ihm aus der Erinnerung ihre blauen Augen so rein und strenge entgegen, daß er den Gedanken als eine Thorheit von sich wies, und doch lag in dieser wenn auch noch so thörichten Möglichkeit ein Reiz, mächtig genug, daß er es vermied, Gewißheit zu verlangen, und darum die Unbekannte immer von sich fern hielt.

Mit einmal stand er still und ein Laut der Ueberraschung entfloh seinem Munde.

Um eine Ecke beugend waren sie auf eine schöne grüne Waldblöße getreten und mitten in derselben lag, wie er es oft geträumt, das anmuthige Jägerhaus mit den lustigen grünen Läden, dem stattlichen Hirschkopf über der Thür, und um den Traum vollständig zu machen, stand auf der Schwelle derselben eine weibliche Gestalt, welche den Herankommenden eifrig zuwinkte.

„Wie geschieht mir denn?“ sagte Hiesel. „Träum’ ich denn und gilt das Winken uns?“

„Gewiß,“ sagte Studele schmunzelnd; „die Frau sieht uns für Jäger an … wir sollten uns wohl den Spaß machen, ihrem Winken zu folgen …“

„Ist es die Frau des Försters, den wir eben erst unter den Händen hatten?“

„Nein, der wohnt an der andern Seite des Waldes,“ war die Antwort, und schon hatte Hiesel in den Wiesenpfad eingebogen, der zu dem Hause führte. Die Jägerin, ein hübsches rundes Weibchen, eilte den Kommenden einige Schritte entgegen und rief schon von Weitem: „Grüß’ Gott, Ihr Herren … sputet Euch doch! Die Andern sind schon vor zwei Stunden fort, ich habe das Frühstück schon zweimal vom Feuer genommen und wieder hingesetzt …“

„Das ist recht schade,“ sagte Hiesel hinzutretend mit freundlichem Gruß und folgte der geschäftig Voraneilenden in’s Haus; „wir haben Euch Mühe gemacht! Hätten wir früher gewußt, was für eine schöne Jägerin da auf uns wartet, wir wären schon längst gekommen!“

„Nur geschwind herein und zum Tisch gesetzt!“ rief die Frau, indem sie Teller, Gläser und Schalen auf dem schon gedeckten Tische zurecht stellte. „Da ist Kaffee, Schnaps, Schinken und Brod, wie mein Mann es angeschafft hat!“

Hiesel war mitten im Zimmer stehen geblieben, während seine Gefährten sich sofort über die Mahlzeit hergemacht hatten – das einfache Stübchen fesselte seine Blicke. An den Wänden hingen Waidtasche, Gewehre und Jagdgeräth, in einem halboffenen Wandschränkchen lagen des Jägers Rechnungen und Bücher, unter dem Ofen war den Hunden ein Lager bereitet … in der Nebenkammer stand ein mächtiges Himmelbett mit sauberen Vorhängen und am Fußende desselben eine Wiege, in der ein Knabe mit rothen Pausbacken schlummerte; es war Alles so wohnlich, so traulich, so ganz wie er es oft im Geiste vor sich gesehen: er mußte sich mit Gewalt losreißen und seine ganze Fassung zusammennehmen, um nicht weich zu werden.

„So?“ rief er mit lautem Lachen, „der Mann hat es angeschafft, daß Ihr uns so bewirthet? Er soll leben, der Mann! Das muß ein Muster von Jäger sein, wie mir noch keiner vorgekommen ist.“

(Fortsetzung folgt.)




Ein untergegangener Dichter.

Am 24. September des Jahres 1715 wurde in der alten schlesischen Stadt Schweidnitz eine neue Tragödie unter dem Titel „Die von Theodosia bereu’te Eifersucht“ durch die dortige Schuljugend aufgeführt. Der Verfasser derselben war selbst noch ein Schüler Namens Johann Christian Günther, der Sohn eines Arztes aus dem benachbarten Striegau. Von Jugend auf zeigte der von der Natur auch körperlich sehr reich begabte Knabe einen unwiderstehlichen Wissensdrang und Neigung zum Dichten, wogegen der strenge, durch mancherlei Mißgeschick verbitterte Vater vergebens ankämpfte. Das deutlich ausgesprochene Talent erwarb ihm jedoch einen Gönner in der Person des Doctor Thiem zu Schweidnitz, der in großmüthiger Weise für ihn sorgte. Christian erfüllte in vollstem Maße die von ihm gehegten Erwartungen; er machte die bedeutendsten Fortschritte und fand trotz seiner Jugend die größte Anerkennung, so daß ihm eine glänzende Zukunft zu lächeln schien. Bei seinem Abgange von der Schule zur Universität hatte er die genannte Tragödie geschrieben, welche seine Lehrer für würdig erklärten, öffentlich aufgeführt zu werden. Der zum Theater umgewandelte Saal faßte kaum die Zahl der Zuschauer, unter denen sich der würdige Magistrat der Stadt, der Oberprediger und fromme Liederdichter Benjamin Schmolk und viele adlige Familien aus der Umgegend befanden. Mit großer Theilnahme verfolgte das auserwählte Publicum den Gang der Handlung und besonders das Geschick der schönen Kaiserin Eudoxia, der Gemahlin des eifersüchtigen Theodosius, welcher die Unschuldige eines geheimen Einverständnisses mit seinem edlen Rath Paulinus verdächtigt und diesen hinrichten läßt. Zu spät überzeugt sich der grausame Kaiser von seinem Irrthum, indem Eudoxia, vor ein Gericht gebracht, sich von jedem Verdacht reinigt und im Glanze der Tugend siegreich aus der Prüfung hervorgeht. Mit himmlischer Milde vergiebt sie ihm zwar, aber sie verläßt ihn, um sich in ein Kloster nach Jerusalem zurückzuziehen. – Von tiefster Wirkung waren ihre rührenden Klagen, welche folgendermaßen lauteten:

„Ich seh’ die Wetter schon am Himmel streiten,
Den der Verleumdungs-Dunst mit dicken Wolken schwärzt,
In welchen Blitz und Schlag mit Donnerkeilen scherzt,
Gott, meiner Väter Gott! der Du den Frommen lohnest,
Ich halte Deiner Hand in Allem gerne still
Und weigre, hat Dein Zorn was über mich verhangen,
Mich auch für diesmal nicht, die Strafe zu einpfangen,
Die ich vielleicht verdient; doch denk an Deine Huld,
An Deine Vater-Treu und gieb mir stets Geduld,
Die väterliche Zucht mit Freuden anzunehmen
Und sonder Murren mich Dir also zu bequemen,
Wie es Dein Wille fügt und mein Gehorsam heißt.“

Kein Auge blieb thränenleer und selbst der ehrwürdige Oberprediger nickte beifällig mit dem Kopfe und stimmte in den allgemeinen Beifall ein, der am Schlusse dem jugendlichen Dichter zu Theil wurde. Dieser mußte nach der Vorstellung auf der Bühne

[277]

Günther mit seiner Leonore auf dem Friedhofe.
Originalzeichnung von C. Raupp.

erscheinen und wurde von allen Anwesenden mit lautem Zuruf begrüßt. Manches anwesende adlige Fräulein und manche Patriciertochter blickte freundlich und mit sichtbarem Wohlgefallen auf den talentvollen, feurigen Jüngling mit den dunklen, blitzenden Augen und den angenehmen interessanten Zügen, welche von der Freude des ersten Triumphs schön geröthet und gleichsam verklärt waren. Sein Auge aber suchte unter all’ den holden Mädchen nur die Geliebte, der er längst sein Herz geschenkt. Er hatte sie auf dem Lande in einer befreundeten Familie kennen gelernt und nach manchen Kämpfen ihre Neigung gewonnen. Sie selbst besaß poetisches Talent und ein hohes Interesse für Bildung und Wissenschaft. Frühzeitig hatte Leonore Jachmann ihre Eltern verloren und lebte in dem Hause ihrer Stiefeltern, welche von der Liebe zu dem angehenden Studenten nichts wissen wollten und [278] nimmer zu der Verbindung mit dem ganz mittellosen Jüngling ihre Einwilligung gegeben hätten. Nur im Geheimen durften sich die liebenden sehen; der Ort ihrer verborgenen Zusammenkünfte war der Kirchhof, wo Leonorens Eltern unter dem grünen Rasen schlummerten.

Dorthin lenkte auch heute Günther nach der Vorstellung seiner Tragödie in der Abenddämmerung die Schritte, um von seiner Leonore auf längere Zeit Abschied zu nehmen – es ist die Scene, die unsere Abbildung wiederzugeben versucht. Er fand sie am Grabe ihrer Eltern weinend. Sanft umschlang er die Geliebte und küßte die Thränen von ihren Wangen fort, indem er sie zu trösten suchte.

„Du wirst mich nur zu bald vergessen,“ klagte sie in bitterem Schmerz, „und dann bin ich verlassen. Ich habe keinen Menschen auf der weiten Welt außer Dir.“

„Bei Allem, was mir heilig ist,“ rief der Jüngling, „schwöre ich Dir ewige Treue. Nie werde ich wanken und von Dir lassen. Aber Du,“ setzte er ahnungsvoll hinzu, „wirst Du dem Drängen Deiner Stiefeltern widerstehen?“

„Gott ist mein Zeuge,“ sagte sie feierlich, „daß ich niemals einem anderen Manne angehören werde. Bei meiner Eltern Leichensteine gelobe ich Dir, nur Dir allein anzugehören. Ihr Geist möge uns umschweben und segnen!“

Günther nahm ihre Hand und steckte einen goldenen Ring an ihren Finger.

„Im Angesicht des Himmels verlobe ich mich mit Dir; fortan bin ich, nächst Gott, Dein Schutz und Schild. Harre in Geduld und Alles wird noch gut werden. Der Gedanke an Dich wird mir Kraft verleihen und mich zum Ziele führen.“

Unter Küssen und Liebesschwüren zog er sie an seine Brust und auf den grünen Rasen nieder. Die goldenen Sterne leuchteten dem glücklichen Paare und schmetternde Nachtigallen sangen ihnen das Lied der Liebe. Noch einmal preßte er Leonore an seine Brust, dann schieden sie tief bewegt und unter heißen Thränen. Mit den besten Vorsätzen bezog Günther die Universität zu Wittenberg und besuchte fleißig die Collegien, aber die Medicin, welche er zu seinem Studium gewählt, gewährte seinem feurigen Geiste nicht die gewünschte Befriedigung. Die Liebe zur Poesie verdrängte die trockene Fachwissenschaft; das freie studentische Wesen riß ihn unwillkürlich fort und verleitete ihn zu manchen Ausschweifungen, die bei seiner Jugend verzeihlich waren. Er fehlte nicht so leicht bei einem lustigen Gelage und statt Galen und Hippokrates vereinte er die Musen des Gesanges und schwärmte mit den fröhlichen Brüdern. Aber mitten im Strudel seiner Vergnügungen bewahrte er die Treue für Leonore. Uebertriebene Gerüchte von seinem liederlichen Leben waren in die Heimath und auch zu ihren Ohren gelangt. Er bat und beschwor sie, den Verleumdungen keinen Glauben zu schenken und ihm nach wie vor zu vertrauen. Leonorens Stiefeltern jedoch drangen in sie, einem reichen und angesehenen Manne, der sich schon früher um sie beworben hatte, ihre Hand zu reichen. Sie schrieb ihm und er warnte sie vor einem Treubruche, der sie und ihn verderben müsse. Mit düsteren Farben malte er ihr das unglückliche Loos an der Seite eines ungeliebten Gatten; er verwies sie auf das Beispiel seiner eigenen Schwester, welche in einer traurigen Ehe lebte. Diese war unglücklich verheirathet und dadurch so verbittert, daß sie das Glück des Bruders zu stören und durch ihre Ränke Leonore von ihm abwendig zu machen suchte. Auch Günther’s Vater, ein strenger, harter Mann, war mit einer solchen Verbindung und mit dem Betragen seines Sohnes keineswegs einverstanden. Das ungünstige Urtheil seiner nächsten Angehörigen, die übertriebenen Gerüchte von seinem Leichtsinn, die Bitten und Drohungen ihrer Stiefeltern bestürmten Leonore von allen Seiten und machten vereint zuletzt einen so tiefen Eindruck auf das arme, verlassene Mädchen, daß sie endlich nach manchem schweren Kampf dem ungeliebten Bewerber zum Traualtare folgte.

