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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1864
Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1864) 273.jpg
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[273]

No. 18.   1864.
Die Gartenlaube.


Illustrirtes Familienblatt.Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1½ bis 2 Bogen. 0Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.





Der Schatten.
Erzählung von Carl August Heigel.
(Schluß.)


4.

Bleifarbige, schwere Wolken zogen am andern Tag über den Bergen auf. Ein scharfer Wind jagte sie ruhelos von Gipfel zu Gipfel, wühlte den Fluß auf, packte und bog die Bäume im Park, stürzte sich heulend durch die Kamine im Schloß. Die Diener saßen müßig und mit geheimnißvollen Gesichtern im Vorzimmer. Der räthselhafte Schatten war gigantisch angewachsen und lagerte über dem ganzen Haus, über allen seinen Bewohnern.

„Merkwürdig,“ sagte Titus, „daß das Gespenst just bei der Verlobung sich zeigt. Das bedeutet nichts Gutes.“

„Ist’s denn mit der Verlobung richtig?“ fragte der schüchterne Schramm. „Ich hab’s der schwarzen Mariandel nicht glauben wollen, als sie mir’s beim Stiefelputzen erzählte. Mir ist’s, als wäre der Herr Graf erst gestern gestorben. Sein Begräbniß war schauerlich. Und jetzt ist die Gräfin schon wieder verlobt!“

„Schramm, Sie sind ein Esel,“ bemerkte Lafleur vornehm, der auf dem Ledersopha lag und sich die Zähne stocherte. „Sie hören und sehen nichts. Wen von den Herren, außer Ihnen, nimmt das Ereigniß Wunder; ich frage, wen? Niemanden von uns. Ich war in beständiger Attention. Ich hätte mit Jedem zwei Flaschen Rothspon darauf gewettet. Es ist so zu sagen eine alte Neuigkeit, nicht werth, daß man noch ein Wort darüber spricht. Bah!“

„Sehr richtig, mon cher,“ schnarrte Titus der Kleine. „Für mich ist der Schatten viel interessanter, als die Verlobung. He, Herr Banks, wie denken Sie heute darüber?“

Der Schwarze zeigte grinsend seine glänzenden Zähne, „Oh, yes!“ sagte er, „I think –“

„Deutsch, wenn ich bitten darf, Mr. Banks,“ unterbrach ihn Lafleur kalt. „Wir sprechen nur in England englisch. Apropos, gestern Abend war ich wieder ’mal bei der verrückten Kreislerin.“

Die Aufmerksamkeit Aller richtete sich auf Lafleur.

„Was meint denn die von dem Schatten?“ fragte einer der Jäger.

„I, das ist merkwürdig. Sie sagt –“ Eine der Klingeln im Zimmer begann heftig zu läuten.

„Lafleur, das gilt Ihnen,“ sprach Titi.

„Ja,“ antwortete Jener nach einem Blick auf die vibrirende Glocke. „Dann muß ich hinauf; solange Herr von Montigny Bräutigam ist, darf man ihn nicht warten lassen.“

Montigny hatte seinen Lehnstuhl an’s Fenster gerückt und sah, mit aufgestütztem Haupt und finsterem Gesicht, dem Aufruhr am Himmel zu.

„Ist die Gräfin zu sprechen?“ fragte er den eintretenden Lafleur, ohne den Kopf zu wenden.

„Bedaure, Euer Gnaden,“ antwortete der Diener. „Die Frau Gräfin haben den Auftrag gegeben, sie zu entschuldigen, Sie fühlen sich sehr krank; der Schatten –“

„Zum Teufel mit Eurem Schatten!“ zürnte Montigny. „Wer noch einmal mir von diesem Unsinn spricht, ist entlassen!“

„Ganz nach Euer Gnaden Befehl,“ versetzte Lafleur.

Ruhigeren Tones dann gab Edgar dem Bedienten den Auftrag, sich zu erkundigen, ob die Gräfin auch für ihn nicht zu sprechen sei.

Nach einer kurzen Weile kam Lafleur mit einem Briefchen von der Gräfin Hand zurück. Montigny überflog die Zeilen. Sie waren mit der Bleifeder flüchtig hingekritzelt. Ihr Inhalt lautete:

My dear! Tausend Küsse vorher! Ich bin sterbenskrank. Der Schatten – ce maudit spectre – war im gelben Zimmer, als ich aus einem Traum – Du erräthst doch, von wem ich träumte? – erwachte. Ist das nicht schrecklich? Jetzt kann ich Dich nicht sprechen, ich sehe gräulich aus. Aber Abends wollen wir unsere Verlobung feiern und mit Aßpergs die ganze Nacht durchschwärmen. Hörst Du, die ganze Nacht! Den Schlaf holen wir morgen im Wagen nach, denn wenn Dir mein Leben lieb ist, so verlassen wir morgen schon dies entsetzliche Schloß und reisen mit Aßpergs nach Baden-Baden. Es küßt und umarmt Dich

Deine Stephanie.“ 

„Sie können gehen,“ sagte Montigny zum Bedienten. Allein, warf er das Papier auf den Tisch und starrte wieder in die gährenden Wolken. Manchmal senkten sie sich tief an den grauen Felswänden nieder, als wollten sie das Thal erdrücken, dann riß sie der Wind wieder wie einen Vorhang empor.

Die Gedanken Edgar’s wogten wie das Gewölk. Dunkel, gewitterschwer stiegen sie in ihm auf, und zogen sie vorüber, so standen dunklere dahinter. Einmal trat er an den Tisch, um eine Cigarre anzuzünden. Eine Wachskerze brannte dort. Edgar benutzte Stephaniens Brief als Fidibus und warf das flackernde Papier auf den kostbaren Fußteppich. Einige Secunden lang betrachtete er die kleine Flamme am Boden und trat dann heftig mit dem Fuß darauf. „Aus!“ sagte er mit einem sonderbaren Aufleuchten seiner Augen.

Er schritt im Zimmer auf und nieder und versuchte zu singen, aber die Stimme versagte ihm; auch am Rauchen fand er [274] sein Behagen. Die Cigarre flog bald zur Erde. Er warf sich wieder in den Lehnstuhl.

„Alles in Allem,“ sagte er sich nach tiefem Sinnen, „ist eine grelle Wahrheit erträglicher, als dumpfer Verdacht; Gewißheit ersprießlicher, als zagende Ungewißheit. Man kann sich einrichten – man handelt. Eine merkwürdige Geschichte! Todte werden lebendig, oder vielmehr Lebendige gelten für todt. Nun, wie immer die Sache zusammenhängen mag: ich ward betrogen und beschimpft, jedes von Beidem Grund genug, mich zum Aeußersten zu treiben. Und so denn, theurer Cousin, setz’ ich Deinen mystischen Launen mein ganzes Sein entgegen: Jugend und Kühnheit, Stephaniens Liebe und meinen Haß. Ich denke, ich bin ein respectabler Gegner. Gieb Acht, daß Du, mit dem Tode spielend, nicht den Teufel an die Wand maltest!“

Wieder zog ihn der Aufruhr am Himmel an. „Pest!“ dachte er, „was ich nur immer nach den Wolken luge?! … Wie sie wachsen und wallen! Es ist mir, als sollte ich dort eine Wahrheit für mich entdecken, als wollte das tolle Gebräu mir etwas sagen…“

Später begab er sich auf die Terrasse und fand dort Fräulein Fanny mit wehenden Kleidern an der Balustrade stehen. Sie sah aufmerksam in den Park hinab.

„Ei, meine blonde Mignonne,“ redete Montigny sie an. „Bei diesem Wind wagen Sie sich ohne Hut und Shawl in’s Freie? Wie leichtsinnig!“

Fanny kehrte flüchtig das angstvolle Gesicht ihm zu, dann wies sie mit der Hand auf den Grafen Heinrich, der langsam einen Gartenpfad hinabwandelte. „Dort!“ sagte sie, „dort, sehen Sie Herrn Stein?“

„Ich sehe ihn.“

„Denken Sie, er geht in die Berge, geht bei diesem Wind und Wetter nach der Heinrichswand, will auf die Alm und vor Abend wieder zurück.“

„Woher wissen Sie das?“

„Von ihm selbst. Ich traf ihn im Corridor, und weil er einen Gebirgsstock trug, fragt’ ich ihn, wohin er denn wolle. Ich bin des Todes erschrocken über seine Absicht; ich bat und beschwor ihn, doch heute nicht das Wagniß zu unternehmen, aber er ließ es sich nicht ausreden.“

„Der Teufel lohne dir deine Gutmüthigkeit!“ dachte Edgar, aber laut sagte er: „Das war recht, das war hübsch von Ihnen, mein Fräulein. Sie haben ein gutes Herz. Der Kaplan ist toll. Ich hätte dem Bücherwurm das Wagstück gar nicht zugetraut. Was will er denn auf jener Alm? Die Sennerin dort ist alt und häßlich.“

„Pfui, Herr von Montigny,“ versetzte das Mädchen unwillig. „Der arme Mensch ist ein Sonderling. Er dauert mich. Am ersten Abend möcht’ ich ihn gar nicht leiden, weil Pater Angelo ihn uns brachte. Aber jetzt fühle ich anders. Ich habe eine Ahnung, daß er sehr unglücklich ist.“

„O, das sollte mir leid thun!“ sagte der Andere und verwünschte innerlich das Ahnungsvermögen der Weiber.

„Wenn Herr Stein nicht schwermüthig wäre, würde er bei solchem Wetter nicht so schaurige Spaziergänge wählen. Der arme Mann, er wird verunglücken!“

Montigny zuckte. „Er kann verunglücken,“ erwiderte er langsam, und plötzlich schien sein Körper die gewohnte Elasticität zu gewinnen, seine verdüsterten Züge heiterten sich auf; er ward beredt und lebendig. Mit umständlicher Genauigkeit, fast Schritt für Schritt, begann er Fanny den Weg zu schildern, den sein Todfeind jetzt ging. Erst den Pfad an den Bergen hinter Waldenburg empor, nicht bequem, aber ungefährlich. Schlanke Lärchen schießen empor, und Alpenrosen trifft man in Hülle und Fülle. Den senkrechten Felswänden entlang windet sich der Steig hinan, zuweilen führt er über schiefeinstreichende Lagen. Plötzlich dann steht man auf der sogenannten Teufelsmauer, auf einer schmalen Felsenplatte vor einem tiefen Abgrund, durch dessen Rinnsal der wildbrausende Fluß dahinschießt. Gegenüber steigt die graue Heinrichswand himmelhoch empor.

„Aber wie kommt man hinüber?“ fragte Fanny.

„Auf zwei rohen Baumstämmen, die quer über den Abgrund gelegt und an beiden Enden mit Eisenklammern in das Gestein festgefügt sind. Eine derbe, sichere Brücke, nur darf man nicht an Schwindel leiden. Wer in den Schlund fiele, würde rettungslos am Gestein zerschellen und vom Fluß verschlungen werden.“

„Und ist man glücklich drüben?“

„So beginnt die eigentliche Gefahr.“

„Ich dächte –“

„Nun, den luftigen Steg nennen Sie doch nicht gefährlich? Deren giebt’s Hunderte im Gebirg. Ich will über ihn tanzen. Aber jenseits heißt es vorsichtig und doch fest die Füße setzen, den Pfad hinan, der kaum für Einen Platz hat; immer aufwärts, daß der Fluß drunten zuletzt nur ein kochender Milchstrahl erscheint. Aufwärts! aufwärts! …“

„Sie schildern mit solcher Lebhaftigkeit“ sagte Fanny zum Erzähler, der eine Weile starr vor sich in’s Leere blickte. „Ich stehe auf der Teufelsmauer und sehe gegenüber unsern armen Kaplan emporklimmen.“

„Bald nur als einen schwarzen Punkt. Dann verschwindet er um die schroffe Ecke der Heinrichswand. Die Gefahr ist vorüber. Man hat noch eine breite Schieferlage zurückzulegen; durch wildes Gezack dann geht es eine Weile wieder abwärts, und endlich tritt man aus diesem unfruchtbaren, rauhen Klippenwirrsal auf eine schöne, grüne Matte, wo die Sennhütte steht.“

„Mögen alle Engel und Heiligen Herrn Stein beschützen,“ rief tiefaufathmend das Mädchen.

„Alle Engel und Heiligen,“ sagte Montigny.

Sie wechselten noch einige Worte und trennten sich dann. Und jetzt sang und pfiff Edgar, während er im Park sich erging, lustig mit dem Wind um die Wette. Stephanie, die in ihrem Schlafzimmer am Fenster stand und ihn zwischen den Bäumen sich tummeln, über Beete springen und andere jugendliche Kraftübungen vollführen sah, lachte aus voller Seele über den lustigen, ausgelassenen, übermüthigen Mann. Aber in Wahrheit barg sich unter Edgar’s scheinbarer Lustigkeit nur die Aufregung seiner Seele. Er wußte jetzt, was ihm die Wolken sagen wollten.

Beim Diner, das er mit den Aßpergs einnahm, war er von hinreißender Liebenswürdigkeit. Die Baronin konnte keinen Blick von ihm verwenden, ihr Gemahl strich sich vergnügt den Backenbart, und die aufwartenden Diener nickten sich hinter seinem Rücken beifällig zu. Nachdem der Kaffee servirt war, stand Edgar auf und küßte Josephinen die Hand. „Wohin wollen Sie denn?“ fragte Aßperg. „Bei diesem Wetter denken Sie doch nicht auf die Jagd zu fahren?“

„Nein, ich will mir einen kleinen Streifzug nach dem Wendelsteinerwald unternehmen, einen Spaziergang, weiter nichts.“

„In einer Stunde haben wir ein Gewitter.“

„Um so besser. Ein Gewitter im Gebirge, das ist ein Schauspiel!“

„Das Sie aber von meinem Zimmer aus, bei einer ausgesuchten Havanna, viel bequemer haben können.“

„Ein nahes Gewitter bringt mein Blut in Wallung. Ich habe zu Hause keine Ruhe; ich muß in’s Freie, muß mich austoben wie der Sturm.“

„Adieu denn, junger Roland! Kommen Sie vor Abend noch zurück?“

„Gewiß, denn heute Abend heißt es:

Le vin dans tous les verres,
L’amour dans tous les yeux.

Es soll eine Götternacht werden! Die Damen sollen uns mit bekränzen, und wir wollen dagegen zärtlich und galant sein, wie die Ritter aus des „Minnesanges Zeilen“. Schloß Waldenburg soll wie eine Burg von Sternen strahlen, und im Dorf Keiner sein, der nicht, in Wonne taumelnd, ein Hurrah auf Josephine und Stephanie, als die Schönsten aller Schönen, ausbringt. O, ich komme; heute käme ich als Todter!“ Er empfahl sich.

Als er, die Flinte über die Schulter gehangen, aus dem Schloß in den Vorhof trat, hatte sich der Wind gelegt. Im Süden stauten sich die schwarzen Wolken auf und rückten langsam näher.

Diane, der Lieblingshund des Grafen, stand vor seiner Hütte, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, den Kopf erhoben und heulte jämmerlich. „Machen Sie doch den dummen Hund los,“ rief Montigny ärgerlich dem Thorwärter zu, der seine Nachmittagspfeife schmauchte. „Das Vieh fürchtet sich vor dem Wetter.“

„Das muß wohl so sein, Euer Gnaden,“ sagte der Diener, während er die Kette löste, „denn er heult wohl seit ’ner Stunde schon.“

„Geben Sie ihm die Peitsche. Ich will kein Hundegeheul.“

[275] Nach dieser kurzen Verzögerung trat Edgar den Weg nach Wendelstein an. Sobald er aber Dorf und Schloß hinter sich hatte, verließ er die Landstraße und kehrte auf Seitenpfaden die zurückgelegte Strecke wieder zurück.


Einen großen Theil seines gefahrvollen Weges mußte Heinrich von der Dunstschichte aufgenommen und eingehüllt zurücklegen. Bei der Biegung um die Heinrichswand trat er endlich in freiere Atmosphäre und sah nun, den ganzen Wolkenzug unter sich, die fahlfarbige Säule noch gebundenen Lichts über dem Thale wallen.

In der Sennhütte, einem dumpfen, durch das Heerdfeuer rauchigen Raum, erwartete ihn Angelo.

Graf Waldenburg, in Schweiß gebadet und doch von Frost durchschauert, nahm in der Ecke Platz, wo die Bank der rohgefügten Balkenwand entlang lief, und der Tisch stand. Dort hing auch der künstlerische Schmuck der Almhütte, ein grellbemaltes Crucifix und ein eingerahmter Holzschnitt der „wunderthätigen Madonna von Wendelstein“. Darüber kreuzte sich der geweihte Zweig einer Palmweide mit einer Pfauenfeder.

Trotz seiner Erschöpfung begann Heinrich sofort, dem Freunde die Ereignisse des vergangenen Tags zu erzählen. Angelo blieb vor dem Tische stehn und unterbrach den leidenschaftlichen Erguß des vielgeprüften Herzens mit keinem Wort.

„Und so ist eingetroffen, was Du prophezeitest,“ schloß Waldenburg. „Die Welt meiner Träume versank. Schiffbrüchig sehe ich nach dem letzten Felsen aus, der mich aus diesen ewig schwankenden, falschen Wogen, ich will nicht sagen retten, sondern zerschellen will.“

Er sank ächzend zurück.

„Du bist blaß, angegriffen, erschöpft,“ begann der Priester und gab seiner Stimme den sanftesten Ausdruck. „Laß uns nicht jetzt weiter sprechen, nicht in der Aufregung und voreilig einen Entschluß fassen! Ich will überlegen. Schlaf Du unterdessen; Du bedarfst der Ruhe, der Erquickung! Thu’s mir zu lieb: sprich nicht mehr, sondern strecke Dich aus und schlaf!“

Heinrich fühlte selbst seine Schwäche und Hinfälligkeit zu sehr, um sich diesem wohlgemeinten Rath zu widersetzen. „Ach, Freund,“ sprach er mit einem schwermüthigen Lächeln, das selbst Angelo’s Augen feuchtete, „warum wecktest Du mich damals?!“

Er streckte seine müden Glieder, schloß die Augen und sank bald in wohlthätigen Schlaf. Lange betrachtete Angelo das stille Dulderantlitz des Schlummernden, riß dann sich mit einem Seufzer los und trat in’s Freie vor die Hütte.

