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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1864) 017.jpg
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[17]

No. 2.   1864.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.





Das ewige Licht.
Von Carl August Heigel.


1. Im tiefen Keller.

Ein Kloster an der Donau nicht weit von X. Hohe Felsen tauchen ihre Brust in das grüne Gewässer, eine düstre, verwitterte Gesteinsstrecke, ursprünglich vielleicht eine ungeheure Höhle, unter deren Wölbung in Finsterniß und Stille, gleich dem Acheron, die Donau dahinzieht.

Am rechten Ufer treten die Steinmassen plötzlich zurück und lassen einen schmalen Landstrich frei, auf dem seit Jahrhunderten das Kloster steht. Es führt kein anderer Weg zu ihm, als der Fluß. So liegt dieses Kloster fast abgeschlossen von der übrigen Welt, in einer Natur voll strenger Größe.

Steht man im Klosterhof, so bildet der steile Felsen den Hintergrund; zwei Flügelgebäude ziehen sich flußwärts und werden am Ufersaum durch die Kirche verbunden. Derjenige Flügel, dessen Thorweg der einzige Ein- und Ausgang ist, enthält eine Brauerei, die Vorratskammern und Keller; bewohnt wird er von wenigen weltlichen Wirthschaftsknechten. Der andere Flügel ist das eigentliche Kloster. In seinem ersten Stock liegen Zellen für zwanzig Mönche, im Erdgeschoß befindet sich außer einigen Gastzimmern für hochgestellte Geistliche das Refectorium und die Bibliothek. Alle Gemächer gehen nach einem Garten hinaus, den man der Landzunge noch zur Noth abgerungen hat; die Fenster der Corridore aber führen nach dem Hof.

Zur Zeit, da unsere Geschichte sich im Kloster ereignete, bewohnten es zwölf, mit dem Prior dreizehn, Benedictiner. Sie dürfen abwechselnd zu Zweien wöchentlich im Klosterkahn einen Ausflug nach den nächstgelegenen Dörfern machen. Sonst beschränkt sich ihre Bewegung auf den Garten, den Hof und die Corridore.

Die Einkünfte der Brauerei bilden den Hauptunterhalt des gering dotirten Klosters. An jeder Mittwoch bringt ein Marktschiff aus der benachbarten Kreisstadt die Nahrungsproducte und andern Lebensbedarf. Am Sonnabend und Sonntag pflegen die Landleute und nicht wenige Städter aus der Umgebung zur Beichte und Predigt zu kommen.


Es waren späte Ostern, aber ein früher Lenz. Unter immer blauem Himmel war der Schnee längst von den Höhen geschmolzen, die Landschaft grünte, und schon gab es sommerlich heiße Tage. Eines Nachmittags ward die Schwüle selbst an diesem felsigen, wasserreichen Ort empfunden. Das volle Sonnenlicht lag auf den Steinen und Rasenflecken des Klosterhofes, strahlte vom verwitterten Felsen wie von den weißgetünchten Wänden der Corridore, ergoß sich wie ein heißer Athem durch Säle und Zellen und brach stellenweise durch die langgestreckten, bemalten Bogenfenster in das geheimnißvolle Düster der Kirche, wo matt und fahl das ewige Licht in der Altarlampe brannte. Alles lag still und in träger Ruhe, wellenlos glitt selbst der Fluß dahin.

Weil es denn oben keine Flucht vor Hitze und greller Helle gab, hatten sich zwei Mönche unter die Erde geflüchtet. Im kühlen Gelaß, das eine Art Vorgemach im tiefen Felsenkeller bildete, saß Pater Eusebius mit dem Bruder Kellermeister. Auf dem Tisch vor ihnen stand eine schmutzige, brennende Laterne und warf ihren Flackerschein auf den Weinkrug und die beiden Zecher, auf die feuchten, schwarzen Wände und die steile Steintreppe. Nur vier schwach schimmernde Streifen Tagelichts zeichneten die Kellerthür, zu der die Stufen aufwärts führten.

„Wenn jetzt der Prior käme!“ sagte Eusebius.

„Ver …. heilige Jungfrau!“ rief der Andere und nahm erschrocken den Krug vom Munde. „Ach, sprich nicht so aufregende Dinge,“ fuhr er dann bittend fort. „Pater Gregor schläft jetzt so sicher, wie zweimal zwei vier ist. Alle schlafen. Wenn Du einem schlichten Bruder nicht grollen wolltest, möchte ich mir fast die Bemerkung erlauben, daß Ihr Herren Patres nicht viel anderes zu thun habt!“

Silentium! nicht vorwitzig, Herr Frater! Nichtsdestoweniger, sollst leben, alter Freund! War doch eine schöne Zeit, als wir noch zusammen in die Dorfschule gingen!“

„Gott soll mich bewahren, ja sie war schön – aber gelernt habe ich wenig,“ versetzte eifrig der Andere. „Vom Latein verstehe ich nur das Ergo bibamus und Vivat. Im tiefen Keller ist mein Reich; die alten Fässer sind meine Bibliothek. Durch langen Umgang mit ihnen habe ich sie studiren gelernt, ohne Kopfweh davon zu bekommen. Im Wein ist Wahrheit. Im Wein ist fröhliche Musik; er erheitert das Gemüth und stimmt die Menschen gesellig. Die Bücher dagegen sind Urheber der Schwermuth, der Unduldsamkeit, und unter den Gelehrten herrscht ewige Zwietracht. – Sieh unsern Prior und Pater Benedict! Waren sie früher nicht die besten Freunde und sind sie sich jetzt nicht spinnefeind? Und wer ist daran schuld? Die Bücher und alten Pergamente, in denen Benedictus den lieben langen Tag seine Nase hat. Jeder will mehr und besser wissen als der Andere … Laßt mich mit Eurer Gelehrsamkeit!“

Beim Namen Benedict flog ein grimmiger Ausdruck über des Paters Gesicht; aber er bezwang sich und sagte, die Achsel zuckend: „Ich will Benedictus nichts Uebles nachreden, aber er ist ein Schwärmer, ein überspannter Kopf! Willst Du das Feuer [18] nun schelten, weil sich Kinder und Narren zuweilen die Finger verbrennen?“

Der Kellermeister machte große Augen. „Du meinst doch nicht im Ernst, daß Pater Benedict …“

„Ich will keinem Menschen zu nahe treten,“ unterbrach ihn Eusebius, „am wenigsten einem Ordensbruder und geweihten Priester, aber – mehercle! wenn ich Prior wäre, hätte ich ihn längst in ein Strafkloster geschickt, wo er Nichts als vier kahle Wände sehen und an den Spinnengeweben Naturgeschichte studiren sollte! Blickt er nicht mit Verachtung auf uns herab, als sei er Platon unter Scythen? Menschlich sind menschliche Schwächen, sagt Thomas von Aquin; aber wenn ich Prior wäre – nicht aus Feindseligkeit gegen Benedictus, sondern um des christlichen Seelenheiles willen würd’ ich ihn einsperren! Denn heißt es nicht die Jugend vergiften, wenn man solch einen Freimaurer jährlich als Professor nach der Stadt schickt? Heißt es nicht die Gemeinde corrumpiren, wenn man ihn Sonntags predigen läßt?“

„Aber wenn Benedict predigt, ist die Kirche voller als bei jedem Anderen!“

„Das ist ja das Unglück! Weil er ein Schönredner, ein heilloser Sophist ist, strömt ihm das dumme Volk zu. Die Kanzel ist kein Lehrstuhl des Zweifels, sondern der Thron des Dogma’s.“

„Aber Benedict macht unser Kloster berühmt! Und seine Schrift, die vom vorigen Jahre, haben selbst protestantische Professoren gerühmt.“

„Per deum!“ rief Eusebius und schlug auf den Tisch; „glaub’ es wohl, daß die Protestanten ihn loben! Giebt er doch den Ketzern in mehr als Einem Fall Recht! sagt an einer Stelle sogar, der Luther und die Reformation hätten unsrer Kirche seit den Aposteln den meisten Nutzen gebracht! Ein katholischer Priester! ein Ordensgeistlicher! Der bare Atheismus steckt dahinter. Das Buch gehört so gut auf den Index, wie Voltaire und David Strauß!“

„Das mußt Du besser wissen, als ich. Ich bin nur ein schlichter Bruder und darf mir kein Urtheil anmaßen. Aber gram kann ich ihm nicht sein. Er ist gegen uns Brüder gut und freundlich. Er spricht mit unser Einem, als wenn er selber Zeitlebens Küfer gewesen wäre! Und doch ist er kein Weintrinker! Er weiß und kennt eben Alles.“

Eusebius pfiff leise vor sich hin und spielte mit dem Scapulier.

„Rühme diese Tugenden doch dem Pater Prior!“ spottete er.

„Ich werde mich hüten. Zwischen diese Beiden mag sich ein Andrer wagen!“

„Du hältst sie wohl für zwei Mühlsteine?“

„Ich bin nur ein schlichter Bruder und darf mir kein Urtheil erlauben. Das steht Dir zu.“

Der Pater schloß die Augen und faltete die Hände. „Menschlich sind menschliche Schwächen,“ sprach er. „Ich sehe an meinen Oberen nur das Gute.“

„Hm, wie war’s aber vor acht Tagen, als Du auf Deinen Aerger über den Pater Prior süßen Ungar trinken mußtest?!“

„St!“

„Er sei ein unverbesserlicher heftiger Grobian, sagtest Du; er hätte Landwirth bleiben oder Husar werden sollen, dazu passe er schon seiner Figur und Körpergröße nach besser. Sein Latein hätte er aus Büchern über Düngerwirthschaft …“

Eusebius hielt dem Kellermeister die Hand vor den Mund.

„Still!“ rief er. „Wenn der Pater Prior das erfährt, schlägt er diesen Steinkrug auf unsern Köpfen entzwei. Ich will nur noch Wasser trinken, wenn Du seinen Jähzorn nicht mehr als einmal kennen gelernt hast!“

„Lassen wir das. Ich will Dir etwas Neues anvertrauen.“

„Ein Geheimniß?“

„Zwischen dem Pater Prior und Benedict kommt es heute oder morgen zum Austrag. Ich verstehe mich auf Physiognomien. Unser Prior wetterleuchtet schon. Entweder wird Benedictus –“

Von oben herab tönte plötzlich in die Nachmittagsstille die Thorglocke. Beide Mönche sprangen empor. „Da kommt Besuch,“ sagte der Kellermeister. „Spute Dich, bevor der Pförtner hinterm Ofen vorkriecht!“

Eusebius war schon die Treppe hinangesprungen und stand bereits im Thorweg, als die Glocke zum zweiten Male erklang.

„Kling, kling! nur nicht so eilig!“ brummte der Bruder Pförtner, der aus seiner Thüre trat und sich die verschlafenen Augen rieb.

Pater Eusebius that, als käme er vom Hofe, und wartete, bis der Fremde eingelassen wurde. Auch der Kellermeister kam nachgeschlichen. Jetzt beim Tageslicht erschien der kleine, schmächtige Pater gegen seinen dicken und breitschultrigen Zechgenossen, den das kurze Scapulier der Brüder gar komisch kleidete wie Fallstaff’s Page. Das schwarze Sammtkäppchen nahm sich auf der dünnen, ganz schwarzgekleideten Figur mit dem vergilbten und verkniffenen Gesicht wie das Tüpfelchen auf einem i aus.

Ein hübscher Knabe von fünfzehn Jahren, von einem Livreebedienten begleitet, trat ein. Bevor er vom Mönchstrifolium Notiz nahm, wandte er sich an den Diener. „Sie können gehen! Lassen Sie sich zum Dorf zurückrudern, wo der Doctor wartet. Sagen Sie ihm, daß ich nicht ertrunken sei und daß ich um zehn Uhr wieder bei ihm sein würde!“ Der Diener ging.

Jetzt wandte sich der Fremde zu den Benediktinern und begrüßte sie. Der Kopf, der leicht auf den Schultern saß, hatte feine, angenehme Züge. Das Haar war sorgfältig gescheitelt, die Hautfarbe schimmernd. Trotz der Reitgerte, welche der Junge keck in seiner Rechten schwang, brachte er die parfümgetränkte Salonluft mit. Kurz, es war eine jener Knabengestalten, die beim ersten Anblick unwillkürlich an ihre Mutter oder Schwester erinnern, so daß wir die aschblonde, zarte, aber nervöse Dame zu sehen und ihr Seidenkleid rauschen zu hören glauben.

„Was wünschen Sie?“ fragte mürrisch der Pförtner.

„Mein Name ist Geldern, Graf Felix Geldern –“ Die drei Mönche verbeugten sich, sowie sie den Titel Graf hörten, wie auf Commando.

„Ich wünsche meinen Professor, den Pater Benedictus, zu besuchen.“

„Ueberlassen Sie den jungen Herrn mir,“ sagte Eusebius zum Pförtner und wandte sich dann mit hoher Miene an seinen Freund, den Kellermeister. „Bitte, kommen Sie, Graf Geldern!“

Sie gingen über den Hof nach dem andern Flügel. Der Büchersaal im Kloster war weißgetüncht und schmucklos. Die Wände waren mit Büchern, zum größten Theil mit den Folianten der Kirchenväter bedeckt. Am breiten Eichentisch in der Mitte saß ein Mönch und las. Beim Anblick des hastig eintretenden Knaben erhob sich dieser Mönch rasch, eine schmächtige, unscheinbare Gestalt; das Gesicht verwacht und von ungesunder Farbe; die braunen Augen groß und klar, der Scheitel fast kahl, wodurch der Stirne Wucht und Bedeutung noch mehr hervortrat. Er streckte dem jungen Grafen freundlich die Hand entgegen. „Willkommen, Felix faustusque!“ rief er. Es war Benedictus.


2. Das ewige Licht leuchte ihm!

Das Meer des Lebens schlug mit der Stimme des blonden Knaben an ihr Ohr. Im matterleuchteten Speisesaal saßen sie und hörten auf das harmlose Geplauder von Schauspielen und Festen, dreizehn schwarzgekleidete Männer, verschieden an Alter und Antlitz, eins in der Entsagung. Sie durften, mit Ausnahme des Priors und Pater Benedict’s, der den Gast hatte, nicht selber sprechen, denn das Abendbrod war vorüber, und Pater Eusebius hatte aus den Legenden die Geschichte vom heiligen Benedictus vorgelesen, der, von irdischen Wünschen und Begierden entbrannt, sich nackt in die Dornen der Rosensträucher warf. So beobachteten sie denn das gebotene Schweigen, aber, das Auge auf den jugendlichen Erzähler gerichtet, hörten sie das Getön der fernen Hauptstadt, Musik und Gesang, sahen hellerleuchtete Säle und lächelnde, in Seide rauschende Gestalten, und der Welt buntes Maskenspiel erschien den Aelteren wie ein Märchen, den Jüngeren – ein Traum.

„Und Ihre Frau Mutter,“ fragte der Prior, „gab in diesem Winter wohl auch viele Feste?“

„Nein,“ antwortete der junge Graf mit der Offenheit der Knaben; „nein, meine Mutter ist seit einiger Zeit sehr leidend.“

„Wie alt ist Ihre Frau Mutter?“

„O, noch sehr jung, fünfunddreißig Jahre. Die Leute halten mich immer für ihren Bruder. Meine gute Mutter! Ich war drei Jahre alt, als Papa starb, aber sie ist so klug und so zärtlich besorgt, daß ich nie einen Vater vermißte.“

„Und sie ist krank?“

„Krank wohl nicht, aber traurig. Pater Benedict würde sie kaum wieder erkennen, so blaß und still ist sie seit dem vorigen Herbst geworden. Oft finde ich sie mit verweinten Augen. Unser [19] Arzt meint, es käme von den Nerven, aber ich fürchte, daß sie sich meinethalbem grämt. Sie ängstigt sich zu sehr, daß ich so jung schon Soldat werde. O,“ wandte sich Felix an seinen ehemaligen Professor, -„wie sie sich freuen wird, wenn ich ihr von meinem Besuch hier erzähle! Es vergeht kein Tag, an dem nicht Ihr Name unter uns genannt wird, und wenn meine Mutter von Ihnen spricht, wird sie rothwangig, froh und beredt!“

Der Prior warf einen überraschten, funkelnden Blick auf Pater Benedict; aber die Augen des Letzteren begegneten ihm so klar und ruhig, daß er die seinigen senken mußte. Er that noch einige gleichgültige Fragen an den Gast, dann verabschiedete sich der Letztere von ihm und den übrigen Mönchen. Benedictus begleitete seinen Schüler an’s Thor. Als Beide aus dem Corridor in’s Freie traten, stand der Mond am Himmel und beleuchtete den stillen Klosterhof. Die breite Marmortreppe, die zur Kirche aufwärts lud, glänzte wie Silber, das Gotteshaus selbst aber lag dunkel. Die Luft war schwül und duftete, als brächen schon die Rosen auf.