Die Nachricht von Leonorens Untreue erschütterte Günther auf das Furchtbarste; er sah sich in seinen heiligsten Empfindungen, in seinen reinsten Gefühlen verletzt und gekränkt. Sein Glaube wankte, sein Vertrauen war zerstört und sein namenloser Schmerz kannte keine Grenzen. Zorn und Wuth loderten in seinem Herzen, abwechselnd mit Trotz und kalter Verachtung, denen er in seinen Liedern aus jener Zeit den beredten Ausdruck lieh:

Ich habe genug!
Lust, Flammen und Küsse
Sind giftig und Süße
Und machen nicht klug.
Komm, selige Freiheit, und dämpfe den Brand,
Der meinem Gemüthe die Weisheit entwandt!

Um sein Leid zu betäuben, ergab sich Günther jetzt mit Absicht dem ausschweifendsten Leben; mit der ganzen Gluth seines sinnlichen Naturells stürzte er sich in den Strudel der wildesten Zerstreuungen, welcher über ihn zusammenschlug. Fortan kannte er keine Rücksicht, keinen Halt mehr, die weibliche Tugend war für ihn nur noch ein leerer Wahn, seitdem Leonore ihn so schwer getäuscht. Tobende Zechgelage, wüste Abenteuer, blutige Raufereien und Liebeshändel ohne Zahl und Wahl waren seine Mittel, um den nagenden Schmerz zu beseitigen. Der liebenswürdige edle Jüngling verwandelte sich in einen cynischen Wüstling, in einen unverbesserlichen Schlemmer. Günther’s Wesen neigte von jeher zum Extrem und in seinem Innern wohnten die himmlischen Geister dicht neben den Dämonen der Hölle. Diese triumphirten und unter ihrem versengenden Hauche welkten die herrlichen Keime einer selten schön angelegten Natur. Dennoch gab es Augenblicke, wo das bessere Princip wieder in ihm erwachte, wo die alten schönen Erinnerungen auf’s Neue auftauchten, und es bedurfte nur einer kräftigen und doch milden Freundeshand, um ihn zu retten. Die Nachricht, daß die untreue Leonore in unglücklicher Ehe lebe, erfüllte ihn nicht mit Schadenfreude, sondern mit tiefem Mitgefühl. Als ihr Kind schon wenige Monate nach der Geburt starb, tröstete er sie mit einem seiner schönsten und rührendsten Gedichte. Er schrieb an sie und erklärte, daß er sie nie vergessen werde.

Mit der Zeit wurde ihm selbst das wilde Leben in Wittenberg zur Last; er zog sich von seinen früheren Zechgenossen zurück und wollte nach Leipzig gehen, um seine vernachlässigten Studien wieder aufzunehmen. Seine zahlreichen Gläubiger hielten ihn jedoch mit Gewalt zurück und ließen ihn, da sie seine heimliche Entfernung befürchteten, festnehmen. In der höchsten Noth wandte er sich an seinen Vater und bat ihn zu befreien, indem er ihm ernstlich Besserung gelobte und in den rührendsten Worten seine Verzeihung erflehte. Dieser blieb jedoch unerbittlich und überließ hart und unversöhnlich den reuigen Sohn seinem traurigen Geschick. Mit Hülfe der alten Gönner in Schweidnitz, an die sich Günther wandte, und einiger in Wittenberg studirender Landsleute öffneten sich endlich die Pforten seines Kerkers, so daß er mit den besten Vorsätzen sich nach Leipzig wenden konnte. Hier war er ganz auf sich angewiesen, da er von Hause aus keine Unterstützung zu erwarten hatte. Durch Gelegenheitsgedichte mußte er sich den nöthigen Unterhalt zu verschaffen suchen und seine Muse arbeitete für Brod. Dennoch fand sein Talent bald Gönner und einflußreiche Freunde, darunter den kursächsischcn Historiographen und Hofrath Burkhardt Mencke, einen der berühmtesten Gelehrten seiner Zeit, der außerdem noch das große Verdienst hatte, die deutsche Sprache statt der damals üblichen lateinischen in der Wissenschaft angewendet zu haben. Er selbst war Dichter und sein Haus der Mittelpunkt aller poetischen und wissenschaftlichen Kräfte in Leipzig. Mit wahrhafter Humanität unterstützte er den armen Günther und sorgte väterlich für sein Fortkommen. Auf Mencke’s Veranlassung besang derselbe die Siege des tapferen Eugen gegen die Türken und den Frieden von Passarowitz in einem größeren Gedichte voll Begeisterung für den großen Helden. Sein Gönner war von dieser Arbeit so entzückt, daß er das Gedicht nach Wien an den Kaiser selbst schickte, in der Hoffnung Günther dadurch eine Anstellung als Hofpoet zu verschaffen. Diese erfolgte nun zwar nicht, dagegen fand das Gedicht die allgemeinste Anerkennung und Bewunderung. Ganz Deutschland wurde auf den Verfasser aufmerksam, dem von allen Seiten Beweise der Theilnahme zuflossen. In Breslau traten mehrere angesehene Männer zusammen und schickten Günther eine ansehnliche Summe, um ihn längere Zeit vor jeder Noth zu schützen. –

Der edle Mencke war jedoch mit diesem Erfolge noch keineswegs zufrieden und bemühte sich nach wie vor, die Zukunft seines Schützlings dauernd zu sichern. Hierzu bot sich eine glänzende Gelegenheit, indem an dem prachtliebenden Hofe zu Dresden für den verstorbenen Ceremonienmeister und Hofpoeten von Besser ein entsprechender Ersatz gesucht wurde. Menke, an den man sich zu diesem Zwecke gewendet hatte, schlug den ihm befreundeten [279] Günther vor. Dieser ging mit den besten Empfehlungen nach Dresden, wo sich ihm die ersten Kreise aufthaten. Seine einnehmende Persönlichkeit und sein anerkanntes Talent eröffneten ihm die besten Aussichten; er selbst war entzückt von dem Leben und Treiben der Residenz, wo unter dem verschwenderischen August ein Fest das andere drängte und täglich die glänzendsten Schauspiele sich dem Auge darboten. Alles hing jedoch für Günther von seiner Audienz beim Könige ab und von dem Eindruck, den er auf diesen machen würde.

Unglücklicherweise hatte er einen Mitbewerber um die einträgliche Stelle in der Person des schlechten Gelegenheitsdichters Ulrich König, der in alle Intriguen und Ränke des schlüpfrigen Hoflebens eingeweiht war. Derselbe lebte im vertrautesten Verhältnisse mit einer Opernsängerin, Jungfer Schwarz, welche es übernahm, ihren Galan von dem lästigen Nebenbuhler zu befreien. Da es ihr nicht an Connexionen und Verbindungen fehlte, so war es ihr nicht schwer gefallen, den Tag der Audienz zu erfahren. Hierauf und auf Günther’s Schwäche baute das würdige Paar seinen Plan, um ihn zu verderben. Zur bestimmten Stunde fand sich dieser pünktlich in den Vorzimmern des königlichen Schlosses ein. Da er längere Zeit warten mußte, ehe er vorgelassen wurde, bot ihm ein bestochener Bedienter freundlich ein Glas Wein an, der mit Brechtropfen gemischt war. Die Wirkung blieb nicht aus und als er zu dem König gerufen wurde, war er nicht mehr im Stande, die an ihn gerichteten Fragen zu beantworten. Mit Mühe nur gewann er die Thür, durch die er verzweifelnd fortstürzte. Seine Gegner verbreiteten das Gerücht, er sei betrunken gewesen, und natürlich konnte von seiner Anstellung nicht ferner mehr die Rede sein. –

Der Stolz und das Bewußtsein des unverschuldeten Mißgeschicks trösteten ihn jedoch bald über den Verlust seiner Aussichten. Zugleich erwachte in ihm die Sehnsucht nach der Heimath und nach Leonoren, die unterdessen Wittwe geworden war. Nach langer Abwesenheit kehrte er in das Elternhaus zurück, um seine Familie wiederzusehen. Hatte er auch nicht das Ziel seiner Wünsche erreicht, so trat er doch mit Ruhm bedeckt, als ein von ganz Deutschland genannter und anerkannter Dichter, seinem strengen Vater entgegen. Dieser aber blieb unversöhnt; er wollte von dem „Versemacher“, von dem „vagabundirenden Hungerleider“ nichts wissen und wies ihn grausam von seiner Thür, ungeachtet der Bitten der Mutter und Schwester. Tief erschüttert und von Neuem in seinem Glauben an die Menschheit wankend, suchte der arme Günther die Geliebte seiner Jugend auf. Es war ein schmerzlich freudiges Wiedersehen; Lust und Trauer wechselten wie Regenschauer und Sonnenschein. Leonorens blasse Wangen verriethen die schweren Leiden und Kämpfe ihrer Seele, aber die Schule des Unglücks hatte sie gereift und mild verklärt. Auf den stürmischen Liebesfrühling war ein sanfter stiller Herbst gefolgt. Hand in Hand saßen wieder die Liebenden, welche sich gegenseitig so viel zu verzeihen hatten und verziehen. Jedes maß sich die größte Schuld bei und suchte das Andere frei zu sprechen. Von der traurigen Vergangenheit war nicht mehr die Rede, sondern von den Hoffnungen der Zukunft. Der Anblick und tröstende Zuspruch Leonorens gaben dem Unglücklichen neue Kraft; er wollte sie verdienen, ihrer würdig werden. Selbst das Studium der Medicin, die ihm sonst so widerwärtig war, erschien ihm jetzt als ein Mittel, ihre Hand zu erwerben. Mit dem Entschlusse, nach Leipzig zurückzukehren, um dort den Doctorgrad zu erlangen, nahm er zum zweiten Male den zärtlichsten Abschied von der Geliebten seines Herzens.

Zunächst aber galt es, die nöthigen Geldmittel zur Ausführung seines Vorhabens sich zu verschaffen; weshalb er sich nach Breslau wandte, wo er alte Freunde und Gönner fand. Von allen Seiten wurde dem gefeierten Dichter die glänzendste Aufnahme zu Theil, welche seiner Eitelkeit schmeichelte. Leicht bewegt ließ er sich von Neuem von dem Strudel des Lebens fortreißen und vergaß im Genusse des Daseins seinen ernsten Zweck. Wie in Leipzig den edlen Mencke, so gewann er auch in Breslau einen väterlichen Freund in dem reichen und hochgebildeten Herrn von Breßler. Derselbe öffnete Günthern sein angesehenes Haus und auf dessen Zukunft bedacht, indem er ihn als Hauslehrer dem Grafen Schaffgotsch empfahl. Bald aber verscherzte Günther die Gunst seines Beschützers, dessen Eifersucht er vielleicht ohne seine Schuld erregte, da die junge, geistvolle Frau von Breßler, die selbst Dichterin war, sich für den talentvollen Poeten lebhaft interessirte. Böse Zungen besprachen das an sich reine und unverfängliche Verhältniß in gehässiger Weise, so daß Herr von Breßler sich veranlaßt sah, den Umgang mit Günther abzubrechen, ohne ihm jedoch seinen Schutz gänzlich zu entziehen. Er aber verließ Breslau und irrte, von nun an wieder den finsteren Mächten verfallen, zwecklos ohne Ziel von einem Ort zum andern, mit Sorge, Noth und Hunger kämpfend. Zu allem Ungemach trat noch Krankheit hinzu; sein kräftiger Körper drohte zu erliegen. An Leib und Seele zerrüttet, wähnte er sich von aller Welt verlassen und der Verzweiflung preisgegeben. In dieser Stimmung schrieb er an Leonoren den Scheidebrief seiner Liebe, indem er feierlich allen Ansprüchen auf ihre Hand und ihr Herz für immer entsagte.

