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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1865
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1865) 177.jpg
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[177]

No. 11. 1865.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Der bairische Hiesel.
Volkserzählung aus Baiern.
Von Herman Schmid.


1.

Wer auf den Eisenschienen dahindampfend die Münchner Hochebene verläßt, um das Lechgebiet zu erreichen, der sieht zur linken Seite die Alpen des bairischen Hochlandes immer mehr zurücktreten und bald vollständig verschwinden; die weite fast unabsehbare Fläche, die ihn dann mit Haideland und stundenlangen Strecken schwarzen Torfmoors umgiebt, wird nur nach rechts hin von einem niedrigen Höhenzuge begrenzt, an dessen Fuß die braune Amper nach Süden einbiegt und auf welchem früher all der reiche Verkehr dahinzog, welcher nun durch Sumpf und Oede in der Ebene fliegt. Auf diesem Höhenzuge, wenn man ihn bei Dachau erstiegen, führt die alte große Heerstraße nach Augsburg, früher belebt durch Reihen von Frachtwagen, Reisefuhrwerk und Wandernde aller Art, umgeben von fruchtbarem, welligem Ackerlande, Wiesen und stattlichen Föhren- und Tannenwäldern – jetzt etwas abgeschieden und vereinsamt, bis die Eisenreifen auch hierher sich erstrecken und die still und echt ländlich gewordene Gegend zu einem Glied in der Kette gemacht haben werden, welche der unermüdliche Mensch bald ganz um seine Sclavin, die Erde, geschlungen hat. An manchen Tagen riß der Zug der Reisenden fast gar nicht ab und manches Dorf und manches jetzt schweigsam liegende Wirthshaus war damals die Stätte lauten fröhlichen Geschäfts und schallender Freude. Noch bunter war das Bild, als vor hundert Jahren die alte Reichsstadt Augsburg noch nicht mit Baiern vereinigt war und die Gebiete von einer Menge kleiner Reichsfürsten und Herren ihre Grenzen gerade hier sehr eng und mannigfaltig durcheinanderschlangen.

Zu dieser Zeit ging es in einem an der Straße gelegenen Wirthshause – vom Volke „am Erdweg“ genannt – noch, lebhafter her als gewöhnlich; eine Hochzeit ward gefeiert und hatte eine so große Versammlung zusammengerufen, daß die zahlreichen Zimmer und Gaststuben des ansehnlichen dreistöckigen Gebäudes nicht hinreichten, alle Theilnehmer des Festes zu beherbergen. An der nach der Straße gerichteten Breitseite des Hauses führte von beiden Seiten eine freie Treppe auf eine Art ziegelgepflasterter Terrasse, wo ebenfalls lange Tische gestellt und von einer Anzahl Bauern der Umgebung in Beschlag genommen waren. Der Ort schien zugleich eine Art Ehrenplatz zu sein, denn es waren meist ältere und gesetztere Männer, die sich hier beim Bierkruge unterhielten und von dem Tanzvergnügen nicht angelockt wurden, das im obern Stock in vollem Gange war, denn in das grelle Pfeifen der Clarinette und die dumpfen Töne von Horn und Brummbaß mischten sich gellendes lang gezogenes Jauchzen, Händeklatschen und dröhnendes Stampfen, das die Grundfesten des Hauses einer sehr ernstlichen Probe unterwarf. Ueberdies mochte es sich unten auch angenehmer sitzen, als in der niedrigen, vollgepfropften Stube; gegenüber standen zwei stattliche alte Linden, durch deren schon mit leichtem Gelb sich färbende Wipfel die gegen Abend niedersteigende Sonne in angenehmer Brechung spielte, und dazwischen war die Uebersicht des ganzen Hofraumes frei, auf welchem Alles ankommen und abgehen mußte und das Fuhrwerk aufgestellt wurde.

Im Augenblick stand in demselben nur ein einziger großer Frachtwagen, hochgewölbt und mit weißer Blahe überspannt; mit dem buntbemalten Futtersieb, das an der Vorderseite hing, und mit bekränzten Buchstaben nicht minder herausgeputzt, als es die vier davorgespannten Braunen waren, von deren Geschirr und Kummet rothe Tuchlappen und Pelzstreifen herabhingen und die auf dem Lederzeug angebrachten Messingbuckel noch heller erglänzen ließen.

Der Fuhrmann war die Stiege heraufgekommen und sah nun, die Geißel im Arm und den frisch empfangenen Maßkrug in der Hand, über das Geländer gelehnt, dem Hausknecht zu, der den Rossen den Futterbarren zurechtstellte und füllte.

Es war ein stämmiger Bursch, dem das blaue Fuhrmannshemd und der Hut mit dem Blumenbüschel nicht übel ließ; ein verschmitzter Zug um den Mund aber und schielende Augen verdarben den Eindruck wieder, den die Gestalt gemacht. Die Kellnerin, eine derbe Bauerndirn in runder Pelzmütze und Mieder, setzte einen Teller mit Wurst und Brod neben ihn auf das Gesims. „Gesegn’ es Gott, Fuhrmann,“ sagte sie, aus dem angebotenen Kruge leicht nippend. „Woher des Wegs? Ist ja noch nie bei uns zugekehrt!“

„Glaub’s wohl, schön’s Jungferle,“ erwiderte der Fuhrmann mit stark schwäbischer Betonung, „’s ist auch das erste Mal, daß ich den Weg mach! Ich fahr’ von Ulm her, für einen reichen Kaufmann; werd’ jetzt schon öfter kommen und nie vorbeifahren, weil ich jetzt weiß, daß da so ein schön’s Jungferle daheim, ist!“

„Wegen meiner braucht Er sich nicht aufzuhalten,“ rief die Dirne kurz und schob den Arm, den er um ihre Hüfte zu legen versucht hatte, ziemlich derb hinweg. „Wir haben die Zeit her ohne Ihn auch leben müssen!“

Der Fuhrmann zuckte verächtlich mit den Achseln und lachte laut auf, um den umsitzenden Bauern zu zeigen, wie wenig auch ihm an der schnippischen Dirne gelegen sei. Die Bauern aber [178] waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie das Vorgefallene gar nicht beachtet hatten – nur Einer, der etwas seitwärts saß, ein abgerissen und ärmlich aussehender Mensch, hatte zugehört und schob dem Fuhrmann seinen Krug entgegen, indem er, die Unterhaltung einzuleiten, leicht den Hut lüftete. „Glückliche Reis’, Fuhrmann,“ sagte er.

„Dank’ schön!“ war die Antwort, „es gebt nimmer weit..“

„Nach München wohl? Was hast geladen, Fuhrmann?“

„Allerhand um ein’ Kreuzer! Tuch von allen Farben, Zucker und Kaffee und Tabak …“

Die Unterredung stockte einen Augenblick; dann fuhr der Bauer etwas leiser und mit einem raschen Seitenblick fort: „Hast den ganzen Wagen voll geladen?“

„Narr!“ rief der Fuhrmann und erwiderte den Blick, „man wird doch nicht mit halber Ladung fahren?“

„Nun ja, man redt ja nur! Hab’ nur gemeint, ob Du vielleicht noch was aufladen könntest unterwegs!“

„So? Wüßtest Du wohl gar etwas, das mitzunehmen wär’?“

„Wer weiß … es käm’ nur darauf an, daß man trauen dürfte… Meinst nicht,“ fuhr er sich zu ihm hinneigend weiter, „daß in der Münchnerstadt Jemand zu finden wär’, der einen feisten Rehbock kaufen thät?“

Ueber das Gesicht des Fuhrmanns ging ein freudiges Zucken: er schielte den Bauer an, nickte unmerklich und ging völlig unbefangen die Stiege hinab, um nach seinem Gespann zu sehen. Nach einigen Augenblicken war der Bauer auch unten und weil er so zufällig vorüberkam, half er dem Fuhrmann den Wasserkübel zu heben, aus dem die Rosse getränkt werden sollten.

„Hättest Du so was …“ flüsterte der Fuhrmann.

„Freilich … einen Capitalbock, dick und feist! Hat mir meinen Sommerhaber abgefressen, als wenn seiner Lebtag nie ’was auf dem Fleckel gestanden wär… Kannst ihn haben für einen Frauenbildel-Thaler, das ist die Decke allein werth und hast das Fleisch geschenkt…“

„Es gilt. Wo kann ich den Bock haben?“

„Wann Du durch den nächsten Wald fährst, siehst Du rechts von der Straß’, hart am Wald ein kleines Gütel liegen … das ist das Staudenhäusl, da bin ich daheim. Ich geh’ jetzt voraus; wenn Du in die ’Näh’ kommst, dann halt’ und thu’ als ob Dir was an Deinem Wagen zerbrochen wär’, dann komm’ ich und helf’ Dir … der Bock liegt derweil schon im Straßendickickt versteckt…“

„Abgemacht… Werd’ das Wildbrät schon anbringen, denk’ ich … hab’ selber lang genug kein Stück Wild mehr gesehn!“

„Aha … hast es auch schon schnellen lassen?“

Der Fuhrmann lächelte verschmitzt; er that als kümmere er sich gar nicht um den Bauer und kehrte an seinen Platz zurück. Dieser ging langsam am Hause hin und bog rasch um die Ecke.

Die Bauern waren indeß immer tiefer in die Krüge und in ihre Unterhaltung hineingerathen und horchten zu, wie der Schullehrer, ein abgedankter Soldat, die Zwickbrille auf der Nase, ihnen die Neuigkeiten kund gab, die er aus dem „Augsburgischen Postreiter“ enträthselte, wie Maria Theresia die Kaiserin ihren Sohn Joseph zum Mitregenten erhoben, wie der preußische Fritz, nachdem er nicht mehr Krieg zu führen hatte, Straßen und Canäle bauen, neue Dörfer anlegen und wüste Gegenden urbar machen lasse, und wie in Sachsen eine so große Noth herrsche, daß Tausende von Menschen Hungers gestorben.

„Gott bewahr’ uns in Gnaden,“ sagte ein alter Bauer, sich bekreuzend, „wenn wir noch einmal einen so nassen Sommer haben, wie heuer, kann es auch bei uns so weit kommen! Die Zeiten sind ohnehin schlecht, Anlagen so schwer, daß sie fast nicht mehr zu erschwingen sind. Jetzt ist die Grundsteuer wieder um zwei Gulden vom Hof gehöhert worden … dann kommen noch die Gilten dazu und der Zehent und die Laudemien … der Teufel mag wissen, wie man es anstellen soll, das zu erschwingen!“

„Um das zu erfahren,“ perorirte der Schullehrer, „braucht Ihr nicht beim Teufel anzufragen! Ihr dürft nur den alten Schlendrian aufgeben, Kartoffel anbauen und befolgen, was unser durchlauchtigster Herr Kurfürst befiehlt. Wofür ergehen denn die allerhöchsten Culturmandate und wofür muß ich Euch dieselben jeden Sonntag nach der Kirche vorlesen, wenn Ihr nichts hören wollt von den neuen Samen, vom Fruchtwechsel und von …“

„Ei was,“ unterbrach ihn der Alte, „wie ich mit meinen Feldgründen umgeh’n muß, was darauf wachst und was nit, das muß unser Einer am Besten wissen! Dazu brauchen wir keinen Zettel, den sie uns aus der Münchner Kanzlei herausschicken! Wie’s mein Ahnl gemacht hat, so mach’ ich’s und mein Bub soll’s nach mir auch so machen!“

„Wüßt’ auch nit!“ rief ein Jüngerer, „warum ich mich plagen sollt’, mehr Gründe anzubaun oder mehr Frucht zu erziebn! Damit ich nur mehr neue Abgaben zu zahlen hätt’! Wenn sie zehnmal sagen, daß der Neubruch zehn Jahr lang keine Steuer zahlen soll … nit wahr ist es! Was man Dir auf der einen Seit’ laßt, mußt auf der andern doppelt wieder hergeben – ich kenn’ unsern Rentteufel, dem wird Keiner zu schlau!“

„Und was hat man davon, wenn man sich genug geschunden hat und geplagt?“ fragte ein Dritter. „Wenn das Treid auch dasteht, daß kein böses Aug’ es anschauen soll, und Du hast glücklich keinen Schauer gebabt und keinen Mausfraß … dann kommt ein Rudel Hirsch’ und in einer Nacht ist das ganze Feld abgegrast und zusammengetreten, daß Du nit weißt, ob Du flennen sollst, wie ein klein’s Kind oder drein schlagen wie ein Wilder!“

„Da müßt Ihr eben selber abhelfen!“ eiferte der Schullehrer und nahm die Brille von der Nase. „Bei Tage kommt das Wild nicht und bei Nacht ist es Euch ja ausdrücklich erlaubt, es mit Schreien oder Peitschenknallen oder auch mit Feueranmachen zu verscheuchen!“

„Eine saubere Abhülfe das!“ rief der Junge entgegen. „Probir’s Er einmal, Herr Lehrer, wenn Er den ganzen Tag an der schweren Arbeit gewesen ist, wie das thut, wenn Er bei Nacht, statt auszuruhn, hinausstehn und das Feld hüten soll! Niederschießen soll man das Gethier alles miteinander! Es ist doch nur auf der Welt, uns Bauern zu plagen! Warum muß es denn so viel Wildbrät geben? Und warum dürfen wir nicht auch niederschießen, was aus unsern Grund und Boden kommt?“

„Du mußt den Schullehrer fragen,“ sagte der Alte, „vielleicht, weil er so siebengescheidt ist, weiß er das auch!“

„Das weiß ich auch!“ rief der Lehrer. „Das edle Wildbrät ist da, damit die Herren ein Vergnügen haben mit der Jagd, und schießen dürft Ihr’s nicht, weil das Wildbrät Niemand gehört, als dem Landesherrn! Merkt Euch’s, Regalia heißt man das!“

„Ja, ja!“ murrte der Alte wieder, „und das Herrenvergnügen müssen wir Bauern zahlen, und warum das Wildbrät, das frei herumlauft, so justement Einem gehören soll, das kann ich auch nicht begreifen! Wenn das wär’, hätt’ der liebe Gott gewiß auch einen Zaun wachsen lassen um den Wald herum, oder er hätt’ den Hirschen und Rehen ein Wappel hinaufgedruckt, damit sich Niemand dran vergreift! Es geht mir einmal nit in den Kopf, daß unser Kurfürst Max Joseph, der die gute Stund’ selber ist, das leidet, und wenn wir Bauern einmal zusammenständen und gingen hinein nach München und thäten ihm unsre Noth vorstellen – ich glaub’ gewiß, er thät uns helfen!“

„Kann wohl sein, probiren wir’s einmal!“ sagte der Jüngere. „Aber wir müssen bei alledem noch still sein und das Maul halten, denn bei uns ist es noch golden gegen da drüben, überm Lech, im Schwäbischen! Da sind so viel kleine Herren und Stifter und Jeder hegt seinen Wildstand … die Hasen und Reh’ sollen nur so herumlaufen, daß Du sie mit einer Pelzhauben todtwerfen könntest, aber sie müssen es still mit ansehen, sonst giebt’s Prügel und schweres Eisen und gar das Zuchthaus!“

Dem Lehrer war die Wendung des Gesprächs nicht angenehm, und da Niemand mehr ein Ohr haben wollte für seine Neuigkeiten, faltete er seinen Postreiter zusammen, legte die Nasenbrille hinein und ging mit einem kurzen brummigen Abschiedsgruß seine Wege.

Die Bauern steckten die Köpfe zusammen, um ihre Glossen zu machen, aber sie kamen nicht dazu, denn ihre Aufmerksamkeit wurde durch etwas Anderes angezogen.

Auf der Heerstraße stand eine Schaar bewaffneter Männer, die sich eifrig besprachen und dann nach verschiedenen Richtungen auseinander gingen. Die Einen davon waren durch die aufgeschlagenen, bordirten und mit Federn besteckten Hüte, durch das Grün der Aermelaufschläge und Rockkragen, wie durch Hirschfänger und Büchse als Jäger bezeichnet; andere ließ der halbsoldatische Anzug und die Muskete als Landreiter oder, wie sie auch genannt wurden, als Strickreiter erkennen. Sie hatten das platte Land zu [179] durchstreifen und von Gesindel zu säubern und trugen zur Sicherung ihres Fanges einen Strick gleich bei sich. Die Schergenknechte, die dabei waren, waren an den grauen Röcken, an dem umgegürteten Säbel und an dem nicht fehlenden Hunde kenntlich.

Einer der Schergen kam vor das Wirthshaus und setzte sich etwas abseits, denn der Scherge war unehrlich und durfte mit seinem deckellosen Krug nicht bei andern Leuten sitzen.

„Was wollen die miteinander?“ fragte einer der Bauern. „Die haben gewiß wieder was auf dem Korn und machen eine Streif …“

„So sieht’s aus,“ sagte der Alte leise entgegen, „und der Schergenknecht da hat sich auch nur hergesetzt, um zu horchen, ob es nicht was aufzupassen und aufzuschnappen giebt.“

„Frag’ ihn,“ flüsterte der Junge, den Alten mit dem Ellbogen anstoßend.