Graf Felix blieb unter dem Kreuzbild inmitten des Platzes stehen und blickte auf die friedvolle Stätte, die der mondbeglänzte Fels wie ein ehernes Riesenthor von der übrigen Welt abschloß. „Wissen Sie, Herr Professor,“ begann Jener, „daß es mir ordentlich wehe wird, von diesem Ort zu scheiden? Ich fühle mich hier so wohl, ich würde hier ein guter Mensch werden. Wahrhaftig, am liebsten bliebe ich hier, bliebe bei Ihnen!“

Ein wehmüthiges Lächeln zog sich um den Mund des Begleiters. „Felix,“ sagte er, und legte seine Hand auf des Knaben Schulter; „die Stille ist nicht immer der Friede. Sie würden sich aus klösterlicher Einsamkeit bald in’s Freie sehnen, denn nur der darf dem Irdischen entsagen, der das Irdische erkannt hat. Ihnen aber ist noch das Leben eine vielversprechende Blüthe, und der Mensch ein fragwürdiges Räthsel. Sie sind zu einem andern Ziel geboren, als ich. Ihre Gaben, Ihre Erziehung weisen Sie in die Welt!“

Felix hörte mit kindlichem Vertrauen auf seinen Lehrer, schnell auch überkam ihn wieder die Heiterkeit der Jugend. „Der Pater Prior,“ plauderte er, „scheint mir ein guter und leutseliger Mann zu sein, aber – ich darf es Ihnen wohl gestehen – er sieht gar nicht wie ein Klostergeistlicher aus. Ich mußte fortwährend an ein altes Bild denken, das in unserm Schloß hängt. Es soll einer meiner Ahnen, ein Reiterobrist aus dem dreißigjährigen Kriege, sein, ein großer, stattlicher Mann mit rothem Gesicht und kleinen Feueraugen, vor denen ich mich als Kind immer fürchtete. Gerade so sieht Ihr Pater Prior aus, nur daß er keinen Bart und keinen Lederkoller trägt.“

„Der Pater Prior,“ versetzte der Andere in gutmüthigem Scherz, „würde auch dem Soldatenkleid keine Schande machen; er ist stark und tapfer.“

Sie gingen einige Schritte, dann stand Graf Geldern wieder still und fragte plötzlich: „Halten Sie meine Mutter für unglücklich?“

„Vielleicht,“ antwortete Pater Benedict nach einer kurzen Pause. „Doch, wenn sie es ist, ist sie’s nur im Gemüth. Die Herzenswunden aber heilt und vernarbt die Zeit. Der Mann hat noch andere, schlimmere Qualen: Unfrieden und Zwiespalt des Geistes, und das sind Wunden, die selbst die Heilkünstlerin Zeit müde machen.“

Der Knabe nahm ein zierliches Buchzeichen aus seiner Brieftasche. „Dies,“ sprach er, „sendet Ihnen meine Mutter; sie hat es selbst gestickt. Sie möchten unser nie, nie vergessen und für uns beten, waren ihre letzten Worte.“

Benedictus nahm das schlichte Erinnerungszeichen, er sagte nur: „Seien Sie ein guter Sohn, Felix!“ aber er sagte es mit vor Bewegung zitternder Stimme.

„Und denken Sie nicht mehr nach der Stadt zu kommen? Die Schule verehrt Sie so sehr!“

In diesem Augenblicke that ein Wetterleuchten den ganzen Himmel auf, und Benedictus, der das Antlitz erhoben hatte, sah mit verklärtem Blick wie ein ahnungsreicher Seher aus. „Ich werde wohl nicht wiederkommen …“ sagte er leise.

Im Thorweg wartete schon der Diener. „Wir müssen eilen, Herr Graf,“ sprach dieser, „denn es wird ein Gewitter geben. Ueber die Felsen zieht’s kraus und schwarz herauf.“

Sie nahmen Abschied. Von einem bangen Gefühl des Nimmerwiedersehens belastet, drückte der Knabe dem theuren Lehrer immer wieder die Hand, bat um seinen Segen und warf sich zuletzt laut aufweinend an seine Brust. „Stark und still, mein Sohn,“ sagte Benedictus mit seiner sanftesten Stimme. „Gott segne Dich ..“

Die Thorglocke klang, und Benedictus ging allein, gesenkten Hauptes, über den Hof in’s Brüderhaus zurück. In den Corridoren huschten die schwarzen Gestalten wie Schatten aneinander vorüber, die Brüder in den matterleuchteten Schlafsaal, die Patres in ihre Zellen. Auch Benedict begab sich in seine Kammer; der Prior ging dicht vor der Thür an ihm vorbei, hoch aufgerichtet und mit widerhallendem Schritt, wie er in Zorn und Erregung aufzutreten pflegte, aber der Gelehrte hatte sein nicht Acht. Bald darauf wurden nach der Ordensregel alle Lichter ausgelöscht, und durch die öden Gänge flackerte nur noch der Schein des aufziehenden Wetters und zuweilen ein scheuer Blick des Mondes aus eilendem Gewölk. Es war ein stummer Kampf in den Lüften, und ungeduldig rauschte das Wasser der Donau dem ersten Gewitter entgegen. In diese geheimnißvollen Schauer einer Frühlingsnacht tönte wie der Pulsschlag der Menschheit der Pendelgang der Thurmuhr.

Im Innern der Kirche brannte, gegen Wind und Wetter wohl verwahrt, die ewige Opferflamme vor dem Hochaltar. Als die Glocke elf schlug, gingen zwei andere Lichter im Kloster auf. Das eine trug aus kühlem Felsenschacht der weinselige Bruder Küfer empor. Als er vorsichtig die Kellerthüre wieder zuschloß, sah er das zweite Licht im ersten Stock des gegenüberliegenden Flügels auftauchen und langsam die Fensterreihe entlang wandeln. Dies Licht trug der Prior. Im vollen Anzug, die schwarze Kapuze über den Kopf gezogen, schritt er auf den Zehen an den Zellen vorüber. Vor der letzten Thür, dicht neben dem Eingang zum Sängerchor, machte er Halt. Es war Benedictus’ Zelle. Der Prior stellte seinen Leuchter auf den Boden und horchte an der Thür. Alles still … . In jeder Zellenthüre ist ein Schiebfensterchen angebracht, durch das der Prior seine Mönche beobachten kann. Pater Gregor schob es zögernd zurück und blickte hinein. Ein Wetterstrahl erhellte das enge Gemach. Es war leer, das Lager stand unberührt.

Ein tiefer Seufzer entquoll dem Prior. Er schlug sich vor die Stirn, und auf seinem Antlitz kämpften Gram und Zorn. Dann ergriff er hastig das Licht, eilte zurück, die Treppe hinab und trat durch den Erdflur in die Kirche. Vom Corridor gelangte man in das Schiff der Kirche. Die Wölbung wurde von Pfeilern getragen. Auf den Längeseiten waren je zwei Fensterpaare, links vom Eintretenden gingen sie auf die Hoftreppe, rechts auf den Fluß. Das letzte sich entsprechende Fensterpaar erhob sich aus dem höhergelegenen Hauptchor, nur wenige Fuß über dem Boden. Dazwischen stand der Hochaltar. Der Prior, nachdem er die Thür hinter sich zugezogen, hielt die Hand vor das Licht und blickte aus dem Hintergrund des Schiffs in den gähnenden Raum. Düster, feierlich, still! Nur wenn ein Blitz durch die Fenster flackerte, schienen die weißen Pfeiler plötzlich emporzuzüngeln; die Gestalten im Deckengemälde wurden sichtbar und lebendig, und die bekrönten Knochengerippe in den Heiligenschreincn der Nebenaltäre leuchteten seltsam.

Aber nicht links, noch rechts sah der Prior, sondern starrte vorwärts zum Hochaltar. Dort war die Ampel mit dem ewigen Licht tief herabgezogen, und bei ihrem Schimmer saß ein einsamer Mönch auf den Chorstufen und las. Dieser Mönch war Benedictus. Und so tief war sein Geist im Buche, daß er des Priors Gegenwart erst gewahrte, als dieser, herangeschritten, die Hand auf seine Schulter legte. Er erblaßte und stand auf, aber sein Auge verrieth keine Furcht. So standen sie eine Weile sich schweigend gegenüber, der hochgewachsene, gebieterische Gregor und die bescheidene Gestalt des Gelehrten. Das Flußfenster neben dem Hochaltar war geöffnet, und sie konnten die Wellen der Donau rauschen und an die Mauern schlagen hören. Der erste Donner löste sich langsam und durchwallte die Felsenschlucht.

Der Prior stritt einen schweren Kampf. Im Glanz seiner Augen, im Zucken der Stirnader verrieth sich sein Zorn; er hätte wie das Wetter draußen aufbrüllen und toben mögen, aber er bezwang sich. Langsam schritt er die Stufen empor und that, indem er seinen Leuchter auf die Erde stellte, einen Kniefall vor dem Allerheiligsten. Dann kehrte er sich wieder zu Benedict. Unwillkürlich folgte dieser dem Prior auf den Altartritt und stützte, mit dem Rücken gegen das Fenster stehend, die Hand mit dem Buch auf den Altar.

„Ein heiliges Werk,“ begann der Andere mit einem Blick auf [20] das Buch, „ein Heiliges Werk muß es sein, womit Pater Benedict den Bruch der Klostergesetze entschuldigt!“

„Jedes Buch,“ antwortete Jener mit seiner wohlklingenden Stimme, „das ein denkender Geist schrieb, ist heilig. Es ist Spinoza.“

„Spinoza!“ schrie der Prior auf. Dann warf er sich auf die Kniee, streckte die Arme gegen das Allerheiligste und rief: „Herr! gehe nicht in’s Gericht mit dem Frevler!“ Wieder sprang er empor und riß die Hand des Mönches vom Altar. „Entweihe nicht den Tisch des Herrn, Wahnsinniger! Ist es nicht genug, daß Du das ewige Licht zu gottverfluchten Studien mißbrauchtest?“

„Das wahre ewige Licht ist der Geist. Der Schimmer der Unsterblichkeit ist auch in diesem Buch; also nenn’ es nicht gottverflucht! Schlimm genug, daß ich heimlich wie ein Dieb, in Nacht und Finsterniß sehen lernen muß!“

„Den Atheismus trugst Du in’s Gotteshaus,“ donnerte Gregor. „Auf die Kniee, Kirchenschänder!“

„Ich wiederhole Dir, dies Werk ist nicht gottlos,“ entgegnete der Andere stolz. „Ich kenn’ es. Wer urtheilen will, der prüfe erst!“

„Willst Du den Index der Lüge zeihen? Ueber Spinoza und seine Lehre sprach der Papst den Bann.“

„Der Lüge nicht, aber des Irrthums.“

„Verruchter!“

„Und die Erde bewegte sich doch.“

Der Prior rang nach Athem. „Herr! Herr!“ stöhnte er, dann wies er hinaus auf den Himmel, der ganz in Feuer stand. „Fürchtest Du nicht den Zorn des Allmächtigen? Hörst Du seinen Donner nicht?“

„Ich vernehme den Ewigen überall in der Natur; nicht als Zorn, sondern als Gesetz. Aber gestatte mir, mehr noch als diese Entladung elektrischer Strömungen den Geist zu bewundern, der sie begreift!“

„Du hast den Stolz der Schlange; Du bist keiner der Unsrigen mehr, die Kirche lehrt Unterwerfung, unser Orden Demuth.“

Wie des Priors Augen im Zorn, flammten Benedictus’ Augen jetzt in Begeisterung auf. „Die Geschichte des menschlichen Gedankengangs ist die Weltgeschichte,“ rief er. „Wehe über euch, wenn ihr an den scholastischen Kreis glaubt, der ewig nur sich gebiert! Wehe, wenn ihr in neuer Zeit die Zungen des Mittelalters redet! Ich stehe zu euern Fahnen, aber Vorwärts rufe ich ihnen zu. Laßt uns Priester Denker sein, und unsere Kirche sieht abermals die Welt zu ihren Füßen!“

Wiederum ward es still zwischen Beiden. Ein Blick Gregor’s fiel durch das offene Fenster, unter dem der Fluß toste. Das erinnerte ihn an den zornigen See, aus dem er einst den Knaben Benedictus gerettet. Jetzt sieht er seinen Jugendgenossen im Strudel eitler Spekulation, der ihm grundlos wie die Hölle scheint. Und dahin kann er ihm nicht folgen, nur vom sichern Boden seines Glaubens zurufen: Rette Dich!

Er legte die Hand auf Benedict’s Schulter und sagte weich: „Freund, ich habe mir ein Recht auf Dich erworben. Denk’ an die Stunde, da ich mit eigener Todesgefahr Dich der Fluth entriß! Damals schon hattest Du den starren, eigenstolzen Sinn. „Noch nicht!“ war Dein erstes und einziges Wort. Beim Himmel, soll ich jene That bereuen? Soll ich Dein Leben gerettet haben, damit jetzt Deine Seele verloren geht? Nein, noch will ich sagen: Noch nicht! „Ich trage einen Dämon in mir,“ rief Paulus, „der mich nicht ruhen läßt? Dein Dämon ist der Hochmuth. Entsage der Welt und ihrer Eitelkeit, widme Dein Denken der Kirche und wirf dies unselige Buch in die Donau!“

„Ich hab’ Entsagung geübt,“ flüsterte Benedictus und unterm Rollen des Donners hörte er fern, fern das leise Weinen einer Frau. Dann hoch sich aufrichtend, sprach er ruhig, aber fest: „Mein Geist baut Tag und Nacht an unsrer Kirche, einer Kirche freilich, wie sie die Zukunft sehen wird. Dies Buch hier ist nur ein Stein, und wenn ich den jetzt auch verwerfe, wirst Du ihn doch in meinem Bau wiederfinden.“

Der Prior, den nach seinen fruchtlosen Versöhnungsversuchen der Zorn gedoppelt erfaßte, preßte krampfhaft Benedict’s Arm. „Mensch,“ sprach er mit heiserem Ton, „laß die gotteslästerlichen Bilder! Ich frage Dich: Hast Du das Herz, Deinem zweiten Vaterhaus, dem Kloster, und mir solche Schmach zu bereiten? So lang diese Mauern stehen, noch sahen sie keinen Abtrünnigen, und kein Aergerniß ging aus ihnen in die Welt. Soll ich, der Erste, sagen müssen, wir haben einen Eidbrüchigen unter uns?“

Benedictus ließ den Donner verhallen, dann erwiderte er: „Ich habe nie mein Herz befragt und nie geschont. Widerlege meinen Geist!“

„Wurm!“ schrie Gregor, im tiefsten Innern getroffen. „Kraft meines Amtes, als Dein Prior befehl’ ich jetzt: Wirf zum ersten Zeichen Deiner Reue dies Buch in die Donau!“

„Kraft seines Amtes,“ entgegnete der Andere bitter, „ließ Torquemada hunderttausend Andersdenkende verbrennen, und doch stand ein Luther auf. Giordano Bruno bestieg den Scheiterhaufen, aber sein Wort von der Einheit Gottes und der Welt lebte in Spinoza wieder auf. Das Wort hat Millionen Leben, und es ist mächtig in mir.“

„Ich werde Dich verstummen machen!“ knirschte der Prior.

„Ich wag’s,“ fuhr Benedict begeistert fort. „Die Natur kann donnern, der Mensch hat das Wort. In alle Welt will ich mein Vorwärts rufen. Morgen, von jener Kanzel, in die lauschende Gemeinde hinab sollst Du mich predigen und rufen hören: Vorwärts!“

„Das wolltest Du?“

„Morgen.“ – „Nie! nie!“ schrie der Prior auf. Und plötzlich schnellte er wie ein Tiger empor, hob und schwang Benedictus mit ehernen Armen und schleuderte ihn in furchtbarer Anstrengung, aber auch mit furchtbarer Kraft durch das Fenster. Er selbst brach dabei an der Brüstung zusammen, hörte einen kurzen Schrei und das Aufschlagen der Wellen … sie brausten über Benedictus …

Warum hält der Donner gerade jetzt seinen Athem an?

Warum jetzt nur das Rauschen der Donau? O, noch einen Hülferuf aus der Tiefe, Musik für Gregor’s Ohr! er würde hinabspringen, seinen Benedict zum zweiten Mal retten! Aber nur die Woge rauscht, wirbelt und zieht, zieht mit einem Todten in die Welt.

Ein Luftzug verlöscht in diesem Augenblick das Licht Gregor’s, das auf den Altarstufen brennt, und eine ferne Thür fällt in’s Schloß. Gregor schrickt zusammen, und dieser Schrecken tauft seine nachtgeborne That: Mord!

„Es ist geschehen. – Ich bin ein Mörder, vor Gott – – aber vor Niemand sonst. Der Fluß hat Benedict begraben, und mein Kloster bleibt vor Schande bewahrt.“

Er rafft sich auf und stößt dabei auf das Buch, das Benedict im entsetzlichen Augenblick entfallen ist. Gregor zittert bei seiner Berührung, dennoch vermag er es nicht in den Fluß zu werfen. Er verbirgt es unter seinem Scapulier.

Er will die Kirche verlassen, aber ihn schaudert vor der gähnenden Dunkelheit. So zündet er denn seine Kerze am ewigen Licht an, das niemals wieder auf Benedictus’ Gedankenwege glänzen wird.

Dann wankt er in’s Schiff hinab, verläßt die Kirche, die er, der Priester, entweiht. Ein scheuer, fluchbeladener Verbrecher, kehrt er in seine Zelle zurück, die er als strenger, gotteszuversichtlicher Richter verließ. Und so, gebrochen, lebensmüde, in Reuethränen zerfließend, wirft er sich vor dem Crucifix nieder und spricht das Todtengebet: „Et lux perpetua luceat ei! Und das ewige Licht leuchte ihm!“

(Fortsetzung folgt.)




Deutsche Volks- und Gedenkfeste.
1. Die Kinderzeche in Dinkelsbühl.