Noch einmal jedoch schien das Glück dem armen Dichter zu lächeln; in seiner höchsten Noth lernte er einen Herrn von Rimptsch kennen, der sich für ihn lebhaft interessirte und ihm in dem Städtchen Kreuzburg die Stelle eines Arztes, für die allerdings Günther am wenigsten geeignet war, verschaffte. Um ihn zu einem regelmäßigen Leben zu gewöhnen, schlug ihm sein neuer Gönner eine Partie mit der Tochter seines Pfarrers Domoratius vor. Günther war schwach genug, darauf einzugehen, erhielt jedoch anfänglich von dem Mädchen und auch von dem Vater einen Korb. Erst auf wiederholtes Zureden des Herrn von Rimptsch entschloß sich Phyllis, welche schon einmal Braut gewesen und betrogen worden war, sich mit Günther zu verloben, unter der Bedingung, daß er sich mit seinem Vater zuvor versöhnen sollte. Es war wohl unbewußte Vorbedeutung, daß er seiner Braut einen Verlobungsring mit einem Todtenkopfe überreichte.

Das Verhältniß mit Phyllis dauerte nur kurze Zeit; das Bild Leonorens mochte ihn wohl von ihrer Seite scheuchen. Er war nicht mehr für ein ruhiges, bürgerliches Leben geschaffen; wieder ergriff er die Flucht und irrte unstät umher, bald ein Unterkommen bei verschiedenen Herrn von Adel suchend, bald vor den Thüren der Gutsbesitzer und Landgeistlichen als Bettler pochend. So kam im Spätherbst noch einmal der verlorene Sohn in das Vaterhaus. Sein Anblick flößte den Seinigen Schrecken und Entsetzen ein; nur mit Mühe ließ sich seine Schwester bewegen, ihn einige Tage versteckt zu halten, da er dem Vater nicht unter die Augen treten durfte. Er wandte sich schriftlich an ihn in einem herzzerreißenden Gedichte, welches zu dem Bedeutendsten gehört, was Günther geschrieben hat. Der Anfang lautet:

„Und wie lange soll ich noch, Dich, mein Vater! selbst zu sprechen
Mit vergeblichem Bemühn, Hoffnung, Glück und Kräfte schwächen?
Macht mein Schmerz dein Blut nickt rege, o so rühre dich dies Blatt,
Das nunmehr die letzte Stärke kindlicher Empfindung hat!
Fünfmal hab ich schon versucht, nur dein Antlitz zu gewinnen,
Fünfmal hast du mich verschmäht!“

Seine Bitten waren umsonst, der harte Vater ließ ihm sein Haus für immer verbieten. Günther aber machte noch einen Versuch, gegen den Willen des Grausamen einzudringen. Elend und gebrochen, mit gefalteten Händen trat er ihm entgegen, auf den Knieen seine Verzeihung anflehend; der Vater aber stieß ihn mit eisener Unbarmherzigkeit zurück, während die kranke Mutter im Bette ihre Hände verzweifelnd rang und die Schwester sich weinend zwischen Beide stürzte. Furchtbar tönte der Fluch des Vaters in den Ohren des Ausgestoßenen, der, wie von Furien gepeitscht, in dunkler, stürmischer Nacht, unter Regen, Schnee und Wind auf der Landstraße weiter irrte, bis er zu Tode erschöpft in Jena anlangte. Ein schleichendes Fieber warf ihn auf das Krankenlager, aber Wochen lang noch zögerte der Tod, den müden Dulder zu erlösen. In diesen bangen Tagen erwachte Günther’s ganze edle Natur, läuterte sich seine Seele von den irdischen Schlacken, richtete er seine Blicke auf die Ewigkeit. Voll Ergebung bereitete er sich auf sein nahes Ende vor, keine Klage, kein Vorwurf entschlüpfte seinen Lippen, sein Herz war voll milder Vergebung, sein Geist voll Sehnsucht nach dem Göttlichen. Die Muse, um die er so schwer gelitten, war ihm allein treu geblieben und tröstete ihn in der bitteren Todesstunde. Wie der Schwan im Sterben, sang auch der Dichter im Angesicht des Grabes seine schönsten und reinsten Lieder, auf deren Schwingen er sich zum Himmel hob. Er selbst setzte sich die folgende Grabschrift:

„Hier starb ein Schlesier, weil Glück und Zeit nicht wollte,
Daß seine Dichterkunst zur Reife kommen sollte.
Mein Pilger, lies geschwind, und wandre deine Bahn,
Sonst steckt dich auch sein Staub mit Lieb’ und Unglück an.“

[280] Günther starb am 15. März 1732 in seinem noch nicht vollendeten achtundzwanzigsten Lebensjahre, „ein Dichter im vollen Sinne des Wortes,“ wie ihn Goethe nennt, der über ihn das Urtheil fällt: „Ein entschiedenes Talent begabt mit Sinnlichkeit, Einbildungskraft, Gedächtniß, Gabe des Fassens und Vergegenwärtigens, fruchtbar im höchsten Grade, rhythmisch bequem, geistreich, witzig und dabei vielfach unterrichtet; genug, er besaß Alles, was dazu gehört, im Leben ein zweites Leben durch Poesie hervorzubringen und zwar im gemeinen, wirklichen. Wir bewundern seine große Leichtigkeit, in Gelegenheitsgedichten alle Zustände durch’s Gefühl zu erhöhen, und mit passenden Bildern, historischen und fabelhaften Ueberlieferungen zu schmücken. Das Wilde und Rohe daran gehört seiner Zeit, seiner Lebensweise und besonders seinem Charakter, oder wenn man will, seiner Charakterlosigkeit. Er wußte sich nicht zu zähmen, und so zerrann ihm sein Leben, wie sein Dichten.“

Max Ring.


Die allezeit richtig gehende Uhr.

Wenn man jetzt seine Taschenuhr herauszieht und bis auf die Minute genau sieht, welche Zeit es ist, denkt man gewiß selten daran, welcher Aufwand von Scharfsinn, welche Reihe von mühevollen Arbeiten erforderlich gewesen, um ein solches Kunstwerk, wie es heut in Jedermanns Händen ist, hervorzubringen.

Man kannte ursprünglich keine anderen Uhren als die sogenannten Sonnenuhren, bei welchen aus der Schattenlänge eines Stabes oder anders geformten Gegenstandes die Zeit bestimmt wurde. Endlich kam von Aegypten herüber die erste wirkliche Uhr nach Europa, die Klepsydra oder Wasseruhr, eine mit Wasser gefüllte Glaskugel, durch deren enge Oeffnung unten das Wasser in eine Röhre darunter tröpfelte. Auf dem Wasser unten schwamm ein leichter Körper, dessen Steigen bestimmte Zeitabschnitte angab. Trotz der Unzuverlässigkeit dieser Wasseruhren blieben sie doch allgemein in Gebrauch bis zu den Zeiten Galilei’s, und erst im Jahre 1650 wurde eine vervollkommnete Art derselben erfunden, welche durch Heraustreiben eines Cylinders mit dem steigenden Wasser einen Mechanismus so bewegte, daß er die Stunde schlug.

Von mechanischen Erfindungen und Kunstwerken, welche Zeitabschnitte durch Schlagwerke anzeigen, den sogenannten Horologen, ist mehrfach in früheren Jahrhunderten die Rede. Die verschiedenen Erfindungen, Zeiten, Völker und mechanischen Genies haben über Jahrhunderte hinweg zusammengewirkt, um endlich eine richtig gehende Uhr in unserem Sinne möglich zu machen, so daß man eine große Menge Erfinder der Uhr anerkennen muß oder gar keinen (d. h. dann auch: alle zusammen). Wissenschaftlich hervorragend ist nur die Entdeckung Galilei’s, daß die Pendelschwingungen sich zur mathematisch genauesten Zeitmessung eignen, und die darauf gegründete Erfindung der Pendeluhren (1639).

Die allmähliche Vervollkommnung der von gespannten Federn getriebenen Taschenuhren, von drei oder vier bis Hunderte von Thalern für’s Stück, ist zugleich eine lange Geschichte der Mechanik im Kleinen und würde, etwas genau erzählt, einen guten Band füllen. Sie schließt die merkwürdigsten Wunderwerke von Kirchen- und sonstigen berühmten Uhren ein, die beim Schlag gewisser Stunden die seltsamsten Kunststücke machten, Sonnen-, Mond- und Sternenlauf mit anzeigten, den Adam in Eva’s Apfel beißen ließen u. s. w., Uhren, die oder deren Ruinen zum Theil jetzt noch in diesem oder jenem Kirchenthurme vorhanden sind.

Von den Sanduhren, die man auch noch hier und da auf Kanzeln findet, diesen Sinnbildern der Vergänglichkeit – oft neben einem Todtenkopf – ist weiter nichts zu sagen, da ihre Einrichtung ganz der der Wasseruhren gleicht. Wir wissen Alle, daß die Uhrmacherkunst zu einem hohen Grade von Vollkommenheit ausgebildet worden ist und zu den nothwendigsten, blühendsten Industriezweigen gehört. Aber wie Wenige von den Millionen Menschen, die kostbare Taschen- und außerdem noch prächtige Stutz- und Wanduhren haben, können sich auf deren Genauigkeit verlassen! Unter zehntausend solchen Mechanismen giebt es kaum einen ganz zuverlässigen, sogenannten Chronometer, und auch die besten sind den Einwirkungen der Temperatur unterworfen und müssen öfter regulirt und gestellt werden. Zeit ist aber Geld, und Pünktlichkeit in unserm modernen Leben, wo tausenderlei Geschäfte, Eisenbahnzüge und gegebene Versprechungen von der Minute abhängen, ein Betriebs- und Credit-Capital, das bei uns noch lange nicht genug geschätzt und verwerthet wird.

Um den Werth der Zeit und Pünktlichkeit gehörig zu benutzen, muß nicht nur unsere eigene, sondern auch jede andere Uhr richtig gehen. Wer bestimmt diese Richtigkeit? Die alte Akademie-Uhr in Berlin, die allen Erschütterungen der stets vorbeidonnernden Wagen ausgesetzt ist? Alle Berliner richten sich danach, aber Berlin ist blos ein sehr unbedeutendes Fleckchen in dem Tag und Nacht geschäftsverbundenen Deutschland. Allerdings giebt’s im Kalender Tabellen, welche sagen, wie viel eine richtig gehende Taschenuhr einer richtig gestellten Sonnenuhr vor- oder nachgehen müsse, um richtig zu gehen. Wo ist aber die astronomisch anerkannt richtig gestellte Muster-Sonnenuhr? Wo die von der Wissenschaft und der Autorität gewährleistete astronomische Uhr? Es giebt nichts der Art in dem zerstückelten Deutschland, so daß man, um sicher zu gehen, eine halbe Stunde vor der Zeit auf den Eisenbahnhof fahren, um pünktlich zu sein, auch ein Stück Geld in Form von Zeit opfern muß.