Vom Wiesenabhang, der hinter dem Hause lag, klang das Geläut der Leitkuh und der Lockruf der Schwaigerin, die zum dritten Mal molk. Wunderbar klar und frisch war die Luft. Die Schneeberge, welche ringsum über schwarzen Waldgebirgen lagen, glänzten im Sonnenschein, aber hinter der Heinrichswand rollte und grollte es; fernab, in der Richtung von Waldenburg, ging die donnernde Wolkenschicht nieder.

Angelo setzte sich auf die Fensterbank nieder und stützte das Haupt in die Hand.

„So stünde ich doch nicht über den Gewittern?!“ dachte er. „So wanderte ich immer noch im Nebelthal und könnte der Sturmwind mich ergreifen? Wie klar schien der Weg, den ich mit Heinrich wandeln wollte, vor mir zu liegen! und jetzt ist mein Blick verwirrt; ich sehe plötzlich hundert Pfade sich vor uns kreuzen. Leidenschaften, die ich abgethan wähnte, schlagen plötzlich die Flügel auf – und schlimmer als dies Alles: ein Zweifel faßt mich, ob ich auch recht gethan?!“

Er sprang jählings empor. „War ich denn fromm, gläubig, rein bisher? Wohl entsagt’ ich allen Genüssen, die Menschen begehren, schwelgte in meiner Erniedrigung und schritt, wie ein Triumphator über eine königliche Leiche, über meine Erdenhoffnung, hin. Aber wem nützte ich durch mein Beispiel? Wer ward besser und frömmer durch mich? Siegreich ist die Wahrheit! Wo sind meine Schüler? Und was ist ein Sieg, der nur den Kämpfer befreit, nicht seine Brüder?“

„Die Menschen nannten mich einen Mystiker. Wenn mystischen Sinn Der hat, dem diese Welt Nichts, aber jene Welt desto größer und wichtiger ist – was war mir denn jene Welt? Ein Aufgehen in Gott. Aber mit Entsetzen sehe ich jetzt, daß die Sonne, dieser winzige Theil des Weltalls, größer, herrlicher, fruchtbarer ist als mein Gott.“

„Weltgeist!“ rief er aus und sank, von seinen eignen Gedanken zerschmettert, in die Kniee, „Dich glaubte ich zu begreifen, Dir ähnlich zu sein. Meine Ohnmacht schien mir Deine Kraft, meine Blindheit Dein Auge. Die Zügel eines Menschenschicksals ergriff ich und muß, unseliger als Phaëthon, den eignen Sturz überlebend, den Untergang des mißgeleiteten Freundes sehen.“

„Und wenn in dieser heiligen Stunde, die meine eingebildete Größe wie Schnee schmilzt und mit dem bloßen Ahnungsschimmer der ewigen Majestät wie einen Wurm mich hinwegkrümmt, wenn in dieser Stunde der Wahrheit und Erkenntniß Heinrich mich fragt, warum ich ihn dahin brachte, kann ich nichts Anderes erwidern, als: Wenn ich unglücklich war, warum wolltest Du glücklich sein!“

So, zerknirscht und reuevoll, ruhte er lange Zeit. Geläutert erhob er sich. Seine hohe Stirn erschien reiner, edler, glänzender: der Hauch der Liebe hatte sie berührt. Als er zu Heinrich zurückkam, fand er diesen bereits wach.

„Der Schlaf that wohl,“ sagte Waldenburg dem Eintretenden. „Ich fühle mich neugestärkt und zum Handeln muthig. Ich bin wieder, der ich heute Morgens war.“

„So hast Du einen Entschluß schon gefaßt? weißt, was Du Stephanien, Edgar und den Andern gegenüber zu thun hast, daß Alles sich ordnet, und Du makellos vom vollbrachten Werk zurücktreten kannst?“

Heinrich lächelte bitter. „O!“ sprach er, „ich habe einen trefflichen Gedanken, der Alles in sich faßt, ausgleicht und endigt. Um kurz zu sein: Ich bin entschlossen, mich zu rächen.“

Angelo erblaßte.

„Du staunst, Du verstummst. Nicht wahr, das hast Du von Deinem Heinrich nicht erwartet? Er ist ja so sanft, so gut, kann Niemanden schrecken noch quälen! Wie sie Alle staunen werden: Heinrich Waldenburg rächt sich! Abel erschlägt den Kain!“

„Ich hoffe, Du rächst Dich edel.“

„Wie ein Mann,“ sagte Waldenburg stolz. „Simson begrub nach Delila’s Verrath sich und seine Feinde unter Trümmern, und die Bibel sagt: Er rächte sich in der Kraft des Herrn.“

„Denk’ an Dein Gelübde!“

„Der Welt zu entsagen und nur noch Gott zu denken? Freund, das will ich. Auf Flammenfittigen, heiß wie meine Sehnsucht, will ich mich aufschwingen. Aber sie sollen mit vor den Richter!“

„Welchen wahnsinnigen Gedanken birgst Du?“ fragte Angelo in steigender Angst.

„Weißt Du eine andere Lösung, als unsern Tod?“

„Ja, die Buße!“ rief Angelo. – „Auch wir haben zu bereuen, Freund,“ fuhr er bewegt und dringend fort, „ich mehr als Ihr Alle. Unsere Saat war Lüge, wir ernteten Verrath. Wir wappneten uns mit dem Grauen des Todes, doch nur der Lebende behält Recht.“

„Und so redest Du? Muß ich Dich an jene Nacht erinnern, als ich mich zögernd vom Leben losriß? Wer rieth mir zu dieser Prüfung des Lebens und seines Werths? Wie sprachst Du, da ich schwankte?“

Der gerechte Vorwurf des Unglücklichen zerriß Angelo’s Herz. Er warf sich vor Heinrich nieder und rief: „Fluche mir, Du mein einziger und letzter Freund! Fluche mir, und wenn Erd’ und Himmel Dein Echo werden, ich habe den dreifachen Fluch verdient! Sieh, auf meinen Knieen lieg’ ich vor Dir und bekenne: meine Freundschaft war Dein größter Feind. Ich bin schuld an Deines Weibes Schuld; ich machte Dich namenlos unglücklich. Vergieb mir nicht! Setze Deinen Fuß auf meinen Nacken und verdamme mich. Aber lasse auch mir die Sühnung! Laß mir die Sühnung! Und wenn Dein Weib, wenn Edgar Kieselherzen hätten, ich will sie heute schmelzen. Meine Stimme soll wie einer Mutter Stimme sein, streng und mild, unabweisbar und unwiderstehlich. Meine Reue soll so beredt sein, daß ihnen nur noch Reue begehrenswerth, Reue Seligkeit erscheint. Heinrich! Ihr sollt mich, den stolzen, harten, selbstsichern Mann, weinend, gebrochen, verzweifelnd sehen, und jede Thräne, die ich weine, möge Höllengluth für mich und Balsam für Deine Wunde sein! … Heinrich – schließe mich aus von der Buße; heiß’ mich Hand an mich legen, ehe ich büßte! aber vorher laß mich Euch versöhnen, Euern Irrthum sühnen!“

Der Anblick, die Leidenschaftlichkeit des reuigen Mannes war erschütternd. Einen Augenblick zögerte Waldenburg, doch dann [276] wandte er sich düster ab und sprach: „Es ist zu spät. Wunden giebt’s, die nie vernarben, Kränkungen, die nie vergessen werden. Ich wie Jene, wir können einander nie verzeihen. Wir können auch nicht leben fürder. Deine Schuld am Vergangenen vergeb’ ich Dir. Das Künftige kommt nicht auf Dich … Lebwohl!“

„Ich folge Dir,“ sagte Angelo fest und erhob sich. „Darf ich nicht Dein Retter sein, so will ich Deinen Untergang theilen.“

„Freund, bleibe zurück! Ich gehe den Todesweg.“

„Ich folge Dir wie Dein Schatten.“

„Angelo, hoffe nicht, mich zu überreden, mich zu erschüttern! Wenn Gott selbst vom Himmel mir riefe – ich bin zu tief im Abgrund, ich höre Keinen mehr.“

„Ich hoffe Nichts.“

Sie traten aus der Hütte. Die Schneegipfel schienen feuerdampfende Pyramiden; die Felsen rings standen in dunkelrother Gluth.

„Nun küßte mein schönes Waldenburg die Sonne zum letzten Mal,“ sagte Heinrich leise vor sich hin. „Denn heute werfe ich statt des Schattens rothen Schein. Ich will das Schloß zu ihrem Verlobungsfest hell erleuchten.“

Sie traten die Wanderung an. Durch die öde Wildniß nackter Klippen und Felsennadeln kletterten sie mühsam bergab, bergan. Dann legten sie die weite Strecke grauer Lagen zurück, die mit Geröll bedeckt und von Rinnsalen durchfurcht waren. Rechtsab, jenseits des Strombetts, wie zur Linken sah das Auge steile Gesteinswände, reich an Geklüft und schneeigen Schluchten. Vor ihnen starrte die gigantische Felsenmasse, die Heinrichswand, und nach überklettertem Getrümmer mit Kieferngebüsch standen sie auf dem Steig zur schwindligen Höhe.

Unterdessen war der Abendschein verglüht, nur auf den höchsten Gipfeln zauderte noch ein leiser Farbenhauch; aber schon waltete am Himmel die milde Kraft der nächtlichen Gestirne.

Beide Wanderer hielten jetzt auf einem breitrückigen Steinblock kurze Rast. An ihre Stäbe gelehnt, richteten sie den Blick prüfend empor.

„Kehre zurück, Angelo!“ wandte sich Heinrich nach einer Weile zum Gefährten. „Das Wetter ging über Waldenburg nieder. Drüben an der Thalwand wird der Felsen feucht und schlüpfrig sein. Mich stählt, mich hält meine wilde Sehnsucht.“

Der Andere schüttelte das Haupt. „Ich gebe mich in Gottes Hand,“ erwiderte er.

Ihre Blicke begegneten sich. In ahnungsvoller Bewegung sanken sich Beide an die Brust; doch wechselten sie keine Worte mehr.

Dann stieg Waldenburg voran, und da ein trotziger Gedanke seine Kraft und Kühnheit verdoppelte, ließ er Angelo weit hinter sich. Mit weitgeöffneten Nüstern und wildem Blick klomm er den schmalen Pfad, den der Fels gewährte, empor. Aber trotz seiner Anstrengung kam er auch nur langsam vorwärts. Oft glitt sein Fuß auf dem glatten Gestein zurück, und seine ganze Wucht hielt dann der getreue Stab…

Wo nur noch der Gipfel wie eine Titanenwarte überhing, wand sich der Steig um die Ecke und senkte sich dann steil die Felsenbrust hinab. Die Brücke zur Teufelsmaner erschien dort oben noch ein schwaches Reis, über den entsetzlichen Abgrund gelegt, in dessen tiefster Tiefe der Fluß wühlte.

„Wenn ich zu spät käme!“ dachte Heinrich, als er in der unermeßlichen Einsamkeit der Gebirgsnacht das dumpfe Gezisch des Gewässers vernahm. „Wenn sie geflohen wäre mit Edgar!“ Dieser Gedanke krampfte ihm das Herz zusammen. Aber Angelo’s Wort ging ihm durch den Sinn: „Ich folge Dir wie Dein Schatten.“

„Fort! fort!“ stachelte er sich selber an und klomm, ohne eine Secunde zu rasten, den Hang hinab…

Gerinnsel, das aus allen Spalten des Berges hervorzubrechen schien, machte den Stein glatt, wie geschliffenen Marmor. Jeder Schritt trug Heinrich aus Todesgefahr in neue; ein Fehltritt des vorwärtstastenden Fußes, ein Abgleiten des stemmenden Beins stürzte hier in den Abgrund, in den Tod.

Und schon entdeckte Heinrich, daß die Nervenerregung, während sie ihn Anfangs befeuert hatte, mit der ungeheueren Muskelanstrengung verbunden, in Erschöpfung endigte, die sein ganzes Selbst zu verändern beginnt. So hatte er ungefähr die Hälfte des Wandsteigs hinter sich, als von irgend einer der Nächstliegenden Almen ein weiblicher Jodelruf durch die Nachtstille und das Flußrauschen klang. …

Ein kurzgestoßenes, vom Echo schwach erwidertes Aufjauchzen! Aber auf Heinrich bewirkt es einen Druck des Bluts in den Gefäßen, wie der donnernde Niedergang einer Lawine. Er steht plötzlich still – er fühlt das Erblassen seiner Wangen, vor den Augen flirrt und kreist es, seine Gelenke werden schlaff und schlotternd, der Stab entsinkt ihm – Er schwindelt! … Verloren! durchzuckt es ihn, und er besitzt nur noch so viel Besinnung, sich langsam auf ein Knie niederzulassen - -

Dann schließt er die Augen.

Aber ein wohlthätiger Schweiß brach ihm aus allen Poren, und die Anwandlung von Ohnmacht ging vorüber. Mit ruhiger kreisendem Blut und rückkehrender Kraft erhob er sich und begann, nun ohne Stab, die letzte Wegeshälfte zurückzulegen. Das Tosen des Bergwassers schlug lauter und lauter an sein Ohr. Doch Heinrich konnte jetzt wieder ohne Schwindel auf den milchweißen Gischt und die Lärche, die aus einem Felsenriß emporschoß, hinabsehen.

„Gott will’s,“ flüsterte er … Er hatte den Steg erreicht, der von Feuchtigkeit im Mond wie Silber glänzte.

Schon setzt er den Fuß auf die geländerlose Brücke, als drüben laut sein Name gerufen wird und Edgar aus dem Fichtengebüsch der Teufelsplatte auftaucht.

„Graf Heinrich Waldenburg,“ wiederholt dieser mit schneidender Stimme. „Denkst Du zum zweiten Mal vom Tode aufzuerstehen?!“

Ein kalter Schauer packt Waldenburg, da er seinen Todfeind so nah sich gegenüber gewahrt. Einen Moment zögert er unschlüssig, aber dann hebt er warnend seine Rechte empor und betritt den schlüpfrigen Steg. Langsam setzt er Fuß für Fuß… In der Mitte hält er und blickt wieder hinüber. Da reißt plötzlich Montigny seine Flinte empor, legt an – Heinrich sieht den blinkenden Lauf auf seine Brust gerichtet, sieht den gewissen Untergang – blitzschnell biegt er sich zur Seite, aber dabei glitscht sein Fuß – er schreit auf und stürzt kopfüber in die Schlucht.

Edgar, der unwillkürlich zurückprallte, hörte unmittelbar nach dem Entsetzensschrei und dem Verschwinden des Mannes ein Knacken im Geäst der Lärche, dann einen dumpfen Fall in’s Wasser, ein kurzes Aufrauschen der Wellen… Der tödtliche Schuß schläft noch in seiner Waffe, dennoch flieht Edgar, flieht entsetzt hinweg, ein Mörder mit unblutiger Hand.

Aber hoch vom Felsen wandelt Angelo, sieht das Opfer, sieht den Fliehenden. Der Stein unter ihm löst sich nicht, sein Fuß gleitet nicht aus; den Berg hernieder und über die Schlucht schreitet er, feierlich, fest, unaufhaltsam, vom Sternenlicht beleuchtet, hinter dem Fliehenden her, wie der Engel der Nemesis. - -


Lustig! lustig! Die Waldenburger schlafen nicht! Hurrah!

Im Adler rufen wieder Flöten und Geigen zum Tanz. Wer eintritt, der hat auf Montigny’s Kosten Essen und Trinken umsonst.

Ein Prachtkerl, der Montigny! Der wird ein anderer Schloßherr, als der Selige. Leben und leben lassen! Da wird’s zu verdienen geben, im Schloß, an den Gästen, die zahllos kommen werden wie nach dem gelobten Land! Die goldene Zeit bricht an.

Die Männer taumeln vor Vergnügen über den Prachtkerl, die Verlobung und den Verlobungswein. „Das gräfliche Brautpaar soll leben, Vivat hoch!“ tönt es bald da, bald dort, an allen Tischen, und die Gläser klirren. Kein Waldenburger, vom reichen Silberbauern bis zum armen Wegmacher herab, der nicht auf Montigny heute schwört, trinkt und hofft. Und wenn die verrückte Kreislerin, die in der Küche sitzt und ein Weinsüpplein bekommt, hin und wieder versichert, daß ihr Heinzi noch lebt, lacht die Adlerwirthin, lachen die Mägde, lachen alle Gäste; das ganze Haus lacht.

Und die Dirnen im Tanzsaal denken an Montigny, während sie mit ihren Burschen, Brust an Brust, sich wiegen und drehen.

Im Schloß sind alle Fenster glänzend erleuchtet, und im Erdgeschoß tanzen die Jäger und Bedienten, Zofen und Hausmägde. Lafleur hält eine „famose“ Rede und trinkt auf das Wohl der Braut, auf das Wohl des gnädigen Herrn. Hurrah Montigny, und Montigny für immer!

In einem Salon, den ein Blumenflor durchduftet und der Kerzenschein von Girandolen und Armleuchtern taghell erleuchtet, sitzen die Gräfin, Baron Aßperg mit seiner Gemahlin und Fanny am silberstrotzenden Tisch. Das Souper ist vorüber – Montigny ließ auch gar zu lange auf sich warten. Die lästigen Diener sind verabschiedet. Die Braut, die Freunde, der Champagner warten [277] auf Montigny. Endlich kommt er, heiß und erregt, jedenfalls lustig erregt. Er entschuldigt sich: das Wetter hat ihn überrascht, der Wendelsteinerwald ihn in die Irre geführt – man muß ihn abholzen, den verwünschten Wald! – Stephaniens Unwille verwandelt sich sofort in Liebe, Freude, innigste Theilnahme. Sie streicht ihm das feuchte Haar aus der Stirn und sagt: „Du Aermster!“ Er soll das Souper nachholen, aber Montigny dankt, er will nur trinken. Zwei, drei Gläser des goldigen, perlenden Weines stürzt er hinab. Ah – das erfrischte! Nun ist er wieder der alte, fröhliche Montigny, nein, fröhlicher, lauter, als man ihn je gesehen.