Wer je am Montag vor Margarethe Morgens zu den festlich geschmückten Thoren der ehemals freien Reichsstadt Dinkelsbühl – jetzt zu Baiern gehörig – einpilgert, der findet die ganze Stadt in freudiger Aufregung; denn „es ist heute Kinderzeche“ heißt es. Jede Arbeit ruht; straßenauf und ab wogt die Menge Einheimischer und Fremder, die schon Tags zuvor, in großer Anzahl sich eingefunden haben, und Alles harrt in gespannter Erwartung, bis der Umzug beginnt. Vom evangelischen Schulhause geht er

[21]
Die Gartenlaube (1864) b 021.jpg

Die Kinderzeche in Dinkelsbühl.
Nach der Natur gezeichnet von Oscar Schäffer.

[22] aus; voran die Musik, dann die Kinder, von ihren Lehrern geführt, alle festlich angethan, die Knaben mit Fahnen, die Mädchen mit Kränzen, und in der Mitte des Zuges hoch zu Roß der Oberst, ein Bürschlein von acht Jahren, in altschwedischer Uniform mit wallendem Federhut und Stulpenstiefeln, ein Gustav Horn im Kleinen. Vor ihm und nach ihm seine Schweden, vier Trommler, Hauptmann, Fähnrich und Lanzenknechte, lauter Bürschlein unter acht Jahren, aber wohlgeschult und in tapferm Schritt marschirend. So geht der Zug, von der wogenden Menge begleitet, hinaus durch’s Wörnizthor über die Brücke und dort sich schwenkend wieder zurück in die Stadt vor die Kirche, dem Herrn ein Loblied zu singen. Von da wendet sich der Zug zum Rathhause, und hier hält der kleine Oberst seinen Spruch, der also lautet:

Vernehmt, ihr Leute groß und klein,
Was ich euch jetzt berichte;
Ich schenk’ euch gute Mähre ein
Aus unsrer Stadt Geschichte.

Man weiß ja wohl das schwere Jahr,
Da ließ es Gott geschehen,
Daß sie befreit ward aus Gefahr
Durch ihrer Kinder Flehen.

Der Feind stand dräuend vor dem Thor;
O weh! wer hilft der armen?
Da drang die Bitte an sein Ohr:
„Hab’ doch mit uns Erbarmen!

Sieh hier die zarte Kinderschaar!
Wer soll uns speisen, tränken,
Willst Du der Stadt, die uns gebar,
Nicht Gnad’ und Frieden schenken?“

Da ward des Feinden Herz erweicht.
Das Schwert fuhr in die Scheide;
Viel Mutterherzen wurden leicht,
Und alles war voll Freude.

Deß zum Gedächtniß feiert man
Dies Fest seit vielen Jahren,
Und stimmet Dem ein Loblied an,
Der uns aus Kriegsgefahren

Errettet hat zu Seiner Zeit
Durch Kindermundes Lallen;
Er lasse sich’s voll Freundlichkeit
Auch heute wohlgefallen.

Er gebe uns ein frommer Herz
Und lehr’ uns kühnlich treten
Vor Ihn, in Freude wie in Schmerz
Für unsre Stadt zu beten.

 Dinkelsbühl lebe hoch!

An das Schulhaus zurückgekehrt, löst der Zug sich auf, um am andern Tage denselben Kreislauf wieder zu beginnen, und die Kinder kehren, reich beschenkt, zu ihren Eltern heim; der Oberst aber wird natürlich von seiner militärischen Suite feierlich nach Hause geleitet.

Was soll denn aber nun der Mummenschanz, und ist es auch der Mühe werth, von einem Kinderfeste, deren es doch überall genug giebt, aller Welt zu erzählen oder gar selber nach Dinkelsbühl zu kommen, um sich den Spaß mit anzuschauen? Nun, wer gerne noch eine säuberliche Stadt mit hochgegiebelten Häusern, mit schönen Kirchen und stattlichen Mauerthürmen sehen mag, eine Stadt, die weder durch Fürstengunst, noch durch des Krummstabes Walten, sondern allein durch ihrer Bürger Fleiß zu hohem Wohlstande sich erhoben hat, der noch heute in den schönen Bauten und den reichen Stiftungen „zu Gottes Ehr und der Armen Nutz“ verkörpert dasteht, der mag wohl auch sonst es nicht bereuen, seinen Fuß nach dem freundlichen Viengrunde zu kehren; ist auch die alte Zeit dahin, die alten Tugenden des Fleißes und der bürgerlichen Einfachheit sind geblieben. Es ist aber auch kein schlechter Mummenschanz, der dort am Montag und Dienstag vor Margarethe aufgeführt wird, wie Jeder schon aus des Obersten Spruch vernehmen konnte, und der freundliche Leser wird mir nun wohl noch erlauben, ihm die geschichtliche Deutung des Festes zu entziffern, soviel die Stadtchronik dazu Stoff an die Hand giebt.

Der Kinderzeche Ursprung schreibt sich jedenfalls schon von der Reformation her, welche das Volksschulwesen, wie bekannt, allerwärts in Schwung brachte. Dinkelsbühl hatte sich aber auf dem Regensburger Reichstage zur Augsburgischen Confession bekannt, und damals schon mag man darauf verfallen sein, dunch eine alljährlich wiederkehrende festliche Bewirthung sowohl der Lehrerschaft wie der Schuljugend einen Sporn zu andauerndem Eifer zu bieten.

Man gab diesem Feste den Namen „Zeche“ und hielt es regelmäßig am 23. Juli alten Styles mit festlichem Umzug vor Kirche und Rathhaus, dann mit Bewirthung der Lehrer und Kinder und lustiger Kurzweil in den Classen der Schule ab. Wohl verging der evangelischen Gemeinde in den schweren Zeiten des Interims, das sie all ihrer Rechte beraubt hatte, Lust und Freude zu festlichen Auszügen, denn auch der Religionsfriede brachte ihr nicht, was er andern Gemeinden brachte, und von fröhlichen Kinderzechen aus dieser Zeit der Drangsal weiß daher die Chronik auch wenig zu erzählen. Es folgte der dreißigjährige Krieg mit seinen Schrecken; aber eben dieser wurde es doch, der die Kinderzeche zu neuem Leben rief und ihr eine neue weitgreifende Bedeutung gab. Denn als der König Gustav Adolph von Schweden nach der Breitenfelder Schlacht mit seinen siegreichen Schaaren nach Süden zog, da dämmerte auch der evangelischen Bürgerschaft Dinkelsbühls ein Hoffnungsmorgen, obschon sie vorher noch eine schlimme Angst überstehen sollte. Während der König der Donau zueilte, um den Krieg in’s Herz der Liga hineinzutragen, zog ein anderer schwedischer Heerhaufen weiter westlich und kam im Mai von Rothenburg her angerückt, die Stadt mit Gewalt zu nehmen. Denn ob zwar die Bürgerschaft schier ohne Ausnahme dem Evangelium anhing, so war doch das Regiment katholisch, hielt’s mit der Liga und hatte eine baiersche Besatzung in die Stadt aufgenommen. So galt die Stadt den Schweden gegenüber für katholisch und hatte die härteste Behandlung von ihnen zu gewärtigen. Schon hatten sie das Vorwerk auf dem Ziegelbuck mit Gewalt genommen, da gaben die Baiern die Stadt auf und schickten die evangelische Jugend zum Wörnizthor hinaus über die Brücke dem feindlichen Obersten Clas Dietrich von Sperrnut entgegen, ihn um Gnade und Schonung anzuflehen. Die Kinder mit ihren ängstlichen Mienen und bittenden Stimmchen rührten dem schwedischen Feldobersten das Herz. Er ließ der Stadt Gnade und Schonung zu Theil werden, und seine Soldaten hielten in dem von ihnen besetzten Dinkelsbühl gute Mannszucht. Der katholische Rath freilich mußte einem evangelischen weichen, und von Augsburg aus ordnete der König an, den Evangelischen alle entrissenen Rechte wieder zu erstatten. Blieb’s nun zwar auch nicht lange so, brachte die unglückliche Nördlinger Schlacht schon nach dritthalb Jahren wieder einen völligen Umschwung und neue Bedrängnisse für die evangelische Gemeinde, welche erst der Westphälische Friede zum größeren Theile hob, so erhielt sich doch die Erinnerung an jene Errettung aus großer Gefahr, welche die Stadt ihrer fürbittenden Jugend zu danken hatte, frisch und lebendig. Und als nun endlich Friede war, da lebte auch die alte Kinderzeche mit neuer Lust wieder aus und bekam dann auch zum Andenken an jenes Ereigniß den jugendlich militärischen Charakter mit Oberst und Hauptmann, Lanzenknechten und Trommlern, seidnen Schärpen und Federhüten.

Als die Stadt an Baiern fiel, erlitt die Kinderzeche mancherlei Ungunst und nahm immer mehr den Charakter eines bloßen Frühlingsfestes an, und leicht hätte darüber die ganze geschichtliche Tradition verloren gehen können, wenn nicht das Jahr 1848 auch hier belebend gewirkt hätte. Nun wurde der geschichtliche Boden wieder neu betreten und dem ganzen Feste diejenige Gestalt gegeben, welche die Erinnerung an die Vergangenheit der Mit- und Nachwelt frisch zu bewahren geeignet ist. Seitdem blüht die alte Kinderzeche mit jedem Jahre mehr auf, und wem diese Zeilen Lust machen sollten, dies Stück alter Geschichte in jugendlich heiterem Kleide mit anzuschauen, der wird den Gang nicht bereuen.

U. Z. 
[23]
Aus jüngstvergangenen Tagen.
Nr. 3. Ein Name für das erste deutsche Kriegsschiff.
(Schluß.)
Preußer war Soldat genug, um mit dem ersten Erscheinen der dänischen Schiffe in der Bucht von Eckernförde vorherzusehen, daß es zum entscheidenden Kampfe kommen werde. Die ganze Nacht hindurch hatte er Alles vorbereitet, um glühende Kugeln so viel als möglich vorräthig zu haben. Sein Entschluß stand fest, dem Vaterlande sich bis zum letzten Athemzuge zu widmen und den Dänen den Hohn, der ihn aus seiner Kriegslaufbahn hinausgetrieben hatte, heimzuzahlen. Jedes Wort, das er im Laufe der Nacht und am Morgen des Kampftages zu seinen Cameraden sprach, war eine Ermuthigung, eine Aufmunterung. Meist waren es kecke Witzworte, beißender Hohn gegen die Dänen, die diese Ermuthigungen würzten. Dann belehrte er seine tapfern Kanoniere, daß es nicht nöthig sei, ohne Nutzen sich bloßzustellen. „Wir werden das Feuer der Kanonen auf den Schiffen sehen, ehe die Kugeln uns nahekommen. So oft wir es sehen, bückt Euch, duckt Euch hinter die Erdwälle; das macht Euch keine Schande, wenn Ihr sonst tapfer aushaltet und gleich wieder an den Kanonen seid, um zu antworten. Immer ruhig, immer lustig, Ihr Jungens; wir wollen den Dänen heiß machen.“

Während die beiden Kriegsschiffe die Nordbatterie beschossen, schickten dieselben nur selten ein paar Kugeln gegen die Südbatterie, die ihrerseits der Entfernung wegen kaum mit großem Erfolge antworten konnte. Der zweistündige Kampf gegen die Nordbatterie gewöhnte aber die Besatzung der Südbatterie wenigstens an das furchtbare Schauspiel, das dieser Kampf bot und das ihnen selbst bevorstand.

Endlich schwieg die Nordbatterie; – endlich rückten die Tod und Verderben drohenden schwimmenden Festungen mit ihren 140 Feuerschlünden langsam über den blauen Spiegel der Bucht auf die Südbatterie zu. „Jungens, jetzt kommt die Reihe an uns! Wir wollen dem Dänen zeigen, mit wem er’s zu thun hat. Geben wir uns Alle das Wort und die Hand darauf, daß wir diese Batterie nicht verlassen, bis der letzte Mann von uns gefallen und die letzte Kugel verschossen ist.“ Sie reichten sich die Hände, als eben die erste Breitseite des Christian VIII. auf sie abgefeuert wurde. Mit einstimmigem „Hurrah!“ antworteten sie.

Dann begann der ungleiche Kampf. Eine Breitseite nach der andern durchwühlte die Erdwälle; immer antworteten die vier Kanonen der Batterie mit wohlgeziellen Schüssen von glühenden Kugeln. Eine nach der andern traf die Wände der Schiffe, daß man in der Batterie das Krachen derselben hörte und die tapfern Holsten jeden glücklichen Schuß mit einem glücklichen Witze in ihrem Plattdeutsch begleiteten. So oft die Breitseiten blitzten, lagen sie alle am Boden; so bald die Kugeln über sie weggesaust, standen sie wieder bei ihren Kanonen.

Nach einem Kampfe von etwa einer Stunde gingen der Batterie die glühenden Kugeln aus; eine derselben aber steckte dem Christian so in den Rippen, daß später sich ihre Wirkung im vollen Maße zeigte. Vorerst aber wurde der Kampf jetzt mit gewöhnlicher Kanonenladung fortgesetzt. Da riß eine dänische Kugel die deutsche Flagge der Batterie nieder. Und derselbe tapfere, besonnene Befehlshaber, der seinen Kanonieren rieth, sich hinter die Wälle zu bücken, wenn der Blitz auf den Schiffen den Kugeln vorhergehe, sprang jetzt auf die Brüstung der Batterie und pflanzte, kalt, ruhig und keck, die deutsche Fahne wieder auf.

Mit einem jubelnden „Hurrah!“ seine Mütze den Dänen zum Gruß schwingend, eilte er in die Batterie zurück und wurde dort mit freudigem Hurrah-Echo empfangen.

Vier volle Stunden dauerte dieser wunderbare Wettkampf, bis endlich nach zwei Uhr Nachmittags die beiden Kriegsschiffe ein Manöver begannen, dem man die Absicht ansah, die Schiffe vor der Batterie zurückzuziehen. Aber jetzt zeigte sich bald, daß dies nicht mehr möglich. In dem festen Vertrauen, daß die Südbatterie ihnen nur so zum Nachtische nach der Nordbatterie dienen werde, hatten die beiden Schiffe sich an eine Stelle gewagt, in deren nächster Nähe eine Sandbank liegt. Bei dem Versuche des Christian VIII., gegen den starken Ostwind lavirend, seine nicht länger geheuere Stellung zu verändern und dem Meere zuzusteuern, war derselbe auf diese Sandbank gerathen, so daß das Steuer den Dienst versagte. Gleichzeitig brach der Rauch aus den Luken des Schiffes hervor. Eine der glühenden Kugeln hatte gezündet und zwar auf einer Stelle, der nicht beizukommen war.

Alles das verdoppelte den Eifer der Besatzung der Südbatterie. Jetzt, wo der Christian festlag, so daß er seine Kanonen nicht einmal mehr auf die Batterie richten konnte, flogen die Kugeln von dieser nur um so lustiger ihm in die Wände, in den Rumpf hinein, über das Deck in die Besatzung, in die Masten und auch in das Takelwerk. Jeder Schuß traf. Da flatterte auf einmal eine weiße Fahne und kletterte geschäftig zur Spitze der Masten aus den Schiffen hinauf! – Der Sieg war errungen.

Wer will die Gefühle beschreiben, die beim Hissen der weißen Flagge auf den beiden Kriegskolossen in den Herzen der Besatzung der Südbatterie, in den Herzen der Bewohner von Eckernförde und der Landbauern der Umgegend aufstiegen, die herzugeströmt waren und von ferne dem Schauspiel mit höchster Seelenspannung zusahen! „Herr Gott, dich loben wir!“ In wie vielen Seelen mag der Gedanke widergeklungen sein, ehe er von Eckernförde bis zu den Alpen ganz Deutschland durchzog. Der Sieg war errungen, aber der Tag noch nicht zu Ende. Die Dänen forderten einen Waffenstillstand zur Unterhandlung. Der wurde gewährt. Bei der dann beginnenden Unterhandlung wollten sie zusagen, daß sie sich, ohne weiter die Stadt zu beschießen, zurückziehen würden, wenn man sie unbelästigt abrücken lasse. Sonst würden sie die Stadt in Grund und Boden zerstören. Die Bürger der Stadt selbst aber erklärten sich bereit, lieber Haus und Gut zu opfern, als schuld zu sein, daß um ihretwillen der Däne aus der Lage entschlüpfe, in die ihn die tapfere Besatzung der Südbatterie hineingetrieben hatte. Ergeben auf Gnade und Ungnade – war die einzige Bedingung, die ihnen gestellt wurde.

„So wollen wir kämpfen,“ – antworteten die Dänen-, die so tapfer sind, wie es die Germanen aller Stämme zu sein pflegen. Und so begann der Kampf von Neuem und bald zu noch größerem Nachtheile der in der That bereits vollkommen Besiegten. Während des Zweikampfes zwischen den Kriegsschiffen und der Nordbatterie war, durch die Kanonenschüsse gerufen, der Herzog Ernst von Coburg-Gotha an der Spitze eines Theiles seiner Brigade, und insbesondere mit der sechsten nassauischen Fußbatterie, auf den Kampfplatz geeilt. Diese Batterie, vier Geschütze, wurde jetzt hinter einer Erdbedeckung gegen das Linienschiff, kaum 400 Schritte von diesem, aufgestellt. Auch die Nordbatterie war wieder mit Schießbedarf versehen worden, so daß, als mit dem Glockenschlage vier der Waffenstillstand verstrichen war, nicht nur die beiden Strandbatterien den Kampf wieder begannen, sondern die Nassauer mit ihren Sechspfündern namentlich das Verdeck der Gefion durch Kartätschen fegten, so daß der Kampf hier sehr bald ein Ende erreichte.