Wär’ es nicht Zeit, eine ähnliche Einrichtung wie in England zu treffen? Dort ist die von der feinsten astronomischen Wissenschaft gepflegte Uhr der Greenwich-Sternwarte absolute Autorität für’s ganze Land. Und alle wichtigen Geschäfts- und Verkehrspunkte, selbst mehrere Stadttheile Londons können zu jeder Zeit an den mit dieser Uhr elektrisch in Verbindung stehenden Chronometern sehen, welche Zeit es ist im ganzen Lande. Außerdem fallen mit der großen Kugel auf der Greenwich-Sternwarte immer mehrere meilenweit sichtbare Kugeln, sowie es in der Schöpfung Eins schlägt. Danach werden alle Tage sämmtliche öffentliche Uhren auf Eisenbahnen, in Staats- und Geschäftsbureaux berichtigt, so daß jeder Privatmann im Stande ist, seine Uhren darnach zu stellen. Hierdurch wird die kostbare Zeit schon gehörig gewürdigt und Jeder bewegt und befähigt, sparsam damit umzugehen, sie möglichst gut zu benutzen. Und die Pünktlichkeit, eine Tugend, durch deren allgemeinen Cultus in England jährlich Millionen von Pfunden gespart d. h. für förderliche Zwecke gewonnen werden, ist geradezu eine der vornehmsten und angebetetsten Landesgöttinnen geworden. Die Königin Victoria ist hauptsächlich wegen ihrer ausnahmslosen gewissenhaften Pünktlichlichkeit und als Muster einer guten Mutter so populär geworden.

Wir im zerstückelten Deutschland haben keine Aussicht auf eine allgemein gültige astronomische Normaluhr und den daraus fließenden Zeit- und Pünktlichkeits-Cultus.

Gleichwohl haben Tausende von Geschäftsleuten, Fabrikanten, Oekonomen, Arbeitgebern und Arbeitern aller Art das höchste Interesse an genauer Kenntniß der Zeitabschnitte des Tages. Wonach sollen sie – namentlich die von großen Städten entlegenen, die Oekonomen, Fabrikanten u. s. w., welche Tausende von Arbeitern pünktlich erwarten, die eine genau einzuhaltende Zeit arbeiten, auf’s Essen verwenden, mit einem bestimmten Schlage zum Schlusse gerufen werden sollen – die Zeit messen, ihre Uhren reguliren?

Das Einzige bleibt eine genaue Sonnenuhr. Aber die gewöhnlichen, wie sie seit Jahrhunderten Mode sind, haben nur einen untergeordneten praktischen Werth und sind außerdem an einen bestimmten Ort gefesselt, da das Aufstellen anderswo vor Allem die genaueste Meridian-Kenntniß erfordern würde. Daher ist es wichtig und erfreulich, daß ein Deutscher eine tragbare, überall leicht richtig zu stellende astronomische Normal-Sonnenuhr erfunden hat, die sich jeder leicht verschaffen und jederzeit an eine sonnige Stelle stellen kann, um zu erfahren, welch’ Zeit es eigentlich sei. Sie antwortet stets mit absoluter Wahrheit der Sonne und bis auf die Minute.

Es ist die hemisphärische Sonnenuhr des Chemikalien-Fabrikanten Herrn H. Schmeißer in Berlin, der sich seine Erfindung patentiren ließ und die Verfertigung derselben dem Mechanikus Herrn Meißner in Berlin, Friedrichstraße 71, den Vertrieb und Verkauf [281] der geognostisch-artistischen Anstalt von Ernst Schotte und Co. in Berlin, Potsdamer Straße, übertrug.

Sehen wir uns diese Normaluhr näher an. Sie ist die auf einfachste und sinnreichste Weise für den bestimmten Zweck angewandte astronomische Wissenschaft und Kunst. Die Halbkugel, nach oben offen, woraus die Uhr im Wesentlichen besteht, erinnert an den uralten „Polus“, nur daß jede Stunde und Minute des Jahres darin verzeichnet steht und jede Minute des Jahres, just wenn sie an die Reihe kömmt, auf die einfachste Weise genau bezeichnet wird.

Sie giebt die Zeit jedesmal absolut richtig an, was keine mechanische Uhr in der Welt thut, wenn sie nicht immer wieder nach der absolut richtigen Zeit regulirt wird. Die Vorzüge derselben sind also sofort einleuchtend, auch vor jeder anderen Sonnenuhr, die nur unter einem bestimmten Breitengrade und wenn sie ganz richtig nach dem Meridian irgendwo festgebannt ist, ungefähr, nicht auf die Minute richtig zeigt.

Die hemisphärische Sonnenuhr kann überall in Europa mit Leichtigkeit richtig aufgestellt werden und ist dann stets treu, wie die Sonne, deren Lauf sie das ganze Jahr in genauen mathematischen Linien auf die Halbkugelfläche abspiegelt.

Die hohle Halbkugel besteht aus Metall, auf deren innerer Fläche die Stellung der Sonne in jeder Minute des Jahres verzeichnet ist, indem sie jede dieser Minuten absolut richtig angiebt.

Dies ist auf die einfachste Weise durch geradlinig neben einander eingegrabene Linien und eine Reihe anderer, die sie in bestimmten Entfernungen rechtwinklig durchkreuzen, erreicht worden.

Erstere geben den täglichen Sonnenlauf während des Jahres,[1] letztere die Stunden und Viertelstunden des Tages an, die Pünktchen zwischen den Viertelstundenstrichen die Minuten.

Zwei Fäden von Pferdehaar sind so über die Halbkugel gespannt, daß sie sich genau in der Mitte kreuzen. Der Vereinigungspunkt dieses Fadenkreuzes ist also genau der Mittelpunkt der ganzen Kugel, wenn man sich die andere Hälfte darüber gestülpt denkt. Diese andere Hälfte bildet nun die der Erde gegenüber befindliche Himmelskugel, über welche die Sonne stets ihren genau bestimmten (scheinbaren) Lauf nimmt. Daraus folgt, daß der Schatten dieses Vereinigungspunktes der beiden übergespannten Fäden auf der innern Halbkugel genau denselben Weg bezeichnen muß, den die Sonne geht. Dabei giebt der eine Faden die Richtung des Meridians, der andere genau Ost und West an, sobald unsere metallne Halbkugel der himmlischen richtig gegenüber gestellt ist, was nach einigen Winken und Anweisungen jedes Kind leicht thun kann.

Von dem Vereinigungspunkte des Fadenkreuzes hängt ein kleines Pendel herab, das die innere Kugelfläche mit der Spitze beinahe berührt. Die Spitze oscillirt schon bei erster Aufstellung der Halbkugel nach dem Augenmaße in der Gegend, wo sie ihre Pflicht thun soll. Sie muß nämlich auf den Breitengrad zeigen, unter welchem die Sonnenuhr genau sagen soll, was die Glocke am Himmel geschlagen und wie viel Minuten es darüber sei. Die Meridianlinie ist noch einmal gerade unterhalb des einen Fadens auf der innern Fläche der Halbkugel deutlich eingegraben. Kleine Querstriche an ihm entlang und Zahlen daneben, 30–60, geben die 30 Breitengrade an, unter welchen sich Europa u. s. w. ausdehnt. Um nun die Spitze des Pendels auf den erforderlichen Breitengrad zu bringen, schraubt man die Halbkugel in die richtige Stellung. Dies ist uns leicht gemacht. Sie ist in einer Vase von Porcellan befestigt, die auf drei Schrauben steht, welche sich so leicht drehen lassen, die eine auf-, die andere abwärts, je nach Bedürfniß, bis die Spitze des Pendels genau auf der Meridianlinie auf den erforderlichen Breitengrad herunterhängt.

Nun hat man nur noch eine mechanische Operation nöthig. Wenn die Sonne in die Halbkugel hineinscheint, wird der Schatten des Mittelpunktes, den die beiden Faden und der Pendel außerdem von verschiedenen Seiten her genau markiren, durch horizontales Drehen des ganzen Instruments auf die innere Linie gerichtet, die dem Datum, dem Tage der Aufstellung entspricht.

Diese Linien sind alle nach der Reihe nach Monat und Datum genau bezeichnet, so daß man den Schattenpunkt des Fadenkreuzes leicht auf die bestimmte Linie drehen kann. Und nun trifft dieser Punkt auch schon die Stelle auf der Linie, welche von den auf derselben markirten Stunden und Minuten die Minute bezeichnet, die es gerade an der Zeit ist. Der Schattenpunct rückt dann ruhig und pünktlich mit der Sonne weiter.

Ist die Uhr einmal so richtig aufgestellt, wozu weiter nichts gehört, als Kenntniß des Breitengrades und des Datums, so geht sie unbedingt richtig weiter. Um sie wegnehmen und gleich wieder richtig hinstellen zu können, braucht man nur auf der gewählten Stelle die drei Punkte zu markiren, auf welchen die drei Schraubenspitzen unten standen. Auch ist es nach dem Gesagten nicht schwer, sie an jeder andern Stelle richtig aufzustellen. Der Schattenpunkt, also der Zeiger (Stunden- und Minutenzeiger zugleich), fällt dann immer deutlich sichtbar auf die richtige Minute, weil er stets senkrecht gerade hinunter sich abgrenzt und noch durch hart zusammenlaufende Schattenlinien (des Fadenkrenzes und des Pendels) markirt wird.

Die hemisphärische Sonnenuhr ist oben durch eine Glasscheibe gegen Witterung geschützt und kann beliebig im Freien stehen bleiben. Da aber auch die Sonne nicht immer richtig zeigt, sondern stets etwas vor oder nach geht (bis 15 Minuten vor im Februar, 16 Minuten nach im November – wegen ihres elliptischen Laufs, aber stets regelmäßig und pünktlich in diesen Abweichungen), so braucht man diese Minutenzahl entweder zu addiren oder abzuziehen, um die sogenannte astronomisch mittlere Zeit zu haben. Das Verzeichniß dieser Minuten findet man sonst in Kalendern, hier viel klarer und bequemer in der Halbkugel selbst auf der sonst nicht gebrauchten Schattenseite, so daß man mit einem Blicke die volle Richtigkeit herauslesen kann.

Noch ist zu bemerken, daß die beste Zeit für erste, ungeübte Aufstellungen der hemisphärischen Sonnenuhr Vor- oder Nachmittags ist, da während des Mittags die Sonne ihre Höhe am Horizonte zu wenig verändert. Auf einem vorher markirten Platze kann man sie natürlich auch Mittags sofort richtig hinstellen und sich ohne Weiteres auf sie verlassen.

Um diese Zuverlässigkeit zu erhöhen, ist es gut, einer ersten richtigen Aufstellung (Schraubung des Pendels auf den Breitengrad und Drehung des Schattenpunktes auf die Datumslinie) etwa Nachmittags eine Prüfung folgen zu lassen und zu sehen, ob der Schattenpunkt auch genau auf der Linie geblieben ist. Sollte er etwas abgewichen sein, so genügt eine zweite Zurechtrückung in der Regel für immer. So wie sie richtig steht, giebt sie, wieder genau so gestellt, immer die richtige Sonnenzeit an, und die Richtung des Meridians, den der eine Faden und die eingegrabene Linie angeben, ist dann auch immer genau der richtige Meridian am Himmelsgewölbe. Man sieht also auch immer zugleich astronomisch richtig Süd und Nord, Ost und West.

Die hemisphärische Sonnenuhr ist eine absolut richtige Normaluhr; sie kann leicht einmal probirt und überall mit wenig Mühe richtig aufgestellt werden ohne vorherige Kenntniß des Meridians. Sie giebt jedem Laien ein kleines Bild des Sonnenlaufs und ist daher auch sehr wichtig für den Anschauungsunterricht in Schulen jeder Art. Sie gewährt das einfachste und sicherste Mittel für Auffindung der richtigen Zeit für jede Uhr, trägt also wesentlich zur Berwerthung und Verzinsung der kostbaren Capitalien des civilisirten Lebens bei, der Zeit, der Pünktlichkeit. Mehr wird Niemand für neun Thaler verlangen, zumal da er sicher sein kann, daß er alle weitern Ausgaben für Reparatur sparen werde.

Für Breitengrade über 30 hinaus und die tropischen Gegenden giebt es besonders construirte Instrumente derselben hemisphärischen Art.