Seine wilde Lust steckt die Andern an; das Gespräch wird ausgelassen, man klatscht in die Hände und lacht unbändig. Die Gläser klingen; die Damen müssen trinken. Aßperg improvisirt einen Toast. Er wird dafür mit Blumen geschmückt. Stephanie steckt auch ihrem Geliebten eine Rose an die Brust.

„Rosen! Rosen statt Wunden auf der Brust!“ ruft Edgar. „Keine Wunde, kein Blut, das ist die Hauptsache.“

„Treuloser! ist Dein Herz nicht verwundet?“

„O, mein Herz liebt. Liebe aber ist ein Kuß, ein Tanz, ein Flug in’s Blaue! Verwünscht seien die Poeten, die vom Pfeil der Liebe und blutenden Herzen sprechen! Ich will mit dem häßlichen Blut nichts zu schaffen haben.“ Er sprang empor und öffnete weit die Fensterflügel. Musik klang vom Erdgeschoß herauf; aber die Musik im Dorfe klang nicht mehr.

„Musik!“ rief er. „Auch wir wollen Musik.“

Fanny setzte sich an den Flügel und spielte eine rauschende Weise.

Montigny wollte Aßperg um den Hals fallen und umarmte statt dessen die Baronin. Stephanie rief ihn zur Ordnung und erhielt ein Dutzend Küsse dafür.

Die Gartenlaube (1864) b 277.jpg

Die Sauerburg im Wispertal.

„Horcht!“ sagte plötzlich der Baron, der sich dem Fenster genähert hatte. Vom Dorf her klang ein verworrenes Rufen, ein wüster Lärm.

„Das Pack prügelt sich,“ erwiderte Montigny, dessen Lippen leise zu zucken begannen. „Trinken wir! Liebstes, bestes Fräulein, noch einen Walzer!“

„Still,“ sagte Aßperg. „Der Lärm nähert sich; die Musik drunten bricht plötzlich ab.“

„Man wird uns ein Hurrah bringen,“ versetzte der Andere ungeduldig. „Bitte, mein Fräulein!“

Das Mädchen beginnt zu spielen, doch bald unterbricht sie sich, denn jetzt hören sie Alle ein dumpfes Stimmengewirr und wiederhallende Schritte, dazwischen das kurze Geheul eines Hundes.

Die Damen werden ängstlich, Montigny blickt leichenblaß. Es ist, als ob er sich Muth zu trinken hätte, so hastig füllt und leert er sein Glas.

Sie sind nun im Schloßhof, den murmelnden Stimmen, den tapsenden Schritten nach viele, viele Leute.

„Man bringt einen Verunglückten,“ sagt Aßperg, den Kopf aus dem Fenster zurückziehend.

„Jesus! Der Kaplan!“ schreit Fanny in Ahnung auf.

„Wie unangenehm!“ spricht die Baronin ärgerlich, und Stephanie ist noch mehr empört, als erschrocken darüber, daß man ihr einen Todten in’s Haus bringt. Montigny sitzt stumm. Er weiß es: sie bringen Ihn ….

Und jetzt schreitet’s und tönt’s die Treppe herauf. Die Flügelthüre wird weit geöffnet; Männer und Frauen drängen sich auf der Treppe, im Corridor. Sie machen scheu dem Priester Angelo und der Bahre Platz, die man langsam emporträgt.

Und die Bahre mit einer entstellten, triefenden Leiche wird in den glänzenden, parfümirten Saal, wird mitten unter die aufkreischende vornehme Gesellschaft gesetzt; Angelo aber tritt an den schlotternden Edgar heran und sagt ruhig, ehern, unwiderleglich mit der Stimme der Nemesis: „Edgar von Montigny, kennst Du diesen Todten?! Ich zeihe Dich des Mordes am Grafen Heinrich von Waldenburg!“




[278] Die seltsame Geschichte war wochenlang das Gespräch der Residenz, Jahre lang der Stoff und das Grauen der Waldenburger. Montigny floh in der verhängnißvollen Nacht über die Grenze. Man hörte nie wieder von ihm; er ist verdorben, gestorben. Die Gräfin Stephanie warf der Schrecken auf das Krankenlager. Nach schwerem Leiden genas sie, blieb aber zeitlebens eine blasse, kränkelnde, der Welt entfremdete Frau. Sie that Vielen Gutes, aber Niemand sah sie fürder lächeln. Auf ihrem Wege lag ein Schatten.



Seines Stammes der Letzte.
Mit Abbildung.


Wer von Lorch, dem lieblichen Städtchen, welches einst von dem Segen des Weins und dem Freudenleben des Adels zu gar hohem Ruhm am Rheine getragen worden, seinen Stab in das Wisperthal setzt, der kommt in eine Landschaftenreihe voll Anmuth und reizender Schönheit. Manche Stunde führt der tief eingeschnittene Grund uns ostwärts dahin zwischen lebenvoller Natur und Trümmern der Vergangenheit, bis wir in das Sauerthal gelangen, aus dem der Tiefenbach rauscht. Wir wandern dieses kleine Wasser hinauf, der Grund wird immer enger und enger. Rechts und links sind die Halden mit dichtem Walde bedeckt. Endlich winkt uns, durch Eichen und Buchen schimmernd, eine Burgruine, aber es ist nicht die, welche wir suchen, sondern Waldeck nennt sie das Volk. Die Trümmer des Schlosses, denen wir zutrachten, sind uns als weit gewaltiger und imponirender geschildert. Nur noch wenige Schritte, und wir finden die Schilderung bestätigt; da ragt sie vor uns auf, die Burg, an welche der letzte Sickingen – nicht sein Schwert, sondern seinen morschen Wanderstab lehnte, zum Zeichen, daß hier des Geschlechtes Laufbahn schloß.

Die Ruine vor uns ist die „Sauerburg“. Sie liegt auf einem Hügel, welcher der Heiligenberg genannt wird. An den Fuß dieses Hügels schmiegt sich das Dörfchen Sauerthal, das wahrscheinlich seinen Namen von einem Sauerbrunnen erhält, deren verschiedene in diesem Grunde entspringen; von hier erreicht man auf steilem Pfade in einer Viertelstunde das alte Schloß, welches mit seinen Thürmen und Mauerresten die Breite des Gipfels einnimmt und das ganze Thal beherrscht. Der 120 Fuß hohe Hauptthurm, die vielfältigen Gelasse, die Casematten im Berge, die tiefen Gräben, über welche Zugbrücken führten, die mächtigen Höfe deuten auf eine umfangreiche und gewaltige Ansiedlung des kriegerischen Mittelalters. Als Erbauer wurden die von Bolanden im 13. Jahrhundert genannt; nach mancherlei Besitzerwechsel kam sie erst im Jahre 1692 an die Sickingen. Die Burg war indeß schon 1689 im Orleans’schen Successionskriege durch die Franzosen verbrannt und geschleift worden, die Güter, welche, beiläufig gesagt, 150 Morgen Ackerland und 30 Morgen Wiesen umfaßten, verblieben aber der genannten Familie.

Welche Erinnerungen knüpfen sich an den Namen Sickingen! Das streitbare Zeitalter der Humanisten und Reformatoren taucht vor unsern Blicken auf. Wir denken an die Ritter von der Feder und dem Schwerte, die sich in jenen Tagen einen unvergänglichen Ruhm erworben haben. Franz von Sickingen erscheint uns auf der Ebernburg, der „Herberge der Gerechtigkeit“, in seinen Beziehungen zu den Gelehrten, die sich aus der dogmatischen Anschauung des Mittelalters lösten, und in seinen Beziehungen zu den Reformatoren, welche den Kampf gegen Rom begannen. Sein Freund ist Ulrich von Hutten, der den Wahlspruch hatte: „Ich hab’s gewagt“ und „Jacta est alea“. Indeß wir wollen hier keine Geschichte erzählen, zumal da die Thaten dieser Zeit hinlänglich bekannt sind. Auch sind es nicht die Schatten jener Männer, die uns in den Wäldern und Schluchten des Thales begegnen; denn damals war ja die Burg noch nicht im Besitz der Sickingen. Aber es begegnet uns hier die Gestalt des letzten Sickingen, welcher, unähnlich seinem großen Ahnherrn Franz, der zu Landsstuhl in Kampf und Streit einen ruhmreichen Tod fand, in Armuth und Vergessenheit unterging.

Dieser Letzte der Nachkommen des großen Franz wurde am 1. Juli 1760 geboren und war der Erbe stattlicher Güter in Schwaben, Böhmen und am Rheine. Und dieses reiche Besitzthum entschwand, wie durch Verzauberung, ihm aus der Hand und aus den Augen. Die Quelle des Unheils lag in der Bewirthschaftung der böhmischen Liegenschaften; sie hatte ihn bereits in große Verlegenheiten gestürzt, als sich dazu noch das deutsche Kriegsunglück gesellte: das linke Rheinufer ging an die Franzosen und damit für Sickingen Landsstuhl, Köngernheim, Schalodenbach und Schnackenhausen auf einen Schlag verloren. Dieser Verlust zog den eben so schweren nach, daß nun die Besitzthümer in Böhmen veräußert werden mußten. Im Jahre 1818 wurde auch Sickingen verkauft. Der einst so reiche Standesherr war schier zum Bettler geworden. Nur die Liegenschaften um die öden Trümmer der Sauerburg nannte er noch sein eigen.

In früheren Jahren ging über den letzten Sickingen die schauerliche Sage, daß er seinen Vater, den die Welt für todt hielt, in den unterirdischen Verließen der Sauerburg oder im Keller des Pfarrhauses eingekerkert gehalten habe. Der Kurfürst von Mainz soll von diesem Frevel Kunde bekommen und bewaffnete Mannschaft ausgeschickt haben, um den unglücklichen Vater zu befreien. Allein der unnatürliche Sohn erhielt Nachricht von den anrückenden Soldaten und brachte den Gefangenen in die Keller der Burg Dalberg bei Kreuznach, wo der Greis von dem Freiherrn von Dalberg entdeckt, an’s Licht gezogen und dem Leben zurückgegeben wurde. Und nun hieß es weiter, Friedrich Schiller habe aus diesen Begebenheiten die Composition der Räuber geschöpft. Seine Quelle sollen die Mittheilungen Dalberg’s gewesen sein. Dieser grausamen Geschichte und dem Zusammenhang derselben mit der wildesten Dichtung unseres Schiller widerspricht jedoch nicht nur der Umstand, daß Dalberg den Dichter erst nach der Vollendung der Räuber kennen lernte, sondern auch der Charakter des Grafen Franz von Sickingen selbst. Er war, nach allen Berichten, ein gutmüthiger und lebenslustiger Mann, dem unmöglich ein so schweres Verbrechen auf dem Herzen lasten konnte. Alte Leute der Gegend erinnern sich noch der kräftigen Gestalt, die gern das Gebirg durchstreifte und auch zuweilen in den Orten am Rheine erschien. Im rheinischen Antiquarius erzählt Stramberg, daß ihm ein Freund schrieb: „Der letzte Sickingen hatte Rechts- und Cameralwissenschaften studirt, wollte aber nie ein Amt annehmen. Kaiser Franz von Oesterreich soll ihm eine hohe Hofstelle angeboten, er jedoch erwidert haben: ‚Der Sickingen dient nicht, sondern läßt sich bedienen.‘“ Die Volksstimme beurtheilt ihn hin und wieder als ein Ideal von Uneigennützigkeit und Freigebigkeit, der Geld und Geldeswerth für Nichts erachtete und sein Hab und Gut mit vollen Händen an die Armuth verschleuderte. In seinen letzten Jahren sah er so abgerissen und heruntergekommen aus, daß man ihn nicht gern in einer Gaststube empfing. Auch wurde er damals meistens von einem verkommenen Maurer begleitet, der ihm auf allerlei Weise Geld zu verschaffen suchte und den man deshalb scherzweise den Sickingen’schen Rentmeister nannte. Bevor der Graf sich gänzlich in der Gegend niederließ, soll er fast immer auf Reisen gelebt haben und, wie Stramberg sich sagen läßt, „ein sehr vernünftiger und bescheidener Mann gewesen sein, ungemein angenehm in der Unterhaltung.“ Am Ende seiner Tage beschränkte sich seine ganze Einnahme auf eine Leibrente von 700 Gulden, welche ihm die nassauische Domainenverwaltung auszuzahlen hatte.

Graf Franz von Sickingen war unvermählt. Als er sich alt und krank aus dem Leben zurückzog, schlug er seine Wohnung in dem Sauerhofe auf, der etwa eine Viertelstunde von der Sauerburg liegt und das letzte Besitzthnm des alten Mannes war. Der Hofmann auf diesem kleinen Gute hieß Böttner und war kein Rheinländer. Der Graf hatte ihn einst mit sich in die Gegend gebracht und ihm die Liegenschaften zu so niedrigem Pacht übergeben, daß er selber durchaus keinen Nutzen davon hatte. Der Gutsherr und der Pächter sollen sich sehr ähnlich gewesen sein, weßhalb der Letztere im Lande als der natürliche Sohn des Grafen galt.

Ueber die Bewohner des Sauerhofs machte unserm Stramberg sein oben erwähnter Freund folgende interessante Schilderung, aus welcher geschlossen werden könnte, daß allerdings das Blut der Sickingen dieser Linie noch nicht als ausgestorben zu betrachten [279] wäre.[1] „Den Böttner,“ sagte jener Freund, „habe ich selbst gekannt und muß ich gestehen, daß mir nie ein Mann vorgekommen mit einem, der Bauerntracht unbeschadet, gleich imponirenden Aeußern. Ich war häufig dort auf der Jagd, und nach der Jagd wurde gewöhnlich auf dem Sauerburgerhofe gegessen. Als ich den Böttner zum ersten Mal sah, erging es mir wie Kaiser Carl IV. mit Kuno von Falkenstein; ich sagte zu meinem Nachbar: ‚Den (Böttner) würden Helm und Harnisch besser kleiden, als der Kittel‘. Damals vernahm ich, daß er ein Sohn des Sickingen sei. Wahrhaft Respect gebietend war sein Benehmen und das seiner vier Töchter, alle vier von ausgezeichneter Schönheit. Unaussprechlich war der Eindruck, welchen dieser vier Jungfrauen würdige Haltung auf das wilde Heer der Jäger (circa 40 Stück aus allen Ländern zusammengetrommelt) übte; die unternehmendsten Gesellen hielten sich in den gemessenen Schranken des Anstandes und der Courtoisie. Den Burgfräulein fehlte lediglich die standesmäßige Kleidung.“

In diesem Kreise verlebte Graf Franz seine letzten Tage. Ohne Familie starb er doch in der Familie. Wer weiß, ob ihn die illegitimen Nachkommen nicht ebenso treu gepflegt haben, wie es von legitimen geschehen wäre. Im Angesichte der Ruinen der letzten Burg ging die letzte Ruine dieses edeln Namens nach den Einen mit 76, nach den Andern mit 81 Jahren zu Grunde. Sein Ende fällt in das Jahr 1836. Die Leiche wurde auf einem mit zwei Ochsen bespannten Karren nach dem Dorfe Sauerthal gebracht und auf dem dortigen Friedhofe eingesenkt. Ein Unbekannter, in dem man den Archivar Habel von Wiesbaden vermuthet, ließ ihm bei nächtlicher Weile ein hohes schönes Kreuz aus rothem Sandstein setzen, auf dem mit goldenen Lettern folgende Inschrift prangt:

Franz von Sickingen, Reichsgraf,
seines Stammes der Letzte.
Von einem Freunde vaterländischer Geschichte.

Auf der anderen Seite heißt es:

Er starb im Elend.
So endet die Geschichte dieses Stammes der Sickingen, und so macht uns die Sauerburg mit ihren kolossalen Trümmern den Eindruck eines gewaltigen Grabes, in welchem ein großes Stück untergegangenen deutschen Lebens ruht. Es hatte seine Zeit, dieses Leben der Ritter auf den Höhen; gönnen wir ihm den Frieden des Todes, dem es zum Glück neuer Geschlechter verfiel, und wünschen wir dem Feudaladel, der sich in unseren Tagen krampfhaft anklammert an die übertünchten Ruinen verfaulter Vorrechte und Ansprüche, daß ihm in dieselbe Ruhe recht bald einzugehen vergönnt sei! –
Wolfgang Müller von Königswinter. 


  1. Wir sagen „dieser Linie“, weil Graf Franz nicht der letzte Sickingen überhaupt ist; in Oesterreich blüht noch ein anderer Zweig dieses Namens.




Bilder von der deutschen Landstraße.
1. Der Fuhrmann von dazumal.
(Schluß.)
Die Pritsche der Wirthin. – Die Etiquette der Fuhrleute unter einander. – Die bedeutsamen Nullen der Wirthsrechnung. – Die Salzkärrner und die Kärrner aus Montjoie bei Aachen, die letzten ihrer Art. – Die Popendieker „Langspänner“ oder „Kuttenklepper“. – Der Hudelwagen. – Der große Frachtwagen. – Plantuch und Priesterrock. – Die Nürnberger „Rosen“. – Der blaue Brabanter Fuhrmannskittel. – Der Fuhrmannnsgasthof. – Die verschiedenen Fuhrmannsgruppen: Die Bergschen und Muntschauer – Die Westphälinger – Die Pfälzer – Die Schwaben und Franken – Die Baiern. – Die Eschweger und Fuldaer – Die Mündener und Popendieker – Die Harzer – Die Leister – Die „Oesterreicher“ – Die Langensalzer – Die Krahwinkler und Tambacher – Die Benshäuser und Suhlaer – Die Gräfenthaler – Die Grüneberger und Breslauer – Die Eilfuhren. – Das Deichselbrod. – Die Nachtstreu und die „Kotze“. – Die Zeche und ihre Hieroglyphen. – Der Lochgroschen. – Das Krippengeld der Knechte. – Fuhrmannsgrobheit und Fuhrmannsstolz. – Das Fuhrmannslied.