Nun rief der Christian VIII. durch Signale einen Dampfer herbei als letzte Rettung, um ihn aus der Bucht hinanszuschleppen. Aber kaum im Bereiche der Nordbatterie, erhielt der Dampfer mehrere Schüsse in Rad und Maschine, so daß dieser selbst nur im raschen Rückzuge Rettung fand. Von da an kämpften die Dänen nur noch den Verzweiflungskampf um ihre Ehre, und sie kämpften ihn in der Lage, in der sie sich befanden, so ehrenvoll, wie er selten gekämpft wurde. Sie beschossen die Stadt, die Kugeln zerrissen die Häuser, in „Christians Pfeghans“ – ein Pathenkind des Königs Christian VIII., wie jenes Schiff, das dem Untergange geweiht war – drang eine Kugel durch zwei Mauern, und zerriß eine alte kranke Frau von achtzig Jahren. Sie brachte die Botschaft des Sieges in jene Welt, denn dieses Opfer war eines der letzten des Tages.

Es war dem Befehlshaber des Christian nicht zweifelhaft, daß sein Schiff, von einem Feuer, dem nicht beizukommen war, [24] verzehrt, in höchster Gefahr schwebte, während die Gefion unablässig von den Kartätschen der Nassauer unter ihrem tapfern Hauptmann Müller gepeitscht wurde. Die Hälfte der Besatzung lag todt oder verwundet aus dem Deck und in den Räumen, – ehe endlich der Danebrog auf den beiden Schiffen das stolze Haupt senkte und der Commandeur Paludan das Parlamentairboot bestieg, um mit seinem Degen die beiden Schiffe dem glücklichen Befehlshaber des Platzes, dem Herzog Ernst von Coburg, zu übergeben.

Christian VIII. stand in Flammen. Fast dreihundert Verwundete waren in der höchsten Gefahr, lebendig zu verbrennen, und mit ihnen die tapfersten der dänischen Seeofficiere, die selbst in dieser Gefahr sich geweigert hatten, ihrem Befehlshaber zur Uebergabe ihrer Degen an’s Land zu folgen. Ob da Theodor Preußer vielleicht daran gedacht, daß unter diesen der Eine oder Andere seiner Schulgenossen im Cadettenhause zu Kopenhagen sein möchte? Ob er da des Spottes, des Hohnes sich erinnert, mit dem die Dänen ihn aus dem Kriegsdienste vertrieben hatten? –

„Die Verwundeten müssen gerettet sein,“ war sein einziger Gedanke. Preußer befahl den Booten, auf welchen die Dänen gelandet, zurückzukehren und die Verwundeten zu retten. Er selbst trat in das erste, welches vom Lande wieder abstieß, und übernahm die Leitung dieses edlen Rettungswerkes. „Das Schiff ist in höchster Gefahr, in die Luft zu fliegen,“ riefen ihm befreundete Stimmen zu. – „Retten wir die Verwundeten!“ war seine Antwort. So trat er auf das Verdeck. Hier legte er selbst Hand mit an, sorgte, daß, so viel die Boote fassen konnten, Verwundete hineingebracht wurden, und befahl, so oft eines gefüllt, an’s Ufer zurückzukehren. Rettend, helfend, sorgend für die Unglücklichen, stand der Sieger zwischen den Besiegten – als ein furchtbarer Schlag die Luft zerriß. Das Schiff war aufgeflogen. In der Dampf- und Feuersäule, unter zahllosen Leichen und Splittern flog auch die Leiche Theodor Preußer’s mit in die Luft, um dann in den blauen Wogen der Bucht von Eckernförde begraben zu werden. – Die ganze Nacht hindurch brannte der Rumpf des gewaltigen Schiffes lichterlohe bis zum Spiegel des Wassers, ein Katafalk, so großartig, wie sie bei den größten Leichenfesten von Fürsten und Herrschern nie vorgekommen.

Der Befehlshaber der schleswig-holsteinschen Armee aber ernannte den Todten – nachträglich zum Lieutenant; und so lange die schleswig-holsteinsche Armee bestand, wurde bei jedem Appell der Name „Theodor Preußer“ in seiner Compagnie aufgerufen, worauf dann der älteste Unterofficier antwortete: „Hier!“

„Hier!“ – Daß dies Wort zur That werde, sobald die deutsche Nation wieder eines Theodor Preußer bedarf! – Und wieder saßen die Herren zu Frankfurt und beriethen das Heil der Nation. Da trat der Kriegsminister von Peuker auf und erzählte mit stolzen Worten die That Preußer’s und Jungmann’s und setzte hinzu, daß „damit das erste derartige Kriegsschiff (eine Fregatte) der deutschen Flotte zugeführt worden“ und daß in Zukunft die Gefion – Eckernförde heißen solle. Selbst das war den Herrscherlingen, die bald nach jenem Tage einer großen That wieder Oberwasser erlangten, zu viel. Preußen kaufte die „Eckernförde“, als der Bundestag sie unter den Hammer brachte und – taufte sie wieder um – zur Gefion, den Dänen zu Ehren! – Nachdem der Beifallssturm, den die Worte des Kriegsministers hervorgerufen, verrauscht war, trat jenes Parlamentsmitglied wieder auf und erinnerte an seinen frühern für nicht dringlich erklärten Antrag, daß, wer das erste feindliche Kriegsschiff wegnehme, eine National-Belohnung erlangen und sein Name dem Schiffe, das er erobert, bleiben solle. Der Marineausschuß hatte den Antrag vergessen. „Theodor Preußer“ muß das erste Kriegsschiff heißen, sobald Deutschland wieder deutsche Kriegsschiffe hat.
J. Benedey. 




Das Testament eines oldenburgischen Bauern.


Es ist ein ganz eignes Geschöpf, so ein echter Bauer vom alten Schlag. Was ist eigentlich ein Bauer? Der moderne Geschäftsmann wird sagen: Ein Mensch, welcher sich durch Betreibung der Landwirthschaft im Kleinen Geld zu verdienen und seinen Unterhalt zu verschaffen sucht. Aber ein solcher Mensch mag ein Oekonom, ein Landmann, ein Pächter oder Ackerbürger sein; das, was man eigentlich Bauer nennt, ist er gewiß nicht. Ein echter Bauer sitzt auf seiner von seinen Vätern ererbten „Stelle“, welche ihm nicht Mittel zum Zweck, nicht das Mittel ist, um Geld zu verdienen. Vielmehr ist die Stelle gerade selbst sein einziger Zweck.

Er selbst, seine ganze Familie, sein ganzes Leben sind eigentlich nur Mittel zu diesem Zwecke, sie sind da, um die Stelle zu erhalten, zu mehren und stattlich erscheinen zu lassen. In dieser Unterordnung der persönlichen Interessen, ja der ganzen Person unter die Stelle und deren Interessen liegt das Eigenthümliche des Standes der Bauern vom alten Schlag. Aus dieser Eigenthümlichkeit erklären sich fast alle althergebrachten Rechte und Gewohnheiten des Bauernstandes. Dieselbe tritt in einem Theile des Oldenburger Landes, dem sogenannten Münsterlande, auch äußerlich dadurch in interessanter Weise hervor, daß es bei den Bauern einen Familiennamen nicht giebt, sondern nur einen Stellenamen, welchen Jeder annimmt, der die Stelle erwirbt. Der Familienname des Käufers einer Bauernstelle, welche etwa „Kleine Steverdings“-Stelle heißt, wird höchstens mit einem „Geborener“ hinzugesetzt, so daß also, wenn etwa der Käufer der Stelle „Johann Ricking“ hieße, derselbe künftig den Namen „Johann Kleine Steverding geb. Ricking“ führen würde.

Vererbt demnächst die Stelle auf den Sohn, so führt dieser nur noch den Namen „Kl. Steverding“, hat also seinen Familiennamen gänzlich verloren. Auf diese Weise kann es vorkommen, daß die Söhne eines Bauern – wenn sie nämlich selbst Bauernstellen, etwa durch Heirath mit einer Erbin, erwerben – ganz andere Namen führen, als der Vater. Der Vater heißt vielleicht nach seiner Stelle „Große Pining“, der älteste Sohn nach der, von ihm erheiratheten „Feldhus“, und der zweite Sohn nach seiner Stelle „Steverding.“ Faßt man die gedachte Eigenthümlichkeit des Bauernstandes in’s Auge, so kann es nicht Wunder nehmen, daß die Bauernstelle nur auf eines der Kinder vererbt und daß die sämmtlichen übrigen Kinder (wie dies noch jetzt in dem größten Theile des Oldenburger Landes Rechtens ist) zusammen nur eine „Abfindung“ von zwanzig Procent vom schuldenfreien Werth der Stelle bekommen. Es kommt ja nicht darauf an, das Interesse der Kinder zu wahren, vielmehr muß sich dieses dem Interesse der Stelle unbedingt unterordnen, nur für diese ist ja bestens gesorgt, wenn der Erbe derselben (der Grunderbe) nur zwanzig Procent abgiebt.

Durch die bemerkte Eigenthümlichkeit erklärt sich auch das an vielen Orten noch bestehende Herkommen, nach welchem, wenn Geschwister auf der Stelle ohne Kinder versterben, dieselben nicht von allen Geschwistern, sondern nur von dem Stellbesitzer beerbt werden. Die Stelle beerbt eben diese Geschwister, welche in ihrem Schooße gelebt haben. Es kann uns wenig wundern, daß das in eine Bauernstelle eingebrachte Vermögen der Frau, sobald es zum Besten der Stelle verwendet ist, jede selbstständige Existenz verliert und niemals ersetzt verlangt werden kann, daß ferner der Hausmann (Vollbauer) nur eine Hausmanntochter heirathet, daß überhaupt die Heirath als ein Rechtsgeschäft im Interesse der Stelle erscheint, wenn wir festhalten, daß die Stelle die Gottheit ist, welcher Alles von allen Seiten geopfert wird.

So wird es uns denn auch nicht sehr unerklärlich scheinen, wenn wir sehen, daß der Bauer vom alten Schlage seine schönen alten Eichen Jahrhunderte lang stehen und zuletzt sogar auf dem Stamme verfaulen läßt. Die Stelle ist ihm ja nicht das Mittel, um Geld zu verdienen. Sie ist sein Zweck, sein Alles; wie kann er sie also ihres schönsten und stattlichsten Schmuckes berauben, um Geld daraus zu machen!

Es giebt eine alte Anekdote von einem oldenburgischeu Bauer. Derselbe hatte ein Stück Landes mit Unrecht in seinen Besitz gebracht und, von dem rechtmäßigen Eigenthümer desselben auf Herausgabe des Grundstücks belangt, durch einen Meineid ein günstiges [25] Urtheil herbeigeführt und das Land behalten. Doch als er zum Sterben kam, da schlug ihm das Gewissen. Auf dem Sterbelager ruft er seinen Sohn, den künftigen Stellenbesitzer, zu sich, bekennt den Meineid und bittet, sofort nach seinem Tode das Stück Land an den rechtmäßigen Eigenthümer zurückzugeben, da er sonst nicht ruhig sterben könne.

Der Sohn: „Aberst Vader, dat is jo use beste Wische by de Stäe, de köhn wy jo van de Stäe ganz nich missen.“

Der Vater sterbend: „Dat is ook so, myn Söhn, Du bist’n braven Jung, denn laat my man rösten in de Hölle.“[1]

Diese Anekdote ist nicht schlecht erfunden. Sie zeigt uns die bäuerliche Auffassung, die unbedingte Unterordnung der persönlichen Interessen unter die Interessen der Stelle, in der höchsten Consequenz. Es ist eben die verfluchte Schuldigkeit des echten Bauern vom alten Schlage, „in der Hölle zu rösten“, wenn es zum Besten der Stelle nöthig ist. Im Ganzen aber ist dies ein überwundener Standpunkt; der Bauer vom alten Schlage wird in der modernen Welt nur noch selten gefunden. Die neue Gottheit der gierig nach Gewinn jagenden Welt, das „Geldmachen“, das goldene Kalb, welches Alle anbeten, ist auch bei dem Bauer eingezogen, und als Diener dieser neuen modernen Gottheit nennt er sich auch nicht einmal gern mehr „Bauer“, sondern wird zum „Landmann“ oder „Landwirth“ oder gar zum „Oekonomen“ oder Gutsbesitzer“. Im Oldenburger Lande, namentlich in denjenigen Bezirken, wohin die moderne Geldcultur noch weniger gedrungen ist, findet man jedoch vereinzelt noch Landleute, welche als würdige Repräsentanten des echten Bauernstandes gelten können.

Ein solcher Bauer vom alten Schlage war der reiche Hausmann Henken-Frers zu H. Ich hatte ihn kennen gelernt und sein Vertrauen erworben durch einen Riesenproceß, welchen ihm ein ehemaliger Mündel an den Hals geworfen und ich mit großer Mühe zu einem für ihn guten Ende geführt hatte. Seitdem hielt er unverbrüchlich zu mir; ich war sein Mann, mochte es sich um Processe oder um Landtagswahlen, um Gemeindeangelegenheiten oder Wahlen zur Synode oder was sonst handeln, selbstredend, soweit das Interesse seiner Stelle nicht entgegenstand. Henken-Frers war früher verheirathet gewesen, die Frau aber schon vor langen Jahren gestorben. Seitdem lebte er, reich, durchaus nicht ungebildet, aber schlicht wie ein Bauer, aus seiner stattlichen Hufe mit seinen beiden einzigen Kindern und einer Schwester, welche die Stelle der Hausfrau vertrat und zu der Henken-Frers das unbedingteste Vertrauen hatte.

Eines Tages sandte mir Henken-Frers seinen Wagen und einen Brief, in welchem er meldete, er müsse in den nächsten Tagen sterben, wünsche aber vorher noch sein Testament zu machen. Der Amtmann habe ihm nun gesagt, daß dasselbe so, wie er (Henken-Frers) es wünsche, nicht gemacht werden könne. Er bäte mich deshalb, zu ihm zu kommen, da ich ja wohl Rath schaffen werde. Ich machte mich auf den Weg und gelangte bald über die dürre braune Haide, welche nur an den Rändern, von den Vorposten der Civilisation, den sogenannten Anbauern, nach und nach in Angriff genommen und mit langjähriger Arbeit in Cultur gebracht wird, zu den grünen „Büschen“ (Holzungen) des Ammerlandes und in das Dorf H–, den Wohnort des Henken-Frers. Die stattliche Stelle desselben befand sich in der Mitte des friedlichen Dorfes. Eine prächtige Eichenallee führte durch ein großes Heck (Thor) über grünes Weideland zu dem mit alten Bäumen bestandenen Hofe. Von diesen Bäumen und einem Gemüse- und Blumengarten umgeben, lag das lange niedrige Bauernhaus, in welchem vorn das Vieh und hinten die Menschen ihr Quartier haben, mit seinem hohen grauen Reitdache, zwar nicht elegant, aber behäbig und wohnlich da. Misthaufen und Schweine bildeten freilich die nächste Aussicht; aber weiterhin schweifte der Blick über frische Wiesen und wohlangebaute Ackerfelder zu den stattlichen Büschen der Stelle, welche seit Jahrhunderten unberührt waren: Gesättigte Ruhe ist der Charakter einer solchen niederdeutschen ländlichen Ansicht.

Ich trat durch die große Einfahrtsthür in das Haus und passirte, auf der Diele von gestampftem Lehm, zunächst die zwei Reihen wohlgenährten Viehs, für welches das Winterfutter bereits auf den „Hillen“ (dem Raume über dem Viehstande) und auf dem Heuboden über der Diele in Masse aufgespeichert lag. Die Kühe kauten, behaglich hingestreckt, ihr Futter; eine Gesellschaft Hühner suchte eifrig nach ausgefallenen Körnern, unter Anführung des Haushahns, der in stolzer Positur die Arbeit überwachte. Von da gelangte ich in den offenen Küchenraum, in dessen Mitte noch das althergebrachte freundliche Heerdfeuer – der Sammelplatz der sämmtlichen Hausgenossen – brannte. Geschirre aller Art, Teller und Schüsseln, Pfannen und Töpfe, Tassen und Kannen, Löffel und Gabeln und die vielen andern Dinge, welche in einem großen Bauernhause gebraucht werden, waren hier an den Wänden, in großen Schränken, oder wo sonst geeigneter Platz, blank geputzt, in bunter Reihe aufgestellt. Die „Butterkaren“ und das gelegentliche Brüllen einer Kuh lieferten die Musik, und der Haushund erhob sich langsam von seinem warmen Platz am Heerde, um den fremden Eindringling mit gebührendem Gebell zu empfangen.