Gedruckte, klare Anweisungen, die jeder Uhr beigefügt werden, machen die richtige Benutzung dem Laien leicht. Da die Sonne jetzt ungleich länger verweilt und freundlicher scheint, wird es wohl die rechte Zeit sein, auf diese Himmelsuhr auf Erden aufmerksam zu machen.

H. B.

[282]
Eine steinerne Schatzkammer der Kunst.
Die Heimath der Pappenheimer. – Die Arbeitercolonie von Solnhofen und ihre Aristokratie. – Der Patrefactenschatz und Sennefelders Grabstein.

Glücklicher Weise birgt sich in unserm lieben Deutschland noch gar mancher schöne Winkel, welchen der Tourist von Profession noch nicht entdeckt hat, wo man noch nichts weiß von Sommerschwärmen blasirter Großstädter und steifbeiniger Uebercanäler, wo vielmehr noch der ganze Zauber unberührter Jungfräulichkeit, die Poesie ungestörten Naturfriedens und unverkünstelter Naturwüchsigkeit das Gemüth des stillvergnügten Fußwanderers erquicken, der gern abseiten der ausgetretenen großen Heerstraßen in Beschaulichkeit seine eigenen Wege geht.

Baiern, dessen Binnenstrecken für die Welt draußen zum Theil noch halbe terra incognita sind, ist vorzugsweise reich an solchen nicht abgelaufenen Winkeln, und selbst einer seiner allerlieblichsten, der Altmühlgrund in Franken mit seinen freundlichen wohlhabenden Ortschaften, ist, trotzdem, daß er eine Weltberühmtheit umfaßt, die Solnhofener Kalkbrüche, welche die sämmtlichen Lithographen der Erde mit den nöthigen Steinen versorgen, nur selten besucht und bereist.

Es war ein heiterer Morgen des letzten Frühherbstes, als ich mit mehreren Nürnberger Freunden in Pleinfeld, einer Station der nach München führenden Eisenbahn, dem Waggon entstieg, um mir einmal dies vielgenannte und wenig bekannte Solnhofen zu beschauen. Die Massen von Steinen, welche auf dem Bahnhofe zur Versendung aufgeschüttet lagen, sagten mir besser als die blauweiße Wegtafel, daß wir uns auf richtigem Pfade nach unserem Ziele befanden. War es der wolkenlose Himmel, die frische Luft, waren es die weiten Wiesengründe ringsum, auf denen man eben in munterem Gewühle den zweiten Schnitt zu Schobern aufbaute, die nur erst leise gesprenkelten Laubwaldungen, durch welche unser Weg sich schlängelte, oder war es das freundliche „Grüß Gott“, das uns zurief wer immer uns begegnete, Jung oder Alt, was uns so recht mit Wanderlust erfüllte – genug, es war uns ganz Wilhelm-Müllerisch oder Eichendorffisch zu Muthe. Frisch und froh, „bald singend, bald fröhlich still“ marschirten wir drauf los und merkten erst, daß unsere Wanderung uns schon vor die Mauern eines zweiten jener alterthümlichen Städtchen geführt hatte, wie wir ihrer in dem aus gar mancherlei Herren Besitzungen zusammengeschweißten Baiern so viele finden, als ein eigenthümlich bethürmtes Thor, dasselbe, welches das linke Seitenbild unserer Illustration zeigt, uns in sein kühles Schattendüster aufnahm. Ein recht schmuckes Städtchen, in das wir nun einrückten, dies Weißenburg mit der Veste Wülzburg, die es überragt, und den sauberen Häusern, auf denen der Anstrich nicht modernen Dampfhochdrucklebens, aber altgegründeter Bürgerbehaglichkeit und gemüthlicher Kleinstädterei liegt. Auch ein Brunnen ist da, ein Mineralbrunnen nämlich von reichem Eisengehalt, wie man uns rühmte, nur schade, daß ihn Niemand kennt und trinkt außer den glücklichen Eingebornen, wenn diesen das treffliche Bier, das uns in der Herberge zur goldenen Rose in höchst empfehlenswerther Qualität geschenkt wurde, noch Anwandlungen von anderswelchem Durste aufkommen läßt, was freilich kaum glaubhaft erscheint.

Wie wir etwas minder behende, denn vor dem würzigen Labetrunke, durch Weißenburgs Straßen fürbaß wandelten, fesselte uns die ungewöhnliche Staffage derselben. Vor den Hausthüren und in den Fluren saßen je zwei bis vier Frauen oder Mädchen zusammen und klöppelten Spitzen aus – Goldfäden, die dann theils zu Kirchenparamenten verwandt werden, theils den Bäuerinnen der Umgegend zu zierlichem Kopfschmuck dienen. Wer sich eine gewisse Fertigkeit in dieser Arbeit erworben hat, gewinnt damit einen ganz leidlichen Erwerb. Groß und Klein betheiligt sich an dieser Industrie, die sonderbarer Weise nur auf ein einziges Stadtviertel Weißenburgs, die sogenannte Türkei, beschränkt geblieben ist.

Immer reizender wird die Landschaft. Zwei und eine halbe Stunde bequemen Steigs durch rauschende Buchen- und Eichengehölze brachten uns nach Pappenheim. Hier thut sich vor dem entzückten Blicke ein Gebirgsbild auf, zwar nur in bescheidenen Dimensionen, aber so anheimelnd, so lauschig, so harmonisch in allen Einzelheiten, so mannigfaltig je nach dem Standpunkte des Beschauers, so – doch still, verrathen wir nicht mehr von diesem weltentlegenen, kleinen Eden, auf daß es noch recht lange im Verborgenen blühe und nicht eines schönen Morgens von einem jener Federpioniere aufgestöbert werde, welche das moderne Pilgerthum mit den unerläßlichen rothen Reisebrevieren versorgen. – Wer kennt nicht seine Pappenheimer? Die alte Burg uns zur Rechten, die noch aus Römerzeiten stammen soll, ist das Stammschloß jenes kühnen Reiterführers, der uns allen seit den Knabentagen eine vertraute Erscheinung ist.

In einem fürtrefflichen Wirthshause mit noch fürtrefflicherem Biere machten wir eine sehr werthvolle Acquisition in der Person des Solenhofener Revierförsters, der hier eben ausruhte von den Beschwerden seines dem Wohle des bairischen Großstaats gewidmeten Lebens. In seiner Begleitung legten wir bei schon sinkendem Abend das letzte Stück unseres derben Tagmarsches zurück, und unter seiner Führung drangen wir am nächsten Morgen nach wohlverdientem Schlummer in die merkwürdige Welt der großen Steinbrüche ein, denen zumeist unser Ausflug in diese unbekannten Gebreite galt.

Bekanntlich erfand Sennefelder in München im Jahre 1819 die Lithographie, angeregt hierzu durch eigenen Bedarf in mancherlei Vervielfältigungen und jedenfalls nicht ahnend, zu welcher industriellen Bedeutung sich seine Kunst dereinst emporschwingen sollte. Nach vielerlei Versuchen entdeckte er bei Solnhofen eine Art Kalkstein, den er, Stein auf Stein, glatt rieb, um nun hierauf zu zeichnen und ihn zum Abdruck vorzubereiten. Zuerst wurde auch lediglich nur mit Kreide, d. h. in Kreidemanier gearbeitet; die Kunstleistungen selbst aber waren derart, daß man dieses Vervielfältigungsmittel nur für die allergewöhnlichsten Bilder in Anwendung bringen konnte. Bald kam man auf eine Weise des Steinzeichnens, die sogenannte Federmanier. Während bei der erstern, der Kreidemanier, der Stein ebenmäßig rauh (gekörnt) gemacht wird, wird er bei der letzteren glatt geschliffen, und man bedient sich hier nicht der Kreide, sondern, wie dies der Name anzeigt, der Feder, welche mit einer besonders präparirten Tusche gefüllt wird. Diese Behandlung hat den Vortheil, daß sie auf dem Steine eine viel größere Anzahl von Abdrücken zuläßt, als die weicheren und deshalb nicht so gründlich ätzbaren Kreidezeichnungen. Später noch erfand man die Gravier-Manier, womit der Weg zur Herstellung der feinsten Schriftsachen gefunden war, so daß bald die bisher einzig dem gleichen Zwecke dienende Stahl- oder Kupferstechkunst aus ihrem alten Recht verdrängt und z. B. Landkarten, die man früher auf keine andere Art, als die des sehr theuren Kupferstichs herzustellen wußte, nun auf dem zehnfach billigeren Weg der Lithographie in Feder- oder auch Graviermanier erzeugt wurden.

Daß man hellere und dunklere Abdrücke erzielte, führte auf die Idee des Tondrucks, d. h. den Gedanken, einen milden Ton über das Ganze zu legen, in welchem die höchsten Lichter frei gelassen sind, also auf dem Papiere wieder weiß erscheinen, während alles Uebrige jener Ton deckt. Zu dieser Manipulation werden für ein Bild zwei Steine gebraucht, der eine für Schwarzdruck, der andere für den Tondruck, und es ist nun Aufgabe des Lithographen (Zeichners) wie des Druckers, die Steine so auf einander zu passen, daß Ton und Schwarz sich genau ineinander fügen. Welchen warmen Hauch eine solche zweite Tonplatte jedem Bilde giebt, sei es Landschaft oder Portrait, das wird jedem unserer Leser schon aufgefallen, sein.

Dieselben Grundsätze, welche bei dem Druck dieser zweierlei Platten in Anwendung kommen, mußten sich nun auch bei einer erhöhten Anzahl von Platten zur Geltung bringen lassen; man begann dem Bilde drei, vier Töne zu geben, man kam auf den Farbendruck, in dem jetzt von den in verschiedenen größeren Städten Deutschlands und des Auslands bestehenden Anstalten so vollendet Schönes geleistet wird. Zu einem solchen Farbendruckbild sind oft 16 bis 20 und mehr Platten nöthig und würden vielleicht noch mehr gebraucht, wenn nicht der Aufeinanderdruck zweier Farben oft wieder eine dritte erzeugte. Die Mischung in Farbe und Ton, die Genauigkeit in Druck und Behandlung sind indeß sehr schwierig und fordern Meister ihrer Kunst.

Bedenkt man nun, daß in der ganzen Welt blos die Solnhofner Steine für alle diese Zwecke gebraucht werden können – ein in Frankreich mit ähnlicher Steinmasse aufgefundener Bruch hat sich nicht als verwendbar erwiesen –; rechnet man ferner, wie viele Tausende von Zeichnern, Lithographen und Druckern existiren, deren jeder eine mindere oder größere Anzahl solcher [283] Steine nöthig hat; wie viele gewerbliche Etablissements zu ihren Erzeugnissen täglich neue Lithographiesteine bedürfen: so kommt selbst bei der bescheidensten Berechnung eine Summe heraus, welche die Bedeutung der Solnhofner Brüche klar genug vor die Augen führt. Der Bedarf ihrer Steine, mit welchen sich die ganze civilisirte Welt versorgt, ist ein enormer! Wird sich doch nicht leicht ein Industriezweig denken lassen, der nicht an die Lithographie seine Steuer abgiebt, wäre es auch nur durch den Verbrauch von Etiquetten.

Die Solnhofener Steinbrüche dehnen sich über einen Umkreis von drei bis vier Stunden aus; unser Mittelbild aber zeigt die eigentliche Seele, den Markt, das Lager, den Mittelpunkt des Verkehrs. Bis zum Jahre 1819, als Sennefelder seine bedeutungsschwere Erfindung machte, dienten diese Steinbrüche nur dazu, um Chaussee-, Pflaster- und Bausteine zu liefern, und mancher Bruch, der zu weit von einem fahrbaren Weg ablag, war um die jährliche Bodenzinssteuer zu kaufen, da besser gelegene Brüche genug des zu erwähnten Zwecken erforderlichen Materials liefern konnten, das bei seiner damaligen Werthlosigkeit einen weitem Transport nicht vertrug. Kaum hatte jedoch Sennefelder seine erfolgreichen Versuche mit diesen Steinen gemacht und kaum war die lithographische Vervielfältigung ein Erwerbszweig geworden, so stiegen auch die Preise dieser Brüche, ohne indeß noch entfernt an ihre heutigen sehr hohen Preise zu erinnern. Wie ich bereits bemerkte, wird auf dem ganzen Continent kein Stein weiter gefunden, der den Solnhofner ersetzte, und somit ist auch ein Herabgehen der Preise für den glücklichen Besitzer nicht mehr zu fürchten, sie werden vielmehr voraussichtlich mit der Ausbeute noch steigen. Mancher größere Bruch, z. B. der sogenannte Actienbruch, der auf der Bergwand des Bildchens von Solnhofen sichtbar ist, repräsentirt ein Capital von 5–600,000 Gulden.