„Fallt mir nit ein,“ entgegnete dieser ebenso, „ich red’ den Kerl nit an, steigt mir schon die Gall’ auf, wenn ich ihn nur seh! Sind keine vierzehn Tag, daß er mir meine schönste Kuh gepfändet hat, wegen lumpigen zwanzig Gulden, die ich von der Steuer nit hab’ aufbringen können? Er wird schon selber anfangen und sagen, was er will!“

Der kluge Alte irrte nicht; der Scherge hatte kaum Platz genommen, als er mit grobem spöttischem Ton zu den Landleuten herüberrief: „Nun, Ihr Bauern, braucht Ihr alle miteinander kein Geld? Sonst thut Ihr, als wenn Ihr keinen Gulden zusammenbrächtet, und jetzt ist es, als wenn Euch die Kronenthaler nur so aus der Tasche fielen! Fünfzig Gulden giebt’s zu verdienen – das Landgericht hat’s als Preis ausgesetzt, wer den Nußberger-Gütler einfangt und seinen Buben!“

„Wir wollen Niemand sein Brod wegnehmen,“ entgegnete der Bauer kalt. „Er wird die fünfzig Gulden wohl selber brauchen können. Aber was hat denn der Nußberger verbrochen, daß auf ihn gejagt wird, wie wenn wir beim Treiben in die Frohn gehn müssen?“

„Was er gethan hat? Ein Verbrecher ist er, ein malefizischer Wilddieb, der in’s Zuchthaus gehört! Er hat sich an der kurfürstlichen Jagdhoheit verfehlt und einen Hasen in der Schling’ gefangen!“

„Und wegen eines miserablen Hasen,“ rief der Alte entrüstet, „muß ein ordentlicher hausgesessener Mann in’s Zuchthaus wandern? Wegen eines lumpigen Hasen muß er fort von Haus und Hof, daß vielleicht die ganze Familie darüber zu Grund geht? Ist ein solches elendes Vieh mehr werth, als ein Mensch und eine ganze Bauernfamilie?“

„Räsonnir’ nicht, Kreuzhuber,“ entgegnete der Scherg. „Wenn Du Dein Maul so spazieren gehen laß’st, könnt’s leicht geschehen, daß ich wieder in Deinem Kuhstall nachzuschauen bekäm!“

„Dann könnt’s aber auch leicht geschehen, daß Er nit so ruhig wieder hinauskommt, wie das letzte Mal! Und was wollt Ihr dann mit dem Buben? Hat der auch Hasen gefangen?“

„Der Lump kommt auf die Bank und kriegt einen ordentlichen Schilling!“ rief der Scherge mit rohem Gelächter. „Der Has’ war im Stadel unterm frischen Klee versteckt … der Bub hat’s gewußt und hat’s dem gestreng’ Herrn Landrichter bei der Haussuchung aus dem Gesicht herausgeleugnet!“

„Und dafür soll der Bub gestraft werden, daß er sein’ Vater nit verrathen bat? Kreuz Dividomini –“ schrie der Bauer aufspringend und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, daß die Maßkrüge tanzten. „Jetzt wird’s aber doch bald zu braun!“

„Was giebt’s, Kreuzhuber?“ fragte der Scherge frech, indem er sich zum Gehen anschickte. „Ich will nicht hoffen, daß Du was einzuwenden hast! Wer Wildbrät findet und mitnimmt oder wer’s gar in Schlingen fangt, der wird als ein Wilddieb malefizisch abgestraft – so steht’s im Mandat! Der Nußberger ist zwar auf und davon und der Bub’ mit, aber wir finden sie schon aus, und dann heißt’s marsch mit dem Alten in’s Zuchthaus und mit dem Jungen auf die Bank, und wer sie versteckt oder ihnen behülflich ist, den trifft die gleiche Straf’ … Verstanden?“

Er stürzte seinen Krug, stülpte sich den Hut auf und schritt lachend hinweg.

„Herrgott,“ rief ihm der Alte nach, „wie’s mich in der Faust juckt! Wenn man ihn nur anrühren und schütteln dürft’, wie einen andern ehrlichen Christenmenschen! Ich weiß nit, was daraus noch werden soll, das Volk wird alle Tag’ übermüthiger!“

„Das sind sie erst, seit der bairische Hiesel nicht mehr da ist!“ sagte der Junge. „Wenn der da wär’, thäten sie bald wieder klein beigeben – der hat’s verstanden und hat dem Jager- und Schergenvolk gehörig aufgedaumt!“

„Da hast Recht – ich hab’ auch davon gehört,“ mengte sich ein Dritter in’s Gespräch. „Aber wo ist er denn hingekommen?“

„Der Kurfürst hat ihn aufzuheben gegeben, damit er ihm nicht gestohlen wird! Sie sind ihm lang nachgegangen wegen des Wildschießens – einmal haben sie ihn Nachts im Bett erwischt, mitgenommen und nach München geschickt in’s Zuchthaus!“

„Mich wundert’s,“ sagte der Dritte, „daß er sich hat erwischen lassen … das weiß ja alle Welt, daß er fest ist und einen verhexten Hut hat!“

„Was hat er?“ riefen die Bauern durcheinander. „Einen verhexten Hut? Und fest ist er auch?“

„Freilich …“ betheuerte der Andere, „keine Kugel gebt ihm ein! Mein Vetter, der Kramer von Mehring, hat ihn selber gesehen, im dortigen Wirthshaus, wie er sich mitten und ganz frei in die Stube hingestellt hat und hat auf sich schießen lassen und hat die Kugel mit der Hand aufgefangen. Die hat er dann in der Stube herumgezeigt – mein Vetter hat sie selbst in der Hand gehabt! Und mit dem Hut,“ fuhr er, durch die aufmerksame Neugier seiner Zuhörer ermuntert, fort, „mit dem hat’s auch seine Richtigkeit. In dem Hut sitzt der Fankerl, und wie er hineinschaut oder ihn an’s Ohr hält, sagt er ihm, wenn’s etwa nicht sauber und eine Streif’ oder ein Jäger in der Näh’ ist …“

„Das ist merkwürdig!“ sagte der Alte. „Hab’ auch schon Allerhand von dem Hiesel gehört! Schießen soll er können, daß er auf hundert Schritt aus einer Spielkarten jedes Fleckel hinaus schießt, das Einer nur will, und wenn die Jäger schon geglaubt haben, sie hätten ihn, ist er zum Fenster hinaus in einen Baum und ist von Wipfel zu Wipfel gesprungen, wie ein Eichkätzel! Wenn er nur wiederkäm’, der thät’ aufräumen unter dem überflüssigen Wildbrät und thät’ den Jägern und Schergen die Zeitigen wieder einmal herunterklauben ...“

Die Gesellschaft hatte sich inzwischen um zwei Personen vermehrt. Die eine war ein wandernder Tabulet-Krämer, der mit seinem dünnen, aber sehr hohen und breiten Kasten auf dem Rücken keuchend und schwitzend von der Landstraße herangekommen war, sich aber kaum Zeit zur Erholung gönnte, sondern in Hoffnung eines bei den Hochzeitsgästen zu machenden guten Geschäfts sogleich daranging, die Riemen des Kastens loszuschnallen und seine Kostbarkeiten auszukramen. Ein Wolfshund von ungewöhnlicher Größe, braun und schwarz gestriemt, legte sich zu seinen Füßen unter den Tisch.

Den zweiten neuen Gast hatte Niemand kommen sehen; er saß mit einmal auf der Bank und rückte den Hut zum leichten Gruße gegen die Bauern hin. Es war ein junger Mann, von schlanker, aber kraftvoller und wohlgebauter Gestalt, mit kohlschwarzem, dichtem Kraushaar und einnehmenden Gesichtszügen. Um den Mund spielte ein gutmüthig lächelnder Zug, die gebogene Nase aber verrieth Festigkeit und aus den nußbraunen Augen blitzte Kühnheit und ein jede Gefahr verachtender leichter Sinn. Das Gewand war jägerartig geschnitten und aufgeschlagen, an dem aufgekrämpten Hute prangte der Gemsbart und der Flaumstoß von Auerhahnfedern.

Der Tabuletkrämer hatte während des Auspackens die Reden der Bauern vernommen; der Jäger warf nur einen flüchtigen lächelnden Blick nach ihnen hinüber und schien dann ganz mit dem Hunde des Krämers beschäftigt, dessen Wuchs und Kraft er wohlgefällig musterte und der ihn hinwider unverwandt mit funkelnden Augen betrachtete.

„Hört mir als mit dem Gepappel auf, Ihr Banern,“ rief jetzt der Krämer zu diesen hinüber „und macht nicht so viel Aufhebens mit Eurem bairischen Hiesel. Er ist halt eben auch ein Wilddieb, wie ein Anderer und wie es bei uns daheim, in der Rheinpalz, auch giebt! Das Gepappel da, von seiner Stärk’ und von dem verzauberten Hut – das kennen wir schon! Das sind lauter solche Geschichten, die er selber ausgesprengt hat, daß man sich vor ihm fürchten soll!“

Der Jäger wandte sich gegen den Krämer. „Kennt denn der Herr den bairischen Hiesel?“ fragte einer der Bauern.

„Nein,“ erwiderte der Krämer, „ich hab’ ihn nie gesehn, und es ist mir nur leid, daß er eingesperrt ist, sonst hätt’ ich’s schon [180] probirt und hätte gezeigt, daß sich ein ordentlicher Rheinpälzer nicht vor ihm fürcht’ – ich hätt’ ihn gewiß gefangen!“

„Meint Ihr?“ lachte der alte Bauer. „Solche Hieselfanger hat’s schon mehrere gegeben, aber sie habens Alle wieder bleiben lassen!“

„Ich nicht!“ rief der Krämer. „Der Hiesel kann von Glück sagen, daß er schon eingefangen ist – bei mir wär’ er nicht so gut weggekommen! Ich hab’ schon als in der Palz von ihm reden gehört und hab’ mich schon hergericht’t uf die Rees’ und hab’ mein Kamerade’ den Tiras da drunten dressire lasse’ – der steht seinen Mann, der hätt’ mir den Hiesel schon gefangt … Da, der Herr ist ein Jäger,“ fuhr er fort, sich zu dem Fremden wendend, „also ein Sachverständiger – der soll mir’s bestätigen, ob ich nicht Recht hab’!“

Der fremde Jäger lächelte eigenthümlich, indem er bald den Hund, bald dessen Herrn betrachtete. „Ich kenne den bairischen Hiesel nicht und weiß nicht, wie stark er ist,“ sagte er dann, „aber der Hund ist so schön und groß, wie ich noch keinen gesehn hab’, und wenn er gut abgerichtet ist, hat er nicht leicht seines Gleichen!“

„Na, da hört Ihr’s!“ rief der geschmeichelte Krämer. „Wenn ich den Tiras auf ihn gehetzt hätte und hätte gerufen ,Huß Tiras! Faß, Faß’ … der Hund hätt’ ihn am Kragen gepackt und niedergerissen, daß er das Aufstehn vergessen hätte!“

„Ist der Hund nicht feil?“ fragte der Jäger leichthin.

„Nee, die Kränk’! Den geb’ ich nicht her, nicht um’s Dreifache, was er werth, ist! Ist gar ein wachbares Thier, ich könnt ihn bei meinem Kasten mutterseelenallein mitten im Wald liegen lasse, es thät mir doch kee Mensch was anrühre …“

„Das ist schade – ich hätte gern seine Stärke probirt!“

„Das wollt’ ich dem Herrn als guter Freund nicht rath’n. Die Kränk’, da könnt’ Er bös weg komme’, der könnt’ Ihm ein paar Fetze’ vom Leib reisse’, daß nur so eine Art hätt’ …“

„Das ist meine Sache,“ rief der Jäger und stand auf. „Ich will den Hund probiren, hetz’ Er ihn einmal auf mich.“

„Das werd’ ich bleibe lasse,“ erwiderte der Krämer, „das könnt’ ämol ne schene Geschicht’ abgebe …“

„Kein Mensch wird Ihm etwas anhaben, wenn Er thut, was ich selber verlange … die Leute alle sind Zeugen. Will Er den Hund auf mich hetzen oder nicht?“ Blick und Ton, womit diese Frage, obwohl anscheinend ganz gleichgültig, begleitet war, hatten etwas so Wildes und Befehlendes, daß der Krämer nicht recht wußte, wie ihm geschah. „Die Kränk’,“ stammelte er ganz verwirrt, „wenn der Herr durchaus verrisse sei will, so kann ich Ihm ja das Vergnüge mache … Ich will aber keene Schuld habe, die Herrn Bauern da müssen mir’s bezeuge …“

„Ich gehe über die Stiege hinunter,“ sagte der Jäger, „sobald ich Drei zähle, lass’ Er den Hund los …“

Das gewaltige Thier schien eine Ahnung dessen zu haben, was vorging; es hatte sich erhoben, schüttelte den Kopf und streckte Leib und Pranken, als ob es im Spiele die Kraft seiner Muskeln zeigen und üben wolle. Der Krämer hielt den Hund am Halsbande gefaßt; die Bauern drängten zu Stufen und Geländer, um sich das Schauspiel des merkwürdigen Kampfes nicht entgehen zu lassen.

Jetzt ertönte der verabredete Ruf; „Hussa! Hussa!“ rief der Krämer, den Hund loslassend. „Faß, Tiras! Faß!“ Wie ein aus dem Käfig entsprungenes Raubthier stürzte der Hund die Stufen hinab und war in zwei Sätzen an seinem Mann, den er mit gewaltigem Sprunge, sich hoch aufrichtend, im Nacken zu fassen versuchte; blitzschnell aber hatte der Jäger sich gewendet, daß sie sich nun von vorn gegenüber standen. Die Pranken des Hundes lagen auf den Schultern des Mannes, sein Kopf war fast dessen Gesicht gegenüber – die eine Hand des Angegriffenen hielt den Hund an der Kehle, mit der andern war er ihm in den Rachen gefahren und hielt dessen Unterkiefer mit aller Macht gefaßt. Das gewaltige Thier machte mit dem Aufgebot all’ seiner Kräfte furchtbare Anstrengungen seinen Feind aus deim Gleichgewicht zu bringen und sich von der zwängenden Klammer zu befreien; es stieß ein wildes Geheul aus, das dann in ängstliches Knurren und zuletzt in Gewinsel überging. Es zog den Schweif ein und ließ die Pranken sinken, der Jäger zog die Hände zurück, aber er hielt das Auge unbeweglich auf das des Hundes geheftet, der wie gebannt, als könne er den Blick nicht ertragen, sich niederlegte und ängstlich bis zu den Füßen seines Bezwingers kroch.

Die Bauern stießen ein lautes Beifallsgeschrei aus, während der Krämer voll Zorn und Aerger alle Farben spielte und nicht übel Lust zu haben schien, den Hund seiner Niederlage wegen zu züchtigen. Er unterließ es aber, denn Tiras knurrte bedenklich und fletschte ihm die Zähne entgegen; der fremde Jäger hatte sich abgewandt und schritt, als ob nichts Besonderes vorgefallen, dem Hause zu.

Am Ende der Treppe stand der Fuhrmann, welchen der Lärm ebenfalls herbeigelockt hatte. „Grüß’ Gott …“ murmelte er dem Vorübergehenden zu.

Dieser warf ihm einen flüchtigen Blick zu und eine widrige Empfindung malte sich in seinen ausdrucksvollen Zügen. „Du hier?“ flüsterte er. „Was bringst Du?“

„Nichts!“ tönte es flüchtig entgegen. „Auf Mariä Geburt … im Augsburger Bannwald …“

(Fortsetzung folgt.)




Der Dichterfürsten erstes Begegnen.

In dem Hause des Cantors zu Volkstädt, einem freundlichen Dörfchen in der Nähe von Rudolstadt, saß ein jüngerer Mann von ungefähr neunundzwanzig Jahren an dem einfachen Schreibtisch von weißem Fichtenholz. Rastlos flog die Feder über das Papier, während die scheidende Sonne seine eher interessanten, als schönen Züge beleuchtete. Die hohe, prächtig geformte Stirn, gleichsam der Tempel des Genius, der fein geschnittene Mund und selbst die energisch gebogene Adlernase verliehen ihm das deutliche Gepräge geistigen Adels, das allerdings durch das röthlich-blonde Haupthaar, die vielen Sommersprossen der bleichen Wangen und die gedrückte Haltung der langen, schmächtigen Figur einigermaßen beeinträchtigt wurde. Ein mildes, verklärendes Lächeln der Zufriedenheit schwebte um seine Lippen, als er jetzt seine anstrengende Arbeit beendet und sein Tagewerk für heute schließen durfte. Schnell griff er, noch immer lächelnd, nach Hut und Stock, steckte ein Buch in die weiten Taschen seines langen, braunen Rockes und trat, hochaufathmend und die angenehme Kühle des hereinbrechenden Abends genießend, in’s Freie. Mit sichtlichem Vergnügen ließ er seine Augen über das blühende Thal, die frischen Wiesen und die blauen Linien der Berge zu beiden Seiten schweifen, dann verfolgte er den Silberlauf des Flusses, indem er den schattigen Fußpfad nach dem kaum eine halbe Stunde entfernten Rudolstadt einschlug, dessen stattliches Fürstenschloß im goldenen Schimmer der Abendröthe ihm entgegenstrahlte. Bald hatte Schiller, der hier in stiller Zurückgezogenheit an seinen unsterblichen Werken arbeitete, das Ziel seiner Wanderung, ein freundliches Häuschen mit einem wohlgepflegten Garten, erreicht. Hier wohnte die ihm befreundete Wittwe des Landjägermeisters von Lengefeld mit ihren beiden Töchtern Caroline und Charlotte, denen auch heute wie fast an jedem freien Abend sein Besuch galt.