Noch aber war die Ceremonie des Ritterschlags nicht vollendet, noch wurde keine Flasche entkorkt, vielmehr öffnete der Wirth neben der Stubenthür einen Schrank und nahm aus demselben ein großes Buch, welches nur bei solcher Feierlichkeit gesehen ward, sonst aber immer unter gutem Verschluß blieb. Hierauf stellte sich der Wirth, das große Buch auf der Tafel aufschlagend, dem jungen Fuhrmann gegenüber und befahl ihm, aufzustehen, unverwandten Blickes auf ihn – den Wirth – aufzumerken auf das, was ihm jetzt zum ersten Male in seinem Leben von alten Weisthümern, Ordnungen und Gebräuchen des Fuhrmannswesens vorgelesen werden solle. Unter lautloser Stille aller Anwesenden, welche ihre Gesichter in ernste Falten legten, begann der Wirth hierauf also: „Beim Anfahren an einem Wirthshause soll der Fuhrmann nur einmal klatschen!“ – Das letzte Wort dieses Gebotes wurde aber trotz der kräftigen Stimme des Wirthes nicht gehört, denn in demselben Augenblicke schwang die Wirthin eine mächtig lange Pritsche, welche inzwischen heimlich aus dem erwähnten Schranke, ihrer gewöhnlichen stillen Behausung, die sie mit der hölzernen Zange theilte, herbeigeholt worden war, und schlug unter herzerschütterndem Lachen der Gäste unsern jungen Kärrner oder Fuhrmann so unbarmherzig auf seine hinteren Fleischtheile, daß dieser ganz erschrocken sich umwandte, ein klägliches Ach und Weh ausstieß und mit den Händen nach der schmerzenden Stelle griff, um auch diese die Bekanntschaft der Pritsche machen zu lassen. Hatte sich inzwischen der Tumult wieder etwas gelegt, so bedeutete der Wirth den jungen Fuhrmann, daß diese kleine Erschütterung zur Kräftigung des Gedächtnisses nöthig sei und daß man ein altes Herkommen nicht abändern dürfe. Unter der Versicherung, daß er von nun an nichts mehr zu befürchten habe, wurde der zweite Punkt unter allgemeiner Stille verlesen, dem natürlich wie allen folgenden beim letzten Worte zur Bekräftigung wieder eine Pritschenfanfare unter homerischem Gelächter der Fuhrleute nachfolgte. Dieses Siegel- oder vielmehr Pritschenamt ging, wenn die Wirthin nicht zur Stelle war, auf den Hausknecht über, der – im Vertrauen gesagt – meist vorher durch ein klingendes Stück Geld „gestimmt“ wurde, so daß er bei Ausübung seines Amtes oft einen humaneren „Zug“ an den Tag legte, als die dicke Fuhrmannswirthin. –

Von den übrigen „Punkten“ wollen wir noch einige charakteristische herausheben. Der Fuhrmann soll, sobald er die Pferde in den Stall führt, in der Krippe nachsehen und diese eventuell reinigen; – wenn er in die Stube kommt, hat er sich sauber zu waschen. Er darf als ein jüngerer sich nicht zuerst an den Tisch setzen, auch soll er aus der Schüssel nur dasjenige Stück Fleisch etc. herausnehmen, welches seinem Sitze zunächst liegt. Der jüngere Fuhrmann darf vor dem älteren weder in die Schüssel fahren, noch ein Glas ergreifen. Jeder Fuhrmann hat vor dem Essen still sein Gebet zu verrichten. Wenn die Pferde auf der Straße nicht mehr ziehen wollen, so sind sie zu dreien Malen anzuregen; kommt das Geschirr trotzdem nicht in Zug, so hat der Fuhrmann nach Hülfe zu gehen und die Pferde nicht wie ein Schinderknecht zu behandeln. Wenn Fuhrleute auf der Straße einander begegnen oder im Wirthshause zusammentreffen, so sollen sie gegen einander freundlich sein und einander die Hände reichen. Die Alten sind mit „Ihr“, die Jüngeren aber mit „Du“ anzureden. Wenn der Fuhrmann an einen Hohlweg kommt, so hat er zwei bis drei Mal zu klatschen; hört er hierauf aus der Hohle nicht wieder klatschen, so hat er zwei bis drei Mal in dieselbe hineinzurufen; „denn sonst hat er kein Recht!“ etc. Ordnung und feste Sitte sind in diesen Satzungen gewiß nicht zu verkennen.

Schon nach der ersten Pritschenentfaltung wurden die Gläser gefüllt. Auch Punsch und Pfefferkuchen durften bei einer solchen Veranlassung nicht fehlen. War die Ceremonie zu Ende, so stimmte ein junger Fuhrmannsbursche ein allgemein bekanntes Fuhrmannslied an, und unter gemüthlichem Geplauder verstrich der Abend. Zuweilen wurde auch noch ein Hackebret herbeigeschafft, welches die Stelle unserer heutigen Orchester vertrat.

Die Kosten eines solchen Abends anlangend, so ist zu berichten, daß der Wirth keine specificirte Rechnung aufstellte, daß aber auch eine solche nicht verlangt wurde. Jedem Fuhrmann, der an selbigem Abende anwesend war, schrieb der Wirth beim Abfahren, wenn die Zeche gemacht wurde, eine oder mehrere Nullen mehr [280] an, aber – wohlverstanden! – nicht hinten, sondern vorn. Haben denn oder vielmehr hatten denn die Nullen, vorn hingeschrieben, auch Bedeutung? fragt staunend der Leser – Das wird uns weiter unten klar werden; vorläufig aber wollen wir diese Frage zum Schrecken aller Arithmetiker mit einem entschiedenen „Ja“ beantworten.

Als man im zweiten Decennium dieses Jahrhunderts endlich anfing, den Wegen auf den großen Handelsstraßen hie und da einige Aufmerksamkeit zu schenken, konnte der Kärrner natürlich sich stärker befrachten. Wie sich aber die Physiognomie der Landstraßen änderte, so war naturgemäß auch das auf denselben sich bewegende Fuhrmannswesen einer Wandlung unterworfen: der Karren ging jetzt in den sogenannten Stiefelknecht, d. h. in einen vierrädrigen, mit einer Barre versehenen Wagen über, vor welchem die Pferde ebenfalls einzeln in langer Reihe im Zuge gingen. Das sogenannte „ordinäre“, d. h. regelmäßige Botenfuhrwerk behielt indessen noch längere Zeit die Karren bei, und die Salzkärrner hat erst der Zollverein verdrängt. In unserer Zeit sieht man noch einzelne Karren, welche aus Frankreich, Belgien und dem Bergischen kommen. Namentlich giebt es jetzt noch viele Kärrner in Montjoie bei Aachen, welche zum Theil auch gegenwärtig noch nach Leipzig und Breslau fahren.

Aus der Periode der Stiefelknechte verdienen die Popendieker besonderer Erwähnung. Das Fuhrmannsdorf Popendiek liegt zwischen Lüneburg und Celle. Die Fuhrleute dieses Ortes hießen schlechthin „Langspänner“ oder auch „Kuttenklepper“. Den ersten Namen führten sie davon, daß sie blos eigene Pferde (sogenannte Hauspferde) in langer Reihe im Zuge hatten, so daß sie niemals einer Vorspanne bedurften; der zweite Name aber galt mehr als Spottname, weil die Popendieker die einzigen Fuhrleute in Deutschland waren, welche ihren eigenen Hafer fütterten und sogar ihren eigenen Proviant bei sich führten. Man erzählt, daß die Popendieker in alter Zeit deshalb bei den Wirthen und den übrigen Fuhrleuten nicht in vollem Ansehen gestanden hätten.

Ehe wir zum eigentlichen großen Frachtfuhrwesen übergehen, wie es die Chausseen und in Folge davon verschiedene Regierungsverordnungen hervorriefen, sei hier nur noch der sogenannten Hudel- oder Baumwagen gedacht, die vierrädrig und mit einer Deichsel versehen waren, aber keine Leitern führten. Diese Wagen bildeten den Uebergang zum späteren großen Frachtwagen, der seit der Mitte der zwanziger Jahre immer mehr in Aufnahme kam. –

Der große Frachtfuhrwagen nimmt im Fuhrmannswesen dieselbe Stelle ein, wie das Dampfschiff im Seewesen. Ein großer Frachtfuhrwagen wog gegen sechszig Centner und hatte sechs Zoll breite Räder; eine zweite Classe von Wagen, welche bestehenden Verordnungen gemäß im Interesse der Chausseen nur 100 Centner Fracht aufnehmen durften, mußte vier Zoll breite Räder führen. Die preußische und die bairische Regierung haben die ersten dahin einschlagenden Verordnungen erlassen. Außer dem großen schweren Hemmschuhe dienten zwei Schleifzeuge als Hemmungsapparate. Im „Schiff“, welches unter dem Wagen hing, lag der aus starkem Eisenblech verfertigte und mit zwei bis drei guten Schlössern versehene Kober, in welchem der Fuhrherr Geld und Papiere verwahrte und welcher Abends dem Wirthe zum Aufheben übergeben wurde. Die Sonnerger Kober waren wegen ihrer guten Schlösser am meisten gesucht. – Ueber hohe, starke Reifen spannte sich das große, weiße Plantuch, in welchem Namen und Jahreszahl, häufig auch ein auf das Fuhrmannswesen sich beziehendes Bild eingenäht war. In Fuhrmannsgegenden nahmen die Schneider-Innungen die Anfertigung eines guten Plantuches unter die Meisterstücke auf, so daß Plantuch und Priesterrock hier in unmittelbare Nachbarschaft kamen. – Auch die „Alfelder“ verwandelte sich jetzt in die lange stolze Fuhrmannspeitsche; das Nürnberger Geschirr mit seinen vielen messingenen Ringen und Scheiben, sogenannten Rosen, kam jetzt in Flor. Ein Dachsfell prangte auf dem Handgaul, ein rothes, wollenes Tuch auf dem Sattelgaul. – Selbstverständlich wurde auch die Tracht des Fuhrmanns jetzt eine andere. An die Stelle des ehemaligen weißen Kittels trat jetzt der fein gesteppte kurze blaue Brabanter Kittel; den Kopf bedeckte ein niedriger runder Hut mit silberner oder goldener Troddel; den Hals umgab ein buntes rothes Halstuch; anstatt der Schuhe kamen die langen Fuhrmannsstiefeln, welche über die Kniee reichten, während lange gelbe Gamaschen, unter den Knieen mit rothen Bändern verziert, im Winter die Beine hoch hinauf umschlossen.

Auf der Straße selbst bildete sich nach und nach eine förmliche Fahrordnung aus, an deren Beobachtung oft bei hoher Strafe der Fuhrmann gewiesen war. In Preußen z. B. durfte der Wagen einschließlich der Ausladungen nach beiden Seiten hin bei zehn Thalern Strafe nur neun Fuß breit sein; in einem und demselben Geleis hinter einander zu fahren, war verboten; die Griffe der Hufeisen sollten nur drei Achtel Zoll stark sein etc. Da die Chausseen in ebenen Gegenden große Lasten aufzuladen gestatteten, so sah man nur noch in Gebirgsgegenden auf steil in die Höhe führenden Straßen lange Reihen von Ochsengespannen als sogenannte Vorreiter vor dem Frachtwagen im Zuge. Wer Gelegenheit gehabt hat, im Thüringer Walde einen schwer beladenen Frachtwagen, vielleicht aus dem Zoptegrunde am Wespensteine vorüber nach Reichmannsdorf bei Saalfeld, die steile Höhe hinauf arbeiten zu sehen, der wird solch malerischen und zugleich imponirenden Anblick nie vergessen, sich aber auch erinnern, daß zu einer derartigen Expedition vier bis sechs Paar Pferde und achtzehn Paar Ochsen nothwendig sind.

Wo nur immer eine Chaussee gebaut wurde, da erhoben sich schnell viele stattliche Fuhrmannsgasthäuser mit großen Höfen und geräumigen Stallungen. Die Straßen selbst waren vom Frachtfuhrwerk äußerst belebt; auf den Hauptstraßen kamen im Verlauf einer einzigen Stunde oft mehr als zwanzig Wagen vorüber, so daß die Chausseegeldeinnehmer immer in Thätigkeit waren. Abends „im Quartier“ konnte man gar oft mit Recht sagen:

„Wer kennt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?“

Da saßen die „Bergschen“, von denen die Elberfelder (Ostermann, Taschenmacher, Rosenthal, Lening, Becker, Backhaus etc.) je zehn bis zwanzig Wagen auf der Straße hatten. Auch Solingen (Flucht etc.) und Remscheid (die Flesche etc.) waren mit einer entsprechenden Anzahl Wagen vertreten. Die Muntschauer, wie sie vulgo hießen (aus Montjoie), hielten sich mehr an ihre Nachbarn aus Lennep (Klüte, Schulte etc.), während die vielen Gütersloher, die aus Hahn bei Schwelm, die aus dem Fuhrmannsdorf „Unter der Haube“ und die Iserlohner die westphälische Gruppe bildeten. Die Pfälzer in ihren kurzen blauen Kitteln und langen Hosen erkannte man schon von Weitem an den niedrigen Rädern der Wagen und den niedrigen Kummeten der Pferde. Auf die letzteren legten sie bei schlechtem Wetter blauleinene, mit rothem Besatz versehene Decken, die als Vorboten der späteren sogenannten Pferdedecken anzusehen sind, welche letzteren der Fuhrmann jedoch nie in Gebrauch gehabt hat. Das badische und schwäbische Fuhrwerk sah man höchstens in Frankfurt a. M.; weiter ging es nicht. In Baiern gab es außer einem großen Fuhrmannsdorfe im Fichtelgebirge – Weidengeses bei Baireuth – nur wenige Fuhrleute in Tennelohe (Klein etc.), in Erlangen (Böhm etc.) und in Bayersdorf bei Erlangen (Gebr. Resch etc.).

Unter dem Namen „Eschweger“ und „Fuldaer“ waren die Hessen und unter dem letzteren namentlich die vielen Fuhrleute aus Weidenhausen bekannt, während die hannöverschen Fuhrwerke meist als Mündener oder Popendieker (Gauß, Stude etc.) bezeichnet wurden. Die Brökelschen, in der Nähe von Celle, fuhren meist zwischen Leipzig und Frankfurt a. M. Die Seesener entlehnten ihren Namen, von dem braunschweigischen Flecken Seesen; als großes Fuhrmannsdorf war hier namentlich Münchhofen (Gebr. Röppel etc.) bekannt. Unter den Harzern nahmen die aus der Umgegend von Goslar (die Gieske etc.) und Werningerode (Becker, Pollmann etc.) den ersten Platz ein. Aus Leist, einem Dorfe bei Bremen, fuhren mehrere Hunderte von Fuhrleuten nach allen Richtungen aus (Fink, Schulz, Tapenleder etc.), ebenso aus Bernsdorf im sächsischen Voigtlande. Unter den „Oestreichern“’ verstand man die meist zwischen Magdeburg und Gera fahrenden Eisenberger. Sie sollen diesen Namen erhalten haben wegen ihrer großen Gewandtheit im Handeln (Präßler, die Krafte, Sühler etc.). Auch Langensalza stellte sein Contingent ebenso wie das benachbarte Gräfentonna (Walther, Helbig, Kaiser, Schottmann, Schein, Held, Höhl, Dänert, Lämmerhirt, Kruspe etc.), während Mühlhausen (die Walche etc.) und Stadt-Ilm (Röser) nur durch wenige, aber weitberühmte Geschirre vertreten waren. Auch das Eisenacher (Krause, Dänert, Bruder etc.), das Erfurter (Clär, Gebr. Müller, Helbig etc.) und das Ober-Weimarische Fuhrwerk (Reichard) kam weit herum.

Sehr bekannt war auch das Tambacher und Schwarzhäuser (Michel etc.) Fuhrwerk im Gothaischen, ebenso die Emlebener, [281] die Krahwinkler und die Ohrdrufer (Gebr. Emmelingen etc.). Seit alter Zeit waren Benshausen und Hinternah bei Schleusingen als Fuhrmannsorte bekannt, sowie auch die Suhlaer Wagen (Schlegelmichel, die Sieberte, Günzel, Schuh etc.) auf allen Straßen anzutreffen waren. Im südöstlichen Theile des Thüringer Waldes, in der Nähe von Gräfenthal, lagen acht Fuhrmannsdörfer, welche gegen 400 Pferde in den verschiedensten Gegenden Deutschlands und in den angrenzenden Ländern im Dienste des Frachtfuhrwesens unterwegs hatten. Da sie auf allen Straßen Deutschlands zu finden waren, so ging von ihnen das Wort:

„Gräfenthal und loses Geld
Find’t man in der ganzen Welt.“

Sie waren nämlich bekannt unter dem Namen „Gräfenthaler Fuhrleute“ (die Müller, Paschold, Dietz, Gottschalk, Büttner, Büchner, Apel, Haushalter, Neubert, Bock etc.).[1] – Von anderen Fuhrmannsorten an der südöstlichen Seite des Thüringer Waldes sind Amtgehren, Langenwiesen (Haase etc.), Meißelbach, Kursdorf, in gewisser Weise selbst Schwarza (Neubert etc.) zu nennen. In Pommern gab es viele Fuhrleute bei Stolpe. In Grüneberg (Grundmann, Schein etc.) und in Breslau (Schei, Bonewitz etc.) wurde ebenfalls großes Fuhrwerk angetroffen. – Die Böhmen (Ziescheck, Lehmann, Rosenkranz, Kilian etc.) führten auf der Straße hinter dem großen Frachtfuhrwagen ein kleines Wägelchen zu ihrer Bequemlichkeit. –

Das erste Eilfuhrwerk in Deutschland betrieb der Roßwirth Leupold aus Schlüchtern bei Offenbach. Seine Wagen gingen regelmäßig zwischen Offenbach und Naumburg, wo Bühler ein Eilfuhrwerk nach Berlin unterhielt, während Trebitz aus Eisenberg im Altenburgischen ein regelmäßiges Eilfuhrwerk zwischen Berlin und Königsberg leitete. Brabant aus Grobstedt hat noch zur Zeit der Eisenbahnen ein Eilfuhrwerk mit vier Wagen zwischen Berlin und Leipzig betrieben. Zwischen Nürnberg und Leipzig bestand das seiner Zeit berühmte Bauer’sche Eilfuhrwerk, welches ebenfalls Tag und Nacht ununterbrochen unter dreimaligem Pferdewechsel im Gang war und die Tour von 36 Meilen in drei Tagen zurücklegte. Auch von Offenbach ging ein Eilfuhrwerk nach Leipzig, welches von Lorei, Enters und Hohmann aus Fulda unterhalten wurde, während Mühlhäuser aus einem Dorfe bei Stuttgart zwischen Stuttgart und Leipzig ein Eilfuhrwerk betrieb. –

Während das Fuhrmannswesen draußen auf der Straße der älteren Zeit gegenüber eine förmliche Umwandlung erfahren hatte, blieb doch das Wirthshausleben des Fuhrmannes immer noch das alte. Sobald die Pferde am Nachmittage oder Abende in den Stall gebracht, getränkt und mit dem ersten Futter versehen waren, die Fuhrleute auch altem Brauche gemäß sich „fein säuberlich gewaschen“, setzte man sich an den Tisch, um das Deichselbrod einzunehmen. Es bestand dasselbe unter gewissenhafter Beobachtung der Reihenfolge seit alter Zeit aus Schnaps, Bier, Butter, Käse und Brod, sowie Kaffee mit Semmeln. Später ging es an die eigentliche Abendmahlzeit, die aus Suppe und verschiedenen Braten, je nach der Jahreszeit auch aus Wildpret und Fisch zusammengesetzt ward. Beim Abfahren am andern Morgen bekam jeder Fuhrmann ein tüchtiges Frühstück mit, welches eine gute Portion Fleisch enthielt, um sich damit den Tag über zu beköstigen.