Eine Eigenthümlichkeit der Steine, die sie neben ihrer Weichheit noch besonders brauchbar für die Lithographie macht, ist der Umstand, daß sie in flachen 1 bis 5″ starken (auch schwächeren) Lagen abgesondert auf einander linealgerade ruhen und wie Schiefer in jeder Stärke sich ablösen. Im Anbruch wird auf der Oberfläche des Bodens begonnen; man gräbt nie von der Seite oder nach oben, sondern direct von oben nach unten. Zwischen jeder Lage ist eine Ader sichtbar, an welcher man den Meißel ansetzt, der sofort, vorsichtig eingetrieben, die obere von der nächsten Schicht abhebt, manchmal eine Platte von fünfzehn bis zwanzig Fuß im Geviert gewinnend. Die Arbeiter prüfen nun die gehobene Platte nach ihrem Klang, wie die Käufer von Porcellan oder Steingut, jedoch mit einem kleinen Hämmerchen. Klingt die Platte hell und rein, so ist sie vorläufig fertig und wird für die Schleifwerkstätte bei Seite gestellt; ist sie dagegen mit Adern durchzogen, so wird mit der Spitzseite des Hämmerchens so lange geklopft, bis die Ader springt und den Stein wieder in zwei oder mehrere Stücke theilt. An diesen einzelnen Stücken wird die gleiche Probe vorgenommen und darnach entschieden, ob der Stein in’s Lager, oder, falls er dem Format nach ungünstig gesprungen, in die „Schütte“ zu bringen sei. Die Schütte, die durch ungeschickte Arbeiter zum fühlbaren Nachtheil des Besitzers sehr vergrößert werden kann, muß von Zeit zu Zeit mit bedeutendem Zeit- und Kostenaufwand auf besonders hierzu angewiesene Plätze geschafft werden, damit man wieder tiefer gelangen kann.

Der gehobene Stein wird je nach der Stärke und Größe sortirt; die größten, wenn tadelfrei, haben einen Werth bis zu 300 Gulden pro Stück und werden für Architecturzwecke, Balcons, Altane etc., namentlich aber auch für Glasfabriken und Gerbereien gesucht. Dann folgen die Platten zu Tischen etc., welche ebenfalls nach Größe und Qualität ihren Werth normiren. Jetzt erst kommt die bekannte Größe für Lithographie-Steine, die von einem Quadrat-Fuß bis zu acht und zehn Quadrat-Fuß schwankt. Sofort werden diese Steine in drei bis vier Qualitäten ausgeschieden, namentlich bedingt der seltenere blaue Stein einen höheren Werth als der gelbe. Alsdann folgen die Parquetsteine, welche, mit Farbe auf eigenthümliche Art gebeizt, zu prachtvollen Parquets für Kirchen, Säle, Vorplätze in den mannigfaltigsten Dessins verwendet werden, und endlich in vorletzter Reihe jene zu Dachziegeln und Bausteinen benutzten. Die Dachziegel, welche wieder einen kleinen Industriezweig für sich bilden, werden von Mädchen und Kindern, wie unsere kleine Abbildung zeigt, mit der Zange gezwickt und in die dienliche Form gebracht.

Die geringsten Sorten verwendet man zu Pflastersteinen, welche immerhin durch die erleichterten Verkehrsmittel noch einen erwähnenswerthen Handelsartikel bilden, da sie bis nach Wien und Pesth versendet werden.

Auf unserem Hauptbilde sieht der Leser eine Häusercolonie dargestellt. Dies sind die Hütten, in denen theils die Lager fertiger Steine sich befinden, theils die Steine bearbeitet, sortirt und zu dem Gebrauch hergerichtet werden, zu dem sie später dienen sollen. Wir fanden in einer solchen Hütte, die wieder aus dem gleichen Material erbaut ist, dreißig bis vierzig männliche und weibliche Arbeiter, welche auf den langen Tafeln einen schweren Stein auf dem anderen herumrieben, um den untern zu schleifen. Zu diesem Behufe wird eine ganz besondere Sorte Donausand zwischen die Steine gestreut, mit Wasser benetzt und nun so lange mit herculischer Kraft und Ausdauer gerieben, bis der Sand zum feinsten Brei geworden und der Stein Glätte angenommen hat. Eine einzige für uns kaum wahrnehmbare Vertiefung genügt, um mit demselben Stein noch Tage lang diese Procedur vornehmen zu müssen, da natürlich der Lithographiestein auch nicht einen einzigen Fehler enthalten darf. – Gleiche Bearbeitung finden die Platten zu Tischen, Waschtischen, Consolen u. s. w.

Diese Colonie, die, ein kleines Dorf, auch ihr eigenes Wirthshaus, aber kein einzigen Wohnhaus besitzt, hat ihre förmliche eigene Hausordnung, welcher sich jeder Arbeiter fügen muß. Auf dem kleinen Thürmchen, welches auf unserem Bilde ebenfalls zu sehen ist, verkündet die Glocke den Beginn und Schluß der Arbeit für alle Brüche, sie vereinigt die Arbeiter zu Frühstück, Mittag- und Vesperbrod, deren bestimmte Zeit stets mit militärischer Pünktlichkeit eingehalten wird. Unter den Arbeitern sind die Schleifer, fast sämmtlich Solnhofener Insassen, die bestbezahlten; sie haben unbedingt die schwierigere Arbeit, bilden daher auch eine Art haute volée gegenüber den Stein-Brechern und namentlich den sogenannten Schüttern (welche die Schütte zu leeren haben), die jene niemals als ebenbürtig ansehen.

Wir finden auch in Solnhofen fast jeden Inwohner als Arbeiter oder Steinbruchbesitzer oder mindestens Theilhaber eines Bruches – alles Interesse concentrirt sich im Steinbruch. Daher sind die sonstigen Gewerbe auch nur nothdürftig, jedenfalls aber nicht für den eigenen Bedarf ausreichend vertreten, und der Ackerbau wird nur insoweit betrieben, als jeder Ackerbesitzer höchstens für sich selbst zu sorgen sucht. Kein Wunder also, wenn sich die Preise für alle Lebensbedürfnisse fast auf dem städtischen Niveau bewegen.

Der Ort Solnhofen mahnt durch die ihn umgebenden ansehnlichen Berge, seinen üppigen Wiesengrund mit dem sich dazwischen hinschlängelnden Altmühlflüßchen einigermaßen an die Schweiz und ist überhaupt recht anheimelnd. Die weißen Dächer, aus dem beschriebenen Material errichtet, schauen blendend, wie mit Schnee bedeckt, in die Ferne, und die braunen Wasser der stillen, fischreichen Altmühl zwischen hohem Schilf beleben das freundliche, nicht zu breite Thal auf anmuthige Weise. Durch alle diese Idylle aber macht sich die große Wohlhabenheit bemerklich, die den Ort auszeichnet.

Wohl wird noch manches Jahr verrauschen, ehe der Steinreichthum dieser Brüche einmal erschöpft wird; aber was dann, wenn diese concurrenzfreien Bergriesen ausgehöhlt und der Erde gleichgemacht sind? Vielleicht daß alsdann längst eine vollkommnere Kunst die Lithographie entbehrlich und vergessen gemacht hat. Inzwischen wird noch mancher interessante Fund in Solnhofen von sich reden lassen. Ich meine die in diesen Steinmassen begrabenen Versteinerungen aus den Zeiten der Ichthyosauren, von denen schon Vieles an’s Tageslicht kam und sich voraussichtlich noch Vieles finden wird. Ein Arzt, dessen Name mir entfallen, hat im Laufe der Jahre eine reiche Sammlung von Petrefacten daraus gezogen, die unbeachtet von den Arbeitern bei Seite geworfen worden waren und später für wenige Kreuzer erworben werden konnten. Schließlich machten sie, gesammelt, einen Schatz aus, von dem der größere Theil für über hunderttausend Gulden nach England, der Rest für etwa dreißigtausend Gulden an Baiern verkauft wurde.

So hat die große Erfindung eines deutschen Mannes einen gewöhnlichen Steinbruch in eine steinerne Schatzkammer verwandelt, aus welcher für Millionen die Freuden der Kunst und für Tausende Reichthümer gehoben worden sind; dem armen Erfinder brachte sie nichts, als den Ruhm und den Stein auf sein Grab.



[284]

[285] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt.

[286]
Der Erbstreit.
Von Levin Schücking.
(Fortsetzung.)

Am Abende, als Max von einem abermaligen Ausfluge heimkam, sagte er:

„Elisabeth will nicht eingestehen, daß sie im Walde gewesen sei, am allerwenigsten Deine Auslegung gelten lassen, daß sie mich dort habe finden wollen.“

„Wie könnte sie Dir das auch gestehen, jetzt, wo Du das Verbrechen begangen hast – nicht dagewesen zu sein,“ versetzte Markholm lächelnd. „Weshalb bist Du so ungeschickt, es nicht voraus zu wissen, wenn solch eine Dame den Einfall bekommt, in den Wald zu gehen?“

„Ach, so ist Elisabeth sonst nicht! Hat sie Dir den Eindruck eines capriciösen Wesens gemacht?“

„Nein, nicht gerade … im Gegentheil, sie sieht sehr offen und aufrichtig aus ihren großen blauen Augen.“

„Und diese großen gedankenvollen blauen Augen sind prächtig, nicht wahr, Onkel?“

„Sie sind eigenthümlich sprechend, in der That!“

„Hast Du nicht ihr merkwürdig reiches blondes Haar bewundert?“

„Ihr blondes Haar – ja, sie hat blondes Haar!“

„Und so schön und reich!“ fuhr der Neffe fort. „Und hast Du je Züge gesehen, Onkel, aus denen mehr Sinnigkeit und weiches Gemüth spricht?“

„Nun,“ versetzte der Onkel skeptisch, „es ist immer ein wenig gefährlich, in den Zügen eines Menschen und namentlich denen eines jungen Mädchens lesen zu wollen. Das ABC dieser Schrift ist nicht recht festgestellt.“

„Es giebt aber doch Züge, die so unverkennbar und deutlich den Charakter aussprechen …“

„Mag sein, daß sie ihn aussprechen; aber es ist ein verzweifelt gewagter Schluß, daß nun auch der Charakter wirklich da sei. Wer weiß, woher der Ausdruck stammt! Vielleicht hat Deine Elisabeth ihre Züge von einer sehr sinnigen Großmutter geerbt, die ihrer Enkelin wohl ihr Gesicht, aber durchaus nicht ihren Charakter hinterließ. Man hat solche Fälle!“

„Es thut mir leid, daß Elisabeth so wenig Deine Eroberung gemacht hat. Aber ich vergaß, daß Du ein Junggesell und also auch ein Verächter der Frauen bist!“

„Ein Verächter der Frauen? Das ist ein verkehrter Ausdruck. Man soll keine Kategorie von Wesen, die der liebe Gott nun einmal geschaffen hat, wie sie sind, verachten! Lange Haare und kurze Sinne hat der liebe Gott ihnen nun einmal gegeben – was können sie daran ändern?“