Die hochgebildete Familie hatte von jeher dem damals zwar schon bekannten und selbst bewunderten, aber erst nach einer festen Stellung ringenden Dichter eine wohlthuende Theilnahme gezeigt. Besonders lebhaft interessirten sich für ihn die beiden Töchter mit der den Frauen eigenen Verehrung für den Genius. Die ältere, Caroline, war eine ebenso anziehende wie bedeutende Erscheinung; fein und graciös, eine Meisterin auf dem Clavier und auch als Schriftstellerin hervorragend, voll tiefer Empfindung und feinem Verständniß selbst für die abstracte Gedankenwelt. Eine unglückliche Verbindung mit einem nicht geliebten Manne verlieh ihrem Wesen eine gewisse Schwermuth, ein Gefühl von Unbefriedigtsein, das sie nur um so interessanter erscheinen ließ. Dagegen war ihre jüngere Schwester Charlotte eine durchaus harmonische Natur, vielleicht minder begabt, obgleich sie trefflich zeichnete und ihre Gedichte und kleinen Erzählungen ein entschiedenes Talent bekundeten, aber um so reizender durch jugendliche Frische, innere Gesundheit

[181]
Die Gartenlaube (1865) b 181.jpg

Schiller und Goethe im Lengefeld’schen Garten zu Rudolstadt.
Nach einer Originalzeichnung von Otto Günther.

[182] und echte Weiblichkeit. Selbst ein kleiner Anstrich von geistiger Coquetterie erhöhte nur die Anmuth ihrer ganzen Erscheinung. Dabei fehlte es ihr keineswegs an Tiefe des Gefühls und bei aller Lebhaftigkeit an ernstem Sinn. Gern und oft beschäftigte sie sich mit den großen Fragen der Menschheit und ihr freier Geist lehnte sich schon damals gegen die Vorurtheile des Glaubens und der Gesellschaft auf. Zu diesen inneren Vorzügen gesellte sich noch der Reiz der äußeren Gestalt, der hohe, schlanke Wuchs, die feurigen blauen Augen, welche in auffallend pikanter Weise mit dem dunklen Haar und dem brünetten Teint contrastirten.

In dieser Gesellschaft fand Schiller eine Befriedigung, die er sonst in seinem meist leidenschaftlichen Verkehr mit anderen Frauen vermißt hatte. Es bedurfte keiner besondern Aufforderung für ihn, um einen ganzen Sommer in der Nähe der ihm so lieb gewordenen Familie von Lengefeld zu verleben. Größtentheils um ihretwillen hatte er Weimar verlassen und sich in Volkstädt bei dein dortigen Cantor eingemiethet. Ja, er ging sogar mit dem Plane um, ganz nach Rudolstadt zu ziehen, da ihn die späten, nächtlichen Spaziergänge häufigen Erkältungen aussetzten. Mit dieser Nachricht gedachte er heute die Freundinnen zu überraschen und das war auch der Grund seines zufriedenen Lächelns, mit dem er den Frauen jetzt entgegentrat. Die würdige Matrone streckte ihm schon von weitem freundlich ihre Hand entgegen und forderte ihn auf, an ihrer Seite auf dem „Kanapee“, seinem Lieblingssitz, Platz zu nehmen, während die Töchter mit sichtlicher Freude Schiller begrüßten: selbst das muntere Hündchen der Frau von Lengefeld gab durch fröhliches Bellen und Wedeln sein Vergnügen über den Besuch des ihm wohlbekannten Hausfreundes zu erkennen.

Bald war die Unterhaltung lebhaft und allgemein im Gange: der Dichter mißte von seinen neuen Arbeiten, von seiner „Rebellion der Niederlande“ und dem „Geisterseher“ berichten, für den sich die Damen besonders lebhaft interessirten. Einzelne Bruchstücke, die er ihnen aus beiden noch unvollendeten Werken jüngst erst vorgelesen, hatten ihre Neugierde im höchsten Grade gespannt. Lächelnd gestand ihm Charlotte, daß sie die ganze vergangene Nacht von „Oranien“ geträumt, aber noch angenehmer als diese dem Dichter schmeichelhafte Aeußerung aus ihrem Munde berührte ihn ihre ängstliche Sorge um seine Gesundheit, indem sie ihm gestand, daß der ihn quälende Husten und die damit verbundene Schlaflosigkeit sie ernstlich beunruhigten; wobei sie hinzusetzte: „Ich hätte Ihnen gern eine Nacht Schlaf geopfert, dachte ich heute früh, und hätte mich gefreut, wenn der Morgen mich schlaflos gefunden hätte, daß Sie dafür ruhten.“

Schiller dankte ihr mit einem warmen, liebevollen Blick und ergriff zugleich die Gelegenheit, die Familie mit seinem Vorsatze bekannt zu machen, daß er, um ihr noch näher zu sein, fortan in Rudolstadt seinen Wohnsitz aufschlagen wolle. Heimlich flüsterte er der erröthenden Charlotte im scherzenden, aber doch ernst gemeinten Tone die Worte in das Ohr: „Gern wohnte ich Ihnen gegenüber. Ich brächte dann einen Spiegel in meinem Zimmer an, daß mir Ihr Bild gerade vor den Schreibtisch zu stehen käme, und dann könnte ich mit Ihnen sprechen, ohne daß es ein Mensch wüßte.“

Die Nachricht selbst wurde von den Frauen mit großer Befriedigung aufgenommen und die Umsiedlung schon für die nächste Woche festgesetzt. Caroline glaubte eine für Schiller nicht minder interessante Mittheilung machen zu können, indem sie ihm einen Brief aus Weimar zeigte, worin die Rückkehr Goethes aus Italien gemeldet wurde. Hieran knüpfte sie zugleich den Wunsch, daß beide Dichter sich kennen lernen und einander näher treten möchten, wozu ein Besuch des mit der Familie Lengefeld ebenfalls befreundeten Goethe die beste Gelegenheit bieten dürfte. Zu ihrem Erstaunen schien Schiller weder ihre Freude, noch ihre Begeisterung für den Dichter des „Werther“ und der „Iphigenie“ zu theilen. In ihrem natürlichen Enthusiasmus hatte sie sich bereits die Begegnung des Genius mit dem Genius in den lachendsten Farben ausgemalt und damit besonders für Schiller’s Zukunft die reizendsten Aussichten und Pläne verbunden. Dieser fühlte jedoch für Goethe keineswegs eine gleiche Bewunderung und noch weniger Symnpathien mir dem „Geheimrath“. Unwillkürlich beneidete er den „Sohn des Glücks“, dem die goldenen Aepfel ohne Mühe in den Schooß fielen, während ihn, bis jetzt das mißgünstige Geschick nur seine bitteren Früchte kosten ließ. Noch in diesem Augenblick mußte er mit den Wogen und Stürmen des Lebens kämpfen, wogegen sein glücklicher Nebenbuhler längst in den sichern Hafen ein gelaufen war. Selbst als Dichter fand er sich von ihm benachtheiligt, indem die klassische Ruhe und Formvollendung der Goetheschen Poesie der sturm- und drangvollen Muse Schiller’s von den meisten Gebildeten vorgezogen wurden, nur, weil ihm in seiner vielfach bedrängten Lage nicht gestattet war, seine Schöpfungen an einer günstigeren Sonne reifen zu lassen. Hierzu kam noch die tiefe innere Verschiedenheit der beiden Männer, ihres Charakters, Bildungsganges und Talents.

Dennoch konnte sich Schiller der wohlgemeinten Aufforderung der ihm befreundeten Familie nicht entziehen; eine gewisse Theilnahme, die er trotz aller Abneigung nicht zu unterdrücken vermochte, ließ ihn sogar mit Ungeduld den angekündigten Besuch Goethe’s im Lengefeld’schen Hause erwarten. Endlich erschien der Gefeierte in Rudolstadt am 9. September 1788, umgeben von einem Kranz anbetender Frauen, darunter Frau von Stein und die Gattin seines Freundes Herder. Die Begegnung der beiden Dichter, von welcher die Schwestern sich ein inniges Freundschaftsbündniß versprachen, erfolgte, ohne jedoch ihre Wünsche zu erfüllen. Zwar wurde die Bekanntschaft zwischen ihnen leicht und ohne den mindesten Zwang gemacht, aber der große Kreis der Anwesenden und die tiefe Verschiedenheit ihrer Naturen hinderten jede vertrauliche Auslassung und Annäherung. Schon die äußere Erscheinung beider, als sie einander gegenüberstanden, bekundete den inneren Gegensatz: Goethe kräftig und gedrungen, breitschultrig mit gebräunten Wangen, feurig klaren Augen, bewegte sich sicher und überlegen, mit dem vollen Gefühle seiner Würde und Bedeutung in dem Kreise, dessen Mittelpunkt er bildete, wogegen der hagere, unbeholfene Schiller mit den schwärmerischen blauen Augen und den transcendentalen Zügen kaum eine Beachtung zu beanspruchen schien. Der Tag war mild und schön. Frau Herder und Frau von Stein saßen mit Frau von Lengefeld auf jenem Kanapee, das Schiller so liebte, die beiden Dichter aber lustwandelten in den Gängen des Gartens, und Caroline und Charlotte folgten vom offnen Fenster aus mit gespanntester Aufmerksamkeit den Promenirenden. Während aber Goethe sprach und von seiner italienischen Reise eine geistvolle Schilderung gab, sah sich Schiller zu der passiven Rolle eines bloßen Zuhörers verurtheilt, obgleich auch er sich dem Zauber der sonoren Stimme und dem hinreißenden Vortrage des geborenen Erzählers nicht zu entziehen vermochte.

Trotzdem fühlte er schärfer als je den Zwiespalt ihres Wesens, die Verschiedenheit ihrer Naturen. Unter dem frischen Eindrucke dieser Begegnung schrieb er seinem Freunde Körner in Dresden: „Im Ganzen genommen ist meine in der That große Idee von ihm nach dieser persönlichen Bekanntschaft nicht verändert worden; aber ich zweifle, ob wir einander je sehr nahe rücken werden. Vieles, was mir jetzt noch interessant ist, was ich noch zu wünschen und zu hoffen habe, hat seine Epoche bei ihm durchlebt; er ist mir an Jahren weniger, als an Lebenserfahrung und Selbstentwickelung so weit voraus, daß wir unterwegs nie mehr zusammenkommen werden, und sein ganzes Wesen ist schon von Anfang her anders angelegt, als das meinige, seine Welt ist nicht die meinige, unsere Vorstellungen scheinen wesentlich verschieden.“ Noch tiefer und entschiedener drückte Schiller seine Empfindungen über Goethe in einem späteren Briefe an Körner mit den charakteristischen Worten aus: „Eine ganz sonderbare Mischung von Haß und Liebe ist es, die er in mir erweckt hat, eine Empfindung, die derjenigen nicht ganz unähnlich ist, die Brutus und Cassius gegen Cäsar gehabt haben müssen; ich könnte seinen Geist umbringen und ihn wieder von Herzen lieben.“

Wer fühlt und sieht hier nicht bereits den Frühlingskeim der Freundschaft unter der eisigen Rinde der Antipathie und des Vorurtheils? Nach einem ewigen Naturgesetz ziehen sich die entgegen gesetzten Pole am meisten an, indem sie ihre geheimnißvollen Kräfte mit einander auszutauschen und sich gleichsam zu ergänzen suchen. Auch Goethe und Schiller sollten nachmals die Wahrheit dieser Erfahrung in vollem Umfange an sich erproben.

Niemand aber wurde von dem unvorhergesehenen Resultat dieser Begegnung schmerzlicher berührt als die Schwestern Lengefeld, die so große Hoffnungen darauf gesetzt hatten. Noch mehr betrübte sie die Recension des „Egmont“, welche Schiller bald nach diesem Besuch in der „Allgemeinen Literaturzeitung“ erscheinen ließ. Bei [183] aller Anerkennung hatte der kühne Kritiker manchen mir zu sehr gerechtfertigten Tadel ausgesprochen und damit, freilich ohne es zu wollen, die schwärmerischen Verehrerinnen Goethe’s tief verlebt. Sie zürnten ihm ernstlich, aber bald gelang es ihm die Frenndinnen wieder zu versöhnen. Auch hatten sie noch immer nicht die Hoffnung aufgegeben, eine Annäherung der beiden verehrten Männer unter günstigeren Verhältnissen wieder Herbeizuführen. Unterdeß war die rauhe Jahreszeit herbeigekommen und Schiller mußte mit widerstrebendem Herzen an die Trennung denken. Sein Geburtstag wurde noch in dem traulichen Kreise gefeiert und er mit einer Zeichnung von Charlottens Hand beschenkt. Es schlug die bittere Abschiedsstunde, sein Herz blieb zurück, gefesselt von der Anmuth der jüngeren Schwester. Vor allen Dingen aber beschäftigte ihn jetzt der Gedanke, endlich eine „feste Stellung“ zu gewinnen. Es fehlte ihm nicht an einflußreichen Freunden, die sich lebhaft für ihn interessirten, auch der Herzog von Weimar war ihm geneigt und gern bereit, ihn nach Kräften zu fördern. Die „Geschichte des Abfalls der Niederlande“ hatte eine überaus günstige Aufnahme gefunden und zugleich Schiller’s historischen Beruf bekundet. Der Gedanke lag nicht fern, ihm als Lehrer der Geschichte eine Anstellung zu verschaffen. Die erste Anregung hierzu scheint von Caroline ausgegangen zu sein, welche mit Frau von Stein, der Freundin Goethe’s und des Herzogs, deshalb Rücksprache nahm, letzterer ging bereitwillig aus den Vorschlag ein und ließ Schiller durch den geheimen Rath Voigt sondiren. Der bescheidene Dichter zögerte, da er sich nicht die nöthigen Kenntnisse zutraute; er fragte seinen Körner um Rath und dieser mahnte ihn, die ihm angebotene Professur in Jena anzunehmen, aber vor Allem sich eine gute Besoldung auszumachen. Das unterließ freilich der unpraktische Schiller, dem es nur zunächst darum zu thun war, eine feste Position zu fassen und sein eigenes Hauswesen zu begründen, da er als Professor hoffen durfte, seine „geliebte Charlotte“ heimzuführen. Seine Fürsprecherin bei der Schwester und der Mutter war die treue Caroline, welche, selbst nicht glücklich, ihre Freude im Glücke ihrer Umgebung suchte und fand.

In der Ehe genoß Schiller endlich die ersehnte Befriedigung. Und wie ihm in dem Kreise des häuslichen Heerdes ein bisher unbekanntes Glück durch die Liebe erblühte, so sollte die verschmähte Hand der Freundschaft ihn umschlingen und zu dem Tempel der Unsterblichkeit in treuer Hingebung geleiten.

Eines Tages besuchte Schiller, der von schwerer Krankheit eben genesen war, die von dem Professor Batsch in Jena begründete „naturforschende Gesellschaft“. Beim Nachhausegehen traf er in der Thür zufällig mit dem damals ebendaselbst verweilenden Goethe zusammen. Jahre waren seit jener ersten Begegnung in Rudolstadt vergangen und mit den Jahren hatten sich auch manche Anschauungen der beiden Männer umgewandelt, die, wenn auch nicht Neigung, doch gegenseitige Achtung empfanden. Auch der freundliche Sinn der Frauen hatte die abgerissenen Fäden wieder anzuknüpfen und ein leidliches Vernehmen herzustellen gesucht. ohne daß sich die alten Gegner darum näher getreten waren. Höflich begrüßten sie sich jetzt, ein Gespräch anknüpfend. Schiller, der ein Interesse für Naturwissenschaften sich bewahrt hatte, klagte über die zerstückelte Art, wie dieselben in der Gesellschaft eben behandelt wurden. Goethe gab ihm Recht und fügte hinzu: „daß es doch wohl noch eine andere Weise geben könne, die Natur nicht gesondert und einzeln vorzunehmen, sondern sie wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Theile strebend, darzustellen.“ Jener verbarg ihm nicht seine Zweifel, wünschte aber aufgeklärt zu werden. So im Eifer des Gespräches gelangten sie bis an Schillers Wohnung. Goethe folgte dessen Einladung, mit in’s Haus zu kommen, und trug die ihn damals ganz erfüllende Metamorphose der Pflanze vor, indem er mit charakteristischen Federstrichen eine solche symbolische Pflanze auf das Papier zeichnete. Aufmerksam folgte Schiller seinem Vortrage, als aber Goethe geendet hatte, schüttelte der Erstere den Kopf und sagte: „das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee!“

Der alte Groll wollte sich von Neuem regen, allein Goethe nahm sich zusammen und entgegnete: „Das kann mir lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, und sie sogar mit Augen sehe.“

Schiller antwortete im Geiste der Kantischen Philosophie, und wenn auch Keiner den Andern überzeugte, so war doch der erste Schritt gethan, und auch Goethe empfand die große Anziehungskraft dieses Geistes, der Alle fest hielt, die sich ihm näherten. Einige Tage später forderte ihn Schiller zu Beiträgen für die von ihm herausgegebenen Horen auf. Goethe sagte freundlich zu und Schiller schrieb ihm jenen herrlichen Brief, worin er mit der reinsten, neidlosen Hingebung und Unparteilichkeit „die Summe von Goethe’s Existenz zog“ und gleichsam den Grundstein zu einer Freundschaft legte, welche in ihrer geistigen Größe, Schönheit und ethischen Bedeutung kaum ihres Gleichen weder im classischen Alterthum, noch in der neueren Geschichte findet, dem deutschen Volke aber ein leuchtendes Vorbild für ewige Zeiten bleibt.

Max Ring.