Das Füttern der Pferde besorgte der Fuhrmann stets selber. Vor neun Uhr Abends wurde nicht leicht abgefüttert. In der Nacht verwandelte sich die große Wirthsstube in eine große Streu, auf welcher ausgestreckt der Fuhrmann sich in seine „Kotze“, eine starke wollene Wiener Decke, wickelte. Am Morgen mußte der Hausknecht um zwei Uhr wecken, damit gegen vier Uhr eingespannt werden konnte. War der Kaffee genossen, so nahm der Wirth die Kreide in die Hand, um nach alter Weise die Zeche auf den Tisch zu schreiben. Auch hier wurde die alte Reihenfolge der einzelnen Posten streng eingehalten, so daß zuerst der Hafer, dann das Heu, dann die Vorreiter, hierauf die Mundportion und schließlich das Wachgeld in Anrechnung gebracht wurde. Für die Mundportion des Mannes, d. h. für Alles, was er vom Deichselbrode an bis zum Morgenkaffee, das mitgegebene Frühstück mit eingerechnet, aß und trank, wurden 6 gGr. gerechnet. Der Gewinn des Wirthes war im obersten Posten, also bei der Berechnung des Hafers zu suchen. Es wurde nämlich der kleine Hümben oder das kleine Haferachtel verabreicht, das große Achtel aber in Anrechnung gebracht. Das Wachgeld betrug für den Wagen zwei gGr. Als Trinkgeld für die Magd, welche die Stiefeln zu reinigen hatte, gab der Fuhrmann einen Groschen, welcher in einen vom Wirthe mit der Kreide gezeichneten Ring zu legen war und deshalb der Lochgroschen genannt wurde.

Als Ziffern bei der Berechnung dienten folgende Zeichen: 0, X, V und |. Jede Null bedeutete einen Thaler, X war gleich 10 Gr., V gleich 5 Gr., während der einfache | einen Groschen bedeutete, so daß z. B., den Thaler zu 36 damaligen hannöverschen Groschen angenommen – folgende Reihe

0 0 V | | X | V | | X 0 | | | |

die Summe von 4 Thlr. 3 Gr. ausmachte. Hieraus ersehen wir, daß die Null, wenn auch vorn hingeschrieben, dennoch gleich einem Thaler war. – In Ladestädten, wo der Fuhrmann oft mehrere Tage, manchmal bei besonderen Krisen auch wohl mehrere Wochen „aufliegen“ mußte, kamen die Knechte am Tage gar nicht in die Stube. Sie erhielten zwei gute Groschen sogenanntes Krippengeld, womit sie sich am Tage selbst beköstigten. –

Es läßt sich nicht verkennen, daß im Laufe der Zeit das Fuhrmannswesen in den Fuhrleuten einen scharf ausgeprägten Stand herausgebildet hatte, der seine Besonderheiten und Eigenthümlichkeiten eifersüchtig festhielt, was bei der durch die Art seines Berufes gebotenen Nothwendigkeit, immer nur mit Collegen zu verkehren, auch nicht schwer halten konnte. Waren doch die Fuhrleute in recht eigentlichem Sinne des Wortes „fahrendes Volk“; darum haben sie sich auch, wie einst Studenten und Handwerksburschen, wo sie sich auch treffen mochten, mit „Du“ angeredet und als zu einer und derselben großen Familie gehörend einander betrachtet, ja in Nothfällen willig gegenseitig Unterstützung gewährt. Es kann uns deshalb nicht Wunder nehmen, wenn sich nach und nach auch gewisse Schattenseiten beim Fuhrmannswesen entwickelten. Hierher gehört die fast zum Sprüchwort gewordene Fuhrmannsgrobheit sowie der Fuhrmannsstolz.

Daß der Fuhrmann in früherer Zeit das Fluchen leicht lernen konnte, haben wir weiter oben schon angedeutet. Auch die Zeit der Chausseen bot für den Fuhrmann noch gar viele Hindernisse und Schwierigkeiten, wie z. B. niedrige Stadtthore, bei welchen abgeladen werden mußte, oder welche der Fuhrmann – wie in Rodach bei Coburg – auf seine Kosten auszugraben und dann wieder pflastern zu lassen hatte; auch an anderen Quälereien, wie beim Plombiren und auf den Steuerämtern, und an naseweiser Behandlung von Seiten junger Commis, denen noch der erste Flaum um das Kinn spielte, hat es nicht gefehlt. Alle Unbilden des Tages jedoch glich das zuvorkommende Benehmen des Wirthes und der Wirthin am Abende aus. Auf der anderen Seite läßt sich nicht verkennen, daß ein Fuhrherr, der gleichzeitig eine Reihe Wagen auf der Straße gehen hatte, in seinem Geschäfte auch ein hübsches Capital repräsentirte; dazu kam, daß der Fuhrherr mit seinem Vermögen für die rechtzeitige und in guter Beschaffenheit geschehene Ueberlieferung der Güter einstehen mußte, – ein Umstand, der das Selbstbewußtsein desselben natürlich erhöhte. Doch verstand es der Fuhrmann auch, in Zeiten und an Orten, wo große Concurrenz um die Frachtgüter statt hatte, in bescheidener Weise den Kaufherrn um Fracht zu bitten, wobei übrigens schon in alter Zeit „Spendage“ geübt wurde, wie dieselbe später auch bei den Eisenbahnen sich nothwendig machte, wenn ein Botenfuhrwerk Fracht bekommen wollte. Schaffner und Aufläder aber haben auch in früherer Zeit schon in jeder Stadt die Quelle angeben können, wo das beste Bier und der beste Wein verschenkt wurden, und ließen dem Fuhrmann gegenüber das Sprüchwort auf sich anwenden: „Wer gut schmiert, fährt gut.“ – Eines aber scheint mir noch ganz besondere Beachtung zu verdienen: das große Vertrauen in die Ehrlichkeit und Rechtlichkeit des Fuhrmannsstandes. Der Fuhrmann wurde erst beim Schreiben der Frachtbriefe nach seinem Namen und Heimathsorte gefragt. Nach seinen sonstigen Verhältnissen erkundigte man sich nicht. Ich meine, es läge ein schönes Stück deutscher Treue und deutscher Redlichkeit im ehemaligen Fuhrmannswesen vor uns.

Wo sich aber Arbeit mit Treue und Redlichkeit paart und frisches reges Wesen am Abend der Ruhe und fröhlicher kameradschaftlicher Geselligkeit weicht, da muß auch das Lied treue Pflege [282] finden, ja es muß das Volkslied naturgemäß aus solchem Boden hervortreiben. Hätte man in unsern gelehrten Kreisen das Fuhrmannsleben auch nur einigermaßen gekannt, so würden unsere Literatur-Historiker nicht nur Bergmanns-, Schiffer-, Hirten- und Jägerlieder aus dem Volksmunde geschöpft, sondern auch dem Fuhrmannsliede nachgespürt und – ich darf es versichern – eine schöne Ernte gehalten haben. Die Fuhrleute haben viele Ballen Maculatur von Leipzig nach Stuttgart und von Stuttgart nach Leipzig geschleppt; – schon daraus hätten die gelehrten Herren Veranlassung nehmen sollen, die literarische und ästhetische Seite des Fuhrmannslebens nicht stiefmütterlich zu behandeln oder vielmehr vornehm gänzlich zu ignoriren. Als eine kleine Probe des Fuhrmannsliedes mögen die nachstehenden Verse dienen:

Ich stand auf hohem Berge,
Schaute hin und schaute her;
Und da kam ein lustiger Fuhrmann
Im Thale gefahren daher.

Seine Peitsche thuet schnalzen,[2]
Sein Wagen rauscht wie Papier.
Und ein Fuhrmann ist mir lieber,
Als von Andern drei und vier.

Ach Tochter, liebe Tochter,
Was hast Du in Deinem Sinn,
Daß Du Dein junges Leben
Dem Fuhrmann giebst dahin?

Abends gehen sie spät schlafen,
Sind des Morgens frühe auf;
Und dann haben sie der Plage
Den ganzen Tag vollauf.

Ach Mutter, liebe Mutter,
Ich bin ja dazu bereit;
Denn die Landkutscher und die Fuhrleut’
Sein brave, kreuzbrave Leut’.

Denn sie haben ein reines Herze,
Und dabei ein ruhigs Blut;
Darum bin ich ihm auf immer
Und auf ewig, auf ewig so gut!

Die einzeln gelegenen großen Fuhrmannsgasthöfe an den ehemaligen Haupt-Handelsstraßen haben sich in Einsiedeleien verwandelt und stehen verödet; gar mancher von ihnen ist nahe daran, zur Ruine zu werden, und auf den einst so belebten Straßen wächst jetzt Gras. Wohl hat sich manche Faust geballt, als die ersten Eisenbahnzüge vorüberbrausten, und unwillkürlich schwang sich unter Verwünschungen manche Peitsche, wenn das Dampfroß an Solchen pfeilschnell vorübereilte, welche, der neueren Zeit trotzend, noch einige Jahre mühsam neben dem Schienenwege mit schweren Verlusten in ihrem alten Fuhrmannsberufe beharrten.

Wie es aber den Schiffer auch im schon vorgerückten Alter immer von Neuem lockt, noch eine letzte Seereise zu unternehmen, so steigt auch in der Seele des ehemaligen Fuhrmannes gar oft der Wunsch auf, noch einmal die alten Straßen zu ziehen, die vielen alten Bekannten zu grüßen und auf kurze Zeit im Geiste das entschwundene Glück des ehemaligen großen Frachtfuhrwesens an sich vorüberziehen zu lassen. An warmen hellen Sommerabenden sitzen wir Jüngeren dann am Weiher des Dorfes und lauschen den Erzählungen der Alten vom entschwundenen Fuhrmannsglück, und in manches Greisen Auge erglänzt dabei im Mondenscheine eine stille Thräne. –
August Topf. 
  1. Zu den Gräfenthaler Fuhrleuten gehörte unter Anderen der in der Fuhrmannswelt von ganz Deutschland allgemein bekannte Fuhrmann Dietz, welcher, da er unverheirathet blieb, einmal sieben Jahre lang nicht in die Heimath zurückkehrte, sondern auf allen nur möglichen Straßen Deutschlands und der Nachbarländer sein Fuhrwerk trieb, bis die Eisenbahnen ihn wie so viele Andere nöthigten, sich in unfreiwillige Muße als Rentier zurückzuziehen. Seinen vielen Bekannten in allen Gegenden Deutschlands diene hiermit zur Nachricht, daß sich derselbe wohl befindet.
  2. In Süddeutschland gleich „klatschen“.




Die Maikäfernoth des nächsten Monats.

Der schöne Monat Mai bringt uns nicht blos den lieblichen Schnee der Baumblüthe, er bringt auch, und oft in schreckenerregenden Heereszügen, einen andern Gast, dem wir zwar als Knaben unser Willkommen entgegengejauchzt, der aber im Allgemeinen ein recht schlimmer Gesell ist – den Maikäfer.

Manchmal noch früher, schon im April, findet man den summenden Braunrock vorzüglich auf Eichen, Buchen, Weiden, Roßkastanien, Nuß- und Obstbäumen, sowie auf Weinstöcken und zwar dann und wann in so großer Menge, daß sich die Zweige unter der Last beugen. Den Tag über hängt der Bursch wie leblos an den Blüthen und der Unterseite der Blätter, nur etwa bei sonnigem, trockenem Wetter einmal auffliegend. Erst der kühle Abend weckt ihn aus seiner Trägheit, und dann schwärmt er mit starkem Gesurr bis gegen Mitternacht umher. Seine Nahrung sind die Blüthen und Blätter der Bäume, und wenn auch wohl so manche Sünde der Raupen und Blattläuse auf seine Rechnung gesetzt wird, so ist der Schaden, den er selbst anrichtet, doch immer noch groß genug: Blätter und Früchte gehen durch ihn gänzlich zu Grunde, und die in vollem Safte stehenden Stämme beginnen zu kränkeln und erholen sich nur langsam wieder oder verdorren ganz. Das Männchen stirbt sehr bald nach der Begattung, das Weibchen aber gräbt sich etwa 6–8 Zoll tief in die Erde, legt hier häufchenweise gegen neunzig hirsengroße, länglichrunde, gelbliche Eier, kommt dann wieder hervor, um seiner Nahrung nachzugehen und kurz darauf, da es nun auch den Zweck seines Daseins erfüllt hat, ebenfalls zu sterben.

Die Erfahrung hat bestätigt, daß der Maikäfer in unsern Klimaten in der Regel vier Jahre zu seiner Ausbildung braucht. Da er uns nun 1860 in so erstaunlichen Schaaren heimgesucht hat, so dürfen wir wohl mit Grund annehmen, daß das heurige Jahr abermals ein besonders maikäfergesegnetes sein werde.

Die Larven des Maikäfers schonen weder Wiesen noch Getreidefelder, weder Erdäpfel noch Rüben, weder Klee noch Küchengewächse, weder junge Baumpflanzen noch Weinstöcke, indem sie Wurzeln und Knollen benagen. Besonders richten sie vielen Schaden in den Saat- und Pflanzenschulen an; dies Letztere gilt von Laub- wie von Nadelhölzern. Die jungen Pflänzchen der Saatschulen welken schon wenige Stunden darauf, sobald ihre zarten Würzelchen von der Larve benagt worden, und bereits nach einigen Tagen werden sie roth. Die jungen zwei- bis dreijährigen Pflanzen der Pflanzschulen verlassen die Engerlinge sehr bald wieder, weil sie mit den zarteren Wurzeln derselben bald aufgeräumt haben, und daher rührt es, daß die jüngeren Pflanzungen oft ganz vernichtet werden. Unter vier- bis sechsjährigen Pflanzen hält sich dagegen die Larve viel länger auf, da sie die Wurzel nicht so leicht ganz zerstören kann, weshalb Pflanzungen solcher Stämme auch gewöhnlich nur theilweise gelichtet erscheinen. Felder verheert sie zuweilen total, während der voll entwickelte Käfer selbst nicht selten die ganze Obsternte vernichtet. Dazu kommt übrigens, daß da, wo die Engerlinge sich in so großer Menge eingefunden, sich gar bald auch andere Wühler einstellen, so z. B. der Maulwurf, der zwar ein Feind und Vernichter der Engerlinge ist, aber leider auf Kosten der Ackercultur und des Gedeihens der Pflanzen, indem er die ihn beim Wühlen hindernden Wurzeln abnagt.

Die Mittel, sich der Maikäfer, dieser ungebetenen Gäste, so viel als möglich zu entledigen, sind theils gegen die Engerlinge, theils gegen die Käfer selbst gerichtet, und als die wirksamsten haben sich immer die wider die letzteren bewiesen. Sie sind doppelter Art, indem sie theils darin bestehen, daß man die Käfer einfängt und tödtet, theils darin, daß man diese von den zu schützenden Orten abhält, die Eier daselbst abzusetzen.

Das Einfangen der Käfer ist, wenn man nur die rechte Zeit dazu wählt, keineswegs schwer; diese ist aber besonders der Morgen, weil dann, wie schon oben bemerkt, so lange die Zweige ruhig stehen, das Thier gleichsam wie betäubt an ihnen hängt und man es dann leicht abschütteln kann. Denn steigt die Sonne höher und wird es wärmer, so sind die Maikäfer beweglicher und fliegen, wenn geschüttelt wird, leicht davon. Nur an trüben, feuchtkalten Tagen kann das Geschäft auch in der Mittagszeit vorgenommen werden. Freilich wird die Sache dadurch erschwert, daß es meist dickstämmige Laubbäume sind, welche die Käfer heimsuchen. Um das Auflesen der herabgefallenen Maikäfer zu erleichtern, besonders wenn der Boden mit Gras oder Moos bedeckt ist, unter dem sie sich leicht verkriechen können, breitet man am besten Leintücher unter den Bäumen aus. Getödtet [283] werden dann die gefangenen Käfer durch Abbrühen mit kochendem Wasser oder durch Zerstampfen auf festem Boden oder Bretern. Eingraben darf man sie lebend nicht, da sie in der Erde lange fortleben und hier noch die verderbliche Brut absetzen können. Kann man übrigens auch auf die angegebene Weise eine Menge solcher Käfer vertilgen und dadurch der Vermehrung folgender Generationen Einhalt thun, so darf man doch in den ersten zwei Jahren nicht gleich eine allzugroße Wirkung erwarten, da die Erde immer noch voll Larven steckt, die sich während der Folgezeit entwickeln. Auch muß das Abschütteln täglich wiederholt werden, indem jede Nacht aus der Nachbarschaft wieder neue Käfer herzufliegen. Unsere Alliirten in dem Kriege gegen die Maikäfer sind übrigens so manche Thiere, als: Fledermäuse, Eulen, Bussarde, Falken und Weihen, Krähen, Raben, Dohlen, Spechte, Neuntödter etc., welche eine Menge dieser Käfer einfangen und fressen.