Auf meine Frage nach dem „Bauern“ wurde ich in eines der hinter dem Küchenraume befindlichen Zimmer geführt. Dasselbe war zwar etwas niedrig, aber sonst – wie es bei dergleichen großen Bauernhäusern schon lange der Fall – ziemlich komfortabel, mit Sopha, eleganten Stühlen und Mahagonitischen, mit hübschen Gardinen und Blumen vor den Fenstern versehen, ziemlich so, wie man derlei „beste Stuben“ auch bei dem Mittelstande in den Städten findet. Ausgezeichnet ist solche „beste Stube“ bei den Bauern in der Regel dadurch, daß in einem großen Glasschranke die werthvollsten Geschirre, Tassen, Silbergeräthe etc. zur Ansicht aufgestellt sind, daß sämmtliche Stühle in der accuratesten Linie neben einander an den Wänden stehen und daß der Fußboden auf das Sorgsamste mit frischem weißem Sand bestreut ist; doch darf sich bei Leibe kein Sandkorn unter die Stühle selbst verirren.[2] Alles in Allem genommen, macht ein solches großes niederdeutsches Bauernhaus mit dem Reichthume seiner offen daliegenden Vorräthe, vollgepfropft mit Vieh, Futter für dieses, Lebensmitteln, Kisten und Kasten, Geräthen und Geschirren jeder Art, einen recht angenehmen heimischen Eindruck, namentlich von dem freundlichen Heerdfeuer aus, welches indeß leider mehr und mehr aus unsern Bauernhäusern verschwindet. –

Doch endlich zur Sache. Ich traf meinen alten Freund in der besten Stube im „Alkoven“, zwar „bettlägerig und krank, aber, wie eine mit ihm angestellte Unterredung ergab, bei gesunden Geisteskräften,“ wie man einen ordentlichen Menschen, welcher sein Testament machen will, eben treffen muß. Die eisernen Gesichtszüge waren noch die nämlichen, wie früher, zeigten denselben Ausdruck frischen Muths, wie immer.

Henken-Frers trug mir nun vor: Er müsse in diesen Tagen sterben. Morgen werde es wohl noch „gut gehen“, aber übermorgen sei gewiß der letzte Tag. Dagegen lasse sich ja an weiter nichts sagen; er sei alt genug, seine Frau ihm schon lange vorangegangen, und wenn sein Grunderbe auch noch nicht volljährig wäre, so könne er sich darauf verlassen, daß seine alte treue Schwester nach seinem Tode bis zur Volljährigkeit des Grunderben Alles ganz so gut „verwahren“ werde, wie bisher. Nur Eins lasse ihn nicht ruhig sterben, und deßhalb habe er mich rufen lassen.

Man habe ihm nämlich gesagt, daß das Gericht, wenn er sterbe, da der Grunderbe noch minderjährig und eine Wittwe (welche sonst den Nießbrauch und die Verwaltung behält) nicht vorhanden sei, Vormünder bestelle und diese zwinge, alle „Mobilien und Movenzien“ öffentlich zu verkaufen und die Stelle im Licitationswege zu verpachten.

„Den Schimp un de Schanne“ – so fuhr er fort – „much ick nu doch um de heele Weld nich hebben, datt see hier in’n Huse in alle Eggen herum schnüstert unn dat Good tosämen hält unn usen Kram öpentlich vor Geld verkoopt. Unn datt schull myn Söhn mit ankieken! Unn denn schull hier up use Stäe een Hürmann sitten und dat Land utsugen, um dat Geld ut so maken. Näh, dat kann nich gahn, un schall nich gahn, un davor mött’ See sorgen, datt ett nich geiht, sünst kann ick nich ruhig starven. Ick bin doch Herr up myne Stäe, un wenn de Herr Amtmann [26] seggt, dat geiht nich anners, so segge ick, dat mutt anners gähn.“[3]

So wußte ich also, wo der Schuh drückte. Ich gestehe, ich fühlte ganz so, wie der alte Bauer. Hätte ich an seiner Statt gelegen, auch mir wäre der Gedanke unerträglich gewesen, daß, sobald ich die Augen geschlossen, das ganze Haus ausgeräumt und Alles verschachert werden würde. Der Mann hatte um so mehr Recht, da der Grunderbe schon in einigen Jahren die Stelle selbst antreten konnte.

Doch wie da helfen? Das Gesetz brachte es allerdings so mit sich, daß die zu bestellenden Vormünder Alles verkaufen und die Stelle verpachten mußten, und da dieses im öffentlichen Interesse, zur Vorsorge für die Minderjährigen, angeordnet ist, so konnte es durch die Privatwillkür des Erblassers, durch Testament gültig nicht beseitigt werden, direct wenigstens nicht. Ich wußte lange nicht, was zu machen, bis mein Bauer selbst mir auf die Sprünge half, indem er meinte, er brauche ja seine Schwester nur zu seiner Wittwe zu ernennen, so daß sie dann den Nießbrauch und die Verwaltung habe. Aber wie das Gericht und die Vormünder zwingen, daß sie die Schwester des Erblassers als die rechtmäßige Vertreterin von dessen minderjährigen Kindern anerkannten?

Endlich fand ich einen Weg. Ich frug meinen Bauer, was er meine, ob, wenn er seine eignen Kinder zu Gunsten der Schwester bis auf den Pflichttheil (im vorliegenden Falle ein Drittel des Erbtheils) enterbe, die Schwester alsdann von einer solchen Bestimmung wohl je zu eignem Nutzen Gebrauch machen werde, oder ob er überzeugt sei, daß dieselbe doch Alles, was sie von ihm bekomme, nur für die Kinder verwalten und diesen beim Eintritt der Volljährigkeit getreulich abliefern werde. Ohne Besinnen erklärte er: „Wat myne Süster (Schwester) hätt, datt heft ook myne Kinner. Dat is all ecus (einerlei), wer’t kriggt, wenn’t man nich All verkofft ward.“ Damit war weiter zu kommen. Die Eltern können nämlich ihre Kinder willkürlich bis auf den Pflichttheil, also bis auf ein Drittel des ihnen sonst zufallenden Erbtheils, enterben. Dürfen sie dies willkürlich, ohne Angabe jeglichen Grundes thun, so können sie es auch für einen bestimmten Fall, unter einer bestimmten Voraussetzung, wenn Dies oder Das eintritt, einerlei, ob das Eintretende von dem Willen der Erben oder dem Willen Dritter abhängt.

Ich machte also folgendes Testament: Henken-Frers setzt als seine Erben ein; seine beiden Kinder, welche seinen Nachlaß nach Gesetz und Herkommen unter sich theilen sollen. Die Schwester soll aber bis zur Volljährigkeit der Erben den Nießbrauch und die Verwaltung des gesammten Nachlasses haben, ganz in dem Umfange, in welchem Solches einer Wittwe, deren Stelle die Schwester vertreten soll, gebühren würde, und soll deßhalb namentlich ohne Einwilligung der Schwester kein Stück von den Mobilien und Movenzien verkauft oder gar die Stelle verheuert (verpachtet) werden. Für den Fall aber, daß die Vormünder der Kinder die der Schwester vermachten Rechte nicht anerkennen wollten, oder vom Gerichte gezwungen würden, diese Rechte nicht anzuerkennen, enterbt Henken-Frers seine Kinder bis auf den Pflichtteil und ernennt als Erbin seines ganzen übrigen Nachlasses (also auf 2/3) seine Schwester, die für diesen Fall – einerlei, durch welche Veranlassung derselbe eintritt – seinen ganzen Nachlaß in Natur zu sich nehmen und den Kindern nur den Pflichttheil in Gelde herauskehren soll.

Gegen eine solche Bestimmung ließ sich rechtlich Nichts einwenden. Ich durfte auch sicher annehmen, daß das Gericht die Rechte der Schwester nicht anfechten und damit veranlassen werde, daß die Kinder nur den Pflichttheil erhielten. That das Gericht dies aber dennoch, nun, dann kam freilich Alles auf die Ehrlichkeit und Treue der Schwester an. Der alte Bauer, dem ich dies und den ganzen Sinn der getroffenen Bestimmungen auseinandersetzte, begriff mich sofort vollständig, hatte nicht die geringsten Bedenken und meinte schließlich, fast triumphirend: „Na, seht Seh nu woll, wenn man mann (nur) will, so geiht ett doch.“


Das Geschäft war beendet. Die sieben gesetzlichen Zeugen aus der Nachbarschaft, „eigens zu diesem Geschäfte geladen und freiwillig erschienen“, hatten gesehen, daß der Testator das Testament eigenhändig unterschrieben, und hierauf das Testament ihrerseits sämmtlich als Zeugen (mitunter nicht ohne Mühe) mit unterzeichnet, sie hatten vorschriftsmäßig ihr Siegel (oder vielmehr, da sie Alle kein Siegel führten, das meinige) neben ihre Namen gedruckt und damit den durch nichts Fremdartiges unterbrochenen Act geschlossen. Bereits hatten sie sich entfernt, und auch ich rüstete mich zum Aufbruch. Doch daran war noch nicht zu denken. Der alte Bauer stellte mir ruhig und treuherzig vor, es sei nun das letzte Mal, daß er mich sehe, ich hätte ihm schon oft zur Seite gestanden und ihm heute dazu verholfen, daß er ruhig sterben könne, drum bitte er mich, doch zu guter Letzt noch ein Stündchen bei ihm zu sitzen und mit ihm zu verplaudern. Ich that es gern, obgleich diese stoische Ruhe mir nachgerade fast unheimlich zu werden begann. Der Tisch vor dem Alkoven wurde gedeckt; ich ließ mir den geräucherten Schinken, das Schwarzbrod und die frische Butter schmecken und fand selbst in dem vorgesetzten Rothweine ein ganz erträgliches Glas St. Julien. Wir schwatzten über alles Mögliche, über die Chaussee, welche durch das Dorf geführt werden sollte, über den Landtag (dessen Verhandlungen der Bauer sogar aus den stenographischen Berichten kannte), von der Synode und Aehnlichem weiter. Vom Sterben war keine Rede mehr, und mein Bauer sprach über alle Dinge mit derselben Theilnahme, als wenn er noch lange zu leben gedächte. Ich wußte nicht, was ich aus dem Ganzen machen sollte. An Einbildungen und ungegründeter Todesfurcht konnte doch der Mann nicht leiden! Aber den Tod so vollständig als etwas für den Hauptinteressenten ganz Gleichgültiges anzusehen, wenn die Angelegenheiten auf Erden nur zur Zufriedenheit geordnet sind – an eine solche Auffassung konnte ich mich doch auch schwer gewöhnen. Ueberdem erwähnte mein Bauer das ihn nach seinem Hintritte Erwartende mit keiner Sylbe, sondern schien den Tod eben als sein wirkliches Ende anzusehen.

Indeß meine Zeit war um. Ich mußte meinem alten Freunde nochmals feierlich geloben, dafür zu sorgen, daß nach seinem Tode Alles so bleibe, wie es jetzt war, und auf seinen Wunsch das Testament mit und in meine Verwahrung nehmen. In den nächsten Tagen – so sagte er – wenn er gestorben, werde der Bruder kommen und das Testament abholen.

Und am dritten Tage erschien richtig der Bruder und nahm das Testament in Empfang. Er erzählte mir, daß der Alte sanft eingeschlafen sei, nachdem er vorher von allen Angehörigen mit der größten Ruhe Abschied genommen habe. Zwar wurden die Bestimmungen des Documeutes etwas sonderbar befunden, blieben jedoch, nach einigem Bedenken, von Seiten der Vormünder unangefochten. Dem Alten wird also die Ruhe im Grabe nicht gefehlt haben.

Rechtsanwalt A. Niebour in Varel.




Ein deutscher Trollhätta-Canal

So nannten wir in Nr. 42 des Jahrg. 1862 der Gartenlaube ein deutsches Meisterwerk der Wasserbaukunst, und zwar mit Unrecht, denn selbst dieses berühmte schwedische Weltwunder übertrifft es nur in seinen Dimensionen, erreicht aber keineswegs die Großartigkeit des Gedankens, der den Elbing-Oberländischen Canal der Provinz Preußen in’s Leben rief. Denn während der Trollhätta-Canal nur aus Schleußenwerken besteht, bewältigt unser deutsches Canalwerk seine schiefen Ebenen mit Hülfe der Eisenschienen, auf welchen riesige Wagen unsere Schiffe von 1200 Centner Last über eine Höhe von mehr als 300 Fuß von Wasser zu Wasser tragen. Wir haben ein Recht, unseren Elbinger Canal ein Bauwerk zu nennen, das von keinem zweiten in der Welt übertroffen ist, denn selbst der Morris-Canal in Nordamerika, dessen Einrichtung dem unsern zum Muster diente, schadet dem Ruf desselben nicht, weil er nur Schiffe von höchstens 700 Centner Last befördern kann.

Ein Blick auf die Karte des preußischen Oberlandes zeigt uns [27] eine Reihe langgestreckter Seen, die durch kurze Canalstrecken leicht zu verbinden waren. Daher ist die Idee, das Oberland zu canalisiren, gewiß schon alt. Aber was nützte ein Canal im Innern des Landes, wenn man keine Verbindung mit dem Meere herstellen konnte, denn 317 Fuß Gefälle zu überwinden, welche kostbaren Schleußenwerke wären dazu erforderlich gewesen! Und selbst, wenn man die Anlagekosten nicht gescheut hätte, würden doch schwerlich die oberländischen Seen ohne Schaden für die Schifffahrt soviel Wasser haben hergeben können, als der Durchgang der Fahrzeuge durch die Schleußen consumirte. Erhielte auch jede Schleuße ein Gefälle von 10 Fuß, so würden doch 32 Schleußen nothwendig geworden sein; der hierdurch erzeugte Aufenthalt in der Schifffahrt, der obenerwähnte Wasserverlust und die unverhältnißmäßigen Kosten ließen stets das Project scheitern.

Da trat vor etlichen zwanzig Jahren ein Mann mit der Idee hervor, die Schiffe auf Walzen und Eisenbahnen bergauf und ab zu führen, und wurde hierdurch der Segenspender für einen großen Strich Landes, dessen reiche Schätze bis dahin kaum gehoben werden konnten. Vier Städte, Deutsch-Eylau, Osterode, Saalfeld und Liebemühl, wurden somit Vorplätze unserer größeren Seestädte und heben sich sichtlich mehr und mehr. Ueber 200,000 Morgen Forsten, worunter 109,000 Morgen königlich, sind dem Verkehr erschlossen.

Der Grundbesitz hat einen doppelten Werth erhalten, und Handel und Wandel gewinnen täglich an Aufschwung. Der Mann, der so Großes für eine halbe Provinz that, der sein ganzes Leben diesem einzigen Ziele widmete, der unbeirrt Hohn und Gespött über seinen „Phantasiecanal“ ertrug, um endlich den schönsten Lohn zu finden, das Bewußtsein erfüllter Pflicht und nicht umsonst gelebt zu haben, dieser Mann ist der Baurath Steenke zu Zoelp, unfern Maldeuten. Ich nenne ihn, weil die Namen derer, die für ihre Mitmenschen Großes und Gemeinnütziges geleistet haben, Gemeingut der Nation sind und von Jedermann gekannt und genannt zu werden verdienen, und weil die Gartenlaube diesen Namen zu jeder deutschen Hütte trägt, läge sie noch so fern. – In zweiter Linie nenne ich noch den Dirigenten der königl. Maschinenbau-Anstalt zu Dirschau, Herrn Krüger, welcher sich durch saubere Ausführung und Aufstellung der Triebwerke um den Bau verdient gemacht hat.

Wollt Ihr nun das ganze Bauwerk mit Muße betrachten, so thut Ihr am besten, Ihr setzt Euch mit mir und einer munteren Gesellschaft auf einen unserer vier Dampfer und fahrt von Deutsch-Eylau den Geserichsee entlang. Er bietet Euch durch seine grünen und bewaldeten Uferbiegungen ansprechende Fernsichten und dauernde Abwechselung. Nachdem wir ihn zu zwei Dritttheilen zurückgelegt haben, können wir durch einen Zipfel desselben links durch den Weinsdorfer Canal in den Ewingsee nach Saalfeld fahren. Wir ziehen es aber vor, gerade aus gen Elbing zu dampfen.

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Aufriß der „geneigten Ebene“ bei Buchwalde.

Ueber zwei und eine halbe Meile sind wir von Eylau entfernt und gelangen durch eine kurze Canalstrecke in den Dubensee und durch den nahezu anderthalb Meilen langen Liebemühl-Geserich-Canal zur Stadt Liebemühl. Auf dieser Strecke treffen wir die erste größere Sehenswürdigkeit des Canals. Derselbe ist nämlich durch einen Damm geleitet, welcher durch den fünf Fuß niedriger liegenden Abißgarsee geschüttet ist, also ein Canal durch den See! Es sind stellenweise sechszig Fuß Wassertiese auszufüllen gewesen. Dieser kolossale Aquäduct hat eine Länge von 1550 Fuß und eine Kronenbreite von 124 Fuß. – Wenden wir uns nun rechts, so gelangen wir durch zwei Schleußen und den canalisirten Liebefluß zum Drewenzsee, welcher funfzehn Fuß niedriger liegt, als unsere Wasserbahn, und nach Osterode. Wir aber gehen abermals geradeaus durch mehrere kleinere Seen und Canalstrecken in den reizenden Röthloffsee, von dessen nördlichem Ende uns die freundliche Villa des Herrn Baurath Steenke zu Zoelp ein Willkommen zuruft. Hier halten wir einige Augenblicke, um diesem Biedermanne die Hand zu drücken, eilen aber dann ungesäumt weiter, denn wir haben keine Zeit zu verlieren, durch den Samrodt- und Pinnausee und den Draulitter Canal zur ersten „geneigten Ebene“. Diese letzte Canalstrecke ist nahezu eine halbe Meile lang und durch einen bis 55 Fuß hohen Bergrücken geführt. Hic haeret aqua. Vor uns sehen wir eine kleine Anhöhe, planirt und mit zwei Schienensträngen belegt, aber kein Wasser. Ueber diesen Berg fahren wir, ohne das Schiff zu verlassen, wenige Fuß bergan, dann eine lange Strecke bergab; wie, erzähle ich Euch später. Wiederum schwimmen wir, aber nur ein kurzes Endchen, dann abermals über einen solchen Berg zu Lande, wieder zu Wasser, und so passiren wir im Ganzen vier solcher „geneigten Ebenen“, bis wir schließlich dem nassen Element getreu bleiben und durch noch fünf Schleußen (welche später durch eine einzige Ebene ersetzt werden sollen) zum rohr- und entenreichen Drausensee, durch den Elbingfluß zur gleichnamigen Stadt, zum frischen Haff, zum Meere gelangen. Von Elbing aufwärts haben wir auf diese Weise eine Schifffahrtsbahn von im Ganzen sechsundzwanzig Meilen, wovon sechs und eine halbe Meile Canäle, zwanzig und eine halbe Meile Seen sind. Diese letzteren haben zum Theil gesenkt werden müssen, um sie mit den übrigen in gleiches Niveau zu bringen (z. B. der Samrodt- und Pinnausee um 17 F.). Dadurch sind 1) circa 2000 Morgen vorzüglicher Wiesen entstanden, 2) haben die Bodenverhältnisse durch größere Entwässerungsfähigkeit im weiten Umkreise gewonnen, und 3) ist eine Wasserbahn erzielt, welche ohne Unterbrechung von Schleußen eine Länge von sechszehn und einer halben Meile hat. Kein zweiter Canal hat solche ununterbrochene Ausdehnung aufzuweisen.