„Es ist wahrhaftig schade, daß Du in dem Punkte solch ein Philister bist, lieber Onkel; nimm mir‘s nicht übel. Wenn Du eine recht tüchtige gescheidte Frau gewählt hättest, würdest Du anders über sie denken.“

„Nun, um Dir‘s zu gestehen, lieber Max, ich war nicht immer solch ein Philister. Es gab eine Zeit, wo ich alle möglichen idealen Dinge in den Frauen erblickte – in jeder weißen Hand den Strauß ‚himmlischer Rosen‘ sah, bereit, sie einem ehrlichen Manne in sein ‚irdisches Leben’ zu flechten. Ich warb auch um einen solchen Strauß und eine solche Hand. Ich wollte keine Haushälterin, keine Frau für die Küche und Wäschekammer, ich suchte ein feingebildetes, mit Verständniß für meine geistigen Beschäftigungen begabtes Wesen. Ich fand es … sie war reizend, schelmisch, vielumworben, verwöhnt, und was ihre Bildung angeht, so schrieb sie schöne Stellen aus englischen und französischen Romanen aus und machte die geschmackvollste Toilette. Ich hing mein ganzes tiefes, leidenschaftliches Herz an sie, ich betete sie an ..“

„Und sie?“

„Sie betete mich wieder an – sie ließ es mich durch die bezauberndsten Koketterien erkennen, sie schrieb mir die entzückendsten irisduftenden Billets. Aber auf meine ehrlichen Bewerbungen – als diese dringender wurden, erwiderte sie, daß ihr Charakter zu sehr an Unabhängigkeit gewöhnt sei, als daß sie ihre Freiheit dahin geben könne, und daß sie zu viele Bedürfnisse habe, um einen armen Mann, der nur von seiner Feder lebe, zu heirathen.“

„Abscheulich!“

„Weshalb? Sie war ein Frauenzimmer und handelte in ihrer Weise ganz folgerichtig. Und meine grammatikalische Bildung wäre ja auch nicht vollendet worden, wenn ich nicht gelernt hätte, was eine Kokette bedeutet. Das Lehrgeld war freilich etwas schwer: eine gefährliche langwöchentliche Krankheit! Aber ich machte nie wieder den Versuch, für den Nipptisch meines Lebens mir solch eine zierliche Porzellanfigur zu gewinnen – Anderes würde sie nie geworden sein!“

„Und in Deinen Romanen schilderst Du doch die Frauen so ganz anders, daß man glauben sollte, Du stelltest sie himmelhoch …“

„Das ist natürlich … der Mensch muß Etwas lieben. Ich flechte meinen erdichteten Frauen die Perlen ins Haar, welche ich an die wirklichen fortzuwerfen gewarnt bin!“

„Ich möchte fast behaupten, Du kennst die Frauen gar nicht!“

„Desto besser für mich, mein Sohn!“ brach Markholm das Gespräch ab, indem er sich in seinen Sessel vor dem Kaminfeuer warf, um mit untergeschlagenen Armen in die Flamme zu blicken und lange Zeit in Träumereien zu verfallen. –

Als Markholm am andern Morgen an seiner Arbeit saß und die Zeit heranrückte, in welcher er gestern seinen Spaziergang gemacht hatte, blickte er lange wie sinnend den Zeiger der kleinen Standuhr an, die ihm gegenüber neben einem großen Blumenstrauße auf dem Tische stand. Er sah, wie der Zeiger allmählich derselben Stunde zurückte; dann nahm er die Feder wieder auf und schrieb ein paar Worte, und darauf warf er sie nieder und stieß etwas wie einen leisen Ruf des Unwillens aus.

„Ich weiß in der That nicht,“ sagte er sich, „was mich nun schon den ganzen Morgen über der Frage brüten läßt: wird sie kommen und ihre Steine holen oder nicht? Es ist wahrhaftig nicht wichtig genug, daß es mir alte meine Gedanken abzuschneiden braucht!“

„Hinausgehen werd’ ich aber doch müssen,“ sagte er dann plötzlich aufstehend; „ich will sehen, ob sie kommt, und noch einmal ein Gespräch mit ihr suchen. Es ist mir doch nicht einerlei, weß Geistes Kind sie ist, wenn mein Neffe ein ernstliches Verhältniß mit ihr begonnen hat und er daran denkt, sie zu heirathen, eine Idee, die ziemlich fest von seinem blonden Kindskopf Besitz genommen zu haben scheint, vorausgesetzt, daß sie ihn nimmt, was mir nicht ganz als wahrscheinlich vorkommt – sie scheint doch geistig zu bedeutend für ihn und ist auch zu alt für ihn … sie schien mir wenigstens fünfundzwanzig Jahre zu haben, wenn nicht mehr!“

Es war seltsam, während Markholm diesem letzteren Gedanken nachhing, kam nicht etwa ein Gefühl der Theilnahme über die mögliche Demüthigung und Enttäuschung und den Herzenskummer, der daraus für Max entstehen würde, über ihn; es lag im Gegentheil etwas Beruhigendes, Befriedigendes für ihn in diesem Gedanken. Und da Markholm seinen Neffen liebte, so mußte wohl etwas wie ein Vorgefühl, daß die beiden jungen Leute doch nicht für einander passen würden, in ihm sein.

Markholm schlug, als er draußen war, denselben Weg ein, den er am gestrigen Tage genommen. Er erreichte nach fünf Minuten dieselbe Stelle an der Grenze seines kleinen Gebiets, an der er gestern gestanden hatte. Er sah schon von weitem die Steine ruhig auf dem Schlagbaume liegen. Bisher war Elisabeth also nicht dagewesen. Nach Max hatte er sich auf dem Wege vergeblich umgesehen. Max war vielleicht heute im Walde – pünktlicher als gestern. Aber er sah ihn nicht, weder ihn noch seine Diana, seinen großen Vorstehhund, der ihn immer umschwärmte.

Nachdem Markholm eine Weile, mit den Armen auf den Schlagbaum gestützt, dagestanden und über die gelben Stoppeln der Ackerfläche fortgeschaut, nahm er wie aus Langerweile einen der Steine Elisabeth’s auf und betrachtete ihn. Der Stein schien allerdings kein „Kiesel“, wie er ihn gestern verächtlich genannt, sondern war wie aus zwei Bestandtheilen zusammengebacken – der eine Theil war offenbar gewöhnlicher Quarz; der andere aber, ein hellgelbstreifiges Mineral, war etwas, dessen Name und Eigenschaften [287] nicht mehr innerhalb Markholm’s naturwissenschaftlicher Kenntnisse lag.

„Curioses Spielzeug für eine Dame!“ sagte er, indem er den Stein wieder hinlegte. „Ist es möglich, daß ein Weib so etwas kennen lernt, sammelt und ein Interesse dafür gewinnt – anders, als um entweder vor Andern oder vor sich selber mit ihrem Wissen zu kokettiren? Max sagt zwar, sie sammele nur, um ihrem Vater die Sachen zu bringen. Es ist möglich! Aber mir gegenüber erwähnte sie nichts davon, sie gab eigenes Interesse vor – vor mir wurde mit der Gelehrsamkeit kokettirt!“

Er blickte auf, weil er in der Entfernung etwas Helles aufleuchten sah – es war noch hinter den Gesträuchen des Hohlweges am Ende des Feldes – dann kam es aus dem Hohlwege heraus – sie war es, seine Bekanntschaft von gestern.

Sie war ganz dieselbe Erscheinung; auch nicht die geringste Veränderung an der Toilette; ohne Sonnenschirm wieder und statt dessen mit ihrem leichten Berghammer bewehrt.

Aber sie kam rascher an dem Gehölz entlang geschritten als gestern, und ihr Haupt war nicht mehr suchend dem Boden zugewendet.

Als sie den Schlagbaum erreicht hatte, sagte sie mit einem Tone offenbarer Ueberraschung und einem leichten Erröthen: „Ah – Sie? Machen Sie täglich um diese Stunde einen Spaziergang bis hierher?“

„Nein,“ versetzte Markholm, der nicht wußte, woher ihm eine gewisse Beklommenheit kam, die sich seiner bemächtigt hatte, während er sie auf sich zuschreiten sehen, – „nein, ich komme heute nur, um zu sehen, ob Sie wirklich die schweren garstigen Steine holen würden.“

„Zweifelten Sie daran?“

„Ja!“

„Weshalb?“

„Weil ich in der That nicht glaubte, daß das Interesse einer Dame für solche Dinge so weit gehen würde … daß sie die Wissenschaft Wissenschaft sein lassen würde, wenn es schwere Steine dabei zu schleppen giebt!“

Sie sah ihn mit ihren großen Augen wieder forschend an. Es war ein Blick, der für Markholm fast etwas Unbehagliches hatte. Was hatte sie in diesen merkwürdigen Augen für eine Gabe des Durchschauens, was für eine Macht, in der Seele zu lesen … denn Markholm war es so, als ob sie das wolle und könne, in seiner Seele lesen, und als ob er sich dessen, was er darin in diesem Augenblick von Unglauben und Spott hegte, ein wenig vor ihr schämen müsse.

„Ich habe Ihnen schon gestern gesagt,“ versetzte sie dann, indem sie ruhig einen der Steine aufnahm, „daß Sie nichts davon verstehen. Sehen Sie diesen Stein an. Sehen Sie, dies da nennt man Quarz …“

„Und dies da? Quark?“ fiel er auf das gelbstreifige Mineral deutend ein.

Sie schüttelte mitleidig den Kopf.

„Nein, nicht so,“ antwortete sie völlig ernsthaft, „sondern Stronzianit. Stronzianit ist ein sehr selten vorkommendes Mineral, aus welchem die Chemie das Präparat herstellt, mit welchem man Bengalisches Feuer macht. Weil Stronzianit selten ist, so ist Bengalisches Feuer etwas sehr Theueres. Ich habe aber jetzt hier auf diesen Feldern Stronzianit in Menge gefunden. Ich habe die Landleute darauf aufmerksam gemacht und sie sammeln mir nun die Steine. Einen Theil davon hat mein Vater einem Chemiker in der Residenz gesandt – fallen die Versuche befriedigend aus, und bis jetzt hat der Chemiker die besten, vielleicht sogar etwas zu hoch fliegende Hoffnungen – so ist es möglich, daß ich einzelnen Bauern Hunderte von Thalern auf diese Weise verschaffen kann! Räumen Sie mir jetzt ein, daß Sie nichts von den Sachen verstehen?“

„Das räumte ich Ihnen schon gestern ein!“

„Aber Sie beklagten es nicht, wie Sie es hoffentlich jetzt thun werden – hätten Sie etwas davon verstanden, so würden Sie der Wohlthäter dieser Gegend geworden sein!“

„Das würde ich beklagen, wäre ein Anderer als Sie es geworden!“

„Das ist sehr galant! Die Männer werden gewöhnlich galant, wenn sie sich geschlagen fühlen und nicht anders mehr der Anerkennung der Wahrheit zu entschlüpfen wissen!“

„Sie verkennen mich; ich will gern anerkennen, daß Sie mich geschlagen haben und daß Ihr wissenschaftlicher Eifer etwas sehr Praktisches hat …“

„Das ist nun wieder satirisch gemeint!“ sagte sie; „Sie wollen sagen: wenn Du die Sache auch ernst treibst, so ist es doch kein wissenschaftlicher Eifer, Dinge zu suchen, die Geldwerth haben.“

„Sind Sie gewiß, daß ich das sagen wollte? Und wenn ich so meinen Unglauben daran, daß eine Dame sich der Wissenschaft um ihrer selbst willen aufrichtig hingeben könne, verrathen hätte, würden Sie mir das übel nehmen? Wissen Sie denn, ob ich die Wissenschaft so gewaltig hoch stelle, daß ich das Verhältniß eines Menschen zu ihr als den Höhenmesser seines moralischen Werthes betrachte? Ist es nicht möglich, daß mein Glaube, die Frauen kokettirten mit dem Studium nur, aus der Ueberzeugung entspringt, daß sie für etwas Höheres als das Studium geboren, und daß sie das Bewußtsein dessen ewig in sich tragen, mögen sie auch ganze Folianten schreiben oder ganze Quadratmeilen von Leinwand mit Gemälden vollpinseln?“

„Giebt es etwas Höheres als geistiges Schaffen?“

„Für Künstler nicht. Aber für Frauen, ja!“

„Was?“

„Das Leben des Gemüths, die Liebe und der häusliche Heerd!“

Elisabeth sah ihn eine Weile wieder schweigend an; er begegnete ihrem Blick und er fühlte diesmal nicht das, was er vorhin dabei gefühlt, nichts von jenem unbehaglichen Gefühl bei dem Gedanken, daß sie in seiner Seele lesen wolle.