Um nun ferner die Weibchen abzuhalten, an gewissen Orten ihre Eier abzusetzen, so hat man zunächst vorgeschlagen, die Erde mit einer Schicht Baumlaub oder Moos zu bedecken; allein dies hilft wenig, auch wenn es in einer Gegend durchgehends geschieht. Der Käfer legt zwar seine Eier lieber da, wo der Boden kahl ist, als da, wo er die Laub- oder Moosdecke erst durchbohren muß, ist aber diese allgemein, so gräbt er sich doch hindurch. Auch ist es, deshalb gewagt, weil man durch das Laub oder Moos zugleich anderen schädlichen Insecten ein gutes Winterquartier bereitet. Besser ist es Composthaufen auf den Feldern zu vertheilen, welche die Käfer zum Eierlegen anziehen. Zugleich wird dadurch das Aufsuchen der Engerlinge erleichtert, der Käfer aber vom Felde selbst abgehalten. Man hat auch vorgeschlagen, in der Legezeit, also Ende Mai oder Anfangs Juni, die Felder zu bewässern, oder mit schweren Erdarten (Mergel, Gassenkoth, Teichschlamm) zu überfahren, oder mit Gyps, gebranntem Kalk oder Asche zu düngen, welche diese Thiere nicht vertragen können. In den Baumpflanzungen pflegen die Mutterkäfer am wenigsten gern dahin zu gehen, wo natürliche Verjüngung vorgenommen wird, und da, wo der Boden nicht wund gemacht worden ist, nur ungern zu legen. In solchen Gegenden, wo die Culturen häufig wegen des Maikäferfraßes verunglücken, müssen daher diese, wenn nicht andere wichtige forstliche Rücksichten dagegen sind, auf natürlichem Wege in nicht verwundetem Boden erzielt werden.

Was nun endlich das Aufsuchen und Vertilgen der Engerlinge betrifft, so kann man in den Rinnensaaten am meisten mit den geringsten Arbeiterkräften ausrichten; denn bei gehöriger Aufmerksamkeit bemerkt man den Fraß gleich von seiner ersten Entstehung an, da die angegriffenen Baumpflänzchen sehr bald welken und roth werden. Es kann also bei Zeiten Veranstaltung gegen den Fraß getroffen werden, aber auch die Richtung, welche der Engerling genommen, wird sehr gut in den Reihen angedeutet, so daß ein geschickter Arbeiter in kurzer Zeit eine Menge Engerlinge ausheben und tödten kann. In den Pflanzungen ist die Vertilgung viel schwieriger; doch hat man u. A. folgendes Mittel vorgeschlagen: da nämlich den Engerlingen der Steinkohlentheer zuwider sein soll, so könnte man von frisch gepflanzten jungen Kiefern die Larven vielleicht dadurch abhalten, daß man ein vertrocknetes Eichen- oder Buchenblatt in solchen Theer taucht und dann in das Pflanzloch wirft. Auf den Feldern kann man nur wirken durch öfteres Umackern und in Gärten durch Umgraben, besonders im April, Mai und Juni, da die Larven zu dieser Zeit ihre tiefer liegenden Winterquartiere noch nicht bezogen haben. Viele werden dadurch bloßgelegt und kommen theils von der Sonnenhitze u. s. w. um, theils kann man sie selbst aufspüren, theils werden sie von Krähen und anderen Vögeln aufgesucht, die sich bald einfinden, um dem Pfluge zu folgen. Den Instinct der Krähe, nach dem Engerlinge zu gehen, kann man auch in Blumen- und Küchengärten beobachten. Hier wandelt sie zwischen den Pflanzen umher, und sobald sie eine Pflanze erblickt, die anfängt zu welken, nähert sie sich mit freudigem Sprunge, fährt mit ihrem Schnabel neben dem Gewächse herab in die Erde und weiß den Engerling so sicher zu treffen, daß sie ihn augenblicklich hervorzieht und verschluckt. Dasselbe thun die Krähen auf Wiesen, die zuweilen von ihnen ganz bedeckt sind. Hühner, Pfauen und Enten fressen Larven und Käfer ebenfalls gern, doch sollen sie, wenn sie zuviel davon genießen, leicht einen harten Kropf bekommen. Auch eine Heerde Schweine auf das Feld zu treiben, hat man empfohlen, da diese das Feld aufwühlen und eine Menge Engerlinge vertilgen, die sie eben so gern fressen, wie Maulwürfe, Igel, Dachse, Füchse und Marder es thun. Nicht minder hat man abwechselndes Düngen mit Menschenkoth und mit Gyps, Düngesalz etc. vorgeschlagen, da letztere Düngungsweise den Engerling tödtet oder sich doch so tief einzugraben nöthigt, daß er den Wurzeln nicht mehr schaden kann. Abhalten kann man ihn auch von einzelnen Gartenpflanzen, wenn man die Erde mit 1/5 Kohlenstaub vermischt. Uebrigens unterstützt uns die Natur selbst nicht selten im Kampfe gegen die Maikäfer. Ein nasser und kühler Mai z. B. ist dem Gedeihen derselben sehr nachtheilig, und durch große, anhaltende Ueberschwemmungen und lange starke Kälte gehen auch viele Larven zu Grunde.

Wollten wir uns aber auf die Natur allein verlassen und gar nichts selbst zur Vertilgung dieser Thiere thun, und würde aus jeder Larve ein Käfer und lieferte dieser wieder seinen beträchtlichen Beitrag zur Vermehrung seines Geschlechtes, so würden diese Thiere bald die Frühlingssonne verfinstern und die Wiesen und Felder in dürre Haiden verwandeln. Und dennoch möchten wir eine gänzliche Ausrottung, wenn sie auch möglich wäre, nicht rathen; denn abgesehen davon, daß die Maikäfer vielen Thieren eine wichtige Nahrung sind, lockern sie auch den Wiesenboden auf, den der Pflug nie so durcharbeiten kann, und bewirken dadurch, daß der Regen leicht einzudringen vermag; ja man hat wirklich gefunden, daß die von den Engerlingen stark bewohnten, aber endlich von ihnen befreiten Wiesen im nächsten Jahre eine doppelte Ernte gaben. Ferner verzehren sie nicht blos die Wurzeln nützlicher Gewächse, sondern auch die des Unkrautes und verhindern dadurch das Ueberhandnehmen desselben. Uebrigens hat man die Maikäfer auch auf mancherlei Weise verwenden gelernt.

Man hat sie u. A. zur Düngung zu benutzen versucht und nach den Untersuchungen der chemischen Versuchsstation in Salzmünde haben sie einen Düngewerth von wenigstens 5–0 Slbgr. pro Scheffel. Maikäferöl, das als Wagenschmiere dienen kann, gewinnt man auf folgende Weise: Man füllt Töpfe oder andere Gefäße mit Maikäfern an und stopft sie dann mit Stroh zu; dann macht man an der Böschung einer Anhöhe eben so viele Löcher, als Töpfe sind, setzt letztere umgekehrt in dieselben und schiebt ein eben so weites, leeres und reines Gefäß darunter, und nun läßt man um die Töpfe herum von Reisig, Hobelspähnen oder dergleichen ein Feuer anlegen, wodurch das Fett oder Oel aus den Käfern fließt, durch die Strohstöpsel dringt und in das untere Gefäß hinabtropft. Auch zur Gasbereitung hat man die Maikäfer benützt. Die rückständige schwarze, halb metallisch glänzende Kohle kann als Klärmittel gebraucht werden, und mit Kali und Eisenhammerschlag geglüht, giebt diese Kohle ein gutes Blutlaugensalz, das zur Bereitung von Berliner Blau dienen kann.

Wir können nicht schließen, ohne jene Tierquälereien nachdrücklich zu rügen, deren sich leider die Kinder so oft gegen den Maikäfer schuldig machen. Wie oft lassen diese den Armen an Bindfaden schnurren, oder spannen ihn vor kleine Schlitten, oder reißen ihm gar die Beine bis auf die beiden vorderen aus, kleben dann zwei so verstümmelte an kleine Stäbchen und lassen sie gegen einander fechten; doch uns ekelt, alle diese Grausamkeiten aufzuzählen, denen leider die Eltern nicht selten mit Lächeln zusehen, ohne zu bedenken, wohin schließlich diese Lust am Peinigen führt.
R. 




Ein Liebeswerk ungarischer Hausfrauen.

„Wie der Todeskampf eines Kranken stumm und schrecklich ist, so schrecklich und stumm ist bei uns die Noth. Wenn uns in den verflossenen Monaten ein Nothleidender um ein Almosen ansprach, jammerte und weinte er noch. Heute hat er keinen Klagelaut und keine Thräne mehr. Mit schreckhaft abgemagertem Körper, mit spitz hervortretenden Knochen, mit tiefeingefallenen Augen schleppt sich der Hungernde von einem verlassenen Hause zum andern, bis er wohl erst im fünften oder sechsten einen Menschen trifft, von dem er glauben kann, daß derselbe vielleicht noch ein Stück Brod besitze. Der Hungernde braucht kein Wort zu sagen, [284] und es kommt auch kein Laut über seine Lippen. Es ist nicht möglich, daß, wer noch einen Bissen Brod, noch einige Pfennige besitzt, seinen Schatz nicht augenblicklich mit dem wortlosen, abgezehrten, hungernden Bruder theile!“ So schilderte noch zu Anfang des März ein ungarisches Blatt den Nothstand in dem sonst übervollen Getreidespeicher Europa’s, in Ungarn.

Der Hunger hat Menschen getödtet in dem Lande, das so arm an Menschen und so reich an Fruchtbarkeit ist! Auf wessen Sündenconto ist die Schuld solchen Unglücks zu schreiben?

Die Schuld liegt an der ohne alles Verhältniß ungleichen Vertheilung des Grundbesitzes in dem zunächst betroffenen Theile Ungarns, in „Alföld“ oder Niederungarn; denn während dieser weite Landstrich von mehr als tausend Geviertmeilen ausschließlich von einer Ackerbau treibenden Bevölkerung bewohnt wird, ist der größte Theil derselben vollständig besitzlos und lebt nur von der Arbeit, welche die Grundbesitzer ihm bieten. Diesen Tausenden sind somit alle Mittel entzogen, sich vor gänzlichem Mangel zu schützen, sobald die einzige Quelle ihres Erwerbs, die landwirthschaftliche Arbeit, wenn auch nur auf kurze Zeit, versiecht. Daß aber, trotz der sehr guten Ernte von 1863 in einem Drittel von Ungarn und der wenigstens mittelmäßigen im zweiten Drittel, eine einzige Mißernte im dritten Drittel ein so furchtbares Elend über das arme Volk bringen konnte, das erschien im Lande selbst als ein überraschendes Strafgericht für das unverantwortliche Mißverhältniß im Grundbesitzthum der Bevölkerung.

Die Gartenlaube (1864) b 284.jpg

Die Wittwe Ludwig Batthyány’s.

Bei den ersten Nachrichten von der in Niederungarn auftretenden Noth schüttelte man im übrigen Ungarn ungläubig den Kopf; aber nur kurzer Zeit bedurfte es, um den Nothstand so zu entwickeln, daß die Schatten immer finsterer wurden, welche das kommende Elend vorauswarf? Die sengende Hitze, die Ursache der Noth, wüthete immer verderblicher. Bald waren auf den Weideplätzen alle Spuren der Vegetation bis in die tiefste Wurzel vernichtet, ungeheure ehemals üppig grüne Fluren waren im vollsten Sinne des Wortes zu Staubwüsten geworden, das Vieh irrte brüllend vor Hunger umher, und die Bewohner vieler Ortschaften zogen massenweise fort, um glücklichere Gegenden zu suchen. Die überwiegende Menge der Zurückgebliebenen mußte sich vor Allem ihres Viehes entledigen, für das sie kein Futter, oft auch nicht einmal Wasser hatte. Eine große Menge von Pferden, Ochsen, Kühen, Schafen verendete vor Hunger, – Viele verkauften ihr Hausvieh um die geringsten Preise, oder trieben es fort, um das Elend der armen Thiere nicht ansehen zu müssen. Um jene Zeit, zu Anfang des verflossenen Herbstes, traten hier und da noch einige Züge eines traurigen Humors hervor, gleichsam das letzte Lächeln eines Verzweifelnden. Ein Mann band ein Pferd an einen Pfahl und heftete einen Zettel daran, worauf er geschrieben hatte, daß Jedermann, der dazu Lust hätte, dieses Pferd als sein Eigenthum betrachten könne; als er am andern Tag nachsah, ob das arme Thier einen neuen Herrn gefunden habe, – fand er an denselben Pfahl noch mehrere andere herrenlose, hungerdürre Klepper gebunden. – In einem Ort, wo gerade Jahrmarkt war, bekam ein Knabe von seinem Onkel einige Kreuzer, damit er sich dafür ein Pferdchen, versteht sich ein hölzernes oder eines aus Pfefferkuchen, kaufe; der Knabe sprang fort und brachte für die wenigen Kreuzer ein lebendiges Füllen nach Hause. – Hatte die Hitze die armen Bewohner Niederungarns um ihr werthvollstes Besitzthum, um ihr Vieh gebracht, so riß die hereinbrechende Kälte des Winters auch das Bischen Hausrath mit fort. Was man nicht verkaufte, um den Hunger zu stillen, mußte man verbrennen, um sich die Glieder zu wärmen.

Wenn solcher Mangel sich über viele Hunderte von Quadratmeilen erstreckt, so ist es kein Wunder, daß nicht allem Elend abgeholfen werden konnte, trotzdem der Reichsrath in Wien zwanzig Millionen zum Ankauf von Saatfrucht, zu verschiedenen öffentlichen Arbeiten und zu Darlehen für Gemeinden und Grundbesitzer votirte, – trotzdem ferner der Adel und die Geistlichkeit den vom Nothstand heimgesuchten Bewohnern des Alföld große Quantitäten von Lebensmitteln schenkten, und trotzdem allenthalben erkleckliche Summen Geldes für die Armen gesammelt wurden. Sogar Bälle, Concerte, Dilettanten-Theatervorstellungen und derlei rauschende Vergnügungen veranstaltete man zum Besten der hungernden und frierenden Brüder! –

Auch die Wohlthätigkeit bedarf in unsern Tagen der Unterstützung der Speculation. Neben den vielen und großartigen Versicherungsgelegenheiten gegen alle möglichen Unfälle wird „das gute Herz“ nur da mit Erfolg angesprochen, wo unverschuldetes Unglück um Hülfe ruft; dem Einzelnen oder Wenigen wird dann auch durch die vielen, wenn auch im Durchschnitt kleinen, Gaben geholfen. Rufen aber Tausende in einer Noth, da müssen künstliche Mittel die Einnahmen mehren, und es kommt alsdann allerdings sehr darauf an, eine Form der Speculation zu finden, die mit dem Elend, gegen das sie gerichtet ist, nicht in allzustarkem Contraste steht.

Eine solche Form war es nun, welche für den vorliegenden Fall die Gräfin Ludwig Batthyány, die gefeiertste Frau Ungarns, in dem Bazar fand, dem diese Zeilen gewidmet sind. Die Gräfin ist Ausschußmitglied des „Vereins der ungarischen Hausfrauen“, und dieser Verein schloß sich ihr sofort zur Ausführung ihres schönen und originellen Wohlthätigkeitsplans an. Es ist eine alte Wahrheit: ein guter Gedanke und ein wohlgebildeter Mensch kommen leicht durch die Welt. Dies bewährte sich auch hier. Kaum war die Idee ausgesprochen, so schlug sie auch Wurzel, und ehe wenige Wochen vergingen, so war sie in überraschender Weise ausgeführt. Vornehme Damen, ausgezeichnet durch Rang, Geist, Schönheit, Reichthum, kurz die Blüthen der Blüthe des Landes, erklärten sich bereit, in dem projectirten Bazar das Amt der „Ladenjungfern“ zu übernehmen, und die Pesther Lloydgesellschaft bewilligte die Räumlichkeiten der ehemaligen Getreidebörse, durch deren Vermittelung sonst der Ueberfluß des Landes seinen Abzug nach andern Ländern fand, zur Veranstaltung jener Börse, durch deren Vermittelung jetzt die Spenden der Wohlthätigkeit den Stätten des Mangels zugeführt werden sollten. Die erwähnte Räumlichkeit, eine schöne durch zwei Säulenreihen in drei Schiffe abgetheilte Halle, ward zu dem reizenden Bazar ebenso geschmackvoll, wie zweckmäßig hergerichtet. In den beiden Seitenschiffen befanden sich zwischen je zwei Säulen die Verkaufsbuden, und zwar waren an jeder der beiden Seiten sechs, also im Ganzen zwölf Buden angebracht, die alle mit Vorhängen geschmückt und mit ihren waarenbeladenen Pulten dem Ganzen das phantastische Aussehen eines Bazars und Ballsaals zugleich gaben. Doch wir sind

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Die Gartenlaube (1864) b 285.jpg

Der Wohlthätigkeitsbazar ungarischer Hausfrauen in Pesth.

[286] schon im Innern und haben noch nicht unser Entree bezahlt und noch den edlen Damen nicht unsere Aufwartung gemacht, die das Amt der Cassirerinnen und Billeteurinnen verwalten. An dem in einen Blumengarten umgewandelten Eingange empfängt uns eine blasse Dame in Trauer, die mit einem verbindlichen Lächeln das Entreegeld in Empfang nimmt. Es ist die Urheberin des Bazars, die Gräfin Batthhány, die seit dem im Jahre 1849 erfolgten Tod ihres Gemahls, des Patrioten Ludwig Batthyány, die Trauer noch nicht abgelegt hat. Neben ihr sitzt eine andere gefeierte Wittwe des Landes, die ihren Gemahl, den General Damjanich, in demselben verhängnißvollen Jahre verlor. Sie ist die Präsidentin des obenerwähnten „Vereins der ungarischen Hausfrauen“; sie giebt uns die Entreekarte, die uns vor dem Eintritt in den Bazar von zwei Ausschußfrauen desselben Vereins abgenommen wird. Und nun treten wir in die Halle, die mit ihrer schönen momentanen Bestimmung, mit den ebenso reizenden als vornehmen Ladenjungfern, mit den fabelhaften Preisen, die hier gelten und gegeben werden, des Interessanten und Rührenden so viel bietet, und den Eindruck eines ganz wunderlichen Mummenschanzes macht.