Herzog Friedrich in Kiel.[1]

Wenn man von der Stadt Kiel den Weg an der See entlang nach dem anmuthigen Bellevue einschlägt, so gelangt man nach etwa tausend Schritten, während welcher sich zur Rechten fortwährend zwischen den Bäumen und Büschen an der Straße reizende Ausblicke nach der blauen Bucht und dem gegenüber sich hinziehenden Ufer öffnen, an eine Senkung in der Hügelkette zur Linken, in der sich, umgeben von Rasenplätzen und Boskets eine Villa, das schönste der vielen schönen Landhäuser, zeigt, die den langgestreckten Badeort Düsternbrook bilden. Die Villa ist in Kreuzform und in einem Styl gebaut, der ein Gemisch von gothischer Manier und Schweizergeschmack ist – etwas wunderlich, aber nicht unangenehm für das Auge. Das Dach ist ein steiles Schieferdach. Neben dem Souterrain der Vorderseite befinden sich zu beiden Seiten bauchige Glaskasten zur Aufstellung von Zierpflanzen. Darüber schließen sich an den massiven Kern des erhöhten Erdgeschosses rechts und links Glassalons von leichterer Bauart. Auf der linken Seite ist der Eingang, zu welchem eine steinerne Freitreppe hinaufführt. Im Hintergrunde wölben sich theils mit Gras, theils mit Bäumen bedeckte Hügel von anmuthigem Schwung. Die Aussicht nach der Bucht hin zeigt jenseits des Wassers das liebliche Bildchen von Neumühlen am Ausfluß der Schwentine.

In dieser überaus freundlichen idyllischen Wohnung, die zu Anfang dieses Jahres in den Besitz eines Hamburgers übergegangen ist, residirt seit Beginn des vorigen Frühlings der Fürst, auf den jetzt geraume Zeit schon die Augen von ganz Deutschland gerichtet sind und um dessen Recht und endliches Schicksal sich in der jüngsten Vergangenheit so viele Gedanken, Noten, Adressen, Resolutionen und Journalistenfedern bald feindlich, bald freundlich, bis jetzt aber ohne Ergebniß zuverlässiger und endgültiger Art, abmühten – Herzog Friedrich von Schleswig-Holstein, wie sein Volk und der größere Theil der Deutschen im Binnenlande ihn nennen, der Augustenburger, wie sich die preußischen Ministeriellen und Feudalen sammt der Plessenschen Genossenschaft auszudrücken belieben.

Treten wir, bevor wir die Weise, in der Herzog Friedrich hier lebt, zu schildern versuchen, zunächst in die Villa von Düsternbrook ein, so gelangen wir durch die Hausthür zuerst in einen Vorraum, aus welchem eine zweite mit kleinen schleswig-hosteinischen Fahnen geschmückte Thür auf einen großen mit Steinplatten gepflasterten Vorsaal führt. Links geht von hier eine hölzerne Treppe in das obere Stockwerk des Gebäudes, wo sich das Arbeitszimmer und das Schlafgemach des Herzogs befinden, und eine zweite Treppe in das Souterrain. Rechts tritt man durch eine eichenfarbig angestrichene Flügelthür in das Empfangszimmer, an welches sich auf der einen Seite ein kleines Gemach, in dem der Herzog den Abend zu verbringen pflegt, auf der andern ein etwas größeres anschließt, in welchem die abendliche Tafel servirt wird. Die Fenster des Empfangszimmers blicken nach dem Düsternbrooker [184] Wege und der Bucht hinaus. Möblement und Verzierung desselben sind nicht reicher als in einem wohlhabenden Bürgerhause. Rothe Vorhänge an Goldleisten neben der Thür und dem breiten Fenster, ein Sopha mit einem Tisch davor, zwei gepolsterte Lehnstühle, ein Secretär, ein Glasschrank, noch ein kleiner Tisch, ein Blumenstand mit hübschen Blattpflanzen, eine Stutzuhr und etliche gewöhnliche Stühle, endlich drei Oelbilder, von denen zwei die Töchterchen des Herzogs, niedliche Kindergesichter mit blonden Lockenköpfen und den Augen des Vaters, vorstellen, das dritte die hier geschilderte Villa zeigt – das wäre ungefähr die Ausstattung des nur wenig über mittelgroßen und nur mäßig hohen Zimmers, und die erwähnten Nebengemächer sind noch weniger anspruchsvoll eingerichtet.

Gleich bescheiden ist der Haushalt des Herzogs und sein ganzes Auftreten in gesellschaftlicher Beziehung.

Mehr als einer der großen adeligen Grundbesitzer Holsteins macht ein glänzenderes Haus als er. Nie sah ich ihn mit Vieren fahren. Seinen Wagen ziert weder ein Wappen noch anderer Schmuck. Seine Dienerschaft besteht aus einem Lakai in Livree, einem Jäger mit Federhut und Hirschfänger, einem Kutscher und einem Bedienten in gewöhnlicher Kleidung. Als Hofchef dient ihm der Major Schmidt, ein früherer preußischer, dann schleswig-holsteinischer Officier von Vermögen, den treue Neigung dem Herzog nach Kiel folgen hieß. Die Geschäfte eines Privatsecretärs, hauptsächlich wohl in Erledigung der Zusendungen von Büchern, Bildern, Gedichten u. dgl. bestehend, mit denen Herzog Friedrich, wie üblich, von allen Seiten heimgesucht wird, versieht ein Herr von Rumohr.

Von strenger Etiquette und Ceremonienmeisterei ist nicht die Rede. Schwarzer Frack und helle Handschuhe sind alles, was man zu einem Besuch bedarf. Die Unterhaltung bei Tafel ist völlig ungezwungen. Man speist nicht besser als in einem der wohlhabenden Kieler Privathäuser: eine Suppe, drei Gerichte, Dessert, dazu vor jedem Gast eine Karaffe mit dem landesüblichen Rothwein, zur Suppe ein Glas Portwein, blos bei besondern Gelegenheiten ein anderes Getränk, selten Champagner. Nur bisweilen sitzt man länger als eine halbe Stunde bei Tische. In der Regel sind nicht mehr als fünf bis sechs Personen geladen. Nach aufgehobener Tafel wird das Gespräch bei einer Tasse Kaffee und einer Cigarre im Empfangszimmer fortgesetzt. In Kiel wird spät, zwischen drei und vier Uhr, zu Mittag gegessen, in der herzoglichen Villa nach englischer Sitte erst um sechs Uhr Abends, und die Gesellschaft, unter der man häufig Leute von Namen, Professoren der Universität, Notabeln aus den entfernteren Theilen der Herzogthümer, Fremde von Distinction trifft, bleibt dann gewöhnlich bis gegen acht Uhr beisammen.

Der Herzog betheiligt sich bei der Unterhaltung lebhaft, er verräth dabei eine recht gute Kenntniß des Landes, Vertrautheit mit den Sitten, Rechten und Bedürfnissen desselben und reges Interesse, sich weiter zu unterrichten, auch eine respectable allgemeine Bildung – eine bessere, behauptete ein zu Vergleichen Befähigter, als mancher andere unsrer erlauchten Herren in Deutschland. Ueber politische Dinge hört man ihn stets sich im Sinne eines gemäßigten Liberalismus äußern. Im Uebrigen versteht er seine Gedanken geschickt und fließend auszudrücken und mit Gewandtheit Einwürfe zu widerlegen, die gegen seine Meinung gemacht werden. Nie hört man ihn schroff, immer mild urtheilen. Daß er sehr liebenswürdig sein kann, wissen Alle zu rühmen, welche mit ihm in Berührung kamen. Nur soweit nothwendig läßt er die Würde des Fürsten empfinden; obwohl preußischer Major, erscheint er nie in Uniform, und niemals sieht man ihn mit Ordensband und Stern. Kriegerische Neigungen scheinen ihm zu mangeln, sein Hauptcharakterzug ist ein friedlich bürgerliches Wesen, wie es der Mehrzahl der Schleswig-Holsteiner eigen ist. Ich meine, mit diesen Eigenschaften würde er einst (vorausgesetzt, daß er gut berathen wäre) ein Regent sein, unter welchem sich ein Volk ziemlich wohl befinden könnte.

Von Person ist Herzog Friedrich eine stattliche Erscheinung. Ueber Mittelgröße, wohl gewachsen, zeigt er in seinen Gesichtszügen unverkennbar den Typus des oldenburgischen Geschlechts. Die Augen sind lichtblau, das Kinn ist stark entwickelt, die Nase wohlgeformt, die Stirn hoch, der Fuß von vornehmer Kleinheit. Das braune Haar beginnt dem mittleren Dreißiger bereits zu ergrauen – wohl die Folge der Sorge des letztvergangenen Jahres und der Aufregungen, die der stete Wechsel hoffnungsreicher und herabstimmender Tage in demselben brachte.

Nicht allgemein bekannt ist nach meiner Erfahrung, daß die Herzogin nicht bei ihrem Gemahl, sondern mit dem Prinzen und den Prinzessinnen in Primkenau bei ihrem Schwiegervater, dem Herzog von Augustenburg, lebt. Die Lage eignete sich eben bis jetzt noch nicht zur Uebersiedelung nach den Herzogthümern, und so entbehrt der Herzog schon seit Monaten die Freude, im Schooß seiner Familie zu verweilen. Nicht einmal das Weihnachtsfest durfte er im Kreise der Seinen feiern. Kinder und Gemahlin sind bei ihm nur in Bildern.

Das Leben des Herzogs ist gegenwärtig ein ziemlich einförmiges. Des Morgens ein Spaziergang, selten ein Ritt, in die Umgebung, dann einsame Arbeit; nach dem zweiten Frühstück, gegen die Mittagsstunde, fährt er nach dem Hause, welches er in der Stadt inne hat, um sich hier mit seinen Räthen zu besprechen und zur Aufwartung sich meldenden Fremden, Bittstellern oder mit Vorschlägen oder Mittheilungen kommenden Freunden Audienz zu geben. Gegen fünf Uhr kehrt er nach Düsternbrook zurück. Selten besucht er das in der That mittelmäßige Theater, häufiger erscheint er in Concerten, die hier mitunter recht gut sind und wo man den Gebrauch eingeführt hat, seine loyale Gesinnung bei Eintritt der Hoheit durch allgemeines Aufstehen von den Sitzen kundzugeben. Zuweilen unterbricht noch eine Deputation mit einer Adresse diese äußerlich stille und eintönige Existenz. Hin und wieder besucht der Herzog einen befreundeten Gutsbesitzer in der nähern oder entfernteren Nachbarschaft von Kiel. Mitunter folgt er einer Einladung zur Jagd in der Gegend von Hamburg, wo der Kaufmann Godefroy, ein alter Freund des Augustenburgischen Hauses, einen stattlichen Besitz mit Wildstand hat. Manchmal fällt auch ein Erinnerungsfest oder sonst ein feierlicher Tag ein, bei welchem der Herzog in die Oeffentlichkeit zu treten hat. Sonst verläuft ein Tag ungefähr wie der andere, und noch immer will der rechte, von der Mehrzahl im Vande ersehnte, der Tag der Anerkennung und Einsetzung, nicht erscheinen. Das Provisorium scheint sich verewigen zu wollen, und die Frage ist, wer es von den beiden Hauptbetheiligten am längsten ohne Schaden zu ertragen vermag.

Ein Theil der Schleswig-Holsteiner wird noch eine Weile fest bleiben, wenigstens in seinem Widerwillen gegen die offne und volle Annexion; ob viele, wird die Zukunft lehren. Der enge Anschluß des neuen Staates an Preußen ist, was man auch dagegen eingewendet hat und wie sehr sich auch der starre Particularismus dagegen aufbäumt, im Interesse nicht blos Preußens, sondern ebenso sehr zum Wohle Schleswig-Holsteins zu wünschen und wird in der That von Vielen gewünscht. Er ist eine unvermeidliche Nothwendigkeit und wird darum ganz unzweifelhaft erfolgen, wofern Preußen nicht mehr verlangt und – vermag.

Gar Manche, die an diese Unvermeidlichkeit nicht glauben wollen, werden über kurz oder lang daran glauben lernen, und soviel Hinterthüren Klügere sich zu öffnen bemüht sind, um den verhaßten Zugeständnissen mindestens theilweise auszuweichen, dem, was Preußen in seinem und Deutschlands Interesse fordert, werden sie nicht entgehen. Der Widerwille wird sich bei der Mehrzahl noch während des Provisoriums allmählich legen. Unschädliches Murren und Grollen wird man nicht beachten, das Uebrige wird das lebhafte Bedürfniß des Landes nach Ruhe in einem Definitivum thun. Von Widerstand mit den Wassen können nur Träumer schwärmen – kein Mann im ganzen Lande wird eine Hand, geschweige das Schwert erheben, selbst gegen die volle Einverleibung nicht, soviel auch von gewissen Leuten damit gedroht wird. Darüber wolle man sich im innern Deutschland keinen Täuschungen hingeben.

Vieles sieht von ferne betrachtet anders aus als von nahe in Augenschein genommen – auch die Adressenstürme, die sich hier zu Lande von Zeit zu Zeit gegen Preußen und die Vertreter des engen und bedingslosen Anschlusses, die einzigen wahren und ehrlichen Freunde Herzog Friedrich’s, so gewaltig vernehmen lassen. Man kennt aber hier den Aeolus, der sie in seinem Windsacke hat, und man weiß nachgerade zur Genüge, daß sie mehr lärmen als bedeuten. Lasse man dieses Windmachen endlich, und es wird klarer werden, klarer in vielen Köpfen, klarer und heiterer auch in der Situation des Herzogs in der Düsternbrooker Villa.

[185] Die eifrigsten und regsamsten, aber, wie angedeutet, nicht die besten Freunde hat der Herzog und das specifische Schleswig-Holsteinerthum, d. h. der offne und ungeschminkte Particularismus (zu dem sich der erlauchte Herr selbst wohl kaum bekennt) in Ditmarschen, wo ein Besuch, den Serenissimus im vorigen Frühjahr den holsteinischen Marschleuten abstattete, viel gewirkt hat, die Gemüther zu gewinnen.

Anderswo, vorzüglich in den Städten, blüht die echte dickhäutige Schleswig-Holsteinerei nur sporadisch. Am wenigsten will sie im Herzogthum Schleswig gedeihen. Am breitesten macht sich das Kraut in einigen, aber nicht den gewähltesten Kreisen Kiels und Altonas, unter dem Pfahlbürgerthum und gewissen ehrlichen alten Herren, welche der Meinung sind, daß in Schleswig-Holstein der Mustermensch wohnt, eine Meinung, die, von der deutschen Presse großgezogen, selbst manchen klügern Kopf verblendet. Doch ist auch hier die Majorität des unverständigen und nutzlosen Lärmens gegen die gerechten Ansprüche Preußens müde, und besonders unter der Kaufmannschaft sind Viele, die dem Himmel von Herzen danken würden, wenn es endlich zu einem Ausgleich zwischen dem von den Wünschen eines großen Theils der Bevölkerung getragnen Rechte des Herzogs und dem Interesse der norddeutschen Großmacht kommen wollte. Nur die Damenwelt demonstrirt hyperloyal und macht sich dabei – mit Erlaubniß sei es gesagt – bisweilen recht unbequem. Im Uebrigen wird der Hauptspectakel von einigen rührigen und durch ihre Lautheit über ihre Zahl täuschenden Pseudopolitikern besorgt, die sich Demokraten nennen lassen, aber allerseltsamster Weise von einer Unterthanentreue überfließen, wie man sie unter französischen Legitimisten nicht schwärmerischer antrifft. Sie haben dabei einen Theil der Bauern auch außer Ditmarschen zur Seite, die sich theils haben einreden lassen, ihre dem Herzog geleislete Huldigung vertrüge sich nicht mit Nachgiebigkeit gegen die preußischen Ansprüche, theils sich vor dem Anschluß fürchten, weil er ihre Söhne unter preußischer Fahne nach Orten im innern Deutschland bringen könnte, wo sie nicht mehr so leicht wie in Rendsburg, Schleswig oder Kiel die Sendungen vorsorglicher Mutterliebe an Mettwurst und Schinken erreichen würden.

Nach dieser nothwendigen Abschweifung kehren wir nach Kiel zurück, um noch ein paar Worte über die Umgebung des Herzogs Friedrich und einige hier wohnende hervorragende Parteiführer, die zu derselben in mehr oder minder naher Beziehung stehen, zu sagen.

Nicht weit von dem kleinen hübschen Hause mit dem steinernen schleswig-holsteinischen Wappen an der Front, welches der Herzog früher in der Stadt bewohnte und wo er jetzt täglich auf einige Stunden sein Absteigequartier nimmt, an der Ecke der Friedrichsstraße und des Sophienblatts, steht ein zweistöckiges, fünf Fenster in der Breite zählendes Gebäude mit einem rothen Thorweg – „das auswärtige Amt“ – wie man bisweilen sagen hört, die Wohnung und das Bureau Geheimrath Samwer’s, des ersten Rathgebers und Geschäftsführers Herzog Friedrich’s, wie wir uns ausdrücken wollen. Einige Häuser weiter das Sophienblatt hinaus wohnt der Obergerichsrath Otto Jensen, unter den Bundescommissären Mitglied der holsteinischen Landesregierung und nebenbei von dem Herzog mit den Geschäften des Departements des Innern für beide Herzogthümer betraut. In der Mitte der Friedrichsstraße, dem herzoglichen Hause schräg gegenüber, befindet sich das Bureau des Kriegsministeriums, dessen Vorstand Oberst Duplat ist, welches indeß jetzt eben nicht mehr viel zu bedeuten haben möchte. Der Chef des Finanzdepartements, Staatsrath Francke, endlich hat sein Comptoir etwas weiter hinauf auf der andern Seite derselben Straße.