Ich komme jetzt zum schwierigsten Theile, zugleich aber der Hauptsache dieser Arbeit, der Beschreibung einer „geneigten Ebene“ und deren Triebwerk, und wähle dazu die erste bei Buchwalde, der im Wesentlichen die anderen drei gleich sind. Dieselbe hat, wo sie sich außerhalb des Wassers befindet, eine Neigung von 1:12 und setzt sich oberhalb wie unterhalb unter Wasser in einer Neigung von 1:24 fort. Sie ist ihrer ganzen Länge nach (ca. eine sechszehntel Meile) mit zwei parallel laufenden Schienengeleisen auf dicht liegenden eichenen Schwellen belegt. Auf jedem derselben geht ein Wagen auf acht Rädern, ganz von Eisen construirt, 64 Fuß lang, 10 Fuß im Lichten breit und mit zwei hohen Geländern versehen. Derselbe hat ein Gewicht von 521 Centnern. Sein Boden ist mit starken Latten belegt. Im Moment der Ruhe steht ein Wagen im oberen Bassin unter Wasser (vgl. Bild II ), so daß nur das Geländer aus demselben hervorragt (dadurch ist dem Schiffer genau die Stellung des Wagens bezeichnet), der andere Wagen ebenfalls unter Wasser im unteren Bassin. Kommt nun ein Schiff an, so fährt es zwischen die beiden Seitengeländer und [28] wird vorn und hinten mit Ketten an dieselben festgelegt. Dadurch ist das Fahrzeug gezwungen, vorläufig schwimmend, der Bewegung des Wagens zu folgen. Dieser hebt sich mehr und mehr, drückt sich gegen den Boden des Schiffes und hebt dieses endlich ganz aus dem Wasser (wie unser Bild I. darstellt).

Die Gartenlaube (1864) b 028.jpg

Nr. I. Uebergang vom Canal zur Schiffwagenbahn bei Buchwalde.

Bei der gewöhnlich angewandten Kraft von 121/2 Fuß Umfangsgeschwindigkeit des treibenden Wasserrades (vgl. den Grundriß, wo es mit k bezeichnet ist), legt der Wagen in der Secunde dritthalb Fuß zurück, beim Beginn, beim Ueberschreiten des höchsten Punktes und zum Ende (in Summa ca. ein Drittel des ganzen Weges) jedoch nur einen Fuß in der Secunde, so daß die ganze Strecke von 1530 Fuß in 918 Secunden oder 151/4 Minute zurückgelegt wird. Das Auf- und Abschwimmen der Schiffe nimmt weitere fünf Minuten in Anspruch, so daß in zwanzig Minuten der ganze Uebergang bewerkstelligt, eine sechszehntel Meile zurückgelegt und ein Gefälle von 65 F. überwunden ist. – Wenn wir den halben Weg zurückgelegt haben, treffen wir den andern Wagen, der uns auf dem zweiten Geleise, gleichviel ob belastet oder leer, entgegenkommt. Seine Belastung verringert durchaus nicht die Schnelligkeit unserer Fahrt. Nähert sich dieselbe ihrem Ende, so verschwindet der Wagen nach und nach wieder im Wasser, bis nur noch das Geländer über demselben bleibt, wir fühlen wieder Wasser unter uns, lösen die Ketten unseres Fahrzeugs von dem Wagen, und – weiter geht die Reise.

Die Entfernung des Schiffes aus dem Wasser und der daurch aufgehobene Seitendruck des Wassers auf die Wände desselben übt durchaus keinen schädlichen Einfluß auf die Dauerhaftigkeit und Dichtigkeit des Fahrzeugs, wie man anfangs fürchtete, da dieelben nach der Zeichnung des Herrn Baurath Steenke zu diesem Zwecke besonders construirt sind. Sie haben einen acht Fuß breiten, platten Boden, eine obere Breite von 91/2 Fuß und eine Länge von 78 Fuß. Wohl aber würde es den Fahrzeugen schädlich sein, wenn sie mit dem einen Ende früher auflegten, als mit dem anderen, da hierdurch die Schiffe in ihrer ganzen Länge gezogen würden. Um dieses zu vermeiden, ist es nöthig, daß die Wagen so lange, bis das Fahrzeug festliegt, in ihrer Bewegung stets horizontal bleiben, und dies ist durch eine einfache, höchst sinnreiche Construction erlangt.

Je zwei Räderpaare bilden ein System und die Achsen des einen sind um eine Felgenbreite länger, als die des andern. Im Oberwasser (vgl. den Grundriß, wo a das Ober-, b das Unterwasser bedeutet) liegt außerhalb der durchgehenden Schienen, um eine halbe Felgenbreite von diesen entfernt, ein zweites Paar Schienen, die anfangs horizontal fortgehen, während die durchlaufenden sich senken, dann aber fünfzehn Zoll höher als diese mit ihnen parallel laufen. Im Unterwasser befindet sich ein zweites solches Schienenpaar innerhalb der durchgehenden Schienen. Außerhalb des Wassers aber läuft, wie gesagt, nur ein Schienenstrang für jeden Wagen. Die Felgenbreite der Räder ist in drei Theile getheilt. Der mittelste Theil gehört der Bremsvorrichtung. Die Benutzung der äußeren Theile wird sogleich klar werden. Bewegt sich der Wagen außerhalb des Wassers auf den durchlaufenden Schienen, so ruhen die vier Vorderräder auf ihren äußeren Felgentheilen, die vier Hinterräder, deren Achsen länger sind, auf den inneren Felgentheilen. Im Oberwasser dagegen treten die Hinterräder mit ihren äußeren Theilen auf die äußeren, höheren Schienen, während die Vorderräder auf den niedrigeren Schienen bleiben. Dadurch bekommt der Wagen eine horizontale Stellung. Im Unterwasser dagegen treten die Vorderräder mit ihren inneren Theilen auf die inneren, höheren Schienen, während die Hinterräder auf den niederen Schienen bleiben, und wiederum ist eine horizontale Stellung erreicht. Außerhalb des Wassern nimmt aber der Wagen die Neigung der Ebenen (1:12) an.

Die Fortbewegung der Schiffwagen auf der Eisenbahn geschieht mittelst Drahtseilen auf vertikalen Leitrollen, wie der Grundriß und Bild II sie deutlich zeigt. Wenn nun gleich die arbeitenden Drahtseile eine dreifach größere Last aushalten, als ihnen zu befördern zugemuthet wird, so ist doch für den Fall eines Zerreißens eine Bremsvorrichtung nöthig. Um den mittelsten Felgentheil jedes der acht Räder befindet sich lose ein eisernes Band. Durch eine einzige Schraubenvorrichtung ist man aber im Stande, diese Bänder um die Räder festzuziehen und die Rotation derselben zu hindern, so daß der Wagen ohne jeden anderen Halt auf der „geneigten Ebene“ stehen bleibt. – Jetzt noch einen Besuch im Maschinenhause, wozu wir uns den Grundriß und Bild II vor die Augen halten. Dort haben wir zunächst Gelegenheit zu bewundern, welche geringe Wassermasse genügt, so große Lasten zu fördern. Das Maschinenhaus (l) liegt am oberen Ende der „geneigten Ebene“. An seiner Seite befindet sich ein ganz eisernes Wasserrad (k) von 27 Fuß Durchmesser und 10 Fuß lichter Breite. Es ist rückschlächtig, hat 60 Wasserzellen und 68 Pferdekraft. Beim höchsten Wirkungsgrade consumirt es nur 34 Cubikfuß Wasser in der Secunde. Dieses wird ihm aus dem oberen Canal durch eine Röhrenleitung (i) zugeführt. Das benutzte Wasser wird durch einen kleinen gepflasterten Canal (p) der unterhalb liegenden Canalstrecke zugeführt und dient zu deren Speisung. Das Wasserrad setzt eine gußeiserne Trommel (m) in Bewegung. Diese hat eine Länge von 8 Fuß 4 Zoll und einen Durchmesser von 12 Fuß. Je nachdem der eine Wagen hinunter oder hinauf gehen soll, bewegt sie sich vor- oder rückwärts. An jeder Seite ist ein Drahtseil (x und y) von 11/3 Zoll Stärke befestigt; während das eine sich abwickelt, rollt sich das andere auf. Im Moment der Ruhe bedeckt eines der beiden Seile die Trommel (dasjenige, welches zum obenstehenden Wagen (g) geführt ist), während das andere, mit dem untenstehenden Wagen (h) verbundene, abgewickelt ist. Das nicht an der Trommel befestigte Ende des [auf]gewickelten Seils ist zum Maschinenhause hinaus über verschiedene Leitrollen durch größere Seilscheiben (n, vergl. auch Bild II) in die Mitte des einen Schienenstranges (c) geleitet und am hinteren Ende des oberen Wagens befestigt. Vom vorderen Ende desselben

[29]
Die Gartenlaube (1864) b 029.jpg

Nr. II. Die Seilscheiben zur Leitung des Drahtseils für den Schiffwagen.

führt ein Drahtseil von 1 Zoll Stärke (dasselbe hat weniger zu leisten), immer in der Mitte zwischen diesem Schienenstrange über viele kleine Rollen geleitet, zum unteren Ende der Ebene (f), wendet sich dort unter Wasser über 3 größere Seilscheiben (o) der Mitte des anderen Schienenstranges zu und ist dort am hinteren Ende des unteren Wagens befestigt. Von seinem vorderen Ende führt das dritte Seil, 11/2 Zoll stark, über ebenso viele Leitrollen die Ebene (d) hinauf und wendet sich über 2 Seilscheiben (n bei e) dem Maschinenhause (l) und der Trommel (m) wieder zu. Hierdurch ist der Ring geschlossen, und es ist klar, daß, sobald die Trommel in Bewegung gesetzt wird, alle Theile dieser Kette dieser Bewegung folgen müssen, also auch die Wagen. Der eine wird durch das sich aufwickelnde Seil zu Berg gezogen, während der andere in seinem Laufe thalwärts durch das sich abwickelnde Seil zum langsamen Gange gezwungen wird. Wie schon früher erwähnt, ist die Stärke der Seile auf die dreifache Last berechnet, daher vollkommen sicher. – Die anderen drei Ebenen gleichen dieser in der Construction. Nur ist ihre Länge, so wie die der Seile und die Breite der Trommel von dem zu überwindenden Gefälle abhängig. Dieses beträgt bei Buchwalde 65, bei Kanten 60, bei Schönfeld 78 und bei Hirschfeld 70, in Summa 273 Fuß. Dazu kommen für die 5 Schleußen 44 Fuß, so daß in der kurzen Entfernung von 11/4 Meile 317 Fuß Gefälle überwunden sind.

Der ganze Canal ist in 16 Jahren vollendet worden, hat in runder Summe 11/3 Million gekostet, wovon 240,000 Thaler auf Schienen, Wagen und Maschinen kommen, und ist im Frühjahre 1861 dem Verkehr übergeben worden. Die veranschlagte Beförderung von 2 Millionen Centner zu Thal und 1/4 Million zu Berg hat sich bereits in diesen beiden Jahren als zu gering herausgestellt. – Jedem Touristen rathe ich, von Güldenboden, einer Station der Ostbahn, einen Abstecher von 2 Meilen zu der letzten „geneigten Ebene“ bei Hirschfeld zu machen. Er wird es nicht bereuen.

Bild Nr. I stellt das kürzere, obere Ende der geneigten Ebene bei Buchwald dar. Das längere, untere Ende ist unsern Blicken entzogen. 2 Schienengeleise (auf dem linken befindet sich auf dem höchsten Punkte der Ebene ein Wagen mit Schiff) mit je doppelten Schienen unter Wasser (zur Horizontalstellung des Wagens) und zwischen denselben auf Rollen die arbeitenden Drahtseile.

Bild Nr. II veranschaulicht die Art und Weise, wie die arbeitenden Drahtseile über je 2 Seilscheiben zum Maschinenhause und zurück geführt werden. Rechts sehen wir einen Wagen unter Wasser und am Mauerwerk einen siebartig durchlöcherten Eisencylinder, welcher durch eine Röhrenleitung das Wasserrad der Maschine speist. – Am unteren Ende der Ebene wird das Seil von einem Schienengeleise zum anderen über 3 Seilscheiben an einem Ständer (1 oben, 2 halb im Wasser, dieser Zeichnung entsprechend) geleitet.
R. Richter. 




Der Kranz am Marterl.
Eine Geschichte aus dem bairischen Hochlande.
von Herman Schmid.
(Fortsetzung.)

Auf der Alm herrschte übrigens keineswegs die feierliche Stille, welche sonst dort ihren liebsten Wohnplatz zu suchen pflegt. Die Männer standen an der Hütte in lautem, eifrigem Gespräch bei einander und beachteten die Sennerin kaum, als sie näher kam und in die Hütte trat. Es war eine bäurische und doch bunte Versammlung, denn die Männer waren des verschiedensten Alters und Standes und aus allen nahe liegenden Bergdörfern zusammengeströmt. Neben dem Posthalter, dem Revierförster und den Bauern von Walchensee standen die Besitzer der in einsamer Seebucht verborgenen Zwergerhöfe; der Fischer von Urfarn war herübergerudert und hatte die Bewohner der Häuser mitgebracht, welche am Sachenbach und am Anfang der Jachenau stehen. Alle waren bewaffnet, wie eben das Haus ihnen eine Wehre zu bieten vermocht hatte, und neben dem wohlgeschäfteten Scheiben- und Pirsch-Stutzen prangte auch manche alte Flinte, mancher noch ältere, verrostete Pallasch und manch anderes Mordgewehr bis zu Dreschflegel und Sense.

„Ich kann’s halt immer noch nicht recht glauben,“ sagte der Besitzer der Alm, „daß die Tiroler sich untersteh’n sollten, zu uns heraus zu brechen!“

„Warum doch!“ rief der Förster. „Haben sie’s doch auf andern Punkten schon gethan! Nicht sechs Wochen ist es, daß sie über Partenkirchen heraus sind bis nach Murnau und hätten den ganzen Markt angezündet und geplündert, wenn ihnen der Herr Pfarrer nicht mit Kreuz und Fahnen in Procession entgegen gegangen wär’ … sie haben eine Brandschatzung von dreißigtausend Gulden mitgenommen, das ist das Wenigste!“

„Ich mein’ halt, es ist am besten, man sorgt vor!“ rief der Eine von den Zwergerhofbesitzern. „Ich hab’ ein altes Evangeli’ daheim, da hat mein Urahnl auf die letzte Seit’ allerhand hineingeschrieben, was Merkwürdiges gescheh’n ist zu seiner Zeit. Da steht’s drinnen … Zu Kurfürst Max Emanuel’s Zeiten, es werden jetzt gerade so ein fünfzig Jahrl’n sein, da ist auch Krieg gewesen mit den Tirolern, und die sind auch zu uns heraus gestreift in ihrer übermüthigen Weis’. Die Walchenseeer aber haben in der Eng’ am Katzenkopf einen Verhau gemacht von Bäumen [30] und Trümmern und haben sich dahinter gestellt mit ihren Büchsen … da sind die Tiroler umgekehrt und ist kein einziger Schuß gefallen! Wir wollen’s auch so machen!“

„Bin nit dagegen,“ sagte Sabinens Vetter; „aber wundern thut’s mich doch! Hat’s doch geheißen, der Lefèvbre käm’ anmarschirt mit hunderttausend Mann, und die Tiroler wären geschlagen auf allen Seiten?“

„Und der Kaiser Franz hab’ das Tirol aufgegeben?“ fragte ein Anderer. „Und es soll doch bei Baiern bleiben?“

„Hab’s auch nit anders gehört,“ setzte ein Dritter hinzu.