Wie werden sich diese Ladenjungfern, die alle in glänzenden Equipagen mit reichgalonnirten Dienern zu und von ihrem Markt fahren und deren Namen zu den vornehmsten und klangvollsten des Landes zählen, benehmen; werden sie stolz oder wohl gar herablassend sein? Werden sie bei der so völlig ungewohnten Hantirung ein paar unbrauchbare Sächelchen wie Nippes ausbreiten und stumm warten, bis sich ein Käufer findet? Nichts von alle dem. Jede dieser Buden ist voll von den gewöhnlichsten und brauchbarsten Gegenständen; wir finden hier Herren- und Modewaaren, Parfümerie-Gegenstände, Spielzeug, Papier, Federn, Cigarren, Glas und Porzellan, Conditoreiwaaren, und schließlich, oder besser in der ersten Verkaufsloge rechts, Bier, Wein und kalte Küche. Jede der Verkäuferinnen hat ihre Artikel mit Geschmack geordnet, in verlockender Auswahl zusammengestellt und ausgekramt, und sie rufen die Käufer und bieten ihre Waaren an mit einem Eifer und einer Virtuosität, als ob ihr Leben von ihrem heutigen Erlös abhinge. Da ist nichts von Stolz oder abstoßender Herablassung zu sehen, – das sind echte, rechte, fleißige Kaufmannsfrauen, die Niemanden vorübergehen lassen, Jedermann anrufen und unermüdlich sind im Auswählen und Anpreisen der Gegenstände, und das Alles mit einer Natürlichkeit, als ob dieser Bazar kein momentanes Spiel der erfinderischen Wohlthätigkeit, sondern eine uralte Einrichtung wäre. In der eleganten Trink- und Speisecantine rechts sind die beiden jungen Damen, deren eine eine Fürstin Odesealchi, unermüdlich im Ausschenken von Wein und Bier und im Darreichen von Wurst, Pasteten etc., und sie verwalten ihr Amt mit einer Gewandtheit, als ob sie von der Pike auf als Schenkmädchen gedient hätten. So geht hier Alles natürlich zu, und eben diese unerwartete Natürlichkeit ist neu und rührend und reizend der Eifer, mit welchem diese Priesterinnen der Wohlthätigkeit sich wegen des heiligen Zweckes so schnell und so sicher in ihr Amt fanden. Wohl nicht ihrem Aussehen nach, aber wegen ihres Ursprungs neu sind nur die Schnitzwaaren, die der berühmte ungarische Patriot Franz Deák mit eigener Hand fabricirt und einigen Damen geschenkt hat. Es sind zumeist aus Holz gedrechselte Fruchtstücke auf Briefbeschwerer geheftet, die um hohe Preise abgesetzt werden. Neu sind übrigens auch die Preise, um welche alle übrigen Gegenstände hier gekauft werden, wie auch die Art, wie hier gefeilscht wird, nicht zu den alltäglichen gehört. – „Was kostet dieses Cigarrenrohr?“ – „Fünf Gulden.“ – „Hier sind zehn.“ – Da wurde keine Cigarre abgesetzt, für die nicht mehrere Gulden gegeben worden wären, – und kein Glas Bier getrunken, das nicht wenigstens einen Gulden gekostet hätte.

Was können die „Herren der Schöpfung“ für die Damen, welche die Rolle des Kaufmanns mit so viel Aufopferung und Selbstverleugnung spielen, während ihnen, den Herren, das bequeme Amt des Zusehens bleibt, weniger thun, als so viel als nur möglich den Erlös der ersteren mehren? Bald begnügt sich die Ritterlichkeit nicht mehr damit, sondern sie strengt den Witz an, um auf diesem idealen Markt auch ideale Waaren zu schaffen. So kaufte denn einer der Edlen des Landes von einer der edelsten dieser Frauen einen Kuß um Tausend Gulden. Ein Schriftsteller fragte eine der Verkäuferinnen: „Was kostet ein Händedruck?“ – In Anbetracht seiner bescheidenen Stellung in der Finanzwelt, begehrt sie für den verlangten Artikel nur den bescheidenen Preis von fünf Gulden. – „Geben Sie mir beide Hände!“ – Ein Dritter kauft einer Dame das seidne Tüchelchen, das einige Augenblicke ihren weißen Hals umschlungen, um hundert Gulden ab; ein Vierter macht ihm dies nach; ein Fünfter geht mit seinem Notizbuch von einer Verkaufsloge zur anderen, bittet jede der darin sitzenden Damen ihren Namen einzuschreiben, und legt sich so eine Autographensammlung des Bazars um den bescheidenen Preis von einigen hundert Gulden an, und so fort! –

In eine ganz neue Phase trat der Bazar, der am 11. Februar eröffnet wurde, Sonntag den 19., an welchem er beschlossen wurde. Da strömten große Mengen von Landleuten und Handwerkern hinein, ein naives Publicum, welches das Bewußtsein, von vornehmen hochgeborenen Damen bedient zu werden, noch in vollen Zügen genoß, dabei aber es nicht unterließ, mit den noblen Verkäuferinnen wacker drauf los zu feilschen, wie auf einem wirklichen Markt. Nur eine alte Bäuerin weiß in ihrer Herzenseinfalt noch den Werth einer idealen Waare zu schätzen und kauft von einer Gräfin für einen Gulden, den sie erst aus vielerlei Hüllen sorgsam herausschält, – einen Händedruck, und noch lange wird in ihrem Dorfe davon die Rede sein, wie die Gräfin einer Bäuerin einmal vor Zeiten die Hand drückte. – Doch wir würden nicht fertig werden, wollten wir alle kleinen charakteristischen Züge dieser reizenden Feerie, Bazar genannt, aufzählen; wir schließen mit der die Hauptsache in sich fassenden Notiz, daß dieser viertägige Dienst des Vereins ungarischer Hausfrauen auf dem Markte der Wohlthätigkeit für die Nothleidenden einen Reingewinn von nahe an vierzigtausend Gulden eingebracht hat.
A. D. 

Das in Pesth gegebene Beispiel hat inzwischen bereits in Wien seine Nachahmung gefunden. Dort ist ebenfalls aus den Reihen des hohen ungarischen Adels eine Anzahl von Frauen zu einem Ausschusse zusammengetreten, um, zwar nicht durch einen Verkaufsbazar, wie den eben geschilderten, sondern durch eine Ausstellung von Kunstwerken für die Noth in Ungarn eine Hülfssumme zusammenzubringen.

Diese am 15. April in den Localitäten des österreichischen Kunstvereins eröffnete Ausstellung wird indeß nicht allein durch den Zweck, welchem sie dienen soll, auf eine überaus große Theilnahme rechnen können, auch die ausgestellten Gegenstände selbst, die nur Stücke von wirklicher künstlerischer oder geschichtlicher Bedeutung sein dürfen, namentlich aber eine Menge merkwürdiger Familienreliquien aus ihrer Exclusivität in den Häusern der ältesten ungarischen Aristokratie an das Licht der Oeffentlichkeit bringen werden, haben berechtigten Anspruch auf das allgemeinste Interesse.

Auch ein weitbekannter Wiener Kunstfreund, der reiche Bankier Mayer, Chef des Bankhauses J. H. Stametz u. Co., hat dem Comité seine prachtvolle Bildergallerie zur Verfügung gestellt, in welcher die neue belgische und französische Schule durch mehrere ihrer ausgezeichnetsten Gemälde vertreten ist.

So steht nicht zu bezweifeln, daß das verdienstliche Unternehmen von einem kaum minder erfreulichen Erfolge gekrönt sein werde, als sein Pesther Vorläufer. Zudem wird die Aussicht, sich die sonst in so unnahbarer Ferne schwebende hochadelige Damenwelt einmal recht con amore beschauen zu können, für Manchen und Manche, die nicht das Glück haben, zum „obersten Tausend“ zu gehören, nicht den kleinsten Anreiz zu einem wiederholten Besuche der Ausstellung bilden. Die vornehmen Ungarinnen, an ihrer Spitze die Präsidentin des Comité’s, eine Gräfin Wenckheim-Zichy, werden nämlich der Reihe nach an der Casse die Eintrittsbillets mit eigenen zarten Händen verabfolgen – wer weiß, vielleicht auch Händedrücke und Küsse verkaufen, wie ihre schönen Schwestern in Pesth.

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Blätter und Blüthen

Schaltjahr in England. Für das schöne Geschlecht in Großbritannien hat das Schaltjahr eine ganz andere Bedeutung, als bei uns und sonstwo. Einer uralten Ueberlieferung zufolge gehen in einem Schaltjahr (leap year) die Rechte der Herren der Welt und der Gesellschaft in die zarten Hände der Schönen über, und dieser alte Brauch wird in England oft mit vielem Humor zur Geltung gebracht. Man pflegt dann sogenannte „Schaltjahr-Gesellschaften“ zu veranstalten, bei denen in sehr ergötzlicher Weise die beiden Geschlechter ihre Rollen vertauschen.

Eine Einladung zu einer solchen Festlichkeit, wie sie mir am 29. Febr. d. J. zu Theil wurde, setzt darum Damen und Herren in nicht geringe Aufregung, namentlich die jüngere Generation der erstern. Da muß manche wichtige Konsultation mit den mitgebetenen Freundinnen und mit der Dame des Hauses gehalten werden; denn diesmal sind’s ja die Männer, die alle jene Aufmerksamkeiten erwarten, welche sie sonst zu erweisen gewöhnt sind. Wie reiflich ist das Alles zu bedenken, wie schwer jene kleinen Bevorzugungen zu verbergen, durch welche der Eine oder der Andere verstohlen beglückt werden soll! Selbstverständlich war eine Anzahl von Vätern und Müttern mit eingeladen, um die Sache würdig zu „chaperonniren“. – Als ich in den Gesellschaftssaal trat, bot sich mir ein ganz eigenthümlicher Anblick. Da war jeder Herr mit einem Bouquet belastet, das ihm von den Damen verehrt worden war, und einige besonders Begünstigte seufzten unter der Bürde von sechs großen Büscheln von exotischen Blüthen. Jetzt hatten sie einmal Gelegenheit, die ernste Wahrheit zu lernen, wie unbequem es ist, einen ganzen Abend hindurch auf Ball, Concert und Oper einen Wald von Blumen halten und regieren zu müssen! – Die Damen hatten sich im Gesellschaftszimmer ganz nach Art der Herren an die Thüre postirt, in denselben nachlässig eleganten Attitüden, wie es ihnen so oft an den jungen Löwen der Gesellschaft zu bewundern vergönnt war. Auch die Unterhaltung bewegte sich völlig in der den Gebietern der Schöpfung abgelauschten Manier und Sprache, mit allen den recipirten, zum Theil recht kräftigen und gewissermaßen burschikosen Ausdrücken, wie sie gegenwärtig der „gute Ton“ in England erfordert. Ueberaus possirlich waren die Versuche der Schönen über Wettrennen, Wettrudern, Fuchsjagden und andern Sport zu sprechen, über Oxford und Cambridge, über Oberhaus und Unterhaus, über Actien und Fondsbörse. Während dem plauderten die Herren am Ende des Zimmers im Damenstyle und medisirten und kritisirten, wie es der Moment nur gestatten wollte. Dies mußte den armen Harrenden, so gut es gehen wollte, die Zeit vertreiben, nicht ohne daß sie indeß ab und zu einen um Erlösung flehenden Blick zu den streng dreinschauenden Damen hinüber warfen, die denn auch endlich zu ihnen herangeschwebt kamen als milde, versöhnende Engel, aber ach! nur um ihre Rollen weiter zu spielen. Nicht Jede schien sich leicht in diesen Maskenscherz zu finden, so daß ich aus dem Eckchen, in das ich mich zu eclipsiren gewußt hatte, manches ganz allerliebste und bedeutungsvolle Erröthen belauschen konnte.

Welche Erleichterung daher für Alle, als die Musik zum Tanze rief! Daß am Schaltjahrfeste die Damen ihre Tänzer wählen, versteht sich von selbst. Langsam schlenderten sie auf die glücklich Erkorenen zu, um mit einem mattgedehnten höflichen „Kann ich die Ehre haben?“ sie zur Quadrille fortzuführen. Der Aerger und die Täuschung, den die Uebergangenen empfanden, prägte sich, trotz der angenommenen Nonchalance, lebhafter aus ihren Gesichtern aus, als ich’s je an den weiblichen „Mauerblümchen“ bemerkt hatte, die’s besser verstehen, ihren Verdruß unter sanftem Lächeln zu verstecken. Es war mir eine gewisse Genugthuung, daß ich die „Tyrannen der Gesellschaft“ für einmal wenigstens ganz in den Händen meiner Mitschwestern wußte und manche kokette Nichtbeachtung gerächt sah. Die schönsten der anwesenden jungen Damen blieben an der Thür stehen und lorgnettirten die Vernachlässigten in kühler Manier, oder ließen sich ganz nahe bei ihnen nieder, ohne weder zu sprechen, noch zu tanzen. – O, ihr jungen Herren von heute, dachte ich, wenn solche Gesellschaften zur stehenden Mode würden, wie bald würdet ihr eure blasirte Trägheit verlernen, die auf die freundliche Aufforderung der liebenswürdigen Wirthin immer nur die halb gezähnte Antwort hat: „Ich mache mir gar nichts aus dem Tanzen!“

Ganz besondern amüsant war es, zu beobachten, wie oft die heutigen Pseudodamen ihre Bouquets und Taschentücher fallen ließen und mit welchem Eifer die wirklichen Schönen sich bückten, das Verlorene aufzuheben und zu überreichen. Und wenn ein Herr zu seinem Sitz zurückgebracht war, wie schien er da dem Verschmachten nahe, wie keuchend bat er um „ein Glas Wasser“, wie dringend um etwas Eis! Manche der Herren trieben das Spiel etwas allzuweit und folterten ihre schönen Dienerinnen, capriciös bald Dies, bald Jenes begehrend. – „Wünschen Sie ein Glas Zuckerwasser?“ – „Ja – nein – Limonade – nein, lieber Negus – oder besser ja, ein Glas Wein.“ So waren die jungen Dämchen in unaufhörlicher Bewegung, um, ihrer Rolle getreu, jedes Winkes ihrer heutigen Regenten gewärtig zu sein. Auch an den bekannten, bewußten und unbewußten Tanzaufforderungsconfusionen fehlte es nicht. Zwei Damen hatten den nämlichen Herrn engagirt. „Thut mir leid, ich bin schon engagirt,“ sagte der Herr, als die zweite Huldin heranschwebtc. „Ich bitte sehr, wenn Sie nur auf Ihre Tanzkarte sehen wollen, so werden Sie finden, daß Sie mit mir zu diesem Walzer engagirt sind,“ erwiderte die Schöne, mit finstern Blicken ihre Rivalin messend. – Der doppelt Begehrte bemühte sich, zu erröthen, suchte scheinbar in der Tanzkarte und zerrupfte endlich sein Bouquet in „lieblicher Verwirrung“. – Und er copirte getreu, – er zog sich mit einer hübschen kleinen Lüge aus der Verlegenheit und gab der bevorzugten Dame die „schöne Hand“.

Der aufregendste Moment des Abends war ohne Zweifel der, als sich die Stimme des Hausherrn vernehmen ließ: „Meine Damen, führen Sie die Herren zum Souper!“ – Im Speisesaal angekommen, begab sich jede Dame sofort hinter den Stuhl ihres Herrn, und wahrlich, die lieblichen Hebes zeigten sich über alles Lob erhaben, in dem rühmlichen Eifer ihre hungrigen Tänzer zu bedienen. Sie flogen hierhin und dorthin, und die Herren fanden kein Ende in ihren Bedürfnissen von Champagner und Sherry, die ihnen geholt und credenzt werden mußten.

Endlich erhoben sich die Herren von der Tafel, die Damen öffneten die Thür, sich tief verbeugend, und ließen ihre Tänzer allein in das Gesellschaftszimmer wandern. Die Diener kamen herein, neue Speisen wurden gebracht und die Damen setzten sich zum Mahle nieder. Bald langweilten sich die Herren unbeschreiblich im Salon, wie sie später gestanden. Ueber die neuen „Moden“, über Hauben und Hüte konnten sie ja nicht sprechen, und Politik wäre wider die Rolle gewesen. Mit einem Male tönt Lärm und Applaus aus dem Speisesaale zu ihnen heraus: die Damen bringen Toaste aus. Das war zuviel für die Ungeduld der Verlassenen! Leise schlichen sie die Treppe hinab, die Thür war halb geöffnet, und gruppirten sich um sie herum und – horchten. Ja wahrlich – sie hielten Reden, die Damen! Ein dunkeläugiges Mädchen brachte in wohlgesetzten Worten die Gesundheit des Wirthes und der Wirthin aus, und die Dame des Hauses erhob sich demgemäß, um gebührend zu erwidern. Zwar stockte der Fluß der Rede bald wieder, wie das schon manchem berühmten Sprecher begegnet sein soll; allein rasch fand sie sich wieder zurecht und dankte ihren jungen Freunden für die Bereitwilligkeit, in ihren Scherz einzugehen und (in diesem Augenblicke waren einige schwarze Fracks der Thür zu nahe gekommen) den andern Theil ihrer Gäste zu unterhalten, eine schwere Aufgabe, fürwahr, da diese ja weder singen noch tanzen könnten, überhaupt gar wenig nützlich und angenehm wären; doch da man sie als „unvermeidliches Uebel“ einmal behalten müsse, so fordere sie die jungen Damen auf, das Wohl der „Herren“ zu trinken. Mit Begeisterung wurde der Aufforderung Genüge geleistet, zum Entzücken der Schwarzfräcke draußen. Sodann stand die blonde junge Tochter des Hauses auf, um den Dank der Herren für den Toast der Damen zu bringen. Mit heller Stimme ersuchte sie ihre „lieben, jungen Freunde“, der Wahrheit das Recht zu geben und zu gestehen, ob nicht die schönste Herrschaft des Weibes im Gehorsam zu finden sei! (Lachen und Nein nein von einigen verheiratheten Frauen.) „O ja!“ fuhr die jugendliche Sprecherin mit warmer Begeisterung fort, „ist’s nicht süß, denen zu dienen, die man liebt?“ (Hier gab es die größte Mühe, die schwarzen Fracks von der Thüre zurückzuhalten, so groß war die Bewegung: sie wollten Alle hereinstürzen.) „Für uns,“ fuhr die holde Sprecherin fort, „für uns ertragen sie die Gluth der Tropen und die Eisregionen von Spitzbergen, um unsertwillen essen sie Schneckensuppen in China und Cannibalen in Neuseeland (Zeichen von Unbehaglichkeit unter den Schönen). Um unsertwillen langweilen sie sich in Blumenausstellungen, Concerten und Opern (deren Musik sie nicht würdigen können), und in Gemäldegalerien (deren Werth sie nicht verstehen). Freilich sind nur Wenige unter ihnen in der Gesellschaft nützlich, nur Wenige verstehen gut zu walzen, die Meisten begnügen sich damit, ihren Damen die Kleider zu zerreißen; aber, meine Damen, je hülfloser und ungeschickter sie sind, um so gütiger und mitleidiger müssen wir sein. Lassen Sie uns denn fortfahren, diesen von der Natur vernachlässigten Geschöpfen Mitleid zu erzeigen!“ Der Beifallssturm von den schwarzen Fracks an der Thüre ließ sich nicht länger zügeln. „Meine Damen,“ schloß die junge Rednerin, „die ‚Geschöpfe‘ haben Ihnen selbst gedankt, Sie haben es gehört!“

Damit schloß das eigenthümliche Fest, das in allen seinen Einzelheiten seinen humoristischen Charakter treu bewahrt hatte und trefflich gelungen war. Wer weiß, ob nicht manche junge Leserin der Gartenlaube sich auch in Deutschland eine solche Feier des Schalttags wünschen möchte?