Samwer ist die Seele der ganzen bisherigen Politik des Herzogs. Was erreicht worden, ist sein Verdienst, was gefehlt worden, fällt ihm zur Last. Ob die Last das Verdienst überwiegt, bedarf einer längeren Untersuchung, die wir hier nicht anstellen können. Es genüge zu sagen, daß es Liele im Lande giebt, welche diese Frage bejahen. Er soll vor dem 15. November entschieden kleindeutsch gewesen sein. Jetzt ist seine politische Farbe so schwer zu bestimmen, daß wir es vorziehen, ihn als vor Allem augustenburgisch zu bezeichnen. Sonst ist Samwer ein höchst talentvoller, nur zu sehr mit kleinen Mitteln rechnender Kopf und ein Charakter, der trotz mancher liebenswürdigen Eigenschaft durch eine stets hervortretende Neigung, auszuweichen und um die Ecke zu biegen, wenig Behagen und in Berlin sowie unter der entschieden nationalen Partei im Lande selbst noch weniger Vertrauen erweckt.

Seiner Herkunft nach ist Gebeimrath Samwer ein Schleswiger; er wurde 1818 in Eckernförde geboren, wo sein Vater Advocat war. In der Stadt Schleswig unter den Augen seiner früh verwittweten Mutter erzogen, studirte er auf mehreren deutschen Hochschulen Jurisprudenz, war dann eine Zeit lang Sachwalter in Neumünster, zeichnete sich vor der Erhebung 1848 durch verschiedene mit Sachkunde und Scharfsinn verfaßte staatsrechtliche Schriften in Betreff der Erbfolge in Schleswig-Holstein aus, betheiligte sich als hervorragendstes Talent unter den Agenten des Herzogs von Augustenburg an den Vorbereitungen und dem Gang dieser Erhebung und trat, nachdem dieselbe gescheitert, in die Dienste des Herzogs Ernst von Coburg-Gotha, in denen er sich vorzüglich diplomatischen Geschäften widmete.

Staatsrath Francke, 1805 in Schleswig geboren, bis zur Kopenhagener Märzrevolution Director der schleswig-holsteinischen Angelegenheiten im Generalzollkammer- und Commerzcollegium der dänischen Monarchie, dann Bevollmächtigter der provisorischen Regierung der Herzogthümer bei der deutschen Centralgewalt, später Chef des Departements der Finanzen, nach 1851 Regierungspräsident in Coburg, gilt für einen tüchtigen Finanzmann und Verwaltungsbeamten, hat indeß unseres Wissens in Kiel nur wenig Kenntniß von dem, was vorgeht, und, wie allgemein behauptet wird, so gut wie gar keinen Einfluß auf die Entschlüsse des Herzogs Friedrich. Seine politische Gesinnung tritt nicht stark hervor und würde sich, wie man meint, jeder Lösung der jetzt der Entscheidnng entgegengehenden Frage, wenn sie nicht gerade den Herzog ausschlösse, gleich bereitwillig anbequemen.

Otto Jensen, ein Altersgenosse Samwer’s und diesem eng befreundet, ist ein eifriger Particularist und Gegner jedes Anschlusses an Preußen. Im Uebrigen ohne Bedeutung, dürfte er seine Stelle am Kieler Hofe wohl nur als alter Anhänger des Hauses Augustenburg eingenommen haben.

Oberst Duplat, ein ältlicher Herr von liebenswürdigen Manieren, war ursprünglich dänischer, dann schleswig-holsteinischer Officier, später in Hamburg Inhaber eines Knabenpensionats. Wohl die angenehmste Erscheinung in der Umgebung des Herzogs, soll er zugleich ein respectables Organisationstalent im Militärfach sein.

In Samwer’s Bureau arbeiten Professor Hänel und Dr. Carl Lorentzen, jener großdeutsch, dieser, wie man sagt, gemäßigt preußisch gesinnt, jener von Geburt ein Sachse, dieser ein Holsteiner und früher Redacteur eines preußischen Regierungsblattes der neuen Aera, dann Mitarbeiter an der „Nationalzeitung“. In anderer Weise, namentlich als Vermittler Samwer’scher Absichten an die schleswig-holsteinischen Vereine, sind Dr. Steindorf, Bankier Ahlemann, Professor Forchhammer und Kaufmann Lange in Kiel, gemäßigte Particularisten, und die strengen Particularisten demokratischer Färbung von Neergaard, Maack und Dr. Weber thätig. Die entschiedene Anschlußpartei, die in August Römer und Louis Reventlow ihre Führer sieht, zählt in Kiel mehr Anhänger, als man nach ihrem stillen Verhalten meinen sollte. In der Umgebung des Herzogs ist sie nicht vertreten, wohl aber in den Kreisen der Universität und der höheren Bürgerschaft, und sie wird sicher mit jedem Monat des Provisoriums wachsen – hoffentlich nicht zu spät wird man sich auch auf dem Sophienblatt offen und einmal ohne Hinterthür für sie erklären. Es mag weh thun, gewissen Hoffnungen zu entsagen; es mag schwer sein, die Geister, die man durch seine Agitation gerufen, zu bannen; aber nur auf diesem Wege gelangt man von Düsternbrook nach Schloß Gottorf.




Im Kerker Monte-Christo’s und der eisernen Maske.

Der Mistral wehte in scharfen Stößen aus Nordost und warf die blauen Wogen des mittelländischen Meeres hoch auf an dem Felsenriff, welches sich von dem Gebirgszuge, auf dem die Stadt Marseille amphitheatralisch aufsteigt, weithin in die See hinausstreckt. Das leichte Boot, welches mich trug, sckwankte, bäumte sich und lavirte mit Ruder und Segel; hundertmal schlugen [186] weiße Spritzwellen über Bord; endlich lag das Riff hinter mir, und nun stieg in der Ferne in Südwest ein Felseneiland weiß und gespenstisch aus den blauen Fluthen des Meeres, mit Mauerwerk und Zinnen gekrönt und von Wartthürmen überragt, vor mir auf. Bald konnte ich drei Inselgruppen, welche durch Dämme mit einander verbunden schienen, unterscheiden; auf der mittleren erbob sich ein Schloß in mittelalterlichen Contouren. Weithin links stieg ein neues Felseneiland in zackigen Formen auf, nach Süden hin tauchte der Blick in eine unendliche blaue Ferne – in das Meer, welches Europa von Afrika trennt. Das Boot hielt jetzt den geraden Cours auf die mittlere Inselgruppe. Der Schiffer, der das Kreuz der Ehrenlegion am rothen Bande im Knopfloch trug, welches er sich als Capitain eines Transportschiffes im Krimfeldzuge erworben hatte, wie er mir erzählte, zeigte mit der Hand auf das weiße Felseneiland, und sagte: „Schloß If!

„Und links dort die zackige Felsengruppe in der Ferne?“

„Die Insel Tribulon. Sie erinnern sich, mein Herr, es ist die Insel, an der Alexander Dumas Edmond d’Antès schwimmend landen ließ, als er statt des todten Abbé Faria in dem Sack ins Meer geworfen wurde.“

„Ich erinnere mich. Aber was ist Wahres an dem Roman?“

„Edmond d’Antès brachte vierzehn Jahre in einem entsetzlichen Kerker im Schlosse If zu, der Abbé Faria saß dort in einem ganz ähnlichen Kerker sechszehn Jahre, bis er wahnsinnig im Kerker gestorben ist. Edmond d’Antès und Faria waren beide politische Gefangene, der Erstere Bonapartist, der Andere träumte von dem Königreich Italien, welches heute zur Wahrheit geworden ist. Edmond d’Antès wurde nach vierzehn Jahren frei gelassen. Nur der Moute-Christo, in den Dumas ihn später verwandelt hat, ist ein Phantasiebild des großen Romanschriftstellers. Alles Andere ist wahr. Sie werden ja die Kerker sehen.“

„Und die eiserne Maske, und Philipp Egalité, der Herzog von Orleans, der Pater des Bürgerkönigs – und Graf Mirabeau und die Juniinsurgenten?“

„Sie waren sämmtlich nach einander dort oben eingeschlossen; die eiserne Maske drei Monate, der Herzog von Orleans sechs Monate, Graf Mirabeau zwei Jahre und fünfhundert Juniinsurgenten fünf Jahre. Sie werden die Kerker alle dort oben sehen.“

Währenddem waren wir dem fürchterlichen Schlosse ganz nahe gekommen. Der Schiffer reffte das Segel ein und führte mit dem Ruder das Boot um einen Felsenvorsprung hernm in die kleine Bucht, welche die Insel Ratonneau und das Eiland bildet, auf dem sich Schloß If erhebt. Noch einige Minuten, und wir hielten an einer Felsenplatte, die als Landungsplatz dient.

Ein in den Felsen gehauener Stufenweg führte in vielen Windungen zu dem kleinen Plateau hinauf, welches sich einige hundert Fuß über den Spiegel des Meeres erhebt. In der Mitte des Plateaus steht das Schloß, quadratförmig gebaut, von zwei dicken Wartthürmen in der Fronte flankirt, von einem dritten höheren Wartthurm überragt, rings von einem tiefen Graben umgeben, über den eine hölzerne, gebrechliche Zugbrücke führt. Jeder der beiden Thürme hat ein kleines Fenster, mit Eisenstäben vergittert. Aus den Fenstern blickte die eiserne Maske und Philipp Egalité auf die malerischen Höhenzüge, welche die Südküste der Provence umsäumen; der Eine, bis man ihn in die Bastille führte, um dort zu sterben, der Andere, bis man ihm auf dem Revolutionsplatze in Paris den Kopf abschlug. Welche Erinnerungen kleben an diesen Mauern, die mich jetzt so düster und so altersgrau anblicken! Schreckliches Gefängniß! Die grausamen und despotischen Bourbonen, die große Revolution, welche das ganze alte Europa aber den Haufen warf, Ludwig der Achtzehnte, der in der Verbannung nichts gelernt und nichts vergessen hatte, und die Bourgeoisie der Februarrepublik haben dort Alle nacheinander ihre fürchterlichen Urtel vollstreckt.

Ein altes Mütterchen, die Frau des Castellans, führte mich über die schwankende Zugbrücke, und durch ein gewölbtes Thor traten wir in einen kleinen viereckigen Hof. Ich stand im Hofe des Schloßes If.

Gerade vor mir erhob sich der hohe Thurm, den ich schon weit aus der Ferne erblickt hatte. Rechts und links und vor mir führten gewölbte Thüren in die untern Räume des Schlosses; in der halben Höhe der Mauer lief eine Galerie, von der man die oberen Räume des Schlosses betrat; zu der Galerie stieg man auf einer gewundenen Eisentreppe hinauf. Von oben blickte in den düstern Hof der blaue, sonnige Frühlingshimmel hinein.

„Ich werde Sie nun zuerst in den Kerker von Edmond d’Antès führen, mein Herr,“ näselte das Mütterchen, „oder des Grafen Monte-Christo; er saß dort vierzehn Jahre.“

Und sie schloß eine schwere Holzthür in der Mauer an der linken Seite des Hofes auf. Wir traten in einen gewölbten, kellerartigen Raum, der eine Länge von sechszehn Schritt und eine Breite von fünf Schritten hatte. Das Licht fiel durch ein kleines, eisenvergittertes Fenster hinein. Oder nein, es war kein Licht, es waren einige schwache Lichtstrahlen, bei deren Schimmer ich das alte runzlige Gesicht des Mütterchens nicht erkennen konnte. Eine feuchte Luft wehte mich an. „Und hier saß wirklich Edmond d’Antès vierzehn Jahre?“ sagte ich schaudernd. „Ein politischer Gefangener, dem man niemals einen Proceß gemacht hat, der nur bonapartistischer Sympathien verdächtig war, weil er in Marseille einige Briefe übergeben hatte, deren Inhalt er vielleicht gar nicht kannte! Und diese Grausamkeit verübte ein Bourbon, nachdem er fast fünfundzwanzig Jahre das Brod des Exils gegessen hatte! Diese Race ist doch unverbesserlich!“

„Nur während des Tages, mein Herr, nur während des Tages,“ sagte das Mütterchen. „Sollen gleich sehen, wo er des Nachts war.“

Dann zündete sie mit einem Schwefelholz ein Stümpfchen Talglicht an und schloß eine kleine Thür auf, welche in der Mauer befindlich war und die ich nicht bemerkt hatte. Gebückten Hauptes trat ich durch die Thür in ein ganz dunkles Loch. Ich fühlte mit den Händen die Mauer und maß das ganze dunkle Loch mit den Schritten, bis ich wieder an die Mauer stieß. Das Loch hatte eine Breite von zwei und eine Länge von vier Schritten. Mit dem Kopfe stieß ich an die Decke. Ich konnte nur gebückt stehen.

„Hier brachte Edmond d’Antès vierzehn Jahre alle Nächte zu,“ sagte die alte Frau; „während des Tages ließ man ihn in das große Gefängniß.“

Ich schauderte. Das dunkle Loch erschien mir wie ein schwarzer Sarg. Alle schreckliche Stunden, welche Dumas in seinem Roman aus dem Kerkerleben des Unglücklicken schildert, stiegen vor mir auf, wie schwarze Gespenster. Nein, der geistvolle Romanschriftsteller hat den Kerker Monte-Christo’s noch nicht sckrecklich genug geschildert! Schaudernd trat ich aus dem dunkeln Loche. Das Stück Himmel über dem düstern Gefängnißhofe erschien mir jetzt noch einmal so sonnig und so blau, wie vorher. Ich athmete wieder auf. Balsamisch, wie der Odem des Himmels, wehte mich die Frühlingsluft an. Sie trug auf ihren Schwingen den Duft der Veilchen, der ersten und lieblichsten Frühlingsblumen.

Die alte Frau mit dem Schlüsselbunde stand wieder neben mir. Sie hatte den Kerker Monte-Christo’s von Neuem verschlossen. „Nun sollen Sie den Kerker des Abbé Faria seben,“ sagte sie mit schwacher, zitternder Stimme. Dann trippelte sie über den Hof und schritt durch die Thür, welche dem Eingangsthore gerade gegenüber liegt. Ich folgte ihr und betrat einen ziemlich großen, halbdunkeln, kellerartig gewölbten Raum. Aus dem Raume führte eine Thür in einen andern Kerker. Es war ganz dunkel. Das alte Mütterchen zündete mit dem Schwefelholz von Neuem ihr Talgstümpfchen an. Ich blickte mich um. Nackte Wände, welche einen Raum von ungefähr acht Schritt Breite und Länge umschlossen. Im Hintergrunde des Kerkers war eine wallförmige Erhöhung in der ganzen Breite der Mauer.

„Dies ist die Wölbung des Kerkers, in dem Monte-Christo schlief“, sagte die Frau. „Durch dies Gewölbe ist der Abbé durchgebrochen, Sie wissen?“

„Ja, ja, ich weiß,“ sagte ich. Ich hatte die Schilderung Dumas’, worin der Abbé einen Gang durch die Mauer in den Kerker Edmond d’Antès’ führt, erst kürzlich gelesen. „Und der Abbé?“ fragte ich.

„Er ist nach sechszehn Jahren in diesem Kerker gestorben..“

„Ließ man ihn nie heraus? Konnte er nicht den vorderen Raum betreten, wie Edmond d’Antès?“

„Nein, er war ja wahnsinnig.“ –

War es die Tradition aus dem Dumas’schen Roman, welche sich in dem Kopfe der Alten festgesetzt hatte, oder war der Abbé Faria wirklich wahnsinnig gewesen? Mußte sein Andenken noch [187] mit dem Wahnsinn kämpfen, während er es während seines Lebens schon vergeblich gethan hatte? Aber wahnsinnig oder nicht! Auch für einen Wahnsinnigen war dieses finstere Loch ein fürchterlicher Kerker.

Und ich stand wiederum auf dem kleinen, engen Hofe, und noch sonniger und heiterer schaute mich der blaue Frühlingshimmel an. Und wieder rasselte die alte Frau mit ihrem Schlüsselbunde, und sie schloß in dem rechten Flügel des schrecklichen Schlosses eine Thür auf. Ich blickte in einen großen, kasemattenartig gewölbten Raum. Er war hell; denn er erhielt sein Licht durch die Fenster, welche nach dem Hofe hinausgingen. Es war das Gefängniß der Juniinsurgenten, welche die Bourgeoisie der Februarrepublik, nachdem sie mit den Kanonen Cavaignac’s den Aufstand der Vorstädte in den Straßen von Paris niedergeworfen hatte, nach Schloß If führte. Sie brachten dort fünf Jahre zu. Im Jahre 1852 wurden die Übriggebliebenen, deren Gefängnißzeit noch nicht abgelaufen, oder die noch nicht gestorben waren, nach Caycnne gebracht. Sie schliefen indeß nur während der Nacht in diesen Kasematten oder in den Kammern des oberen Stockes. Während des Tages konnten sie sich auf dem Hofe oder auf der oberen Terrasse des Schlosses ergehen. Die Kasematten waren eben wie andere Kasematten. Sie waren nicht schlechter und nicht besser als die Kasematten des Schlosses Silberberg in Schlesien, in denen ich selbst viele Monate zugebracht habe. Ich sah, die moderne Zeit war doch etwas menschlicher mit den politischen Gefangenen umgegangen, als die Könige von Gottes Gnaden.

Nun stieg ich die gewundene eiserne Treppe hinauf, welche zu der oberen Galerie führte. Die Kerker der eisernen Maske, des Herzogs von Orleans, der sich Philipp Egalité nannte und mit der Revolution zu spielen versuchte, bis ihm diese den Kopf abschlug, und der Kerker Mirabeau’s befanden sich im oberen Stock. Hier in einem hohen gewölbten Gemache mit einem vergitterten Fenster brachte der Mann, dem die Geschichte den Namen der „eisernen Maske“ gegeben hat, drei Monate zu. Dann wurde er nach Paris in die Bastille geführt, wo er nach vielen Jahren gestorben ist. Die „eiserne Maske“ ist bekanntlich eine Persönlichkeit aus der Regierungszeit Ludwig’s des Vierzehnten, über deren eigentlichen Namen und Abstammung sich die Geschichtsschreiber vielfach den Kopf zerbrochen haben und deren Identität noch heute nicht unwiderleglich festgestellt ist. Noch immer behaupten Viele, der Mann mit der eisernen Maske sei ein Halbbruder Ludwigs des Vierzehnten gewesen, der sich durch diese Gefangenschaft seiner habe entledigen wollen, während andere Geschichtsforscher in ihm einen italienischen Staatsmann erblicken, welcher an dem „großen König“ einen Verrath begangen habe.