„Diesmal haben Sie Recht, weil Sie sagen was Sie denken.“

„That ich das früher nicht?“

„Nein. Sie sagten Manches, was Sie sich selbst glauben gemacht hatten.“

„In der That?“ versetzte er spöttisch.

„Ja. Es mag sein, daß Sie Lebenserfahrungen gemacht haben, die Sie dazu veranlaßten. Wenn wir Erfahrungen gemacht haben, so ziehen wir daraus Schlüsse. Diese Schlüsse stehen oft im Widerspruch mit unserer innersten Natur. Dann schwören wir wohl darauf, vertheidigen sie gegen Gott und die Welt, und Männer wie Sie sind im Stande, einen dreibändigen Roman zu schreiben, der gar keine andere Tendenz hat, als die Welt zu unserer Lehre zu bekehren. Im Grunde aber glauben wir selbst nichts davon; im Grunde wissen wir recht gut, daß im Schatze unserer theuer errungenen Lebensweisheit sehr viel Spreu ist.“

„Ich staune über Ihre scharfe Beurtheilung der Dinge,“ versetzte Markholm, in der That ein wenig betroffen von einer Bemerkung, deren Richtigkeit er, was ihn selbst betraf, glaubte einräumen zu müssen. „Aber,“ fuhr er fort, „wie können Sie mit solcher Bestimmtheit diesen allgemeinen Satz auf mich anwenden – was wissen Sie davon?“

„Ich habe manche Ihrer Schriften gelesen; von dem, was Sie da erzählen, habe ich wenig behalten, ich habe die Unart, nicht sehr gespannt auf das zu lauschen, was mir ein Schriftsteller erzählt; ich bin wirklich leider eine undankbare Leserin, denn die eingebildeten und bald getrösteten Leiden von Roman- und Novellenhelden und Heldinnen interessiren mich wenig. Aber ich achte auf den Mann, der mir erzählt, ich beobachte, wie er es thut, und ich suche herauszufinden, was für ein Mensch er ist.“

„Sie sind wirklich eine böse Leserin – ein schlimmes Stück Publicum!“ rief Markholm fast ein wenig erschrocken aus.

„Weshalb? Wenn ein Autor das fürchten muß, wenn er kein guter Mensch mit einem warmen Herzen ist, was enthüllt er uns denn in seinen Schriften sein Herz?“

„Aber so muß man sich ja sagen, daß man fortwährend einer moralischen Anatomirung unterworfen ist, so lange Sie ein Buch …“

„Es ist nicht so schlimm!“ fiel hier heiter lachend Elisabeth ein – „und was macht sich auch ein gelehrter, berühmter Mann daraus, von einem vorwitzigen Mädchen beurtheilt zu werden!“

„Nun,“ sagte Markholm … „das kommt darauf an; es könnte Fälle geben, wo er sich sehr viel daraus macht. Und aus meinen Schriften haben Sie heraus gelesen, daß ich mir etwas weiß machen und auch der Welt Dinge aufzubinden strebe, an die ich selber nicht glaube?“

„Ich habe daraus gelesen, daß Sie ein Charakter sind, der sich den Unglauben an die Frauen selbst weis macht; bei dem das nicht zu den angeborenen Ideen gehört, sondern nur zu den [288] erworbenen, die immer da, wo sie mit den angeborenen streiten, nichts werth sind! Aber nun streiten auch wir nicht länger. Ich möchte,“ setzte Elisabeth ein wenig leise und zögernd hinzu, „eine Frage an Sie richten, wenn Sie mir dieselbe freundlich beantworten wollen.“

„O gewiß, jede!“

„Weshalb fliehen Sie die Welt?“ fuhr Elisabeth fort, Markholm wieder groß und offen ansehend, aber dieses Mal mit einem leichten Wechsel der Farbe.

„Weshalb ich die Welt fliehe? Wissen Sie denn, ob ich es thue? Die Welt flieht mich!“

Sie schüttelte den Kopf.

„Das glaube ich nicht. Einen Mann wie Sie flieht die Welt nicht – sie lockt ihn an sich.“

„Was ist die Welt? die Gesellschaft der Menschen, unter denen wir das Glück suchen. Der Magnet des Glücks zieht uns in diesen Strudel. Mich aber hat das Glück immer geflohen, also hat es auch die ganze bunte Menge, die sich um dasselbe drängt.“

„Sie versprachen mir, meine Frage freundlich zu beantworten!“

„Thue ich das nicht?“

„Wie einem Freunde … nein!“

„Wie einem Freunde? In der That, Sie haben Recht, und wenn Sie mich so fragen, will ich anders antworten – dann aber geben Sie mir erst die Hand wie einem Freunde.“

„Gern!“ versetzte Elisabeth ohne alle Verlegenheit, und unbefangen wie einem alten Bekannten streckte sie ihm die Hand über den Schlagbaum entgegen.

Markholm nahm sie – anscheinend so unbefangen; in der That aber fühlte er ein eigenthümliches Klopfen des Herzens in dem Augenblicke, wo die Bitte über seine Lippen gekommen und so lange er ihre Hand in der seinen hielt.

„Nun?“ sagte sie, die Hand ihm entziehend. „Nun sollen Sie mir antworten, wie Sie’s versprochen haben.“

„Wohl denn – ich fliehe die Welt, weil sie mich zu viel in Anspruch nahm; weil ich der Ruhe bedurfte und mir selbst gehören wollte; weil mich Erlebnisse, die mich tief verstimmt hatten, dem Reiz der Einsamkeit nachgeben ließen.“

„Und mit dieser Antwort,“ sagte, als Markholm schwieg, Elisabeth nach einer Pause, „muß meine junge Freundschaft zufrieden sein?“

„Das heißt, sie ist nicht damit zufrieden … und doch habe ich Ihnen die ganze Wahrheit gesagt. Sie mögen auch von jenen Erlebnissen eins kennen; ich hatte einen höchst wichtigen Proceß verloren, der mich um die Hoffnung meines ganzen Lebens betrog!“

„Einen Proceß? Und das konnte Sie so tief verstimmen?“

„Ja – es handelte sich um die Stammgüter meines Geschlechts. Die Familie, welche jetzt im Besitz derselben ist, gewann sie, weil sie eine wichtige Urkunde, die sonnenhell mein Recht herausgestellt hätte, unterschlug.“

„Unterschlug … das ist ein kühnes Wort …“

„Aber nicht gelassen ausgesprochen“, fiel Markholm ein, „denn jede meiner Fibern bebt aus tiefer Entrüstung über eine solche Handlungsweise.“

(Fortsetzung folgt.)




Blätter und Blüthen.

„Die Hundswuth keine Fabel“ schreibt Professor Falke in Jena an die Redaction der Gartenlaube und wünscht dabei, daß man ihn ja nicht zu denen rechnen möge, die das specifische Hundswuthgift und die Hundswuth als besondere Krankheitsform leugnen. Auch erklärt derselbe, daß er jene zwölf von einem tollen Hunde gebissenen Schweine nicht selbst beobachtet, sondern daß er dieses Factum als von einem Thierarzte mitgetheilt in einem Jahresberichte nur erwähnt habe und also für die Wahrheit desselben nicht bürgen könne. – Die Erfahrungen des Herrn Professor Falke und alle in den verschiedenen Thierarzneischulen (besonders in Berlin) gemachten Beobachtungen, sowie die Einimpfungen von Speichel toller Hunde auf gesunde Hunde beweisen allerdings, daß die Hundswuth, unter den Hunden wirklich besteht und daß sie sich auch von wuthkranken Hunden auf gesunde Hunde überträgt, allein dadurch wird noch lange nicht bewiesen, was der k. k. Primärarzt Herr Dr. Lorinser in Wien widerlegte, daß die Wuthkrankheit auch beim Menschen als eine specifische, durch den Biß eines tollen Hundes erzeugte Krankheit existirt.




Die Wespen von Stettenheim. Nächst dem Kladderadatsch, dem in seiner Art einzig dastehenden Witzblatte, können wir unseren Lesern die in Hamburg erscheinenden „Wespen“ als das witzigste und frischeste Blatt auf dem Felde des höheren Blödsinns empfehlen. Der Redacteur Stettenheim, wie wir hören aus Witzenhausen in Hessen gebürtig, entwickelt meist einen so gesunden und drastischen Humor, daß seine Einfälle getrost den besten Bonmots des Berliner Witzcrösus an die Seite gesetzt werden können. Ein großer Vorzug der Wespen sind die Zeichnungen, die von göttlicher Bosheit und schlagender Pointe strotzen. Namentlich über preußische Zustände bat das Blatt oft einen so gesunden Treffer und so vortreffliche Caricaturen, daß alle Bauchmuskeln in Bewegung gerathen. Die republikanische Preßfreiheit kommt ihm dabei sehr zu statten.




Fünfte Todtenliste von im gegenwärtigen amerikanischen Kriege gefallenen Deutschen, deren Erben Näheres aus dem Generalconsulat der Vereinigten Staaten von Amerika zu Frankfurt a. M. durch dessen Secretair August Glaeser erfahren können.

N. Arnold. J. Agner, Johann Bauer, P. Voß, E. Brandau, W. Bellmann, G. Caßler, A. Dossen, S. J. Eigner, Franz Faust, J. Frye, L. Gotte, Martin Hahn, S. Hoffmann, Adolph Kaufmann, Michael Kaufmann, Valentin Kaufmann, Jacob Kayser, Ludwig Kempf, David Köhler, Carl Kramer, Jacob Kurz, Heinrich Michel, August Neumann, W. H. Nessel, Christian Pfeffer, H. Pappenberg, Carl Ritter, M. Renne, J. Schmidt, Carl Schmidt, Hermann Schulz, H. Wahls, Carl Wöllder, C. Weinhardt, Carl Würz, A. Walter, H. Westphal.




Zur Beachtung. Wir erlauben uns alle unsere Leser und Leserinnen auf das unten angekündigte Werk von Otto Ule ganz besonders aufmerksam zu machen. Zwar macht der Name seines Autors, dessen Bemühungen um die Popularisirung der Naturwissenschaft längst schon allgemeine Anerkennung gefunden haben, jede Empfehlung des Buches unnöthig; wir glauben aber auch unserseits um so nachdrücklicher auf diese neue Quelle der Belehrung hinweisen zu müssen, als für gar Viele eine Menge von Erscheinungen und Wirkungen der Natur, wie sie auch das tägliche Leben unablässig beeinflussen, leider ungelöste Räthsel zu sein pflegen.

Die Redaction.


Kleiner Briefkasten.

K. in L. Allerdings ist das in Nr. 15 unsrer Zeitschrift erschienene Bild von Ernst Fischer in Dresden jetzt in einer großen Lithographie im Kunsthandel erschienen.

R. in D. Der in der letzten Nummer abgedruckte Artikel: „Die nationale Bedeutung der Genossenschaften“ ist ein Vortrag, den der Verfasser Schulze-Delitzsch am 19. März 1864 in Berlin vor den Mitgliedern der dasigen Genossenschaften gehalten hat.




WS: Werbung, wird derzeit nicht transkribiert.


  1. Und zwar jede an zwei bestimmten Tagen des Jahres.