Shakespeare’s Geistesgegenwart und Improvisationstalent. Als der Druck unsers Shakespeare Artikels (in Nr. 16 und 17]]) schon beendet war, theilte uns der Verfasser von „Ein Tag in Shakespeare’s London“ noch die nachstehende sehr interessante und charakteristische Anekdote mit, die von der Geistesfertigkeit des großen Briten ein schlagendes Zeugniß ablegt:

Während einer der geschilderten Hof-Theatervorstellungen im Banket-Haus von Whitehall, als Shakespeare in seinem eigenen Drama die Rolle von Heinrich VI. spielte, kam die Königin auf den Einfall, sein ihr oft gerühmtes Improvisationstalent auf die Probe zu stellen. Die Loge der Königin war umnittelbar über der Bühne und eine kleine Treppe führte hinuntcr, vor welcher die beiden Leibwächter Ihrer Majestät mit großen Hellebarden standen, in deren Stahl die Devise des Hosenbandordens: „Hony soit qui mal y pense“ schimmerte. In dem Augenblick, wo Heinrich VI. in der Mitte seiner Edlen die Bühne betrat, welche das Parlament vorstellen soll, ließ die Königin ihren Handschuh über die Logenbrüstung gerade zu Shakespeare’s Füßen nieder fallen. Dieser, sobald er den Handschuh hatte fallen sehen, schritt, ohne sich zu besinnen, vor und, sich mitten in seiner Rede unterbrechend, hob er ihn auf mit folgenden Worten, die er in seinem Charakter als König improvisirte:

„Und ob wir gleich in dieser hohen Sendung
Begriffen nun, so beugen wir uns doch,
Um aufzuheben unsrer Base Handschuh.“

Dann, nachdem er den Handschuh auf die Hellebarde eines der Leibwächter gesteckt, von welcher die Königin denselben lächelnd herabnahm, trat er zurück und spielte seine Rolle weiter.




Zur Abwehr. Wenn die illustrirte Zeitschrift „Ueber Land und Meer“ unserem Blatte zum Angehör giebt, daß sie einen bekannten Maler als Specialartisten nach dem Kriegsschauplatz in Schleswig und Jütland gesandt habe, so sagt sie uns damit nichts Neues; schon ehe jener seine specialartistische Mission antrat, waren wir von derselben genau unterrichtet. Trotzdem aber, und ohne dem tüchtigen Künstler irgendwie zu nahe treten zu wollen, müssen wir an unserer Behauptung festhalten, daß bloße Schlachtenbilder mit ihrem banalen Pulverqualm im Grunde nichts mehr und nichts Anderes sind als fern von dem eigentlichen Theater der Ereignisse componirte Phantasiegebilde. Denn die verehrliche Redaction von „Ueber Land und Meer“ wird [288] sich selbst keinen Augenblick einreden, daß die Herren Künstler mitten im Granatenhagel und Kugelregen gemüthlich ihre Zeichenmappen zur Hand nehmen und die verschiedenen Scenen und Gruppen des sie umwogenden Kampfes in aller Seelenruhe skizziren. Das wird sie auch ihren nur einigermaßen begriffs- und urtheilsfähigen Lesern nicht weiszumachen im Stande sein.

Deswegen prägten wir unserm eigenen Specialartisten, dem Historienmaler Herrn Otto Günther aus Weimar, vor seiner Abreise nach dem Norden auf das Nachdrücklichste ein, uns um Himmelswillen keine jener eigentlichen Schlachtenbilder zu liefern, sondern nur Situationsgemälde, wie das Publicum solche z. B. der Weber’schen Illusttirten Zeitung so zahlreich verdankt, Einzelscenen und Episoden, instructive Genrestücke aus dem Kriege und dem Kriegsleben für uns zu zeichnen, und bis auf eine einzige unserer derartigen Illustrationen, die sich durch ihre ganz besonders malerische Composition empfahl, beweisen sämmtliche der von uns gebrachten kriegsschauplätzlichen Abbildungen, daß wir diesem - unsers Erachtens dem Publicum gegenüber allein zu rechtfertigenden - Principe treu geblieben sind. Bloße Schlachtenbilder dünken uns nichts Besseres zu sein, als kindische Spiegelfechtereien.
D. Red. 


Für die braven Schleswig-Holsteiner

gingen in den letzten Wochen ferner bei mir ein: 4 fl. rhein. von A. S. in Gräfendorf – 1 Thlr., Monatsbeitrag für den Kampf von A. – 1 Thlr. von einer für die Erhaltung ihres Sohnes dankbaren Mutter – 1 Thlr., ges. von deutschen Jünglingen in Apolda durch F. L. jun. – 1 Thlr., Erlös aus zwei abgeschnittenen Zöpfen von einer deutschen Jungfrau in Kranichfeld – 3 Thlr., Sammlung vom „Lotto Dauphin“ durch eine deutsche Frau in Dresden – 3 Thlr. von E. G. aus P. „dem deutschen Schleswig-Holstein“ – 1 Thlr. von einem armen Mädchen in Oschatz – 10 Thlr. von Fräulein Sophie Michael in Plau in Mecklenburg – 15 Thlr., in Plau in Mecklenburg gesammelt durch Dr. R– e – 1 Thlr. von L. G. K. in Leipzig – 15 Thlr. von vierzehn deutschen Studenten in Utrecht – 1 fl. rhein. von N. N. in Nürnberg, bei der Feier eines Geburtstags gesammelt – 2 Thlr., ges. in der Bürgerschenke zu Hammerunterwiesenthal im Erzgebirge – 3 Thlr. von einem jungen Mädchen in Bautzen – 2 Thlr. 21/2 Ngr., ges. in der baierischen Bierstube der Harmonie in Chemnitz – 9 Thlr. 201/2 Ngr., Ertrag einer Sammlung bei einer Abendunterhaltung des Turnvereins zu Liebertwolkwitz – 5 Thlr. aus Nürnberg – 4 Thlr. 5 Ngr. im Auftrage von Mehreren durch A. P. in Cassel – 1 Thlr. 3 Ngr. 6 Pf., ges. von einigen Schülern der vierten Knabenclasse der höheren Bürgerschule in Chemnitz – 10 Thlr. von Gymnasiasten in Anclam – 1 Thlr. von einer deutschen Gouvernante in England – 2 Thlr. von einem Verein in Eckarts-Rupboden – 2 Thlr. von Fräulein Henriette Stelzncr in Rupboden – 15 Thlr. von der Zetzschink’schen Riege in Leipzig – 5 Thlr., ges. bei einem Karpfenschmause in Zöllnitz – 1 Thlr. 10 Ngr., ges. von einigen jungen Leuten in Steinpleiß bei Werdau – 3 Thlr. 7 Ngr., ges. bei einem Essen des Boule-Clubs in Weißenberg bei Löbau – 5 Thlr. von N. N. in Borna – 2 Thlr., ges. in einem fröhlichen Kreise von Bergakademisten in Clausthal (Kampf) – 3 Thlr. 5 Ngr., ges. in einer heitern Gesellschaft in Falkenhain bei Lucka – 16 Thlr. 15 Ngr., ges. beim Stiftungsfeste des landwirthschaftlichen Vereins in Buttstädt – 1 Thlr., für die Armen in Schleswig-Holstein von einer deutschen Frau in Thüringen: „das einzige Töchterlein soll lernen der Mutter Geburtstag besser feiern als sonst. – Wenig aber so gern“ – 1 Thlr. 24 Ngr., ges. im Sonntag-Abend-Cirkel der Harmonie-Gesellschaft in Wunsiedel – 5 Thlr., ges. am 21. Februar im Liederkranz zu Bautzen – 4 Thlr. 15 Ngr., Ueberschuß einer musikalisch-declamatorischen Abendunterhaltung in Hohenleuben durch Schack – 6 Thlr. durch F. H. in Burgstädt – 2 Thlr. von G. B. in Burgstädt – 11 Thlr., ges. beim Ball der Casinogesellschaft in Zaschwitz am 28. Februar – 1 Thlr., K –se in Leipzig – 3 Thlr. von R – l – 2 Thlr., ges. im Leseverein und in der Schule zu Waltersdorf bei Gera, mit dem Motto: „Und wenn die Welt voll – Teufel wär’“ – 4 Thlr. 20 Ngr., ges. in heiterer Gesellschaft in Oberwiesenthal – 11 Thlr. 25 Ngr. von der Gemeinde Göbschelwitz (für nothleidende Landbewohner) – 5 Thlr. von einer Gesellschaft in Ludwigshafen – 10 Thlr., ges. in der Gesellschaft „Rose“ in Chemnitz mit dem Motto: „Recht geht vor Gewalt“ – 37 fl. österr., Ertrag eines Sängerabends des Männergesangvereins zu Bistritz in Siebenbürgen – 16 fl. österr., ges. unter den Mitgliedern des Männergesangvereins in St. Pölten (Niederösterreich) – 1 Thlr. 10 Ngr. „Wenig mit Liebe“ aus Borna – 3 Thlr. und 7 fl. rhein., ges. im Turnvereine und am Namensfeste Friedrich Barbarossa’s zu Kaiserslautern (Pfalz) – 2 Thlr., ges. von sechs Mädchen in einem Lesekränzchen zu Oschatz – 2 Thlr. 3 Ngr., ges. in einer fröhlichen Gesellschaft in Lucka (Altenburg) – 1 Thlr. von Wiesbach in Wiesthal mit einem lateinischen Distichon – 1 Thlr. von einem jungen Deutschen in Stockholm – 1 Thlr. 15 Ngr., ges. bei dem Einzugsschmauß in Kl. Neußlitz von L -th in M. – 15 Ngr. von F. T. in Zwickau – 1 Thlr. 15 Ngr. von M. K. in Ronneburg – 4 Thlr., Erlös einer Auction bei einer Ananasbowle in Chemnitz – 2 Thlr. 5 Ngr., bei einem Fäßchen baierischen Biers – 140 Mark Banco in einem Wechsel per Juli aus Hamburg als Ertrag einer Sammlung von einigen Deutschen in Helsingfors. (Ein Händedruck nach Finnland hinüber) – 2 Thlr. 17 Ngr. vom Schleswig-Holstein-Comité in Großröhrsdorf bei Oelsnitz – 4 Thlr. 23 Ngr. vom Turnverein daselbst – 14 Thlr. 171/2 Ngr., Ertrag eines Vocal- und Instrumental-Concertes in Mühltroff im Voigtlande – 2 Thlr. von B. S. W. und F. in Schandau – 6 Thlr. 25 Ngr. 4 Pf. vom Turnverein zu St. Lengsfeld 16 Thlr. von der Familie V. in L … a – 14 Thlr. von mehreren Thüringer Seminaristen – 34 Thlr. 20 Ngr. = 130 Franken in Gold vom deutschen Arbeiterbildungsverein in Glarus in der Schweiz – 2 Thlr. von D. in Schwallungen – 6 Thlr. von L. R. in Riesa – 4 Thlr. von P. H. und K. M. in Malchin – 6 Thlr. 5 Ngr., ges. im geselligen Verein zu Flöha – 11 Thlr. 15 Ngr. von der Liedertafel zu Wermsdorf – 10 Thlr. vom Gewerbeverein zu Altenberg bei Dippoldiswalde – 2 Thlr. von den Schülerinnen der ersten Mädchenclasse in Waldheim – 2 Thlr., Ertrag einer Pfennigsammlung unter einigen Arbeitern in der Blochmann’ schen Maschinenfabrik in Dresden – 7 Thlr. 4 Ngr., Ertrag einer von vier kleinen Mädchen in Leipzig veranstalteten Verloosung – 6 Thlr. 4 Ngr. von einer deutschen Mutter, ihren Kindern und einem Frauenkränzchen in Liegnitz – 105 Rubel Silber, Ertrag eines in Wenden in Livland veranstalteten Concerts – 10 Rubel Silber von einigen Deutschen im Innern Rußlands – 15 Thlr. und 10 Rubel Silber, ges. am Sylvester-Abend in fröhlichem Kreise von E. B. in Dorpat – 150 Thlr. von dem Schleswig-Holstein-Comité in Großschönau – 126 Thlr., Ertrag einer von der „Büchner’schen Gesellschaft“ in Rudolstadt veranstalteten Lotterie – 20 Thlr., Ertrag einer von den Frauen und Jungfrauen der Lößnitz bei Dresden veranstalteten Lotterie – 92 Thlr., Ertrag einer durch die Frauen in Holzminden veranstalteten Lotterie und von Sammlungen in den dortigen Schulen – 10 fl. rhein. von den Schülern der Gewerk- und der 2. Oberclasse der Lateinschule zu Wunsiedel – 8 fl. 5 kr. von einer heitern Gesellschaft zu Alexandersbad im Fichtelgebirge – 15 Thlr. von drei Schwestern.


Außerdem wurden mir zu gleichem Zwecke abermals eine Reihe von Schmuckgegenstäuden und dergleichen übersandt, und zwar: ein silberner Strickring und ein silberner Haarpfeil von Wilhelmine und Louise Schmidt in Dresden – ein Paar Ohrringe mit emaillirten Portraits von H. K. und J. K. in Altenburg – ein silbernes Armband und eine Korallenkette von einer deutschen Frau und ihren beiden Töchtern an der böhmischen Grenze mit dem Motto: „Gott segne das Wenige!“ – ein mit Türkisen besetzter Ring und 1 Thaler als „ein kleines Glied zu der heiligen Sache“ aus Leißnig – eine Denkmünze auf das Jubiläum der Reformation 1817, eine andere, auf Heinr. Eberhard Gottl. Paulus 1846 geprägt, und eine Silbermünze mit dem Brustbilde des Kurfürsten Moritz von Sachsen, aus Dürkheim – ein Ring mit einer echten Perle und Amethysten besetzt, von L. P. in Markt Rheinfeld in Baiern – ein Kästchen mit 38 zum Theil seltenen alten Silbermünzen von einer deutschen Jungfrau in Leipzig – ein Riechfläschchen von Bernstein, eine goldene mit Amethysten besetzte Broche und einem eisernen Kreuzchen, wie man es vor 50 Jahren zum Andenken an Deutschlands Befreiung trug, von einer Unbekannten in Hildburghausen – ein Paar Armbänder von Haaren mit goldenen, granatgeschmückten Schlössern nebst einem sehr patriotischen Schreiben (das ich vielleicht später auszüglich mittheilen werde) von einer deutschen Frau in Leipzig – eine aus Haar geflochtene Uhrkette mit Goldschloß von einem deutschen Mädchen, das keinen Juwelenschmuck besitzt – ein goldener Ring von einer Wittwe in H. – ein Armband von geflochtenem Haar, eine kleine goldene Kette, ein goldener Ring, ein goldenes Medaillon und zwei Manchettenknöpfe von einem deutschen Mädchen aus Kaiserslautern – eine goldene Uhrkette von drei Schwestern. -

Schließlich bemerke ich noch, daß mir auf den von einer deutschen Frau in Braunschweig eingesandten Battistkragen von einer Gesellschaft im goldenen Schwanen zu Fürth die Summe von 34 Thalern als Erstehungspreis übermittelt worden ist, und, zur Notiznahme für die mildthätigen Geber, daß ich eine zweite Summe von eintausend Thalern an das Hamburger Comité für die Nothleidenden in Schleswig abgesandt habe, während der übrige Betrag der bei mir eingelaufenen Gelder für den „verlassenen Bruderstamm“, in einigen Tausend Thalern bestehend, vorläufig bei der hiesigen Creditanstalt verzinslich angelegt worden ist, um damit zu den sich leider wahrscheinlich machenden Unterstützungen für künftige Märtyrer des Patriotismus beisteuern zu können.
Ernst Keil. 

Berichtigung: Unter den Quittungen in Nr. 12 ist anstatt: 11 Thlr. 121/2 Ngr. von der Milius’schen Riege von der Möbius’schen Riege in Leipzig zu lesen.


Die „Deutschen Blätter“, Beiblatt zur Gartenlaube, enthalten in ihren letzten drei Nummern:

Nr. 15. Die grausamste Steuer im Staate. Eine gesalzene Frage. I. – Umschau: Zwei todte Schwaben – eine Mahnung für die Lebenden, – Freie Schweizer Enthusiasten für moderne Geßler. – Giebt es keinen Wilhelm Bauer? – Friedrich List noch einmal. –Eine unglückliche Königin. –

Nr. 16. Aus Seinem Hause. I. Sie – das Kind – der Vetter und die Basen. (Der Haus- und Hofhalt und die Umgebung Napoleon’s III.) – Die Kehrseite des Schlachtenruhms. II. – Umschau: Das Damoklesschwert über dem italienischen Klerus. – Noch einmal das Leben Jesu von Strauß und Renan. –

Nr. 17. Sanctionirter Raub und schützender Betrug. – Umschau: Eine Flucht aus Fridericia. – Culturfortschritte im fernen Westen. – Der deutsche Platz auf dem englischen Weltmarkte. – Geistliche Kirchenparade. – Auch eine politische Hinrichtung. – Helden der Menschenliebe. – Shakespeare in Deutschland.