Dieselbe Galerie, aus der wir den Kerker der eisernen Maske betreten haben, führt in einen andern Kerker, der sich in dem die rechte Seite des Schlosses flankirenden Wartthurm befindet. Der Kerker war hoch und weit, wie ein in Stein gehauenes Gewölbe. Ein kleines vergittertes Fenster erleuchtete ihn so ziemlich. Der Blick aus dem Fenster fiel auf das Meer und streifte über die weite blaue Wasserfläche bis zu den Bergen. Ein weiter, scköner Blick! In der hintern Wand des Kerkers befanden sich zwei Eisenringe. Die alte Frau faßte einen dieser Ringe und sagte: „An diesem Ringe war der Herzog von Orleans angekettet, während er hier gefangen saß.“

Ich war erstaunt über diese Vorrichtung. Selbst in den Kerkern Monte-Christo’s und Faria’s hatte ich keine Ketten bemerkt. Auf meine Frage erwiderte die Frau: „Er machte einen Fluchtversuch, der mißlang. Darauf wurde er mit einer Kette an die Mauer angeschlossen.“

Wie mußte dem schlechten und lasterhaften Manne in diesem Kerker zu Muthe gewesen sein! Er hatte an allen Lastern des Königthums Theil genommen, um dasselbe stürzen zu helfen und dessen Ruin zu seinem eignen Vortheil auszubeuten. Die goldstrahlenden Säle des Palais Royal, wo er jene glänzenden Feste gab, bei denen Jemand die prophetischen Worte äußerte: „Nous dansons sur un volcan,“ und dieser wüste, kellerartige Kerker, welche Contraste! Der Aufenhalt in diesem Kerker wurde mir widerlich. Nicht die Thränen eines Unglücklichen hatten diese kalten Steine benetzt, das Laster hatte sie beschmutzt.

„Führen Sie mich nun in den Kerker Mirabeau’s,“ sagte ich zu der alten Frau; „er besaß wenigstens neben Lastern auch große Tugenden und eminente Talente.“

Wir gingen die Galerie entlang nach dem Theile des Schlosses, welcher der Eingangspforte gegenüberliegt. Auf der Langseite der Galerie öffneten sich ebenfalls zwei Thüren, welche in Kasematten führten. Ich warf im Vorübergehen einen Blick hinein. „Auch hier waren die Juniinsurgenten eingeschlossen,“ sagte die Frau, „aber nur während der Nacht. Ich habe sie Alle gesehen. Wir hatten über fünfhundert im Schloß. Ich bin seit dem Jahre 1847 im Schlosse If.“

Nun betraten wir die andere Seite des Schlosses. In der Ecke erhob sich der Wartthurm, der die andern Thürme hoch überragte. Hart an den Wartthurm stieß ein viereckiges, nicht gewölbtes Gemach, aus dem man die Aussicht auf den Schloßhof hatte. Die Frau öffnete die Thür. „Und wer hat diesen Kerker bewohnt?“ fragte ich.

„Ein großer Todter“, sagte das Mütterchen, „bevor er in den Sarg gelegt wurde.“

„Ein Todter?“ fragte ich verwundert. „Kerkerte man auch Todte ein in diesem fürchterlichen Schlosse?“

„Kennen Sie den Marschall Kleber,“ erwiderte die Frau, „den berühmten General, der mit dem Kaiser in der Schlacht an den Pyramiden focht?“

„Ob ich ihn kenne! Er war ein Republikaner, ein Mann von Ueberzeugung und edlen Eigenschaften des Herzens und des Charakters, ein Mann von Muth und Talent, wie nur Einer während der großen Revolution. Ein fanatischer Mameluk ermordete ihn in Cairo. Sein Ebenbild aus neuerer Zeit starb neulich in Basel, der Oberst Charras!“

„Er war es. Sein Leichnam wurde aus Aegypten herüber gebracht, um in Frankreich in vaterländischer Erde zu ruhen. Aber in Aegypten war die Pest. Deshalb wurde der Leichnam hier vierzehn Tage niedergelegt, bevor man ihn ans Land brachte.“

Eine steinerne Wendeltreppe zog sich im Wartthurm aufwärts. Als wir auf der dritten Stufe standen, öffnete die Frau eine niedrige Thür. Sie führte in ein viereckiges Gemach. Das Gemach hatte ein größeres Fenster, als die anderen Kerker im Schlosse If. Aus dem Fenster blickte man auf die andere Seite des Meeres. Der Blick tauchte sich in die Unendlichkeit. Wenn das Auge so weit reichte, würde man aus diesem Fenster die afrikanische Küste erblicken können.

„Hier wurde Graf Mirabeau zwei Jahre gefangen gehalten,“ sagte die Frau. „Sein Vater ließ ihn einsperren, als er noch ein ganz junger Man war. Sie wissen vielleicht? …“

„Ja, ja, ich weiß,“ erwiderte ich. Ich befand mich im Kerker des jungen Grafen Mirabeau, den sein eigener Vater auf Grund einer lettre de cachet König Ludwig’s des Fünfzehnten mehrere Jahre einsperren ließ, weil er sich wider seinen Willen verheirathete und tolle Streiche machte, die dem Vater nicht behagten. Nun, jedenfalls war es der freundlichste Kerker im Schlosse If, wenn man einen Kerker in diesem fürchterlichen Schlosse überhaupt freundlich nennen kann.

Ich trat jetzt auf die Terrasse hinaus, trotz des Mistrals, der mich umzuwerfen drohte. Der Blick war wundervoll. Wie ein prachtvolles Amphitheater stiegen die Paläste und Häuserreihen von Marseille im Osten am Gebirge empor; ein Mastenwald, mit den bunten Flaggen aller Nationen geschmückt, umsäumte ihre weißen Füße, welche die schöne Stadt in das blaue Meer tauchte. Rechts erhob sich aus der See die Insel Tribulon, deren zackige Contouren die Abendsonne vergoldete, links erschien der blaue Höhenzug, mit dem die starre Küste der Provence ins Meer steigt, in rosafarbenem Schimmer, und wenn ich mich umwendete nach Süden, blickte ich nach Afrika. In der Betrachtung des wunderbar schönen und großartigen Meerbildes versunken, überhörte ich das Brausen des Mistrals und vergaß, wo ich stand. Aber dann blickte ich auf die Steine unter meinen Füßen. Sie waren mit Inschriften und Namen bedeckt. Ich bückte mich und las die Namen der Juniinsurgenten, welche hier fünf Jahre gefangen gehalten wurden. Die Worte „22. 23. Juni 1848“ waren überall zwischen den Namen auf den weißen Steinen eingegraben. Es waren die Kampftage, an denen in Paris der Socialismus mit der Bourgeoisie focht. Schreckliche Erinnerung an jene Unglücklichen, welche Ferdinand Freiligrath so bezeichnend mit den Worten besingt: „Ihr vom Sckicksalsstum am weitesten Getragnen, Ihr Junikämpfer von Paris, Ihr siegenden Geschlagnen.“ Und wo sind sie geblieben, die Unglückseligen?

[188] „Ich habe einige wiederkehren sehen,“ sagte jene alte Frau, die in dem Winkel der Treppe zusammengekauert saß, um sich vor den kalten Stößen des Mistral zu schützen, „sie sind noch in Marseille; aber die meisten sind wohl in Cayenne gestorben.“ Und doch waren sie noch die Glücklichsten in diesem fürchterlichen Schlosse, welches da unter meinen Füßen lag! Und nun schien es mir, als wenn alle Erinnerungen aus den Kerkern sich mir vor den Augen der Seele verkörperten; die Gestalten Monte-Christo’s, der eisernen Maske, des Abbé Faria stiegen vor mir auf; die weißen Steine schienen wie in Blut getaucht; eilig stürzte ich, an der alten Frau vorüber, die enge Wendeltreppe hinab, über den schmalen Hof und über die gebrechliche Brücke. Ich athmete erst wieder auf, als ich das schreckliche Schloß aus dem Gesicht verloren hatte und mein leichtes Boot vor dem Winde pfeilschnell nach dem heitern und fröhlichen Marseille zurückflog.

Gustav Rasch.




Eine naturgeschichtliche Erinnerung.

Wenn jetzt die Besucher des Dresdener zoologischen Gartens sich an dem schönen Schauspiel einer Löwin mit ihren vier prächtig gedeihenden Jungen erfreuen, so denkt vielleicht Mancher zurück an den jungen Löwen, der im vorigen Jahre unter sehr anderen Verhältnissen seine kurze Lebenszeit dort verbrachte. Denn wenn auch die jetzigen jungen Löwen des Gartens durch ihre Zahl, ihr munteres Wesen und durch das Zusammenleben mit ihrer Mutter dem Beschauer die größte Freude verursachen, so vereinigte sich hinwiederum bei jenem Thiere Alles, um ihm eine viel größere Theilnahme zuzuwenden.

Die Gartenlaube (1865) b 188.jpg

Die junge Löwin und ihre Pflegemutter.
Nach der Natur gezeichnet von H. Leutemann.

Die Eltern des Thieres waren die ersten Löwen, die nach dem Garten kamen, und aus einer Sammlung afrikanischer Thiere, welche der Thierhändler Casanova direct aus Afrika gebracht hatte, ausgewählt worden. Die ersten Jungen, welche die Löwin dieses Paares in Dresden warf, starben leider an den Mißhandlungen ihrer Eltern, und auch bei dem zweiten Wurfe (Januar 1864) gelang es nur durch sofortiges Wegnehmen des überlebenden letzten Jungen, dasselbe zu retten, da ihm die alte Löwin bereits die Schwanzspitze abgebissen und eine Wunde in der Seite beigebracht hatte. Die Aufgabe war jetzt, den jungen Löwen ohne Muttermilch aufzuziehen; aber obgleich man schon anderswo junge Schweinchen, denen die Alte gestorben war, mit der Milchflasche aufgezogen hat, so verzichtete man hier darauf und es galt daher eine säugende Hündin aufzutreiben. Obgleich dies nun mitten im [189] Winter keine leichte Aufgabe war, so wurden doch die Bemühungen des Inspectors Schöpff mit Erfolg gekrönt und endlich ein Affenpinscher mit Jungen gefunden. Diese nahm man ihm sämmtlich weg, und nach einiger Mühe gelang es wirklich, den jungen Löwen zum Saugen an der neuen Pflegmutter zu bringen.

Der Inspector hatte die mühevolle Aufgabe übernommen, den jungen Löwen mit seiner Amme zunächst in seiner eignen Wohnung aufzuziehen, und noch heute muß ich die Gefälligkeit bewundern, mit welcher dabei die unablässigen Besuche des Publicums aufgenommen wurden, da ohnedies das junge Thier seinen Pflegern Mühe genug verursachte. Auch ich war (im April) unter diesen Besuchern, und der junge Löwe, ein Weibchen, lief damals munter im Zimmer herum, fraß bereits Fleisch, sprang auf Sopha, Tisch und Stühle und schlief wohl auch manchmal mit im Bett des Inspectors. Als ich später im Juni den jungen Löwen wieder sah, war er nebst seiner Amme in einen Käfig des Raubthierhauses gebracht worden, litt aber bereits sehr an der Knochenerweichung, welcher er später erlag. Das Bewegen der vordern Glieder wurde ihm schwer und er zog es vor meist zu ruhen. Man hatte immer gehofft, daß mit Eintritt der schönen Jahreszeit die Bewegung im freien, welche man ihm gewähren wollte, seine Glieder kräftigen würde; bekanntlich stand aber im vorigen Jahre der Sommer Deutschlands nur im Kalender verzeichnet, und so war das kleine Thier fast immer zum Aufenthalt im Käfig verurtheilt. Da fand ich es denn mit seiner treuen Amme, welche ihm jetzt nur noch Gesellschafterin war.

Mein sehnlicher Wunsch, die kleine Betty, so hieß die junge Löwin, einmal im Freien zu sehen, sollte endlich in Erfüllung gehen, als die Sonne die Güte hatte, sich auf einige Stunden zu zeigen, und der Wind sich genöthigt sah, einmal Athem zu schöpfen. Man ließ die beiden Thiere heraus. Ich lagerte mich mit dem Inspector in’s Gras, um das Schauspiel zu genießen, das in der That reizend war. Als gäben die frische Luft und der Sonnenschein dem kranken Thiere neue Kräfte, so freudig tummelte es sich im Grase herum. Zwar konnte es dem Hunde nicht so schnell folgen, wenn dieser den Mäusen nachjagte, die auf der Wiese massenhaft wohnten; kehrte aber dann „Bussel“ zeitweilig zurück, so war die Freude seines Pflegekindes um so größer; es kollerte sich auf dem Rücken herum und streckte spielend die Pfoten nach dem Hunde aus. Dann suchte es sich wohl auch im Gebüsch zu verkriechen, und es war ein eigenthümlicher Anblick, den Kopf der kleinen Löwin plötzlich aus den grünen Zweigen Hervorschauen zu sehen. Nachdem es sich so im Freien vergnügt hatte und wenn ihm bei der ungewohnten Bewegung die Kräfte vielleicht versagten, wandte das Thier seine Schritte nach – der Inspectorwohnung, wo es in den ersten Monaten gepflegt worden war, die es also nicht vergessen hatte.

Leider waren, wie gesagt, die schönen Tage des vorigen Sommers so selten, daß das arme kranke Thier nur ausnahmsweise diesen Genuß der freien Luft und des warmen Sonnenscheins haben konnte. Es siechte immer mehr und starb endlich im achten Monat. Bei der Sektion fand sich, daß die Knochen biegsam waren wie starkes Leder.

Noch jetzt hält sich Bussel, welcher im Garten verblieben ist, am liebsten unter dem Käfig auf, in dem er mit seinem Pflegekind

gewohnt hat.
L.




Das Geheimniß des Indianers.
Nach Mitttheilungen eines deutsch-amerikanischen Arztes.
(Fortsetzung.)

Nichts konnte Werner bei seiner Unschlüssigkeit willkommener sein, als der Besuch Jones’, desjenigen Amerikaners, dem er vor Allen das meiste Vertrauen schenkte. Die Anwesenheit dieses Mannes, der sich früher, wie er glaubte, so uneigennützig gegen ihn betragen hatte, schien ihm ein Fingerzeig zu sein, um alle Bedenklichkeiten zu lösen. Rasch entschlossen, zeigte er Jones die reichen Silbererze, das Resultat jener geheimnißvollen Expedition nach der wüsten Insel, und stellte die Frage an ihn, ob er Mittel genug besitze, das zur Ausbeutung der Mine nothwendige Capital einzuschießen, und ob er in diesem Falle Willens sei, sein Compagnon zu werden.

Diese Frage hatte der Yankee, der mit gierigen Augen die schimmernden Metallproben verschlungen und mit einer wahren Wollust die werthvollsten Stücke in seinen Händen gewogen hatte, erwartet; denn er schlug sofort ein. Offenbar hatte er schon in Ontonagon oder auf dem Wege nach den Toltce-diggings von dem Gerüchte gehört, daß Werner auf einer mysteriösen Excursion nach dem westlichen Ende des Sees große Mineralschätze entdeckt hätte, denn so geheim auch letzterer die Sache gehalten, so war es doch den neugierigen Beamten der Compagnie nicht entgangen, daß der Deutsche nach seiner Rückkehr einen schweren Koffer durch die Indianer nach seiner Wohnung hatte bringen lassen und diesen stets unter Schloß und Riegel hielt, ein Umstand, der nothwendiger Weise in einer so kleinen Gemeinde die Veranlassung zu allerhand Gerede gab. Der listige Jones verstand es nur zu gut, sich in das unbedingte Vertrauen Werner’s einzuschmeicheln, der ihm nun seine Erlebnisse auf dem See und der unbewohnten Insel bis auf die kleinsten Details erzählte.

Beide gingen dann daran, eine Calculation über die Unkosten und den muthmaßlichen Gewinn der Unternehmung zu machen, und der geschäftskundige Yankee rechnete einen solchen dolossalen Reinertrag heraus und wußte die Ziffern der Art zu gruppiren, daß dem Deutschen die Zukunft im rosigsten Lichte erschien und er seine Bedenken wegen Tawanka’s leicht beschwichtigen ließ. Es wurde ausgemacht, daß man ungesäumt zum Werke schreiten solle; zuvor aber wollte sich Jones nur in Begleitung Werner’s nach der Insel begeben, um sich dort an Ort und Stelle von dem Vorhandensein der Mine zu überzeugen und den Plan zu der künftigen Bergwerkscolonie zu entwerfen.