„Und der Sandwirth, der in Innsbruck regiert hat wie ein König, soll flüchtig geworden und auf und davon gegangen sein?“

„Das ist Alles wahr,“ erklärte der Posthalter; „aber die Tiroler sind einmal verblendet und glauben’s nicht. Der Husarenwirth von Mittenwald hat mir Post heraus gethan; die Tiroler, die in der Scharnitz liegen, rühren sich und wollen einen Einfall zu uns machen. Er hat’s von einem Fuhrmann, den sie angehalten haben und der ihnen ausgekommen ist und ist bei der Nacht über die Grenze herüber …“

„Gut also!“ rief der Vetter wieder; „so wollen wir vorsorgen und auch einen Verhau machen. Kannst gleich auch mitgeh’n, Lipp, mit Deinem Beil!“

„Gewiß!“ erwiderte dieser, die Axt lüpfend, in rohem Ton; „sie rührt sich schon nach einem Tiroler-Schädel! Wir wollen’s ihnen machen, wie sie’s den Unsern gemacht haben … ich hab’ auch einen Bruder dabei unter denen Vierhundert, die sie am Iselberg mit den Büchsenkolben erschlagen haben, wie die wüthigen Hund’!“

„Und ich einen Buben!“ sagte der Sachenbacher grimmig.

„Es ist mein Jüngster gewesen und mein Liebster … er ist mit dem Burscheidt gewesen an der Pontlatzer-Brucken und liegt unter den Felsentrümmern begraben! Jetzt wollen wir Alten es ihnen heimzahlen und wollen ihnen zeigen, daß der baierische Bauer mit dem Stutzen gerad’ so gut umgeh’n kann, wie der Tiroler!“

„Es ist doch immer schade und ein’ Schande dazu!“ sagte der Posthalter, indem er mit den Männern den Weg waldabwärts einschlug. „Die Tiroler sind alleweil’ gute Nachbarn gewesen und sind deutsche Leut’, wie wir … ich wollt’, wir könnten einmal miteinander über die Franzosen her, anstatt daß sie uns immer übereinander bringen und hetzen!“

Die Männer gingen, und bald war es still auf der Almweide, nur von unten herauf aus weiter Entfernung dröhnten manchmal Beilhiebe und das Stürzen der Bäume, welche den Verhau bilden sollten.

Sabine stand noch eine Weile unter der Thür und sah in die Sternennacht empor, die sich kühl und klar aufgethan hatte über Bergen und Wald. Sie hatte das Vorgehende nur halb vernommen; dringendere, eigenste Sorgen lagen ihr am Herzen, und auch als sie in die Hütte zurücktrat und die Thür schloß, um das Küchen- und Milch-Geschirr am Heerde zu ordnen und zu reinigen, waren ihre Gedanken nicht bei ihrer Beschäftigung, sondern schweiften hinab in die Felsschlucht mit dem Taferl und schwebten um den Kranz an demselben und dessen räthselhaften Spender. Als sie fertig war, saß sie noch lange auf dem Heerdrande, die Hände in den Schooß gelegt, beim Scheine des erlöschenden Feuers, und selige Träume von vergangenem Liebesglück umschwebten ihre Seele.

Einmal horchte sie auf, denn es war ihr gewesen, als hätte sie Schritte nahen gehört; aber Alles blieb still, und sie versank wieder in ihre Träumerei.

So erschrak sie wirklich, als mit einmal vor der Thür eine Stimme laut wurde – eine Stimme, die ihr so bekannt war, daß sie davor erbebte, und über die sie sich nicht täuschen konnte!

Und doch – dem diese Stimme gehörte, lag ja lange zerschmettert im Grab und konnte nicht wiederkommen … Sie glaubte, geträumt zu haben … es mochte die Macht ihrer Einbildung sein, was ihr die Erinnerung als Wirklichkeit erscheinen ließ.

Da klopfte es fest an das kleine klirrende Fenster, und die Stimme rief so deutlich, daß kein Zweifel, keine Täuschung mehr möglich war: „Sennerin, mach’ auf …“

Halb ohnmächtig, die eine Hand auf den Heerd stützend, die andere an das hochschlagende Herz gepreßt, stand Sabine… „Alle guten Geister …“ stammelte sie mit stockendem Athem. „Wer ist draußen?“

„Einer, der den Weg verloren Hai,“ klang es herein, „der nicht mehr weiter kann vor Hunger und Müdigkeit … Sennerin, mach’ auf …“

Das war deutlich Gotthard’s Stimme … konnte es eine solche Aehnlichkeit geben? Wie oft hatte sie auf diesen Ton gelauscht … wie oft hatte er ihr diese Worte scherzend zugerufen, wenn ihn der Weg Nachts aus dem Walde noch heimführte und er sich die Mühe nicht reuen ließ, ihr mindestens durch’s Fenster einen Nachtgruß zu bringen! … „Es ist schon spät,“ brachte sie endlich mühsam hervor … „ich mach’ nit mehr auf . .

„So gieb mir eine Schüssel Milch und ein Stück Brod durch’s Fenster heraus,“ rief es entgegen. „Ich will Dir’s zahlen … aber ich kann nit mehr fort vor Ermattung …“

„Wer ist’s denn nachher?“ fragte sie gefaßter und ermutigter. „Wo kommst’ her?“

„Ein Teppichhändler bin ich,“ war die Antwort, „aus dem Innthal … Ich komm’ von Walgau und hab’ einen kürzern Weg über die Berge gehen wollen und bin irr gegangen …“

Furcht und Neugier kämpften in dem Mädchen; die Furcht, noch so spät und allein einen unbekannten Menschen einzulassen, die Neugier, denjenigen von Angesicht zu sehen, dessen Stimme so sehr jener des todten Geliebten glich. Sie war noch unentschlossen, was sie thun wollte, als ihre Hand schon an den Thürriegel rührte und ihn zurückzog. Dann trat sie an den Heerd und störte die Gluth, daß sie aufflackerte.

In der Thür stand ein großer, schön gewachsener Bursche in Tirolertracht von kühnem Aussehen und einem entschlossenen Wesen, das zu dem friedlichen Handel mit Teppichen gar nicht zu passen schien, von denen er einige über den Arm hängen hatte und einen größern Pack in Riemen über den Schultern trug.

„Grüß’ Dich Gott, Sennerin,“ sagte er, „es ist woltern brav von Dir und fein, daß Du mich noch hereinlass’st – brauchst Dich aber nit zu fürchten vor mir!“

„Ich fürcht’ mich auch kein Brösel,“ erwiderte Sabine kurz, stellte Milchschüssel und Brodlaib vom Gesims auf den Heerdrand und schob das Geldstück zurück, das der Bursche dafür hinlegte.

„Steck’s ein,“ sagte sie, „wirst es etwan schon noch brauchen können – ’s ist nit der Brauch da heroben, daß man ’was nimmt von Einem, der hungrig ist …“

„Dann sag’ ich halt, ’gelt’s Gott tausendmal ..

„Gesegn’s Gott auch so viel . .

Damit war das Gespräch zu Ende; der Fremde aß, doch nicht mit jenem Eifer, der nach seinem angeblichen Hunger zu erwarten gewesen wäre: er fand immerhin Zeit, über die Schüssel weg seiner Wirthin in’s Gesicht zu blicken. Bei ihr war es die Neugierde, weshalb sie öfter auch nach ihm sah – sie mußte doch wissen, wie ein Mensch aussah, der dieselbe Stimme hatte wie Gotthard. Vieles erinnerte sie auch in der Erscheinung des Fremden an ihn: es waren zwar ganz andere Züge, und doch lag etwas in seiner Haltung und seinem ganzen Wesen, wodurch sie sich unerklärlich angezogen fühlte. Sie wandte die Augen ab oder schlug sie zu Boden, wenn sie dem forschenden Blicke desselben begegnete. Dies Anstarren war ihr zuwider und verletzend, und doch regte sich ein Zug des Wohlwollens in ihr, wegen dessen sie sich grollte und den sie nicht mehr für möglich gehalten hatte in ihrem Leben.

Sie mußte sich aufraffen und dem Ding ein Ende machen.

„Was gaffst’ mich so in einem fort an?“ sagte sie unwillig. „Hast noch nie eine Sennerin gesehn?“

„Eine solche, wie Du bist, noch nie!“ entgegnete der Fremde unbefangen und geradezu. „Du gefällst mir so viel gut – daß ich’s gar nit sagen kann. Hast schon einmal von den saligen Fräulein gehört?“

„Niemals,“ erwiderte sie mit beklommener Verwunderung.

„Das sind Weiß-Alben,“ fuhr er fort, „gute Geister, die bei mir daheim in Tirol auf den höchsten Bergen oben in den Felsen drin hausen – stille, fromme Geschöpf’, freundlich und schön wie der Mondschein. Es ist wunderselten, daß Einer sie singen hört, oder gar, daß Einer sie sitzen sieht vor ihrer Höhl’ und schaut ihr zu von fern, wie sie an einer goldenen Spindel spinnt … Wenn sie aber einen Menschen finden, der’s werth ist und der ihnen gefallt, den führen sie in den Berg hinein in ihr unterirdisches Reich, und wer einmal da drinn’ gewesen ist, der kann’s nimmer erleiden auf der Welt und kränkt sich hinunter, bis ihm die Sehnsucht das Herz abstoßt …“

[31] „Das sind Fabeln,“ sagte sie und wandte sich ab.

„Freilich wohl – wie ich aber jetzt so dasitz’ vor Dir, ist mir, als wär’ es doch wahr und als hätt’ mich ein saliges Fräulein hereingeführt in sein Reich.“

Ein schwaches Noch überflog die bleiche Wange des Mädchens. Geräusch von außen entriß sie der Verlegenheit und ersparte ihr die Antwort. Auch der Fremde vernahm dan Geräusch und sprang auf, aber nicht mit der Haltung eines erschrockenen Händlers, sondern mit der eines Mannes, der sich zu vertheidigen entschlossen ist. „Ich hör’ Fußtritt’,“ sagte er mit eigenthümlicher Betonung. „Gilt’s Dir, Sennerin? Ist das Dein Schatz, der an’s Fenster kommen will . .

„Ich hab’ keinen Schatz,“ rief sie unwillig und mit tiefer Gluth übergossen, „die Bauern werden’s sein, die drunten einen Verhack machen… Die rebellischen Tiroler sind uns angesagt worden … Mach’, daß Du fortkommst!“

Er zögerte. „Warum?“ sagt er. „Ich fürcht’ sie nit, Alle miteinander …“

„Fort, sag’ ich, fort!“ rief sie wieder, ängstlich durch’s Fenster spähend. „Ich will nit, daß sie Dich bei mir antreffen, und Du als Tiroler hast auch nit Ursach’, daß Du auf sie wartest … Geh’, sag’ ich… Dieweil sie vorn herein kommen, kannst Du hinten durch den Stall hinausschlupfen! … Aber halt’ Dich rechts … gegen die große Buchen zu … links geht’s hinunter über die lange Wand …“

Der Fremde schrak zusammen. „Sorg’ Dich nit um mich, Sennerin,“ sagte er, „ich kenn’ mich wohl aus … bin nit ganz zum allerersten Mal in der Gegend … Aber meinetwegen, ich geh’, weil Du’s so haben willst … aber wenn’s nit heut’ Nacht noch zu End’ ist mit mir, so komm’ ich wieder …“

Er schlüpfte hinaus. Beinahe gleichzeitig erschien Lipp mit einigen von den bewaffneten Bauern in der Hüttenthür. Er blieb stehen und sah spähend in allen Winkeln umher. „Bist allein, Sennerin?“ sagte er mit lauerndem Hohn.

„Du siehst es wohl,“ antwortete sie barsch. „Hast noch keine Sennhütten gesehen, weil Du so herumsuchst?“

„Wie man sich doch irren kann!“ fuhr er wie zuvor fort. „Ich hätt’ darauf schwören mögen, ich hätt’ reden hören in der Hütten…“

„Ich werd’ wohl mit mir selber gered’t haben,“ entgegnete sie trotzig und ebenfalls nicht ohne Spott. „Aber was willst Du mit den Männern noch heroben bei mir?“

„Wir machen eine Streif’,“ antwortete Lipp, „der Hiesenfranz ist Posten gestanden an der Obernach hinauf und hat gesagt, er hat ein Mannsbild daherkommen sehn, und wie er ihn angerufen hat, ist er umgeschlagen wie ein Fuchs und hinauf in den Wald … Den suchen wir und haben nur fragen wollen, ob Niemand zu Dir ’kommen ist…“

„Schaut selber,“ sagte sie, „aber macht, daß Ihr weiterkommt … ’s ist Zeit, ich will schlafen gehn …“

Zögernd und unwillig trat Lipp aus der Thüre, die sogleich hinter ihm geschlossen wurde. Auch das Licht erlosch unmittelbar: das Mädchen, von einer Fluth neuer, gewaltiger, unklarer Gefühle bestürmt, verlangte Dunkel und Einsamkeit – angekleidet warf sie sich auf’s Lager, barg das glühende Gesicht in dem Heukissen und weinte bitterlich.


2.

Der Flüchtling hatte sich, als er aus der Hütte getreten war, auf den Boden in’s Gras niedergeduckt und war unhörbar und unsichtbar bis an den Waldrand vorgekrochen, wo Haselstauden und Schlehengebüsch ein finsteres Dickicht bildeten und ihn verbargen. Keiner der Streifer hatte ihn bemerkt; die Bauern waren voll Eifer, aber zu ungeübt in solchen Dingen; den Wald und alle Waldwege hielten sie so genau bewacht, daß kein lebendiges Geschöpf unentdeckt durchzuschlüpfen vermocht hätte – daß man auch durch’s Gras gleiten könne, wie eine Natter, dachten sie nicht.

In dem Gebüsche blieb der Teppichhändler liegen und wartete athemlos, bis die Männer alle sich gesammelt hatten, die Sennhütte wieder verließen und abzogen. Wenige Schritte von ihm tappten sie sich in den ziemlich steil absinkenden Waldpfad hinein, er konnte beinahe die Gesichter unterscheiden, er hörte und verstand jedes Wort, das sie sprachen – sie dagegen konnten sein Blätterversteck nicht durchdringen, denn es war ziemlich dunkel, und dichte Wolkenmassen, von einer hochgehenden Windströmung gejagt, zogen an der schwachen Sichel des abnehmenden Mondes vorüber.

Bald war Alles verschwunden und nichts mehr zu hören, als das Rauschen der Büsche am Waldrande, welche der Windstrich noch erreichte, da erhob sich der Tiroler und blickte vorsichtig über die Almblöße und nach der Sennhütte hinüber.. Dann huschte er längs des Gebüschsaumes der großen Buche zu, welche nach rechts hin die mächtige Krone schwarz in die Nacht emporhob. Unter dem beinahe völlig finstern Laubgewölbe angelangt, hielt er wieder an, blickte nochmal nach der Hütte zurück und starrte einige Augenblicke nach der gegenüberliegenden Seite hin, wo die Linie des Berges sich scharf vom grauschwarzen Nachthimmel abhob – es war die Stelle, von wo die lange Wand in die Tiefe stürzte. Er nahm den Hut ab, hielt ihn zwischen den gefalteten Händen vor die Brust und murmelte unverständliche Worte in sich hinein. Dann schien er sich aufzuraffen und trat unter dem Baume vor, aber wieder nur, um neuerdings sich besinnend stille zu stehn. Er dachte noch ein Versteck aufzufinden, wo er die Nacht unentdeckt zubringen konnte, denn es schien ihm nicht rathsam, seinen Weg weiter zu nehmen, da die Bauern der Gegend einmal beunruhigt waren und leicht durch irgend einen Anlaß dazu gebracht werden konnten, ihre Streiferei nochmal zu beginnen. Bei Tag konnte er jeden Feind eher gewahr werden und durfte dann hoffen, unangefochten die Mündung des Jachenauerthals zu erreichen und von dort über den Kesselberg in die Ebene zu gelangen, zumal wenn er sich nicht an die bewohnte Seite des Sees hielt, sondern ihn an dem einsamen rechten Gestade, wo keine menschlichen Ansiedelungen waren, im weiten Bogen umging. In dem Sinnen und Umherspähen fiel ihm nach rückwärts ein kleiner weißgrauer Fleck in’s Auge, der sich mit verschwimmenden Umrissen aus dem umgebenden Walddunkel erhob. „Das muß die alte Lienhardi-Capellen sein,“ sagte er vor sich hin, „da hab’ ich schon manche Nachtstund’ verpaßt, bis die Jäger daheim gewesen und auf den Ohren gelegen sind – die Thür’ laßt sich aufheben mit einem tüchtigen Ruck … ich will hin … von dort ist auch nicht weit nach der Alm herüber … denn so kann ich nicht fort, das spür’ ich wohl, einmal muß ich noch herkommen, muß die Hütte wiedersehen, und …“

Das Weitere verhallte im Nachtwind, und der Wald nahm den Flüchtling in seinen schützenden Schooß.

Die streifenden Bauern waren unterdessen längst bei dem Verhau angelangt, hinter welchem die Mehrzahl verschanzt lag und Wache hielt. An einer besonders schmalen Stelle des Thalsträßchens, wo die Felsen zu beiden Seiten enger herantreten, waren einige der größten Fichtenbäume niedergehauen und lagen mit dem Gewirr ihrer Aeste quer über den Weg; der Platz war passend und mit unverkennbarem kriegerischem Geschick gewählt, vermuthlich lebte es in der Ueberlieferung fort, daß er schon öfter zu ähnlichem Zweck mit Erfolg verwendet worden war. Einige saßen und lehnten halbschlafend auf der grünen Brustwehr, während die meisten um ein weiter rückwärts angezündetes Wachtfeuer saßen, dessen Schein das Vordach einer alten, verlassenen Köhlerhütte beleuchtete. Nach vorn zu, das Sträßchen entlang, waren auf hervorragenden Stellen Schildwachen ausgestellt, um Alles, was etwa des Weges kam, zu melden und anzuhalten. Der Revierförster, ein alter, ausgedienter Soldat, der mit den bairischen Reichstruppen den siebenjährigen Krieg mitgemacht, hatte die alte Kenntniß hervorgesucht und mit Geschick angewendet.