Acht Tage später fuhren beide Männer nach Superior City, einem aufblühenden Städtchen am äußersten Westende des Sees. Dort verließen sie den Dampfer und mietheten von einem der vielen Pelzhändler, welche sich dort aufzuhalten pflegen, ein kleines Segelboot, mit dem sie an der nördlichen Küste hin ostwärts heraufkreuzten, bis sie die Gruppe felsiger Inseln erblickten, unter denen sich nach Werner’s Berechnung das metallreiche Eiland befinden mußte. Das Wetter war dieses Mal schön und klar, und so gelang es dem Deutschen, der ein scharfes Orientirungsorgan besaß und sich ohnedem die verschiedenen Landmarken und Vorgebirge des kleinen Archipels genau eingeprägt hatte, nach einigem Hin- und Herlaviren die scharfmarkirte Form der Klippe auszumachen, an deren Fuß die Silbermine lag. Sie begrüßten den Anblick des zerklüfteten Höhenzuges, der die gesuchte Insel kennzeichnete, mit einem lauten Hurrah, braßten ihr Segel bei dem günstigen Winde stärker an und erreichten trotz der entgegen stehenden Strömung das Ufer ziemlich an derselben Stelle, wo einst Werner mit den Indianern Schiffbruch gelitten hatte. Nachdem sie das Boot in einer kleinen felsumgürteten Bucht versteckt und in Sicherheit gebracht hatten, schritten sie, mit einigen Lebensmitteln und bergmännischen Werkzeugen beladen, längs des Strandes hin, bis sie nach wenigen Minuten zu der höhlenartigen Vertiefung des Ufers kamen, wo die noch vorhandenen Kohlenreste die alte Lagerstelle der Odschibbewas bezeichneten.

Es war indessen Abend geworden. Heute konnte nichts Weiteres vorgenommen werden. Man entzündete also zum Schutz gegen die Landplage, die Moskitos, ein tüchtiges Feuer und bald streckten sich Beide, in ihre Decken gehüllt, zur Rufe nieder.

Als die regelmäßigen Athemzüge des Deutschen Jones überzeugt hatten, daß des Ersteren Schlummer ein tiefer und fester sei, erhob er sich leise und schlich mit dem geräuschlosen Tritt einer Pantherkatze, wenn diese auf Raub ausgeht, aus dem hellen Umkreis des Feuers in die Finsterniß hinaus. Erst, als er am hohen Ufer angelangt war, trat er fester auf und richtete dann seine Schritte nach dem kleinen Seeeinschnitt, wo das Boot befestigt war. Gewandt sprang er in das von der Uferbrandung geschaukelte Fahrzeug und holte seinen festen, ledernen Koffer aus dem unter dem Steuer angebrachten Verschluß hervor. Er öffnete ihn und nahm einen zierlichen Revolver und ein wuchtiges Bowiemesser [190] heraus, dessen breite Klinge er lüftete, um sich zu überzeugen, daß sie nicht eingerostet war. Beide Waffen steckte er dann in die nach südländischer Sitte unter der Schnalle seiner Beinkleider verborgen angebrachten Taschen, schob den Koffer an seinen Platz zurück und schwang sich vermittelst einer tief herunterragenden Baumwurzel an das Land. Behutsam näherte er sich dem Feuer und nahm auf einem abgestorbenen Baumstamme Platz, von wo er auf den ruhig fortschlummernden Werner die Blicke eines Raubthiers warf, das eben im Begriff ist, auf seine Beute zu springen.

Seinen Revolver hervorziehend, untersuchte er genau, ob auch die Zündhütchen fest auf ihrem Piston säßen, und richtete dann mechanisch die Mündung der Waffe nach dem Kopfe des Schlafenden.

„Nicht doch,“ sagte er in leisem Selbstgespräch, die Waffe wieder einsteckend: „weiß ich doch bis jetzt noch nicht, wo das Silber eigentlich liegt, da ich trotz aller Fragen, die ich gethan, kein klares Bild von der Realität besitze; die Bergkette, welche mir Werner gestern vom See aus zeigte, scheint eine bedeutende Ausdehnung zu haben. Da könnte ich Wochen lang suchen und am Ende doch nichts finden. Nein, da warte ich lieber, bis mich der Dutchman an Ort und Stelle bringt; dann ist es ja noch Zeit genug, ihn kalt zu machen.“

Unter solchen Betrachtungen schlief Jones ein, denn die Natur wollte auch bei ihm ihr Recht behaupten, und die Ruhe beider Männer wurde nivht eher gestört, als bis das helle Geschrei der Möven und Seeraben, welche die ausgehende Sonne begrüßten, in ihre Ohren drang. Eine Viertelstunde später, nachdem sie gefrühstückt hatten, waren sie unterwegs und drangen, weil es heller Tag war, ohne große Schwierigkeiten bis zu dem Bergrücken vor, der die Insel durchzog. Hier am Saume des Waldes wußte sich Werner ziemlich genau zu orientiren, nachdem er die oben beschriebene Schlucht gefunden hatte. Durch diese stiegen sie zum Plateau hinauf, über welches sie in westlicher Richtung fortschritten, bis der hohe, abgestorbene Baum ihnen zu Gesicht kam, dessen nächtlicher Schatten wie ein Zeiger auf die Mündung der Mine wies. Trotz des mangelnden Mondscheins war es leicht, dieselbe zu finden, denn der umsichtige Deutsche hatte sie durch drei große Steine markirt, welche in Form eines Dreiecks die Oeffnung umgaben. Nachdem sie eine Fackel angezündet und das absichtlich ausgeschüttete Geröll weggeräumt hatten, stiegen sie in die Tiefe, und der gierige Jones brach in einen Schrei des Erstaunens aus, als er die längst begehrten Schätze mit eigenen Augen sah. Sie brachen nun mit Hammer und Pickart so viel von dem edlen Gesteine los, wie die Zeit und ihre Kräfte erlaubten, und ruhten nicht eher, als bis sie vor der Mündung der Mine ein bedeutendes Quantum des reichen Erzes aufgehäuft hatten. Dieses betrachtend, sagte Werner, der von der Arbeit erschöpft sich auf dem felsigen Grunde niedergelassen hatte, zu dem Amerikaner, welcher die schwersten und werthvollsten Stücke in seinen Händen wog: „Nicht wahr, Jones, da drunten im Schachte ist genug für uns Beide, und wenn wir das Alles in blanke Dollars umgemünzt haben werden, dann tauschen wir mit keinem Wallstree-Banquier?“

„Ei ja, wenn wir erst soweit sind, dann können wir den Teufel tanzen lassen,“ erwiderte der Yankee, indem er dem Deutschen einen falschen, lauernden Blick zuwarf. Dann fuhr er fort: „Ich sehe aus dem Stande der Sonne, daß es Zeit ist, wieder nach dem Lager zurückzukehren, wenn uns nicht die Nacht in dem unwegsamen Walde überraschen soll. Unsere Werkzeuge können wir hier lassen, von dem Silber jedoch wollen wir soviel mitschleppen, wie wir können, der Rest ist hier sicher genug.“

Werner gab seine Beistimmung und beide Männer füllten ihre Säcke mit so viel Erz, als sie möglicherweise tragen konnten, worauf sie den mühsamen Weg nach der Küste antraten. Stillschweigend schritten sie über das von den Strahlen der sinkenden Sonne beleuchtete Plateau und von da die dunkele Schlucht hinunter, Jeder unter seiner Last keuchend, bis sie den Saum des Waldes erreichten. Hier setzte sich der durch den beschwerlichen Marsch angegriffene Deutsche auf einen hingestürzten Baumstamm nieder, ließ seinen Sack auf die Erde gleiten und erklärte, einen Augenblick ausruhen zu müssen. Jones folgte seinem Beispiel und nahm, mit dem Gesichte nach der Schlucht gewandt, auf einem moosbewachsenen Felsblock Platz. So saßen sie einige Minuten, und nichts störte ihre Ruhe, als Werner, der in dem Anblick der schönen Natur vertieft war und auf das melodische Rufen eines Whippoorwill horchte, durch einen plötzlichen, unterdrückten Ausruf des Amerikaners aus seinen Träumereien gerissen wurde.

„Was ist? Sehen Sie Etwas?“ fragte der Deutsche Jones, welcher unverwandt nach einem kleinen Gebüsch blickte, das sich längs des Baches, der die tiefe Schlucht durchfloß, in einer Entfernung von ein paar hundert Schritten erstreckte.

„Verdammt will ich sein,“ flüsterte der Yankee, „wenn dort in dem Busche keine Rothhäute stecken. Schauen Sie aus, ob Sie nicht hinter dem Stamme der weißen Birke dort eine dunkle Gestalt entdecken können. Sehen Sie, es regt sich schon wieder!“

Werner, welcher anfänglich bei diesen Worten erschrocken war, faßte sich doch gleich wieder, da er keinen Zweifel hegte, daß, wenn wirklich Indianer in dem Dickicht steckten, es nur Tawanka mit seinen Leuten sein könne. Den Häuptling fürchtete er nicht, da dieser ihm, wie er dachte, höchstens Vorwürfe über seine Wortbrüchigkeit machen konnte; deshalb trat er dreist aus dem Schatten der Bäume hervor und blickte, indem er mit der Hand seine Augen vor den Strahlen der untergehenden Sonne schützte, angestrengt nach der von dem Amerikaner bezeichneten Richtung hin, obgleich er nichts Verdächtiges wahrnehmen konnte.

Diesen Moment und den Umstand, daß der arglose Deutsche ihm den Rücken zuwandte, benutzte der tückische Yankee. Den Revolver vorsichtig unter dem Rockschooße hervorziehend, schlich er sich leise heran und feuerte in rascher Reihenfolge zwei Schüsse in Werner’s Rücken, dicht unter dem linken Schulterblatt, so daß dieser, im Herzen getroffen, einen wilden Schrei ausstieß und, einen Augenblick mit den Händen in der Luft fechtend, todt zusammensank.

Mit einem teuflischen Lächeln auf den Lippen zog dann Jones sein Bowiemesser hervor und scalpirte ziemlich ungeschickt die Leiche des Mannes, der ihm eben noch blindes Vertrauen geschenkt hatte. Seine satanische List war ihm gelungen, denn von Indianern war auf der Insel keine Spur vorhanden, und der arglistige Yankee hatte jenen Ausruf nur gethan, um sein Opfer bequem von hinten zu schlachten. Jetzt wollte er auch, falls die Leiche jemals gefunden würde, um jeden Verdacht von sich abzuwenden, durch den Umstand des Scalpirens diesen auf die Rothhäute lenken, ein Stratagem, das in diesen gesetzlosen Gegenden sehr häufig von herumschweifendem Raubgesindel angewandt wird. Um ganz sicher zu gehen, schleppte der Mörder noch sein blutiges Opfer in den Wald hinein, wo er es unter einem riesigen, gestürzten Baume versteckte und alle Spuren durch aufgehäufte trockene Zweige zu vertilgen suchte. Dann kehrte er zu dem Platze, wo der Mord geschehen, zurück, belud sich außer seiner noch mit Werners Bürde und trug, da er ein außergewöhnlich starker Mann war, beide Säcke glücklich auf dem unwegsamen Pfade nach der Lagerstätte zurück, wo er das Feuer wieder anmachte und, ohne Gewissensbisse zu fühlen, von den Anstrengungen des Tages ermattet, sich dem Schlafe überließ.

Kurze Zeit nach diesem entsetzlichen Vorfalle traf Tawanka mit einigen seiner Stammgenossen in Ontonagon ein. Die Behörden von Ober-Canada, welche in der Regel den armen verfolgten Indianern gern eine Freistätte gewähren, wenn sie über überflüssige Ländereien zu disponiren haben, waren auch in diesem Falle so freundlich gewesen, den vertriebenen Odschibbewas einen Wohnsitz auf der britischen Seite des Sees einzuräumen, und der Häuptling, der einstweilen die Seinigen versorgt wußte, war jetzt auf einem großen Mackinawboote herübergekommen, um seinen deutschen Freund nach der Silberinsel zu bringen, wo dieser dann mit Hülfe der Rothhäute so viel des edlen Metalles zusammenbringen sollte, wie das Fahrzeug tragen konnte. Wie groß war aber das Erstaunen Tawanka’s, als er schon in Ontonagon von einem halbblütigen Canadier erfuhr, daß der deutsche Bergmann bereits vor einiger Zeit in Begleitung eines Yankees auf einem Dampfer nach dem Westende des Sees gefahren sei und daß man seit jener Zeit Nichts mehr über ihn vernommen habe. In Folge dieser Nachricht begab sich der Häuptling sofort nach den Toltec-Diggings, um dort bei den Beamten der Compagnie Näheres zu erfahren. Die Nachforschungen, welche er dort anstellte, ergaben auch Nichts weiter, als daß Werner seine Stellung aufgegeben habe und dann in Begleitung eines Mannes, Namens Jones, dessen Persönlichkeit man ihm beschrieb, abgereist sei, um neue Mineralländereien am Westende des Sees zu entdecken. Betrübt [191] kehrte der Häuptling, in dessen Gemüth schon der Verdacht zu wurzeln anfing, daß Werner sein Versprechen, die ganze Angelegenheit der Silbermine geheim zu halten, thörichter Weise verletzt habe, nach Ontonagon zu seinen Leuten zurück, unschlüssig, was er zu thun habe. Er fragte den in dem Städtchen ansässigen Canadier, zu dem er schon deshalb Zutrauen hegte, weil dessen Mutter eine Indianerin aus dem Chippewasiamme gewesen war, noch einmal aus, dieser wußte ihm jedoch weiter keinen Rath zu geben, als einstweilen in Ontonagon zu bleiben und an Bord aller vom Westen kommenden Dampfer, welche hier anlegen mußten, Nachforschungen anzustellen, ob Werner oder dessen Begleiter an Bord sei, oder ob vielleicht die Passagiere Auskunft über die beiden Männer ertheilen könnten.

Schon am nächsten Tage lief ein großes Schiff, welches von Superior City am Westende des Sees kam, in den Hafen von Ontonagon ein, um wie gewöhnlich Passagiere auszusetzen und einzunehmen. Wie das immer der Fall zu sein pflegt, strömte ein Theil der Bevölkerung des Städtchens nach dem Landungsdamm, da in diesen entfernten Gegenden die Ankunft eines Dampfers immer als ein Ereigniß betrachtet wird, welches die Monotonie des alltäglichen Lebens angenehm unterbricht. Tawanka und der Canadier folgten dem Strome der Menschen und ließen von dem Ufer aus ihre Blicke über die lange Galerie des Schiffes schweifen, auf der die Passagiere in bunten Gruppen standen, um die herrliche Scenerie des Hafens zu betrachten. Da stieß Ambrose, so hieß der Canadier, den Häuptling leise an und machte ihn auf einen Mann aufmerksam, welcher, den Hut in die Augen gedrückt und das Gesicht theilweise durch einen Shawl verborgen, in der Kajütenthüre stand, gleichsam als scheue er sich, offen auf die Galerie hervorzutreten.

„Das ist der Begleiter des deutschen Bergmanns!“ sagte der Canadier und eilte dann, von dem Häuptling gefolgt, an Bord des Dampfers, wo sie hastig alle Räume durchspähten, ohne eine Spur von Werner zu entdecken. Ambrose, der mit den Gewohnheiten des civilisirten Lebens ziemlich vertraut war, ging nun zu dem Clerk des Schiffes, um dort Auskunft darüber zu erhalten, ob der Deutsche unter den Passagieren sei, oder nicht. Als der Clerk, nachdem er die lange Liste durchgesehen, erklärte, daß ein Mr. Werner sich nicht darunter befände, fragte der Canadier, ob nicht ein Mr. Jones an Bord sei. „Ei ja,“ war die Antwort, „Cabine Nr. 40, derselbe, welcher zwei schwere Kisten im Raume verladen hat. Doch da kommt er ja selbst!“ und zu dem eben in die Kajüte Eintretenden gewandt, rief der Clerk: „Mr. Jones, da ist ein Canadier und ein Indianer, die Sie zu sprechen wünschen.“

Der so Angeredete schien anfangs etwas betroffen zu sein; doch da er sah, daß er es nur mit einem Halbblut und einer Rothhaut zu thun hatte, trat er dreist vor und fragte mit barscher Stimme, was man von ihm wolle. Dieses Mal nahm aber Tawanka das Wort und, den Amerikaner von oben bis unten mit seinen Augen musternd, flüsterte er in tiefem Kehlton: „Wo ist Werner? sagt mir, habt Ihr ihn nach der Insel begleitet?“

„Gott verdamme Eueren Werner und Euere Insel!“ rief Jones aus, „ich weiß nicht, was Ihr wollt. Geht zum Henker, sonst will ich Euch zeigen, wie ein Gentleman solche rothe Canaille behandelt.“

„Meine Haut ist wohl roth, aber Euere Hand ist vielleicht röther,“ erwiderte gelassen Tawanka. „Sagt mir, wo habt Ihr den deutschen Bergmann verlassen?“

„Ich sage Euch noch einmal, ich kenne keinen deutschen Bergmann,“ antwortete Jones, „und wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, so werde ich Euch durch die Matrosen vom Bord jagen lassen.“

Jetzt mischte sich auch Ambrose in den Streit und behauptete Jones in das Gesicht hinein, daß er wissen müsse, wo Werner geblieben sei, denn er selbst, Ambrose, habe sie beide an Bord gehen sehen.

Dieser heftige Auftritt hätte vielleicht noch ernste Folgen nach sich gezogen, da einige der Passagiere sich in den Streit zu mischen anfingen und, weil es Amerikaner waren, unbedingt für ihren Landsmann Partei nahmen. Die Ruhe und Würde Tawanka’s imponirten ihnen freilich, indessen, da sie nicht wußten, worum es sich handelte, wäre es vielleicht bei ihren Vorurtheilen gegen die rothe Race zu Thätlichkeiten gekommen, wenn nicht gerade im kritischen Augenblick die Glocke des Dampfers das Zeichen zur Abfahrt gegeben hätte. Der Häuptling und der Canadier hatten nun keine Zeit mehr zu verlieren, um über die Landungsbrücke zu kommen, wenn sie nicht anders als unfreiwillige Passagiere mitfahren wollten, und so blieb ihnen Nichts weiter übrig, als das Schiff schleunigst zu verlassen, ohne von Jones irgend einen Aufschluß über Werner’s Schicksal bekommen zu haben.

Tawanka, der bis dahin nur einen leichten Verdacht gegen den Yankee gehegt hatte, wurde nun ernstlich besorgt und befürchtete, daß dieser ein verrätherisches Spiel mit Werner getrieben habe, denn wenn Jones sich von dem Deutschen in irgend einer friedlichen Weise getrennt hätte, dann war kein Grund vorhanden, jede Bekanntschaft mit diesem abzuleugnen. Er besprach sich also noch einmal mit dem Canadier, trug ihm auf, alle möglichen Erkundigungen einzuziehen, und begab sich dann eiligst nach der stillen Bucht, wo ihn seine Leute mit dem Mackinawboote erwarteten. Ohne Zeit zu verlieren, machten sich die Indianer auf den Weg und landeten schon nach Verlauf von drei Tagen, weil Wind und Wetter günstig waren, an der Silberinsel, wo der Häuptling, den eine innere Stimme dazu antrieb, weitere Nachforschungen über das Schicksal seines Freundes anstellen wollte.

Zuerst suchten sie die alte Lagerstelle auf und überzeugten sich, daß dieselbe seit der letzten Anwesenheit Tawanka’s von zwei weißen Männern besucht und benutzt worden sei, was sie aus den zurückgelassenen Geräthen und Speiseresten sofort erkannten. Hierauf verfolgten die Odschibbewas verschiedene Fußspuren, welche von dem Feuerplatze in den Wald führten, mit dem sichern Instincte des Bluthundes und kamen bald zu der Gewißheit, daß beide Männer nach dem Innern der Insel zu vorgedrungen wären, daß aber nur einer zurückgekehrt sei. Dieser Umstand kam dem Häuptling besonders verdächtig vor, und nachdem er seinen Leuten die gehörigen Weisungen gegeben hatte, drang er selbst vorsichtig, stets die Spur im Auge haltend, durch das dichte Unterholz bis an den Saum des Forstes vor, welchen er auch richtig an derjenigen Stelle erreichte, wo Werner auf dem umgestürzten Baumstamme ausgeruht hatte.

Seinem scharfen Blicke entging nicht, daß hier Etwas vorgefallen sein müsse, denn er sah neben einer Menge stark markirter Fußstapfen einen breiten Eindruck auf dem Rasen, wie wenn eine schwere Last weggeschleift sei. Als er sich bückte, bemerkte er einen ausgerissenen Grasbüschel, an dem vertrocknetes Blut klebte, und zu gleicher Zeit im niedrigen Gestrüpp einen Scalp. Er schauderte einen Augenblick, denn er erkannte Werners hellen Haarwuchs, und der Gedanke kam ihn an, daß dieser von keinem weißen Manne getödtet sei, sondern von einem Indianer; wie er jedoch die abgezogene Kopfhaut genauer betrachtete, sah er auf der Stelle ein, daß eine Rothhaut unmöglich der Thäter gewesen sein konnte, da der Scalp zu ungeschickt gelöst war, auch würde kein Indianer einen solchen wegwerfen. Während er über diesen sonderbaren Umstand nachdachte, kam einer seiner Leute athemlos gelaufen und machte ihm die Anzeige, daß die Leiche eines weißen Mannes im Walde gefunden sei und keine andere sein könne, als diejenige Werner’s, welche man trotz der vorgeschrittenen Verwesung zu erkennen glaube. Die Füchse und die Seeraben, welche ben Ort umkreisten, hatten die im Walde vertheilten Odschibbewas aufmerksam gemacht, und so hatten sie die traurigen Ueberreste ihres alten Freundes unter den Baumzweigen, welche der Mörder darüber aufgehäuft hatte, hervorgezogen.

Groß war der Schmerz Tawanka’s, als er die verstümmelte und entstellte Leiche an ihm wohlbekannten Merkzeichen und an dem fehlenden Scalp wiedererkannte, und er wäre kein Indianer gewesen, wenn er nicht in diesem Augenblicke dem feigen Mörder blutige Rache gelobt hätte. Der Umstand, daß der todte Mann das Versprechen der Verschwiegenheit gebrochen hatte, fiel bei ihm nicht mehr in das Gewicht, er dachte nur daran, wie er Jones, denn kein Anderer konnte der arglistige Verbrecher sein, zur Strafe ziehen könnte. Doch er bemeisterte seine innere Bewegung bald und trug seinen Leuten sofort auf, die Leiche tief und sicher in der Erde zu verscharren, damit sie keine Beute der Raubthiere werde. Nachdem der Befehl vollzogen, kehrten die Odschibbewas zu der Lagerstelle am Ufer zurück, um dort auf ihren Häuptling zu warten, der allein und in Gedanken versunken den steilen Höhen zuschritt, auf denen sich die Silbermine befand.

(Schluß folgt.)
[192]
Blätter und Blüthen.


Das neue Licht. Wie die Reihe der Elemente Jahrtausende lang unter jener vielgenannten Vierzahl begriffen war, welche die neuere Wissenschaft schließlich ihrer Würde entkleidet hat, um an ihre Stelle eine Anzahl von einigen und sechzig wirklichen Grundstoffen zu setzen, ebenso galten bis tief in das vorige Jahrhundert hinein nur einige wenige allbekannte Mineralien, Gold und Silber, Eisen und Blei, Zinn und Kupfer, als Metalle. Kein Mensch ahnte, daß diese Liste mit der Zeit gewissermaßen in’s Unendliche sich ausdehnen, daß nachmals fast jedes Jahr ein neues Metall zu Tage fördern würde, welches sich vom Beginn unseres Planeten an unter dieser und jener unkenntlichen Hülle verborgen hatte. Es machte daher kein geringes Aufsehen durch die ganze gebildete Welt, als vor nunmehr fast sechzig Jahren der berühmte englische Chemiker Sir Humphry Davy, derselbe, welcher durch seine Sicherheitslampe der Wohlthäter der Bergleute werden sollte, zu der Entdeckung gelangte, daß gewisse Alkalien und alkalienhaltige Erden nichts anderes seien als metallische Verbindungen, daß die allgemein gebrauchte Pottasche einem Metalle, dem Potassium, entstamme, wie die ebensoviel benützte Soda dem Sodium, und daß in wahrscheinlicher Folgerung alle dergleichen Erden ihre metallischen Grundlagen besitzen.

Großen praktischen Nutzen hatte die Entdeckung dieser neuen Metalle freilich zunächst nicht. Sie hatte nicht viel gemein mit der alten wohlbegründeten Aristokratie der längstbekannten schweren Metalle, diese Rotüre der neuen Elemente; leichte, weiche, vergängliche Dinger, wurden sie selten einmal aus den Glasglocken der chemischen Laboratorien, unter denen sie als Raritäten und „der Vollständigkeit halber“ paradirten, in das Leben hinaus entlassen, da sie sich weder zu Geräthe noch zu Werkzeug sonderlich brauchbar erwiesen. Wie wenige von den Hunderttausenden der Leser dieser Blätter werden je ein Stückchen metallischen Potassiums oder Sodiums zu Gesicht bekommen haben!

In dieser Rotüre der Metalle zählt auch das Magnesium. Sein Oxyd. d. h. seine Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft, die Magnesia oder Bittererde, hat sich seit undenklichen Zeiten als Segenstifter unter der gebrechlichen Menschheit eines verdienten Rufes erfreut. Wenn die Verdauung ihre Pflichten nicht vollkommen erfüllt oder Sodbrennen und Magensäure die beschädigte Maschine documentirten, wohl auch wenn Zipperlein oder Gicht ihre unliebsamen Vorboten sandten, dann war es vorzugsweise die Bittererde, zu welcher schon unsere Groß- und unsere Urgroßväter Hülfe suchend ihre Zuflucht nahmen, während der eigentlich mineralische Grundstoff dieser vielbewährten Erde, aus dem sie zu nahezu zwei Dritttheilen besteht, aller Welt Geheimniß blieb und erst im Jahre 1829 vom französischcn Chemiker Bussy dem Dunkel entrissen wurde, in das er sich durch Millionen von Jahren gehüllt hat. Er wurde gleichfalls als ein Metall erkannt von 1,743 specifischem Gewichte, d. h. nicht ganz doppelt so schwer wie das Wasser, dessen Gewicht bekanntlich bei dergleichen wissenschaftlichen Schwerebestimmungcn als Einheit angenommen wird.

Bis vor Kurzem zu der nämlichen thatenlosen Rolle verurtheilt, welche, mit wenigen Ausnahmen, sämmtlichen diesce neu ausfindig gemachten Metalle zugetheilt ist, hat es sich seit einigen Monaten mit einem Male, und noch dazu in Paris, zu einem Löwen des Tages aufgeschwungen, den Jedermann sehen und bewundcen will. In den Salons, in den Hörsälen, bei wissenschaftlichen Versammlungen kann Niemand mehr den Moment erwarten, bis irgend ein naturgelehrtes Mitglied der anwesenden Gesellschaft ein kleines Papierpaketchen aus der Tasche seines Frackes zieht, und Alles drängt sich um den Mann zusammen, wenn er dann ein Stückchen dünnen weißen Drahtes aus dem Päckchen zum Vorschein bringt. Jeder beeifert sich ihm die Kerze herbeizutragen, um die er bittet; schweigend in athemloser Spannung lauscht das Publicum, wenn er alsbald das Ende seines Drahtes in Brand steckt, und ein Ah! des Staunens tönt zugleich von Aller Lippen, wenn jetzt plötzlich das Zimmer, der Saal, das Auditorium im Tagesglanze strahlt, von einem Lichtc erhellt, dem nur das elektrische verglichen werden kann. Der Wunderdraht ist ein Stück Magnesium, das nun mit einem dünnen weißen Rauche in ungewöhnlicher Schnelligkeit verdampft und ein Häufchen Magnesia als Asche zurückläßt.

Dies Licht scheint nicht nur Epoche machen zu sollen für Industrie und Technik, sondern es bedroht selbst das Heiligthum unseres häuslichen Heerdes mit Umsturz langgepflogener Gewohnheiten, und, merkwürdig, es kommt der Welt von einer Seite, der sonst mehr das Auslöschen des vorhandenen, als das Anzünden neuen Lichtes am Herzen zu liegen pflegt. Ein französischer Priester war es, der Abbé Moigno, als naturwissenschaftlicher Schriftsteller nicht ohne Ruf, welcher im Laufe des letzten Sommers in einer Sitzung der Assiociation scientifique die Welt mit der neuen Entdeckung bekannt machte.

Das Magnesium ist etwa so schwer, wie Buchenholz; mattglänzend, silberweiß, sehr flüchtig, schon bci gewöhnlicher Rothglühhitze schmelzbar, ziemlich spröde, aber doch biegsam genug, um sich zu einem Draht von einem dreißigtausendstel Meter (ein Meter 31/6 rhein. Fuß) Durchmesser ausziehen zu lassen. Leider ist vor der Hand das Magnesium sehr theuer, das Kilogramm (zwei Pfund) kostet etwa dreihundert und zwanzig Thaler, so daß man sich den Gedanken, der schon aufzutauchen begann, Paris magnesianisch zu beleuchten, vergeben lassen mußte. Nichtsdestoweniger verspricht es, wie schon angedeutet, für mannigfache gewerbliche Zwecke von größter Wichtigkeit zu werden. Ueberall, wo es darauf ankommt, auf kurze Zeit eine ungewöhnliche Lichtmasse auf einen bestimmten Punkt zu concentriren, überall da wird das Magnesium seine zweckentsprechendste Anwendung finden.

So wird es sich namentlich in der Photographie seinen Platz erobern, wie dies bereits vollständig gelungene Versuche in gewisse Aussicht stellen; mit ihm werden die leidigen Glassalons fallen, denen eine Reihe der schreiendsten Mängel unserer jetzigen photographischen Darstellungen beigemessen werden müssen. Auch der Chirurg, der eine tiefer eindringende Wunde, einen in das Innere des Körpers führenden normalen oder anomalen Gang (Gehörgang, Fistelgänge etc.) zu untersuchen hat, wird sich dabei keiner bequemern und vortheilhaftern Beleuchtung bedienen können, als der mittels Magnesiums. Ganz besonders bedeutsam aber dürfte es dem Seemann werden. Zwei und eine halbe deutsche Meile bei Tage und dreimal so viel des Nachts seinen Schein werfend, wird es ein vortreffliches Mittel zum Signalisiren abgeben.

Ein magnesianisches Licht von etwa fünfhundert Kerzenkraft und von der Dauer von zwanzig Secunden, wie man es z. B. zur Herstellung eines photographischen Portraits bedürfte, würde, nach den genaueren Berechnungen eines französischen Mathematikers, ungefähr auf vier Neugroschen zu stehen kommen. Ein Seesignal von hundert Kerzenkraft also etwa auf blos acht Pfennige. Einen Laufgraben von dreitausend Fuß Länge und fünfundsiebzig Fuß Breite behufs einer nöthigen Totalbesichtigung mit einem Lichte zu erhellen, das dem von tausend Wachskerzen gleichkäme, würde höchstens fünszehn bis sechszehn Neugroschen kosten, mithin bei Weitem weniger, als ein einziger Kanonenschuß kostet. In runden Zahlen besitzt ein Magnesiumdraht von einem dreißigtausendstel Meter Durchmesser dieselbe Leuchtkraft, wie siebenzig Stearin oder Paraffinkerzen. In einer Minute aber verbrennt ungefähr ein Meter dieses Drahtes, das ein Zehntelgramm Gewicht repräsentirt. Hiernach würde ein Gramm Magnesium eine Minute lang ein Licht erzeugen, welches das von siebenhundert Kerzen oder von siebenzig Lampen von je zehn Kerzen Leuchtkraft erreichte. Gegenwärtig kostet das Gramm Magnesium aber noch neun Neugroschen; diese Ziffer mit sechzig multiplicirt, hätte man für die erwähnte Lichtmasse in der Stunde achtzehn Thaler aufzuwenden oder für je zehn Kerzen Leuchtkraft 73/7 Neugroschen, was etwa das Zehnfache des jetzigen Oelpreises ausmacht, vom Petroleum end Solaröl ganz abgesehen. Aus diesen wenigen Daten erhellt, daß vorläufig das neue Licht nur für einzelne besondere Zwecke mit Vortheil angewandt werden kann, von allgemeinem Gebrauche schließt es seine Kostspieligkeit noch aus.

Indeß, wie dies in allen ähnlichen Fällen zu geschehen pflegt, sobald das Magnesiumlicht erst wirklich in die Praxis übergeht, werden sich die Kosten seiner Herstellung bald wesentlich verringern. Wie wir soeben lesen, hat die Washingtoner Regierung bedeutende Mengen von Magnesium aufgekauft, um auf der nordamerikanischen Flotte, zunächst auf dem Blockadegeschwader, das neue Licht zu erproben. Eine Gesellschaft, de sich gebildet hat, die Magnesium-Metal-Company, wird das Magnesium in großem Maßstabe darstellen, während auch bereits verschiedene europäische Regierungen sich mit Versuchen befassen wollen, das Magnesiumlicht zu Küsten- und Seesignalen und namentlich für Leuchtthürme zu benutzen. Gelingt es, ein Pfund Magnesium um sieben bis acht Thaler verkaufen zu können und dem Metalle durch Zusatz anderer Substanzen noch größere Dehnbarkeit zu verleihen, so daß man es zu haarfeinem Drahte zu strecken vermag, so wird sich das neue Licht rasch genug in unsern Häusern einbürgern. Welch prächtige Sache dann, wenn man sich nicht mehr mit Oel und andern fettigen Stoffen und Flüssigkeiten zu beflecken braucht, nicht mehr Cylinder zu putzen und Dochte zu beschneiden, sich nicht mehr über Blaken und Rußen der Lampe zu ärgern hat, sondern einfach sein reinliches dünnes Drahtstückchen entzündet und nun eine wahre Lichtfluth über sein Gemach, das Boudoir, den Salon, den Saal ergossen sieht! Auf Eines nur werden wir wohl für immer verzichten müssen: auf die Hoffnung nämlich, die Straßen und Plätze unserer Städte ebenfalls magnesianisch erleuchtet zu haben; denn angenommen selbst, daß der Kostenpreis des Metalls sich wirklich in obengenanntem Verhältnisse ermäßigt, so wird das Magnesiumlicht immer mindestens zehnmal so theuer bleiben, wie das Gaslicht.


Schleswig-Holstein. Wie die Zeitungen berichten, ist der Noth der Kriegsbeschätigten auf Alsen, namentlich in Sonderburg, noch lange nicht abgeholfen; dies hat uns veranlaßt, von den durch die Gartenlaube für Schleswig-Holstein gesammelten Geldern eine weitere Summe von Eintausend Thalern durch das Hülfs-Comité in Hamburg den nothleidenden Alsenern zugehen zu lassen.

Die Redaction.




Zur Nachricht

Mit nächster Nummr schließt das erste Quartal, und ersuchen wir die geehrten Abonnenten, ihre Bestellungen auf das zweite Quartal schleunigst aufgeben zu wollen.

Leipzig, im März 1865.

Die Verlagshandlung

  1. Der mit den schleswig-holsteinischen Verhältnissen vertraute Verfasser dieses Artikels referirt über die dortigen Persönlichkeiten und Zustände nach längerer eigener Anschauung und übernimmt deshalb auch die Verantwortlichkeit der in dieser Schilderung ausgesprochenen politischen Ansichten.
    D. Red.