(Fortsetzung folgt.)




Eine traurige Geschichte aus London. An einem Spätsommerabende dieses Jahres ging ich in Begleitung meiner Frau durch einen der zahlreichnn öffentlichen Plätze im Westen von London. Der Ausdruck „öffentlicher Platz“ bedarf in etwas der Modifikation: die Squares in London sind bekanntlich nur insoweit als öffentliche Plätze anzusehen, als die Wege, von denen sie eingefaßt sind, in Betracht kommen; der eigentliche freie Platz ist mit einem etwa 5 Fuß hohen eisernen Gitter umgeben und nur denen zugänglich, welche in dessen nächster Nachbarschaft wohnen und gegen Bezahlung einer gewissen monatlichen Summe einen Schlüssel und damit das Recht erhalten, die meist recht hübschen Gartenanlagen als Promenade zu benutzen. Es war bereits spät, kurz vor 10 Uhr Nachts, und nur wenige Spaziergänger belebten noch die nicht zu dem geräuschvollsten Theile Londons gehörenden [32] Straßen. An das Eisengitter gekauert, nur sehr dürftig bekleidet, auf den Steinplatten des Trottoirs liegend, fanden wir vier Kinder im Alter von fünf bis ungefähr elf Jahren. Wir waren unter den Vorübergehenden wohl so ziemlich die Einzigen, welche durch diesen Anblick in ihrem Wege aufgehalten wurden; der Londoner ist durch den täglichen – was sage ich!– stündlichen Anblick des maßlosesten Elends bereits so völlig erkaltet, so gleichgültig geworden und so abgestumpft, daß eben etwas das Gewöhnliche unendlich Uebersteigendes dazu gehört, um ihn nur so lange von seinem eiligen Geschäftswege abzuhalten, als genügt, einen oberflächlichen Blick auf das neue Capitel menschlichen Elends und Jammers zu werfen. Dann geht er weiter und hat bald den „üblen Eindruck“ vergessen. Nicht so der Deutsche; in ihm regt sich, trotz aller Täuschungen, denen sein von Natur meist gutes und mitleidiges Herz hier ausgesetzt ist, zunächst der Wunsch, Hülfe zu leisten, sei es auch eben nur durch guten Rath, wenn seine Lebensstellung ihm die wirksamere Hülfe nicht gestattet.

Auch auf mich machte der Anblick dieser hülflosen Kinder in so zartem Alter einen tiefen, schmerzlichen Eindruck und ließ mich wieder einmal fühlen, daß Diejenigen, die gern fremdes Leid lindern möchten, es in der Regel nicht können. Das Einzige, was ich thun konnte (und auch that), war, die Aufmerksamkeit des nächsten Polizei-Constables, den ich traf, auf die Kinder zu lenken, hoffend, daß dieser für deren Unterkommen – für die bevorstehende Nacht wenigstens – im Armenhause des Districts sorgen werde. Allein was geschah? – Der Polizist trieb die armen Geschöpfe aus ihrem Ruheplatze fort und so lange vor sich her, bis es ihm gelungen war, sie aus dem seiner Controle unterworfenen Bezirk zu entfernen. Damit hatte er sich ihrer entledigt, und es war nun Sache eines andern seiner Kollegen, sich (in gleicher Weise wahrscheinlich) weiter mit den Unglücklichen zu beschäftigen.

Doch, wird man fragen, wie kann so etwas in einer Stadt vorkommen, die von Wohlthätigkeits-Anstalten aller Art förmlich wimmelt, in der Millionen von Pfunden Sterling Jahr aus Jahr ein unterzeichnet und gezahlt werden für milde Zwecke aller Art, wo unzählige Armen- und Waisenhäuser, Hospitäler und milde Stiftungen durch die öffentliche Wohlthätigkeit unterhalten und neue Anstalten derselben Art fortwährend gegründet werden?

Das ist nun eine ganz natürliche Frage und ihre Beantwortung doch nur für Diejenigen leicht, welche London, seine Gesellschaft, seinen Schwindel, seine Lüge und seine Wahrheit kennen und sich Zeit und Mühe nicht verdrießen lassen, theils durch eigene Anschauung, theils durch fortgesetzte und namentlich vergleichende Lectüre der Tagesblätter mit der Zeit in gewissen Dingen klar zu sehen.

Ich gehöre einigermaßen zu diesen Beobachtern und stellte die Behauptung auf, daß, wenn nur die Hälfte der jährlich zu wohlthätigen Zwecken in London bewilligten Mittel wirklich im Sinne der Geber verwendet würde, es ganz anders mit dem Elende stehen müßte, dessen Anblick oft genug geeignet ist, dem Beschauer das Blut nach dem Herzen zu treiben. Wenn hier eine öffentliche Wohlthätigkeits-Anstalt in’s Leben tritt, so ist das Erste, was geschieht, die Einsetzung eines zahlreichen und sehr gut salarirten Beamten-Personals, dessen Gehaltszahlung natürlich aus den durch milde Beiträge zusammengeschossenen Fonds bestritten wird; ja, es ist Thatsache, daß manche derartige Anstalten eben nur in der Absicht fundirt wurden, um gewissen, den besseren Classen der Gesellschaft angehörenden Personen, die in ihren Verhältnissen zurückgekommen sind, eine ebenso dauernde als lucrative Versorgung zu gewähren, indem man sie zu Directoren oder Secretärien derselben ernannte. Nachdem nun reichlich für den Comfort und die gute Bezahlung der „Officials“ gesorgt und die regelmäßigen jährlichen Beiträge der fettesten Protectoren einer solchen Wohlthätigkeits(?)-Anstalt gesichert sind, – dann wird daran gedacht, den verbleibenden Rest in dem Sinne zu verwenden, in welchem Alles gegeben ward!! – Das ist eine Thatsache! –

Nun möge man aber nicht glauben, daß dieser Rest rückhaltlos und ohne Ansehen der Person, nur mit alleiniger Rücksicht auf das Bedürfniß gegeben und verwandt wird: – weit entfernt! In neunundneunzig von hundert Fällen sind erst noch Empfehlungen und dergleichen unerläßlich, um einer Wohlthat theilhaftig zu werden. Außerdem sind diese Anstalten fast ausschließlich der Controle eines Geistlichen der anglikanischen Kirche unterworfen. Diese Herren, welche ein Vorbild christlicher Milde und Duldung sein sollten, sind in der Regel ausgezeichnet durch ihren Zelotismus und ihre Unduldsamkeit! Wehe dem Armen, der, um Hülfe suchend, nicht ein Attest mitbringt, das ihn unzweifelhaft als eifrigen und regelmäßigen Kirchenbesucher stempelt! Wehe ihm ferner, wenn er einer Dissenter-Gemeinde angehört; es wäre dies schlimmer für ihn, als wenn er sich de facto als Juden, Mohammedaner oder Heiden einführte. Nicht zu reden von den obligatorischen Büß- und Betübuugen, die stets unzertrennlich sind von einem solchen Londoner Wohlthätigkeits-Institut, welcher Art es auch sein und welchem Genre es angehören mag. Heuchelei und Augendienerei sind einmal hier an der Tagesordnung und werden es bleiben, bis die jetzt nur noch schwachen Versuche im Parlament, die Macht und den Einfluß des englischen Klerus zu schwächen, mehr und festeren Boden gewinnen und kräftigerer und nachhaltiger betrieben werden.

Was wird nun aus jenen eingangserwähnten vier Kindern geworden sein? fragt der solcher Möglichkeiten ungewohnte deutsche Leser weiter; und wie konnten dieselben überhaupt zu einem solchen Grade von Verlassensein kommen?

Was aus ihnen geworden sein wird? – Du lieber Gott! – mit Gewißheit kann ich es nicht sagen, doch mit an Gewißheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Von Ecke zu Ecke und von Straße zu Straße getrieben, von einem Constable in das Revier des andern hinüber gescheucht, sind sie endlich in später Nacht oder am frühen Morgen Einem in die Hände gefallen, der vielleicht selbst Kinder hat und der nun, ein Gefühl des Mitleids spürend, die elenden Geschöpfe unter das einzige Obdach bringt, das er zu vergeben hat – unter das der nächsten Polizeistation. Dort bringen sie den Rest der Nacht zu und stehen am nächsten Vormittag um 10 Uhr vor dem Districts-Polizeirichter unter der Anklage des „obdachlosen Umhertreibens“. Niemand kennt, Niemand reclamirt die Kleinen; der Richter schickt sie in’s Armenhaus, wo sie schlecht behandelt und jämmerlich gespeist werden, und das ungeachtet der drückenden Abgaben, welche jeder Hausbesitzer, außer den vielen anderen Taxen, speciell gerade für dieses Institut zahlen muß. Doch hier kommen wir wieder auf den alten faulen Fleck: wenn nur die Hälfte dieser Abgaben den Armen wirklich zu Gute käme! – Die physisch und psychisch unerträgliche Lage verleitet die Kinder endlich zur Desertion aus dem Armenhause; auf’s Neue ist die Straße, der öffentliche Park ihre Heimath. Sie haben weder Geld, noch Obdach, noch Freunde. Hunger und Noth führen zum Diebstahl, zum Broddiebstahl, zur Polizeistation, zum Gefängniß, zur Correctionsanstalt für jugendliche Verbrecher u. s. f., bis endlich Newgate mit seinem Galgen oder die Alles beschließende Tracht aus zweierlei Tuch in Portsea oder Millbank die Carriere enden.

Und wie ist es möglich, daß Kinder in so zartem Alter überhaupt so exponirt sein konnten? – Das ist die Folge der großen individuellen Freiheit, deren das britische Volk genießt. Die rechtmäßige Ehe ist leichter zu schließen, als irgendanderswo, ein wildes Zusammenleben von Mann und Weib ohne legales Hinderniß in’s Werk zu setzen. Nach kurzem Traume läuft dann oft der Vater hierhin und die Mutter dorthin auseinander, und die armen Geschöpfe, denen sie das Leben gaben, hungern und lungern nun auf den Gassen umher, bis endlich das Verbrechen sie aufnimmt oder die Geschworenen bei einer Leichenschau ihren Tod durch Hunger und Entbehrung constatiren.

Hungertod ist eine jetzt in den Londoner Zeitungen so alltäglich gewordene Rubrik, daß man die einzelnen Fälle nicht mehr liest. Der Beamte einer öffentlichen, durch die Einnahme des Kirchspiels unterhaltenen Armenanstalt verweigerte einer armen, alten, allein in der Welt stehenden Frau kürzlich die Aufnahme, weil sie noch einiges Mobiliar (ich glaube eine Matratze, einen Tisch und einen Stuhl) besaß. Wenige Tage darauf fand man die greise, hülflose Frau todt in ihrem Dachstübchen. Der die Leiche secirende Arzt erklärte, daß sie Hungers gestorben sei. Jedenfalls hatte sie nicht heuchlerisch die Augen zu verdrehen verstanden!

Das ist eine traurige Geschichte aus London, wo der Philanthropist noch ein gar reiches Feld für seine Thätigkeit und für seine Studien allnächtlich finden kann; wo die Menschen auf der öffentlichen Straße verhungern, weil sie im Augenblicke der höchsten Noth, und als Mangel und Verzweiflung mit deutlichen Zügen ihnen im Gesicht geschrieben waren, es wagten ohne Empfehlung an die Pforten einer öffentlichen Wohlthätigkeitsanstalt zu klopfen, die ja doch nur den Empfohlenen geöffnet werden und deren oft, ja meist, reiche Fonds hauptsächlich zur Bildung von Sinecuren für die Schützlinge vornehmer Herren vorhanden sind.

Hier mag man erst Besserung schaffen, ehe man – wie neulich ein Herr Henry Mayhew – in frecher Ignoranz sich unterfängt, von einer ganzen großen Nation, unserer deutschen, als von „einem Volke von uncivilisirten, schmutzigen und betrunkenen Bettlern“ zu sprechen. Auf welcher Seite die wahre Civilisation gesucht werden muß – nur John Bull’s hochmüthiger Eigendünkel kann darüber eine Minute in Zweifel sein.




Für die braven Schleswig-Holsteiner
gingen im Laufe der letzten acht Tage wieder bei mir ein: 4 Thlr. von fröhlicher Gesellschaft auf dem Geburtstage des Kaufmanns A. T. in Altstrelitz – 4 Thlr. L–t in Raschau – 1 Thlr. O. M. in Riesa in Folge einer verlorenen Wette – 1 Thlr. 17 Ngr. 4 Pf., ges. am 12. December durch Herrn E. N. in Wermsdorf – 2 Thlr. 5 Ngr. aus Aue – 25 Thlr., auf einem Weihnachtsball in Annaberg, ges. durch Kaufmann Kurlbaum – 3 Thlr., ges. in einer kleinen Gesellschaft bei einem Glas bairischen Bier am Abend des 28. Decbr. in Buchholz – 2 Thlr., C. B., eine Leserin der Gartenlaube – 5 Thlr. als Ertrag des Weihnachtsbaumes im Verein Thalia in Leipzig, durch C. Schmidt – 12 Thlr. für die vertriebenen Lehrer Schleswig-Holsteins, als Jahressammlung einer Billardgesellschaft in St. N. in Leipzig – 3 Thlr. Gesangverein Luscinia in Leipzig – 15 fl. in österr. Obligationen, Verloosung des Christbaumes im Locale des Turnvereins in Feuchtwangen – 1 Thlr. Monatsbeitrag für den Kampf (ohne Unterschrift), 1 Thlr. für die Vertriebenen (ohne Unterschrift) – 4 Thlr., ges. durch F. K. am 25. Dec. in der „Partei“ in Leipzig – 3 Thlr. aus Annaberg,ohne Namensunterschrift – 35 fl. österr. von Turnern und Feuerwehrleuten Reichenbergs – 1 Thlr. 10 Ngr. als erster Beitrag für die Wackern, welche den Eid mannhaft verweigerten, von der Gesellschaft Gemüthlichkeit in Lengefeld – 7 Ngr. 1 Pf. ein verauctionirter Pfennig und 1 Thlr. 15 Ngr. 5 Pf., ges. am Biertische von jungen Leuten in Lengefeld – 8 Thlr. 10 Ngr. Sammlung in der Abendunterhaltung der Liedertafel in Wurzen – 2 Thlr. 15 Ngr. der Schützenverein für Freihandschießen in Güstrow – 18 fl. östr. und 1 Thlr., von einem Lesekränzchen in Asch – 12 Thlr., ges. bei einer Soiree der „Union“ in Gera (durch wackere Unterstützung des Wirthes Hrn. Pfotenhauer): Gott hat geholfen, Gott hilft noch und Gott wird weiter helfen – 2 fl., ein österr. Soldat (Bravo!) – 6 Thlr., ges. von einer deutschen Frau in Gleiwitz beim Geburtsfest eines Turners – 2 Thlr. 15 Ngr., von der Nordmann’schen Riege bei der Weihnachtsbescheerung – 6 Thlr. 5 Ngr., ges. von der Tertie des Gymnasiums in Rostock: „Des Steins Geduld bricht endlich auch in Stücken, – Den Götter zum Getretensein doch schufen – Volk, mehr als Stein, wie lang darf man dich drücken?“ – 1 Thlr., ges. von einer fröhlichen Frühstücksgesellschaft bei G. H. L. in Pirna – 30 fl., von einigen Deutschen und Czechen in Syrowatka und Dobrschenitz in Böhmen mit dem Wunsche, der Wille des Volken möge sich energisch aussprechen – 1 Thlr. 5 Ngr., ges. in einer Kegelgesellschaft in Schönefeld – 2 Thlr., aus deutscher Frauenhand in Pirna den schleswig-holsteinischen Brüdern – 3 Thlr., von der Gesellschaft Concordia in Oberfr. – 10 Thlr. 15 Ngr. Kreisgerichtsrath Wiedemann in Schönlanke – 20 Thlr., ges. in der Gesellschaft Union in Eibenstock, durch Worgitzky – 21 Thlr. 15 Ngr., Weihnachtsbescheerung von Mitgliedern und Freunden der Gesellschaft Friendship – 8 Ngr. ein Weihnachtsgeschenk.
Ernst Keil. 



  1. Der Sohn: „Aber Vater, das ist ja die beste Wiese bei unserer Stelle, die können wir ja gar nicht entbehren.“ Der Vater: „Das ist auch wahr, mein Sohn, Du bist ein braver Junge, dann laß mich nur braten in der Hölle.“
  2. Man ermöglicht dies letztere dadurch, daß man beim Sandstreuen ein Bret for die in gerader Linie aufmarschirten Stühle stellt und so verhindert, daß beim Sandstreuen irgend ein Sandkorn unter die Stühle geräth, was durchaus unzulässig ist.
  3. Den Schimpf und die Schande möchte ich doch um die ganze Welt nicht haben, daß man hier im Hause in allen Ecken herumstöberte, unser Gut zusammentrüge und Alles öffentlich für Geld verkaufte. Und das sollte mein Sohn mit ansehen? Und dann sollte hier auf unserer Stelle ein Pächter sitzen und das Land aussaugen, um möglichst viel Geld daraus zu machen? Nein, das kann nicht angehen und das soll nicht angehen, und dafür müssen Sie sorgen, daß es nicht angeht, sonst kann ich nicht ruhig sterben. Ich bin doch Herr auf meiner Stelle, und wenn der Herr Amtmann sagt, das geht nicht anders, so sage ich, das muß anders geben.“